Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Gottfried Schnabel >

Die Insel Felsenburg

Johann Gottfried Schnabel: Die Insel Felsenburg - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Insel Felsenburg
authorJohann Gottfried Schnabel
year1988
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32653-7
titleDie Insel Felsenburg
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1731
modified20161220
Schließen

Navigation:

Anhang
der versprochenen Lebensbeschreibung
des
Don Cyrillo de Valaro,
aus seinem lateinischen Manuskript
ins Deutsche übersetzt.

Ich, Don Cyrillo de Valaro, bin im Jahr nach Christi Geburt 1475 den 9. Aug. von meiner Mutter Blanca de Cordua im Feldlager unter einem Gezelt zur Welt gebracht worden. Denn mein Vater Don Dionysio de Valaro, welcher in des neuen kastilianischen Königs Ferdinandi Kriegsdienste, als Obrister über ein Regiment Fußvolk getreten war, hatte meine Mutter mit sich geführet, da er gegen den portugiesischen König Alphonsum mit zu Felde gehen mußte. Dieser Alphonsus hatte sich mit der Johanna Henrici des IV. Königs in Kastilien Tochter, welche doch von jedermann vor ein Bastard gehalten wurde, verlobet, und dieserwegen nicht allein den Titul und Wapen von Kastilien angenommen, mithin unserm Ferdinando die Krone disputierlich gemacht, sondern sich bereits vieler Städte bemächtiget, weilen ihn, sowohl König Ludwig der XI. aus Frankreich, als auch viele Grandes aus Kastilien stark zu sekundieren versprochen. Nachdem aber die Portugiesen im folgenden 1476ten Jahre bei Toro ziemlich geklopft worden, und mein Vater vermerkte: Daß es wegen des vielen Hin- und Hermarschierens nicht wohl getan sei, uns länger bei sich zu behalten, schaffte er meine Mutter und mich zurück nach Madrid, er selbst aber kam nicht ehe wieder zu uns, bis die Portugiesen 1479 bei Albuhera totaliter geschlagen, und zum Frieden gezwungen worden, worbei Alphonsus nicht allein auf Kastilien, sondern auch auf seine Braut renunzierte, Johanna aber, der man jedoch unsern kastilischen Prinzen Johannem, ob selbiger gleich noch ein kleines Kind war, zum Ehegemahl versprach, ging aus Verdruß in ein Kloster, weil sie vielleicht gemutmaßet, daß sie nur vexieret würde.

Ich weiß mich, so wahr ich lebe, noch einigermaßen der Freude und des Vergnügens, doch als im Traume, zu erinnern, welches ich als ein vierjähriger Knabe über die glückliche Zurückkunft meines lieben Vaters empfand, allein wir konnten dessen erfreulicher Gegenwart sehr kurze Zeit genießen, denn er mußte wenige Wochen hernach dem Könige, welcher ihn nicht allein zum General bei der Armee, sondern auch zu seinem Geheimbden Etatsminister mit ernennet, bald nach Aragonien folgen, weiln der König, wegen des Absterbens seines höchst sel. Herrn Vaters, in diesem seinen Erbreiche die Regierung gleichfalls antrat. Doch im folgenden Jahre kam mein Vater nebst dem Könige abermals glücklich wieder zurück, und erfreuete dadurch mich und meine Mutter aufs neue, welche ihm mittlerzeit noch einen jungen Sohn geboren hatte.

Er hatte damals angefangen seine Haushaltung nach der schönsten Bequemlichkeit einzurichten, und weil ihm nicht sowohl der Krieg, als des Königs Gnade zu ziemlichen Barschaften verholfen, verschiedene Landgüter angekauft; indem er auf selbigen sein größtes Vergnügen zu empfinden verhoffte. Allein da mein Vater in der besten Ruhe zu sitzen gedachte, nahm der König Anno 1481 einen Zug wider die granadischen Mauros vor, und mein Vater mußte ihm im folgenden 1482ten Jahr 10000 neugeworbenen Leuten nachfolgen. Also verließ er uns abermals zu unsern größten Mißvergnügen, hatte aber vorhero noch Zeit gehabt, meiner Mutter Einkünfte und das, was zu seiner Kinder standesmäßiger Erziehung erfodert wurde, aufs beste zu besorgen. Im Jahre1483 war es zwischen den Kastilianern und Mohren, bei Malacca zu einem scharfen Treffen gekommen, wobei die erstern ziemlich gedränget, und mein Vater fast tödlich verwundet worden, doch hatte er sich einigermaßen wieder erholet, und kam bald darauf nach Hause, um sich völlig ausheilen zu lassen.

Der König und die Königin ließen ihm beiderseits das Glück ihres hohen Besuchs genießen, beschenkten ihn auch mit einer starken Summe Geldes, und einem vortrefflichen Landgute, mich aber nahm der König, vor seinen jungen Prinzen Johannem, der noch drei Jahr jünger war als ich, zum Pagen und Spielgesellen mit nach Hofe, und versprach, mich bei ihm auf Lebenszeit zu versorgen. Ob ich nun gleich nur in mein zehentes Jahr ging, so hatte mich doch meine Mutter dermaßen gut erzogen, und durch geschickte Leute erziehen lassen, daß ich mich gleich von der ersten Stunde an, nicht allein bei den königl. Kindern, sondern auch bei dem Könige und der Königin selbst, ungemein beliebt machen konnte. Und da sich eine besondere natürliche Fertigkeit bei mir gezeiget, hatte der König allen Sprach- und Exerzitienmeistern ernstlichen Befehl erteilet, an meine Person sowohl, als an seinen eigenen Sohn, den allerbesten Fleiß zu wenden, welches denn nebst meiner eigenen Lust und Beliebung soviel fruchtete: daß mich ein jeder vor den Geschicktesten unter allen meinen Kameraden halten wollte.

Mittlerweile war mein Vater aufs neue wieder zu Felde gegangen, und hatte, nicht allein wegen seiner Verwundung, an denen Mohren in etlichen Scharmützeln ziemliche Rache ausgeübt, sondern auch vor den König viele Städte und Plätze einnehmen helfen, bei welcher Gelegenheit er auch zu seinem Teile viele Schätze erobert, und dieselben nach Hause geschickt hatte. Allein im Jahr1491 da die Stadt Granada mit 50000Mann zu Fuß, und 12000 zu Roß angegriffen, und der König Boabdiles zur Übergabe gezwungen wurde, verlor mein getreuer und heldenmütiger Vater sein edles Leben darbei, und zwar im allerletzten Sturme auf den erstiegenen Mauern.

Der König bekam die Briefe von dieser glücklichen Eroberung gleich über der Tafel zu lesen, und rief mit vollen Freuden aus: »Gott und allen Heiligen sei gedankt! Nunmehro ist die Herrschaft der Maurer, welche über siebenhundert Jahr in Spanien gewähret, glücklich zugrunde gerichtet«, derowegen entstunde unter allen, sowohl hohen als niedrigen Bedienten, ein allgemeines Jubilieren, da er aber die Liste von den ertöteten und Verwundeten hohen Kriegsbedienten zur Hand nahm, und unter andern lase: Daß Don Dionysio de Valaro, als ein Held mit dem Degen in der Faust, auf der Mauer gestorben sei, vergingen mir auf einmal alle meine fünf Sinne dermaßen, daß ich hinter dem Kronprinzen ohnmächtig zur Erden niedersinken mußte.

Es hatte dem mitleidigen Könige gereuet, daß er sich nicht vorhero nach mir umgesehen, ehe er diese klägliche Zeitung, welche ihm selbst sehr zu Herzen ging, laut verlesen. jedoch sobald mich die andern Bedienten hinweg- und in mein Bette getragen, auch in etwas wieder erfrischet hatten, besuchte mich nicht allein der Kronprinz mit seiner dreizehnjährigen Schwester Johanna, sondern die Königin selbst mit ihrem vornehmsten Frauenzimmer. Dem ohngeacht konnte ich mein Gemüte, wegen des jämmerlichen Verlusts meines so lieben und getreuen Vaters, nicht sogleich besänftigen, sondern vergoß etliche Tage nacheinander die bittersten Tränen, bis mich endlich der König vor sich kommen ließ und folgendermaßen anredete: »Mein Sohn Cyrillo de Valara, willstu meiner fernern Gnade genießen, so hemme dein Betrübnis wenigstens dem äußerlichen Scheine nach, und bedenke dieses: daß ich an dem Don Dionysio de Valaro, wo nicht mehr, doch ebensoviel als du verloren, denn er ist mein getreuer Diener gewesen, der keinem seinesgleichen den Vorzug gelassen, ich aber stelle mich selbst gegen dich an seine Stelle und will dein Versorger sein, hiermit sei dir sein erledigtes Regiment geschenkt, worüber ich dich gleich jetzo zum Obristen bestellen und zum Ritter schlagen will, jedoch sollstu nicht ehe zu Felde gehen, sondern bei meinem Kronprinz bleiben, bis ich euch beide ehestens selbst mit mir nehme.« Ich tat hierauf dem Könige zur Dankbarkeit einen Fußfall, und empfohl mich seiner beständigen Gnade, welcher mir sogleich die Hand darreichte, die ich in Untertänigkeit küssete, und von ihm selbst auf der Stelle zum Ritter geschlagen wurde, worbei ich die ganz besondere Gnade hatte, daß mir die Prinzessin Johanna das Schwert umgürtete, und der Kronprinz den rechten Sporn anlegte.

Solchergestalt wurde mein Schmerzen durch königliche besondere Gnade, und durch vernünftige Vorstellungen, nach und nach mit der Zeit ziemlich gelindert, meine Mutter aber, nebst meinem einzigen Bruder und zweien Schwestern, konnten sich nicht so bald beruhigen, und weil die erstere durchaus nicht wieder heiraten wollte, begab sie sich mit meinem Geschwister aus der Residenzstadt hinweg auf das beste unserer Landgüter, um daselbst ruhig zu leben, und ihre Kinder mit aller Vorsicht zu erziehen.

Immittelst ließ ich mir die Übung in den Waffen, wie auch in den Kriegs- und andern nützlichen Künsten dermaßen angelegen sein, daß sich in meinem achtzehnten Jahre kein einziger Ritter am spanischen Hofe schämen durfte mit mir umzugehen, und da bei damaligen ziemlich ruhigen Zeiten der König vielfältige Ritter- und Lustspiele anstellete, fand ich mich sehr eifrig und fleißig darbei ein, kam auch fast niemals ohne ansehnlichsten Gewinst darvon.

Am Geburtstage der Prinzessin Johanna wurde bei Hofe ein prächtiges Festin gegeben, und fast die halbe Nacht mit Tanzen zugebracht, indem aber ich, nach dem Abschiede aller andern, mich ebenfalls in mein Zimmer begeben wollte, fand ich auf der Treppe ein kleines Päcklein, welches in ein seidenes Tüchlein eingewickelt und mit Goldfaden umwunden war. Ich machte mir kein Bedenken diese so schlecht verwahrte Sache zu eröffnen, und fand darinnen, etliche Ellen grün mit Gold durchwürktes Band, nebst dem Bildnisse einer artigen Schäferin, deren Gesicht auf die Hälfte mit einem grünen Schleier verdeckt war, weil sie vielleicht nicht von allen und jeden erkannt werden wollte. Über dieses lag ein kleiner Zettel mit folgenden Zeilen darbei:

 

Geliebter Ritter!

Ihr verlanget von mir mein Bildnis nebst einer Liberei, welches beides hiermit aus gewogenen Herzen übersende. Seid damit bei morgenden Turnier glücklicher, als voriges Mal, damit ich Eurentwegen von andern Damen keine Stichelreden anhören darf, sondern das Vergnügen habe, Eure sonst gewöhnliche Geschicklichkeit mit dem besten Preise belohnt zu sehen. Lebet wohl und gedenket Eurer

Freundin.

 

Meine damalige Schalkhaftigkeit widerrief mir denjenigen auszuforschen, dem dieses Paket eigentlich zukommen sollte, bewegte mich im Gegenteil diese Liberei, nebst dem artigen Bildnisse der Schäferin, bei morgenden Lanzenbrechen selbst auf meinem Helme zu führen. Wie gedacht, so gemacht, denn am folgenden Morgen band ich die grüne Liberei nebst dem Bildnisse auf meinen Helm, legte einen ganz neuen himmelblauen mit goldenen Sternlein beworfenen Harnisch an, und erschien also ganz unerkannt in den Schranken mit meinem Schilde, worinnen ein junger Adler auf einem ertötden alten Adler mit ausgebreiteten Flügeln sitzend, und nach der Sonne sehend, zur Devise gemalt war. Die aus dem Horatio genommene Beischrift lautete also:

Non possunt aquilae generare columbam.

Deutsch:

Es bleibet bei dem alten Glauben,
Die Adler hecken keine Tauben.

Kaum hatte ich Zeit und Gelegenheit gehabt meine Kräfte an vier Rittern zu probieren, worvon drei wankend gemacht, den vierten aber gänzlich aus dem Sattel gehoben und in den Sand gesetzt, als mir ein unbekannter Schildknabe einen kleinen Zettel einhändigte, auf welchen folgende Zeilen zu lesen waren.

 

Verwegener Ritter,

Entweder nehmet sogleich dasjenige Bildnis und Liberei, welches Ihr unrechtmäßigerweise auf Eurem Helme führet, herunter, und liefert es durch Überbringer dieses seinem Eigentumsherrn ein, oder seid gewärtig, daß nicht allein Euern bereits ziemlich erworbenen Ruhm nach Kräften verdunkeln, sondern Euch morgen früh auf Leib und Leben ausfodern wird:

Der Verehrer der schönen Schäferin.

 

Auf diese trotzige Schrift gab ich dem Schildknaben mündlich zur Antwort: »Sage demjenigen, der dich zu mir geschickt: Woferne er seine Anforderung etwas höflicher an mich getan, hätte ich ihm mit Vergnügen willfahren wollen. Allein seiner unbesonnenen Drohungen wegen, wollte ich von heute durchaus meinen eigenen Willen haben.«

Der Schildknabe ging also fort, und ich hatte die Lust denjenigen Ritter zu bemerken, welchem er die Antwort überbrachte. Selbiger, sobald er mich kaum ein wenig müßig erblickt, kam ganz hochmütig herangetrabet, und gab mir mit ganz höhnischen Stellungen zu verstehen: Daß er Belieben habe mit mir ein oder etliche Lanzen zu brechen. Er trug einen feuerfarbenen silbergestreiften Harnisch, und führete einen blaßblauen Federstutz auf seinem Helme, welcher mit schwarz und gelben Bande umwunden war. In seinem Schilde aber zeigte sich das Gemälde des Appolinis, der sich einer jungen Nymphe, Isse genannt, zu Gefallen, in einen Schäfer verstellet, mit den Beiworten: Similis simili gaudet, als wollte er deutlich dieses zu verstehen geben:

Isse meine Schäferin
Macht's, daß ich ein Schäfer bin.

Ich vermerkte sogleich bei Erblickung dieser Devise, daß der arme Ritter nicht allzuwohl unter dem Helme verwahret sein müsse. Denn wie schlecht reimete sich doch der feuerfarbene Harnisch nebst dem blaulichen Federstutze, auch gelb und schwarzen Bande zu der schäferischen Liebesgrille? Indem mir aber das fernere Nachsinnen durch meines Gegners Anrennen unterbrochen wurde, empfing ich ihn mit meiner hurtig eingelegten Lanze zu ersten Male dermaßen, daß er auf beiden Seiten Bügel los wurde, und sich kaum mit Ergreifung seines Pferdes Mähne im Sattel erhalten konnte. Dem ohngeacht versuchte er das andere Rennen, wurde aber von meinem heftigen Lanzenstoße so gewaltig aus dem Sattel gehoben, daß er halb ohnmächtig vom Platze getragen werden mußte. Solchergestalt war der verliebte feuerfarbene Schäfer vor dieses wohl abgefertiget, und weil ich mich die übrige Zeit gegen andere noch ziemlich hurtig hielt, wurde mir bei Endigung des Turniers von den Kampfrichtern der andere Preis zuerkannt, welches ein vortrefflicher maurischer Säbel war, dessen güldenes Gefäße mit den kostbarsten Edelsteinen prangete. Die Prinzessin Johanna hielt mir denselben mit einer lächelnden Gebärde schon entgegen, da ich noch wohl zwanzig Schritte bis zu ihrem auferbaueten Throne zu tun hatte, indem ich aber auf der untersten Staffel desselben niederkniete, und meinen Helm abnahm, mithin mein bloßes Gesichte zeigte, stutzte nicht allein die Prinzessin nebst ihren andern Frauenzimmer gewaltig, sondern dero liebstes Fräulein, die Donna Eleonora da Sylva, sank gar in einer Ohnmacht darnieder. Die wenigsten mochten wohl erraten können, woher ihr dieser jählinge Zufall kam, und ich selbst wußte nicht, was es eigentlich zu bedeuten hatte, machte mich aber in noch währenden Auflaufe, nachdem ich meinen Gewinst empfangen, ohne von andern Rittern erkannt zu werden, ganz hurtig zurücke.

Zwei Tage hernach wurde mir von vorigen Schildknaben ein Kartell folgendes Inhalts eingehändiget:

 

Unredlicher Ritter,

So kann man Euch mit größtem Rechte nennen, indem Ihr nicht allein einem andern, der besser ist als Ihr, dasjenige Kleinod listigerweise geraubt, welches er als seinen kostbarsten Schatz geachtet, sondern Euch über dieses frevelhaft unterstanden habt, solches zu seinem Verdruß und Spott öffentlich auf dem Helme zu führen. jedoch man muß die Bosheit und den Unverstand solcher Gelbschnäbel beizeiten dämpfen, und Euch lehren, wie Ihr mit würdigen Leuten umgehen müsset. Es ist zwar leichtlich zu erachten, daß Ihr Euch wegen des letztern ohngefähr erlangten Preises beim Lanzenbrechen das Glücke zur Braut bekommen zu haben, einbildet. Allein wo Ihr das Herz habt, morgen mit Aufgang der Sonnen, nebst nur einem einzigen Beistande, auf der großen Wiese zwischen Madrid und Aranjuez zu erscheinen; wird sich die Mühe geben, Euch den Unterschied zwischen einem lustbaren Lanzenbrechen und ernstlichen Schwertkampfe zu lehren, und den kindischen Frevel zu bestrafen

Euer abgesagter Feind.

