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Die Inseln der Weisheit

Alexander Moszkowski: Die Inseln der Weisheit - Kapitel 2
Quellenangabe
year1922
correctorreuters@abc.de
typefiction
authorAlexander Moszkowski
titleDie Inseln der Weisheit
publisherF. Fontane & Co.
printrun1. bis 5. Tausend
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070827
modified20170719
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Vorbereitendes Kapitel

Die Ausfahrt

Wirkliche Abenteuer? Über den Begriff möchte ich mich mit dem Leser von vornherein verständigen. Wenn es darauf ankäme, auffallende, unerhörte, an den Nerven reißende Begebenheiten zu häufen, so hieße es Wasser in den Ozean schöpfen, wenn man zu den wilden Schicksalen ehemaliger Weltfahrer noch neukonstruierte oder selbsterlebte hinzufügen wollte. Angefangen von den alten Phöniziern über Hanno, Himilko, Herodot hinweg bis zu den Zügen Alexanders und der Ptolemäer, dann wieder von den Fahrten der Marco Polo, Kolumbus, Vasco bis zu den Expeditionen Franklins, Livingstones, Sven Hedins, Nordenskjölds und deren Nachfahren bietet sich uns eine unübersehbare Kette erlebter Reiseabenteuer, die der ergänzenden Phantasie kaum noch wesentliche Ausbeute hinterlassen. Falls die Phantasie nicht besondere Wege einschlägt, um Dinge zu gestalten, die auf realen Entdeckungswegen niemals zu verwirklichen waren. Aber auch die Bücherei der phantastischen Fahrtabenteuer ist grenzenlos geworden, und es könnte sich fragen, ob nicht die Erfindung längst alle Möglichkeiten durchquert hat. Ich müßte mich auf diesen Einwand gefaßt machen und hätte mich insonderheit vor zwei großen Namen zu fürchten, vor Rabelais und Swift; wenn nämlich die Abenteuer, die ich erzählen will, nichts anderes wären, als Umfärbungen der berühmten Geschehnisse im Pantagruel und Gulliver. Ich hoffe indes, nicht in diese Gefahr zu verfallen, da das Abenteuer, wie es mir vorschwebt, von Haus aus ein eigenes Kolorit aufweist. Es bestimmt sich wesentlich dadurch, daß in die hier zu schildernden Abenteuer Gedankenwagnisse hineinspielen, die der neuzeitlichen Wirklichkeit angehören, somit vordem nicht angestellt werden konnten.

Nicht als ob nun hier die Wirklichkeit im Hintergrund bliebe und der Vordergrund einem nebelhaften Schattenspiel überlassen werden sollte. Ich darf vielmehr mit gutem Gewissen versichern, daß diese Entdeckungsfahrt in ihrer ganzen Anlage nach dem Leitziele der Wahrheit orientiert war. Es wird sich, so denke ich, zeigen, daß die Wahrheit nicht nur reichlichen Spielraum für das Abenteuer gewährt, sondern an sich sogar unter den hier verwirklichten Voraussetzungen die Form eines Abenteuers anzunehmen vermag. Im vorliegenden Fall kündigt sie sich dadurch an, daß schon im ersten Anlauf, ehe noch hinausgesegelt wird in unentdeckte Gebiete, allerhand Seltsamkeit aufsteigt.

* * *

Die Sache begann anscheinend beziehungslos als ein Zwiegespräch zwischen mir und einem meiner intimen Freunde, mit dem ich ganz allgemein das beliebte Thema der Wanderlust erörterte; rückschauend in glückliche Tage der Vergangenheit, da das Umherschweifen auf dem Erdplaneten noch zu den selbstverständlichen Gepflogenheiten des Kulturbürgers gehörte, als die Frau Valuta uns noch keinen Reiseplan versäuerte, als noch keine Paß-Schikane uns an den Grenzen festnagelte und zwischen Ausland und Freundesland kein sonderlicher Unterschied obwaltete. Ich hatte zwar von Anfang an einen besonderen Trumpf in Bereitschaft, der dem Gespräch eine unerwartete Wendung geben sollte, hielt mich aber vorerst aus guten Gründen im Fahrwasser allgemeiner Betrachtung. Sieh mal, lieber Donath, sagte ich, unsere elegischen Rückblicke sind im Grunde doch nur der Ausdruck dafür, daß wir ein neues Reisekapitel anzufangen wünschen. Mit den ewigen Heimatgefühlen ist auf die Dauer nicht auszukommen. Was mich betrifft, so verspüre ich ein deutliches Heimweh nach dem Ausland, und ich vermute, daß es im Gehege deiner eigenen Empfindungen nicht viel anders aussieht.

»Zugegeben,« versetzte mein Freund Donath Flohr, »aber von der verschwommenen Sehnsucht bis zur Realisierung solcher Wünsche ist ein weiter Schritt. Wir können den Faden nicht mehr da anspinnen, wo er mit dem Weltkriege abriß. Entsinne dich unserer letzten Fahrt auf dem Luxusdampfer Imperator. In welchem Tempo ging das von der ersten Absicht bis zur Verwirklichung! Heute geplant, morgen ausgeführt. Schon flogen die Küsten der Fremdländer an uns vorüber, die Welt schien die Bestimmung zu erhalten, für uns zum erquicklichen Wandelpanorama zu werden. Und mit welchem Stolz fühlten wir in den Planken des Zauberschiffs deutschen Boden unter den Füßen! Das war Genuß, das war Hochgefühl. Mache dagegen heute ein Programm! Wie du es auch anstellst, es wird ärmlich und gedrückt ausfallen; es ist ein Fliegenwollen mit zerbrochenen Flügeln und ausgerissenen Schwungfedern. Bestenfalls werden wir im Ausland die Geduldeten sein. Man wird uns schonend behandeln, in der Erwartung, daß wir uns vorsichtig und demütig benehmen. Der Kosmopolitismus ist für uns aus der Welt heraus. Und selbst in der herrlichsten Landschaft wird uns die Gegenwart immer an den Vers Dantes erinnern: Kein größeres Leid, als im Elend sich der Glückszeit erinnern!«

»Dagegen gäbe es vielleicht ein Mittel. Man müßte das Programm so neu und so bedeutend anlegen, daß jeder Vergleich zwischen Jetzt und Einst von selbst verschwände. Man müßte für die Reise Ziele in Horizonten wählen, denen gegenüber alle vormaligen Touristenfahrten zu gleichgültigen Landpartien herabsinken.«

»Ich verstehe dich nicht. Ich glaube, du phantasierst.«

»Schon möglich. Aber wenn ich in dieser Phantasie auch nur den Schimmer einer Möglichkeit hindurchspürte, so wäre sie immer noch besser als der blanke Verzicht.«

»Also was willst du eigentlich? Was hast du delirierender Weise vor? Erkläre dich deutlicher.«

»Ich denke an eine Entdeckungsreise. An eine Expedition von ganz ungewöhnlichem Ausmaß.«

»Das klingt in der Tat nach Wolkenkuckucksheim. Ich setze ganz beiseite, daß wir beide – wenn du mich mitnehmen willst – mit unseren Portemonnaies nicht bis zu den nächsten Horizonten dringen könnten; und nun redest du gar von Expeditionen ins Unbekannte? Das ist doch ein Widerspruch in sich selbst! Selbst wenn du ein Kolumbus wärst, mit den Mitteln eines Königreichs in der Hand, würdest du auf dem Globus auf nichts Unbekanntes stoßen. Die Welt ist doch entdeckt, nach allen Richtungen durchquert, und die weißen Flecke auf den Atlanten mit der Aufschrift »Unerforscht« sind längst verschwunden.«

»Das leugne ich durchaus. Gewiß, auf den Festländern ist nicht mehr viel zu holen. Dagegen bin ich der Meinung, daß die Ozeane noch sehr viele unerschlossene Geheimnisse bergen. Man kann dies mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sogar beweisen. Schon vor einem Jahrhundert waren die Meere so gründlich abgesucht, daß man schwerlich noch große Landfunde erwarten durfte. Aber da segelte einer hinaus, keineswegs vom Format des Kolumbus, eher ein Sportfahrer, der nicht viel mehr besaß als ein kleines Schiff und große Geduld . . .«

»Von wem sprichst du eigentlich?«

»Von Otto von Kotzebue. Keine überragende Berühmtheit, und doch ein glücklicher Finder; der entdeckte in der Südsee Inseln, – rate mal wie viele?«

»Ach, die Zahl ist ja Nebensache.«

»Doch nicht, wenn man mit Wahrscheinlichkeitsschlüssen operiert, um von realen Vergangenheiten auf zukünftige Möglichkeiten zu stoßen. Also nicht weniger als 399 Inseln hat er entdeckt!«

»Imponiert mir gar nicht. Ein Punkt wie der Nordpol ist wichtiger als tausend winzige, gleichgültige Inseln.«

»Und eine einzige, kleine, noch unentdeckte Insel kann wichtiger werden, als Dutzende von entdeckerischen Funden, die geschichtliche Geltung erlangt haben. Falls nämlich das Neuland nicht bloß eine geographische oder wirtschaftliche Neuheit bietet, sondern eine intellektuelle; falls sie uns mit Erscheinungen und Gestaltungen bekannt macht, die uns ungeahnte geistige Fernblicke eröffnen.«

»Und so etwas hältst du für möglich?«

»Für nahezu sicher. Erlasse mir vorläufig die Begründung, die ich mir mit Vorbedacht noch aufspare. Zunächst genüge der Hinweis darauf, daß es auch heut noch nicht aussichtslos ist, die Meere zu durchstreifen mit dem Plane, an unberührten Gestaden zu landen. Ich verfahre hierbei, wie bereits angedeutet, nach einer sozusagen statistischen Methode. Ich prüfe die Landkarten nach der Verteilung und Dichtigkeit der Inselkomplexe, um vielleicht eine Spur, den bloßen Schimmer einer Gesetzmäßigkeit wahrzunehmen. Gelänge es auch nur in losester Andeutung, irgendwelche Regel herauszubringen, so brauchte man nicht mehr ganz planlos in den Zufall hineinzutappen; man hätte einen ersten Ansatz dafür, wohin die Reise zu gehen hat. Gleichzeitig zog ich die berühmtesten Seereisen zu Rate, deren Linien ich nachzeichnete, um zu ermitteln, ob zwischen diesem Strichnetz und der Verteilung der Inselschwärme irgendeine Beziehung bestände. Und da bin ich wirklich auf ein Ergebnis gestoßen, wenigstens auf etwas, das ich im ersten Anlauf für ein Ergebnis halte: ich fand auf den ozeanischen Karten ein weites Gebiet, das mir wie vom Schicksal zur weiteren Durchforschung vorherbestimmt erscheint; insofern es von allen bisherigen Seefahrern sehr vernachlässigt wurde, während die Figuration darauf hinweist, daß hier noch ganze Gruppen nie gesehener Inseln sich unter der monotonen Tünche des kartographischen Blau verstecken.«

»Zeig' mir doch das mal auf der Karte,« begehrte der Andere, dessen Neugier zu erwachen begann.

