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Die Inseln der Weisheit

Alexander Moszkowski: Die Inseln der Weisheit - Kapitel 6
Quellenangabe
year1922
correctorreuters@abc.de
typefiction
authorAlexander Moszkowski
titleDie Inseln der Weisheit
publisherF. Fontane & Co.
printrun1. bis 5. Tausend
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070827
modified20170719
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Sarragalla

Die mechanisierte Insel.

Wir waren noch eine tüchtige Strecke von der Insel entfernt, die eben in blaugrauen Umrissen am Horizont auftauchte, als der Funkapparat uns eine Nachricht zurief: »Fahrt verlangsamen!« Bald darauf erschien in der Luft ein bewegter körperlicher Punkt, der sich in rascher Annäherung zu einer menschlichen Figur entwickelte. Um es kurz zu machen: wir erhielten Besuch aus den Lüften. Der Apparat des Fliegers zeigte ein uns unbekanntes Modell von verblüffend kleinen Dimensionen; es umspannte ihn so eng, daß Flieger und Maschine wie eine Einheit erschienen. Es war also ersichtlich, daß ihm zum Antrieb und Flug ganz außergewöhnliche Kräfte zur Verfügung stehen mußten. Der Mann schien wirklich fliegen zu können, während unsere Luftkünstler, vergleichsweise betrachtet, hocken und sich von einem Apparat schleppen lassen.

Er landete auf Deck, entledigte sich seines motorischen Anhängsels und stellte sich vor: Forsankar, Ingenieur; beauftragt, uns zu begrüßen und uns schon während der Seefahrt einige Besonderheiten seines Inselgebietes zu erläutern. Auf diesem, wie wir sogleich erfuhren, spielt die Technik die ausschlaggebende Rolle; damit verbunden die Anspannung der Produktionsmethoden und die Zeitersparnis in jedem Betracht. Herr Forsankar betonte gleich zu Anfang, daß ihm andere Persönlichkeiten der Eilandgruppe als Erfinder noch überlegen wären; immerhin dürfe er sich als einen Exponenten seiner Heimat Sarragalla bezeichnen, zumal er auch zu den Spitzen der republikanischen Regierung zähle.

»Ihr Besuch erfreut uns,« sagte der Kapitän, »obschon wir eigentlich die Absicht hatten, Sie zu entdecken, während es jetzt beinahe so aussieht, als würden wir von Ihnen entdeckt. Sie werden also unser Schiff »Atalanta« früher besichtigen, als wir die Insel Sarragalla. Bis dahin haben wir, so taxiere ich, noch gute fünf Stunden; das bedeutet also für Sie eher ein Zeitopfer, als eine Zeitersparnis.«

– Rechnen wir genau, versetzte der Ingenieur; mein Hauptzweck ist doch, Sie möglichst rasch zu informieren, und da Sie sieben Hauptpersonen sind, so stehen bei Ihnen 35 Stunden Zeitgewinn gegen nur 5 Stunden Zeitverlust bei mir, somit . . .

»Sie rechnen sehr liebenswürdig,« unterbrach ich, »mit dieser Bevorzugung unserer Überzahl. Nur steht zu vermuten, daß Ihre Zeit kostbarer ist als die unsrige, da Sie ja Ihre Arbeit unterbrechen mußten, um uns zu belehren, während wir als Teilnehmer einer Expedition eine wunderschöne Seefahrt absolvieren und gar nicht ängstlich auf die Uhr zu blicken brauchen.«

– Trotzdem. Sie werden bald bemerken, daß ich unserem Prinzip der Zeitersparnis auf meine Weise sehr zweckentsprechend diene. Ich habe keinen Grund zu verhehlen, daß hier noch ein besonderes Motiv zu Grunde liegt; ein Motiv, daß mich sogar veranlassen wird, für die volle Dauer Ihres Aufenthalts meine Berufsarbeit zu vernachlässigen, um Ihnen meine freie Zeit zu widmen.

»Hört, hört! Hier wird uns ein Rätsel aufgegeben.«

– Dessen Lösung allein in Ihrer Hand liegen wird. Für jetzt nur soviel, daß wir schon in wenigen Tagen, vielleicht Stunden mit einer großen Bitte an Sie herantreten werden. Und wir versprechen uns die Erfüllung dieser Bitte um so eher, je schneller es uns gelingt, Sie von den Vorzügen unserer Einrichtungen zu überzeugen.

Wir entschlossen uns in aller Höflichkeit, die weitere Aufklärung abzuwarten. Zunächst unternahmen wir einen kurzen Rundgang auf der »Atalanta«, für deren Besichtigung unser Gast Interesse an den Tag legte. Mancherlei gefiel ihm, zumal die Ausstattung der Wohnräume. Allein bei den Maschinenanlagen änderte sich seine Haltung, wenngleich er bestrebt war, den Ton wohlwollender Beurteilung festzuhalten.

– Vorzüglich konstruiert, sagte er, wenn man bedenkt, daß Sie gezwungen sind, nach den Erfordernissen der alten Mechanik zu arbeiten. Daß dieser Typus an sich nicht mehr standhält, ist ja Ihren Gelehrten längst bekannt, denn er beruht auf der ungeheuerlichen Vergeudung an Brennstoff. Sie sind nicht die Herren, sondern die Sklaven des Materials. Äußersten Falles holen Sie aus einem Kilo Kohle 4000 nutzbare Kalorien, während Sie Billionen davon ungenützt darin stecken lassen. Ihre Kohle verhält sich wie ein Arbeiter, dem Sie mit ungeheurer Raumverschwendung Wohnräume bereiten, und der dafür pro Tag nur den Bruchteil einer Sekunde arbeitet. In dieser Hinsicht sind wir erheblich weiter.

»Wie, Herr Ingenieur!« rief ich, »sollte es Ihnen wirklich schon gelungen sein, durch Atomzerspaltung die ungeheuren Energien aus der Kohle freizumachen, die wir darin nur vermuten, ohne sie entwickeln zu können?«

– Nicht alle Energien, aber einen sehr lohnenden Teil, rund eine halbe Million Kalorien aus dem Kilogramm, also mehr als das Hundertfache Ihrer Leistung. Und wir brauchen dazu nicht einmal Kohle, jede beliebige Substanz liefert uns diesen Arbeitseffekt; wie Sie ganz richtig voraussetzen, durch Zermalmung der Atome. Wir benützen hierzu eine von uns entdeckte neue Strahlenart, die radioaktiven »Lambda-Teilchen«, die uns in unermeßlicher Fülle zu Gebote stehen. Diese Lambdas haben die Fähigkeit, Atome zu zerfällen, zwar nicht restlos, aber doch soweit, daß der eben genannte Effekt zu Tage tritt. Und Sie können sich vielleicht vorstellen, was unsere Maschinen bei solcher Energieentfaltung zu leisten vermögen.

»Nein, das kann ich mir vorläufig absolut nicht vorstellen; obschon uns ja Ihr eigener Flugapparat eine anschauliche Probe geliefert hat. Aber wenn Sie dermaßen im Großen wirtschaften, wo kriegen Sie die vielen ›Lambdas‹ her? Alle radioaktiven Mittel sind doch nur in minimalen Mengen vorhanden und unerschwinglich teuer; liegt denn das Radium bei Ihnen auf der Straße?«

– Sozusagen. Zwar nicht direkt bei uns, wir beziehen es vielmehr von unserer Nachbarinsel Vorreia. Dort sind die Minerale Thorium und Uran in unerschöpflichen Lagern vorhanden, die dortige Erde ist der niemals auszuleerende Kraftspeicher, aus dem wir die Radioaktivität in beliebigen Mengen gewinnen.

In Mac Lintocks Augen begann es wieder einmal kalkulierend zu züngeln. Spottbilliges Radium? Wo man in Amerika und Europa schon für ein tausendstel Gramm tief in die Tasche greifen muß – das eröffnete unabsehbare Aussichten.

Forsankar ergänzte: Ich muß hinzufügen, daß diese Nachbarinsel uns nicht nur materiell, sondern auch ideell ganz hervorragend befruchtet. Unsere besten Methoden und Erfindungen stammen von dort. Sie sind in der Mehrzahl dem Kopfe eines Mannes entsprungen, der auf Vorreia lebt. Er heißt Algabbi, und vereinigt in sich alle Genialitäten des physikalischen Forschers und Technikers. Eine Kombination von Lionardo, Faraday und Edison in erhöhter Potenz. Er war es auch, der als Geologe die radiumhaltigen Mineralschätze der Insel erschlossen hat, die Energiereservoire, die auf der Welt nicht ihres Gleichen haben.

»Verzeihen Sie, Herr Forsankar, – dann wäre es doch für uns eigentlich ratsamer, direkt nach Vorreia zu steuern. Bei aller Hochachtung vor Ihnen und Ihrer engeren Landesgenossenschaft scheint mir doch nach Ihren eigenen Superlativen die Insel Vorreia wichtiger; um doch vor allen Dingen einen Mann wie diesen Algabbi kennen zu lernen, von dem Sie solche Wunder erzählen.«

– Das wird leider nicht so einfach sein. Algabbi ist alt und launisch, und es hält schwer, zu ihm vorzudringen. Mir persönlich wäre das ganz unmöglich; vielleicht macht er mit Ihnen später eine Ausnahme, wenn Sie zuvor erfahren haben, worauf es ankommt; und hierzu ist es eben unerläßlich, daß Sie Ihren ersten Besuch unserer Insel Sarragalla widmen, auf der die technischen Impulse jenes Mannes ihre weiteste Ausbreitung gewonnen haben.

