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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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8.

Drei Tage blieb die Großmutter in Brest, drei unerhörte Festtage, vor deren »hernach« ihr graute, und auf die sie später wie auf eine Gnadenfrist zurückblickte.

Endlich mußte sie aber doch wieder nach Ploubazlanec zurück – ihr bißchen Geld war zu Ende. Sylvester mußte sich am übernächsten Morgen einschiffen und die Matrosen werden an solch letzten Tagen an Land unerbittlich streng im Quartier gehalten. Diese Maßregel mag zwar auf den ersten Blick etwas hart erscheinen, entspringt aber der notwendigen Vorsicht gegen die mannigfachen Ausschreitungen, zu welchen die Seeleute vor der Abreise besonders geneigt sind. O dieser letzte Tag! Die gute Alte suchte in ihrem Gedächtnis krampfhaft nach Dingen, die ihrem Sylvester Vergnügen bereiten konnten zu hören, es wollte ihr aber absolut nichts Lustiges mehr einfallen, die Thränen stiegen ihr immer wieder auf und sie würgte das Schluchzen hinab. Fest hing sie an seinem Arm und gab ihm tausend gute Ratschläge, wobei auch ihm das Weinen ankommen wollte. Und als Letztes traten sie in eine Kirche, um noch einmal zusammen zu beten.

Darauf gingen sie zum Bahnhof, denn die Großmutter mußte mit dem Abendzug fort. Sylvester trug ihre Pappschachtel und stützte sie fest mit seinem starken Arm, denn die arme Alte war müde, sehr müde. Sie war in den letzten Tagen immerfort auf den Füßen gewesen, jetzt konnte sie aber nicht mehr; der gekrümmte Rücken hatte nicht mehr die Kraft, sich aufzurichten, er trug zu schwer an der Last seiner sechsundsiebzig Jahre. Der Gedanke daran, daß sie sich in wenigen Minuten von ihrem Einzigen trennen müsse, zerriß ihr das Herz. Noch hielten ihre schwachen Hände seinen Arm umklammert, aber bald würde man sie auseinanderreißen – er mußte fort nach China, wurde zur Schlachtbank geschickt und weder sein starker Wille, noch ihre Thränen und Verzweiflung vermochte ihn zurück zu halten. Krampfhaft hielt sie in einer Hand die Fahrkarte, während die andere ihr Eßwarenkörbchen und die Halbhandschuhe umklammerte; in zitternder Erregung legte sie ihm noch dies und das ans Herz, was er mit leiser Stimme alles zu halten versprach, indem er sein Gesicht mit den guten treuen Augen so nahe zu dem ihrigen hielt, wie er als Kind gethan.

Der Zug brauste heran, die arme Frau dachte aber gar nicht ans Einsteigen.

»Vorwärts, Alte, wenn Ihr mit wollt!« fuhr sie der Schaffner an. Erschrocken riß sie Sylvester die Pappschachtel aus den Händen, um sie gleich darauf fallen zu lassen und ihn ein letztes, allerletztes Mal zu umarmen.

Neugierige Gesichter schauten aus den Wagenfenstern, kein einziges aber verzog sich zum Lächeln über diese Abschiedsscene. Verwirrt und in Angst darüber, nicht mehr mit zu kommen, stürzte sie in die erste beste offene Wagenthür, geschoben, gestoßen, erschöpft, und mit einem Knall ward die Thür hinter ihr zugeschlagen. Sylvester stürzte davon, um außerhalb des Bahnhofs an die Barriere zu kommen, wo er sie vielleicht noch einmal erblicken konnte. Von der Maschine erscholl ein schriller Pfiff, die Räder griffen ineinander und der Zug setzte sich in Bewegung.

Draußen an der Barriere stand Sylvester; hoch schwenkte er seine Mütze mit den flatternden Bändern. Und die Großmutter sah ihn. Sie machte ihm ein Zeichen, daß sie ihn bemerkt, hielt ihr Gesicht an die Scheiben gepreßt, damit sie die geliebte dunkelblaue Gestalt noch länger sehen könne, und murmelte »auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!« Wie vielen scheidenden Seeleuten wird dieser Wunsch zugerufen, und wie wenig sicher ist es, ob er sich erfülle!

Ja, sieh deinem kleinen Sylvester nur nach, so lange du nur noch einen Schatten von ihm zu erblicken meinst, du arme, alte Frau, denn auch noch der Schatten muß dir zerrinnen ...

Als sie aber gar nichts mehr von ihm sah, überkam sie eine wahre Todesangst; sie sank auf die Bank zurück, und ohne Bedacht darauf zu nehmen, daß sie die sorgfältig geschonte Haube zerknitterte, brach sie in lautes Schluchzen aus.

Langsam machte sich Sylvester auf den Heimweg; er schritt mit gesenktem Kopf dahin und große Thränen rollten ihm über die Backen. Die frühe Herbstnacht sank herab, überall war schon Gas angezündet, und in den Matrosenschenken ging es laut her. Sylvester sah aber weder rechts noch links, und merkte kaum, daß ihn freche Dirnen anredeten. Er schritt wie betäubt einher, bis er die Kaserne erreichte. Dort warf er sich in seine Hängematte und weinte die ganze Nacht hindurch; erst als der Morgen kam, schlummerte er ein.

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