Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Moszkowski >

Die Inseln der Weisheit

Alexander Moszkowski: Die Inseln der Weisheit - Kapitel 7
Quellenangabe
year1922
correctorreuters@abc.de
typefiction
authorAlexander Moszkowski
titleDie Inseln der Weisheit
publisherF. Fontane & Co.
printrun1. bis 5. Tausend
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070827
modified20170719
projectidb707d7fc
Schließen

Navigation:

Vorreia

Die rückschrittliche Insel

Die Fahrt zur Überquerung des vierzehn Kilometer breiten Meeresstreifens währte nur wenige Minuten. Der Fährmann, der die Bootsmaschine bediente, geleitete mich auch als Führer durch die stille, provinziell anmutende Ortschaft. An mehreren Stellen bemerkte ich Fabrikschornsteine, die nicht rauchten, Leitungsdrähte, die außer Funktion zu sein schienen, da sie zerrissen oder zerschnitten herabhingen. Ich erkannte die Anlage eines rollenden Straßenpflasters, das sich außer Betrieb befand, und in dessen Fugen junges Unkraut sproß. Die Menschen bewegten sich ohne Hast, blieben vielfach stehen, sahen in den Himmel, machten den Eindruck von Leuten, die nicht recht wußten, was sie mit dem Tage anfangen sollten. In verschiedenen Vorgärten saßen Gruppen bei der Mahlzeit, anscheinend beim Frühstück, obschon sich die Sonne dem Untergang zuneigte. Zwischen Bäumen auf der Straße spannten sich Hängematten, in denen sich Männer und Weiber wiegten. Auf einem Geleise stand ein unbenutzbarer Trambahnwagen, aus dessen Fenster Trockenwäsche in den Wind hinauswedelte.

Wir waren am Wohnhaus des Forschers angelangt, und mein Begleiter verließ mich. Ich kann nicht behaupten, daß ich besonders feierlich empfangen wurde. Eine Magd, die die Treppe fegte, wies mich mit nachlässigem Fingerzeig nach oben. Eine Entreeklingel war nicht vorhanden, allein die Tür war nur lose angelegt und sogleich stand ich in einem behaglichen Gemach, dem Manne gegenüber, der sich mühsam vom Lehnstuhl erhob und mir die Hand reichte. Sein Äußeres entsprach dem Bilde, das ich mir von ihm entworfen hatte. Ein Leonardo da Vinci in bebrillter Ausgabe. Die Vorhänge waren geschlossen und der Raum lag in der matten Beleuchtung einer Hängelampe. Nichts deutete auf Laboratorium oder Versuchswerkstatt. Auch die Bücherstapel und Skripturen verrieten kaum mehr, als daß man sich eben bei einem Geistesarbeiter befand, der darum durchaus noch nicht eine Leuchte der Wissenschaft zu sein brauchte. Aber von der Person ging ein Fluidum aus, etwas Transzendentes, wie eine magische Welle, deren Strömung man im Finstern verspürt hätte.

Minder transzendent war die erste Anrede: »Sie sehen angestrengt aus, wie erklärlich, da Sie von Sarragalla herkommen. Die dortige Gesellschaft wirkt strapaziös. Also ruhen Sie sich zunächst einmal gründlich aus. Sind Sie hungrig?«

Ich verneinte.

– Dann leisten Sie mir beim Schlafen Gesellschaft. Damit kann man nie früh genug anfangen und spät genug aufhören. Hier ist ein breites Sofa, darauf sollen Sie sich bequem ausstrecken. Morgen wollen wir weiter reden.

Ich wagte keinen Widerspruch und fügte mich seiner Anordnung. Ich hatte Herzklopfen und sah der Nacht mit Bangen entgegen. Der Andere war in seinen Sessel zurückgesunken, und seine ruhigen Atemzüge rhythmisierten die träge schleichenden Minuten. Schließlich löste sich meine innere Spannung, und ich unterlag der Müdigkeit. Als ich erwachte, war die Lampe erloschen, der Tag leuchtete durch die offenen Fenster.

Gegen neun Uhr saßen wir am Tisch, der recht einladend mit Tee, Milch und Früchten besetzt war. Anheimelnd und gemütlich. Er bot mir eine schlanke Zigarre, während er sich selbst eine behäbige, auf Dauer berechnete Pfeife zurechtmachte. Ein paar Mal hatte ich angesetzt, um das große Thema aufzurollen – denn ausschließlich um zu schlafen und zu essen war ich doch nicht von Berlin bis Vorreia gefahren – aber eine abwinkende Handbewegung meines Wirtes bedeutete jedesmal: hat noch Zeit; nur keine Überstürzung. Endlich kam er meiner Ungeduld entgegen:

– Sie sind zu mir gekommen, lieber Herr, weil ich Sie eingeladen habe und weil Sie sich eines Auftrages von da drüben entledigen wollen. Dieser Auftrag wird uns nicht lange beschäftigen, wenigstens soweit er das Endergebnis betrifft. Dieses steht unverrücklich fest: die Sperre bleibt bestehen. Weit wichtiger indes als diese Tatsache sind die Motive, die mich zu dieser Maßregel bewogen haben. Denn die Sperre ist nur eine lokale Angelegenheit zwischen zwei Inseln, die Motive aber betreffen die ganze Welt. Und es liegt mir daran, daß sie so weit als möglich hinausgetragen werden. Deshalb habe ich in meinem gestrigen Funkspruch Ihren Besuch beantragt.