Auf dem Bodensatz unserer Unterhaltung blieb nach wie vor ein ungeklärter Rest. Wir stellten natürlich unsere Neugier zurück, und es fiel uns nicht schwer abzulenken, da der Ingenieur den Wunsch äußerte, unsere Schiffsbücherei ein wenig genauer zu betrachten. Sie war zuvor nur gestreift worden, und uns selbst lag daran, diese Schätze vor dem Besucher paradieren zu lassen. Seine Sprachkunde ermöglichte ihm eine ausreichende Würdigung der Büchersammlung, und er verstieg sich zu der schmeichelhaften Äußerung, daß wir in dieser Hinsicht wenigstens keinen Wettbewerb zu scheuen hätten.

»Die Bücher stehen für die Zeit unserer Anwesenheit zu Ihrer Verfügung,« sagte Eva.

– Ich werde vielleicht davon Gebrauch machen, entgegnete er, – oder vielmehr, da ich gewohnt bin, sehr rasch zu lesen, so würde mir die Vergünstigung genügen, darin eine Viertelstunde blättern zu dürfen.

Wir ließen ihn eine Weile allein und begaben uns auf Deck, angesichts der inzwischen sehr nahegerückten Insel. Als wir zurückkehrten, trat er uns mit einem aufgeklappten Bande entgegen und rief frohlockend: – Denken Sie nur, ich habe hier einige Hinweise gefunden, die in wenigen Zeilen auf das Programm unserer Insel deuten . . .

Und ich werde Ihnen auswendig sagen, worin Sie gelesen haben, erwiderte ich: in den Werken von Walther Rathenau. Ein Zufall für Sie, keiner für mich, denn die Kombination liegt nahe: Wenn Ihr Land wirklich im Zeichen der höchstentwickelten Technik steht, so möchte ich es schon jetzt als »die mechanisierte Insel« bezeichnen. Und der Begriff der Mechanisierung ist von keinem Autor so schön und tiefgründig erörtert worden, als eben von Rathenau. Er hat ihm gleichsam Flügel gegeben und ihn befähigt, die ganze konkrete Wirklichkeit zu durchfliegen.

Donath meldete sich: Dann schlage ich vor, einige Kernworte daraus vorzulesen; wenn man nur wüßte, welche; ich weiß in diesen Schriften nicht Bescheid.

Der Ingenieur reichte mir den Band hin, ich ergänzte ihn noch durch einen andern und wählte auf gut Glück etliche Stellen:

»Gegeben ist die Quantität der menschlichen Einzelleistung, gegeben die bewohnbare Erdoberfläche, gegeben, aber praktisch fast unerschöpflich und nur an den menschlichen Arbeitseffekt gebunden, ist die Menge der greifbaren Rohprodukte, praktisch unermeßlich sind die verwertbaren Naturkräfte. Aufgabe ist es nun, für die zehnfach, hundertfach sich vermehrende weiße Bevölkerung Nahrung und Gebrauchsgüter zu schaffen . . . Dies war nur auf einem Wege möglich: wenn der Effekt der menschlichen Arbeit um ein vielfaches gesteigert und gleichzeitig ihr Emanat, das produktive Gut, auf das vollkommenste ausgenutzt werden konnte. Erhöhung der Produktivität unter Ersparnis an Arbeit und Material ist die Formel, die der Mechanisierung der Welt zugrunde liegt . . .« ». . . Wenn ich einen Brief zur Post trage, kostet dieser Brief mich fünf Arbeitsminuten; trage ich sechzig Briefe auf einmal zur Post, so kostet mich jeder Brief fünf Arbeitssekunden . . .«

». . . Dem wirtschaftlich Betrachtenden erscheint die Mechanisierung als Massenerzeugung und Güterausgleich; dem gewerblich Betrachtenden als Arbeitsteilung, Arbeitshäufung und Fabrikation; dem geographisch Betrachtenden als Transport- und Verkehrsentwicklung und Kolonisation; dem technisch Betrachtenden als Bewältigung der Naturkräfte; dem wissenschaftlich Betrachtenden als Anwendung der Forschungsergebnisse; dem sozial Betrachtenden als Organisation der Arbeitskräfte; dem geschäftlich Betrachtenden als Unternehmertum und Kapitalismus; dem politisch Betrachtenden als real- und wirtschaftspolitische Staatspraxis . . .«

»Die Mechanisierung erscheint als eine ungeheure, nie endende Vorbereitung; Geschlechter werden erzeugt, ernährt, vermehrt und ins Grab geworfen, ohne Aufschauen, ohne Ausblick, und die Bewegung schreitet weiter, zu vergrößerten Zahlen, erhöhten Dimensionen und gesteigerten Kräften. Diese Not ist mit keiner zu vergleichen, die früher war. Denn sie ist nicht von den Elementen gesendet, wie Kälte, Dürre, Flut und Sterbe, sie ist vom eigenen Willen der Menschheit entfacht und hochgetrieben . . .«

». . . Hieraus folgt, daß eine gewaltige Zunahme jener Weltbewegung, die ich Mechanisierung genannt habe, uns bevorsteht . . . daß die intellektuale, seelenlose Geistigkeit der Mechanisierung, ihren Zenith noch lange nicht erreicht hat.«»Mechanik des Geistes« und »Kritik der Zeit« von Rathenau.

– Ganz gewiß, schloß der Ingenieur an, ist damit die Linie der Notwendigkeit vorgezeichnet, und wir ziehen auf unserer Insel die vorläufig letzten Konsequenzen. Sie werden somit wie in einen Zauberspiegel blicken. Wenn schon ein Zenith der Mechanisierung erreichbar ist, dann dürfen gegen diesen Aufstieg keine Bedenken auftreten. Denn sie ist und bleibt eine geistige Angelegenheit, worin der Intellekt triumphiert; der Intelligenz geoffenbart in einem Höchstmaß der Technik wie wir sie, den Spuren Algabbi's folgend, zum Regulativ und durchgreifenden Prinzip erhoben haben.

»Wenn es so ist, wie Sie sagen – und die Vorzeichen sprechen ja dafür – dann liegt für uns genug Anlaß zur Bewunderung vor. Ein Land der erhöhten Technik ist nach üblichem Maßstab ein Land der erhöhten Kultur. Es wäre nur zu erörtern, wie Technik und Mechanisierung in den Grundwurzeln zusammenhängen. Ergäbe sich hier eine Identität, so müßte man ja auch in der Mechanisierung des Lebens selbst den größten Fortschritt anerkennen. Und ich verhehle Ihnen nicht, daß sich hiergegen etwas in meinem Innern sträubt. Mir ist die Mechanisierung bei uns zu Lande, in Europa, in mancher Hinsicht schon so widerwärtig, daß ich der Hochspannung dieses Prinzips nur mit Bangen entgegensehe.«

– Uns gilt als Hauptsache, daß Ihnen die Gestaltung imponiert, und daß Sie Ihre Kenntnisse erweitern. Darin liegt doch ein geistiger Gewinn, den Sie gerechterweise nicht verkennen werden. Übrigens sind wir jetzt am Peer, und wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich in Ihrer Gesellschaft.

* * *

Die Ortschaft bot den Anblick einer ganz modernen belebten Fabrikstadt mit Anflügen aufgetünchter Eleganz, ohne Hintergründe einer geschichtlichen Vergangenheit. Kein Edelrost lenkte in dieser versteinerten Gegenwart den Sinn auf etwas Gewesenes, und schon beim ersten Aspekt spürte man, daß es da keine verlorenen Winkel geben konnte, in denen sich etwa Spuren von Romantik versteckt hielten. Es sei aber vorweggenommen, daß die Menschen aus hellen Augen um sich blickten und keinen gedrückten Eindruck machten; der revolutionierende Typ des murrenden Fronarbeiters trat nur in ganz vereinzelten Exemplaren auf. Es bestand also eine gewisse Harmonie zwischen Stadtbau und Bevölkerung, insofern sich die Fassaden nach keiner Vergangenheit, die Menschen nach keiner Zukunft sehnten; alles war auf die zu erlebende Minute eingestellt.