 

Der Überbringer dieses, wollte durchaus nicht bekennen, wie sein Herr mit Namen hieße, derowegen gab ihm nur an denselben folgende wenige Zeilen zurück:

 

Frecher Ritter!

Woferne Ihr nur halb soviel Verstand und Klugheit, als Prahlerei und Hochmut besäßet, würdet Ihr rechtschaffenen Leuten wenigstens nur etwas glimpflicher zu begegnen wissen. Doch weil ich mich viel lieber mit dem Schwert, als der Feder gegen Euch verantworten, und solchergestalt keine Ursach geben will, mich vor einen zaghaften Schäferkurtisan zu halten, so verspreche morgen die bestimmte Zeit und Ort in Acht zu nehmen, daselbst soll sich zeigen daß mein abgesagter Feind ein Lügner, ich aber sei

Don Cyrillo de Valaro.

 

Demnach begab ich mich noch selbigen Abend nebst dem Don Alfonso de Cordua, meiner Mutter Bruders Sohne, den ich zum Beistande erwählet hatte, aus Madrid in das allernächst der großen Wiese gelegene Dorf, allwo wir über Nacht verblieben, und noch vor Aufgang der Sonnen die große Wiese betraten. Mein Gegner, den ich an seinen feuerfarbenen Harnisch erkannte, erschien zu bestimmter Zeit, und konnte mich ebenfalls um soviel desto eher erkennen, weil ich das grüne Band, nebst dem Bilde der Schäferin, ihm zum Trotz abermals wieder auf den Helm gebunden hatte. Er gab mir seinen Verdruß und die Geringschätzung meiner Person, mit den allerhochmütigsten Stellungen zu erkennen, jedoch ich kehrete mich an nichts, sondern fing den verzweifeltesten Schwertkampf mit meinem annoch unbekannten Feinde an, und brachte ihn binnen einer halben Stunde durch verschiedene schwere Verwundungen dahin, daß er abermals halb tot und gänzlich kraftlos zur Erde sinken mußte. Indem ich aber hinzutrat und seinen Helm öffnete, erkannte ich ihn vor den Sohn eines königlichen Etatsbedienten, Namens Don Sebastian de Urrez, der sich auf die Gnade, so der König seinem Vater erzeigte, ungewöhnlich viel einbildete, sonsten aber mehr mit Geld und Gütern, als adelichen Tugenden, Tapfer- und Geschicklichkeit hervorzutun wußte. Mir war bekannt, daß außer einigen, welche seines Vaters Hülfe bedurften, sonst niemand von rechtschaffenen Rittern leicht mit ihm umzugehen pflegte, derowegen wandte mich mit einer verächtlichen Miene von ihm hinweg, und sagte zu den Umstehenden: Daß es mir herzlich leid sei, meinen allerersten ernstlichen Kampf mit einem Hasenkopfe getan zu haben, weswegen ich wünschen möchte, daß niemand etwas darvon erführe, setzte mich auch nebst meinem Sekundanten Don Alfonso, der seinen Gegner ebenfalls sehr blutig abgespeiset hatte, sogleich zu Pferde, und ritten zurück nach Madrid.

Der alte Urrez hatte nicht bloß dieses Kampfs, sondern seines Sohnes heftiger Verwundung wegen, alle Mühe angewandt mich bei dem Könige in Ungnade zu setzen, jedoch seinen Zweck nicht erreichen können, denn wenig Tage hernach, da ich in dem königl. Vorgemach aufwartete, rief mich derselbe in sein Zimmer, und gab mir mit wenig Worten zu verstehen: Wie ihm meine Herzhaftigkeit zwar im geringsten nicht mißfiele, allein er sähe lieber, wenn ich mich vor unnötigen Händeln hütete, und vielleicht in kurzen desto tapferer gegen die Feinde des Königs bezeugte. Ob ich nun gleich versprach, mich in allen Stücken nach Ihro Majest. allergnädigsten Befehlen zu richten; so konnte doch nicht unterlassen, bei dem bald darauf angestellten Stiergefechte, sowohl als andere Ritter, einen Wagehals mit abzugeben, dabei denn einen nicht geringen Ruhm erlangete, weil drei unbändige Büffel durch meine Faust erlegt wurden, doch da ich von dem letzten einen ziemlichen Schlag an die rechte Hüfte bekommen hatte, nötigte mich die Geschwulst, nebst dem geronnenen Geblüte, etliche Tage das Bette zu hüten. Binnen selbiger Zeit lief ein Schreiben folgenden Inhalts bei mir ein:

 

Don Cyrillo de Valaro.

Warum wendet Ihr keinen bessern Fleiß an, Euch wiederum öffentlich frisch und gesund zu zeigen: Denn glaubet sicherlich, man hat zweierlei Ursachen, Eurer Aufführung wegen schwere Rechenschaft zu fordern, erstlich daß Ihr Euch unterstanden, beim letzten Turnier eine frembde Liberei zu führen, und vors andere, daß Ihr kein Bedenken getragen, eben dieselbe beim Stiergefechte leichtsinnigerweise zurückzulassen. Überlegt wohl, auf was vor Art Ihr Euch redlicherweise verantworten wollet, und wisset, daß dennoch mit Euren itzigen schmerzhaften Zustande einiges Mitleiden hat

Donna Eleonora de Sylva.

 

Ich wußte erstlich nicht zu begreifen, was dieses Fräulein vor Ursach hätte, mich, meiner Aufführung wegen zur Rede zu setzen; bis mir endlich mein Leibdiener aus dem Traume half. Denn dieser hatte von der Donna Eleonora vertrauten Aufwärterin soviel vernommen, daß Don Sebastian de Urrez bei selbigen Fräulein bishero in ziemlich guten Kredit gestanden, nunmehro aber denselben auf einmal gänzlich verloren hätte, indem er sie wahnsinnigerweise einer groben Untreue und Falschheit beschuldigte. Also könnte ich mir leichtlich die Rechnung machen, daß Eleonora, um sich rechtschaffen an ihm zu rächen, mit meiner Person entweder eine scherz- oder ernsthafte Liebesintrige anzuspinnen suchte.

Diese Mutmaßungen schlugen keineswegs fehl, denn da ich nach völlig erlangter Gesundheit im königlichen Lustgarten zu Buen-Retiro Gelegenheit nahm mit der Eleonora ohne Beisein anderer Leute zu sprechen, wollte sie sich zwar anfänglich ziemlich kaltsinnig und verdrießlich stellen, daß ich mir ohne ihre Erlaubnis die Freiheit genommen, dero Liberei und Bildnis zu führen; jedoch sobald ich nur einige triftige Entschuldigungen nebst der Schmeichelei vorgebracht, wie ich solche Sachen als ein besonderes Heiligtum zu verehren; und keinem Ritter, wer der auch sei, nicht anders als mit Verlust meines Lebens, zurückzugeben gesonnen wäre, fragte sie mit einer etwas gelass'nern Stellung: »Wie aber, wenn ich dasjenige, was Don Sebastian nachlässigerweise verloren, Ihr aber zufälligerweise gefunden, und ohne meine Vergünstigung Euch zugeeignet habt, selbst zurückbegehre?« »So muß ich zwar«, gab ich zur Antwort, »aus schuldigen Respekt Eurem Befehle und Verlangen ein Genügen leisten, jedoch dabei erkennen, daß Ihr noch grausamer seid als das Glücke selbst, über dessen Verfolgung sich sonsten die Unglückseligen einzig und allein zu beklagen pflegen.« »Es ist nicht zu vermuten«, sagte sie hierauf, »daß Euch hierdurch eine besondere Glückseligkeit zuwachsen würde, wenn gleich dergleichen Kleinigkeiten in Euren Händen blieben.« »Und vielleicht darum«, versetzte ich, »weil Don Sebastian einzig und allein bei Eurer schönen Person glückselig sein und bleiben soll?« Unter diesen Worten trat der Donna Eleonora das Blut ziemlich in die Wangen, so daß sie eine kleine Weile innehielt, endlich aber sagte: »Seid versichert Don Valaro daß Urrez zeit seines Lebens weniger Gunstbezeugungen von mir zu hoffen hat, als der allergeringste Edelmann, denn ob ich mich gleich vor einiger Zeit durch gewisse Personen, die ich nicht nennen will, bereden lassen, vor ihn einige Achtbarkeit, oder wohl gar einige Liebe zu hegen, so ist mir doch nunmehro seine ungeschickte und pöbelhafte Aufführung besser bekannt und zum rechten Ekel und Abscheu worden.« »Ich weiß ihm«, sprach ich darauf, »weder Böses noch Gutes nachzusagen, außer dem, daß ihn wenig rechtschaffene Ritter ihres Umgangs gewürdiget. Allein er ist nicht darum zu verdenken, daß er dergleichen Schmach jederzeit wenig geachtet, indem ihn das Vergnügen, sich von dem allerschönsten Fräulein am ganzen Hofe geliebt zu sehen, dieserhalb sattsam trösten können.«

Donna Eleonora vermerkte vielleicht, daß sie ihre gegen sich selbst rebellierenden Affekten in die Länge nicht würde zwingen können, denn sie mußte sich freilich in ihr Herz hinein schämen, daß selbiges bishero einen solchen übel berechtigten Ritter offengestanden, der sich bloß mit seinem weibischen Gesichte, oder etwa mit Geschenken und sklavischen Bedienungen bei ihr eingeschmeichelt haben mochte; derowegen sagte sie mit einer etwas verdrießlichen Stimme: »Don Cyrillo, lasset uns von diesem Gespräch abbrechen, denn ich mag den verächtlichen Sebastian de Urrez nicht mehr erwähnen hören, von Euch aber will ich ausbitten, mir die nichtswürdigen Dinge zurückzusenden, damit ich in Verbrennung derselben, zugleich das Angedenken meines abgeschmackten bisherigen Liebhabers vertilgen kann.« »Was soll denn«, versetzte ich, »das unschuldige Band und das artige Bildnis den Frevel eines nichtswürdigen Menschen büßen, gewißlich diese Sachen werden noch in der Asche ihren hohen Wert behalten, indem sie von so schönen Händen gekommen, um aber das verdrießliche Angedenken auszurotten, so erzeiget mir die Gnade und gönnet meinem Herzen die erledigte Stelle in dem Eurigen, glaubet anbei gewiß, daß mein ganzes Wesen sich jederzeit dahin bestreben wird, Eurer unschätzbaren Gegengunst würdiger zu sein als der liederliche Urrez.«

Donna Eleonora mochte sich ohnfehlbar verwundern, daß ich als ein junger achtzehnjähriger Ritter allbereit so dreuste und altklug als der erfahrenste Liebhaber reden konnte, replizierte aber dieses: »Don Cyrillo, Eure besondere Tapfer- und Geschicklichkeit, hat sich zwar zu fast aller Menschen Verwunderung schon sattsam spüren lassen, indem Ihr in scherz- und ernsthaften Kämpfen Menschen und Tiere überwunden, aber mein Herz muß sich dennoch nicht so leicht überwinden lassen, sondern vielmehr der Liebe auf ewig absagen, weil es das erste Mal unglücklich im Wählen gewesen, derowegen verschonet mich in Zukunft mit dergleichen verliebten Anfällen, erfüllet vielmehr mein Begehren mit baldiger Übersendung der verlangten Sachen.«

Ich hätte wider diesen Ausspruch gern noch ein und andere Vorstellungen getan, allein die Ankunft einiger Ritter und Damen verhinderte mich vor dieses Mal. Sobald ich nach diesem allein in meiner Kammer war, merkete mein Verstand mehr als zu deutlich, daß der ganze Mensch von den Annehmlichkeiten der Donna Eleonora bezaubert wäre, ja mein Herze empfand eine dermaßen heftige Liebe gegen dieselbe, daß ich diejenigen Stunden vor die allertraurigsten und verdrießlichsten hielt, welche ich ohne sie zu sehen hinbringen mußte. Derowegen nahm meine Zuflucht zur Feder und schrieb einen der allerverliebtesten Briefe an meinen Leitstern, worinnen ich hauptsächlich bat, nicht allein mich zu ihrem Liebhaber auf- und anzunehmen, sondern auch die Liberei nebst dero Bildnisse zum ersten Zeichen ihrer Gegengunst in meinen Händen zu lassen.

Zwei ganzer Tage lang ließ sie mich hierauf zwischen Furcht und Hoffnung zappeln, bis ich endlich die halb erfreuliche und halb traurige Antwort erhielt: Ich möchte zwar behalten, was ich durch Glück und Tapferkeit mir zugeeignet hätte, doch mit dem Beding: Daß ich solches niemals wiederum öffentlich zeigen, sondern vor jedermann geheimhalten solle. Über dieses sollte mir auch erlaubt sein, sie morgenden Mittag in ihren Zimmer zu sprechen, allein abermals mit der schweren Bedingung: Daß ich kein einziges Wort von Liebessachen vorbrächte.

Dieses letztere machte mir den Kopf dermaßen wüste, daß ich mir weder zu raten noch zu helfen wußte, und an der Eroberung dieses Felsenherzens schon zu zweifeln begunnte, ehe noch ein recht ernstlicher Sturm darauf gewagt war. Allein meine Liebe hatte dermalen mehr Glücke als ich wünschen mögen, denn auf den ersten Besuch, worbei sich mein Gemüte sehr genau nach Eleonorens Befehlen richtete, bekam ich die Erlaubnis ihr täglich nach der Mittagsmahlzeit aufzuwarten, und die Zeit mit dem Brettspiele zu verkürzen. Da aber meine ungewöhnliche Blödigkeit nebst ihrem ernstlich wiederholten Befehle das verliebte Vorbringen lange genung zurückgehalten hatten, gab ich die feurige Eleonora endlich selbst Gelegenheit, daß ich meine heftigen Seufzer und Klagen kniend vor derselben ausstieß, und mich selbst zu erstechen drohete, woferne sie meine alleräußerste Liebe nicht mit gewünschter Gegengunst beseligte.

Demnach schiene sie auf einmal anders Sinnes zu werden, und kurz zu sagen, wir wurden von derselben Stunde an solche vertraute Freunde miteinander, daß nichts als die priesterliche Einsegnung fehlte, uns beide zu dem allervergnügtesten Paare ehelicher Personen zu machen. Immittelst hielten wir unsere Liebe dennoch dermaßen heimlich, daß zwar der ganze Hof von unserer sonderbaren Freundschaft zu sagen wußte, die wenigsten aber glaubten, daß unter uns annoch sehr jungen Leuten allbereits ein würkliches Liebesverbündnis errichtet sei.

Es war niemand vorhanden, der eins oder das andere zu verhindern trachtete, denn mein einziger Feind Don Sebastian de Urrez hatte sich, sobald er wieder genesen, auf die Reise in frembde Länder begeben. Also lebte ich mit meiner Eleonora über ein Jahr lang im süßesten Vergnügen, und machte mich anbei dem Könige und dessen Familie dermaßen beliebt, daß es das Ansehen hatte, als ob ich dem Glücke gänzlich im Schoße säße.

Mittlerweile da König Karl der VIII. in Frankreich, im Jahr 1494 den Kriegeszug wider Neapolis vorgenommen hatte, fanden sich verschiedene junge vornehme neapolitanische Herren am kastilianischen Hofe ein. Einer von selbigen hatte die Donna Eleonora de Sylva kaum zum ersten Male erblickt, als ihn dero Schönheit noch geschwinder als mich zum verliebten Narren gemacht hatte. Ich vermerkte mehr als zu frühe, daß er sich aufs eifrigste angelegen sein ließ, mich bei ihr aus dem Sattel zu heben, und sich an meine Stelle hineinzuschwingen, jedoch weil ich mich der Treue meiner Geliebten höchst versichert schätzte, über dieses der Höflichkeit wegen einem Fremden etwas nachzusehen verbunden war, ließ sich mein vergnügtes Herze dieserwegen von keinem besondern Kummer anfechten. Allein mit der Zeit begunnte der hoffärtige Neapolitaner meine Höflichkeit vor eine niederträchtige Zaghaftigkeit zu halten, machte sich also immer dreuster und riß eines Tages der Eleonora einen Blumenstrauß aus den Händen, welchen sie mir, indem ich hurtig vorbeiging, darreichen wollte. Ich konnte damals weiter nichts tun, als ihm meinen dieserhalb geschöpften Verdruß mit den Augen zu melden, indem ich dem Könige eiligst nachfolgen mußte, allein noch selbigen Abend kam es unter uns beiden erstlich zu einem höhnischen, bald aber zum schimpflichsten Wortwechsel, so daß ich mich genötigt fand, meinen Mitbuhler kommenden Morgen auf ein paar spitzige Lanzen und wohlgeschliffenes Schwert hinauszufordern. Dieser stellete sich hierüber höchst vergnügt an, und vermeinte mit einem solchen zarten Ritter, der ich zu sein schiene, gar bald fertigzuwerden, ohngeacht der Prahler die Jünglingsjahre selbst noch nicht ganz überlebt hatte. Allein noch vor Mitternacht ließ mir der König durch einen Offizier von der Leibwacht befehlen, bei Verlust aller seiner königl. Gnade und meines zeitlichen Glücks, mich durchaus mit dem Neapolitaner, welches ein vornehmer Prinz unter verdeckten Namen wäre, in keinen Zweikampf einzulassen, weiln der König unsere nichtswürdige Streitsache ehester Tages selbst beilegen wollte.