* * *

Ich schlug ihm einen Atlas auf und verwies ihn auf den nördlichen Teil des Stillen Ozeans, zwischen den Sandwich-Inseln und den Aleuten. »Sieh, Donath, das wäre ungefähr mein Terrain. Jungfräulich genug sieht es aus, so gut wie unberührt von benamsten Ortspunkten. Und an der Geräumigkeit dieses lediglich von Meridian- und Parallelstrichen durchzogenen Meeresfeldes ist nicht zu zweifeln. Es umfaßt ungefähr neun Millionen Quadratkilometer, könnte also annähernd ganz Europa verschlucken. Nördlich und besonders südlich davon ein wahres Gewimmel von Inseln, die Hawai'schen an der Spitze, und dazwischen die bläuliche Öde der Unentdeckten. Bis zum Beweise des Gegenteils halte ich daran fest, daß diese ungeheure Fläche darauf wartet, mit den Zeichen entdeckerischer Tätigkeit bevölkert zu werden.«

»Und du nimmst einstweilen an, daß hier noch gar nicht gesucht worden ist?«

»Das wäre natürlich übertrieben. Dieses Feld war sogar der Schauplatz gewisser Expeditionen . . .«

»Und wenn diese nichts gefunden haben, so beweist das . . .

»So beweist das im Einzelfalle nur, daß nicht gesucht wurde, Genauer gesagt, die Leiter dieser Expeditionen suchten keine menschlichen Siedelungen, sondern bestimmte Merkmale von wissenschaftlichem und technischem Interesse. So veranstaltete hier der Kommandant Belknap auf dem amerikanischen Kriegsschiff Tuscarora anno 1874 zahlreiche Tieflotungen, bei denen die enormsten Seetiefen bis nahe an neun Kilometern durchs Senkblei und Tieflot ermittelt wurden. Er verfuhr also nach einem für Zwecke der Kabellegung einseitig festgelegten Programm, hielt sich vorwiegend an die gerade Ost-West-Linie der Durchquerung, bog nicht ab, kreuzte nicht, so daß man beinahe sagen könnte: er vermied jede Länderentdeckung. Immerhin hat seine Expedition diesem ungeheuren Wassergebiet den Namen gegeben. Es heißt noch heute die Tuscarora-Tiefe, und wenn irgendwo, so müssen auf ihr die Inseln der Verheißung liegen.«

»Allmächtiger! die Inseln der Verheißung – von wem denn verheißen?«

»Von meiner Ahnung. Eine Fata Morgana, denkst du, und ich verüble dirs nicht. Inzwischen laß dir gesagt sein, daß ich bereits angefangen habe, für meine Idee zu werben.«

»Mit Erfolg?«

»Nicht nennenswert, oder präziser ausgedrückt: Erfolg vorerst gleich Null.«

»Eigentlich wundert mich das,« ironisierte mein Freund, »für waghalsige und pathetisch vorgetragene Projekte liegt doch sonst das Geld auf der Straße.«

»Ich glaube eher in den Stahlfächern, und deren Inhaber sind nur selten Idealisten, wie mein Projekt sie voraussetzt. Ich bin also fast durchweg an zugeknöpfte Taschen geraten. Allerdings wäre hinzuzufügen, daß ich an einigen Stellen eine gewisse Aufmerksamkeit für meinen Plan angetroffen habe. Die Leute sagten mir nicht etwa einstimmig, daß ich mich in eine Utopie verrannt hätte. Allein sie bezweifelten sämtlich meine Legitimation fürs Entdeckerfach.«

»Hast du ja auch nicht im geringsten. Du bist in Haupt- und Nebenberufen Journalist, Dichter, philosophierender Schriftsteller, worauf gründest du also deinen Anspruch?«

»Auf die Idee selbst. Übrigens könnte ich mich auf Präzedenzfälle berufen. Man ist immer etwas anderes außerdem, bevor man Entdecker wird. Stanley, der Kongo-Erforscher, war Zeitungsmensch, Chamisso unterbrach sein Dichten, um Weltumsegler zu werden und unterwegs recht Erhebliches zu entdecken; Sven Hedin, der uns Ost-Tibet erschloß, kam von der Philosophie her. Aber damit drang ich nicht durch. Ich klopfte bei mehreren sehr geldkräftigen Zeitungen an; ob sie nicht Lust hätten, eine solche Expedition ins Werk zu setzen, wie vormals der New-York-Herald und der Daily-Telegraph mit dem Journalisten Stanley; das könnte doch eine große, vielleicht sehr rentable Nummer werden. Die Verleger wiesen mich höflich ab und verzuckerten mir die Pille mit einer freundlichen Zusage; wenn es mir gelänge, meine Entdeckungsfahrt anderweitig zu deichseln, wollten sie gern einige Reisefeuilletons darüber aus meiner Feder annehmen und selbstverständlich mit ansehnlichem Spaltenhonorar entlohnen. Nicht viel besser erging es mir bei einigen Großbankdirektoren meiner Bekanntschaft. Die Konjunktur, so meinten sie, verböte zur Zeit so unsichere Extravaganzen. Nur ein einziger, der Bankchef Georgi, erbat sich Bedenkzeit; er wolle nicht rundweg Nein sagen, noch weniger freilich Ja; aber er beabsichtige die Sache im Auge zu behalten; vielleicht ließe sich dem Projekt ein kolonisatorischer Gesichtspunkt abgewinnen, – und was der Redensarten mehr waren, um mich zu vertrösten und den Kern der Absage zu verschleiern.«

»Das heißt also, es wird nichts daraus – und du wirst nie dahin gelangen, deine Nebelvision zu finanzieren. Beratschlagen wir also, wenn schon durchaus gereist werden soll, über eine praktisch ausführbare Tour. Vielleicht Thüringen oder Schwarzwald . . .«

»Du verlegst dich aufs Höhnen, aber der Spott wird dir bald vergehen, das prophezeie ich dir . . .«

»Laß dir einmal sagen, Alex, deine Zukünfteleien fangen an, mir auf die Nerven zu gehen; du sagst an, du verheißt, du prophezeist, du kommst aus dem Futurismus nicht mehr heraus.«

»Wenn du das Perfektum bevorzugst, so bin ich auch damit nicht in Verlegenheit. Ich stelle mich in der Zeitbetrachtung um, und anstatt fortzufahren: ich werde entdecken, erkläre ich dir vertraulich: ich habe entdeckt!«

»Die Inseln? In deiner Studierstube?«

»So ungefähr. Klingt etwas paradox und liegt auch wirklich jenseits aller Schulweisheit. Also um beim Perfektum zu bleiben: ich befand mich vor einer Woche in einer großen Antiquariatsversteigerung, wo kostbare und seltene Altdrucke und Handschriften angemessene, das heißt, schwindelhafte Preise erzielten. Du hast sicher davon gelesen, es war die Auktion bei Knaupp und Kompagnie, die Zeitungen brachten ellenlange Berichte darüber.«

»Jawohl, ich entsinne mich. Aber ich traue dir nicht den Wahnsinn zu, daß du etwa mitgesteigert hast.«

»Das verbot sich von selbst. Nur mit stillem Neid verfolgte ich den Fortgang dieser Herrlichkeiten, die aus einer holländischen Sammlung stammten und vorwiegend alte Prachtstücke aus Südfrankreich umfaßten, Troubadourblätter mit den entzückendsten Zierleisten und Miniaturen in leuchtenden Farben auf goldenem und silbernem Grunde. Für die Kenner und Liebhaber war es ein Bacchanal, ein Rausch, für mich eine Orgie der Unerschwinglichkeiten. Ich hörte Wertziffern, bei denen man eher an den Verkauf von Rittergütern als an Druckpapiere und Pergamente dachte. Der Katalog enthielt aber auch, von allen unbeachtet, einen unscheinbaren Band in Quart, der mein Interesse erregte, ohne daß ich zu sagen gewußt hätte, weshalb. Niemand wußte Auskunft zu geben über den Band, dessen Titel über Autor, Erscheinungsort und Jahreszahl keinerlei Anhalt lieferte. Er sah alt aus, zerwühlt und zerbeult, aber seine Antiqua-Lettern ergaben nicht den geringsten Sprachsinn; ja es war ersichtlich, daß sie nur zufällige Konglomerate von Buchstaben darstellten ohne Beziehung auf irgendwelche mögliche Sprache. Man zuckte die Achseln, ließ es liegen, und als es ausgerufen wurde, nur nach Nummer, nicht nach Inhalt, – denn es hatte ja keinen angebbaren Text – verharrte das Publikum in eisigem Schweigen. Schon wollte der Versteigerer das zwecklose Exemplar beiseite schieben, als ich mich in einer instinktiven Regung meldete: »Hundert Mark!« Das Wort war heraus und ließ sich nicht mehr zurücknehmen. Kampflos fiel mir das Buch zu. Willst du es sehen? Hier!«

* * *

Mein Kumpan blätterte, prüfte, stutzte, mißbilligte heftig: »Genau um hundert Mark überzahlt! Eine gräßliche Scharteke! Man könnte an einen schlechten Witz glauben, den sich der Verleger von anno Tobak mit den Lesern geleistet hat. Aber für einen Scherz wär's doch zu kostspielig gewesen. Da bleibt nur die Vermutung, daß der anonyme Herausgeber komplett blödsinnig gewesen ist.«

»Du bist auf falscher Fährte, Donath. Der Autor ist gar nicht anonym. Er hat nur seinen Namen künstlich versteckt. Und dieser Name gehört zu den berühmtesten der ganzen Geisteswelt: Dieses Buch ist von Nostradamus!«

»Jetzt schnappst du offensichtlich über! Wie kommst du bloß auf den?«

»Durch eine einfache Überlegung. Die Forscher der Vorzeit haben es aus Laune, bisweilen aus undurchsichtigen Motiven dem Publikum nicht selten etwas schwer gemacht. Sie verkapselten ihre Mitteilungen in Runen und Rätseln, konstruierten Anagramme und Versteckschriften und überließen es den Lesern, die Lösung zu finden. Sogar der große Newton hat uns derartige Rätsel hinterlassen, und von Leonardo da Vinci gibt es hunderte von Schriftseiten, deren hieroglyphische Struktur kaum auflösbar erscheint. Hier, bei meinem so billig erworbenen Bande, den du unter die Scharteken verweist, liegt die Sache vergleichsweise einfacher. Er ist von A bis Z chiffriert, und zwar nach ein und demselben Schlüssel, dessen Auffindung mir schon in der ersten Probierstunde zufiel. Betrachte einmal dieses Wort auf der Vorderseite.