In den meisten Straßen gab es keinen Wagenverkehr, sie waren vielmehr den Fußgängern vorbehalten, die man aber genauer als Fußfahrer bezeichnen müßte. Denn der ganze Straßenbau war beweglich und glitt unablässig, in der Mitte geteilt, nach den beiden Richtungen. Was auf einigen europäischen Ausstellungen als »Trottoir roulant« gezeigt wurde, war hier nicht eine belustigende Kuriosität, sondern eine ständige Verkehrseinrichtung. Es gehörte eine gewisse Körpertechnik dazu, um sich aus dem Zustand der stehenden Ruhe auf die schnell dahineilende Plattform zu schwingen und sich im Augenblick ihrer Geschwindigkeit anzupassen. Allein wir lernten es rasch, und selbst unser wenig gelenkiger Amerikaner, der zuerst über die verdammte Akrobatik schimpfte, kam nach einigen grotesken Anläufen in ein leidliches Gleichgewicht. Und schon bei der zweiten Fahrt meinte er, dies wäre eigentlich die ideale Lösung des Beförderungsproblems: ein Automobil von Meilenlänge, jeder Mensch Autobesitzer, jeder Punkt Haltestelle, keine Sekunde Stillstand, und was doch auch mitspräche: durchweg Gratisfahrt, also eine soziale Wohltat für die unteren Klassen. Tatsächlich war das Ganze eine staatliche Einrichtung, die einmal vor Jahren konstruiert, nur sehr geringe Unterhaltungskosten beanspruchte; da ja all das, was wir unter Betriebsspesen verstehen, vermöge der Atomspaltung beinahe auf Null zusammenschrumpfte.

Der fahrbare Boden beschränkte sich nicht auf die Hauptstadt, sondern erstreckte sich weit über die Vororte; während tiefer ins Land hinein eingleisige Eisenbahnen führten. Denn die Insel Sarragalla besitzt eine bedeutende Ausdehnung, und der Handelsverkehr von Ort zu Ortschaft, von Fabrik zu Markt, entspricht in seiner Lebhaftigkeit den Größen der Warenproduktion. Zu neun Zehntel werden die Güter erzeugt, weil und damit man sie verlangt, und sie werden verlangt, weil und damit sie erzeugt werden, so daß Nachfrage und Angebot zusammen eine Schraube ohne Ende bilden. Trotz dieser Massenhaftigkeit des Konsums und der Offerte genügt die eingleisige Anlage der Bahnen, ja das »Geleis« dient hier nur in Form einer einzigen Schiene als Grundlage.

Wir fanden das erstaunlich. »Wieso fallen die Züge nicht um, wenn sie mit nur halber Räderzahl auf einem einzigen Stahlstrang rollen?«

Der Ingenieur erläuterte: Die Ihnen geläufige Anordnung mit Rädern rechts und links auf der Doppelschiene gehört für uns zu den Unbegreiflichkeiten der altväterlichen Technik. Jedes Straßenkind, das seinen Kreisel peitscht, hätte Ihnen sagen können, daß ein sausender Schwerkörper sogar in einem einzigen Punkte die genügende Gleichgewichtsunterlage findet, weil die Rotation eine widerstandskräftige Achse erzeugt. Es ist also lediglich eine Aufgabe vorgeschrittener Mechanik, in dem Zuge so starke Rotationskräfte wirken zu lassen, daß ein Überkippen zur Rechten oder Linken der einzigen Mittelschiene ausgeschlossen wird. Sobald nun ein Gegenzug signalisiert wird, senken sich vorn und hinten zwei gebogene Tangentialflächen herab, die, wie der ganze Zug, gleichfalls mit einer Mittelschiene versehen sind. Dann fährt der Zug B über den Zug A glatt hinweg; und wenn man unseren Insassen erzählte, daß man zu derselben Prozedur anderswo vier Stränge samt einer Menge von Weichen und Stellwerken braucht, so käme ihnen das wie eine schnurrige Anekdote vor.

»Und der Gefahrfaktor? Bei der allergeringsten Inkorrektheit in so heikler Maschinerie müssen sich doch bei Ihnen die ärgsten Katastrophen ereignen!«

– Aus dieser Befürchtung spricht wieder die Rückständigkeit eines Bürgers, der noch in den Kinderschuhen der Mechanisierung steckt. Auch Sie besitzen eine Feinmechanik, allein Sie verwenden sie hauptsächlich zu zwecklosen physikalischen Spielereien, mit denen man Studenten im ersten Semester verblüfft: etwa um in eine Glastafel unsichtbare Gitter zu ritzen, die sich unter dem Mikroskop als schön quadratisch entpuppen, oder um eine Wage für das Gewicht eines Staubkorns empfindlich zu machen. Daß man aber die Feinmechanik mit der Starkmechanik in einem Apparat verschmelzen kann, das geht euch nicht ein. Werden sie so verschmolzen, wie Sie es hier erleben, dann funktioniert eben die Großkraftmaschine selbst auf schmalster Unterlage mit absoluter Unfehlbarkeit, und Sie können eher erwarten, daß der Erdplanet, als daß einer unserer Züge auf seiner Bahn entgleist.

Dieser Äußerung folgte eine Bewegung, die wir nicht recht verstanden. Herr Forsankar griff nämlich in seine Tasche, zog seine Uhr, sah aufs Zifferblatt, hielt sie an den Mund und lispelte hinein. »Was machen Sie da?« fragte Rottek: »Sie sprechen mit Ihrer Uhr?«

– Ich habe soeben eine wichtige Unterredung mit meinem Ressortchef geführt, der zu dieser Stunde meinen Anruf erwartete. Das Instrument ist allerdings auch eine Taschenuhr, aber kombiniert mit einem drahtlosen Telephon in der nämlichen Goldkapsel. Warum soll man zwei Gegenstände mit sich schleppen, wo einer genügt?

»Und eine wichtige Besprechung erledigen Sie in einer halben Minute?«

– Durch Breviloquenz. Es ist mir sehr wohl bekannt, wie Sie in Europa trotz der ungeheuerlichen Fernsprechtaxen telephonieren. Sie, und besonders Ihre Damen hängen sich viertelstundenlang an den Hörer zur Erörterung und Beplauderung der gleichgültigsten Angelegenheiten; weil Sie eben so wenig mechanisiert sind, daß Ihnen der kostbarste, gar nicht ersetzliche Rohstoff, die Zeit, für nichts gilt. Unser Prinzip der Zeitersparnis hat uns dazu geführt, eine neue, überaus kompendiöse Kurzsprache zu erfinden. Wir sprechen brachistolinguisch; in Abkürzungen, die ich natürlich nicht anwenden darf, wenn ich mich mit Ihnen unterhalte, die aber bei uns von jedermann vestanden werden.

»Diese Methode ist uns nicht ganz fremd. Wir sagen Hapag, Ufa, AEG, Aboag, Sipo und viele derartige Abbreviaturen, die längere Wortgebilde ersetzen. Wir haben auch im Telegrammverkehr ein Register von Chiffreworten zur Ersparnis längerer Sätze. Wenn ich an ein Hotel telegraphiere »Belab Gransera« so versteht der Empfänger ohne Weiteres: Ich wünsche für heute zwei Zimmer mit zwei Betten und gedenke zwischen sieben Uhr abends und Mitternacht dort einzutreffen.«

– Sie haben also eine dunkle Ahnung vom Prinzip, dessen Ergiebigkeit Ihnen völlig verborgen bleibt. Es ist so, als wären Sie beim ersten elektrischen Lichtbogen zwischen zwei Kohlenspitzen stehen geblieben, ohne zu vermuten, daß sich darin die Beleuchtungstechnik für die ganze Welt versteckt; oder als hätten Sie eine Erzader angeschlagen und begnügten sich mit den ersten paar Kilogramm, während dahinter Millionen von Tonnen des kostbaren Minerals lagern. Mit einem Wort: diese Breviloquenzen, wenn Sie zur Zeitgewinnung wertvoll werden sollen, müssen das Hauptprinzip der ganzen Verkehrssprache werden. Tatsächlich läßt sich der längste Sinn durch Fortlassung alles Entbehrlichen und durch Komprimierung der Sätze, Worte und Silben auf Elementarlaute in den knappsten Ausdruck pressen. Sie würden staunen in unseren Ministerkonferenzen und Kammerdebatten; von der ersten Vorbereitung eines Gesetzes bis zur Annahme: ein Vormittag. Maximale Sprechdauer eines Redners 35 Sekunden.

»Wir würden das Durchpeitschung in drei Lesungen nennen.«

– Das sind mindestens zwei Lesungen zuviel; denn wenn man sich zuvor zwischen Ministern und Abgeordneten ausreichend drahtlos verständigt hat, genügt eine breviloquente Sitzung von kürzester Dauer. In der Zeit, die Sie für eine Zeile der Geschäftsordnung brauchen, verbunden mit den persönlichen Beschimpfungen der gegnerischen Parteien, erledigen wir einen ganzen Jahresetat. Und wenn ein Gesetz bei Ihnen im amtlichen Druck zwanzig Seiten verschlingt, so kommen wir mit einer halben Spalte aus; und proportional hierzu mit einer winzigen, leicht zu besoldenden Beamtenschar.

»Wir halten eben auf Genauigkeit im Gesetzestext, während sich doch bei Ihnen leicht Mißverständnisse einstellen können.«

– Umgekehrt, verehrter Herr! Wir sind ja über eure Verhältnisse gut unterrichtet, und wir wissen, daß sich bei Ihnen das Volk über den Inhalt der Paragraphen genau so den Kopf zerbricht wie die Behörden, die das Gesetz auszuführen haben. Weil Unklarheit und Mißverständnis die natürlichen Kinder der Weitschweifigkeit sind. Ihr Deutschen insbesondere seid ja ein Volk der Dichter und der Denker, das heißt, ihr habt auch in das Gesetzwesen von den Dichtern den Schwulst und von den Philosophen die Dunkelheit übernommen. In jedem Deutschen steckt ein dunkler Heraklit, da er im Grunde wenig mechanisiert ist. Wäre er wirklich auf Exaktheit eingerichtet, so hätte er längst die Kunst der Stenologie, der Formelsprache, des zeitsparenden Ausdrucks erfunden.