Ich hätte hierüber rasend werden mögen, mußte aber dennoch gehorsamen, weil der Offizier Ordre hatte, mich bei dem geringsten widerwärtigen Bezeigen sogleich in Verhaft zu nehmen. Eleonora bemühte sich, sobald ich ihr mein Leid klagte, durch allerhand Schmeicheleien dasselbe zu vernichten, indem sie mich ihrer vollkommenen Treue gänzlich versicherte, anbei aber herzlich bat, ihr nicht zu verargen, daß sie auf der Königin Befehl, gewisser Staatsursachen wegen, dem Neapolitaner dann und wann einen Zutritt nebst einigen geringen Liebesfreiheiten erlauben müßte, inzwischen würde sich schon mit der Zeit noch Gelegenheit finden, desfalls Rache an meinem Mitbuhler auszuüben, wie sie denn nicht zweifelte, daß er sich vor mir fürchte, und dieserwegen selbst unter der Hand das königl. Verbot auswirken lassen.

Ich ließ mich endlich, wiewohl mit großer Mühe, in etwas besänftigen, allein es hatte keinen langen Bestand, denn da der König die Untersuchung unserer Streitsache verzögerte, und ich dem Neapolitaner allen Zutritt bei Eleonoren aufs möglichste verhinderte, gerieten wir unverhofft aufs neue zusammen, da der Neapolitaner Eleonoren im königlichen Lustgarten an der Hand spazierenführete, und ich ihm vorwarf: Wie er sich dennoch besser anzustellen wisse, ein Frauenzimmer, als eine Lanze oder bloßes Schwert an der Hand zu führen. Er beteurete hierauf hoch, meine frevele Reden sogleich mit seinem Seitengewehr zu bestrafen, wenn er nicht befürchtete den Burgfrieden im königl. Garten zu brechen. Allein ich gab mit einem höhnischen Gelächter zu verstehen: Wie es nur bei ihm stünde, mir durch eine kleine Pforte auf einen sehr bequemen Fechtplatz zu folgen, der nur etwa hundert Schritte von dannen sei, und gar nicht zur Burg gehöre.

Alsobald machte der Neapolitaner Eleonoren, die vor Angst an allen Gliedern zitterte, einen Reverenz, und folgte mir auf einen gleichen Platz außerhalb des Gartens, allwo wir augenblicklich vom Leder zohen, um einander etliche blutige Charakters auf die Körper zu zeichnen.

Der erste Hieb geriet mir dermaßen glücklich, daß ich meinem Feinde sogleich die wallenden Adern am Vorderhaupt eröffnete, weil ihm nun solchergestalt das häufig herabfließende Blut die Augen ziemlich verdunkelte, hieb er dermaßen blind auf mich los, daß ich ebenfalls eine kleine Wunde über den rechten Arm bekam, jedoch da er von mir in der Geschwindigkeit noch zwei starke Hiebe empfangen, davon der eine in die Schulter, und der andere in den Hals gedrungen war, sank mein feindseliger Neapolitaner ohnmächtig zu Boden. Ich sahe nach Leuten, die ihn verbinden und hinwegtragen möchten, befand mich aber im Augenblick von der königl. Leibwacht umringet, die mir mein Quartier in demjenigen Turme, wo noch andere Übertreter der königl. Gebote logierten, ohne alle Weitläuftigkeit zeigeten. Hieselbst war mir nicht erlaubt an jemanden zu schreiben, vielweniger einen guten Freund zu sprechen, jedoch wurde mit den köstlichsten Speisen und Getränke zum Überflusse versorgt, und meine geringe Wunde von einem Chirurgo alltäglich zweimal verbunden, welche sich binnen zwölf Tagen zu völliger Heilung schloß.

Eines Abends, da der Chirurgus ohne Beisein der Wacht mich verbunden, und allbereit hinweggegangen war, kam er eiligst wieder zurück und sagte: »Mein Herr! jetzt ist es Zeit, Euch durch eine schleunige Flucht selbst zu befreien, denn außerdem, daß kein einziger Mann von der Wacht vorhanden, so stehen alle Türen Eures Gefängnisses offen, darum eilet und folget mir!« Ich besonne nicht lange, ob etwa dieser Handel mit Fleiß also angestellet wäre oder nicht, sondern warf augenblicklich meine völlige Kleidung über mich, und machte mich nebst dem Chirurgo in größter Geschwindigkeit auf den Weg, beschenkte denselben mit einer Handvoll Goldkronen, und kam ohne einzigen Anstoß in des Don Gonsalvo Ferdinando de Cordua, als meiner Mutter leiblichen Bruders Behausung an, dessen Sohn Don Alphonso mir nicht allein den sichersten heimlichen Aufenthalt versprach, sondern sich zugleich erbot, alles auszuforschen, was von meiner Flucht bei Hofe gesprochen würde.

Da es nun das Ansehen hatte, als ob der König dieserwegen noch heftiger auf mich erbittert worden, indem er meine gehabte Wacht selbst gefangenzusetzen, und mich auf allen Straßen und im ganzen Lande aufzusuchen befohlen; vermerkte ich mehr als zu wohl, daß in Kastilien meines Bleibens nicht sei, ließ mir derowegen von meiner Mutter eine zulängliche Summe Reisegelder übersenden, und praktizierte mich, nach Verlauf etlicher Tage, heimlich durch nach Portugal, allwo ich in dem nächsten Hafen zu Schiffe und nach Engelland überging, um daselbst unter König Henrico VII. der, der gemeinen Sage nach, mit den Schotten und einigen Rebellen Krieg anfangen wollte, mich in den Waffen zu üben. Allein meine Hoffnung betrog mich ziemlichermaßen, indem dieses Kriegsfeuer beizeiten in seiner Asche erstickt wurde. Ich hatte zwar das Glück dem Könige aufzuwarten, und nicht allein seines mächtigen Schutzes, sondern auch künftiger Beförderung vertröstet zu werden, konnte aber leicht erraten, daß das letztere nur leere Worte wären, und weil mir außerdem der englische Hof allzuwenig lebhaft vorkam, so hielt mich nur einige Monate daselbst auf, besahe hierauf die vornehmsten Städte des Reichs, ging nach diesen wiederum zu Schiffe, und reisete durch die Niederlande an den Hof Kaiser Maximiliani, allwo zur selbigen Zeit alles Vergnügen, so sich ein junger Ritter wünschen konnte, im größten Überflusse blühete. Ich erstaunete über die ganz seltsame Schönheit des kaiserlichen Prinzens Philippi, und weiln bald darauf erfuhr, daß derselbe ehestens, mit der kastilianischen Prinzessin Johanna vermählet werden sollte, so preisete ich dieselbe allbereit in meinen Gedanken vor die allerglücklichste Prinzessin, wiewohl mich die hernach folgenden Zeiten und Begebenheiten ganz anders belehreten.

Inzwischen versuchte mein äußerstes, mich in dieses Prinzen Gunst und Gnade zu setzen, weil ich die sichere Rechnung machen konnte, daß mein König mich auf dessen Vorspruch bald wiederum zu Gnaden annehmen würde. Das Glücke war mir hierbei ungemein günstig, indem ich in verschiedenen Ritterspielen sehr kostbare Gewinste, und in Betrachtung meiner Jugend, vor andern großen Ruhm erbeutete. Bei sogestalten Sachen aber fanden sich gar bald einige, die solches mit scheelen Augen ansahen, unter denen sonderlich ein savoyischer Ritter war, der sich besonders tapfer zu sein einbildete, und immer nach und nach Gelegenheit suchte, mit mir im Ernste anzubinden. Er fand dieselbe endlich noch ehe als er vermeinte, wurde aber, in Gegenwart mehr als tausend Personen, fast tödlich verwundet vom Platze getragen, dahingegen ich an meinen drei leichten Wunden nicht einmal das Bette hüten durfte, sondern mich täglich bei Hofe öffentlich zeigen konnte. Wenig Wochen darnach wurde ein Gallier fast mit gleicher Münze von mir bezahlet, weil er die spanischen Nationen mit ehrenrührigen Worten und zwar in meinem Beisein angriff. Doch eben diese beiden Unglückskonsorten hetzten den dritten Feind auf mich, welches ebenfalls ein Neapolitaner war, der nicht sowohl den Savoyer und Gallier, sondern vielmehr seinen in Madrid verunglückten Landsmann an mir rächen wollte.

Er machte ein ungemeines Wesen von sich, bat unseres Zweikampfs wegen bei dem Kaiser selbst, nicht allein die Vergünstigung, sondern auch frei und sicher Geleite aus, insoferne er mich entleibte, welches ihm der Kaiser zwar anfänglich abschlug, jedoch endlich auf mein untertänigstes Ansuchen zugestunde.

Demnach wurden alle Anstalten zu unserm Mordspiele gemacht, welchem der Kaiser nebst dessen ganzer Hofstatt zusehen wollte. Wir erschienen also beiderseits zu gehöriger Zeit auf dem bestimmten Platze, mit Wehr, Waffen und Pferden aus der maßen wohl versehen, brachen unsere Lanzen ohne besondern Vorteil, griffen hierauf zu Schwertern, worbei ich gleich anfänglich spürete: Daß mein Gegner kein ungeübter Ritter sei, indem er mir dermaßen heftig zusetzte, daß ich eine ziemliche Weile nichts zu tun hatte, als seine geschwinden Streiche abzuwenden. Allein er war sehr stark und ungeschickt, mattete sich also in einer Viertelstunde also heftig ab, daß er lieber gesehen, wenn ich ihm erlaubt hätte, etwas auszuruhen. jedoch ich mußte mich dieses meines Vorteils auch bedienen, zumalen sich an meiner rechten Hüfte die erste Verwundung zeigte, derowegen fing ich an, meine besten Kräfte zu gebrauchen, brachte auch die nachdrücklichsten Streiche auf seiner Sturmhaube an, worunter mir einer also mißriet, daß seinem Pferde der Kopf gespalten, und er herunterzufallen genötiget wurde. Ich stieg demnach gleichfalls ab, ließ ihn erstlich wieder aufstehen, und traten also den Kampf zu Fuße, als ganz von neuen wieder an. Hierbei dreheten wir uns dermaßen oft und wunderlich herum, daß es das Ansehen hatte als ob wir zugleich tanzen und auch fechten müßten, mittlerweile aber drunge allen beiden das Blut ziemlichermaßen aus den zerkerbten Harnischen heraus, jedoch mein Gegner fand sich am meisten entkräftet, weswegen er auf einige Minuten Stillstand begehrte, ich vergönnete ihm selbigen, und schöpfte darbei selbst neue Kräfte, zumalen da ich sahe, daß mir der kaiserl. Prinz ein besonderes Zeichen seiner Gnade sehen ließ. Sobald demnach mein Feind sein Schwert wiederum in die Höhe schwunge, ließ ich mich nicht träge finden, sondern versetzte ihm einen solchen gewaltsamen Hieb in das Haupt, daß er zu taumeln anfing, und als ich den Streich wiederholet, endlich tot zur Erden stürzte. Ich warf mein Schwert zurück, nahete mich hinzu, um durch Abreißung des Helms ihm einige Luft zu schaffen, da aber das Haupt fast bis auf die Augen gespalten war, konnte man gar leicht begreifen, wo die Seele ihre Ausfahrt genommen hatte, derowegen überließ ihn der Besorgung seiner Diener, setzte mich zu Pferde und ritte nach meinem Quartiere, allwo ich meine empfangenen Wunden, deren ich zwei ziemlich tiefe und sechs etwas geringere aufzuweisen hatte, behörig verbinden ließ.

Dieser Glücksstreich brachte mir nicht allein am ganzen kaiserl. Hofe große Achtbarkeit, sondern des kaiserl. Prinzen völlige Gunst zuwege, so daß er mich in die Zahl seiner Leibritter aufnahm, und jährlich mit einer starken Geldpension versahe. Hierbei erhielt ich Erlaubnis, nicht allein die vornehmsten teutschen Fürstenhöfe, sondern auch die Königreiche Böhmen, Ungarn und Polen zu besuchen, worüber mir die Zeit geschwinder hinlief als ich gemeinet hatte, indem ich nicht ehe am kaiserl. Hofe zurückkam, als da die Prinzessin Margaretha unserm kastilianischen Kronprinzen Johanni als Braut zugeführet werden sollte. Da nun der kaiserl. Prinz Philippus dieser seiner Schwester das Geleite nach Kastilien gab, bekam ich bei solcher Gelegenheit mein geliebtes Vaterland, nebst meiner allerliebsten Eleonora wieder zu sehen, indem mich König Ferdinandus, auf Vorbitte der kaiserl. und seiner eigenen Kinder, zu Gnaden annahm, und den ehemals begangenen Fehler gänzlich zu vergessen versprach.

Es ist nicht zu beschreiben, was die Donna Eleonora vor eine ungewöhnliche Freude bezeigte, da ich den ersten Besuch wiederum bei ihr ablegte, hiernächst wußte sie mich mit ganz neuen und sonderbaren Liebkosungen dermaßen zu bestricken, daß meine ziemlich erkältete Liebe weit feuriger als jemals zu werden begunnte, und ob mir gleich meine besten Freunde dero bisherige Aufführung ziemlich verdächtig machten, und mich von ihr abzuziehen trachteten; indem dieselbe nicht allein mit dem Neapolitaner, der sich, nach Heilung seiner von mir empfangenen Wunden, noch über ein Jahr lang in Madrid aufgehalten, eine allzu genaue Vertraulichkeit sollte gepflogen, sondern nächst diesem auch allen andern Frembdlingen verdächtige Zugänge erlaubt haben; so war doch nichts vermögend mich aus ihren Banden zu reißen, denn sooft ich ihr nur von dergleichen verdrießlichen Dingen etwas erwähnete, wußte sie von ihrer verfolgten Unschuld ein solches Wesen zu machen, und ihre Keuschheit sowohl mit großen Beteurungen als heißen Tränen dermaßen zu verfechten, daß ich ihr in allen Stücken völligen Glauben beimessen, und mich glücklich schätzen mußte, wenn sich ihr in Harnisch gebrachtes Gemüte durch meine kniende Abbitte und äußersten Liebesbezeugungen nur wiederum besänftigen ließ.

Da nun solchergestalt alle Wurzeln der Eifersucht von mir ganz frühzeitig abgehauen wurden, und sich unsere Herzen aufs neue vollkommen vereinigt hatten, über dieses meine Person am ganzen Hofe immer in größere Achtbarkeit kam, so bedünkte mich, daß das Mißvergnügen noch weiter von mir entfernst wäre, als der Himmel von der Erde. Nachdem aber die, wegen des Kronprinzens Vermählung, angestelleten Ritterspiele und andere vielfältige Lustbarkeiten zum Ende gebracht, gab mir der König ein neues Regiment Fußvolk, und damit meine Waffen nicht verrosten möchten, schickte er mich nebst noch mehrern gegen die um Granada auf dem Gebürge wohnenden Maurer zu Felde, welche damals allerhand lose Streiche machten, und eine förmliche Empörung versuchen wollten. Dieses war mein allergrößtes Vergnügen, alldieweilen hiermit Gelegenheit hatte meines lieben Vaters frühzeitigen Tod an dieser verfluchten Nation zu rächen, und gewiß, sie haben meinen Grimm sonderlich im 1500ten und folgenden Jahre, da ihre Empörung am heftigsten war, dermaßen empfunden, daß dem Könige nicht gereuen durfte mich dahin geschickt zu haben.

Immittelst war Ferdinandus mit Ludovico XII. Könige in Frankreich, über das Königreich Neapolis, welches sie doch vor kurzer Zeit unter sich geteilet, und den König Friederikum dessen entsetzt hatten, in Streit geraten, und mein Vetter Gonsalvus Ferdinandus de Cordua, der die spanischen Truppen im Neapolitanischen en Chef kommandierte, war im Jahr1502 so unglücklich gewesen, alles zu verlieren bis auf die einzige Festung Barletta. Demnach schrieb er um schleunigen Sukkurs, und bat den König, unter andern mich, als seiner Schwester Sohn, mit dahin zu senden. Der König willfahrete mir und ihm in diesen Stücke, also ging ich fast zu Ende des Jahres zu ihm über. Ich wurde von meinem Vetter, den ich in vielen Jahren nicht gesehen, ungemein liebreich empfangen, und da ich ihm die erfreuliche Zeitung von den bald nachkommenden frischen Völkern überbracht, wurde er desto erfreuter, und zweifelte im geringsten nicht, die Scharte an denen Franzosen glücklich auszuwetzen, wie er sich denn in seinem hoffnungsvollen Vorsatze nicht betrogen fand, denn wir schlugen die Franzosen im folgenden 1503ten Jahre erstlich bei Cereniola, rückten hierauf vor die Hauptstadt Neapolis, welche glücklich erobert wurde, lieferten ihnen noch eine uns vorteilhafte Schlacht bei dem Flusse Garigliano und brachten, nachdem auch die Festung Cajeta eingenommen war, das ganze Königreich Neapolis, unter Ferdinandi Botmäßigkeit, so daß alle Franzosen mit größten Schimpf daraus vertrieben waren. Im folgenden Jahre wollte zwar König Ludovicus uns mit einer weit stärkern Macht angreifen, allein mein Vetter hatte sich, vermöge seiner besondern Klugheit, in solche Verfassung gesetzt, daß ihm nichts abzugewinnen war. Demnach machten die Franzosen mit unserm Könige Friede und Bündnis, ja weil Ferdinandi Gemahlin Isabella eben in selbigem Jahre gestorben war, nahm derselbe bald hernach eine französische Dame zur neuen Gemahlin, und wollte seinen Schwiegersohn Philippum verhindern, das, durch den Tod des Kronprinzen auf die Prinzessin Johannam gefallene Kastilien in Besitz zu nehmen. Allein Philippus drunge durch, und Ferdinandus mußte nach Aragonien weichen.

