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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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9.

Sylvester schwamm auf hoher See und das Schiff fuhr mit vollem Dampf auf einem ihm unbekannten Meer, das viel blauer war, als die See um Island. Das Schiff hatte Befehl zur Eile und durfte keine Stationen machen.

Die stets gleichmäßige Geschwindigkeit der Fahrt, von Wind und Meer kaum beeinflußt, gab Sylvester einen Begriff davon, wie sehr weit er schon von der Heimat fort sei. In seiner Eigenschaft als Mastwächter saß er im Mastkorb wie der Vogel auf seiner Stange, und konnte auf diese Weise die bunte Menge der Soldaten meiden, die tief unter ihm zusammengepfercht waren.

An der tunesischen Küste wurde zweimal angelegt, um noch Zuaven und Maultiere einzunehmen. Auf fernen Bergen oder sandigen Ebenen erblickte er weißschimmernde Städte; damals war er von seinem Mast herabgestiegen, um sich die dunkelbraunen Menschen näher anzusehen, die, in Weiß gehüllt, in ihren Barken kamen, um Früchte zum Kauf anzubieten; es war ihm gesagt worden, daß es Beduinen wären.

Der Sonnenbrand und die ungeachtet der Herbstzeit herrschende Hitze, riefen bei dem jungen Matrosen das Gefühl großer Verlassenheit in fremdem Lande hervor.

Port Said war erreicht. Alle Flaggen europäischer Staaten flatterten von langen Fahnenstangen, und gaben der Stadt das Aussehen eines festlich geschmückten Babels, die inmitten spiegelnd hellen Sandes, wie von einem Meer umgeben, daliegt. Das Schiff hatte unmittelbar an den Quais anlegen können, fast inmitten langer Straßen von Holzhäusern. Seit er Brest verlassen, hatte er die Außenwelt noch nicht wieder so nahe gesehen, und das Treiben der Menschen, wie die Menge von Schiffen hatte ihn zerstreut. Unter unaufhörlichem Lärm der Schiffspfeifen und Dampfsirenen bewegten sich sämtliche Schiffe nach einer Art von langem Kanal zu, der schmal wie ein Graben aussah und sich wie ein Silberfaden in der Sandebene verlor. Von seinem Mastkorb aus sah Sylvester die Schiffe wie in Prozession hintereinander herfahren, um sich in der Ferne zu verlieren.

Auf den Quais wogte eine bunte Menge; Männer in langen Gewändern von allen Farben eilten geschäftig hin und her, schrieen und lärmten durcheinander im Bestreben, die kurze Anwesenheit der Schiffe zu einem Geschäftchen zu benutzen. Und am Abend mischten sich in den Höllenlärm der Dampfpfeifen das Spiel mehrerer Musikbanden, die so rauschende Stücke spielten, als wollten sie das verzweifelte Heimweh der Armen einschläfern, die so gut wie in die Verbannung zogen.

Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, nahm auch ihr Schiff seinen Weg in den engen Kanal, gefolgt von Schiffen aus aller Herren Ländern. Zwei Tage lang dauerte die Durchfahrt und ein anderes Meer in seiner Unendlichkeit öffnete den Schiffen wieder freie Bahn.

In größter Fahrgeschwindigkeit ging es weiter. Die Oberfläche dieses wärmeren Meeres sah rotmarmoriert aus, und der Schaum, der sich im Kielwasser bildete, war manchmal blutrot. Sylvester verbrachte fast die ganze Zeit in seinem Mastkorb; zuweilen sang er mit leiser Stimme

»Jean-François von Nantes,«

um die Erinnerung an seinen Bruder Yann und die schönen Jahre ihrer Islandfahrten zurück zu rufen.

Von seinem hohen Sitz aus konnte Sylvester oft Spiegelungen beobachten, und da nahm er manchmal Berge in nie gesehenen Farben wahr. Die Führer des Schiffes hätten ihm ganz genau sagen können, ob es eine Luftspiegelung oder eines jener vorgestreckten Kaps eines andern Weltteils war, die ihnen auf ihrer pfadlosen Reise zum Wegweiser dienen; ist man aber nur Mastwächter, so wird man einfach verschifft wie ein Frachtstück und hat kein Maß für die Entfernungen. Der einsame Mann hatte nur die Empfindung, daß er entsetzlich weit fort kam, immer weiter und weiter, Tag und Nacht in unverminderter Schnelligkeit, von welcher ihm nur die Kielfurche einen Maßstab gab, die sich in zischendem Brausen hinter ihnen her grub, übereinander schlug und allmählich wieder verlor.

Unten auf dem Verdeck atmeten die dicht zusammengepferchten Menschen mühsam unter ihren Zelten. Wasser, Luft und Licht strahlten einen niederschlagenden, erdrückenden Glanz zurück, und das unveränderliche Festgewand der Natur war wie eine Ironie auf die organisierten und vergänglichen Lebewesen.

Einmal sah Sylvester Scharen einer ihm unbekannten Vogelart heranziehen, die wie ein schwarzer Staubregen auf das Schiff niederfielen. Ermattet lagen sie auf den Schultern der Menschen so gut wie auf Rahen und Stückpforten, ließen sich widerstandslos fangen und streicheln, denn ihre Kraft war zu Ende, und unter dieser grausamen Sonne des Roten Meeres starben sie zu Tausenden dahin. Ein Sturmwind hatte sie jenseits der großen Wüsten aufgejagt und übers Wasser getrieben; zum Erreichen des Landes war ihre Kraft zu schwach, und um nicht in das schreckliche Blau tief da unten fallen zu müssen, hatten sie sich auf das vorüberziehende Schiff geworfen. Dort unten, in einem fernliegenden Strich Lybiens hatte sich ihr Geschlecht so ungeheuer vermehrt, daß es ihrer allzu viele geworden waren, da hatte die blinde, seelenlose Mutter Natur die Überzahl der kleinen Vögelchen mit einem Hauch ihres Mundes ebenso unerbittlich in die Vernichtung getrieben, wie sie es mit einer Generation von Menschen thut. Die ermatteten Tierchen fanden auf den heißen Eisenteilen des Schiffes ihren Tod, und es war alles bedeckt von den zuckenden Körpern der armen Geschöpfe. Mitleidig nahmen die Matrosen manch eines der zarten Tierchen und legten die feinen bläulichen Flügel auf der flachen Hand glatt. Darauf wurden die kleinen Vogelleichen auf Haufen zusammen gekehrt und ins Meer geworfen.

Ein andermal bedeckten Heuschrecken das Schiff. Noch ein paar Tage lang ging es durch das unveränderliche Blau dahin, wo man nichts Lebendes sah, als höchstens ein paar Fische, die für einen Augenblick in die Höhe schnellten.

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