»Können Sie uns nicht einige Proben dieser Kunst aufsagen?«

– Sie würden sie kaum verstehen, weil Sie von Natur aus gewöhnt sind, in breiten, grammatisch konstruierten Sätzen zu denken. Aber oberflächlich will ich Ihnen andeuten, worauf es ankommt. Ich knüpfe dabei an die überaus seltenen Fälle an, in denen Sie selbst die Vielwörterei als lästig und unökonomisch empfinden, die Verkürzung – Aposiopese oder Ellipse – dagegen als eine Wohltat. Im Virgil beschwichtigt Neptun die Winde mit dem berühmten Kurzruf »Quos ego!« Kein Substantiv, kein Verbum, keine Spur eines Satzes. Die Drohung bedeutet aber: Hört mal, ihr Winde, wenn ihr jetzt nicht Ruhe gebt, dann will ich euch meine Macht fühlen lassen, daß euch das Blasen vergehen soll! Hat nun die Kürze die Deutlichkeit beeinträchtigt? Im Gegenteil, sie hat sie verstärkt. Oder stellen Sie sich vor, Sie kämen auf den Bahnhof einer Provinzstadt und läsen dort die Bekanntmachung: »Da hier erwiesenermaßen viele Taschendiebe verkehren, die sich das Gedränge zunutze machen, um ihr unsauberes Handwerk auszuüben, so wird das Publikum aufgefordert, mit geschärfter Aufmerksamkeit auf seine Wertsachen Acht zu geben, damit es keinen durch die Langfinger verursachten Verlust beklage, wobei zu bemerken, daß diese Warnung nicht nur den Reisenden selbst gilt, sondern überhaupt allen Personen, die sich zu irgendeinem Zwecke in den Hallen dieses Bahnhofes aufhalten.« Wie umständlich! würden Sie denken, wie langatmig, zweckwidrig, vorsintflutlich! da doch die zwei Worte »Achtung Taschendiebe!« ganz dasselbe besagen. Nun, genau so wie Sie dieses Provinzplakat taxieren, so beurteilen wir Ihre gesamte Verkehrssprache. Und wohl verstanden: mit der Fortlassung der entbehrlichen Worte ist es nicht getan; es müssen tausende von Formeln erfunden und durch Verabredung eingebürgert werden, tausende von Sigeln, die in wenigen Silben lange Gedankengänge aufnehmen; sowie die kurzen Formeln der Fallgesetze alle erdenklichen Möglichkeiten des freien Falles umspannen. Daraus ergeben sich Ersparnisse, die sich auf europäische Dimensionen übertragen zu Milliarden von Arbeitsstunden summieren würden. Und nun überlegen Sie, welche Unsummen Sie durch Ihre Longiloquenz vergeuden, und mit wie geringem Recht Sie sich den Titel mechanisierter Völker beilegen.

»Aber soeben unterhielten Sie sich doch durch Ihr Taschentelephon. Sie können, wie es scheint, beliebig anrufen und angerufen werden; und hieraus folgt doch, daß bei Ihnen Jedermann die Zeit Jedermanns beanspruchen darf.«

– Das wäre ein Fehlschluß. Unsere ganze Erziehung ist auf den Respekt vor der Zeit eingerichtet, und die Sekunde des Nebenmenschen wird mit Ehrfurcht behandelt. Vielleicht liegt gerade hierin der größte Vorteil unserer durchgreifenden Mechanisierung. Jeder hat freilich die technische Möglichkeit des Anrufs, allein ehe er sie ausübt, wartet er auf das Gebot der dringendsten Notwendigkeit. Wir kennen keine telephonierenden Zeiträuber, von Person zu Person herrscht betreffs der Zeit sozusagen Eigentumsbegriff, und ohne meinen Willen wird aus meinem Zeittresor nichts herausgenommen.

»Das hört sich ja ganz moralisch an. Aber wie halten Sie es nun mit Ihrer »freien Zeit«, die ja danach recht erhebliche Maße erreichen muß.«

– Wieder ein Fehlschluß. »Freie Zeit« ist, recht betrachtet, ein Unding. Der mechanisierte Kulturmensch hat sie nicht, vermißt sie nicht, und wenn er sie hätte, so würde er versuchen, sie mit Arbeit zu füllen. Der Mensch ist das Integral seiner Lebenserscheinungen, und diese wissen nichts von freier Zeit. Der Atem, der Blutumlauf, die Erneuerung der Gewebe, die Verdauung, sie sind die idealsten Arbeiter, kennen keine Pause und machen keinen Feierabend. Der Mensch hat die mechanischen Vorbilder in sich selbst, warum sollte er ihnen nicht nacheifern?

»Weil er müde wird und sich erholen muß.«

– Je mehr er sich mechanisiert, desto weniger ermüdet er. Das Werk einer Uhr braucht nicht in die Ferien geschickt zu werden; ja wenn es technisch vollendet ist, bedarf es kaum einer Kraftergänzung. Diese Taschenuhr ist zum letzten Mal vor sieben Jahren aufgezogen worden, und sie geht heute noch. Gewiß, zu solcher Leistungshöhe wird sich der Mensch mit seiner animalischen Struktur niemals erheben, und um den leidigen Zwang der Schlafpause kommen wir nicht herum; aber unsere Physiologen sagen uns, daß sie auf dem besten Wege sind, Impulse herzustellen, die auch den schlaflosen Menschen nahezu in ein perpetuum mobile verwandeln werden. Was nun die Erholung betrifft, die vergnügliche Muße, so glaube ich, daß sie aus der Zeit der Sklaverei stammt und eines freien Mannes gar nicht würdig ist. Ruhe haben, das heißt für Unsereinen: Ruhig und ungestört arbeiten können; und wer über Nervosität klagt, der soll dafür nicht die Übermüdung, sondern die Überschonung verantwortlich machen. Bei sinniger Tätigkeit kann der Drang nach Kurzweil gar nicht auftreten, da er ein Symptom des Irrsinns bildet; denn Zeit und Raum sind gleichwertig, und wer sich mit Absicht, technisch zwecklos, die Zeit verkürzt, ist nicht anders zu beurteilen, als einer, der sich mutwillig den Raum verengt. Außerdem schlägt ihm der Effekt fast durchweg zum Gegenteil aus, denn niemals wird die Zeit so lästig, als wenn man sich amüsiert. Einem echten Arbeiter bietet das Amüsement nichts anderes als kristallisierte, glitzernde Langeweile.

»Aber Sie pflegen doch wohl auch die Künste und haben, wie wir im Vorbeigleiten bemerkten, Unterhaltungsstätten gebaut?«

– Für die kleine Minderheit der Genossen, die den Wert der Eigenarbeit noch nicht vollkommen erfaßt haben und deshalb vermuten, daß es außerhalb ihrer noch ein Vergnügen geben könne. In dieser Hinsicht sind wir tolerant und lassen ein Ventil offen, das sich bei völliger Durchmechanisierung der Bevölkerung von selbst schließen wird. Übrigens werden auch unsere Theater dem Prinzip der Kurzsprache unterworfen, so daß unsere längsten Schauspiele – beiläufig gesagt, sehr gediegene Werke – nicht länger dauern als bei Ihnen ein Sketch. Wir beginnen in der Regel um sechs Uhr nachmittags und schließen um halb sieben, wonach zwischen Theater und Nachtschlaf immer noch einige wertvolle Stunden für die Abendarbeit herauskommen.

»Bravo!« mußte ich unwillkürlich ausrufen. »Unser Impressionismus und Expressionismus verblaßt vor dem Kompressionismus, wie Sie ihn in Szene setzen. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich die Länge der Kunst schon seit Jahrzehnten als eine Tortur empfinde, und daß ich im Konzert noch heute nicht weiß, mit welchem Recht ein Symphoniker mich stundenlang auf den Platz festnageln darf.«

– Auch hier wird die Mechanisierung die erlösende Maßregel finden. Unsere Musikveranstalter haben bereits mit der »Brevisonanz« begonnen; das ist eine neumetronomisierte Tonkunst, die sich dem veränderten Zeitempfinden der Hochkultur anpaßt und vor allem die in der Altmusik grassierende Wiederholung der Phrasen, Takte und Noten vermeidet.

»Kann ich mir vorstellen. Wenn zum Beispiel Beethoven in seiner siebenten Symphonie den Ton E mindestens zwanzigmal hintereinander anschlägt und gar nicht davon loskommt, so genügt Ihnen an dieser Stelle ein einziges E; und wenn Sie dazu thematische Abbreviaturen einführen und das Tempo im Verhältnis von Blitzzug zu Postschnecke beschleunigen, so wird sich zu der Symphonie ein ganz erträgliches Verhältnis gewinnen lassen.«

– Sie wollen ironisieren und schildern doch ganz getreu eine zukünftige Gewißheit. In dem Wort vita brevis ars longa ist allerdings ein Mißverhältnis ausgesprochen, das sich der Kulturbürger späterer Jahrhunderte ganz gewiß nicht mehr gefallen lassen wird. Er wird wirklich nur die Wahl haben, solche Symphonie als hinderlichen Ballast auszuwerfen, oder sie auf den Maßstab seiner Emfangsorgane zu setzen.