»Aber das ist doch gar kein Wort, das ist ein Sammelsurium von Buchstaben!« – Oberflächlich betrachtet gab ihm der Anschein recht; denn hier stand:

Mnrsqzczltr

also eine gänzlich unaussprechbare Konsonantenhäufung, ohne den mindesten Vokal-Anhalt, die keiner möglichen Menschensprache zugewiesen werden konnte. Ein formloser Brei, aus dem aber sofort glitzernde Kristalle zucken, sobald man jeden Buchstaben mit dem im alphabetischen Zyklus nächstfolgenden vertauscht. Das M verwandelt sich also in N, das n in o, weiterhin das z folgerecht in a, und so entwickelte sich, wie aus der plumpen Puppe der prächtige Schmetterling, das wohltönende und verheißungsvolle

Nostradamus

Da hätten wir den Schlüssel, und jede weitere Probe ergab, daß er durchweg und restlos paßte. Aus dem unverständlichen Sigel

Ktfctmh

sprang die Lösung

Lugduni,

die unzweideutig den Erscheinungsort des Buches bestimmte, denn Lugdunum ist nichts anderes, als die klassische Bezeichnung für Lyon; was wiederum im besten Einklang steht zu der Tatsache, daß auch die berühmten Schriften des Magiers ihren buchhändlerischen Ursprung in Lyon gefunden haben. An das Zeichen vollends

LCK

brauchte man den Chiffreschlüssel nur eine Sekunde anzusetzen, um dafür

MDL

zu erhalten, was bei der bekannten Zifferbedeutung von M gleich 1000, D gleich 500 und L gleich 50 das klare Datum 1550 hinstellte. Gewiß blieben noch einige Schwierigkeiten zurück. Auf die Frage, wieso dieses Exemplar hier als ein plötzliches Unicum auftauchte, war eine Antwort nicht zu erzielen. Habent sua fata libelli! War es aber wirklich ein Unicum – und daran ließ sich bei Prüfung des ganzen Buchtextes nicht zweifeln – dann durfte sich der glückliche Besitzer des einzigen Exemplars erst recht für beneidenswert halten; auch wenn, wie hier der Fall, viele Stellen bis zur Unleserlichkeit verwischt erschienen. Es blieb noch genug des Entzifferbaren übrig – um dies gleich vorwegzunehmen – der Salomonische Schlüssel fand ein weites Feld der Betätigung, – Zeichen und Wunder stiegen auf!

Mir waren sie schon vor jener Unterredung mit Freund Donath sichtbar geworden, und ich durfte mich an den Überraschungen weiden, unter deren Stößen der ungläubige Thomas sich zum Glauben an eine unwahrscheinliche Fernwelt bekehrte. Allein noch waren einige Präludien durchzuspielen, bevor ich es unternehmen durfte, ihn in die große Fuge des Nostradamus einzuführen. Ich hielt ihm daher eine kurze Vorlesung über den Mann überhaupt und wiederhole sie hier für den Leser, der längst erraten hat, daß die abenteuerliche Schrift des Zauberers von Notredame sich irgendwie mit meinem exzentrischen Reiseplan ergänzt.

Die Weisheit des Michel de Notredame, genannt Nostradamus, so etwa erläuterte ich, gründet sich vorwiegend auf Astrologie, jener Wissenschaft, die wir längst als mythologischen Irrwahn abgefertigt haben, die aber doch viele recht erleuchtete Köpfe zu ihren Vertretern zählte. Ich lege weniger Gewicht darauf, daß Melanchton zu ihr hielt, betone aber mit Nachdruck, daß einer der gewaltigsten Sternforscher, eine Leuchte exakten Denkens, nämlich Johannes Kepler, der Astrologie huldigte und sie praktisch ausübte. Jedenfalls hat sie dem Nostradamus Einsichten in die Zeitferne verschafft, zu deren Erklärung wir nicht das geringste Mittel besitzen. Seine in Vierzeilern, gereimten »Quatrains«, abgefaßten Schriften sind nicht leicht zu lesen. Viele wimmeln in ihrem Altfranzösisch mit ihren aus anderen Sprachen eingestreuten Brocken und beabsichtigten, in Willkür und Anagrammen gekleideten Dunkelworten von sprachlichen Schwierigkeiten. Bewältigt man sie aber, so gerät man an Prophezeiungen, die ein grenzenloses Staunen erregen müssen.

So lautet einer seiner Quatrains in freier Übertragung:

»Die Lilie trägt der Dauphin hin nach Nancy
Dem Kurfürst nach, bis hin an Flanderns Steine;
Ein neu Verließ dem großen Montmorency
Für andern Platz geliefert an clere peine.«

Die historischen Bestimmungen der ersten Zeilen weisen genau auf das vierte Jahrzehnt des siebzehnten Jahrhunderts. Als der Magier schrieb, konnte der historische, große Montmorency, der erst 1595 zur Welt kam, gar nicht geahnt, geschweige denn beschrieben werden. Aber dessen Schicksal wird hier in knappster Form ganz exakt dargestellt: das »neue Verließ« ist das Gefängnis im neuerbauten Stadthaus zu Toulouse; an einem anderen Platz wurde Montmorency 1632 hingerichtet; und der Name des Soldaten, der die Exekution ausführte, war Clerepeyne!

Diesem verblüffenden Beispiele wären viele andere beizuzählen. Ich greife es nur heraus, weil es sich auch in dem von mir erworbenen und entzifferten Exemplare befand. Aber ich entdeckte auch andere, bisher völlig unbekannte Quatrains, und unter ihnen einige, bei deren Lesung ich wie vom Donner gerührt wurde. Denn sie enthielten Ansagen, die bis in die allerletzte Neuzeit vorstießen und obendrein – – – mich persönlich betrafen!

Mich und die geheimnisvollen Gebiete, deren magischen Bann ich schon verspürt hatte, bevor noch des Magiers Wort mich erreichte!

Da standen sie vor mir in leidlich lesbaren Sätzen, die der Dechiffrierschlüssel aus dem chaotischen Wust der Buchstaben herausholte.

Ich setze sie hierher, so wie ich sie fand, als gereimte Vierzeiler, losgelöst von allen Rätseln der Umgebung und von mir auf besonderem Blatt ausgeschrieben. So gesehen tauchten sie bereits aus dem tiefen Dunkel der Urschrift in den Dämmer der Verständlichkeit; sie lauteten:

Quand républic germaine après détresse
Se dresse en vingtetun, dit le prophète,
Grande découverte des Isles de la promesse
Jadis cachées en plaine de notre planète

Par écrivain du nom de Macédoine
Et par secours de paire américaine
On trouvera les terres transocéanes
Dévoilant sublime phénomène.

Donath stierte abwechselnd auf das Blatt, auf's Buch und auf mich, mit Blicken, in denen noch Reste von Mißtrauen schwammen. Er hatte im Wesentlichen verstanden, getraute sich indes noch nicht, es zu bekennen. Um sich von der ersten Überraschung zu erholen und Zeit für Einwände zu gewinnen, sagte er:

»Man müßte zunächst versuchen, eine brauchbare Übersetzung herzustellen. Ich selbst halte mich ja in Sprachangelegenheiten für ziemlich gewandt, ich meine aber doch, daß hier meine Dolmetscherfähigkeit nicht ganz ausreicht. Dem Sinne käme man vermutlich näher, wenn man, ohne am Wort zu kleben, auch die Form des Originals in die Übertragung hinübernähme.«

»Das ist bereits geschehen,« entgegnete ich. »Höre zu, wie ich die Zeilen im Rhythmus und Tonfall der Vorlage verdeutsche:

Einst werden sich, so wird hier prophezeit,
Die Inseln der Verheißungen entdecken,
Wenn sich im deutschen Land nach trüber Zeit
Um einundzwanzig neue Kräfte recken.

Schriftsteller ist er, mazedonisch klingt
Der Name dessen, dem das Los zu eigen,
Mit einem Paare, das ihm Hilfe bringt
Vom reichen West, dies Phänomen zu zeigen.

Über die Hauptsache, räume das nur ein, besteht jedenfalls gar kein Zweifel. Wir haben hier die seit Urzeiten verborgenen Inseln der Verheißung und deren Entdeckung, angesagt auf das Kalenderjahr und mit genauem Hinweis auf unsere Heimat, in der, wie sicher zu ergänzen, der Ursprung der Expedition liegen soll. Als Urheber des Plans wird ein Schriftsteller bezeichnet, stimmt ebenfalls. Und was den mazedonischen Namen betrifft . . .«

»Alexander!«

»Also das ist schon fast ein Übermaß an Deutlichkeit. Ich werde mich nicht damit aufhalten, mich mit Erklärungsversuchen zu plagen als Zeuge eines Mysteriums, in dem das Okkulte mit dem ersichtlich Wirklichen untrennbar zusammenfließt. Genug, es steht da, und du weißt so gut wie ich selbst, daß ich die Spur der Inseln bereits aus ganz anderen Erwägungen heraus verfolgt habe, als dieses Nostradamusbuch noch in der Tiefe eines Antiquariats schlummerte. Aber das Zusammentreffen eines eigenen Planes mit dem Auffinden und der Entzifferung dieser okkulten Schrift müßte imstande sein, auch den ungläubigsten Thomas ins Extrem des Glaubens hineinzustoßen.«

»Immerhin, Alex, es besteht da doch noch ein dunkler Punkt. Hier ist doch von einem amerikanischen Paar die Rede, und davon hast du mir auch nicht die leiseste Mitteilung gemacht.«

»Das erklärt sich dadurch, daß ich selbst nicht das geringste davon weiß. Dieser dunkle Punkt ist also tatsächlich vorhanden und ich verhehle nicht, daß er mich beunruhigt. Denn wenn ich auch alles durchgehe, was ich jemals an amerikanischen Bekanntschaften besaß, so kommt doch keine einzige für den vorliegenden Fall in Betracht. Es waren ausschließlich nach Europa versprengte Künstler, Konzertgeber, Musikschülerinnen und auch mit diesen hat für mich seit dem Kriege jeder Kontakt aufgehört. Daß ich selbst nie drüben im anderen Kontinent gewesen bin, ist dir bekannt.«

»Wenn du aber so fest an die Prophezeiung deiner Quatrains glaubst, so müßtest du vielleicht den hiesigen amerikanischen Geschäftsträger aufsuchen . . .«

»Nein. Von den achselzuckenden Herrschaften auf unserem Boden habe ich nun wirklich genug. Ich habe mich angestrengt, in diesem Nostradamus hier noch irgend welchen ergänzenden Hinweis zu entdecken. Und meine Suche war auch nicht ganz fruchtlos, allein die Ergebnisse lagen in ganz anderer Richtung. Sie betrafen die Inseln selbst, über die sich Nostradamus in den allerdunkelsten Wendungen ergeht. Der Magier macht da Anspielungen, welche darauf hinzudeuten scheinen, daß sich auf dieser Insel die seltsamsten Kulturen verwirklichen; sozusagen eigensinnige Kulturen, als ob die Inselbewohner es darauf anlegten, ihre Existenz nach philosophischen Prinzipien einzurichten. Aber es ist alles so verschwommen ausgedrückt, daß ich daraus nicht klug werde. Und was den für uns zunächst wichtigsten Hauptpunkt anlangt, so fehlt hierüber jede weitere Notiz. Man müßte sich denn an diese Buchstabenfolge auf Seite 97 klammern

lzbkhmsnb.