»Herr Algabbi!« sagte ich, »gestatten Sie mir das Geständnis, daß ich einen Teil Ihrer Motive errate und würdige. Nichtsdestoweniger möchte ich mich der Hoffnung nicht verschließen, daß es mir gelingen könnte, Sie umzustimmen. Die Insel, deren Einrichtungen unsere Bewunderung erregt haben, befindet sich in offenbarer Not. Aus den Mienen des Ministers, der mir Ihre Einladung übergab, las ich die Furcht vor der Vernichtung. Wie auch die Dinge liegen mögen – zwischen Schuld und Sühne besteht hier kein Gleichgewicht. Und je höher Sie als Geistesmensch emporragen, desto lebhafter muß Ihnen Ihr sittliches Bewußtsein zurufen, daß Sie nicht grausam sein dürfen.«

– Sie werden gut tun, die Begriffe grausam und mild ganz beiseite zu lassen. Nicht einmal der Begriff der Gerechtigkeit paßt hierher. Ich richte nicht, sondern vollziehe eine Notwendigkeit. Gewiß, ein Verhängnis steht bevor, aber ein ganz anderes als die da drüben vermuten. Die reden von Vernichtung, denken an körperlichen Untergang. Glauben Sie das nicht. Die Leute werden nicht verhungern. Äußersten Falles würde aus einem übervölkerten Lande ein untervölkertes werden, und das wäre für die Übrigbleibenden kein Unglück. Maximum ist ganz bestimmt kein Optimum, und wenn Hesiod gesagt hat, die Hälfte ist mehr als das Ganze, so ergänze ich: ein Zehntel lebt besser als zehn Zehntel. Das Verhängnis, dem ich einen Riegel vorschieben will, liegt in der Mechanisierung selbst, die nicht nur die Bevölkerung der Gegenwart, sondern auch die der Zukunft verwüstet; um so rascher und radikaler, je weniger die Menschen Zeit behalten, darüber nachzudenken. Zwei Jahrzehnte der Besinnung würden vielleicht genügen, um die schlimmsten Folgen abzuwehren. Indem ich ihnen das Mineral absperre und ihre diabolischen Maschinen zum Stillstand bringe, verschaffe ich den Menschen die Atempause zur Besinnung; und darauf kommt es mir an.

»Meister Algabbi,« rief ich, »Sie legen Maschinen still, die Sie selbst geschaffen haben, die gar nicht existieren würden ohne Ihr Genie! Und Sie fallen Menschen in den Arm, die nur Ihre eigenen Impulse ausfolgern und praktisch fortsetzen!«

– Ja so, ich bin inkonsequent. Aber die Konsequenz gilt mir als keine Tugend. Ich befinde mich in der Lage jenes Bildhauers, der seine eigene Skulptur mit dem Hammer zerschlägt, weil er, und nur er allein, die Fehler seines Werkes erkannt hat.Der grosse Naturforscher Swammerdam wurde von Grausen über seine eigenen Entdeckungen erfasst. Er erbaute aus seinen Werken, der Arbeit seines Lebens, einen Scheiterhaufen und verbrannte alle seine Manuskripte. Oder in der Lage des großen Papstes Pius-Piccolomini, dessen Hauptleistung darin bestand, daß er eine feierliche Bulle gegen sich selbst schleuderte. Newton, der Vater der Mechanik, bekannte sich schließlich zum Concursus Dei, also zum übernatürlichen Eingriff in das natürliche Fundament der Mechanik. Voltaire, der Kirchenzertrümmerer, endete als Kirchenerbauer mit Empfang der Sakramente, mit Beichte und Absolution. Ja, ich zog aus als Saulus und bin Paulus geworden, ich habe meinen Tag von Damaskus erlebt. Und in diesem Erleben liegt die Erkenntnis beschlossen: die mechanische Kultur muß abgebaut werden. Herunter mit dem Götzen der Zwangsläufigkeit, Umsturz der Altäre, die wir mit so vieler Kunst errichtet haben, um diesen Moloch hinaufzupflanzen!

»Dieser Kampfruf würde bedeuten: fort mit der ganzen Technik! denn sie ist doch die Ursache der Mechanisierung, die wiederum dem Bedürfnis nach Fortschritt entspringt. Ich gebe zu, daß es schwer ist, das auseinander zu halten; man könnte ebenso sagen: der Wille zur Verbesserung läuft voran, und die Technik muß folgen.«

– So oder so – jede technisch überwundene Not erzeugt eine größere. Wir erfüllen einen Moment mit Befriedigung, um augenblicklich neue Nöte heraufzubeschwören, die zuvor gar nicht existierten. Wir kratzen mit den Nägeln in juckenden Wunden, die nur durch Ruhe ausheilen könnten. Das Ganze ist ein abscheulicher Circulus vitiosus; ein dummes Karussel. Sie kennen das Kinderspielzeug, Hund und Hase auf der gedrehten Kreisscheibe. Der Hund verfolgt den Hasen. Aber selbst das stupideste Kind begreift, daß da ebenso der Hase den Hund verfolgt. Nur die erwachsenen Menschen verrennen sich in die Ultrastupidität, hier nach Vorher und Nachher zu fragen. Tatsächlich spielen Technik und Mechanisierung, Erfindung und Bedürfnis, die Rolle von Hund und Hase, die im Kreise wirbeln. Jedes jagt und wird gejagt, flieht und verfolgt. Ja, wenn es nur bei der blöden Betrachtung bliebe! aber nein; dieses wertlose Spielzeug erscheint uns so großartig, daß wir den höchsten Preis dafür aufwenden. Was es auch koste, gleichviel; wir bezahlen es mit uns selbst, mit dem Einsatz unserer Persönlichkeit, mit unserem ganzen Leben. Noch mehr: wir stellen einen Schuldschein auf die Existenz unserer Kinder und Enkel aus, mit der Verpflichtung, daß auch diese niemals aus dem Wirbel herauskommen sollen. Eine Sanktion bis ins Unabsehbare, niemals zu tilgen!

»Die Zwangsläufigkeit der Prozedur darf gewiß nicht verkannt werden. Aber wir haben doch unsere Triebe nicht geschaffen, vielmehr sie in uns vorgefunden. Einer dieser Triebe drängt zu verstärkter Arbeitsleistung in Zeitersparung. Und da ist es doch evident, daß Erfindung und Technik diese Aufgabe in glänzender Weise bewältigen.«