»Wohl mir, daß ich kein Enkel bin!« sagte Eva; »womit ich mich durchaus nicht gegen eine beschleunigte Bewegung ausspreche; ich wäre jetzt sogar für ein Prestissimo – raten Sie mal wohin, Herr Ingenieur . . .«

– Sie meinen Ihren Gasthof und die Mahlzeit, die uns im »Hotel Experiment« erwartet. Einverstanden. Ihr Wunsch deckt sich nebenbei mit meinem Programm, denn ich wollte eben anfangen, Ihnen über die Ernährungsverhältnisse der Insel Vortrag zu halten. Da kann sich nun das Theoretische mit dem Praktischen bündig vereinigen.

»Ich vermute, es wird Fische geben,« bemerkte Eva, ohne ihren Scharfsinn sonderlich anzustrengen. Denn Fische scheinen auf einer Insel mit ausgedehntem Seebetrieb selbstverständlich, und wir hatten zudem bei einem Durchblick auf Meer und Hafen zahlreiche Fahrzeuge erblickt, die zu je zweien mit Netzwerk bespannt waren. Trotzdem stimmte die Prognose der Gefährtin nicht mit den Tatsachen. Es gab keine Fische, sondern Plankton.

Ausschließlich Plankton. Das Nationalgericht der Sarragallesen und zugleich das Lebenselement, worauf das soziale Gleichgewicht der Insel sich gründet.

Es ist anzunehmen, daß noch keiner meiner Leser eine richtige Planktonmahlzeit genossen hat. Ich möchte indes schon hier ansagen, daß unsere Nachkommen das von den Vorfahren versäumte milliardenfach nachholen werden; und daß es ihnen dann wie eine trübselige Legende vorkommen wird, wenn sie vernehmen, daß in grauer Vorzeit so etwas wie eine »Ernährungsfrage« die Menschheit beunruhigt hat.

Die Naturgeschichte des Planktons läßt sich kurz erläutern. Es ist ein in unermeßlichen Mengen vorhandener, sich beständig erneuernder Meeresauftrieb, der unorganische Substanz in organische umsetzt. Bei Filtration liefert es einen Rückstand von einzelligen Pflanzen und kleinsten Tieren in immenser Anzahl. Auf einen einzigen Kubikmeter Wasser entfallen ungefähr drei Millionen Organismen, winzige Algen, Diatomeen, Peridineen und viele Tausende von kleinen Krebschen. Alle Nahrungsernten auf dem festen Lande verschwinden in Quantität vollständig gegen die Planktonernte, die sich bei geeigneter Konstruktion der Erfassungsmittel aus dem Ozean gewinnen läßt.Der erste, der in Europa auf die Zukunftsmöglichkeiten des Planktons hingewiesen hat, war der Tiefseeforscher Fürst Albert von Monaco.

Die zwischen den Schiffen ausgespannten, versenkbaren Netze gehen auf ein Urmodell zurück, das vor langer Zeit in Europa von Palombo erfunden wurde. In seiner Vervollkommnung durch Algabbi löst es das Problem derartig, daß die Planktonernte direkt in die Schiffe gelangt, fertig vorgebildet für eine kurze chemische Behandlung, welche die ozeanische Substanz in einen für Menschen und Tiere geeigneten Nahrungsstoff verwandelt. Er enthält Eiweiß, Kohlehydrate, Fette und Nährsalze in Prozentsätzen, die sich nach dem Willen des Chemikers beliebig verändern lassen. Da die Bearbeitungskosten gering sind und das Material an sich von der Natur selbst in Unerschöpflichkeit geliefert wird, so begreift es sich leicht, daß diese hochwertige Nahrung auf Sarragalla fast so wohlfeil ausfällt wie Luft und Trinkwasser.

Das Plankton ist aller Aggregatzustände fähig; es läßt sich als Flüssigkeit genießen, als Brei, als Streifen und Scheiben von beliebiger Konsistenz. Aber hier erhebt sich der Einwand: wird nicht ein Löffel, ein Bissen so schmecken wie der andere? und wo bleiben die feineren Anforderungen, die sich auf Varietät des Genusses richten?

Aber gerade hierin offenbart sich der Triumph dieser Ernährungsmethode. Er bedeutet zugleich einen Erfolg der Wissenschaft, den wir nach dieser Seite vordem für unmöglich gehalten hätten: eine hohe Messe, die von der letzten Physik zelebriert wurde, über Grundakkorde, die schon Lord Kelvin, Helmholtz, Faraday und Hertz vordem leise angeschlagen hatten.

Während wir Europäer nur über die Bedingungen der Geschmacksempfindung etwas wissen, nichts aber über die Art, wie sie zustandekommt, haben die Physiker der Insel deren eigentlichen Grund aufgedeckt. Sie schlugen die Brücke von den optischen und akustischen Erscheinungen zu den hier obwaltenden und haben ermittelt: der Geschmack beruht auf Wellenerregungen, auf Schwingungen der Elektronen in den Atomen der Zungen- und Gaumennerven. Saporische Kraftfelder wurden entdeckt, in denen die Phänomene der Interferenz, der Polarisation und der Induktion auftreten. Die Geschmacksnuancen wurden in eine bestimmt verfolgbare Reihe aufgelöst, wie die der Farbe und des Tons. Und so wie sich eine schwingende Saite auf eine gewollte Tonhöhe einstellen läßt, so gelang es hier, jeder eß- oder trinkbaren Substanz jede gewünschte Geschmacksschattierung zu induzieren. Das Instrument, das dieses Wunder leistet, ist der »Telegusto«.

Es arbeitet mit einer Präzision, die dem verwöhntesten Feinschmecker genügen muß. Bevor die einzelne Planktonplatte tafelbereit aufgetragen wird, durchläuft sie den Wirkungsbereich des Telegusto, der in hundertfältigen Abstufungen die saporische Beeinflussung bereit hält. Sämtliche Früchte und Gewürze sind darin vertreten, dazu alle Geschmäcke von Wild, Fisch, Haustier, von allem was für Küche, Brauerei und Weinkultur in Betracht kommt. In dem Register des Telegusto gibt es keine Lücke. Auf einen Fingerdruck liefert er nach Bedarf ebenso die Auster, die Languste, den Sterlett, wie das Rehfilet, das Backhuhn, wie das Vanilleeis, die Schlagsahne, wie irgend einen Edelwein. Auf dem Wege der Illusion? Die Frage hat keinen rechten Sinn, denn unser Geschmack arbeitet auch im normalen Genußbetriebe mit einer Fülle von Illusionen. Außerdem hat sich hier ein Seitenzweig der Technik der Angelegenheit bemächtigt: die Maschine greift ein, um die Figur, die Härtegrade, die Farbe der Gerichte dekorativ zu modeln. So verwirklicht sich hier durch Wissenschaft und Instrument das Märchen vom Tischleindeckdich. Und wenn Fräulein Eva zuvor Fisch vermutet hatte, so war ihr Instinkt doch nicht ganz auf falscher Fährte: als dritter Gang erschien ein Gericht, das man nach üblichem Sinnenmaß für Aal in Kapernsauce nehmen konnte, optisch, haptisch und saporisch. Auch der Chemiker hätte kaum widersprechen dürfen, höchstens der Biologe mit der Feststellung: eigentlich ist es Plankton, und in der Substanz besteht zwischen diesem Fisch und diesem Gemüse kein Unterschied.

Mit einer leisen Dissonanz entlud sich Mac Lintock beim Nachtisch. Er erklärte: ihn könne man nicht täuschen, er spüre bei diesem Fruchtgelee ganz deutlich den Planktongeschmack auf der Zunge.

– Höchst merkwürdig! entgegnete Forsankar; Sie sind nämlich der einzige Tafelgast, der wirkliches Fruchtgelee ohne Plankton bekommen hat. Ich ließ es auf Ihren Teller schmuggeln, um einen Kontrollversuch anzustellen; dessen Ergebnis beweist, daß wir allen Grund haben, mit der Illusion wie mit einer Wirklichkeit zu rechnen.

Es schmeckte uns ausgezeichnet, und der Gedanke, daß alle Insulaner ohne Ausnahme sich solcher ebenso vorzüglicher wie billiger Genüsse erfreuen durften, stimmte uns über sonstige Lebenshöhe. Denn der Neid wurde hier niedergehalten durch die elementare Freude an der erreichten Kulturhöhe. Sarragalla in der Welt voran! Ein Land, in dem sich die Gedanken frei auswirken können, da der Kopf von der drückendsten aller Sorgen, von der Magennot entlastet wird!