Mittlerweile hatte sich mein Vetter Gonsalvus zu Neapolis in großes Ansehen gesetzt, regierte daselbst, jedoch zu Ferdinandi größten Nutzen, als ein würklicher König, indem alle Untertanen Furcht und Liebe vor ihm hegten. Allein sobald Ferdinandus dieses etwas genauer überlegte, entstund der Argwohn bei ihm: Ob vielleicht mein Vetter dahin trachtete, dieses Königreich dem Philippo zuzuschanzen, oder sich wohl gar selbst dessen Krone auf seinen Kopf zu setzen? Derowegen kam er unvermutet in eigener Person nach Neapolis, stellete sich zwar gegen Gonsalvum ungemein gnädig, hielt auch dessen gemachte Reichsanstalten vor genehm, allein dieser verschlagene Mann merkte dennoch, daß des Königs Freundlichkeit nicht von Herzen ginge, dem ohngeacht verließ er sich auf sein gut Gewissen, und reiseten ohne einige Schwürigkeit zu machen, mit dem Könige nach Aragonien, allwo er vor seine treu geleisteten Dienste, mehr Hohn und Spott, als Dank und Ruhm zum Lohne empfing. Meine Person, die Ferdinando ebenfalls verdächtig vorkam, mußte meines Vetters Unfall zugleich mittragen, jedoch da ich in Aragonien außer des Königs Gunst nichts zu suchen, sondern mein väter- und mütterliches Erbteil in Kastilien zu fordern hatte, nahm ich daselbst meinen Abschied, und reisete zu Philippo, bei dessen Gemahlin die Donna Eleonora de Sylva aufs neue in Dienste getreten, und eine von ihren vornehmsten Etatsfräuleins war.

Philippus gab mir sogleich eine Kammerherrensstelle, nebst starken jährlichen Einkünften, also heiratete ich wenig Monate hernach die Donna Eleonora, allein ob sich hiermit gleich ein besonders schöner, weiblicher Körper an den meinigen fügte, so fand ich doch in der genausten Umarmung bei weiten nicht dasjenige Vergnügen, wovon die Naturkündiger so vieles Geschrei machen, und beklagte heimlich, daß ich auf dergleichen ungewisse Ergötzlichkeit, mit so vieljährigen Beständigkeit gewartet, und den ehemaligen Zuredungen meiner vertrauten Freunde nicht mehrern Glauben gegeben hatte.

Jedoch ich nahm mir sogleich vor, dergleichen unglückliches Verhängnis mit möglichster Gelassenheit zu verschmerzen, auch meiner Gemahlin den allzu zeitlich gegen sie gefasseten Ekel auf alle Weise zu verbergen, immittelst mein Gemüte nebst eifrigen Dienstleistungen gegen das königliche Haus, mit andern vergönnten Lustbarkeiten zu ergötzen.

Das Glücke aber, welches mir bis in mein dreißigstes Jahr noch so ziemlich günstig geschienen, mochte nunmehro auf einmal beschlossen haben, den Rücken gegen mich zu wenden. Denn mein König und mächtiger Versorger starb im folgenden 1506ten Jahre, die Königin Johanna, welche schon seit einigen Jahren an derjenigen Ehestandskrankheit laborierte, die ich in meinen Adern fühlete, jedoch nicht eben dergleichen Arzenei, als ich, gebrauchen wollte oder konnte, wurde, weil man sogar ihren Verstand verrückt glaubte, vor untüchtig zum Regieren erkannt, derowegen entstunden starke Verwirrungen unter den Großen des Reichs, bis endlich Ferdinandus aus Aragonien kam, und sich mit Zurücksetzung des sechsjährigen Kronprinzens Karoli, die Regierung des kastilianischen Reichs auf Lebenszeit wiederum zueignete.

Ich weiß nicht ob mich mein Eigensinn oder ein allzu schlechtes Vertrauen abhielt, bei diesem meinem alten, und nunmehro recht verneuerten Herrn, um die Bekräftigung meiner Ehrenstelle und damit verknüpfter Besoldung anzuhalten, wie doch viele meinesgleichen taten, zumalen da er sich sehr gnädig gegen mich bezeigte, und selbiges nicht undeutlich selbst zu verstehen gab. Jedoch ich stellete mich in diesen meinen besten Jahren älter, schwächer und kränklicher an als ich war, bat mir also keine andere Gnade aus, als daß mir die Zeit meines Lebens auf meinen väterlichen Landgütern in Ruhe hinzubringen erlaubt sein möchte, welches mir denn auch ohne alle Weitläuftigkeiten zugelassen wurde.

Meine Gemahlin schien hiermit sehr übel zufrieden zu sein, weil sie ohnfehlbar gewisser Ursachen wegen viel lieber bei Hofe geblieben wäre, jedoch, sie sahe sich halb gezwungen, meinem Willen zu folgen, gab sich derowegen ganz gedultig drein. Ich fand meine Mutter nebst der jüngsten Schwester auf meinem besten Rittergute, welche die Haushaltung daselbst in schönster Ordnung führeten. Mein jüngster Bruder hatte sowohl als die älteste Schwester eine vorteilhafte und vergnügte Heirat getroffen, und wohneten der erste zwei, und die letztere drei Meilen von uns. Ich verheiratete demnach, gleich in den ersten Tagen meiner Dahinkunft, die jüngste Schwester an einen reichen und qualifizierten Edelmann, der vor etlichen Jahren unter meinem Regiment als Hauptmann gestanden hatte, und unser Grenznachbar war, die Mutter aber behielt ich mit größtem Vergnügen bei mir, allein zu meinem noch größern Schmerzen starb dieselbe ein halbes Jahr darauf plötzlich, nachdem ich ihr die Freude gemacht, nicht allein meinen Schwestern ein mehreres Erbteil auszuzahlen, als sie mit Recht verlangen konnten, sondern auch dem Bruder die Hälfte aller meiner erblichen Rittergüter zu übergeben, als wodurch diese Geschwister bewogen wurden, mich nicht allein als Bruder, sondern als einen Vater zu ehren und zu lieben.

Nunmehro war die Besorgung der Ländereien auf drei nahe beisammengelegenen Rittergütern mein allervergnügtester Zeitvertreib, nächst dem ergötzte mich in Durchlesung der Geschichte, so in unsern und andern Ländern vorgegangen waren, damit mich aber niemand vor einen Geizhals oder Grillenfänger ansehen möchte, so besuchte meine Nachbarn fleißig, und ermangelte nicht, dieselben zum öftern zu mir zu bitten, woher denn kam, daß zum wenigsten alle Monat eine starke Zusammenkunft vieler vornehmer Personen beiderlei Geschlechts bei mir anzutreffen war.

Mit meiner Gemahlin lebte ich ungemein ruhig und verträglich, und ohngeacht wir beiderseits wohl merkten, daß eins gegen das andere etwas besonders müßte auf dem Herzen liegen haben, so wurde doch alle Gelegenheit vermieden, einander zu kränken. Am allermeisten aber mußte bewundern, daß die sonst so lustige Donna Eleonora nunmehro ihren angenehmsten Zeitvertreib in geistlichen Büchern und in dem Umgange mit heiligen Leuten beiderlei Geschlechts suchte, dahero ich immer befürchtete, sie möchte auf die Gedanken geraten, sich von mir zu scheiden, und in ein Kloster zu gehen, wie sie denn sich von freien Stücken gewöhnete, wöchentlich nur zweimal bei mir zu schlafen, worbei ich gleichwohl merkte, daß sie zur selbigen Zeit im Werke der Liebe ganz unersättlich war, dem ohngeacht wollten sich von unserern ehelichen Beiwohnungen gar keine Früchte zeigen, welche ich doch endlich ohne allen Verdruß hätte um mich dulden wollen.

Eines Tages, da ich mit meiner Gemahlin auf dem Felde herum spazierenfuhr, begegnete uns ein Weib, welches nebst einem ohngefähr zwölf- bis dreizehnjährigen Knaben, in die nächstgelegene Stadt Weintrauben zu verkaufen tragen wollte. Meine Gemahlin bekam Lust, diese Früchte zu versuchen, derowegen ließ ich stillehalten, um etwas darvon zu kaufen. Mittlerweile sagte meine Gemahlin heimlich zu mir: »Sehet doch, mein Schatz, den wohlgebildeten Knaben an, der vielleicht sehr armer Eltern Kind ist, und sich dennoch wohl besser zu unserm Bedienten schicken sollte, als etliche, die des Brots nicht würdig sind.« »Ich nehme ihn«, versetzte ich, »sogleich zu Eurem Pagen an, soferne es seine Mutter und er selbst zufrieden ist.« Hierüber wurde meine Gemahlin sofort vor Freuden blutrot, sprach auch nicht allein die Mutter, sondern den Knaben selbst um den Dienst an, schloß den ganzen Handel mit wenig Worten, so, daß der Knabe sogleich mit seinem Fruchtkorbe uns auf unser Schloß folgen mußte.

Ich mußte selbst gestehen, daß meine Gemahlin an diesen Knaben, welcher sich Kaspar Palino nennete, keine üble Wahl getroffen hatte, denn sobald er sein rot mit Silber verbrämtes Kleid angezogen, wußte er sich dermaßen geschickt und höflich aufzuführen, daß ich ihn selbst gern um mich leiden mochte, und allen meinen andern Bedienten befahl, diesem Knaben, bei Verlust meiner Gnade, nicht den geringsten Verdruß anzutun, weswegen sich denn meine Gemahlin gegen mich ungemein erkenntlich bezeugte.

Wenige Wochen hernach, da ich mit verschiedenen Gästen und guten Freunden das Mittagsmahl einnahm, entstund ein grausames Lärmen in meinem Hofe, da nun dieserwegen ein jeder an die Fenster lief, wurden wir gewahr, daß meine Jagdhunde eine Bettelfrau, nebst einer etwa neunjährigen Tochter zwar umgerissen, jedoch wenig beschädigt hatten. Meine Gemahlin lief aus mitleidigen Antriebe sogleich hinunter, und ließ die mehr von Schrecken als Schmerzen ohnmächtigen Armen ins Haus tragen und erquicken, kam hernach zurück, und sagte: »Ach mein Schatz! was vor ein wunderschönes Kind ersiehet man an diesem Bettelmägdlein, vergönnet mir, wo Ihr anders die geringste Liebe vor mich habt, daß ich selbiges sowohl als den artigen Kaspar auferziehen mag.«

Ich nahm mir kein Bedenken, ihr solches zu erlauben, denn da in kurzen das Bettelmägdlein dermaßen herausgeputzt wurde, auch sich solchergestalt in den Staat zu schicken wußte, als ob es darzu geboren und auferzogen wäre. Demnach konnte sich die Donna Eleonora alltäglich so vieles Vergnügen mit demselben machen, als ob dieses Mägdlein ihr liebliches Kind sei, außerdem bekümmerte sie sich wenig oder gar nichts um ihre Haushalttungsgeschäfte, sondern wendete die meiste Zeit auf einen strengen Gottesdienst, den sie nebst einer heiligen Frauen oder sogenannten Beata zum öftern in einem verschlossenen Zimmer verrichtete.

Diese Beata lebte sonst gewöhnlich in dem Hospital der heil. Mutter Gottes in Madrid, hatte, meiner Gemahlin Vorgeben nach, einen Prophetengeist, sollte viele Wunder getan haben, und noch tun können, über dieses fast täglicher Erscheinungen der Mutter Gottes, der Engel und anderer Heiligen gewürdiget werden. Sie kam gemeiniglich abends in der Dämmerung mit verhülltem Gesichte, und brachte sehr öfters eine ebenfalls verhüllete junge Weibsperson mit, die sie vor ihre Tochter ausgab. Ein einziges Mal wurde mir vergönnet, ihr bloßes Angesicht zu sehen, da ich denn bei der Alten ein außerordentlich häßliches Gesichte, die Junge aber ziemlich wohlgebildet wahrnahm, jedoch nachhero bekümmerte ich mich fast ganz und gar nicht mehr um ihren Aus- und Eingang, sondern ließ es immerhin geschehen, daß diese Leute, welche ich sowohl als meine Gemahlin vor scheinheilige Narren hielt, öfters etliche Tage und Wochen aneinander in einem verschlossenen Zimmer sich aufgehalten, und mit den köstlichsten Speisen und Getränke versorget wurden. Ich mußte auch nicht ohne Ursach ein Auge zudrücken, weil zu befürchten war, meine Gemahlin möchte dereinst beim Sterbefall ihr großes Vermögen mir entziehen, und ihren Freunden zuwenden.

Solchergestalt lebte nun bis ins vierte Jahr mit der Donna Eleonora, wiewohl nicht sonderlich vergnügt, doch auch nicht gänzlich unvergnügt, bis endlich folgende Begebenheit meine bisherige Gemütsgelassenheit völlig vertrieb, und mein Herz mit lauter Rachbegierde und rasenden Eifer anfüllte: Meiner Gemahlin vertrautes Kammermägdgen Apollonia, wurde von ihren Mitbedienten vor eine Geschwängerte ausgeschrien, und ohngeacht ihr dicker Leib der Sache selbst einen starken Beweistum gab, so verließ sie sich doch beständig aufs Leugnen, bis ich endlich durch erleidliches Gefängnis, die Wahrheit nebst ihrem eigenen Geständnisse, wer Vater zu ihrem Hurkinde sei, zu erforschen Anstalt machen ließ. Dem ohngeacht blieb sie beständig verstockt, allein, am vierten Tage ihrer Gefangenschaft meldete der Kerkermeister in aller Frühe, daß Apollonia vergangene Nacht plötzlich gestorben sei, nachdem sie vorhero Dinte, Feder und Papier gefordert, einen Brief geschrieben, und ihn um aller Heiligen willen gebeten, denselben mit größter Behutsamkeit, damit es meine Gemahlin nicht erführe, an mich zu übergeben. Ich erbrach den Brief mit zitternden Händen, weil mir mein Herz allbereit eine gräßliche Nachricht prophezeiete, und fand ohngefähr folgende Worte darinnen:

 

Gestrenger Herr!

Vernehmet hiermit von einer Sterbenden ein Geheimnis, welches sie bei Verlust ihrer Seligkeit nicht mit ins Grab nehmen kann. Eure Gemahlin, die Donna Eleonora, ist eine der allerlasterhaftesten Weibesbilder auf der ganzen Welt. Ihre Jungfrauschaft hat sie schon, ehe Ihr dieselbe geliebt, dem Don Sebastian de Urrez preisgegeben, und so zu reden, vor einen kostbarn Hauptschmuck verkauft. Mit dem Euch wohlbekannten Neapolitaner hat sie in Eurer Abwesenheit den Knaben Kaspar Palino gezeuget, welcher ihr voritzo als Page aufwartet, und das vermeinte Bettelmägdlein Euphrosine ist ebenfalls ihre leibliche Tochter, die sie zu der Zeit, als Ihr gegen die Maurer zu Felde laget, von ihrem Beichtvater empfangen, und heimlich zur Welt geboren hat. Lasset Eures Verwalters Menellez Frau auf die Folter legen, so wird sie vielleicht bekennen, wie es bei der Geburt und Auferziehung dieser unehelichen Kinder hergegangen. Eure Mutter, die ihr gleich anfänglich zuwider war, habe ich auf ihren Befehl mit einem subtilen Gift aus der Zahl der Lebendigen schaffen müssen, Euch selbst aber, ist eben dergleichen Verhängnis bestimmt, sobald Ihr nur Eure bisherige Gelindigkeit in eine strengere Herrschaft verwandeln werdet. Wie aber ihre Geilheit von Jugend auf ganz unersättlich gewesen, so ist auch die Zahl derjenigen Mannspersonen allerlei Standes, worunter sich öfters sogar die allergeringsten Bedienten gefunden, nicht auszusprechen, die ihre Brunst sowohl bei Tage als Nacht wechselsweise abkühlen müssen, indem sie den öftern Wechsel in diesen Sachen jederzeit von ihr allergrößtes Vergnügen gehalten. Glaubet ja nicht, mein Herr, daß die sogenannte Beata eine heilige Frau sei, denn sie ist in Wahrheit eine der allerliederlichsten Kupplerinnen von ganz Madrid, unter derjenigen Person aber, die vor ihre Tochter ausgegeben wird, ist allezeit ein verkappter Mönch, oder ein anderer junger Mensch versteckt, der Eure Gemahlin, sooft ihr die Lust bei Tage ankömmt, vergnügen, und des Nachts an ihrer Seite liegen muß, und eben dieses ist die sonderbare Andacht, so dieselbe in dem verschlossenen Zimmer verrichtet. Ich fühle, daß mein Ende herannahet, derowegen muß die übrigen Schandtaten unberühret lassen, welche jedoch von des Menellez Frau offenbarer werden können, denn ich muß, die vielleicht noch sehr wenigen Augenblicke meines Lebens, zur Buße und Gebet anwenden, um dadurch von Gott zu erlangen, daß er mich große Sünderin seiner Barmherzigkeit genießen lasse. Was ich aber allhier von Eurer Gemahlin geschrieben habe, will ich in jenem Leben verantworten, und derselben von ganzen Herzen vergeben, daß sie gestern abend die Cornelia zu mir geschickt, die mich nebst meiner Leibesfrucht, vermittelst eines vergifteten Apfels, unvermerkt aus der Welt schaffen sollen, welches ich nicht ehe als eine Stunde nach Genießung desselben empfunden und geglaubet habe. Don Vincentio de Garziano, welcher der Donna Eleonora seit vier Monaten daher von der Beata zum Liebhaber zugeführet worden, hat wider meiner Gebieterin Wissen und Willen seinen Mutwillen auch an mir ausgeübt, und mich mit einer unglückseligen Leibesfrucht belästiget. Vergebet mir, gnädigster Herr, meine Bosheiten und Fehler, so wie ich von Gott Vergebung zu erhalten verhoffe, lasset meinen armseligen Leib in keine ungeweihete Erde begraben, und etliche Seelmessen vor mich und meine Leibesfrucht lesen, damit Ihr in Zukunft von unsern Geistern nicht verunruhiget werdet. Gott, der meine Seele zu trösten nunmehro einen Anfang machet, wird Euch davor nach ausgestandenen Trübsalen und Kümmernissen wiederum zeitlich und ewig zu erfreuen wissen. Ich sterbe mit größten Schmerzen als eine bußfertige Christin und Eure

unwürdige Dienerin

Apollonia.

