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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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12.

Seit vierundzwanzig Stunden befand sich Yann unterwegs, und das Schiff glitt sanft auf der Wasserstraße des grauen Meeres dahin, die alljährlich die Fischer nach Island führt.

Unter dem Klang der althergebrachten frommen Lieder hatten sie tags vorher die Heimat verlassen; der Wind wehte aus Süden und die Schiffe mit ihren aufgespannten Segeln hatten sich zerstreut, wie eine Möwenschar.

Dann war die Brise schwächer geworden und das Schiff segelte langsamer; schwere Nebelbänke senkten sich auf das Wasser herab.

Yann war vielleicht noch schweigsamer als gewöhnlich; nur beklagte er sich über das ruhige Wetter – er schien aufregende Beschäftigung zu brauchen, um sich vom Herzen herunter zu arbeiten, was ihn bedrückte. Es gab aber nichts zu thun, als ruhig durch die ruhigen Fluten dahin zu gleiten, nichts als zu atmen und sich das ruhige Leben gefallen zu lassen. Blickte man auf das Wasser oder in die Tiefe, so sah man in undurchdringliches Grau, und das Ohr vernahm keinen Laut, es herrschte Stille, tiefe Stille ...

Plötzlich ging ein dumpfes und kaum hörbares, ganz ungewöhnliches Geräusch vom Schiffsbauch aus, das dem Menschen dieselbe Empfindung verursachte, als wenn Wagenrädern der Hemmschuh angelegt wird ... und die »Marie« stand auf einmal still.

War man aufgefahren? Und auf was? Wohl auf eine der Sandbänke nahe der englischen Küste; man sah ja auch rein nichts bei dem Nebel!

Aufgeregt liefen die Männer hin und her, was einen Gegensatz zu der unheimlichen Ruhe des Schiffes bildete, denn es rührte sich nicht mehr vom Fleck. Inmitten der flutenden Wassermengen, die gar keinen greifbaren Halt zu bieten schienen, mußte sich ein unsichtbares Hindernis seinem Lauf entgegengestellt haben, und es saß so fest, daß es ihm das Leben kosten konnte!

Wer hat nicht schon einen armen Vogel oder eine Fliege auf der Leimrute gesehen? Zuerst sitzt das Tier so ruhig da, daß man gar nichts merkt, denn es wird von unten her festgehalten, dann aber schlägt es verzweifelt mit den Flügeln und zappelt sich ab, bringt dadurch Leim an Kopf und Federn, wodurch es bald unansehnlich wird und den Anblick eines armen Geschöpfes bietet, das sterben muß.

Ähnlich war es jetzt mit der »Marie«; zuerst schien es nicht schlimm zu sein; wohl war sie ein wenig zur Seite geneigt, aber es war früher Morgen und ruhiges Wetter; man mußte eben wissen, wie solche Vorkommnisse ablaufen können, um sie ernst zu finden und sich darüber zu beunruhigen.

Der Kapitän spielte eine ziemlich klägliche Rolle, hatte er doch nicht genug darauf aufgepaßt, wo sich das Schiff befand. Jetzt lief er mit gerungenen Händen umher und that Ausrufe der Verzweiflung.

Der Nebel gewährte jetzt auf eine Minute den Ausblick auf ein Kap, welches nicht mit Sicherheit zu erkennen war und sogleich wieder im Nebel verschwand, überdies kein Segel, keine Rauchsäule weit und breit. Und für den Augenblick war ihnen das beinahe lieber; sie hatten gerechtfertigterweise Furcht vor englischen Schiffen die sich als Retter aufspielen, das Rettungswerk aber so sehr auf ihre eigene Weise betreiben, daß man sich ihrer erwehren muß wie der Seeräuber.

Die ganze Bemannung plagte und mühte sich ab, änderte die Belastung des Schiffes und versuchte dies und das. Der Schiffshund Türk, welcher das Schwanken des Schiffes durchaus nicht fürchtete, fühlte sich sehr geängstigt durch den Unfall: er begriff sehr wohl, daß das von unten herauf kommende Dröhnen, die harten Stöße, welche der Anprall der Wellen verursachte, und das verdächtige Stillstehen des Schiffes nichts Gutes bedeuteten, daher zog er den Schwanz ein und verkroch sich in eine Ecke.

Die Boote wurden herabgelassen und man versuchte Anker zu werfen; die Leute mühten sich loszukommen und vereinten alle Kräfte, um das Schiff zu wenden, was eine schwere Arbeit war, die zehn Stunden in Anspruch nahm. Und als der Abend heran kam, sah das schöne Schiff, das am Morgen so frisch und sauber daher gezogen kam, schon recht schlecht aus, schmutzig, überflutet und in voller Unordnung. Es hatte sich abgequält und war nach allen Richtungen hin geschüttelt worden, blieb aber wie angenagelt, wo es war, leblos und bewegungsunfähig.

Die Nacht sank herab. Der Wind machte sich auf, die Wogen wurden höher und ihre Lage immer bedenklicher.

Es war schon sechs Uhr, da brachen auf einmal die Stützen, die sie noch unter die verstaute Ladung geschoben hatten, das Schiff begann zu schaukeln und die nächste Woge trug es von dannen. »Wir sind flott! Wir sind los! Frei! frei!« so riefen die geretteten Menschen und rannten wie unsinnig vor Freude herum.

Sie trieben tatsächlich vor dem Wind; wer vermöchte aber die Freude zu beschreiben, wenn man nach so schweren Stunden das Schiff wieder als ein lebendiges Wesen unter sich, es flott werden fühlt, nachdem es dem Zustand eines Wracks schon bedenklich nahe gekommen war.

Mit dem Flottwerden des Schiffes war auch Yanns gedrückter Gemütszustand verschwunden; die heilsame, körperliche Ermüdung hatte ihm geholfen die Erinnerungen abzuschütteln.

Am nächsten Morgen wurden die Anker gehoben, und frei und leicht, wie vorher, setzte die »Marie« ihren Weg nach dem kalten Island fort.

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