»Mir wird jetzt mancherlei klar,« sagte ich, »und vor allem sehe ich die Mechanisierung in neuem Lichte. Wenn es der Technik gelingt, das Ernährungsproblem in so großem Stil zu lösen, dann hat es gewiß längst das Gespenst der sozialen Frage verscheucht.«

– Nicht längst. Denn auch wir befinden uns noch in einem sozialen Übergangsstadium. Richtig ist, daß wir die Morgenröte einer neuen Zeit erlebt haben, deren Licht dem sozialen Gespenst das Umherspuken gewaltig erschwert. Allein wir leiden doch noch an gewissen Nachwehen einer dunklern Vorzeit, die durch mangelhafte Technik und also auch durch soziale Mißstände charakterisiert war. Richtig ist vor allem, daß unsere Arbeiterschaft allen Grund zur Zufriedenheit besitzt, und daß die Lohnkämpfe auf der so schön bereiteten Ernährungsgrundlage nahezu allen Sinn verloren haben. Wo noch unausgeglichene Reste zwischen Anspruch und Bewilligung existieren, da finden wir uns in der Regel leicht auf einer mittleren Linie. Denn unsere Arbeiterschaft besitzt, wie begreiflich, einen Zug ins Geistige, sie hat fast durchweg die Stufe des Frondienstes überwunden; um in die Edelarbeit hineinzuwachsen. Jeder Gedanke unserer Forscher setzt eine Unsumme von Arbeitskräften in Bewegung, die sich im Experiment, an der Maschine, zu praktischem Behuf betätigen müssen, um den Gedanken zu allseitig brauchbarer Wirklichkeit auszufolgern. Wenn ein Mechanismus bedient wird, so wiederholt sich nicht ein und derselbe Handgriff in trostloser Unendlichkeit, sondern die Tätigkeit selbst differenziert sich erfinderisch in der Hand des Arbeiters. Wissen Sie, was uns schon passiert ist? Wir hatten in einem bestimmten Betrieb für die Arbeiten den Achtstundentag von Staats wegen eingeführt. Da regte sich die Unzufriedenheit, es entstand eine Bewegung unter den Leuten . . .

»Dergleichen ist uns bekannt; sie wollten Verkürzung auf sieben oder sechs . . .«

– Nein, Verlängerung auf zwölf Stunden. Und zwar ohne gewinnsüchtige Absicht, denn sie waren ohnehin am Ertrage reichlich beteiligt. Allein sie erklärten, sie hätten soviel Interesse an der Arbeit, soviel geistigen Genuß, daß sie sich dieses Vergnügen nicht durch ein knappes Limitum beschränken lassen wollten. Unsereiner kann das ja nachfühlen, denn ich zum Beispiel, den die geistigen Obliegenheiten bis in die Träume hinein verfolgen, ich kann mich getrost auf einen zwanzigstündigen Normalarbeitstag berufen; und ich würde direkt in Geistesnot geraten, wenn mir mitten im Tage mit einem Klingelzeichen Schluß befohlen würde.

»Das könnte zu einer neuen Auslegung des Trägheitssatzes von Galilei führen: der geistige Mensch arbeitet unausgesetzt, weil ihm die Trägheit, das Beharrungsvermögen dazu zwingt; er ist zu träge, um aufhören zu können.«

– Klingt ein bißchen paradox, ist aber richtig. Die Hauptsache im mechanisierten Staate bleibt, daß sich der Muß-Arbeiter zum Will-Arbeiter umbildet. Innerhalb der Kohlewirtschaft ist das unmöglich. Allein da wir uns durch die Lambdakräfte von der Kohle emanzipiert haben, so werden wir dieses Ziel in wenigen Jahrzehnten auf der ganzen Linie erreichen. Erst jetzt beginnt man zu fühlen, daß die Intensität der Arbeit Selbstzweck ist; daß die Zeit reif wird zur Überwindung des Millionär-Kapitalismus, um den geistigen Kapitalismus an seine Stelle zu setzen. Das alles verträgt sich sehr gut mit einer Sozialisierung, in der die Individuen der Unterschicht ganz von selbst in die intellektuelle Oberschicht hineinwachsen. Die Freude an der Bewältigung der mechanischen Probleme, Jedermann als Teilhaber des Lustmonopols, der Staat als Freudenversorger, die Mechanisierung und der Sozialismus als rein geistige Angelegenheit, – das sind die Dinge, auf die es ankommt.

»Sind Sie denn nun mit der Sozialisierung wirklich fertig geworden?«

– Noch nicht, oder vielmehr, wir beabsichtigen gar nicht, es zu werden. Denn sie ist unvollendbar; es gibt kein Finale und keinen Schlußpunkt. Aber es wird Sie interessieren, einiges aus den Zwischenstadien zu erfahren, in denen allerdings viel experimentell Unfertiges zu Tage trat. Da waren Schwarmgeister, die nicht nur die Betriebe, sondern auch die Ehe und die Familie sozialisieren wollten. Das Reservat des Einzelnen an die Frau sollte beseitigt werden. Andere begnügten sich nicht damit, die Liebe aus dem Privatbesitz auszuschalten, sie wollten sogar die Freundschaft in Kommunalverwaltung überführen.

»Das ist ein hübscher Gedanke. Der Staat als Monopolist aller seelischen Neigungen, der die Bedürfnisse des Gemütes als ein Rechenexempel behandelt. Er ermittelt die Summe der vorhandenen Liebes- und Freundestriebe, dividiert sie durch die Kopfzahl und weist jedem sein Quantum zu. Eigentlich wäre diese Rationierung ganz korrekt; denn es ist ja nicht nötig, daß der eine als ein Krösus an Freundschaften und zarten Beziehungen dasteht, während sein Nebenmensch um ein bißchen Zuneigung betteln muß. Man könnte die Idee noch weiter spinnen. Ich denke es mir beispielsweise gar nicht übel, wenn das Sanitätswesen gründlich sozialisiert würde.«

– Dafür haben wir in der ganzen Welt die Ansätze im Impfzwang, in der Krankenversicherung und anderen Einrichtungen. Wir hatten allerdings vor zehn Jahren radikale Reformer mit weit schärferem Programm. Sie behaupteten, es müsse der medizinischen Technik gelingen, die Einheitsarznei herzustellen, und verlangten die gleichmäßige Verteilung dieses Medikamentes an sämtliche Patienten; auch dürfe keinem Kranken eine kräftigere Diät oder eine längere Bettruhe verordnet werden als dem andern. So weit ließ sich die Nivellierung natürlich nicht durchführen, ebensowenig auf gewissen anderen Gebieten. Einige Extremisten versuchten sich an der Kunst; sie forderten das sozialisierte Theater und Orchester. Der Dirigent, so sagten sie, ist ein Monarch mit autokratischen Befugnissen; also fort mit ihm. Die Musikkapelle ist eine soziale Einheit, in der jedem Teilnehmer das gleiche Recht an Taktzahl, Tonschwingung und Klangstärke zusteht. Ähnlich im Theater. Wie kommt eine Heroine dazu, sich oben zehnmeterweis in Raumwillkür auszutoben, während unten die Souffleuse bewegungslos im engen Käfig hocken muß? Warum soll ein prominenter Schauspieler mehr Beifall und Lohn beziehen als ein Kulissenschieber? Tatsächlich ist dieses Extremprogramm sehr weit verfolgt worden; bis wir merkten, das wir über all diesen Organisationen, Tariffragen und Gewerkschaften die Kunst doch allzusehr aus den Augen verloren . . .

»Es gibt kein ›allzusehr‹, sollte ich meinen, in einem Staate, der doch ohnehin auf die Kunst keinen entscheidenden Wert legt. Entweder man sozialisiert, oder man unterläßt es . . .«

– Oder man sucht die gesunde mittlere Linie, wie ich bereits betonte; auf die Gefahr hin, mit diesem Suchen niemals zu Ende zu gelangen. Genug davon! Ich möchte Sie jetzt einladen, mir in das Experimentier-Institut zu folgen. Sie werden dort Einblicke in Experimente gewinnen, die zum Teil in eine großartige mechanische Zukunft hinweisen. Dort werden Sie auch erfahren, daß gewisse Sorgen uns bedrücken, zu deren Linderung Sie beitragen können. Sie entsinnen sich, daß ich Ihnen bereits auf dem Schiff davon sprach.

»Jawohl. Und wir verstehen Ihre Andeutungen jetzt ebensowenig, wie vorher. Aber gleichviel. Sie halten unserer Neugier eine neue Verlockung vor, – also zu den Experimenten!«

* * *

Wir gelangten in eine Abteilung für technische Versuche, von denen die Mehrzahl den Zweck verfolgte, unbeachtete Energien in nutzbare umzuwandeln. Hier galt das Prinzip: es darf nichts verloren gehen; und selbst wenn es sich um unerhebliche Beträge handelt, sind wir verpflichtet, das Brauchbare aus ihnen herauszuholen. Das gehört zu den moralischen Erfordernissen der Mechanisierung.

Als wir uns in den Experimentiersälen umsahen, bearbeitete einer der Hauptforscher, Professor Dnali, gerade das Problem der menschlichen Kinnbacken. Er hantierte mit etlichen Versuchspersonen, an denen er mittels sinnreich konstruierter Apparate folgendes konstatiert hatte: ein erwachsener Mensch von durchschnittlicher Körperanlage leistet mit seinen Backzähnen bei einmaligem Kauen eine Kraft von rund 90 Kilogramm. Zur Verarbeitung der Nahrung braucht er aber nur 10 Kilogramm Kraftaufwand. Mithin werden bei jeder Kaubewegung 80 Kilogramm nutzlos verschwendet, welche der Allgemeinheit dienstbar gemacht werden können. Die Aufgabe besteht also darin, einen Mechanismus zu konstruieren, der die überschüssige Kaukraft auffängt und in zweckdienliche Arbeit umsetzt. Die Schwierigkeit liegt wesentlich darin, diesen Mechanismus so zu gestalten, daß er den Esser bei der Mahlzeit nicht behindert, ja von ihm gar nicht bemerkt wird.

