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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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Dritter Teil.

1.

... Eine Kugel pfeift durch die Luft! ... Sylvester hemmt seinen Schritt und spitzt die Ohren.

Er befindet sich auf einer unabsehbaren Ebene, die im Schmuck des zarten samtreichen Frühlingsgrüns steht. Schwere drückende Wolken hängen vom Himmel nieder. Sechs bewaffnete Matrosen sind auf schmutzigem Pfad zwischen jungen Reisfeldern auf einem Rekognoscierungsmarsch begriffen. ... Da!! ... Dasselbe Geräusch durchschneidet die stille Luft, ein scharfer schnarrender Laut, der wie ein langgezogenes »Dzinn« klingt, giebt einen Begriff von dem harten, bösartigen kleinen Ding, das pfeilschnell vorüber saust und den ihm Begegnenden den Tod bringen kann.

Sylvester hört diese Musik zum erstenmal in seinem Leben. Feindliche Kugeln klingen ganz anders als die, welche man selbst abschießt: der aus der Entfernung abgegebene Schuß ist im Laut abgeschwächt, man hört ihn nicht mehr, dafür hört man aber um so besser, wie fremde Kugeln die Luft durchschneiden, und in rascher Folge einem um die Ohren pfeifen.

... Dzinn! dzinn! geht es in einem fort, denn jetzt regnet es Kugeln, die sich dicht bei den Matrosen in den schlammigen Boden des Reisfeldes bohren; jede schlägt scharf ein und da, wo sie im Boden verschwindet, spritzt Wasser aus der weichen Erde auf.

Lächelnd sehen die Matrosen einander an, denn die Geschichte macht ihnen Spaß. »Die Chinesen!« heißt es – Anamiten, Tongkinesen, Schwarzflaggen, sind alles Chinesen für sie; der Tonfall bekundet, wie verächtlich ihnen das Volk ist und wie groß die Lust, ihre Tücke heimzuzahlen.

Noch zwei oder drei Kugeln sausen daher und fahren ins Grüne wie Heuhüpfer. Jetzt hört der Kugelregen, der kaum eine Minute gedauert hat, völlig auf, tiefes Schweigen liegt wieder über der Ebene und nirgends rührt sich etwas.

Die Sechs stehen noch still; sie spähen nach der Luftrichtung, um herauszufinden, woher die Kugeln kamen. Sicher aus dem Bambusgebüsch, das in der weiten Ebene wie ein Inselchen von Federbüschen aussieht, hinter welchem spitze Dächer halb versteckt sind. Die Matrosen schlagen sofort die Richtung dahin ein; in der aufgeweichten Erde eines Reisfeldes marschiert es sich schlecht, der Fuß sinkt entweder ein oder er gleitet aus; da Sylvester die längsten und flinksten Beine hat, läuft er voraus. Nicht eine einzige Kugel kommt mehr geflogen – man hätte meinen können, davon geträumt zu haben. Und wie gewisse Dinge in allen Ländern der Welt ewig einander gleich bleiben – der graue Himmel und das frische Frühlingsgrün – so hatte man glauben mögen daheim in Frankreich zu sein, wo junge Leute vergnügt auf grüner Ebene dahin liefen, einem ganz anderen Ziel entgegen, als dem Tod.

Im Näherkommen läßt sich die exotische Zierlichkeit der Bambussträucher unterscheiden, und die eigentümlich geformten Dächer erhöhen die Fremdartigkeit des Dorfes. Die bisher verborgen gewesenen Menschen zeigen sich jetzt, platte gelbe beobachtend vorgestreckte Gesichter, von Bosheit oder Furcht verzogen ... Mit lautem Geschrei springen sie vor und bilden eine zitternde, doch sehr entschiedene und gefährliche Linie.

»Die Chinesen!« tönt es noch einmal von den Lippen der tapferen Matrosen. Mögen sie sie gleich verachten, so müssen sie sich doch deren Überzahl eingestehen, und wenn einer sich umdreht, sieht man ihrer noch mehr aus dem Grün hervorkriechen ...

Er war an diesem Tag und in diesem Augenblick sehr schön, der junge Sylvester, und die alte Großmutter würde auf sein kriegerisches Aussehen stolz gewesen sein! Die paar Tage hatten ihn völlig verwandelt, der Haut eine dunklere Färbung verliehen, seine Stimme verändert, und jetzt sah es aus, als befände er sich so recht in seinem Element! In einem Augenblick des Stutzens hätten die von den Kugeln gestreiften Leute beinahe eine Rückzugsbewegung gemacht, die ihnen allen den Tod gebracht hätte; Sylvester schritt jedoch unaufhaltsam weiter; er hatte seine Flinte am Lauf gefaßt und führte Kolbenschläge nach rechts und links, die niederschmetterten, was sie trafen. Dank seiner Entschlossenheit änderte sich die Lage der sechs Matrosen; die zagende Furcht, welche sie einen Augenblick empfunden und die in solch kleinen Kämpfen ohne regelrechte Leitung alles entscheidet, hatte bei den Chinesen Platz gegriffen, und sie begannen zurück zu weichen.

Und jetzt war der Kampf entschieden, sie flohen! Die sechs Tapferen luden ihre Gewehre in größter Schnelligkeit ein über das andere Mal und schossen die Feinde nieder. Blutlachen bildeten sich im Grün, zerschossene Körper lagen umher und aus zerschmetterten Schädeln quoll das Hirn hervor.

Sich auf den Boden duckend, wie die Leoparden, flohen sie in langen Sprüngen, und Sylvester verfolgte sie, obgleich er schon zwei Verwundungen erhalten hatte: einen Lanzenstich in den Schenkel und einen tiefen Hieb in den Arm. Der Kampfeslust war aber eine Art Rausch gefolgt, jener Rausch, den ein kraftvolles Blut erzeugt und der einfachen Männern den hohen Mut verleiht, der die antiken Helden beseelte.

Einer der Verfolgten wandte sich um und legte verzweiflungsvoll noch einmal an. Sylvester blieb mit verächtlichem Lächeln stehen und sah der Entladung der Waffe hoheitsvoll zu; er neigte sich ein wenig zur Seite, aber auch der Gewehrlauf in der Hand des zitternden Menschen nahm dieselbe Richtung. Sylvester fühlte eine Erschütterung in der Brust, deren Bedeutung ihm blitzschnell klar ward, und noch ehe er Schmerz empfand, wandte er den Kopf nach den Kameraden um, als wollte er versuchen, ihnen gleich einem alten Soldaten die herkömmlichen Worte zuzurufen: »Ich habe mein Teil weg!« Während er hinter den Feinden herlief, war die Atmung eine so starke gewesen, daß er auch jetzt noch die Luft mit voller Kraft der Lungen einzog; jetzt aber fühlte er durch ein Loch in der rechten Seite Luft in die Lunge dringen, mit jenem schrecklichen Ton, den ein geplatzter Blasebalg von sich giebt. Zu gleicher Zeit füllte sich der Mund mit Blut und ein stechender Schmerz in der Seite trat ein, der sich in rasender Schnelle zu gräßlicher, unsagbarer Höhe steigerte.

Sylvester fühlte sich von einem Schwindel erfaßt; wie im Taumel drehte er sich ein paarmal um sich selbst, indem er sich bemühte, trotz der roten Flüssigkeit, die ihn zu ersticken drohte, einen tiefen Atemzug zu thun, darauf schlug er schwer auf die durchweichte Erde nieder.

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