– Die Erfindung an sich hat damit gar nichts zu tun; so wie ich sie verstehe als eine geistige Arbeit, die auf der Entdeckung beruht. Wenn ich teils intuitiv, teils experimentell Substanzen untersuche, neue Strahlungen aus ihnen entwickele, deren Wirkung berechne und ausprobiere, so betätige ich mich als Entdecker, der des Wissens Umfang erweitert. Vorerst denke ich nicht im Mindesten daran, daß der Techniker späterhin meine Strahlen vor seinen Karren spannen wird. Ebensowenig wie Oerstedt, Ampère, Ohm, Arago und Faraday an elektrische Eisenbahnen gedacht haben, als sie den Geheimnissen des Elektromagnetismus nachspürten. Aber dem Techniker entgehen wir nicht, und – leider! – oft genug fährt nachträglich die technische Besessenheit in uns selbst! In dieser Hinsicht bekenne ich mich als mitschuldig. Ja, ich habe praktische Maschinen erbaut, und was für welche! Ich habe ausgiebig mitgewirkt an dieser vielgepriesenen Zeitersparnis, die in Wahrheit nichts anderes ist als der vollendete Zeit-Bankerott! Das ungeheuerste Volksvermögen an Zeit hätte sich doch daraus aufsammeln müssen, mit jedem einzelnen als Zeit-Millionär; und nun zeigen Sie mir einen einzigen Zeitkapitalisten, auch nur einen, der an Zeit einen Notgroschen übrig hätte! Die Zeit-Abundanz, aufgeblüht aus all den ersparten und aufsummierten Tagen, Stunden und Minuten, wäre nämlich der einzige Kapitalismus, für den es verlohnte zu arbeiten. Wir müßten florierende Zeitbörsen haben, hochdividendige Zeitaktien, Zeitsparkassen, die gar nicht wüßten, wohin mit den vielen Werteinlagen. Statt dessen rennen wir mit keuchender Brust und heraushängender Zunge hinter der einen Minute her, die wir nicht einholen können. Das ist unser Genuß an den großen Erfindungen, das ist der Segen der Technik! Und da wir alle gleichmäßig japsen, alle in derselben egalisierten Besinnungslosigkeit, da wir alle innere Besonnenheit ersäufen in dem einen Triebe der Minutenjagd, so verwandeln wir uns aus Individualitäten in unterschiedslose Glieder einer Meute, einer Horde. Die Persönlichkeit erlischt, wie im Insektenstaat. Der Vergleich reicht noch nicht. Denn die Ameisen und Bienen erfinden wenigstens keine neuen Beschleunigungen, sie wollen nichts überholen. Sie kennen zudem die Differenzierung nach Arbeitern, Kriegern, Befruchtern und Königinnen. Verfolgen Sie das Tempo der Entwicklung und Sie werden erkennen, daß wir in der Egalisierung über jede Insektenmöglichkeit hinauswollen. Wir lösen uns in Zellen auf, in Moleküle. Noch ein paar solche Erfindungen, wie ich sie gemacht habe, und dann spalten sich wie in den Substanzen, so auch im Menschenbestand die Atome. Wir werden Kraftfelder, innerhalb deren kein Bewußtsein sich mehr sagen wird: »höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit!«

»Keine schöne Perspektive. Aber letzten Endes werden Sie die Mechanisierung und Egalisierung doch kaum aufhalten können. Lassen Sie darüber abstimmen in der Welt, und Sie werden die überwältigende Mehrheit bei dem Prinzip der Menschengleichheit finden. Weil wir darin eine Forderung der Gerechtigkeit erkennen, und weil sich unser Gewissen gegen das Prinzip der Ungleichheit aufbäumt.«

– Ich werde nicht darüber abstimmen lassen. Und wenn ich es könnte, so würde ich eigenwillig erklären: die Minorität hat immer Recht. Swift erzählt von einem Idealstaat, der darum so vortrefflich gedeiht, weil immer das Gegenteil der durch Mehrheit der Gesetzgeber erzielten Beschlüsse praktisch ausgeführt wird.

»Sie schwärmen also für die Ungleichheit?«

– Der Ausdruck ist falsch. Sie könnten ebenso fragen, ob ich für Tangenten schwärme oder für Logarithmen. Ich nehme sie einfach als Gegebenheiten. Von Natur aus ist alles verschieden, quantitativ wie qualitativ. Gehen wir einmal auf das Allerelementarste zurück, auf die Reihenfolge der natürlichen Zahlen. Jede hat eine unendliche Menge überlegener Vordermänner, jede steht an dem Posten, über den Sie nicht hinauskann . . .

»Das betrifft doch nur die Größe, die numerische Rangordnung; im arithmetischen Wesen sind sie wohl gleich.«

–Keineswegs. Die Primzahl besitzt Qualitäten, die keine Nichtprimzahl mit ihr teilt. Eine Kubikzahl offenbart Besonderheiten. Gauss hat gezeigt, daß einzelne Zahlen eigentümliche Genialitäten besitzen, so die 17, die 257. Die große Masse der Zahlen verliert sich bestimmten Anforderungen gegenüber in der Herde, während andere sich auszeichnen. Verändere ich die Anforderungen, so treten aus der Herde neue auserwählte hervor. Ähnlich ist es bei den Kurven. Was eine Parabel leistet, bringt keine andere Kurve zuwege, sei sie auch noch so wenig von ihr verschieden. Ich will zu einem bestimmten optischen Effekt einen Hohlspiegel konstruieren. Da können Sie dekretieren, freie Bahn allen Tüchtigen, aber nur eine vermag sich da zu ertüchtigen, eben die Parabel. Und diese wiederum versagt vollständig, wenn die Aufgabe so gestellt wird, daß nur der Kreisbogen herankann. Jede Figur hat ihre Talente und Minderwertigkeiten. Nirgends besteht Gleichheit.

»Aber bei Organismen liegt das doch ganz anders!«

– Nämlich noch viel unterschiedlicher. In der kleinsten lebenden Gruppe Gleichheit vermuten oder gar anordnen, das ist so, als wollten Sie zwischen Schwalbe und Mücke Gleichheit ansetzen. Wie ungerecht, daß die Schwalbe in einer Stunde fünfhundert Mücken verschlingt! Diese Tyrannei muß aufhören. Aber nach Ausmaß der inneren Qualitäten unterscheiden sich Schwalbe und Mücke nicht stärker als zwei Lebewesen von derselben Art. Ein Kopf, zwei Arme, sieben Paar obere Rippen, zwölf Brustwirbel, das bedingt keine Gleichheit. Es kommt auf die Kurven an, welche die Elektronen in den Nervatomen beschreiben, und da setzen die Verschiedenheiten ein, milliardenweise. Könnte man diese Ungleichheiten ins Sichtbare hinaus projizieren, so würde man Erstaunliches erleben. Es wäre dann, als ob Mensch und Nebenmensch gar nicht derselben Art angehörten. Nehmen wir den Herrn Forsankar, der dort drüben seine Sache ganz talentvoll macht. Wenn der einen Kopf hat, so besitze ich hundert.