Dies bewirkt Professor Dnali durch Telekinese. Das ist ein Verfahren der neuesten Technik, Kraft durch Projektionen und Effluvien in die Ferne zu verpflanzen. Eine Erweiterung der drahtlosen Kraftübertragung, bei der die Elektrizität durch vitale Schwingungen ersetzt wird. In ihren Prinzipien ist die Telekinese viel zu abgründig, als daß sie hier erörtert werden könnte. Genug, sie ist vorhanden, wir sahen ihre Effekte, ohne die physikalischen Zusammenhänge ergründen zu können. Und diese Effekte waren erstaunlich: hier saß eine Reihe von Leuten beim Essen – dort, auf Distanz und kausal scheinbar abgetrennt, wurde Holz gespalten und industriell verarbeitet. Die Kraftquelle aber lag in den Kinnbacken.

Ein Assistent Dnalis exerzierte im Nebenraum mit Tänzern und Tänzerinnen.

Unabhängig von dem Tanzvergnügen, das man den Tänzern willig gönnt, werden diese selbst im Sinne der Forschung und Technik als Rotationsmaschinen betrachtet. Man berechnet: so und so viele Umdrehungen in der Stunde, so und so viel Meterkilogramm Kraftarbeit, die nicht nutzlos in die Welt verfliegen darf. Dieser Energiebetrag ist aber bei einem Ball von Durchschnittsfrequenz ein ganz ungeheurer. Und wiederum tritt die Telekinese in Funktion. Irgendwo in der Ferne werden Pfähle gerammt, Schienen genagelt, Granitblöcke behauen. Wer rammt, nagelt, behaut? Die rotierenden Tanzpaare mit ihrer aufgefangenen und fortgeleiteten Kraftabgabe. Hierin liegt es auch begründet, daß man auf der Insel in den Tanztouren selbst die kräftigen Urformen bevorzugt, den Galopp und andere Arten mit stampfenden Rhythmen. Während wir beobachteten, wurde die überschüssige Tanzkraft gerade dazu benutzt, um zwischen zwei Häusern der Stadt einen Wohnungsumzug mit sehr erheblichem Möbeltransport zu bewerkstelligen.

Der genannte Professor hat es sogar ermöglicht, die Tanzmusik zur Arbeit heranzuziehen; freilich nur, um die Theorie zu stützen, denn es handelt sich hierbei um sehr geringe Beträge. Eine Kalorie ist nämlich äquivalent der Energie eines eben noch hörbaren Tones von zehntausend Jahren Klangdauer. Professor Dnali hat nun gezeigt, daß die Klangwucht eines vollbesetzten, den ganzen Abend hindurch spielenden Ballorchsters ausreicht, um einen Löffel kalte Planktonbrühe aufzukochen.

Aber auch die geistigen Funktionen kommen für die Energie-Umwandlung in Betracht; und hier geraten wir in ein Gebiet der Zukunftsmechanik, in der die Praxis mit der Theorie noch nicht gleichen Schritt zu halten vermag. Die seelische Güte zum Beispiel, die Geduld, die Ungeduld, das Hoffen, der Neid, sind nach Dnali Naturkräfte wie die Elektrizität. Wir müssen hier in eine neue Tiefendimension der Natur hinabsteigen und es zu erfassen suchen – was übrigens auch schon ein europäischer Gelehrter angedeutet hat – daß Elektrizität und seelische Funktion nicht nebeneinander in der Fläche, sondern hintereinander in der Perspektive liegen. Wonach also der Mensch im Wirkungsfeld artverschiedener, horizontal und vertikal wirkender Energien steht. Hier nun greift die Zukunftsmechanik ein mit der Forderung, die Arten ineinander zu überführen, das heißt also: Güte, Haß, Hoffnung, Neid und so weiter in Elektrizität zu verwandeln und damit eine Glühbirne zu speisen oder einen kleinen Motor anzutreiben. Die angestellten Experimente eröffnen hierfür die beste Aussicht, und vielleicht schon in einem Jahre wird man die ersten greifbaren Resultate erblicken. Dann wird man zum Beispiel imstande sein, eine unverhoffte Freude als Staubsauger zu verwenden oder mit einem bestimmten Quantum Langeweile ein Brett zu hobeln.

»Da kann ich nicht mehr mit!« bemerkte Eva, als dies auseinandergesetzt wurde. »Möglich ist ja auf Ihrer Insel alles, aber diese Entwicklung führt doch in eine Schreckenskammer der Wissenschaft; hier erlebt man ja eine mechanische Vergewaltigung des Seelischen.«

– Ich kann das nicht finden, entgegnete der Forscher, denn die Seele selbst ist etwas durchaus Mechanisches und verlangt als solches Eingriffe von außen. Das läßt sich beweisen. Vergegenwärtigen Sie sich einen historischen Fall: der große Pascal wurde in einer Nacht von heftigem Zahnweh gequält und griff zu dem Hilfsmittel einer Betäubung; nicht durch eine narkotische Substanz, sondern durch eine innere Vergewaltigung; er dachte angestrengt nach und fand in derselben Nacht eine große mathematische Wahrheit, nämlich das Gesetz der Cycloide. Also Ursache: der Zahnschmerz, Effekt: eine Erkenntnis.

Dieselbe Wirkung hätte sich vielleicht eingestellt, wenn der Schmerz ausgeblieben und statt dessen dem Gehirn eine winzige Dosis Phosphor zugeführt worden wäre. Mithin war der Zahnschmerz äquivalent einer gewissen Phosphormenge. Da haben Sie schon den Übergang von der Psyche zum Stoff. Denn jene Phosphormenge vermag Kalorien zu erzeugen, sie wirkt chemisch mit meßbarer Energie, und ich bin sonach berechtigt, den nämlichen Energiebetrag dem Zahnschmerz zuzuschreiben. Er hat etwas gehoben, hat eine Arbeitsleistung vollbracht. Ich selbst verwende in meinen Instrumenten das Cykloidenpendel und die cykloidische Konstruktion für Zahnräder, die einen technischen Effekt ausüben; und selbst in diesen Effekten steckt noch ein Nachklang von Pascals Zahnschmerzen.

Forsankar unterbrach diesen Kursus mit dem Antrag, ihm in den Seitenflügel zu folgen, wo der Professor Japanurro medizinisch operiere.

»Will der am Ende die sozialisierende Einheitsmedizin herstellen?« fragte Eva.

– Keineswegs. Er individualisiert sogar; aber er behandelt die Kranken nach einem neumechanischen Prinzip, das die gesamte Therapeutik außerordentlich vereinfacht.

Wir gelangten in einen weiten Saal, an dessen Wänden hunderte von kleinen Wachspuppen aufgestellt waren. Jede Puppe bot das porträtähnliche Abbild eines bestimmten Insulaners und galt mit diesem als identisch in klinischer Hinsicht. Sobald nun jemand erkrankt, wird nicht der lebendige Mensch, sondern sein Wachsabbild in Behandlung genommen, es unterliegt besonderen chirurgischen Eingriffen, mit dem Effekt, daß sich die Heilwirkung auf den wirklichen Patienten überträgt.

Dieses Verfahren, hier real ausgeübt, wurzelt in einem uralten Zauberglauben der Griechen und Römer, die abergläubisch den schrecklichen Empusen die nämliche Fähigkeit beimaßen, die nunmehr mit dem Rüstzeug der Wissenschaft bewehrt vor uns auftritt. Wie ja zahlreiche Märchenwunder der alten Welt durch die moderne Technik nicht nur verifiziert, sondern sogar überholt worden sind. Die Empuse, so glaubte man, setzt ein Wachsbild dem Feuer aus, während gleichzeitig das Herz des lebenden Originals sich erweicht und dahinschmilzt. Paracelsus hat diese Idee gedankenexperimentell weiter verfolgt, Charcot gab ihm das wissenschaftlich experimentale Gerüst, und auf Sarragalla wurde die Methode bis zur unbedingten Brauchbarkeit vervollkommnet. Sie heißt »Telurgie« und verhält sich zur alten Medizin wie die Funkentelegraphie zum urväterlichen Briefbotendienst. Der noch zu erwartende Fortschritt bezieht sich lediglich auf die numerische Ausdehnung des Verfahrens; denn wir erblickten doch nur eine Minderzahl von Objekten, während die Regierung beabsichtigt, sämtliche Einwohner in Puppen zu reproduzieren. Ist dies erreicht, dann wird sich die gesamte Heilpraxis des Staates in einem einzigen großen Gebäude bewältigen lassen.