Donath Flohr nahm ein weißes Blatt von meinem Schreibtisch und schrieb nach der erörterten Regel, indem er jeden Buchstaben mit dessen alphabetischen Nachfolger vertauschte:

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»Das kannst du dir an die Wand nageln,« fügte er hinzu: »es klingt wenigstens exotisch und erinnert sogar an einen berühmten Seefahrer, der dir aber nicht helfen kann, besonders weil er längst tot ist.«

»Und dennoch!« rief ich, indem ich trotzend auf das Blatt schlug. »Alles Übrige ist so überzeugend, so zwingend, daß ich von der Idee nicht mehr loskann. Ich will auch davon nicht los, ich habe in mir gar keine Möglichkeit, es zu wollen. Denn mein Verstand müßte einfach dabei abdanken. Er müßte sich entschließen, das alles für ein höhnendes Spiel des Zufalls zu nehmen; und das wäre genau so – ich zitiere Cicero – als wenn man annehmen wollte, daß aus dem zufälligen Zusammenschütten von Buchstaben ein Gedicht wie die Ilias entstehen könnte!«

»Also du willst mit dem Kopf durch die Mauer. Schön. Aber dann müßtest du wenigstens die Bewegungsmöglichkeit haben, und die hast du nicht. Du stehst festgekeilt vor einem finanziellen Rechenexempel, und erklärst selbst, daß alle Lösungsversuche fehlschlagen.«

»Vielleicht gäbe es einen letzten Ausweg. Dieser Nostradamus ist doch jedenfalls vom bibliophilen Standpunkt ein Schatz, jetzt wo der Schlüssel zur Lesung ermittelt ist. Wie wäre es, wenn ich das Buch verkaufte?«

»Erstens siehst du nicht aus wie einer, der so etwas verhökert. Und dann, selbst wenn, würde der Erlös nicht zum hundertsten Teile ausreichen, um deine Expedition zu bestreiten. Hier handelt es sich doch im Kostenpunkt um viele Millionen – einfach Wahnsinn. Schluß mit diesen Phantasien! Ich will dir raten: übersetze den ganzen Band in hübsche deutsche Reime, gib sie als Buch heraus oder noch besser, halte Vorträge darüber in der Philharmonie und sonstwo. Dann wirst du wenigstens eine gewisse Genugtuung von dieser Arbeit haben und das Bewußtsein, etwas für die Vergnügungssteuer zu leisten«.

Wir beide hatten es im Feuer der Unterhaltung gänzlich überhört, daß an der Vordertür die Klingel mehrfach gegangen war. Mein Hausmädchen huschte ins Zimmer und meldete Besuch. Auf der Visitenkarte, die sie mir entgegenstreckte, las ich:

Mac Lintock –

* * *

– – – Es ist anzunehmen, daß mir die Symptome höchstgradiger Verdutztheit auf dem Gesicht standen, als ich die Eintretenden begrüßte. Denn es waren zwei Personen, Herr und Dame; wie sich aus der Vorstellung ergab: Mr. Mac Lintock aus Chicago und seine Nichte Eva.

Ich hätte hier die beste Gelegenheit, dramatisch zu werden und ein redendes Quartettgespinnst zu entwickeln. Ich ziehe es indes vor, zunächst episch zu verfahren. An sich betrachtet war nämlich das Auftreten der neuen Figuren in seinem Motiv zwar seltsam, aber keineswegs wunderbar. Der Amerikaner, in seinem Äußeren an das Bild des berühmten Präsidenten Lincoln erinnernd, Irländer von Herkunft, aber durch und durch yankeesiert, befand sich seit kurzer Zeit in Berlin, um hier einige großzügig angelegte Geschäfte teils einzuleiten, teils abzuwickeln. Diese gingen, selbst nach Dollars gemessen, in die sechs- und siebenstelligen Ziffern hinein, wonach sich der Herr ersichtlich als eine recht vertrauenerweckende Persönlichkeit darstellte. Bei einer seiner Transaktionen hatte er mit dem schon vorerwähnten Großbankier Georgi zu verhandeln, dem nämlichen, der mir versprochen hatte, meine Sache »im Auge zu behalten«. Ich selbst war, wie erinnerlich, nur mit minimalen Hoffnungen bei dieser redensartlichen Zusage; allein wider Erwarten berührte der Bankier im Gespräch, so nebenbei das Inselprojekt, mit jener Selbstlosigkeit, die sich oft einstellt, wenn das Risiko verschwindet und der Andere voraussichtlich die Kosten tragen wird.

Gestern speisten der Amerikaner, seine Nichte und Georgi im Esplanade; zwischen Birne und Käse ließ der Dollarmann einfließen, daß er sich seiner Dampfyacht zu entäußern wünschte, da er sich darauf bis zum Überdruß sattgefahren habe; sie läge elf Monate pro Jahr zwecklos in irgendwelchem Hafen herum und fräße bloß Zinsen.

Hier hakte Georgi ein, um wiederum ganz beiläufig die Inseln aufs Tapet zu bringen. Da wäre doch einer, dessen ganze forschende Sehnsucht sich auf ein Schiff richtete; und ob nun seine Entdeckerpläne eine reelle Basis hätten, ob nicht, so wäre doch hier für einen Yachtbesitzer ein gewisser Anlaß für eine schöne Geste.

Es läßt sich nicht behaupten, daß Mac Lintock etwa mit Enthusiasmus zugriff. Allein er begann doch sich zu informieren, und seine Nichte griff ein, um den ersten Funken des Interesses weiter anzublasen. Denn deren Geisteshorizont spannte sich allerdings viel weiter, als der ihres oheimlichen Partners, und sie war imstande, sich auf eine bloße Andeutung hin in einen fernen Gedankenkreis einzufühlen.

»Ich meine, Onkel,« sagte sie, »zwischen Ja und Nein ist da für uns kein Unterschied. Ich sehe auf der einen Seite ein wissenschaftliches Ziel, das erreicht oder verfehlt werden kann, das aber doch einen kleinen Einsatz verlohnt. Und für uns ist das doch wirklich eine Bagatelle, da die Yacht dich ohnehin langweilt.«

»Ihr spuken nämlich immer wissenschaftliche Dinge im Kopfe,« ergänzte der Amerikaner. »Sie hat an der Columbia-Universität, in Grenoble und in Leipzig studiert.«

»Und ich habe in allen Fächern zusammengenommen keine Weisheit gefunden, die über den Schopenhauerschen Grundsatz hinausgeht: omnes, quantum potes, juva! unterbrich mich nicht, Onkel, ich übersetze schon: Hilf allen, soweit du kannst!«

»Kind, mit dieser Regel wird auch ein Krösus bald genug zum Bettler. Aber über einen Spezialfall läßt sich ja reden. Mir fällt da eben ein, daß mein Freund Rockefeller mit einem Federzug einen Scheck über sieben Millionen Dollars für Forschungszwecke ausgeschrieben hat; allerdings für amerikanische Forschung . . .«

»Es gibt nur universale, und übrigens, Onkel: wenn du für die Expedition dein Schiff stiftest, dann wird sie ja unter amerikanischer Flagge segeln.«

»Außerdem,« bemerkte Georgi, »wird diese Sache ja für Sie sehr viel billiger als seinerzeit für Rockefeller. Also, wollen Sie mich ermächtigen, dem Herrn morgen zu telephonieren, daß in seiner Angelegenheit etwas geschehen ist, und daß er Sie im Esplanade besuchen darf?«

»So nicht!« korrigierte der andere unter ersichtlicher Zustimmung der Dame, deren Wille nicht erst Worte zu finden brauchte, um ihn suggestiv zu beeinflussen. »Wenn ich mich schon entschließe, die Sache in die Hand zu nehmen, dann will ich wenigstens sofort mein Vergnügen haben. Ich werde ihn morgen in seiner Wohnung überraschen, das heißt natürlich wir beide. Du willst doch, Evy?«

»Ich will noch mehr. Er wird ja gewiß bei diesem Überfall sehr erstaunen – du vielleicht auch!«

* * *

Nun saßen wir zu Vieren in meiner Arbeitsstube und ich sah plötzliches Licht in der Finsternis. Das ganze Vorhaben schien in kaum einer Viertelstunde klaren Hintergrund und deutliche Form zu gewinnen. Der Amerikaner freilich behandelte es eher vom Standpunkt einer Millionärskaprice, mit der Überlegenheit eines Mannes, der sich als deus ex machina fühlt; dabei auch mit der Empfindung eines Spielers, der an der Roulette eine hohe, aber für ihn gleichgültige Summe auf eine einzelne Nummer schiebt. Aber da ergab sich ein kleiner Zwischenfall. Die Dame bemerkte nämlich auf meinem Schreibtisch das Blatt, worauf Donath nach dem stummen Diktat des Magiers mit Blaustift notiert hatte: »maclintoc«. »Hat Ihnen Georgi etwa doch gegen die Abrede telephoniert?« – »Nein. Wir wußten nicht das Mindeste von Ihrer Existenz, wie Sie wohl an unserem Verhalten erkannt haben. Sie haben also wirklich allen Grund zur Verwunderung; aber ich muß Ihnen bekennen, die Aufklärung wird nicht viel begreiflicher ausfallen als das Rätsel.«

Das ganze Thema von Nostradamus wurde neu aufgerollt. Ich erklärte den Gästen den ganzen Umfang der eigenen Überraschung von dem Auftauchen der prophetischen Vierzeiler bis zu dem Punkte, auf dem wir an den absonderlichen, für mich so bedeutungsvollen Namen gerieten. Der erste, der sich von der magischen Überrumpelung erholte, war Mac Lintock selbst:

»Es hat keinen Zweck,« erklärte er, »hier Zusammenhänge zu suchen, von denen sich eine Trillion gegen Eins wetten läßt, daß sie keiner finden wird. Stellen wir uns lieber auf den Boden der Tatsachen. Worin besteht das Faktum? Einfach darin, daß es total widersinnig wäre, jetzt noch die bevorstehende Entdeckung zu leugnen. Selbst wenn Nostradamus in vielen Fällen ein falscher Prophet gewesen sein sollte, hier ist doch eine Hellsichtigkeit erwiesen in der Vereinigung unserer Namen, also der Personen, die hier tatsächlich über das Projekt beraten. Damit ist das Vorstadium, so meine ich, definitiv überwunden, und es gibt für mich kein Zurück. Verfügen Sie über meine Yacht ›Atalanta‹, für deren Ausrüstung ich sorgen werde. Ich knüpfe daran die einzige Bedingung, daß die erste wilde Insel, die Sie entdecken, auf den Namen Mac Lintock-Eiland getauft wird.«

»Ich stelle noch eine zweite Bedingung,« meldete sich die Dame, in deren schönem und bedeutungsvollem Recamier-Profil ein Zug des Trotzes merklich wurde, einer Energie, die von vornherein jeden Widerspruch ausschloß.