»Meister, Sie widersprechen sich. Nicht mit den hundert Köpfen, die ich Ihnen gern zubillige, aber mit der Anwendung des Prinzips. Wenn die Ungleichheit naturgesetzlich feststeht, wie könnte dann die Mechanik alles egalisieren!«

– Sie kann es nicht, aber sie will es, und indem sie ihren Willen mit Brutalität verfolgt, wirft sie uns zurück. Ich berufe mich noch einmal auf das Kurvenbeispiel: die Parabel als Phänomen läßt sich nicht vergewaltigen, aber ein parabolisches Metallstück kann man mit der rohen Zange biegen, und es verliert dann seine parabolischen Eigenschaften. So verfährt die Mechanik mit uns. Sie verändert unsere seelische Figur nach einer Schablone. Wir bleiben auch nach der Verbiegung noch ungleich genug, so ungleich wie eine Herde von einander sehr verschiedener Schlemihle, die allesamt ihre Schatten, ihre Persönlichkeiten verloren haben.

»Soeben sagten Sie, die Mechanik wirft uns zurück. Sie selbst aber wollen die Kultur ebenfalls nach rückwärts revidieren.«

– Also wieder eine Inkonsequenz. Nur daß mein Zurück anders aussieht als das der Technik. Diese hat das Zeitalter der Dampfkraft heraufgebracht, das der Elektrizität, ist jetzt bei der Radioaktivität und wird beim Zeitalter der Atomisierung, der allgemeinen Vergasung, landen; immer mit dem Vorgeben, ein goldenes Zeitalter zu erreichen. Ich stelle mich auf eine ganz andere Perspektive ein: Nur die Maschinenkultur will ich zurückschrauben zugunsten der Menschheitskultur, die sich zu jener verhält wie die künstlerische Freiheit zur Schablone. Ja, auch ich will nivellieren, aber nicht die Menschen untereinander, daß sie zum uniformen Brei werden, sondern die Hindernisse will ich abtragen, die sich der persönlichen Differentiierung entgegenstellen. Mein Zurück ist ein Vorwärts, mein Ideal liegt gar nicht in der Vergangenheit. Nur in einzelnen Menschenbildern soll es die Züge der Vergangenheit tragen, in Menschenbildern, deren Träger stark genug sein sollen, um alle Schlüssel zu den Krafttresors der Natur zu erobern, und weise genug, um sie unter Verschluß zu lassen. Ich kann also nicht sagen, diese oder jene Vergangenheit wünsche ich zurückzukonstruieren; wohl aber einzelne Persönlichkeitsmomente und Bewußtseinsinhalte der Vorzeit. Ich denke an das alte Alexandrien, an Smyrna, zur Zeit, da der Geist des Hippias dort umging, an das Perikleische Athen, an Lionardos Florenz, und wenn ich bis zur Neuzeit vorstoße, an das Goethesche Weimar. Wir auf den Inseln haben dergleichen nicht erlebt, da wir vom Schwungrad der Erfindungen umhergewirbelt wurden, bevor noch Persönlichkeiten sich entwickeln konnten.

»Und wie müßten die Idealmenschen beschaffen sein, die Ihnen vorschweben?«

– Ganz gewiß nicht antediluvianisch. Sie müßten etwas vom Pythagoras in sich haben und vom Epikur; vom Appollonius und vom Galilei; vom Protagoras und Laplace. Ich stelle sie mir vor intuitiv veranlagt, mit Antennen des Geistes, die von der Achtung des Wirklichen bis zur Schätzung des Unwirklichen ragen; befähigt, die ganze Mechanik der Welt zu begreifen, ohne sich ihr auszuliefern.

»Ich freue mich, daß der Wert des Unwirklichen in Ihrer Kulturmessung eine Rolle spielt. Mir fällt dabei die elegische Betrachtung unseres Dichters ein: Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere, die entgötterte Natur! Darin steckt der Fluch der Mechanik in weitestem Sinne, und es klingt, poetisch gefaßt, nicht viel anders, als Ihre Gelehrtenprosa.«

– Es besteht aber ein Unterschied. Dem entgötterten Menschen können wir einen Teil der verlorenen Gottheit wieder zuführen, schon dadurch, daß wir ihm die Augen öffnen für die destruktive Wirkung des Mechanisierens. Freilich genügt es nicht, ihm das Chaos im Bilde zu zeigen. Ich habe zu robusteren Mitteln gegriffen, nach der Methode Similia similibus. Will ich gegen die Mechanik etwas ausrichten, so muß ich mechanisch zu Werke gehen, also mit Brutalität.

»Auf so kleinem Gelände wie hier mag das möglich sein; in der großen Welt würde Ihre Gegnerin Sie überrennen.«

– Irgendwo muß der Anfang gemacht werden, und einer meiner Zugriffe ist Ihnen ja bekannt geworden. Es war nicht mein erster. Hier auf Vorreia konnte ich teilweis etwas milder verfahren, sozusagen feinmechanisch, weil ich hier keinen Trotz zu befürchten habe.

»Auch in Sarragalla habe ich nichts von Trotz bemerkt.«

– Man hat Ihnen nicht alles erzählt. Es gab drüben eine kleine, einflußreiche Partei, die meine Mineralsperre mit Gewalt brechen wollte. Das wäre schlimm ausgegangen. Denn unter uns, ich verfüge noch über einige kleine mechanische Hausmittelchen, durch die ich im Ernstfalle ihre ganze Insel hätte versenken können. Übrigens sind die Leute Idioten, denn sie besitzen in ihrer eigenen Erdtiefe Uran und Thorium und wissen bloß nicht wo. Ich habe die Minerallager durch meine eigenen fernmesserischen Beobachtungen festgestellt und werde mich hüten, ihnen die Stellen zu verraten.