Der telepathische Rapport wird durch magnetisierte Spiegel und eine besondere Strahlenart, Sigma-Strahlen, hergestellt. Mit deren Hilfe erfährt der Arzt schon an der Puppe ein etwa erst beginnendes Leiden, oft genug, bevor noch der lebendige Mensch die schmerzhaften Symptome wahrnimmt. Eben war der Professor Japanurro dabei, eine Darmoperation auszuführen, während ein Assistent der benachbarten Puppe den Magen auspumpte. Die Ausdrücke sind nicht ganz wörtlich zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um höchst minutiöse Eingriffe der ärztlichen Feinmechanik, für die ich den groben Ausdruck andeutend verwenden muß, da unser Sprachregister das zutreffende Wort noch nicht enthält. Jedenfalls unterliegt die telurgische Wirkung keinem Zweifel: das lebende Original wird durch die Operation geheilt und erfährt erst später, bisweilen sogar überhaupt nicht, daß seine Puppe mit Instrumenten bearbeitet worden ist.

Auch das Prinzip des Ausgleichs und der Transfusion kommt zur Anwendung. Zeigt sich zum Beispiel an einer lebenden Person Hypertrophie, an einer anderen Atrophie desselben Organs, so werden die entsprechenden Puppen durch Überleitung des Plus auf das Minus ausgeglichen, wodurch sich bei den zwei Originalen der Normalzustand automatisch einstellt.

Zahlreiche Fragen bestürmten uns, und immer größer erschien die Schwierigkeit, in dieser Welt einer gesteigerten Mechanik das Leitseil der Erklärung in der Hand zu behalten. Man stelle sich einen Menschen der Steinzeit vor, der plötzlich in die moderne europäische Technik gestellt wird und hier mit seinem primitiven Warum und Weil aus einer Unbegreiflichkeit in die andere geschleudert wird. So ähnlich war uns zu Mute. Unsere Maßstäbe reichten nicht aus, das Schema unserer Erklärungsmöglichkeiten versagte. Uns blieb nur die Zuflucht in den waghalsigen Gedanken: Alles was mechanisch ausdenkbar ist, läßt sich auch mechanisch verwirklichen. Und es gibt nur eine Unmöglichkeit, nämlich die: etwas mechanisch Unmögliches zu ersinnen.

* * *

Man bat uns, in ein Konferenzkabinett einzutreten. Hier erwartete uns der Sektionschef, mit dem unser Ingenieur, wie erinnerlich, durch die Taschenuhr telephoniert hatte. Er empfing uns mit höflicher Begrüßung und steuerte sofort auf den Hauptpunkt:

– Als Sprecher der Regierung bin ich beauftragt, Ihnen für Ihr Interesse an unseren Einrichtungen zu danken. Sie legt Gewicht auf die Meinung unserer fremden Gäste, zumal von dem Grade Ihrer Wertschätzung sehr Bedeutendes für uns abhängt. Wir befinden uns nämlich in der Lage, Ihre Hilfeleistung anrufen zu müssen.

Wie Ihnen bekannt geworden, basieren unsere technischen Errungenschaften vorwiegend auf der Verwendung der Lambda- und der Sigma-Strahlen, die aus den Uran- und Thoriumlagern unserer Nachbarinsel Vorreia gewonnen werden. Fast alle Betriebe sind hierauf eingestellt, da sie mit den sublimen Kräften arbeiten, die jene Strahlen durch Atomzerfällung aus der Materie herausholen. Aber auch unsere Feinmechanik, die Sie bestaunten, beruht letzten Endes auf den Wirksamkeiten der Lambdas und Sigmas, und sonach hängt unsere ganze Zukunftsentwicklung von dem Bezug jener Grundsubstanzen ab, die uns die Nachbarinsel bis vor Kurzem in ausreichenden Massen geliefert hat.

Bis vor Kurzem, heute nicht mehr! Denn seit vier Monaten hält sich Vorreia gegen uns wie mit einem undurchdringlichen Panzer abgesperrt und läßt keine Unze der Substanz hinaus. Unsere Vorräte gehen auf die Neige, wir arbeiten schon jetzt nur noch mit Drittelenergie, die Krisis steht vor der Tür. Gelingt es nicht, auf irgend eine Weise die Sperre zu durchbrechen, so ist die Katastrophe unabwendbar. Eine Umkehr zur alten Technik ist für uns schon deshalb unmöglich, weil wir nicht einmal Kohlen besitzen, dann aber vornehmlich, weil ein Volk wie das unsrige das Abwelken seiner mechanischen Blüte gar nicht überleben würde. In längstens einem Jahre stünden wir vor unserem geistigen Tode.

»Mir drängt sich die Vermutung auf,« sagte ich, »daß der gelehrte Algabbi auf der Nachbarinsel diese Sperre verhängt oder verursacht hat.«

– Ja, er selbst. Er ist zwar politisch genommen nicht der König der Insel, übt aber dort eine geistige Autokratie aus, der man sich beugt. Und er hat wissen lassen, daß die einmal verfügte Sperre bestehen bleiben müsse, so lange er noch einen Atemzug in der Brust habe.«

Von unserer Seite kam die Frage, was ihn wohl zu dieser verhängnisvollen Sperre veranlaßt haben könnte, und ob da vielleicht ein Konkurrenzneid mitspräche.

– Kaum anzunehmen. Das läge nicht im Charakter dieses Forschers. Wir kennen seine Motive nicht und betrachten sie bis auf weiteres als ein Gewebe unergründlicher Altersschrullen. Algabbi selbst verweigert jede Auskunft. Wir haben alles Erdenkliche aufgeboten in Verhandlungen, Deputationen, Bittschriften – ganz vergeblich. Seit einer Woche läßt er von uns überhaupt nichts mehr an sich heran, keinen Menschen, keine Zeile. Und nun kommt das Erstaunlichste: Als Sie noch auf hoher See waren, empfingen wir von ihm eine ganz unvermutete radiographische Botschaft, als Antwort auf unser letztes Gesuch vom vergangenen Monat. Ich will Ihnen den Wortlaut dieser Botschaft vorlesen:

»Ich verbleibe auf meiner Weigerung, so weit sie sich auf die Regierung und die Angehörigen der Insel erstreckt. Dagegen wäre es mir erwünscht, mit den fremden Gästen Fühlung zu nehmen, die demnächst bei Euch landen. Ich bin bereit, den Urheber der europäisch-amerikanischen Schiffsexpedition zu empfangen.

Algabbi.«

Sie können sich vorstellen, wie diese Mitteilung bei uns einschlug. Sie bedeutet für uns den ersten Pfeiler zu einer Brücke der Verständigung. Ja, vielleicht haben Sie es jetzt in der Hand, unser Schicksal zu wenden. Zunächst ist es wohl selbstverständlich, daß Sie der Aufforderung Folge leisten. Dann aber könnte doch der betreffende Herr den Anlaß wahrnehmen, um Algabbi zu unseren Gunsten umzustimmen. Er sollte es wenigstens auf den Versuch ankommen lassen, in Sachen der Sperre etwas auszuwirken, da er der einzige ist, der dort zu Worte kommt, der einzige, der unser Retter werden kann. Dies ist der Inhalt unserer Bitte, die Ihnen Freund Forsankar bereits auf dem Schiff angedeutet hat.

»Herr Minister,« entgegnete ich, »Sie legen eine gewaltige Verantwortung auf meine schwache Schulter. Ich verspüre den Druck umso stärker, als ich eben erst anfange, mich in dieser mit so vielen Erstaunlichkeiten durchsetzten Welt ein wenig zu orientieren. Es ist mir deshalb sehr zweifelhaft, ob ich imstande sein werde, einer überlegenen Größe wie Algabbi gegenüber geeignete Argumente aufzubringen. Wenn ich, wie doch wahrscheinlich, unverrichteter Dinge zurückkehre, wenn ich betreffs des Uran- und Thorium-Exports nichts ausrichte, so wird mich entweder der Verdacht treffen, mein Wille hätte versagt, oder eine höchst peinliche Abschätzung meiner Fähigkeit als Parlamentär. Nichtsdestoweniger erkläre ich mich bereit, unter einer Bedingung: wenn der von mir erzielte Bescheid abschlägig ausfällt, so entbinden Sie mich von der leidigen Verpflichtung, Ihnen den Inhalt meiner Unterredung mit dem Manne ausführlich mitzuteilen; ich bringe dann nichts zurück als das einfache ›Nein‹.«

– Ich verstehe Ihre Bedenken. Sie argwöhnen, daß Algabbis Motive vielleicht noch niederdrückender sein könnten, als die harte Maßregel an sich. Also bleibe es bei dieser Bedingung. Man benachrichtigt mich soeben, daß ein kleines Boot unterwegs ist und in wenigen Minuten hier anlegen wird, um Sie an Bord zu nehmen. Das ist ein verheißender Anfang. Algabbi läßt Sie abholen! Daraus ist zu schließen, daß er sich Ihnen gegenüber nicht auf absolute Unerbittlichkeit festlegen wird.

Die Gefährten begleiteten mich zur Abfahrt. Unterwegs brachte Mac Lintock eine praktische Anregung zum Vorschein; falls es mir nämlich gelänge, betreffs der radioaktiven Substanzen etwas zu erzielen. Sein Gedankengang war wie schon wiederholt sehr einleuchtend: auf Vorreia herrscht Überfluß an diesem Stoff, in New York wird das Gramm Radium, wenn überhaupt erlangbar, mit 100 000 Dollars bewertet. Die Konklusion für den nüchternen Geschäftsverstand lag nahe.

 


 

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