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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
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11.

Es war der letzte Februar, der Vorabend des Tages, an welchem die Seeleute von Paimpol nach Island aufzubrechen pflegten.

Gaud lehnte am Thürpfosten ihres Zimmers; sie war sehr bleich, denn Yann war unten. Sie hatte ihn kommen sehen und vernahm jetzt in undeutlichen Lauten den Klang seiner Stimme, wie er mit ihrem Vater sprach.

Den ganzen Winter über hatte sie ihn nicht gesehen – es war, als ob ein feindliches Schicksal eines vom andern fern hielte! Nachdem sie vergeblich in Pors-Even gewesen, hatte sie eine schwache Hoffnung auf den »Bittgang der Isländer« gesetzt, bei welcher Gelegenheit es am Abend auf dem Marktplatz nicht an Gelegenheit fehlte, sich zu sehen und zusammen zu reden. Aber obgleich schon am frühen Morgen weiße Tücher gespannt und mit Grün geschmückt wurden, so war doch der Himmel dem Fest nicht günstig, denn es regnete in Strömen. Ein heulender Westwind jagte die Wolken vor sich her, die noch nie so schwarz über Paimpol gestanden hatten. »Die von Ploubazlanec kommen gewiß nicht!« sagten die Mädchen, deren Liebhaber dort wohnten. Und sie waren auch nicht gekommen, bis auf ein paar Einzelne, die nichts Eiligeres zu thun wußten, als sich vor dem Wetter in den Schenken fest zu setzen. Die Prozession mußte ausfallen, es gab kein vergnügliches Hin- und Herspazieren auf dem Platz, und Gaud verbrachte den ganzen Abend trübselig an ihrem Fenster, hörte dem Regen zu und vernahm das wüste Singen von den Wirtshäusern her.

Seit mehreren Tagen hatte sie Yanns Besuch vorausgesehen; sie wußte, daß der alte Gaos nicht gern nach Paimpol kam, daher war zu erraten, daß er seinen Sohn schicken würde, um die Schlußrechnung über den Verkauf der Barke mit ihrem Vater abzumachen. Gaud hatte sich vorgenommen, alsdann eine Aussprache herbeizuführen, und sich vom Herzen herunterzureden, daß er ihre Ruhe gestört, sie erst gesucht und dann nach Art der gewissenlosen Burschen wieder verlassen habe. Eigensinn, Wildheit, sein zähes Festhalten am Seemannsberuf, oder die Furcht vor einem Korb – alle diese Hindernisse, die ihr Sylvester bezeichnet, konnten bei einer persönlichen Aussprache überwunden werden. Und dann würde vielleicht das schöne Lächeln wieder auf seinem Gesicht erscheinen, das sie im vorigen Winter so entzückte, während sie den ganzen Abend mit ihm getanzt hatte.

Diese Hoffnung gab ihr den Mut zu dem Vorgehen, das für ein Mädchen immerhin ungewöhnlich war, und erfüllte sie mit einer sanften Art von Ungeduld. In Gedanken läßt sich ja solches Wagnis gar leicht ausführen – da ist Reden und Thun so einfach! Yann war überdies zu guter Stunde gekommen, denn ihr Vater rauchte eben, und da er sich nicht gern in diesem Genuß stören ließ, würde er sich kaum die Mühe machen, dem Gast das Geleit zu geben, da konnte sie ihm im Hausflur entgegen treten und mit ihm sprechen.

Jetzt aber, wo der Augenblick gekommen war, fand sie ihre Kühnheit allzu groß, und schon der Gedanke, sein Gesicht plötzlich unten an der Treppe auftauchen zu sehen, machte sie zittern. Ihr Herz schlug zum Zerspringen; konnte doch die Thür mit ihrem eigentümlichen Knarren jeden Augenblick aufgehen ... Nein, sie wollte nichts wagen; lieber in Sehnsucht vergehen und vor Kummer sterben, als so etwas thun. Schon hatte sie ein paar Schritte in ihr Zimmer hinein gethan, um sich wieder an die Arbeit zu setzen, als sie zögernd stehen blieb: morgen ging er ja wieder zur See, und wenn sie Yann jetzt nicht sah, standen ihr wiederum lange Monate der Einsamkeit und des Wartens bevor, und sie mußte im Sehnen nach seiner Rückkehr noch einen Sommer ihres Lebens verlieren.

Unten knarrte die Thür – Yann ging also fort, mit festem Entschluß lief sie die Treppe hinab und trat bebend gerade vor ihn hin.

»Bitte, Herr Yann, ich mochte gern mit Ihnen reden,« sagte sie.

»Mit mir, Fräulein Gaud?« erwiderte er mit gesenkter Stimme, indem er den Hut zog. Mit zurückgeworfenem Kopf blickte er sie aus den lebhaften Augen unwirsch, ja mit hartem Ausdruck an, und es sah aus, als überlegte er, ob er sich auch nur einen Augenblick aufhalten sollte. Doch lehnte er sich an die Wand, wie um in dem engen Hausflur, wo er sich gefangen fühlte, möglichst weit entfernt von ihr zu sein.

Gaud wußte auf einmal nichts mehr von alledem, was sie sich ausgedacht, sie war nicht darauf gefaßt, daß er ihr auf so beleidigende Weise begegnen würde, und das nahm ihr alle Gedanken.

»Flößt Ihnen unser Haus Furcht ein, Herr Yann?« brachte sie endlich mit ihr selbst fremdem Ton vor, der ganz anders klang, als sie es gewünscht hätte.