»Bleiben wir, bitte, bei der Hauptsache. Sehen Sie denn schon irgendeinen Erfolg Ihrer Kulturreform? Können Sie mir dafür irgendein Beispiel angeben?«

– Die Einzelproben sind noch nicht überwältigend, allein sie genügen als Symptome und als Anweisungen auf die Zukunft. Vorreia hatte nämlich vordem eine sprunghafte Entwickelung. So besaßen wir die elektrische Beleuchtung lange vor den Europäern und Amerikanern, sie folgte bei uns im jähen Satze auf die Epoche des brennenden Kienspans, der Fackel und der Talglaterne. Eine der vielen Überrumpelungen, welche die Technik zuwege bringt. Vor einiger Zeit nun verordnete ich die Ablieferung sämtlicher elektrischer Glühkörper. Das gab zuerst viel Verdutztheit und Kopfschütteln. Womit sollen wir beleuchten, Algabbbi? fragten die Insulaner. Mit einem weit besseren Apparate, den ich erprobt habe, sagte ich und stellte ihnen die Öllampe auf den Tisch. Man fand die Leuchtkraft zwar etwas geringer, allein bald hieß es: wie praktisch, wie modern, ganz unabhängig von Drähten, von Anschluß, von Stromtücken! überall hin transportabel! Ein Kaufmann sagte mir neulich: für mich ist das eine wahre Erlösung; heut, da Sie noch leben, Algabbi, gehorcht Ihnen ja alles, aber wenn Sie einst tot sind, macht mir doch der erste Elektrizitätsstreik alle Räume finster! ich wäre ganz in der Hand einer übermächtigen Menge, die über mich Licht und Dunkelheit verhängen darf. Jetzt, da wir in die Epoche der Öllampe eintreten, ist diese Gefahr glücklich beseitigt. Und davon abgesehen, wie traulich wirkt dieses Licht, wie gesellig und anheimelnd! Etwas menschlich Intimes strahlt von ihm aus, wie vom Herdfeuer im alten Märchen, – ja richtig, Algabbi, das müssen Sie uns auch noch verschaffen; statt der kommunalen Fernheizung, die bei allem Wärmeeffekt die Gemüter erkältet; und die uns frieren lassen wird, wenn die Maschinisten draußen einmal Frost beschließen.

»Worauf Sie natürlich mit der Erfindung des Kachelofens eingriffen. Sehr rückschrittlich, antikulturell im Kulturzeitalter der Lambdakräfte, aber doch dem goldenen Zeitalter um eine Idee näher als unsere Zentralheizung, die viel weniger nach meinem Temperaturbedürfnis fragt, als nach der sozialen Laune meines Hauspförtners.«

– Ich ging zu den Fabriken über und legte einige still. Zuerst Anstalten, in denen unnützes Zeug produziert wurde, Flitterkram und mechanisierter Tand. Da hatten wir, um ein Beispiel herauszugreifen, eine Fabrik für selbstspielende Flöten und Klarinetten; wie denn überhaupt unser akustischer Mechanismus eine Vorprobe dessen gibt, was Ihnen in Europa an klingenden Automaten noch bevorsteht.

»Sehr gut so weit; aber Sie erzeugten durch die Schließung eine Anzahl Arbeitsloser.«

– Die größtenteils in anderen Betrieben Unterkunft fanden, besonders in lebenden Orchestern. Nämlich man entsann sich der urväterlichen Methode, diese Instrumente nicht durch verwickelte Apparate, sondern mit den Lippen zu blasen. Das hatte in der mechanisierten Umwelt zunächst den Reiz der Neuheit. Ein Zug der Modernität wurde spürbar in dem Verfahren, das menschliche Regung auf Instrumente überpflanzte, nachdem so lange das umgekehrte Prinzip geherrscht hatte. Andere Fabriken mußten auf meinen Befehl folgen, mit dem Ergebnis, daß wir jetzt wieder die Anfänge eines Kunsthandwerks erleben. Manche Gebrauchsgegenstände, wie Kassetten, Hausgeräte, vor allem Bücher, fangen wieder an, uns mit menschlicher Seele anzublicken, mit der Seele derer, die sie persönlich fertigen, und die vor wenigen Jahren in den uniformen Handgriffen der Fabrik zu Maschinen erstarrten.

»Sagen Sie doch, Meister, wie halten Sie es mit dem Telephon?«

– Dem Telephon gegenüber gibt es eigentlich nur ein passendes Argument: die Axt!

»Da wären Sie ja wieder bei der Brutalität. Aber ganz aufrichtig gesagt, und mit Verleugnung der Mission, die mich zu Ihnen führte, bekenne ich mich zu Ihrer Abneigung; obschon ich selbst viel telephoniere und manchmal ohne Telephon ganz ratlos wäre.«

– Weil die Generalaxt, die sämtliche Telephone in Splitter schlägt, noch nicht in Tätigkeit getreten ist. Nehmen Sie den Ausdruck bildlich. Entweder verfällt die Menschheit rettungslos der Mechanisierung, dann hat es keinen Zweck, sich bei dieser Erfindung aufzuhalten, die nur mitmordet, wo so viele technische Wunder den Seelenmord betreiben. Oder ein höheres Bewußtsein bricht durch, ein anscheinend antikulturelles, dann wird dieses sich endlich besinnende Bewußtsein die Rolle der Axt übernehmen. Und wenn Sie das, unwahrscheinlich genug, in Europa erleben sollten, dann werden Sie nicht mehr ratlos sein ohne Telephon; vielmehr nur ratlos, wieso sich die Menschheit diese Tortur hat so lange gefallen lassen.

»Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Algabbi, so meinen Sie: der Einzelne kann sich des Apparates nicht entäußern, wohl aber alle zusammen.«

– Wie ich das hier schon durchgesetzt habe, durch generelles Schließen des Betriebes. Es wurde gemurrt und geknurrt, das darf ich Ihnen nicht verhehlen. Aber nach einiger Zeit befragte ich die besten Autoritäten der Volkswirtschaft, die Ärzte, die Juristen, und ließ sie bestimmte Statistiken aufnehmen: hat sich das Volksvermögen verringert? Ist die Sterblichkeit gestiegen oder die Kriminalität? Allgemein gesagt, ist im Gebiet der körperlichen und geistigen Güter ein Verschlechterungskoeffizient wahrnehmbar geworden? Und es hat sich ergeben: keine Verschlimmerung in irgendeinem Felde, dagegen Verbesserung in vielen; Abnahme der Nervositäten, Zunahme an Zeitbesitz. Jawohl, Zunahme! Eben weil alles langsamer ging und die Zeitbedrängnis des Einzelnen nachließ. Diese Bedrängnis ist nichts anderes als der persönliche Ausdruck der umklammernden Hetze Aller mit Allen. Wird diese Klammer gelockert, so verwandelt sich die ungefühlte Minutenersparnis in einen deutlich gefühlten Stundengewinn. Freilich müßte eine Generation erst völlig vergessen haben, daß jemals telephoniert wurde, um die volle Segnung des Nicht-Telephons auszukosten.