 

Erwäge selbst, du! der du dieses liesest, wie mir nach Verlesung dieses Briefes müsse zumute gewesen sein, denn ich weiß weiter nichts zu sagen, als daß ich binnen zwei guten Stunden nicht gewußt habe, ob ich noch auf Erden oder in der Hölle sei, denn mein Gemüte wurde von ganz ungewöhnlichen Bewegungen dermaßen gefoltert und zermartert, daß ich vor Angst und Bangigkeit nicht zu bleiben wußte, jedoch, da aus den vielen Hinundhergehen der Bedienten mutmaßete, daß Eleonora erwacht sein müsse, brachte ich dasselbe in behörige Ordnung, nahm eine verstellte gelassene Gebärde an, und besuchte sie in ihrem Zimmer, ich war würklich selbst der erste, der ihr von dem Tode der Apolloniae die Zeitung brachte, welche sie mit mäßiger Verwunderung anhörte, und darbei sagte: »Der Schandbalg hat sich ohnfehlbar selbst mit Gifte hingerichtet, um des Schimpfs und der Strafe zu entgehen, man muß es untersuchen, und das Aas auf den Schindanger begraben lassen.« Allein, ich gab zur Antwort: »Wir werden besser tun, wenn wir die ganze Sache vertuschen, und vorgeben, daß sie eines natürlichen Todes gestorben sei, damit den Leuten, und sonderlich der heiligen Inquisition, nicht Gelegenheit gegeben wird, vieles Wesen davon zu machen, ich werde den Pater Laurentium zu mir rufen lassen, und ihm eine Summe Geldes geben, daß er nach seiner besondern Klugheit alles unterdrücke, den unglückseligen Körper auf den Kirchhof begraben lasse, und etliche Seelmessen vor denselben lese. Ihr aber, mein Schatz!« sagte ich ferner, »werdet, so es Euch gefällig ist, die Güte haben, und nebst mir immittelst zu einem unserer Nachbarn reisen, und zwar, wohin Euch beliebt, damit unsere Gemüter, nicht etwa dieser verdrüßlichen Begebenheit wegen, einige Unlust an sich nehmen, sondern derselben bei lustiger Gesellschaft steuern können.«

Es schien, als ob ihr diese meine Reden ganz besonders angenehm wären, auf mein ferneres Fragen aber, wohin sie vor dieses Mal hinzureisen beliebte? schlug sie sogleich Don Fabio de Canaria vor, welcher drei Meilen von uns wohnete, keine Gemahlin hatte, sondern sich mit etlichen Huren behalf, sonsten aber ein wohlgestaltet, geschickter und kluger Edelmann war. Ich stutzte ein klein wenig über diesen Vorschlag, Eleonora aber, welche solches sogleich merkte, sagte: »Mein Schatz, ich verlange nicht ohne Ursache, diesen übel berüchtigten Edelmann einmal zu besuchen, um welchen es schade ist, daß er in so offenbarer Schande und Lastern lebt, vielleicht aber können wir ihn durch treuherzige Zuredungen auf andern Wege leiten, und dahin bereden, daß er sich eine Gemahlin aussuchet, mithin den Lastern absaget.« »Ihr habt recht«, gab ich zur Antwort, »ja ich glaube, daß niemand auf der Welt, als Ihr, geschickter sein wird, diesen Kavalier zu bekehren, von dessen Lebensart, außer der schändlichen Geilheit, ich sonst sehr viel halte, besinnet Euch derowegen auf gute Vermahnungen, ich will indessen meine nötigsten Geschäfte besorgen, und sodann gleich Anstalt zu unserer Reise machen lassen.« Hierauf ließ ich den Kerkermeister zu mir kommen, und erkaufte ihn mit zweihundert Kronen, wegen des Briefs und Apolloniens weitern Geschichten, zum äußersten Stillschweigen, welches er mir mit einem teuren Eide angelobte. Mit dem Pater Laurentio, der mein Beichtvater und Pfarrer war, wurde durch Geld alles geschlichtet, was des toten Körpers halber zu veranstalten war. Nach diesen befahl meinem allergetreusten Leibdiener, daß er binnen der Zeit unserer Abwesenheit eine kleine schmale Tür aus einem Nebenzimmer in dasjenige Gemach durchbrechen, und mit Brettern wohl verwahren sollte, allwo die Beata nebst ihrer Tochter von meiner Gemahlin gewöhnlich verborgen gehalten wurde, und zwar solchergestalt, daß niemand von dem andern Gesinde etwas davon erführe, auch in dem Gemach selbst an den Tapeten nichts zu merken sein möchte. Mittlerweile erblickte ich durch mein Fenster, daß die Beata nebst ihrer verstellten Tochter durch die Hintertür meines Gartens abgefertiget und fortgeschickt wurden, weswegen ich meinen Leibdiener nochmals alles ordentlich zeigte, und ihn meiner Meinung vollkommen verständigte, nach eingenommener Mittagsmahlzeit aber, mit Eleonoren zu Don Fabio de Canaria reisete.

Nunmehro waren meine Augen weit heller als sonsten, denn ich sahe mehr als zu klärlich, mit was vor feurigen Blicken und geilen Gebärden Eleonora und Fabio einander begegneten, so daß ich leichtlich schließen konnte: wie sie schon vordem müßten eine genauere Bekanntschaft untereinander gepflogen haben, anbei aber wußte mich dermaßen behutsam aufzuführen, daß beide Verliebten nicht das geringste von meinen Gedanken erraten oder merken konnten. Im Gegenteil gab ihnen die schönste Gelegenheit allein zusammenzubleiben, und sich in ihrer verdammten Geilheit zu vergnügen, als womit ich Eleonoren außerordentlich sicher machte, dem Fabio aber ebenfalls die Meinung beibrachte: ich wollte oder könnte vielleicht nicht eifersüchtig werden. Allein dieser Vogel war es eben nicht allein, den ich zu fangen mir vorgenommen hatte. Er hatte noch viele andere Edelleute zu sich einladen lassen, unter denen auch mein Bruder nebst seiner Gemahlin war, diesem vertrauete ich bei einem einsamen Spaziergange im Garten, was mir vor ein schwerer Stein auf dem Herzen läge, welcher denn dieserwegen ebenso heftige Gemütsbewegungen als ich selbst empfand, jedoch wir verstelleten uns nach genommener Abrede aufs beste, und schienen sowohl als alle andern, drei Tage nacheinander rechtschaffen lustig zu sein. Am vierten Tage aber reiseten wir wiederum auseinander, nachdem mein Bruder versprochen, alsofort bei mir zu erscheinen, sobald ich ihm desfalls nur einen Boten gesendet hätte. Zwei Tage nach unserer Heimkunft, kam die verhüllte Beata nebst ihrer vermeinten Tochter in aller Frühe gewandelt, und wurde von Eleonoren mit größtem Vergnügen empfangen. Mein Herz im Leibe entbrannte mit Eifer und Rache, nachdem ich aber die Arbeit meines Leibdieners mit Fleiß betrachtet, und die verborgene Tür nach meinem Sinne vollkommen wohl gemacht befunden, ließ ich meinen Bruder zu mir entbieten, welcher sich denn noch vor abends einstellete. Meine Gemahlin war bei der Abendmahlzeit außerordentlich wohl aufgeräumt, und scherzte wider ihre Gewohnheit sehr lange mit uns, da wir aber nach der Mahlzeit einige Rechnungen durchzugehen vornahmen, sagte sie: »Meine Herren, ich weiß doch, daß Euch meine Gegenwart bei dergleichen ernstlichen Zeitvertreibe beschwerlich fällt, derowegen will mit Eurer gütigen Erlaubnis Abschied nehmen, meine Andacht verrichten, hernach schlafen gehen, weil ich ohnedem heute außerordentlich müde bin.« Wir fertigten sie von beiden Seiten mit unverdächtiger Freundlichkeit ab, blieben noch eine kurze Zeit beisammen sitzen, begaben uns hernach mit zweien Blendlaternen und bloßen Seitengewehren, ganz behutsam und stille in dasjenige Zimmer, wo die neue Tür anzutreffen war, allwo man auch durch die kleinen Löcher, welche sowohl durch die Bretter als Tapeten geschnitten und gestochen waren, alles ganz eigentlich sehen konnte, was in dem, vor heilig gehaltenen Gemache vorging.

Hilf Himmel! Was vor Schande! Was vor ein scheußlicher Anblick! Meine schöne, fromme, keusche, tugendhafte, ja schon halb kanonisierte Gemahlin, Donna Eleonora de Sylva, ging mit einer jungen Mannsperson mutternackend im Zimmer auf und ab spazieren, nicht anders als ob sie den Stand der Unschuld unserer ersten Eltern, bei Verlust ihres Lebens vorzustellen, sich gezwungen sähen. Allein wie kann ich an den Stand der Unschuld gedenken? Und warum sollte ich auch diejenigen sodomitischen Schandstreiche erwähnen, die uns bei diesem wunderbaren Paare in die Augen fielen, die aber auch kein tugendliebender Mensch leichtlich erraten wird, so wenig als ich vorhero geglaubt, daß mir dergleichen nur im Traume vorkommen könne.

Mein Bruder und ich sahen also diesem Schand- und Lasterspiele länger als eine halbe Stunde zu, binnen welcher Zeit ich etliche Mal vornahm die Tür einzustoßen, und diese bestialischen Menschen zu ermorden, allein mein Bruder, der voritzo etwas weniger hitzig als ich war, hielt mich davon ab, mit dem Bedeuten: dergleichen Strafe wäre viel zu gelinde, über dieses so wollten wir doch erwarten, was nach dem saubern Spaziergange würde vorgenommen werden. Wiewohl nun solches leichtlich zu erraten stund, so wurde doch von uns die rechte Zeit, und zwar mit erstaunlicher Gelassenheit abgepasset. Sobald demnach ein jedes von den Schandbälgern einen großen Becher ausgeleeret, der mit einem besonders annehmlichen Getränke, welches die verfluchte Geilheit annoch vermehren sollte, angefüllet gewesen; fielen sie als ganz berauschte Furien, auf das seitwärts stehende Hurenlager, und trieben daselbst solche Unflätereien, deren Angedenken ich gern auf ewig aus meinen Gedanken verbannet wissen möchte. »Nunmehro«, sagte mein Bruder, »haben die Lasterhaften den höchsten Gipfel aller schändlichen Wollüste erstiegen, derowegen kommet mein Bruder! und lasset uns dieselben in den tiefsten Abgrund alles Elendes stürzen, jedoch nehmet Euch sowohl als ich in acht, daß keins von beiden tödlich verwundet werde.« Demnach wurde die kleine Tür in aller Stille aufgemacht, wir traten durch die Tapeten hinein, ohne von ihnen gemerkt zu werden, bis ich den verfluchten geilen Bock beim Haaren ergriff, und aus dem Bette auf den Boden warf. Eleonora tat einen einzigen lauten Schrei, und bliebe hernach auf der Stelle ohnmächtig liegen. Die verteufelte Beata kam im bloßen Hemde mit einem Dolche herzugesprungen, und hätte mich ohnfehlbar getroffen, wo nicht mein Bruder ihr einen solchen heftigen Hieb über den Arm versetzt, wovon derselbe bis auf eine einzige Sehne durchschnitten und gelähmet wurde. Ich gab meinem Leibdiener ein abgeredetes Zeichen, welcher sogleich nebst zwei Knechten in dem Nebenzimmer zum Vorscheine kam, und die zwei verfluchten Frembdlinge, so wir dahinein gestoßen hatten, mit Stricken binden, und in einen sehr tiefen Keller schleppen ließ.

Eleonora lag so lange noch ohne alle Empfindung, bis ihr die getreue Cornelia beinahe dreihundert Streiche mit einer scharfen Geißel auf den wollüstigen nackenden Leib angebracht hatte, denn diese Magd sahe sich von mir gezwungen, ihrer Frauen dergleichen kräftige Arzenei einzugeben, welche die gewünschte Würkung auch dermaßen tat, daß Eleonora endlich wieder zu sich selbst kam, mir zu Fuße fallen, und mit Tränen um Gnad bitten wollte. Allein meine bisherige Gedult war gänzlich erschöpft, derowegen stieß ich die geile Hündin mit einem Fuße zurücke, befahl der Cornelia ihr ein Hemd überzuwerfen, worauf ich beide in ein leeres wohlverwahrtes Zimmer stieß, und alles hinwegnehmen ließ, womit sie sich etwa selbsten Schaden und Leid hätten zufügen können. Noch in selbiger Stunde wurde des Menellez Frau ebenfalls gefänglich eingezogen, den übrigen Teil der Nacht aber, brachten ich und mein Bruder mit lauter Beratschlagungen hin, auf was vor Art nämlich, die wohl angefangene Sache weiter auszuführen sei. Noch ehe der Tag anbrach, begab ich mich hinunter in das Gefängnis zu des Menellez Frau, welche denn gar bald ohne Folter und Marter alles gestund, was ich von ihr zu wissen begehrte. Hierauf besuchte nebst meinem Bruder die Eleonora, und gab derselben die Abschrift von der Apolloniae Briefe zu lesen, worbei sie etliche Mal sehr tief seufzete, jedoch unseres Zuredens ohngeacht, die äußerste Verstockung zeigte, und durchaus kein Wort antworten wollte. Demnach ließ ich ihren versuchten Liebhaber in seiner Blöße, sowohl als die schändliche Beata herzuführen, da denn der erste auf alle unsere Fragen richtige Antwort gab, und bekannte: daß er Don Vincentio de Garziano hieße, und seit vier oder fünf Monaten daher, mit der Eleonora seine schandbare Lust getrieben hatte, bat anbei, ich möchte in Betrachtung seiner Jugend und vornehmen Geschlechts ihm das Leben schenken. »Es ist mir«, versetzte ich, »Mit dem Tode eines solchen liederlichen Menschen, wie du bist, wenig oder nichts geholfen, derowegen sollstu zwar nicht hingerichtet, aber doch also gezeichnet werden, daß die Lust nach frembden Weibern verschwinden, und dein Leben ein täglicher Tod sein soll.« Hiermit gab ich meinem Leibdiener einen Wink, welcher sogleich vier handfeste Knechte hereintreten ließ, die den Vincentio sogleich anpackten, und auf eine Tafel bunden. Dieser merkte bald was ihm widerfahren würde, fing derowegen aufs neue zu bitten und endlich zu drohen an: wie nämlich sein Vater, der ein vornehmer königl. Bedienter und Mitglied der heil. Inquisition sei, dessen Schimpf sattsam rächen könnte, allein es half nichts, sondern meine Knechte verrichteten ihr Amt so, daß er unter kläglichem Geschrei seiner Mannheit beraubt, und nachhero wiederum geheftet wurde. Ich mußte zu meinem allergrößten Verdrusse sehen: Daß Eleonora dieserwegen die bittersten Tränen fallen ließ, um deswillen sie von mir mit dem Fuße dermaßen in die Seite gestoßen wurde, daß sie zum andern Male ohnmächtig darniedersank. Bei mir entstund dieserwegen nicht das geringste Mitleiden, sondern ich verließ sie unter den Händen der Cornelia, der Verschnittene aber mußte nebst der vermaledeiten Kupplerin zurück ins Gefängnis wandern. Nachhero wurde auch die Cornelia vorgenommen, welche sich in allen aufs Leugnen verließ, und vor die Allerunschuldigste angesehen sein wollte, sobald ihr aber nur die Folterbank nebst dem darzu gehörigen Werkzeuge gezeigt wurde, bekannte die liederliche Metze nicht allein, daß sie auf Eleonoras Befehl den vergifteten Apfel zugerichtet, und ihn der Apollonie zu essen eingeschwatzt hätte, sondern offenbarete über dieses noch ein und anderes von ihrer verstorbenen Mitschwester Heimlichkeiten, welches alles aber nur Eleonoren zur Entschuldigung gereichen, und mich zur Barmherzigkeit gegen dieselbe bewegen sollte. Allein dieses war alles vergebens, denn mein Gemüte war dermaßen von Grimm und Rache erfüllet, daß ich nichts mehr suchte als dieselbe rechtmäßigerweise auszuüben. Immittelst, weil ich mich nicht allzusehr übereilen wollte, wurde die übrige Zeit des Tages nebst der darauffolgenden Nacht, teils zu reiflicher Betrachtung meines unglücksel. Verhängnisses, teils aber auch zur benötigten Ruhe angewendet.

Da aber etwa zwei Stunden vor Anbruch des Tages im halben Schlummer lag, erhub sich ein starker Tumult in meinem Hofe, weswegen ich aufsprunge und durchs Fenster ersahe, wie meine Leute mit etlichen frembden Personen zu Pferde, bei Lichte einen blutigen Kampf hielten. Mein Bruder und ich warfen sogleich unsere Harnische über, und eileten den Unsern beizustehen, von denen allbereit zwei hart verwundet auf dem Platze lagen, jedoch sobald wir unsere Schwerter frisch gebrauchten, fasseten meine Leute neuen Mut, daß fünf unbekannte Feinde getötet, und die übrigen sieben verjagt wurden. Indem kam ein Geschrei, daß sich auf der andern Seiten des Schlosses, ein Wagen nebst etlichen Reutern befände, welche Eleonoren und Cornelien, die sich itzo zum Fenster herabließen, hinwegführen wollten. Wir eileten ingesamt mit vollen Sprüngen dahin, und trafen die beiden saubern Weibsbilder allbereit auf der Erden bei dem Wagen an, demnach entstunde daselbst abermals ein starkes Gefechte, worbei drei von meinen Leuten, und acht feindliche ins Gras beißen mußten, jedoch letztlich wurden Wagen und Reuter in die Flucht geschlagen, Eleonora und Cornelia aber blieben in meiner Gewalt und mußten, um besserer Sicherheit willen, sich in ein finsteres Gewölbe verschließen lassen.