»Läßt sich erraten,« sagte Flohr; »die zweite Insel muß nach Ihnen benannt werden. Selbstverständlich angenommen, – – du erlaubst doch, Alex, daß ich in deinem Namen rede?«

»Ich vermute,« sagte ich, »daß unsere Helferin sich damit nicht zufrieden geben wird.«

»Allerdings nicht. Ich verlange vielmehr, die ganze Expedition mitzumachen.«

»Aber Evy!« rief der Onkel; »was für eine Schrulle! Ich habe doch wohl anderes auf der Welt zu tun. Nicht um das Vermögen von ganz Wallstreet kriegst du mich auf eine so unabsehbare Reise ins Blaue.«

»Kehre du nur ruhig zu deinen Geschäften nach Chicago zurück. Hier handelt es sich um mich allein. Und verlege dich nur nicht etwa auf Sittenpredigt und Methodistenweisheit. Ich kenne ja den Sermon: Das ist unpassend – das schickt sich nicht – das verstößt gegen Form und Takt. O heaven! Wie lang ist's denn her, daß eine junge Dame keine anatomischen Studien treiben durfte? Ich habe auf der Universität männliche Leichen seziert, und mein Ruf ist unberührt geblieben.«

»Weil du in einem anständigen Damenpensionat gelebt hast und nicht einzeln zwischen Herren und Matrosen. Abgesehen davon begibst du dich in Abenteuer und Gefahr. Wissen wir denn, an welche wilde Völkerschaften diese Expedition gerät?«

»Herr Mac Lintock,« warf ich ein, »jetzt haben Sie verloren. Ihre Nichte macht nicht den Eindruck, als ob ein Appell an die Furcht ihren Willen erschüttern könnte.«

Eva lächelte: »Ich fürchte höchstens, daß die Gefahr hinter meinen Erwartungen zurückbleiben wird. Die Hauptsache bleibt aber, daß wir ein solches Unternehmen nicht bloß subventionieren, weil wir reich sind, sondern auch begleiten, weil wir unsere Einsichten erweitern wollen. Welchen Zweck hatte die ›Atalanta‹ bis jetzt? Ich habe auf der Yacht gefaulenzt und gedämmert in dem Panorama der Luxusorte zwischen Toulon und Rapallo, bei den Azoren, der Küste von Florida, jetzt will ich auf ihr etwas erleben! endlich nicht mehr nach Baedeker reisen, sondern im Zeichen von Tasman, Franklin, Humboldt! – – Übrigens, Onkel, sollst du im Nebenpunkt eine kleine Konzession haben. Ich wehre mich gar nicht gegen weibliches Gefolge; du kannst mir so viel Zofen und Stewardesses engagieren, wie dir beliebt. Aber ich denke, wir werden jetzt noch Wichtigeres zu verabreden haben, als die Hilfskräfte für meine Toilette.«

Ihres Erfolges gewiß erhob sie sich, beugte sich Mac Lintock entgegen und streichelte ihm die Stirn. Der biß sich in die Lippen, zögerte, ergriff dann ihre Hand und sagte: »Es ist bei uns Amerikanern nicht Sitte, einen Antrag ohne Amendement zum Gesetz zu erheben. Du beantragst die Mitreise – angenommen. Mein Amendement lautet: du bleibst in meiner Obhut!« Und zu uns Männern gewendet ergänzte er: »Ich hoffe, Ihr Nostradamus wird nicht widersprechen, wenn ich mich anschließe. Der Entschluß, auf längere Zeit meine Privatgeschäfte zu suspendieren, kostet mich mehr, als die ganze Atalanta wert ist. Aber Sie sehen ja, ich stehe hier unter sanfter Erpressung meines Lieblings. Ich bitte Sie daher, mir auf meiner Yacht eine Kabine zu reservieren.«

* * *

Im Prinzip stand nunmehr der Plan fest, und es dauerte nicht mehr lange, bis er sich aus dem rohen Umriß herausarbeitete. Der Telegraph spielte nach zahlreichen Industriepunkten, Befehle flogen hinaus, gespart wurde nur an Zeit, nicht an Geld, die ganzen Vorbereitungen standen unter Spannung und Hochdruck. Man konnte mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß die Yacht in längstens drei Monaten befähigt sein würde, den leeren blauen Fleck auf dem Atlas aufzusuchen.

Die Einzelheiten der Ausrüstung sollen hier nicht aufgezählt werden. Es genügt, im Allgemeinen zu beschreiben, wie ungefähr der Organismus aussah, für welchen die Inseln der Verheißung als unbestimmtes Richtziel aufgestellt waren.

Die »Atalanta« mit ihren 1800 Tons Gehalt gehörte keineswegs zu den Riesenschiffen, entsprach aber in ihrer Größenklasse und Bauart allen Anforderungen, die man an ein Expeditionsschiff stellen konnte. Sie leistete bis zu 21 Seemeilen in der Stunde und besaß nach Ausweis der Fachleute eine vorzügliche Manövrierfähigkeit. Einen Teil ihrer vormaligen luxuriösen Aufmachung mußte sie nunmehr opfern, um sich der neuen Aufgabe anzupassen. Sollte sie sich auch überwiegend auf ihr Segelwerk verlassen, so wurden doch auch die Bunker erheblich vergrößert, um das Schiff möglichst unabhängig von aller Kohlenaufnahme zu machen. Es galt ferner, das Schiff gegen etwaige Angriffe durch ausreichende Bewaffnung zu sichern. Hier ergaben sich zunächst Schwierigkeiten, da die Waffe in Privatbesitz, noch dazu mit dem Charakter des Kriegsgeräts, seit langer Zeit auf dem Index der verbotenen Dinge steht. Allein schließlich wurde doch die Erlaubnis der verschiedenen Regierungen erzielt, da die Bestimmung des Schiffes als eine durchaus wissenschaftliche definiert war und anerkannt wurde. Eine besondere Fürsorge wurde auf die Füllung der Frachträume verwendet. Wir versahen uns mit einem ausgiebigen Lager von Waren aller Art, vornehmlich im Hinblick auf die unbekannten Insulaner, mit denen wir in Verkehr treten sollten. Das war wie ein Auszug aus einem modernen Warenhaus in Musterstücken der Bekleidungs-, Textilindustrie, in Metallfabrikaten, Gebrauchsmaschinen, Schmuck- und Spielwaren. Übrigens vertrat Mac Lintock den Standpunkt, daß die Kraft des Dollars bis in die entlegensten, gänzlich unerforschten Gebiete reichen müßte; und ein Scheck von ihm, ausgestellt auf die Bank von New York, würde selbst auf einer Insel in Mondferne nach seiner vollen Zahlungsfähigkeit bewertet werden. Und er stand mit dieser Auffassung unter den Teilnehmern der Fahrt nicht vereinzelt.

Der nicht große, aber behaglich ausgestattete gemeinsame Salon barg als Hauptschatz eine mit Sorgfalt zusammengestellte Bücherei, hauptsächlich wissenschaftlichen Inhalts. Unter allen Substanzen, die wir mitführten, war sie, wenn auch nicht die unbedingt wichtigste, so doch die erfreulichste, im Hinblick darauf, daß eine so lange Fahrt endlich einmal die ungestörte Muße zum genußreichen Lesen und Studieren versprach. Schon der Entwurf des Kataloges für die Bücheranschaffung bereitete mir festliche Stunden, umsomehr, da Fräulein Eva sich daran mit Umsicht und Kennerschaft beteiligte. Unnötig zu betonen, daß die »Atalanta« in technischer Hinsicht mit den modernsten Hilfsmitteln ausgerüstet war, mit Kreiselkompaß, drahtloser Telegraphie und mit den feinsten Apparaten zur Beobachtung der Erscheinungen, die uns nach menschlicher Voraussicht unterwegs begegnen konnten.

Der Personenbestand umfaßte außer der Mannschaft und dem bereits bekannten Hauptquartett nur wenige, die eine Erwähnung verdienen. Der Kapitän Ralph Kreyher, ein auf zahlreichen Fahrten erprobter Deutsch-Amerikaner, war wohl nicht mit ganzem Herzen bei der Sache. Wäre es nach ihm allein gegangen, so hätte er die »Atalanta«, wie schon so oft vordem, nach vergnüglicheren Punkten gelenkt, als nach ungewissen Inseln. Tatsächlich unternahm er bald nach der Ausfahrt mehrere Versuche, um uns zugunsten des Mittelländischen Meeres umzustimmen, von dessen Strandjuwelen Nizza, Bordighera und besonders Monte Carlo er im Sinne des Genusses überzeugter war, als von den zweifelhaften Schönheiten südlich der Aleuten. Seine Bekehrungsversuche hatten freilich nicht den geringsten Erfolg, wenn auch der Amerikaner sich allenfalls mit dem veränderten Programm abgefunden hätte. Aber an dem Grundstatut war nicht zu rütteln, und dieses fußte auf der parlamentarischen Grundlage der Mehrheit. Also es gab für diese ganze Expedition keine souveräne Bestimmung eines einzelnen, und ich selbst war weit davon entfernt, mir ein Oberkommando anzumaßen, nachdem Ziel, Sinn und Zweck der Fahrt unzweideutig festgelegt waren. Es galt sonach für weitere Einzelheiten das Prinzip der Abstimmung in einer siebenköpfigen Körperschaft, die sich aus mir, den beiden Mac Lintocks, Donath Flohr, dem Kapitän, dem Waffenoffizier und dem Arzt zusammensetzte. Dem Offizier Geo Rotteck war die sozusagen militärische Sicherheit des Schiffes anvertraut, mit der Maßgabe, daß er und die von ihm einstudierten Mannschaften keinen Schuß ohne die äußerste Defensivnot lösen durften. Der Arzt, Dr. Melchior Wehner, dessen Kenntnisse über das rein Medizinische erheblich hinausragten, begann seine Tätigkeit damit, daß er uns mit Impfstoffen gegen alle erdenklichen Zufälle immunisierte. Alles in allem ein vortreffliches Septuor, dessen Beschlüsse ohne erregte Kammerdebatten zustande kamen. Das erste Votum erfolgte im Stimmverhältnis von sechs zu eins, und ergab den Sieg der Grundidee über den Spezialwunsch des Kapitäns, der übrigens seine abwegige Phantasie schnell genug vergaß und sich fortan mit strenger Pflichttreue in den Dienst der Sache stellte. Genauer präzisiert ging der Beschluß dahin, die kürzeste Linie einzuhalten: also quer durch den Atlantic und den Panamakanal zu fahren, dann nordwestlich abzubiegen mit dem vorläufigen Richtungsziel der Hawais, nördlich deren wir die unbekannten Gelände anzutreffen hofften.