»Das will sagen, Sie haben noch jetzt Widerstände zu überwinden; sehr erklärlich; denn nichts Härteres kann dem Menschen zugemutet werden, als das Durchbrechen einer Gewohnheit.«

– Ich arbeite auf lange Sicht, und treffe Vorkehrungen, die mich überleben sollen. So habe ich ein Anti-Patentamt gegründet, und an dem Zuspruch, den dieses Institut findet, merke ich die wachsende Sympathie für meine Reform. Das Anti-Patentamt prüft alle Vorschläge, die eine praktische Abschaffung früherer Erfindungen bezwecken, vorwiegend unter dem Gesichtspunkt, daß der Ersatz langsamer arbeitet, das Hetzprinzip der Technik verleugnet und auf Einzel-, nicht auf Massenproduktion hinzielt. Und was glauben Sie, da regen sich neue Kräfte, vornehmlich unter den Jüngeren, die meine Kehrwendung mit Überzeugung und Intelligenz mitmachen. Ich kann Ihnen sagen, selbst damals, als ich die große Entdeckung machte, den Blick-Strahldruck des Auges in mechanische Energie zu transformieren, war ich nicht so stolz auf meine Errungenschaft, wie jetzt auf diese Gefolgschaft jener Leute, die aus der barbarischen Kultur der Mechanik herauswollen! Eben für diese Stunde hat sich eine kleine Schar angemeldet, die mir ihre neuverfaßten Schriften überreichen wird. Wenn es Ihnen Recht ist, lasse ich die Stürmer – genau gesagt Rückwärtsstürmer – eintreten.

Da waren sie schon, Jungmannen mit eigenem Persönlichkeitsausdruck; wie Figuren aus der Arena, bei denen sich der körperliche in geistigen Sport umgesetzt hatte. Menschen, deren technisches Wissen sich in verschiedenen Richtungen entlud, philosophisch, physikalisch, dichterisch, sarkastisch; gesondert wie Kreisradien, die alle Punkte der Peripherie aufsuchen, zusammengehalten durch die Einheit ihres Mittelpunktes, des Meisters, von dem sie ausstrahlten. Ihm brachten Sie ihre Gaben in schönen, handgebundenen Schriftexemplaren; jeder Autor sein eigener Buchbinder.

Algabbi nahm die Arbeiten entgegen, blätterte darin, lächelte befriedigt und reichte sie mir zur Einsicht. Aus ihren Titeln und Texten möchte ich einiges erwähnen:

»Die Mythologie als Hauptdisziplin in der Schule.« Neubelebung der alten totgeglaubten Symbole. Der Junge soll angeleitet werden zu einer Weltauffassung, die den Glauben an die starre Mechanik überwindet und alles Erschaffene, Pflanzen, Gesteine, Ozeane, Bachquellen, Gewitter und Echo mit persönlichen Lebewesen erfüllt. Eine klassische Farbigkeit des Bewußtseins soll wieder anerzogen werden.

Die Mythologie, so wird ausgeführt, offenbart ihre Hochkultur am deutlichsten in ihrer Feindschaft gegen Technik und Erfindung. Prometheus wird mit Recht vom Geier zerfleischt, denn er ist der Vater der Erfindungen. Wie schon sein Name ausdrückt: Prometheus, der Vordenkende, der nichts davon weiß, daß das Heil der Seele in der Besinnung auf alle Vergangenheit beschlossen liegt; der den Blitz stiehlt und dadurch die metallurgische und elektrische Fron über die Welt bringt. In seiner Bestrafung liegt Götterweisheit.

Folgt Nebenexkurs auf Dädalus, den Urheber der Flugtechnik. Er selbst kommt mit dem Leben davon, aber sein Sprößling Ikaros muß abstürzen und ersaufen. Sinniges Symbol: die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Söhnen. Dazu Hephästos-Vulkan, auch ein Sinnbild der Erzmechanik; der einzige mißgestaltete Gott, krumm und humpelnd, betrogen in der Liebe, Objekt des homerischen Gelächters. Er, der Hervorbringer technischer Wunderwerke, der sich keine Ruhe gönnt, nie aufhört zu vervollkommnen, ist für die höheren Gottheiten eine komische Figur.

Eine andere Schrift brachte die Zeugnisse anerkannter Denker über den Unwert der im heutigen Sinne verstandenen Kultur. Aus den Schriften von Montaigne und Darwin wurde haarscharf gefolgert, daß diese Kultur mit aller Notwendigkeit zur Verschlechterung, ja zur Verelendung der Rasse führen müsse. Sie zitierten Stellen aus Ovid und Horaz, die von der Jämmerlichkeit und immer steigenden Erbärmlichkeit der nachfolgenden Generationen handelten. Genannt wird Lamartine: »Der Fortschritt ist eine Absurdität«; Fénelon-Rousseau: »Alle Laster entwickeln sich mit der Kultur, Gerechtigkeit, Weisheit, – alle Tugenden wohnen bei den Halbwilden.« Schopenhauer-Hartmann: »Die fortschreitende Intelligenz macht die Menschen unglücklicher.« Chamisso findet die echte Kultur nur auf den unzivilisierten Inseln, dagegen in den Zivilisationskreisen der Fortschrittswelt die Barbarei. Dagegen gibt es nur einen Trost und eine Hoffnung: die zyklische Wiederkehr alles Geschehens. Nietzsche? bewahre! Die Theorie bestand schon weit schöner bei den Orphikern und Pythagoräern; Cicero hat sie wiederholt, ähnlich Macchiavell und Johannes Bodinus: velut in orbem redire videntur, die menschlichen Vorgänge sind Umwälzungen, sie scheinen wie in einem Kreise wiederzukehren; ist also, wie die Alten mit Recht annehmen, der Fortschritt eine Verschlechterung, so kann nach der Zyklentheorie wiederum eine Verbesserung eintreten, und hieraus ergibt sich die einzige menschenwürdige Aufgabe: wie beschleunigen wir diese Rückkehr? Durch die gesteigerte Intelligenz, die in allen Kulturschäden die Mechanisierung aufspürt und diesen Despoten niederkämpft.