Ohnfehlbar hatte Cornelia diesen nächtlichen Überfall angesponnen, indem sie vermutlich Gelegenheit gefunden, etwa eine bekannte getreue Person aus dem Fenster anzurufen, und dieselbe mit einem Briefe sowohl an ihre eigene als Eleonorens Vettern oder Buhler abzusenden, welche dann allerhand Waghälse an sich gezogen, und sie zu erlösen, diesen Krieg mit mir und den Meinigen angefangen hatten, allein ihr Vorteil war sehr schlecht, indem sie dreizehn Tote zurückließen, wiewohl ich von meinen Bedienten und Untertanen auch vier Mann dabei einbüßete. Dieses einzige kam mir hierbei am allerwundersamsten vor, daß derjenige Keller in welchem die Beata und der Verschnittene lagen, erbrochen, beide Gefangene aber nirgends anzutreffen waren, wie ich denn auch nachhero niemals etwas von diesen schändlichen Personen erfahren habe.

Ich ließ alle meine Nachbarn bei den Gedanken, daß mich vergangene Nacht eine Räuberbande angesprenget hätte, denn weil meine Bedienten und Untertanen noch zur Zeit reinen Mund hielten, wußte niemand eigentlich, was sich vor eine verzweifelte Geschicht in meinem Hause zugetragen. Gegen Mitternacht aber lief die grausame Nachricht bei mir ein, daß sich sowohl Eleonora als Cornelia, vermittelst abgerissener Streifen von ihren Hemdern, verzweifelterweise an zwei im Gewölbe befindlichen Haken, selbst erhenkt hätten, auch bereits erstarret und erkaltet wären. Ich kann nicht leugnen, daß mein Gemüte dieserwegen höchst bestürzt wurde, indem ich mir vorstellete: Daß beide mit Leib und Seele zugleich zum Teufel gefahren, indem aber nebst meinem Bruder diesen gräßlichen Zufall beseufzete und beratschlagte, was nunmehro anzufangen sei, meldete sich ein Bote aus Madrid, der sein Pferd zu Tode geritten hatte, mit folgenden Briefe bei mir an:

 

Mein Vetter!

Es hat mir ein vertrauter Freund vom Hofe ingeheim gesteckt, daß sich entsetzliche Geschichte auf Eurem Schlosse begeben hätten, worüber jedermann, der es hörete, erstaunen mußte. Ihr habt starke Feinde, die dem, Euch ohne dieses schon ungnädigen Könige, solche Sache noch heute abends vortragen und den Befehl auswirken werden, daß der königl. Blutrichter nebst seinen und des heil. Officii Bedienten, vermutlich noch morgen vormittags bei Euch einsprechen müssen. Derowegen bedenket Euer bestes, machet Euch beizeiten aus dem Staube, und glaubet sicherlich, daß man, Ihr möget recht oder unrecht haben, dennoch Euer Gut und Blut aussaugen wird. Reiset glücklich, führet Eure Sachen in besserer Sicherheit aus, und wisset, daß ich beständig sei

Euer getreuer Freund

Don Alphonso de Cordua.

 

Nunmehro wollte es Kunst heißen, in meinen verwirrten Angelegenheiten einen vorteilhaften Schluß zu fassen, jedoch da alle Augenblicke kostbarer zu werden schienen, kam mir endlich meines getreuen Vetters Rat am vernünftigsten vor, zumalen da mein Bruder denselben gleichfalls billigte. Also nahm ich einen einzigen getreuen Diener zum Gefährten, ließ zwei der besten Pferde satteln, und soviel Geld und Kleinodien daraufpacken, als sie nebst uns ertragen mochten, begab mich solchergestalt auf die schnellste Reise nach Portugal, nachdem ich nicht allein meinem Bruder mein übriges Geld und Kostbarkeiten mit auf sein Gut zu nehmen anvertrauet, sondern auch, nebst ihm meinem Leibdiener und andern Getreuen, Befehl erteilet, wie sie sich bei diesen und jenen Fällen verhalten sollten. Absonderlich aber sollte mein Bruder des Menellez Frau, wie nicht weniger den Knaben Kaspar Palino, und das Mägdlein Euphrosinen heimlich auf sein Schloß bringen, und dieselben in genauer Verwahrung halten, damit man sie jederzeit als lebendige Zeugen darstellen könne.

Ich gelangete hierauf in wenig Tagen auf dem portugiesischen Gebiete, und zwar bei einem Bekannten von Adel an, der mir auf seinem wohlbefestigten Landgute den sichersten Aufenthalt versprach.

Von dar aus überschrieb ich meine gehabten Unglücksfälle mit allen behörigen Umständen an den König Ferdinandum, und bat mir nichts als einen Frei- und Sicherheitsbrief aus, da ich denn mich ohne Zeitverlust vor dem hohen Gerichte stellen, und meine Sachen nach den Gesetzen des Landes wollte untersuchen und richten lassen. Allein obzwar der König anfänglich nicht ungeneigt gewesen mir dergleichen Brief zu übersenden, so hatten doch der Eleonora und des Vincentio Befreundte, nebst meinen anderweitigen Feinden alles verhindert, und den König dahin beredet: Daß derselbe, nachdem ich, auf dreimal wiederholte Zitation, mich nicht in das Gefängnis des heil. Officii gestellet, vor schuldig strafbar erkläret wurde.

Bei sogestalten Sachen waren alle Vorstellungen, die ich sowohl selbst schriftlich, als durch einige annoch gute Freunde tun ließ, gänzlich vergebens, denn meine Güter hatte der König in Besitz nehmen lassen, und einen Teil von den Einkünften derselben dem heil. Officio anheimgegeben. Ich glaube ganz gewiß, daß des Königs Geiz, nachdem er diese schöne Gelegenheit besser betrachtet, mehr schuld an diesem meinen gänzlichen Ruine gewesen, als die Verfolgung meiner Feinde, ja als die ganze Sache selbst. Mein Bruder wurde ebenfalls nicht übergangen, sondern um eine starke Summe Geldes gestraft, jedoch dieser hat meinetwegen keinen Schaden gelitten, indem ich ihm alles Geld und Gut, so er auf mein Bitten von dem meinigen zu sich genommen, überlassen, und niemals etwas zurückgefordert habe. Also war der König, der sich in der Jugend selbst zu meinen Versorger aufgeworfen hatte, nachhero mein Verderber, welches mich jedoch wenig wundernahm, wenn ich betrachtete, wie dessen unersättlicher Eigennutz nicht allein alle Vornehmsten des Reichs zu Paaren trieb, sondern auch die besten Einkünfte der Ordensritter an sich zohe.

Dem ohngeacht schien es als ob ich noch nicht unglückselig genug wäre, sondern noch ein härter Schicksal am Leibe und Gemüt ertragen sollte, denn es schrieb mir abermals ein vertrauter Freund: Daß Ferdinandus meinen Aufenthalt in Portugal erfahren hätte, und dieserwegen ehestens bei dem Könige Emanuel, um die Auslieferung meiner Person bitten wollte, im Fall nun dieses letztere geschähe, dürfte keinen Zweifel tragen, entweder meinen Kopf zu verlieren, oder wenigstens meine übrige Lebenszeit in dem Turme zu Segovia als ein ewiger Gefangener hinzubringen. Da nun weder dieses noch jenes zu versuchen beliebte, und gleichwohl eines als das andere zu befürchten die größte Ursach hatte, fassete ich den kurzen Schluß: mein verlornes Glück zur See wiederzusuchen, und weil eben damals vor acht oder neun Jahren die Portugiesen in der neuen Welt eine große und treffliche Landschaft entdeckt, und selbige Brasilien genennet hatten, setzte ich mich im Port-Cale zu Schiffe, um selbiges Land selbst in Augenschein zu nehmen, und da es nur in etwas angenehm befände, meine übrige Lebenszeit daselbst zu verbleiben.

Allein das Unglück verfolgte mich auch zur See, denn um die Gegend der sogenannten glückseligen Insuln, wurden die portugiesischen Schiffe, deren acht an der Zahl waren, so miteinander segelten, durch einen heftigen Sturmwind zerstreuet, dasjenige aber, worauf ich mich befand, zerscheiterte an einem Felsen, so daß ich mein Leben zu erhalten einen Balken ergreifen, und mich mit selbigen vier Tage nacheinander vom Winde und Wellen mußte herumtreiben lassen. Mein Untergang war sehr nahe jedoch der Himmel hatte eben zu rechter Zeit etliche spanische Schiffe in diese Gegend geführet, welche nebst andern auch mich auffischeten und erquickten.

Es waren dieses die Schiffe des Don Alphons Hojez, und des Don Didaco de Niquesa, welche beide von dem spanischen Könige, als Gouverneurs, und zwar der erste über Karthago, der andere aber über Caragua, in die neu erfundene Welt abgefertiget waren. Unter allen bei sich habenden Leuten war nur ein einziger, der mich, und ich hinwiederum ihn von Person sehr wohl kennete, nämlich: Don Vasco Nunez di Valboa, der unter dem Hojez ein Schiffshauptmann war, dieser erzeigte sich sehr aufrichtig gegen mich, hatte vieles Mitleiden wegen meines unglücklichen Zustandes, und schwur wider meinen Willen, mich niemanden zu entdecken, also blieb ich bei ihm auf seinem Schiffe, allwo er mich, mit Vorbewußt des Hojez, zu seinem Schiffslieutenant machte.

Wir erreichten demnach ohne ferneres Ungemach die Insul Hispaniolam, daselbst rüstete der Gouverneur Hojez, vier große und starke, nebst etlichen kleinen Nebenschiffen aus, auf welchen wir gerades Wegs hinüber nach der Stadt Neu-Karthago zu segelten. Hieselbst publizierte Hojez denen Einwohnern des Landes das königliche Edikt: Wie nämlich dieselben von ihrem bisherigen heidnischen Aberglauben ablassen, von den Spaniern das Christentum nebst guten Sitten und Gebräuchen annehmen, und den König in Kastilien vor ihren Herrn erkennen sollten, widrigenfalls man sie mit Feuer und Schwert verfolgen, und in die strengste Sklaverei hinwegführen wollte.

Allein diese Leute gaben hierauf sehr freimütig zur Antwort: Daß sie sich um des Königs von Kastilien Gnade oder Ungnade gar nichts bekümmerten, nächst diesen möchten sie zwar gern das Vergnügen haben in ihrem Lande mit frembden Völkern umzugehen, und denenselben ihre überflüssigen Reichtümer zuzuwenden, doch müßten sich selbige freundlich, fromm und tugendhaft auffuhren. Da aber die Spanier seit ihrer ersten Ankunft etliche Jahre daher nichts als Tyranney, Geiz, Morden, Blutvergießen, Rauben, Stehlen, Sengen und Brennen, nebst andern schändlichen Lastern von sich spüren lassen, nähmen sie sich ein billiges Bedenken, dergleichen verdächtiges Christentum, Sitten und Gebräuche anzunehmen. Demnach möchten wir nur alsofort zurückekehren und ihre Grenzen verlassen, widrigenfalls sie sich genötiget sähen ihre Waffen zu ergreifen, und uns mit Gewalt von dannen zu treiben.

Ich vor meine Person wußte diesen sehr vernunftmäßigen Entschluß nicht im geringsten zu tadeln, zumalen da die gottlose und unchristliche Aufführung meiner Landsleute mehr als zu bekannt worden. Dem ohngeacht ließ der Gouverneur alsobald sein Kriegsvolk an Land steigen, fing aller Orten zu sengen, zu brennen, totzuschlagen und zu verfolgen an, verschonete auch weder jung noch alt, reich noch arm, männ- oder weibliches Geschlechte, sondern es mußte alles ohne Unterschied seiner Tyranney herhalten.

Meine Hände hüteten sich soviel als möglich war, dieses unschuldige Blut vergießen zu helfen, ja ich beklagte von Grunde meiner Seelen, daß mich ein unglückliches Verhängnis eben in dieses jammervolle Land geführet hatte, denn es bedünkte mich unrecht und grausam, auch ganz wider Christi Befehl zu sein, den Heiden auf solche Art das Evangelium zu predigen. Über dieses verdroß mich heimlich, daß der Gouverneur aus purer Bosheit, das königliche Edikt, welches doch eigentlich nur auf die Karaiber oder Menschenfresser zielete, so mutwillig und schändlich mißbrauchte, und nirgends einen Unterschied machte, denn ich kann mit Wahrheit schreiben: daß die Indianer auf dem festen Lande, und einigen andern Insuln, nach dem Lichte der Natur dermaßen ordentlich und tugendhaft lebten, daß mancher Maulchriste dadurch nicht wenig beschämt wurde.

Nachdem aber der Gouverneur Hojez um Karthago herum ziemlich reine Arbeit gemacht, und daselbst ferner keinen Gegenstand seiner Grausamkeit antreffen konnte, begab er sich über die zwölf Meilen weiter ins Land hinein, streifte allerwegen herum, bekriegte etliche indianische Könige, und verhoffte solchergestalt ein große Beute von Gold und Edelgesteinen zu machen, weil ihm etliche Gefangene Indianer hierzu die größte Hoffnung gemacht hatten. Allein er fand sich hierinnen gewaltig betrogen, denn da wir uns am allersichersten zu sein dünken ließen, hatte sich der caramairinenser König mit seinem auserlesensten Landvolke in bequeme heimliche Örter versteckt, welcher uns denn dermaßen scharf zusetzte, daß wir gezwungen wurden eiligst die Flucht zu ergreifen und dem Meere zuzueilen nachdem wir des Hojez Obristen Lieutenant Don Juan de la Cossa, nebst vierundsiebzig der tapfersten Leute eingebüßet, als welche von den Indianern jämmerlich zerhackt und gefressen worden, woraus geurteilet wurde, daß die Caramairinenser von den Karaibern oder Menschenfressern herstammeten, und derselben Gebrauche nachlebten, allein ich halte davor, daß es diese sonst ziemlich vernünftigen Menschen damals, mehr aus rasenden Eifer gegen ihre Todfeinde, als des Wohlschmeckens wegen getan haben mögen.

Dieser besondere Unglücksfall verursachte, daß der Gouverneur Hojez in dem Hafen vor Karthago, sehr viel Not und Bekümmernis ausstehen mußte, zumalen da es sowohl an Lebensmitteln als andern höchst nötigen Dingen zu mangeln begunnte. Jedoch zu gutem Glücke traf Don Didaco de Niquesa nebst etlichen Schiffen bei uns ein, welche mit beinahe achthundert guten Kriegsleuten und genugsamen Lebensmitteln beladen waren. Sobald er demnach den Hojez und dessen Gefährten aufs beste wiederum erquicket hatte, wurde beratschlage, den empfangenen unglücklichen Streich mit zusammengesetzter Macht an den Caramairinensern zu rächen, welches denn auch grausam genung vonstatten ging. Denn wir überfielen bei nächtlicher Weile dasjenige Dorf, bei welchem de la Cossa nebst seinen Gefährten erschlagen worden, zündeten dasselbe ringsherum mit Feuer an, und vertilgeten alles darinnen was nur lebendigen Odem hatte, so daß von der großen Menge Indianer die sich in selbigem versammlet hatten, nicht mehr übrigblieben als sechs Jünglinge, die unsere Gefangene wurden.

Es vermeinete zwar ein jeder, in der Asche dieses abgebrannten Dorfes, so aus mehr als hundert Wohnungen bestanden, einen großen Schatz an Gold und edlen Steinen zu finden, allein das Suchen war vergebens, indem fast nichts als Unflat von verbrannten Körpern und Totenknochen, aber sehr wenig Gold zum Vorscheine kam, weswegen Hojez ganz verdrießlich zurückzohe, und weiter kein Vergnügen empfand, als den Tod des de la Cossa und seiner Gefährten gerochen zu haben.

Wenige Zeit hernach beredeten sich die beiden Gouverneurs nämlich Hojez und Niquesa, daß ein jeder diejenige Landschaft, welche ihm der König zu verwalten übergeben, gnungsam auskundschaften und einnehmen wollte. Hojez brach am ersten auf, die Landschaft Uraba, so ihm nebst dem karthaginensischen Port zustunde, aufzusuchen. Wir landeten erstlich auf einer Insul an, welche nachhero von uns den Namen Fortis erhalten, wurden aber bald gewahr, daß dieselbe von den allerwildesten Kannibalen bewohnet sei, weswegen keine Hoffnung, allhier viel Gold zu finden, vorhanden war. Jedoch fand sich über Vermuten noch etwas von diesem köstlichen Metall, welches wir nebst zweien gefangenen Männern und sieben Weibern mit uns hinwegführeten. Von dar aus segelten wir gerades Weges nach der Landschaft Uraba, durchstreiften dieselbe glücklich, und baueten ostwärts in der Gegend Caribana einen Flecken an, nebst einem wohlbefestigten Schlosse, wohin man sich zur Zeit der feindlichen Empörung und plötzlichen Überfalls sicher zurückziehen und aufhalten könnte. Dem ohngeacht, ließ sich der schon so oft betrogene Hojez abermals betriegen, indem ihn die gefangenen Indianer viel Wesens von einer austräglichen Goldgrube machten, welche bei dem, 12000 Schritt von unserm Schloß gelegenen Dorfe Tirafi anzutreffen wäre. Wir zogen also dahin, vermeinten die Einwohner plötzlich zu überfallen und alle zu erschlagen, allein selbige empfingen uns mit ihren vergifteten Pfeilen dermaßen beherzt, daß wir mit Zurücklassung etlicher Toten und vieler Verwundeten schimpflich zurückeilen mußten.

Folgendes Tages kamen wir in einem andern Dorfe ebenso übel, ja fast noch schlimmer an, auf dem Rückwege aber begegnete dem Gouverneur Hojez der allerschlimmste und gefährlichste Streich, denn es kam ein kleiner König, dessen Ehefrau von dem Hojez gefangengenommen war, und gab vor, dieselbe mit zwanzig Pfund Goldes auszulösen, wie denn auch acht Indianer bei ihm waren, welche, unserer Meinung nach, das Gold bei sich trügen, allein über alles Vermuten schoß derselbe einen frisch vergifteten Pfeil in des Gouverneurs Hüfte, und wollte sich mit seinen Gefährten auf die Flucht begeben, wurden aber von der Leibwacht ergriffen, und sämtlich in Stücken zerhauen. Jedoch hiermit war dem Gouverneur wenig geholfen, weiln er in Ermangelung kräftiger Arzeneien, die dem Gifte in der Wunde Widerstand zu tun vermögend, entsetzliche Qual und Schmerzen ausstehen mußte, wie er sich denn seiner Lebenserhaltung wegen, etliche Mal ein glühend Eisenblech auf die Wunde legen ließ, um das Gift herauszubrennen, als welches die allergewisseste und sicherste Kur bei dergleichen Schäden sein sollte, jedennoch dem Hojez nicht zu seiner völligen Gesundheit verhelfen konnte.