* * *

Die ersten Tage verstrichen ohne nennenswerte Zwischenfälle und wir konnten uns einreden, eine vom Wetter begünstigte Erholungs- und Vergnügungsreise zu absolvieren, wenn nicht ein gewisses Arbeitspensum auf uns gelastet hätte. Dieses ergab sich aus der Sprachfrage: welche Mittel standen uns zu Gebote, um uns mit den Menschen zu verständigen, die wir aus ihrem geographischen Dunkel aufzuscheuchen beabsichtigten? Und wie sollten wir uns mit Idiomen vertraut machen, von denen noch nie eine Silbe in unsern Kulturkreis gedrungen war?

Auch hier galt es nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit vorläufige Schlüsse zu ziehen und uns durch bekannte Daten dem Verhüllten wenigstens um einige Grade anzunähern. Es stand zu vermuten, daß die Sandwich-Dialekte ihren sprachlichen Einfluß irgendwie weiter nach Norden erstrecken würden, daß man also um den Anfang der Schwierigkeit herumkäme, wenn es gelänge, sich die Elemente der Sandwichsprachen anzueignen.

Erster Nutzen der Schiffsbücherei! Der Katalog gab Hinweise, wir begannen Spezialwerke zu wälzen, insonderheit die von Codrington (The Milanesian languages), Gabelentz, Bleek und anderer Forscher, die über die Verhältnisse der einschlägigen Sprachen, besonders der polynesischen Formen, gute Auskunft gaben. Bei aller Verschiedenheit der Idiome wurden Gemeinsamkeiten erkennbar, und diese befestigten meine alte Überzeugung, daß man beim Studium selbst der entlegensten Sprachen niemals ganz ins unbekannte Dunkel hineintappt. Zumal bei den Hauptwörtern, als dem festen Gerüst der Sprachen, treten überraschende Verwandtschaften auf, die das Lernen erleichtern und uns sozusagen Leitseile und Geländer in die Hand geben. Das Malayische, das wurzelhaft mit dem Indischen zusammenhängt und von Anklängen an Sanskrit durchsetzt ist, stand nun für uns im Mittelpunkt der Studien. Und immer klarer trat der Merksatz hervor: Wir ahnen, daß einer, der mit gehörigen Kenntnissen gerüstet, alle Sprachen der redenden Menschen überschauen und vergleichen könnte, in ihnen nur verschiedene aus einer Quelle abgeleitete Mundarten erkennen würde und Wurzeln wie Formen zu einem einzigen Stamme zurückzuführen vermöchte. Dieser Satz ist einer Autorität gerade bei der Ergründung der Sandwichsprachen zugeflossen, also derjenigen Ausdrucksmittel, die uns nach aller Voraussicht in noch unentdeckten Inseln zur Verständigung mit den Eingeborenen dienen sollten.

Ich möchte auf gut Glück einige Proben herausgreifen, um derartige Zusammenhänge und Verzweigungen zu verdeutlichen: Make bedeutet im Malayischen (Sandwich-Hawaischen) töten, schlagen, fast genau wie im Ebräischen Maku; eine wohlriechende Pflanze heißt im Polynesischen: Aromä; die Sonne: Al (urverwandt mit Helios); die weibliche Brust: Titi (urverwandt mit Zitze, womit auch das französische teton, das althochdeutsche tutte (Tütte) zusammenhängt). Im Hindostanischen finden wir für Schreibfeder: Kalam – lateinisch: calamus, griechisch: kalamos, das Schreibrohr, das Rohr überhaupt, wovon unser Kalmus. Hindostanisch schwer: »bari« weist auf das griechische baros; der indische Feuergott Agni auf das lateinische ignis; trinken: pina auf das gleichbedeutende griechische »pino«; das Zimmer: kamira auf kamara, Kammer. Vom Polynesischen leiten wiederum Fäden zum Madagassischen und Innerafrikanischen, und hier anscheinend abseits jeder Verwandtschaftsmöglichkeit, heißt die Mutter: Ma und Mama, der Vater: Baba und Papangue; das Wasser: egua (aqua); ich gehe: ando (genau wie im Italienischen); Ja: (in der Bamba-Sprache): »J–a«; Öl (in der Bari-Sprache): Oelet; Tod: Doda; Zehn: Tekke (griechisch: deka), u.s.w. Auch wenn man im Klange dem Zufall einen gewissen Spielraum zugesteht, wird man nicht umhin können, gewisse innere Grundverwandtschaften zwischen den Worten anzunehmen.

Einige Untersucher sind in dieser Hinsicht sehr weit gegangen, vielleicht über das zulässige Maß hinaus: Swift berichtet über die unfaßbare Sprache im Fabellande der »Hauyhn-hnms« und bemerkt dazu, daß sie dem Hochdeutschen am nächsten stünde. Diese Stelle hatte in mir die leise Hoffnung angeregt, auch in den Unwahrscheinlichkeiten der polynesischen Stämme irgendwo auf deutsche Sprachsplitter zu stoßen. Aber hieraus ergab sich nicht die geringste Hilfe; es blieb wirklich nichts übrig, als das Gedächtnis mit Neuformen auf's äußerste zu strapazieren. Wir fragten uns auf Grund der genannten Hilfswerke wechselseitig ab, es stellte sich heraus, daß mein mit angeborenem Sprachsinn begabter Freund Donath in diesen seminaristischen Übungen weitaus am raschesten vorwärts kam. Er hat sich auch tatsächlich im Weiteren als Dolmetscher ausreichend bewährt, ihm zunächst Fräulein Eva, die sich über manche Schwierigkeiten durch feinhöriges Erraten und Kombinieren hinwegzuhelfen wußte. Ich lasse es bei diesen Andeutungen bewenden, um mich nicht in jedem Einzelfalle beim Sprachlichen aufzuhalten; es sei also vorweggenommen, daß wir auf unserer ganzen Reise an keinen Punkt gerieten, wo die Verständigung versagte.

* * *

Einige Episoden verdienen Erwähnung. Als wir uns bereits im Stillen Ozean befanden, regte Donath die phantastische Frage an, ob es nicht angängig wäre, unterwegs unseren Antipoden einen Besuch abzustatten; er dächte sich das sensationell, einmal mit Berlin zu gegenfüßeln. Der Kapitän zeigte ihm auf der Karte, daß dies theoretisch wohl denkbar, praktisch aber im Rahmen unseres Programms nicht ausführbar wäre. Mein Freund stand hier auch wirklich nicht ganz auf der Höhe geographischer Einsichten. Erstlich besitzt Berlin überhaupt keine menschlichen Antipoden. Die sogenannten Antipoden-Inseln führen ihren Namen entsprechend ihrer Gegenlage zu London, genau zu Greenwich, und auch zu ihnen wäre der Weg untunlich gewesen, da wir uns ja nördlich vom Äquator befanden. Dafür wurde Donath versprochen, daß er andere Gegenpunkte von Berlin erleben würde, nämlich in der Hawai-Gruppe, wo er bei 166½ Grad westlicher Länge den Gegenmeridian von Berlin genießen sollte; sofern es ein Genuß ist, sich vorzustellen: hier steht die Sonne hoch, ich stelle die Mittagsstunde fest, während daheim die Turmuhren mit 12 Schlägen Mitternacht verkünden. –

Einmal, als wir gerade in die See hinausblickten, wurden wir durch eine Detonation aufgeschreckt. Wir waren nämlich in die Nähe einer treibenden Mine und diese wiederum in die Drehkreise schwimmender Tümmler geraten. Die Sprengmine, als ein verjährtes, auf unerforschlichen Wegen hierher verschlagenes Überbleibsel vom Weltkriege gab uns zunächst die Gewißheit, daß wir uns hier, wenn auch weitab von Siedelungen, so doch immer noch im Gehege »moderner Kultur« befanden. Zudem hatten wir Ursache, der Delphinhorde dankbar zu sein, die in angemessener Entfernung jene Explosion auffing; hätte sie sich am Kiel der »Atalanta« entladen, so wären die Nostradamischen Verheißungsinseln unentdeckt geblieben, und von vorliegendem Buche würde, gleich bedauerlich für mich wie für meine Leser, nicht eine Zeile existieren. –

An einem der nächsten Tage überkam mich ein seltsames Verlangen. Ich ließ durch den Funk-Apparat in den unbegrenzten Äther Morsezeichen auf Englisch hinaustelegraphieren: »Die Teilnehmer der Atalanta-Expedition, 15 Grad nördlicher Breite, 145 Grad westlicher Länge, grüßen die unentdeckten Inseln auf der Tuscarora-Fläche.« Es erfolgte naturgemäß keine Antwort, und die Mehrheit der Gefährten belächelte mich, als sich trotzdem eine steigende Unruhe meiner bemächtigte. Kein Zweifel, ich war nervös überreizt, wie unter einem Tropenfieberanfall. Unser Doktor Wehner stellte stark erregten Puls fest, gab mir Chinin und wollte mir Lagerruhe verordnen. Aber mich trieb die Exaltation unablässig umher, und ich kam von dem abenteuerlichen Gedanken nicht los, auf jene drahtlose Sendung würde irgendetwas erfolgen. Fräulein Eva versuchte, mich konversationell zu beruhigen und womöglich von der absurden Idee abzulenken. Ich aber blieb hartnäckig bei dem Thema der drahtlosen Telegraphie, und verlor mich – wie sie später erzählte – in unzusammenhängende Erörterungen über die Großfunkenstation Nauen, über Schwingungen im Vakuum und über die Wellen-Berge, die im Äther erregt würden. Schließlich brach ich unter der Emotion zusammen, das klare Bewußtsein setzte aus, es rauschten mir abgerissene Stichworte durch den Schädel: Anruf – Schwingungen – Wellen – Eva – Nauen – Berg – Tuscarora – – – Man bettete mich aufs Lager, und der Doktor behandelte mich mit Eiskompressen. Nach etwa einer Stunde ging der Anfall vorüber, ich erhob mich, ging umher, trat an die Reeling und freute mich der Sonnenstrahlen, die mit schrägen, glitzernden Pfählen in die Flut tauchten. Da gab es auf dem Schiff eine neue Aufregung.