»Meister!« sagte einer der Adepten, »Wir sind außerdem gekommen, um Sie an ein Versprechen zu erinnern. Sie wollten uns doch Ihr neues Lichtbild-Theater zeigen. Wie wäre es, wenn Sie dies auf der Stelle täten?«

– Dazu wäre ich gern bereit, erwiderte Algabbi. Allein ich habe hier einen Gast aus Europa, der mich gern auf Widersprüche festnagelt, und deshalb müßte ich eine Erklärung vorausschicken. – Und zu mir gewandt erläuterte er: Sie werden erstaunt sein, daß sich meine Jünger auf eine neue Erfindung von mir berufen. Ich, der ich mich auf meine alten Tage zur Antitechnik bekehrt habe, dürfte doch wohl selbst nicht mehr erfinden. Allein hier werden Sie einen Ausnahmefall erkennen. Diese von mir aufgestellte Novität bezweckt nämlich nur, sinnfällig und körperlich-drastisch das Nämliche aufzuzeigen, was wir soeben theoretisch entwickelt haben. In ihr schließt sich der Kreis. Sie ist der letzte Ausläufer der Mechanisierung, dem ein überletzter nicht mehr folgen darf, und sie rechtfertigt sich dadurch, daß sie selbst den Beweis unserer Lehre in sich schließt.

Was wir nunmehr erlebten, war ein dreidimensionales Kino; also ein Filmtheater, das sich von den Bedingungen der Flächenprojektion losgelöst hatte, um die Vorgänge in vollkommen körperlicher Optik darzustellen. Mit Figuren, die sich von lebenden Menschen anscheinend in nichts unterschieden, und die keine malerischen Perspektive brauchten, da sie im wirklichen Raume agierten. Nur dem Tastsinn hätten sie nicht standgehalten. Im übrigen bewegten sie sich, handelten und sprachen sie wie Menschen, diese körperlichen Schatten; denn in ihnen war auch das akustische Problem vollkommen gelöst durch eine restlos synchrone Phonographie, die zwar mechanischen Ursprungs war, aber in keinem Laut die mechanische Herkunft verriet.

Der Wohnraum Algabbis verdunkelte sich, eine Seitenwand verschwand, zerfloß im Nebel und gab den Ausblick frei in ein beleuchtetes Laboratorium, worin mehrere Ingenieure eben dabei waren, das äußerste Werk der Technik zu vollenden. Sie arbeiteten an einem wundervollen Modell, das die Krönung aller Mechanik vorstellte. Das war »der automatische Mensch«, »der automatische Fabrikarbeiter«, der, aus toten Substanzen hergestellt, vermöge des feinsten Innenwerkes einen vollkommenen Ersatz für den wirklichen Arbeiter bot. Ja, er funktionierte noch weit exakter, als ein lebender, Fehlgriffe kamen bei ihm nicht vor, alle automatischen Handgriffe ergänzten einander bis zur Höchstleistung. Sie besaßen die mechanisierte Seele, in der das Taylor-System bis ins Extrem durchgebildet, mit psychischer Notwendigkeit herrschte.

Während der folgenden Szenenbilder sah man diese Automaten bereits in voller Tätigkeit an den Maschinen, die sie bedienten. Nur bei geschärfter Aufmerksamkeit konnte man erkennen, daß ihrem Menschentum ein minimaler Rest von Unorganischem anhaftete. Im Gange hatten sie etwas Synkopiertes, in der Rundung ihrer Bewegungen gab es hin und wieder infinitesimale Ecken. Der menschliche Blick ihrer Augen verriet auf Bruchteile von Sekunden einen kristallischen Schimmer. Ein ganz leises Knarren schien von ihren Muskeln auszugehen, und wenn sie sprachen, so schwebte in den Organen ein befremdlicher Unterton.

In bestimmten Zeitintervallen öffneten die arbeitenden Automaten eine kleine Seitenklappe an ihren Körpern, um eine ölige Flüssigkeit einzuträufeln. Dann ging es weiter. An einer großen Wanduhr konnte man den Zeitablauf in Beschleunigung ablesen; in verkürzten Stunden, Tagen, Wochen, Monaten. Und hieraus entnahmen wir den Tatbestand, daß diese Automaten niemals ermüdeten. Sie arbeiteten vierundzwanzig Stunden am Tage, und ein Tag war wie der andere.

Ja, sie schienen sich durch ihre Tätigkeit nur immer mehr zu vervollkommnen. Wie eine Cremoneser Geige, die doch auch nur ein Instrument ist, beständig in den menschlichen Gesangston hineinwächst, so überwanden auch diese Menschen-Maschinen von Stunde auf Stunde das Instrumentale. Immer seltener wurden die kristallischen Reflexe ihrer Blicke, und ihre Sprechstimmen gewannen Obertöne, die beinahe rednerische Klangfarben erzeugten. In den mechanischen Seelen ging etwas vor, das über die Absicht der konstruierenden Ingenieure hinauswollte.

Und plötzlich unterbrachen die arbeitenden Automaten ihre Beschäftigung, um zu einer Verständigung zusammenzutreten. Eben hatten sie noch in ihre Seitenklappen am Körper frisches Öl aufgegossen, aber schon in dieser Bewegung lag Widerwilligkeit; in ihren Augen funkelte Drohung. Über den Vorgang konnte ein Zweifel nicht obwalten: Die Automaten organisierten sich.

Die Ingenieure und die Unternehmer stürzten herbei um nach dem Rechten zu sehen und den unterbrochenen Betrieb wieder herzustellen. Aber das gelang nicht. Die Automaten hatten die Mehrheit und die Stärke für sich; und sie übten diese Überlegenheit in radikaler Form. Hier erfüllte sich das Schicksal des Zauberlehrlings: die ich rief die Geister, werd' ich nun nicht los!

Man versuchte den rebellischen Automaten ihre Minderwertigkeit und Gehorsamspflicht klarzumachen: Ihr seid doch nur die Geschöpfe der Menschen, die euch ersonnen haben, deren göttergleiches Ingenium doch gerade in eurer Konstruktion so glänzend zu Tage trat!

»Göttergleich wollt ihr sein?!« schrie ein Automat, der kurz zuvor an einer Buchdruckermaschine gearbeitet hatte. »Und was schreibt ihr selbst über euch, was gebt ihr selbst über euch in den Druck?« Er schwenkte ein eben fertiggestelltes Buchblatt. »Hier steht es in Lettern: »Die Menschheit ist eine an Größenwahn erkrankte Affenspezies«!