Mittlerzeit kam Bernardino de Calavera, mit einem starken Schiffe, das sechzig tapfere Kriegsleute, nebst vielen Lebensmitteln aufgeladen hatte, zu uns, welches beides unsern damaligen gefährlichen und bedürftigen Zustand nicht wenig verbesserte. Da aber auch diese Lebensmittel fast aufgezehret waren, und das Kriegesvolk nicht den geringsten glücklichen Ausschlag von des Hojez Unternehmungen sahe, fingen sie an, einen wirklichen Aufstand zu erregen, welchen zwar Hojez damit zu stillen vermeinte, daß er sie auf die Ankunft des Don Martin Anciso vertröstete, als welchem er befohlen, mit einem Lastschiffe voll Proviant uns hierher zu folgen, jedoch die Kriegsknechte, welche diese Tröstungen, die doch an sich selbst ihre Richtigkeit hatten, in Zweifel zohen, und vor lauter leere Worte hielten, beredeten sich heimlich, zwei Schiffe von den unsern zu entführen, und mit selbigen in die Insul Hispaniolam zu fahren.

Sobald Hojez diese Zusammenverschwerung entdeckt, gedachte er dem Unheil vorzubauen, und tat den Vorschlag, selbst eine Reise nach Hispaniolam anzutreten, bestellete derowegen den Don Franzisco de Pizarro in seiner Abwesenheit zum Obristenlieutenant, mit dem Bedeuten, daß wo er innerhalb fünfzig Tagen nicht wiederum bei uns einträfe, ein jeder die Freiheit haben sollte hinzugeben wohin er wollte.

Seine Hauptabsichten waren, sich in Hispaniola an seiner Wunde bei verständigen Ärzten völlig heilen zu lassen, und dann zu erforschen, was den Don Anciso abgehalten hätte, uns mit dem bestellten Proviant zu folgen. Demnach setzte er sich in das Schiff, welches Bernardino de Calavera heimlich und ohne Erlaubnis des Oberadmirals und anderer Regenten aus Hispaniola entführet hatte, und segelte mit selbigen auf bemeldte Insul zu.

Wir Zurückgebliebenen warteten mit Schmerzen auf dessen Wiederkunft, da aber nicht allein die fünfzig Tage, sondern noch mehr als zweimal soviel verlaufen waren, und wir binnen der Zeit vieles Ungemach, sowohl wegen feindlicher Anfälle, als großer Hungersnot erlitten hatten; teilete sich alles Volk in des Hojez zurückgelassene zwei Schiffe ein, des Willens, ihren Gouverneur selbst in Hispaniola aufzusuchen.

Kaum hatten wir das hohe Meer erreicht, da uns ein entsetzlicher Sturm überfiel, welcher das Schiff, worinnen unsere Mitgesellen saßen, in einem Augenblicke umstürzte und in den Abgrund versenkte, so daß kein einziger zu erretten war. Wir übrigen suchten dergleichen Unglücke zu entgehen, landeten derowegen bei der Insul Fortis, wurden aber von den Pfeilen der wilden Einwohner dermaßen unfreundlich empfangen, daß wir vor unser größtes Glück schätzten, noch beizeiten das Schiff zu erreichen, und von dannen zu segeln.

Indem nun bei solchen kümmerlichen Umständen die Fahrt nach Hispaniola aufs eiligste fortgesetzt wurde, begegnete uns über alles Verhoffen der oberste Gerichtspräsident Don Martin Anciso, welcher nicht allein auf einem Lastschiffe allerhand Nahrungsmittel und Kleidergeräte, sondern auch in einem Nebenschiffe gute Kriegsleute mit sich führete.

Seine Ankunft war uns ungemein tröstlich, jedoch da er nicht glauben wollte, daß wir von unsern Gouverneur Hojez verlassen wären, im Gegenteil uns vor Aufrührer oder abgefallene Leute ansahe, mußten wir uns gefallen lassen, erstlich eine Zeitlang in der Einfahrt des Flusses Boyus zwischen den karthaginensischen Port und der Landschaft Cuchibacoam bei ihm stillezuliegen, hernachmals aber in seiner Begleitung nach der urubanischen Landschaft zurückzusegeln, weil er uns weder zu dem Niquesa noch in Hispaniolam führen wollte, sondern vorgab, er müsse uns alle, kraft seines tragenden Amts und Pflichten, durchaus in des Gouverneurs Hojez Provinz zurückebringen, damit dieselbe nicht ohne Besatzung bliebe.

Demnach richteten wir unsern Lauf dahin, allein es schien als ob das Glück allen unsern Anschlägen zuwider wäre, denn als des Anciso allerbestes Schiff in den etwas engen Hafen einlaufen wollte, ginge selbiges durch Unvorsichtigkeit des Steuermanns zu scheitern, so daß aller Proviant, Kriegsgeräte, Gold, Kleinodien, Pferde und andere Tiere zu Grunde sinken, die Menschen aber sehr kümmerlich ihr Leben retten mußten, welches wir doch ingesamt, wegen Mangel der nötigen Lebensmittel und anderer Bedürfnissen ehestens zu verlieren, fast sichere Rechnung machen konnten.

Endlich, nachdem wir uns etliche Tage mit Wurzeln, Kräutern, auch elenden saueren Baumfrüchten des Hungers erwehret, wurde beschlossen etwas tiefer ins Land hineinzurücken, und viel lieber heldenmütig zu sterben, als so schändlich und verächtlich zu leben, allein da wir kaum vier Meilen Wegs zurückgelegt, begegnete uns eine erstaunliche Menge wohlbewaffneter Indianer, die den tapfern Vorsatz alsobald zernichteten, und uns über Hals und Kopf, mit ihren vergifteten Pfeilen, an das Gestade des Meeres, allwo unsere Schiffe stunden, wieder rückwarts jagten.

Die Bekümmernis über diesen abermaligen Unglücksfall war dennoch nicht so groß als die Freude, so uns von einigen gefangenen Indianern gemacht wurde, welche berichteten, daß oberhalb dieses Meerbusens eine Landschaft läge, die an Früchten und allen notdürftigen Lebensmitteln alles im größten Überflusse hervorbrächte. Don Anciso sahe sich also gezwungen, uns dahin zu führen. Die dasigen Einwohner hielten sich anfänglich ziemlich ruhig, sobald wir aber anfingen in diesem gesegneten Lande Häuser aufzubauen, und unsere Wirtschaft ordentlich einzurichten, brach der König Comaccus mit seinen Untertanen auf, und versuchte, uns frembde Gäste aus dem Lande zu jagen. Es kam solchergestalt zu einem grausamen Treffen, welches einen ganzen Tag hindurch und bis in die späte Nacht währete, jedoch wir erhielten den Sieg, jagten den zerstreueten Feinden allerorten nach, und machten alles, was lebendig angetroffen wurde, aufs grausamste darnieder.

Nunmehro fand sich nicht allein ein starker Überfluß an Brod, Früchten, Wurzeln und andern notwendigen Sachen, sondern über dieses in den Gepüschen und sumpfigten Örtern der Flüsse, über drittehalb tausend Pfund gediehen Gold, nebst Leinwand, Bettdecken, allerlei metallenes, auch irdenes und hölzernes Geschirr und Fässer, welches der König Comaccus unsertwegen dahin verstecken und vergraben lassen. Allhier ließ Don Anciso nachhero eine Stadt und Kirche, welche er Antiqua Darienis nennete, aufbauen, und solches tat er wegen eines Gelübdes, so er der sankta Maria Antiqua die zu Sevillen sonderlich verehret wird, noch vor der Schlacht versprochen hatte. Mittlerzeit ließ Don Anciso unsere zurückgelassenen Leute in zweien Schiffen herbeiholen, unter welchen sich auch mein besonderer Freund, der Hauptmann Don Vasco Nunez di Valboa befand, welcher nunmehro an der, von einem vergifteten Pfeile empfangenen Wunde wiederum völlig hergestellet war. Da es nun wegen der erbeuteten Güter zur behörigen Teilung kommen sollte, und ein jeder vermerkte, wie Don Anciso als ein eigennütziger Geizhals überaus unbillig handelte, indem er sich selbst weit größere Schätze zueignete, als ihm von Rechts wegen zukamen, entstund dieserwegen unter dem Kriegsvolke erstlich ein heimliches Gemurmele, welches hernach zu einem öffentlichen Aufruhr ausschlug, da sich die besten Leute an den Don Valbao henkten, und ihn zu ihren Oberhaupt und Beschützer aufwarfen. Des Don Anciso Anhang gab zwar dem Valboa Schuld: daß er von Natur ein aufrührerischer und unnützer Mensch sei, dessen Regiersucht nur allerlei Unglück anzustiften trachte; allein soviel ich die ganze Zeit meines Umgangs bei ihm gemerkt, war er ein Mann von besonderer Herzhaftigkeit, der sich vor niemanden scheute, und derowegen das Unrecht, so ihm und den Seinigen geschahe, unmöglich verschmerzen konnte, hergegen selbiges auf alle erlaubte Art zu rächen suchte, wiewohl er hierbei niemals den Respekt und Vorteil des Königs in Kastilien aus den Augen setzte.

In diesem Lärmen kam Don Roderiguez Colmenarez mit zweien Schiffen aus Hispaniola zu uns, welche nicht allein mit frischen Kriegsvolk, sondern auch vielen Proviant beladen waren. Dieser vermeinte den Hojez allhier anzutreffen, von dem er erfahren, daß er nebst seinem Volk in großer Angst und Nöten steckte, fand aber alles sehr verwirrt, indem sich Anciso und Valboa um die Oberherrschaft stritten, und jeder seinen besondern Anhang hatte. Um nun einen fernern Streit und endliches Blutvergießen zu verhüten, schiffte Colmenarez zurück, seinen Vettern Don Didaco de Niquesa herbeizubringen, welcher die streitenden Parteien auseinandersetzen, und das Oberkommando über die andern alle annehmen sollte.

Colmenarez war so glücklich den Niquesa eben zu rechter Zeit anzutreffen, und zwar in der Gegend die von ihm selbst Nomen Dei benamt worden, allwo der arme Niquesa nackend und bloß, nebst seinen Leuten halb tot gehungert, herumirrete. Jedoch nachdem ihn Colmenarez nebst fünfundsiebzig Kastilianern zu Schiffe und auf die rechte Straße gebracht, kam er unverhofft bei uns in Antiqua Darienis an. Hieselbst war er kaum an Land gestiegen, als es lautbar wurde, wie schmählich und schimpflich er sowohl von Anciso als Valboa geredet, und gedrohet, diese beiden nebst andern Hauptleuten, teils ihrer Ämter und Würden zu entsetzen, teils aber um Gold und Geld aufs schärfste zu bestrafen. Allein eben diese Drohungen gereichten zu seinem allergrößten Unglücke, denn es wurden solchergestalt beide Teile gegen ihn erbittert, so daß sie den armen Niquesa nebst seinen Leuten wieder zurück in sein Schiff, und unbarmherzigerweise, ohne Proviant, als einen Hund aus derselbigen Gegend jagten.

Ich habe nach Verfluß einiger Monate etliche von seinen Gefährten auf der zorobarer Landschaft angetroffen, welche mich berichteten, daß er nahe bei dem Flusse, nebst etlichen der Seinen, von den Indianern sei erschlagen und gefressen worden, weswegen sie auch diesen Fluß Rio de los perditos, auf teutsch den Fluß des Verderbens nenneten, und mir einen Baum zeigten, in dessen glatte Rinde diese lateinischen Worte geschnitten waren: Hic misero errore fessus, Didacus Niquesa infelix periit. Zu teutsch: Hier ist der vom elenden Herumschweifen ermüdete, und unglückliche Didacus Niquesa umgekommen.

Jedoch ich erinnere mich, um bei meiner Geschichtserzählung, eine richtige Ordnung zu halten, daß wir nach des Niquesa Vertreibung damals den größten Kummer, Not und Hunger leiden mußten, indem des Colmenarez dahin gebrachter Proviant gar bald aufgezehret war, so daß wir als wilde Menschen, ja als hungerige Wölfe überall herumliefen, und alles hinwegraubten was nur in den nächstgelegenen Landschaften anzutreffen war.

Endlich nachdem Valboa einen Anhang von mehr als hundertfünfzig der auserlesensten Kriegsleute beisammen hatte, gab er öffentlich zu verstehen, daß er nunmehro, da der Gouverneur Hojez allem Vermuten nach umgekommen, unter keines andern Menschen Kommando stehen wolle, als welcher ein eigen Diploma von dem Könige selbst aufzuweisen hätte. Anciso hingegen trotzete auf sein oberstes Gerichtspräsidentenamt, weiln aber sein Beglaubigungsbrief vielleicht im letztern Schiffbruche mit versunken war, oder er nach vieler anderer Meinung wohl gar keinen gehabt hatte, fand Valboa desto mehr Ursach sich demselben nicht zu unterwerfen, und sobald Anciso sein Ansehen mit Gewalt zu behaupten Miene machte, überfiel ihn Valboa plötzlich, ließ den prahlhaften Geizhals in Ketten und Banden legen, und teilete dessen Gold und Güter der königlichen Kammer zu. Jedoch nachdem ich und andere gute Freunde dem Valboa sein allzu hitziges Verfahren glimpflich vorstelleten, besann er sich bald eines andern, bereuete seine jachzornige Strengigkeit, stellete den Anciso wiederum auf freien Fuß, gab ihm sein Gold und Güter ohne Verzug zurück, und hätte sich ohnfehlbar gänzlich mit Anciso ausgesöhnet, wenn derselbe nicht allzu rachgierig gewesen wäre. Wenig Tage hernach segelte Anciso mit seinen Anhängern von uns hinweg und hinterließ die Drohungen, sich in Kastilien, bei dem Könige selbst, über den Valboa zu beklagen, jedoch dieser letztere kehrete sich an nichts, sondern brachte sein sämtliches Kriegsvolk in behörige Ordnung, setzte ihnen gewisse Befehlshaber, auf deren Treue er sich verlassen konnte, als worunter sich nebst mir auch Don Rodriguez Colmenarez befand, und fing alsobald an sein und unser aller Glück mit rechten Ernste zu suchen.

Coiba war die erste Landschaft, welche von uns angegriffen wurde, und deren König Careta, als er sich mit dem Mangel entschuldigte, Proviant und andere Bedürfnissen herzugeben, mußte sich nebst Weib, Kindern und allem Hofgesinde nach Darien abführen lassen.

Mittlerzeit sahe Valboa sowohl als alle andern vor nötig an, den Valdivia und Zamudio nach Hispaniola zu senden, deren der erstere bei dem Oberadmiral, Don Didaco Kolumbo, und andern Regenten dieser Lande, den Valboa bestens rekommandieren, und um schleunige Beihülfe an Proviant und andern Bedürfnissen bitten sollte, Zamudio aber war befehligt eiligst nach Kastilien zu segeln, und des Valboa mit Anciso gehabten Händel bei dem Könige aufs eifrigste zu verteidigen. Inzwischen wurde der coibanische König Careta wieder auf freien Fuß gestellet, jedoch unter den Bedingungen, daß er nicht allein unser Kriegsvolk nach Möglichkeit mit Speise und Trank versehen, sondern auch dem Valboa in dem Kriegszuge, wider den benachbarten König Poncha, beistehen, und die rechten Wege zeigen sollte.

Indem nun Careta mit diesem seinen ärgsten Feinde Poncha beständig Krieg geführet, und von ihm sehr in die Enge getrieben worden, nahm er diese Gelegenheit sich einmal zu rächen mit Freuden an, zog mit seinen Untertanen, welche mit langen hölzernen Schwertern und sehr spitzigen Wurfspießen bewaffnet waren, stets voraus, um den Poncha unversehens zu überfallen. Allein dieser hatte dennoch unsern Anzug beizeiten ausgekundschaft und dieserwegen die Flucht ergriffen, dem ohngeacht fanden wir daselbst einen starken Vorrat an Lebensmitteln und andern trefflichen Sachen, wie nicht weniger etliche dreißig Pfund feines Goldes.

Nach diesem glücklichen Streiche wurde der König Comogrus überfallen, mit welchen wir aber auf des Königs Caretae Unterhandlung Bündnis und Friede machten. Dieser Comogrus hatte sieben wohlgestalte Söhne, von welchen der älteste ein Mensch von ganz besondern Verstande war, und nicht allein vieles Gold und Kleinodien unter uns austeilete, sondern auch Anschläge gab, wo wir dergleichen köstliche Waren im Überflusse antreffen könnten.

Es ließ sich der König Comogrus mit seiner ganzen Familie zum christlichen Glauben bereden, weswegen er in der Taufe den Namen Carolus empfing, nachdem aber das Bündnis und Freundschaft mit ihm auf solche Art desto fester geschlossen worden, nahmen wir unsern Rückweg nach Antiquiam Darienis, allwo der Valdivia zwar wiederum aus Hispaniola angelangt war, jedoch sehr wenig Proviant, hergegen starke Hoffnung mit sich brachte, daß wir ehestens alles Benötigte in desto größerer Menge empfangen sollten.

Das Elend wurde also abermals sehr groß, dazumalen unsere Ernte durch ungewöhnlich starke Wasserfluten verderbt, alle um und neben uns liegende Landschaften aber ausgezehret waren, derowegen trieb uns die Not mit großer Gefahr in das Mittelland hinein, nachdem wir am 9ten Dezember des Jahr 1511 den Valdivia mit vielen Gold und Schätzen, die vor den König Ferdinandum gesammlet waren, über Hispaniolam nach Spanien zu segeln abgefertiget hatten.