Der Offizier Geo Rottek rief mich an das Kabinenhäuschen, in dem plötzlich der Funkenempfänger zu spielen begann. Wir wurden, unbekannt woher, angerufen und zu unserem maßlosen Erstaunen funkte uns eine Nachricht entgegen:

»Gegengruß von den unentdeckten Inseln. Wählet für Erforschung Ausgangspunkt 15942.«

Was hatte das zu bedeuten? Der Amerikaner war als erster mit der Erklärung zur Hand, irgend ein unbekannter Empfänger meiner Depesche, auf See oder auf Land, hätte sich mit dieser drahtlosen Antwort einen freundlichen Spaß geleistet. Aber die Mehrheit widersprach dieser Annahme unbedingt und bekannte sich zu meiner Überzeugung, daß wir es hier mit einer durchaus ernst zu nehmenden Kundgebung zu tun hätten. Und nun fegte ein Sturm von Interpretationen über Deck, deren Grundmotiv dahinging: die gesuchten Inseln existieren nicht nur in Wirklichkeit, sondern sie verfügen sogar über äußerste technische Errungenschaften. Sie verstehen die Kunst, sich mit der Außenwelt zu verständigen. Und wenn ihre Bewohner dies bis jetzt unterließen, wenn sie heut zum ersten Mal den Schleier ihres Daseins lüften, so müssen sie hierfür ihre ganz besonderen, einstweilen unerforschlichen Gründe besitzen.

Es galt daher als nahezu erwiesen, daß wir uns bei späterer Annäherung keinem feindseligen Empfang aussetzen würden. Ein Rest von Verdacht blieb freilich bestehen. Dieses Telegramm konnte eine Falle sein; ein Manöver, um unser kostbares Schiff an ferne Gestade zu locken und dann eventuell zu plündern. Hohe Zivilisation und Raublust sind ja nicht kontradiktorisch entgegengesetzt, sondern wie die Geschichte lehrt, eng verschwistert. Es gibt sogar eine Theorie, nach welcher die Raublust proportional mit dem Quadrat der Zivilisation ansteigt. Aber das beschäftigte uns im Moment nicht sonderlich. Wir blieben vielmehr an dem Schluß der Kundgebung haften und fragten uns, wie wir uns die telegraphische Zahl 15942 zu interpretieren hätten. Hier lag offenbar der Drehpunkt der ganzen Angelegenheit, der wichtigste Hinweis, den wir erst verstehen mußten, um zu einer Orientierung über das Zukünftige zu gelangen.

Waren die Inseln etwa numeriert? Und gar in die Tausende? das schien doch gar zu unwahrscheinlich. Oder sollten die Zahlen wiederum eine Chiffre abgeben für einzusetzende Buchstaben? Alles dahingehende Probieren ging fehl. Aber inzwischen hatte unser Kapitän Ralph Kreyher eine gangbare Spur gefunden. Er teilte nämlich mit nautischer Findigkeit die Zahl durch eine einleuchtende Zäsur in 159 und 42 und erklärte: Wenn der telegraphische Hinweis überhaupt einen Sinn haben soll, so kann er nur bedeuten: Steuert auf den Schnittpunkt des 159. Meridians mit dem 42. Breitengrad! Wir können natürlich nicht erraten, was wir dort finden werden; aber es steht doch zu vermuten, daß dieser Punkt die größte Wichtigkeit für unsere Expedition beansprucht.

Auf den Seekarten war dieser Punkt nicht durch die geringste Eintragung hervorgehoben. Ein namenloser Punkt in der blauen Wasserwüste. Unser Konzilium ergab den Beschluß: dorthin wird unter allen Umständen gesteuert! Ganz direkt, auf der kürzesten Linie, ohne Berührung der Hawaischen Inseln? Nein, das wäre doch zu grausam gegen den Genius aller Touristik gewesen. Zum erstenmal im Leben befanden wir uns in der Nähe eines von großen Weltfahrern in allen Tönen der Begeisterung gefeierten Paradieses, und wir durften nicht die Sünde auf uns laden, an diesem Paradiese einfach vorbeizuhuschen. Wir beschlossen also: eine kurze Zeitspanne Verzögerung, um Hawai und Oahu wenigstens flüchtig zu sehen und aus den berauschenden Lebenswellen dieser Gestade einige Schaumperlen zu schlürfen. In den Augen des Kapitäns entzündete sich ein wahres Feuerwerk der Vorfreude. Und ich illuminierte es noch weiter, indem ich aus Georg Wegeners »Zaubermantel« vorlas, dem Werke, in dem die Beschreibungen des hawaischen Zaubers wie Perlen im Mantel eingestickt sind. Auch hier war Verheißung und dazu baldige sichere Erfüllung. Hochgeschwungene Vulkanketten in üppiger Tropennatur, Farbenkomplexe, an die keines Malers Traumphantasie heranreicht. Silbern schimmernde Bäche, die überall vom Plateaurande herniederhängen, in so dichter Fülle von solcher Vielgestaltigkeit und mehrfach von solcher Höhe, daß sie die der norwegischen Fjorde in Schatten stellen. Dazu, bei Nacht, das Spiel elektrischer Scheinwerfer, die das Grün der Büsche bis zum Smaragdglanz steigern; und eingeborene Menschenkinder, die sich blütenhaft mit der Landschaft in Einklang setzen. Sie tragen bei jeder festlichen Gelegenheit – jeder Tag wird ihnen zum Feste – bunte Blumenkränze auf den Hüten, Blütenkrausen um den Hals, lange, vielfarbige, blühende Gehänge an Brust und Rücken, ohne Unterlaß lachend, plaudernd, scherzend.

Dem Kapitän fehlte es wohl nicht an Organen zur Erfassung der göttlichen Landschaft, allein er war doch noch empfänglicher für die kulturellen Reize, die er in der Hauptstadt der Gruppe zu finden hoffte und allem Anschein nach auch wirklich fand. Honolulu ist ja nicht nur mit Vegetationswundern gesegnet, sondern mit Einrichtungen moderner Kulturzentren; seine Ziergärten sind durch elektrische Bahnen verbunden, die an einem Museum, einer Bank, an Fabriken und Zeitungsdruckereien vorbeifahren. Es gibt Theater, Varietés, Klubräume, Bars, welche die Tropennacht noch um einige Grade interessanter machen, als es die Leuchtkäfer vermögen, die da draußen zwischen den Stauden schwirren. Ralph Kreyher und Donath Flohr hatten sich zur Begutachtung dieser Erholungsstätten verbunden, und ihr seltsam bleiches, übernächtiges Aussehen bezeugte deutlich den Erfolg ihrer nächtlichen Studien. Bald aber trat der Zweck der Expedition wieder in ihre Rechte, und die »Atalanta« nahm ihre Fahrt auf, um die verdämmernden Berglinien der Sandwichgelände hinter sich zu lassen und dem ozeanischen Punkte 159–42 entgegenzueilen.

* * *

Als wir in dessen Nähe gelangten, stellte der Ausguck fest, daß dort allerdings etwas vorhanden war. Ein verlorenes, flaches Inselchen, nach Bodenfläche wohl nicht größer als Helgoland, das hinter langgestreckten Korallenriffen schlummerte. Die mit Seegewächsen durchflochtenen Riffe zeigten nur geringe Lücken, unser Schiff hielt sonach weit draußen, und wir versuchten, auf einem herabgelassenen kleinen Hilfsboot den Durchgang zu erzielen. Das Ergebnis der ersten Orientierung war trostlos. Nach dem im Sonnenbrande glühenden Schiefergestein des Südufers zu urteilen hatten wir eine Ödfläche betreten, die wie Salas y Gomez in Unwirtlichkeit starrte. Weiter hinein wurde es etwas erträglicher. Wir erblickten spärlichen Pflanzenwuchs und etliches Kleinvieh, das traurig dahinweidete. Menschliche Spuren schienen nicht vorhanden, und im Pegel unserer Hoffnung, hier Bedeutungsvolles zu erfahren, senkte sich die Erwartung unter Null. Kreyher hielt den Zeitpunkt für gegeben, seinem Mißtrauen einen kräftigen Auspuff zu gewähren: wenn die übrigen »Inseln der Verheißung« diesem Anfang ähnelten, dann könnten sie sich alle zusammen begraben lassen.

Wir waren nahe daran, wieder umzukehren, als Eva auf ein winziges Hügelchen aufmerksam machte, der einzigen Erhebung in der sonst mit einem Blick umspannbaren Ebene. Als wir es umgingen, gelangten wir auf der Nordseite an ein menschliches Bauwerk. Ein Mittelding zwischen Häuschen und Hütte, äußerlich sauber gehalten, dabei eine Gemüsepflanzung, vor ihr eine Holzbank. Aus der Tür trat ein Mann in mittleren Jahren, mit gewissen Zeichen der Intelligenz im bebrillten, bärtigen Gesicht, in einem Anzug von klimawidriger, unfroher Dunkelheit. Er stützte sich mühsam auf einen kurzen Stock und sandte uns mit der freien Hand einen kurzen, stummen Gruß entgegen, ohne indes das mindeste Erstaunen über unsern Besuch zu verraten.

Donath nahm als erster das Wort und versuchte es in mehreren Unterarten des Polynesischen. Der Hüttenbewohner hörte aufmerksam zu und schien zu verstehen. Allein er traf nicht die leisesten Anstalten, um uns mit einer Antwort zu bedienen. In unseren wechselseitig ausgetauschten Blicken lag die Frage, sollte er stumm sein? Aber dann hätte er doch wenigstens mit Zeichen reagiert. Nichts von alledem: er wollte nicht antworten.

Aber er legte auch unsrer Besichtigung seines Anwesens nichts in den Weg. Er duldete es wortlos, das wir das Häuschen betraten, dessen primitive Einrichtung der Behaglichkeit nicht ganz entbehrte. Es waren sogar einige Bücher vorhanden über Botanik und Zoologie, in englischer und spanischer Sprache, mit Zwischenblättern, die Übersetzungen ins Polynesische enthielten, dies Wort im weitesten Sinne genommen.