Yann sah an ihr vorbei ins Freie hinaus. Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht und die Nasenflügel bebten bei jedem Atemzug, wie bei einem kampflustigen Stier.

Gaud versuchte fortzufahren: »Wie wir voneinander Abschied genommen haben, als der Hochzeitstanz zu Ende war, da sagten Sie zu mir ›auf Wiedersehen‹ ... So sagt man nicht zu jemand, der einem gleichgültig ist ... Sie haben es aber vergessen, Herr Yann. Was habe ich Ihnen gethan?«

Der häßliche Westwind blies ins Haus hinein, er spielte mit Yanns Haaren, bewegte die Haubenflügel des vor ihm stehenden Mädchens und schlug eine Thür hinter ihnen heftig zu. Es stand sich schlecht in diesem engen Hausgang, um von so ernsten Sachen zu reden!

Gaud war die Kehle so zusammen geschnürt, daß sie kein Wort mehr herauszubringen vermochte, und der Kopf schwindelte ihr. Yann näherte sich langsam der Thür, wie um ihr zu entfliehen. Draußen heulte der Sturm, der Himmel war ganz schwarz; und ein schwaches, unsicheres Licht fiel auf die beiden Gestalten. Vom gegenüberliegenden Haus spähte eine neugierige Nachbarin herüber – was konnten sich die Zwei da drüben im Hausgang nur Besonderes zu sagen haben? Was ging bei den Mévels vor?

»Nein, Fräulein Gaud,« antwortete Yann endlich, »ich habe schon gehört, daß die Leute über uns reden ... Nein, Fräulein Gaud ... Sie sind reich – Sie und ich gehören nicht demselben Stand an – und ich bin nicht der Mann dazu, um zu Ihnen zu kommen.« Damit ging er.

Es war also zu Ende – aus auf alle Zeit! Von dem, was sie zu sagen beabsichtigt, hatte sie kein Wort herausgebracht, und die kurze Zusammenkunft hatte nur dazu gedient, um sie in seinen Augen verächtlich zu machen ... Wer war er denn, dieser Yann, der so gar nicht nach Mädchen fragte, und dem nichts an Reichtum lag? Gaud stand wie angewurzelt immer noch auf demselben Fleck, es schwindelte ihr und alles schien sich im Kreis um sie zu drehen. Am schrecklichsten war ihr aber der Gedanke, der sie wie ein Blitz durchfuhr: Draußen auf dem Platz gingen Yanns Kameraden herum – wenn er ihnen jetzt erzählte, was sie eben zu ihm gesagt und sie dem Hohn und Spott preisgäbe? Von ihrem Zimmer aus konnte sie es beobachten, und eilig lief sie hinauf.

Nahe beim Haus stand in der That eine Gruppe Matrosen, sie sahen sich aber nur den Himmel an, der immer schwärzer wurde, und Gaud hörte sie sagen: »es ist nicht schlimm; wir wollen eins trinken, bis es sich wieder aufhellt.« Dann redeten sie noch laut über Jeannie Caroff und andere Mädchen, zu ihrem Fenster sah aber keiner hinauf.

Sie waren recht lustig, nur Yann nicht, der ernst und traurig bei ihnen stand. Er ging auch nicht mit ihnen ins Wirtshaus, wie in einem Traum befangen schritt er trotz des Platzregens langsam über den Platz weg und schlug den Weg nach Ploubazlanec ein.

Dies bewirkte, daß sie ihm alles verzieh, eine hoffnungslose Zärtlichkeit quoll ihr im Herzen auf und verdrängte den bitteren Verdruß, den sie eben noch empfunden.

Gaud setzte sich und nahm den Kopf in beide Hände. Was sollte sie nun beginnen? Hätte er sie doch nur einen Augenblick ruhig angehört – oder wenn sie lieber hier in der Stube mit ihm hätte reden können, dann wäre wohl alles erklärt worden und zu gutem Ende gekommen. Sie liebte ihn ja genug, um ihm Auge in Auge zu sagen: »Sie haben mich gesucht, da ich nicht nach Ihnen fragte – jetzt gehöre ich Ihnen mit ganzer Seele an, wenn Sie mich haben wollen. Wohl könnte ich unter den Bewerbern von Paimpol wählen, ich fürchte mich aber nicht davor, einen einfachen Fischer zu heiraten und habe Sie erwählt, den ich trotz allem von ganzem Herzen liebe, und ich halte Sie für besser als andere junge Leute. Bin ich auch reich und hübsch und in der Stadt aufgezogen, so bin ich doch ein vernünftiges Mädchen, habe mir auch nichts vorzuwerfen. Warum wollen Sie mich nicht nehmen, da ich Sie doch so sehr lieb habe?«

Aber das alles würde nun nie ausgesprochen werden – höchstens im Traum. Es war vorüber; Yann würde sie gar nicht anhören; und wenn sie ein zweites Mal eine Aussprache erzwingen wollte, wofür sollte sie Yann dann halten? Da wollte sie doch lieber sterben!

Und morgen ging er mit den anderen fort nach Island.

Gaud hatte so lange in ihrer Stube oben gesessen, daß sie endlich fror.

Die Welt erschien ihr schal und leer, und alles so haltlos, als wollte es um sie her zusammenstürzen. Sie wünschte vom Leben befreit zu sein und schon tief im Grabe zu liegen, um nicht mehr leiden zu müssen. Yann aber verzieh sie vollkommen, und keine Regung von Haß mischte sich in ihre verzweifelte Liebe.

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