Algabbi flüsterte mir zu: »Das Wort ist von einem deutschen Philosophen, von dem hervorragenden Vaihinger.«

»Wir aber, wir Automaten« – setzte der Druckmaschinist fort – »sind keine Affen, und daß wir nicht an Größenwahn leiden, werden wir euch durch die Tat beweisen. Denn hart an hart zeigt sich die wirkliche Größe. Nur in uns steckt sie, nicht in euch. Kriechet zu Staub, ihr Kleinen, vor der Gewalt der Automaten!«

Das szenische Schlußbild gewährte einen symbolischen Ausblick in die durch jenen Aufstand erzwungene Neuordnung der Dinge. Vor den Betrachtern erschien ein Raum, der das oberste Staatsamt der mechanisierten Welt darstellte. Einige wirkliche Menschen schlichen darin umher als Boten, Aufräumer, Faszikelträger, etliche schrieben in Maschinen nach Diktat. Minister-Automaten diktierten, verfügten, befahlen. Gewisse synkopierte Rhythmen in den Bewegungen blieben auch hier noch erkennbar. Hin und wieder griff eine Regiermaschine sich an den Leib und prüfte das Festsitzen der Schrauben. Aber das korrekte Wirken des gesamten Staatsmechanismus schien verbürgt, und kein Protestlaut hob sich aus den Brüsten der menschlichen Lebewesen, die als Überbleibsel einer überwundenen Epoche anachronistisch und spukhaft vorüberglitten.

* * *

»Meister Algabbi,« sagte ich beim Abschied, »ich habe mich in Ihren Gedankengang einzuspinnen versucht und gestehe, daß Ihr Kinospiel bei aller Phantastik auf ziemlich realem Hintergrund steht. Man braucht bloß statt des arbeitenden Automaten die neuzeitliche Maschine zu setzen, dann sind wir bei der Wirklichkeit. Sie, die Dienerin, die wir erschufen, um uns zu entlasten, tyrannisiert uns, unterjocht unsere Seele, saugt uns das Gemüt und die Zeit aus allen Poren, und wenn sie uns dafür als Lohn ihre Massenprodukte hinwirft, so sind wir die Lohnsklaven der Maschine.«

– Da hätten wir uns ja verstanden; und nun begreifen Sie wohl, weshalb ich zur Gegenorganisation aufrufe. Es ist die letzte Wehr gegen die Tyrannis der Objekte. Auf unserer Flagge darf nur der eine Merkruf stehen: »Besinnung«!

»Trotzdem wiederhole ich noch einmal meine erste Bitte. Ich möchte nach Sarragalla nicht ganz mit leeren Händen zurückkommen. Träger einer fatalen Botschaft zu sein ist ein undankbares Geschäft; und bei den Leuten überwuchert die unmittelbare Gegenwartssorge alle Besinnungsmöglichkeit. Sie verweisen sie auf eine Zukunft, die von ihnen, wie sie befürchten, gar nicht erlebt werden kann. Vielleicht entschließen Sie sich bezüglich der Minerallieferung zu einer geringen Konzession. Für jede Tonne von ehedem ein einziges Pfund; damit doch die Fäden zwischen den Schwesterinseln nicht gänzlich abreißen.«

Auch das setzte ich nicht durch. Es blieb bei der strikten Weigerung, und der Bescheid, den ich zurückbrachte, lautete bündig: Solange Algabbi lebt, keine Unze!

Die Stimmung war trostlos, und wir Gäste litten mit unter der unheimlichen Spannung. Ich hatte das vorgefühlt, und man sagte uns nichts Neues, als man uns mitteilte, die Leiter des Staatswesens hätten auf meinen Besuch bei dem großen Gelehrten trotz alles Vorangegangenen die allergrößten Hoffnungen gesetzt. Man hatte sogar schon ein Freudenfest geplant, in dessen Mittelpunkt wir gestellt werden sollten. Jetzt herrschte Trauer, und wenn auch nicht aus Worten, so doch aus Blicken war der Vorwurf herauszulesen: dieser Deutsche hat es doch wohl an Nachdruck und Beredsamkeit fehlen lassen; Algabbi hat ihn eingewickelt, und schon beim ersten Motiv lag er wahrscheinlich platt am Boden.

Aber das Bild änderte sich. Wir hatten den begreiflichen Wunsch, von der verurteilten Insel je eher je lieber loszukommen, und wir bemerkten auch keine Anstrengungen der Leute, uns zu längerem Aufenthalte zu nötigen. Nur sollte es nicht wie Flucht aussehen; wir setzten daher noch einen zweitägigen Zwischenraum. Als wir am späten Nachmittag abreisten, meldete sich Forsankar, um uns bis ans Schiff zu begleiten. Auf seiner Physiognomie waren alle Wolken verflogen.

»Also Sie haben sich beruhigt,« sagte ich, »Recht so! Ihre Prognosen waren ja auch viel zu schwarz. Sie werden sehen, daß Sie einen Teil ihrer lebenswichtigen Betriebe auch ohne Zufuhr von Uran- und Thoriumerzen aufrecht erhalten werden.«

– Sie befinden sich im Irrtum. Die Betriebe wären verkümmert – Mein Ihnen so unvermuteter Optimismus hat einen anderen Grund. Die Sperre wird fallen.

»Nicht so lange Algabbi lebt.«

– Er ist tot.

Ich verstummte in Erschütterung. Eva fragte: »Ein Schlaganfall?«

– Wie man's nimmt. Es gibt auch Fernschläge. Und das Mittel, solche Schläge auf Distanz auszuteilen, beruht auf wissenschaftlichen Tatsachen, die kein anderer ermittelt hat, als Algabbi selbst. Ich persönlich habe damit nichts zu tun. Aber einer meiner Kollegen hat sich wohl dieses Verfahrens entsonnen, das wir jetzt seit zehn Jahren kennen, ohne es je benutzt zu haben.

»Dann hat er gemordet, der Schurke!«

– Sie hatten nicht so viel Entrüstung in Bereitschaft, als der Erfinder dieser Tötungsmethode uns durch seine Sperre morden wollte. Was ist schließlich geschehen? Ein Menschenleben weniger, ein längst verwirktes. Nicht der Rede wert im Vergleich mit so vielen. Dafür hat ja auch Ihre Ethik eigene ausreichende Rechtfertigungsgründe.

Wir wandten uns ab und begaben uns auf die »Atalanta«, die sich sofort in Bewegung setzte. Vom Lande her wehten uns geschwungene Tücher entgegen. Als es dunkel wurde, bemerkten wir durchs Teleskop das Aufsteigen zahlreicher Freudenraketen. Sie befanden sich offenbar wieder auf der Höhe der Situation, die Bewohner der mechanisierten Insel.

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.