Wir verabschiedeten uns nach einiger Zeit und stellten baldiges Wiedersehen in Aussicht. Er wehrte nicht ab. An Bord ergingen wir uns in Mutmaßungen. Nach unseren Eindrücken gehörten die Insel sowie der Mann nicht mehr zum Begriff Hawai, wohin sie auch in geographischem Betracht nicht unterzubringen waren. Eher war anzunehmen, daß dieses Eiland den äußersten Vorposten der unentdeckten Gebiete vorstellte. Den Mann klassifizierten wir einstweilen als Einsiedler, den irgend ein Verhängnis von seinen Volksgenossen fortgetrieben haben mochte. Wir wollten versuchen, ihm die Zunge zu lösen und zwar zunächst dadurch, daß wir ihm aus unseren reichen Vorräten einige Gaben mitbrachten: Gebrauchsgegenstände für Haus und Körperpflege, kleines Handwerksgerät und ein paar Flaschen Burgunder.

Als wir am nächsten Tage unsere Spenden auspackten und ihm zuwiesen, glitt ein freundlicher Anflug über seine Züge. Er nahm an, ohne merklich zu danken. Als er die Gegenstände ergriff, bemerkten wir an seinen Händen Handschuhe aus festem, gummiartigem Stoff, und ein leiser Karbolgeruch kam uns entgegen. Doktor Melchior Wehner, der beim ersten Besuch nicht mitgekommen war – da ihn die Verletzung eines Matrosen auf der »Atalanta« zurückgehalten hatte – und der sonach den Einsiedler zum erstenmal jetzt erblickte, trat auf ihn zu, maß ihn mit eindringenden, diagnostizierenden Blicken, drehte sich dann zu uns und sagte mit sicherem Tonfall: »Der Mann hat die Lepra.«

Der Einsiedler wiederholte mit schmerzlichem Ausdruck: »Lepra!« Das war das erste Wort, das wir von ihm vernahmen. Die Sprache war ihm also nicht versagt, aber es war ein fürchterlicher Anfang für eine Konversation.

Der Arzt, der vordem an unseren Sprachstudien nur unzureichenden Anteil genommen hatte, verfiel auf einen Ausweg, um sich mit dem Mann zu verständigen: Wenn einer Bücher besitzt, so ist ihm vielleicht mit dem klassischen Esperanto des Lateinischen beizukommen. Und er sprach zu ihm, wenn auch nicht klassisch, so doch in brauchbarem Fast-Latein:

»Sine dubio Lepra! Sed non omnino casus desperatus, non incurabilis. Est Lepra in primo stadio. Ego sum medicus, velim audere sanationem tuam. Intelligisne verba mea?«

»Intelligo!« sagte der Kranke; und in der Sprache seines Landes, die Donath und Eva, in bescheidenerem Grade auch mir leidlich verständlich klang, fuhr er fort:

»Ich wußte es schon. Und ich selbst habe mich als Aussätziger aus meiner Heimat verbannt, um hier in Einsamkeit mein Ende zu erwarten. Die Ärzte meines Landes sagen: es gibt bei Lepra nur periculum contagionis, aber es gibt keine Heilung.«

Der Arzt bemächtigte sich der Leitung, soweit sie das nächstliegende betraf. Vor allem mußte ein Pestkordon um den Kranken gezogen werden, Wehner drang auf unsere rasche Entfernung und bewirkte sie trotz Evas Einspruch, die als Krankenschwester in Funktion treten wollte. Auf der Bootfahrt entwickelte er uns, daß die Therapie neuerdings ein Mittel besäße, um die primäre, rechtzeitig erkannte Lepra wirksam zu bekämpfen: die Einspritzung von Tuberkulin; er selbst habe bei zwei Fällen in Masuren damit raschen Erfolg erzielt. Als er auf dem Schiff das Erforderliche vorbereitet hatte – hierzu gehörte ein Desinfektionsapparat, der mit Sublimat- und Formalinwolken das ganze Häuschen durchräuchern sollte – kehrte er zur Öd-Insel zurück, nur von einigen Matrosen begleitet, die im Boot verbleiben mußten. Der Kranke setzte zuerst den Injektionen Widerstand entgegen, er fügte sich aber bald und bot schon nach wenigen Tagen das klinische Musterbild rapider Besserung. Die grindigen Flecke verschorften sich zusehends, blätterten ab, die Haut regenerierte sich, und nach einer Woche konnte die Sperre aufgehoben werden. Wir hatten einen Rekonvaleszenten vor uns, dem ersichtlich daran gelegen war, Wohltat mit Dank zu vergelten. Und in Folge dieser Wandlung gab er uns Auskunft über die Hauptfragen, die im Sinne unserer Expedition zu erörtern waren. Hier erschloß sich, in theoretischen Anfängen, das geahnte Neuland.

* * *

Der Einsiedler, mit Namen Toraspasch, entstammte der Insel Karawuddi, wo er vordem als Naturwissenschaftler und Schulvorsteher gelebt hatte. Was wir durch ihn erfuhren, sei hier in kurzen Zügen zusammengestellt:

Daß die ganze Inselgruppe der Welt bislang verborgen blieb, das verdankt sie ihrer sporadischen Anlage im Nord und Nordost der Tuscaroratiefe und ihrer relativen Kleinheit. Alles in allem sind es etwa ein Viertelhundert Eilande, deren Gesamtfläche tausend Quadratmeilen nicht übersteigt, und die somit im Verhältnis zu der unabsehbaren ozeanischen Umspülung fast völlig verschwinden. Sie bilden einen Kosmos für sich mit dem Hauptkennzeichen: die Außenwelt weiß nichts von ihnen – aber sie kennen die Außenwelt!

Sehr verschieden in ihren Eigenkulturen und eifersüchtig auf die Pflege ihrer Besonderheiten bedacht, fühlen sie sich doch zusammengehörig durch Sprache und den gemeinsamen Willen, ihre Selbständigkeit aufrecht zu erhalten. Aber sie haben seit Urzeiten ihre Sendboten in die Welt hinausgeschickt, deren Aufgabe darin bestand: Nichts zu verraten und Alles zu erfahren; Nichts hinauszutragen und Alles hereinzubringen, was mit Wissenschaft und Bildung, mit Geistigkeit und Technik zusammenhängt. List, Verkleidung und Verhandlungsschlauheit halfen mit, um dies Programm seit Jahrhunderten durchzusetzen. Das einzige, dessen sich die Emissäre draußen entäußern durften, waren Edelmetalle, die in den heimatlichen Erdgründen und Wasserläufen gefunden werden. Diese Tauschmittel reichten aus, um als Gegenwert hauptsächlich Bücherschätze aus Europa zu erlangen. Diese bilden den Grundstock der insularen Sonderkulturen. »Wir« – so sagte der Einsiedler – »sind in keinem Betracht der Technik hinter der europäischen zurück; dagegen haben wir sie in wesentlichen Zügen durch unsere anschließenden Erfindungen erweitert und vervollkommnet. Nicht wenige unserer Insulaner können es in Sach-, Begriffs- und Sprachkunde mit den berühmten Professoren Ihrer Hochschulen aufnehmen. In der Hauptstadt der Insel Saragalla befindet sich eine Bibliothek von neunzigtausend Bänden, die zum größten Teil von unseren Gelehrten verfaßt, in unseren eigenen Druckereien hergestellt worden sind. Aber Sie können auch den Almagest des Ptolemäus, den Aristoteles, die Werke der Scholastik und die Enzyklopädisten darin finden, bis zu den letzten Ausläufern der neuzeitlichen Wissenschaft.

Aber strenge Abschließung blieb das Hauptprinzip. Wir hatten genug von den Segnungen erfahren, die sich für Euresgleichen unter den Deckworten der Mission, der Kolonisierung, der Erschließung ferner Länder verbirgt, und wir trugen kein Verlangen, an diesen Segnungen teilzunehmen. Neuerdings haben sich unsere Ansichten hierüber ein wenig verändert. Es wurde uns bekannt, daß Ihr ein neues Schlagwort aufgebracht habt, die »Selbstbestimmung der Völker«, und wir dachten deshalb daran, unser Incognito zu lüften. Darüber wogte bis vor wenigen Jahren der Meinungsstreit. Es wäre nunmehr gefahrlos, sich zu offenbaren, da unsere nationalen Rechte gewiß respektiert werden würden, – so sagten die einen. Andere erhoben ihre warnende Stimme: Selbstbestimmung – das bedeute nichts anderes, als daß den Inseln das Recht zugestanden würde, selbst zu bestimmen, ob sie mit oder ohne Salutgeknall, mit oder ohne Tedeum annektiert werden wollten. Entscheidend wirkte schließlich eine in allerletzter Zeit auf unserer Insel Kuakua gemachte Erfindung. Wir fürchten uns nicht mehr, weil wir stark genug sind, um uns zu wehren. Wir besitzen ein Giftgas, das die festen Körper durchdringt und auf weiteste Entfernung übers Meer hinausgeblasen werden kann. Keine Angriffsflotte der Welt dürfte sich an uns heranwagen. Als wir daher von der Ausreise eurer Yacht Kenntnis erhielten, meinten unsere Führer und Behörden: Die Leute mögen kommen, Umschau halten und berichten, eine Gefahr ist heut nicht mehr vorhanden.

Ihr steht nunmehr im Begriff, mit Gestaltungen Bekanntschaft zu machen, die von den euch vertrauten vielfach stark abweichen, obschon sie aus Denkweisen der euch vertrauten Kulturen entwickelt sind. Unsere Inseln sind sozusagen menschliche Versuchsstationen für Prinzipe. In Staatsform und Gepflogenheiten werdet ihr bei uns gewisse Prinzipien ausgebaut finden, die aus der Philosophie, der Sittenkunde, der Biologie, der Kunst und aus anderen Gebieten herstammen. So ist zum Beispiel meine Heimatsinsel Karawuddi durchaus optimistisch gerichtet, während auf andern der Pessimismus, die Skeptik und besondere Prinzipe der Ethik vorwalten. Daneben werdet ihr auch allerlei Seltsamkeiten erfahren, die sich darauf gründen, daß die Bedingungen zu ihrer Verwirklichung nur bei uns angetroffen werden, sich nirgends wiederholen und deshalb von uns als Eigenheiten unserer Gruppe gepflegt werden. An Abwechslung wird es so wenig fehlen, daß ihr Mühe haben werdet, euch aus den Eindrücken der einen auf die der folgenden schnell genug umzustellen.«

Beim Abschied übergab uns der Mann Toraspasch eine Lagekarte des ozeanischen Feldes, auf der die Hauptinseln, nur mit deren Namen bezeichnet, eingetragen waren. Die Einzelheiten vorwegzunehmen hielt er für unangebracht, diese sollten vielmehr unseren persönlichen Wahrnehmungen überlassen bleiben. Er empfahl uns indes, mit der Insel Balëuto den Anfang zu machen; was wir auch ohnehin getan hätten, denn Balëuto lag uns zunächst, und die neue Karte befähigte uns, sie in kürzester Linie zu erreichen.

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