In diesem mittägigen Lande trafen wir etliche Häuser an, aus welchen ein kleiner König Dabaiba genannt, nebst seinen Hofgesinde und Untertanen entflohen war, und wenig Lebensmittel, allein sehr viel Hausgeräte, Waffen, auch etliche Pfund gearbeitetes Gold zurückgelassen hatte. Auf der weiteren Fahrt brachte uns ein gewaltiger Sturm um drei Schiffe, welche mit Volk und allen Geräte zugrunde gingen.

Sobald wir mit Kummer und Not zu Lande kamen, wurde der König Abenamacheius angegriffen, dessen Hoflager in mehr als fünfhundert wohlgebaueten Hütten bestand. Er wollte mit den Seinigen die Flucht nehmen, mußte aber endlich Stand halten, und sich nach einer blutigen Schlacht nebst seinen besten Leuten gefangen geben. Dieser König hatte in der Schlacht einem von unsern Kriegsleuten eine leichte Wunde angebracht, welches dem Lotterbuben dermaßen verdroß, daß er ihm, da er doch schon unser Gefangener war, so schändlich als geschwind einen Arm vom Leibe herunterhieb. Weil aber diese Tat dem Valboa heftig verdroß, wurde dieser Knecht fast bis auf den Tod zerprügelt.

Nach diesem erlangten Siege und herrlicher Beute, führete uns ein nackender Indianer in die große Landschaft des Königs Abibeiba, der seine Residenz auf einem sehr hohen und dicken Baume aufgebauet hatte, indem er wegen öfterer Wassergüsse nicht wohl auf dem Erdboden wohnen konnte. Dieser König wollte sich weder durch Bitten noch durch Drohworte bewegen lassen von diesem hohen Gebäude herabzusteigen, sobald aber die Unsern einen Anfang machten, den Baum umzuhauen, kam er nebst zweien Söhnen herunter, und ließ seine übrigen Hofbedienten in der Höhe zurück. Wir machten Friede und Bündnis mit ihm, und begehrten eine billige Schatzung an Lebensmitteln und Golde geliefert zu haben, indem er nun wegen des letztern seinen sonderlichen Mangel vorgeschützt, gleichwohl aber nur desto heftiger angestrenget wurde etliche Pfund zu verschaffen, versprach er nebst etlichen seiner Leute auszugehen, und uns binnen sechs Tagen mehr zu bringen als wir verlangt hätten. Allein er ist darvongegangen und nachhero niemals wiederum vor unsere Augen gekommen, nachdem wir uns also von ihm betrogen gesehen, wurde aller Vorrat von Speise, Wein und anderen guten Sachen hinweggeraubt, wodurch unsere ermatteten Leiber nicht wenig erquickt und geschickt gemacht wurden, eine fernere mühsame Reise anzutreten.

Mittlerweile hatten sich fünf Könige, nämlich letztgemeldter Abibeiba, Cemachus, Abraibes, dessen Schwager Abenamacheius und Dabaiba zusammen verschworen, uns mit zusammengesetzten Kräften plötzlich zu überfallen und gänzlich zu vertilgen, jedoch zu allem Glücke hatte Valboa eine außerordentlich schöne Jungfrau unter seinen gefangenen Weibsbildern, welche er vor allen andern herzlich liebte, diese hatte solchen Blutrat von ihrem leiblichen Bruder nicht so bald ausgeforschet, als sie von der getreuen Liebe getrieben wurde dem Valboa alle wider ihn gemachten Anschläge zu offenbaren. Dieser teilete sogleich sein Volk in zwei Haufen, er selbst ging nebst mir und etliche siebzig Mann auf die verteileten Haufen der versammleten Indianer los, zerstreuete dieselben und bekam sehr viele von der Könige Bedienten gefangen, die wir mit zurück in unser Lager führeten. Don Colmenarez aber mußte mit vier Schiffen auf den Flecken Tirichi losgehen, allwo er so glücklich war denselben unvermutet zu überfallen, und der Indianer ganze Kriegsrüstung, die daselbst zusammengebracht war zu vernichten, auch eine große Beute an Proviant, Gold, Wein und andern brauchbaren Gerätschaften zu machen. Über dieses hat er allen Aufrührern und Feinden ein entsetzliches Schrecken eingejagt, indem der oberste Feldherr an einen Baum gehenkt und mit Pfeilen durchschossen, nächstdem noch andere indianische Befehlshaber andern zum Beispiele aufs grausamste hingerichtet worden.

Solchergestalt verkehrte sich alle bisherige Gefahr, Unruhe und kümmerliches Leben auf einmal, in lauter Friede, Ruhe, Wollust und Freude, denn da sich nachhero die vornehmsten Aufrüher gutwillig unter des Valboa Gehorsam begaben, ließ er einen allgemeinen Frieden und Vergebung aller vorhergegangenen Widerspenstigkeit halber, ausrufen, sein Volk aber auf so vieles ausgestandenes Ungemach eine Zeitlang der Ruhe genießen.

Hierauf nahmen wir unsern Rückweg nach der urabanischen Landschaft, allwo nach vielen Beratschlagungen endlich beschlossen wurde, daß Don Rodriguez Colmenarez nebst dem Don Juan de Quicedo nach Hispanolam, und von dar zum Könige von Kastilien abgesandt werden sollten, um an beiden Orten ordentlichen Bericht von unsern sieghaften Begebenheiten abzustatten, und die Sachen dahin zu veranstalten, daß wir mit etwa tausend Mann und allen Zubehör, verstärkt, den Zug in die goldreichen Landschaften gegen Mittag sicher unternehmen, und dieselben unter des Königs in Kastilien Botmäßigkeit bringen könnten, denn Valdivia und Zamudio wollten nicht wieder zum Vorscheine kommen, woraus zu schließen war, daß sie etwa auf der See verunglückt sein möchten. Demnach gingen Colmenarez und Quicedo im Oktober 1512 unter Segel, nachdem sie versprochen keine Zeit zu versäumen, sich sobald als nur möglich wiederum auf den urabanischen Küsten einzustellen. Allein da Valboa dieser beider Männer Zurückkunft nunmehro fast elf Monat vergeblich abgewartet, und in Erfahrung brachte, daß Don Pedro de Arias, ehestens als königlicher Gouverneur über die urabanische und angrenzende Landschaften bei uns eintreffen würde, trieb ihn sowohl die allbereits erlangte Ehre, als Verlangen die mittäglichen goldreichen Länder zu erfinden, soweit, daß er mit den Oberhäuptern der Landschaften zu Rate ging, und den gefährlichen Zug dahin mit etwa zweihundert Kriegsleuten vornahm, ohngeacht ihm nicht allein von des Comogri Sohne, sondern auch von den andern indianischen Königen geraten worden, diesen Zug mit nicht weniger als tausend Mann zu wagen, indem er daselbst ungemein streitbare Völker antreffen würde.

Es war der 4te Sept. 1513, da wir mit drei großen und zehn sehr kleinen Schiffen absegelten, und zum ersten Male wiederum bei des coibanischen Königs Caretae Landschaft anländeten. Hieselbst ließ Valboa die Schiffe nebst einer Besatzung zurück, wir aber zogen hundertsiebzig Mann stark fort, und wurden von des Caretae uns zugegebenen Wegweisern in des Ponchae Königreich geführet, welchen wir, nachdem er unsern ehemaligen Zuspruch erwogen, endlich mit großer Mühe zum Freunde und Bundesgenossen bekamen. Nachhero haben wir viele andere Könige, als den Quarequa, Chiapes, Coquera und andere mehr, teils mit Güte und Liebe, teils aber auch mit Gewalt zum Gehorsam gebracht, mittlerweile aber am 18. Oktober desselbigen Jahres das mittägliche Meer erfunden, und um selbige Gegend einen erstaunlichen Schatz an Gold und Edelsteinen zusammengebracht.

Bei so glückseligen Fortgange unseres Vorhabens, bezeigte sich Valboa dermaßen dankbar gegen Gott und seine Gefährten, daß kein einziger Ursach hatte über ihn zu klagen. Eines Tages aber, da er mich an einem einsamen Orte ziemlich betrübt und in Gedanken vertieft antraf, umarmete er mich mit ganz besonderer Freundlichkeit und sagte: »Wie so unvergnügt mein allerbester Herzensfreund, fehlet Euch etwa Gesundheit, so habe ich Ursach Euch zu beklagen, sonsten aber wo Gold, Perlen und edle Steine Euren Kummer zu stillen vermögend sind, stehet Euch von meinem Anteil soviel zu Diensten als Ihr verlanget.« Ich gab ihm hierauf zu verstehen: daß ich an dergleichen Kostbarkeiten selbst allbereit mehr gesammlet, als ich bedürfte, und mich wenigstens fünfmal reicher schätzen könnte als ich vordem in Kastilien gewesen. Allein mein jetziges Mißvergnügen rühre von nichts anders her, als daß ich mich vor der Ankunft meines abgesagten Feindes, des Don Pedro de Arias fürchtete; und indem ich noch zur Zeit von dem Könige Ferdinando keinen Pardonbrief aufzuweisen hätte, würde mir derselbe allen ersinnlichen Tort antun, und wenigstens verhindern, daß ich auch in dieser neuen Welt weder zu Ehren noch zur Ruhe kommen konnte. Valboa fing hierüber an zu lachen und sagte: »Habt Ihr sonst keine Sorge, mein wertester Freund, so entschlaget Euch nur auf einmal aller Grillen, und glaubet sicherlich, daß es nunmehro mit uns allen beiden keine Not habe, denn diejenigen Dienste, so wir dem Könige durch Erfindung des mittägigen Meeres und der goldreichen Länder geleistet haben, werden schon würdig sein, daß er uns alle beide, jedweden mit einem ansehnlichen Gouvernement, in diesen Landschaften begabet, welche binnen wenig Jahren also einzurichten sind, daß wir unsere übrige Lebenszeit vergnügter darinnen zubringen können, als in Kastilien selbst. Es sei Euch«, fuhr er fort, »im Vertrauen gesagt, daß ich in kurzer Zeit selbst eine Reise nach Spanien zu tun willens bin, allda sollen mir Eure Sachen noch mehr angelegen sein, als die meinigen, solchergestalt zweifele auch im geringsten nicht, Euer und mein Glücke zu befestigen.«

Diese wohlklingenden Zuredungen machten mein Gemüte auf einmal höchst vergnügt, so, daß ich den Valboa umarmete, mich vor seine gute Vorsorge im voraus herzlich bedankte, und versprach, zeitlebens sein getreuer Freund und Diener zu verbleiben. Er entdeckte mir hierauf, wie er nur noch willens sei, den mittägigen Meerbusen, welchen er St. Michael genennet hatte, nebst den so reich beschriebenen Perleninsuln auszukundschaften, nachhero aber sogleich die Rückreise nach Uraba anzutreten, welches Vorhaben ich nicht allein vor billig erachtete, sondern auch alles mit ihm zu unternehmen versprach.

Dieser Meerbusen sollte sich, des indianischen Königs Chiapes Aussage nach, hundertsechzig Meilen weit von dem festen Lande bis zu dem äußersten Meeresschlunde erstrecken. Derowegen wurde bald Anstalt gemacht, diese Fahrt anzutreten, und ohngeacht der König Chiapes dieselbe heftig widerrief, indem er angemerkt hatte, daß um diese Zeit zwei bis drei Monate nacheinander die See entsetzlich zu stürmen und zu wüten pflegte, so wollte doch Valboa hiervon im geringsten nicht abstehen, sondern ließ etliche indianische kleine Schifflein zurechtmachen, in welche wir uns mit etliche achtzig der mutigsten Kriegsleute setzten, und von dannen segelten.

Allein, nunmehro hatte das unerforschliche Verhängnis beschlossen, mich vor diesmal nicht allein von dem Valboa, sondern nach etlichen Jahren auch von aller andern menschlichen Gesellschaft abzusondern, denn wenige Tage nach unserer Abfahrt entstund ein entsetzlicher Sturm, welcher die kleinen Schifflein auseinanderjagte, und unter andern auch das meinige, worauf ich nebst neun Kriegsleuten saß, in den Abgrund des Meeres zu versenken drohete. Indem nun kein Mittel zu erfinden war, dem jämmerlichen Verderben zu entgehen, überließen wir uns gänzlich den unbarmherzigen Fluten, und suchten allein bei Gott in jenem Leben Gnade zu erlangen, weil er uns selbige in diesen zeitlichen abzuschlagen schien. Jedoch, nachdem wir noch zwei Tage und Nacht recht wunderbarer Weise bald in die erstaunlichste Höhe, bald aber in grausame Abgründe zwischen Flut und Wellen hin verschlagen und fortgetrieben worden, warfen uns endlich die ergrimmten Wellen auf eine halb überschwemmte Insul, die zwar vor das jämmerliche Ertrinken ziemliche Sicherheit versprach, jedoch wenig fruchtbare Bäume oder andere Lebensmittel zeigte, womit wir bei etwa langweiligen Aufenthalt, unsern Hunger stillen könnten.

Es war das Glück noch einem unserer Fahrzeuge, worauf sich acht von unsern Kriegsleuten nebst zwei Indianern befanden, ebenso günstig gewesen, selbiges sowohl als uns auf diese Insul zu führen, derowegen erfreueten wir uns ungemein, als dieselben zwei Tage hernach zu uns kamen, und ihre glückliche Errettungsart erzähleten.

Wir blieben demnach beisammen, trockneten unser Pulver, betrachteten den wenigen Speisevorrat, brachten alle übrigen Sachen in Ordnung, und fingen hierauf an, die ganze Insul durchzustreifen, worinnen wir doch weder Menschen noch Vieh, wohl aber einige Bäume und Stauden antrafen, welche sehr schlecht nahrhafte Früchte trugen. Demnach mußten wir uns mehrenteils mit Fischen behelfen, welche die beiden Indianer, so sich in unserer Gesellschaft befanden, auf eine weit leichtere und geschwindere Art, als wir, zu fangen wußten. Da aber nach etlichen Tagen das Wasser in etwas zu fallen begunnte, sammleten wir eine große Menge der vortrefflichsten Perlenmuscheln, die das umgerührte Eingeweide des Abgrundes auf diese Insul auszuspeien gezwungen worden. Ich selbst habe an diesem Orte vierunddreißig Stück Perlen von solcher Größe ausgenommen, und mit anhero gebracht, dergleichen ich vorhero noch nie gesehen oder beschreiben hören, doch nach der Zeit habe auf andern Insuln noch mehr dergleichen, ja teils noch weit größere gesammlet, welche derjenige, so diese meine Schrift am ersten zu lesen bekommt, ohnfehlbar finden wird.

Jedoch meinen damaligen Glücks- und Unglückswechsel zu folgen, ersahe einer von unsern Indianern, der ein ganz ungewöhnlich scharfes Gesichte hatte, südwestwärts eine andere Insul, und weiln wir daselbst einen bessern Speisevorrat anzutreffen verhofften, wurden unsere kleinen Schiffe bei damaligen stillen Wetter, so gut als möglich, zugerichtet, so, daß wir einsteigen, und besagte Insul nach dreien Tagen mit abermaliger größter Lebensgefahr erreichen konnten. Über alles Vermuten trafen wir auch daselbst ein kleines Schiff an, welches das wütende Meer mit elf unserer Mitgesellen dahin geworfen hatte. Die Freuden- und Jammertränen liefen häufig aus unsern Augen, erstenteils wegen dieser glücklichen Zusammenkunft, andernteils darum, weil uns die letztern berichteten, daß Valboa nebst den übrigen ohnmöglich noch am Leben sein könnte, weil sie ingesamt durch den Sturm auf die gefährlichste und fürchterlichste Meereshöhe getrieben worden, allwo weit und breit keine Insuln, wohl aber bei hellen Wetter erschröckliche aus dem Wasser hervorragende Felsen und Klippen zu sehen wären. Im übrigen war diese Insul so wenig als unsere vorige mit Menschen besetzt, jedoch ließen sich etliche vierfüßige Tiere sehen, welche teils den europäischen Füchsen, teils aber den wilden Katzen glichen. Wir nahmen uns kein Bedenken, dieselben zu schießen, und als vortreffliche Leckerbissen zu verzehren, worbei wir eine gewisse Wurzel, die unsere Indianer in ziemlicher Menge fanden, anstatt des Brots gebrauchten. Nächst diesen ließen sich auch etliche Vögel sehen, die wir ebenfalls schossen, und mit größten Appetit verzehreten, anbei das Fleisch der vierfüßigen Tiere dörreten, und auf den Notfall spareten.

Ich konnte meine Gefährten, ohngeacht sie mich einhellig vor ihr Oberhaupt erkläreten, durchaus nicht bereden, die Rückfahrt nach St. Michael vorzunehmen, weil ihnen allezeit ein Grausen ankam, sooft sie an die gefährlichen Klippen und stürmende See gedachten, derowegen fuhren wir immer gerades Weges vor uns von einer kleinen Insul zur andern, bis uns endlich das Glück auf eine ziemlich große führete, die mit Menschen besetzt war. Selbige kamen häufig herzu, und sahen uns Elenden, die wir durch neunzehntägige Schiffahrt ganz kraftlos und ziemlich ausgehungert waren, mit größter Verwunderung zu Lande steigen, machten aber dieserwegen nicht die geringste grimmige Gebärde, sondern hätten uns vielleicht gar als Götter angebetet, wenn unsere zwei Indianer ihnen nicht bedeutet hätten, daß wir arme verirrete Menschen wären, die lauter Liebe und Freundschaft gegen sie bezeugen würden, woferne man uns nur erlaubte, allhier auszuruhen, und unsere hungerige Magen mit einigen Früchten zu befriedigen. Ob nun schon die Einwohner der Unsern Sprache nicht völlig verstunden, sondern das meiste durch Zeichen erraten mußten, so erzeugten sich dieselben doch dermaßen gefällig, daß wir an ihren natürlichen Wesen noch zur Zeit nicht das geringste auszusetzen fanden. Sie brachten uns gedörretes Fleisch und Fische, nebst etlichen aus Wurzelmehl gebackenen Broten herzu, wovor wir die gläsernen und messingenen Knöpfe unter sie teileten, so wir an unsern Kleidern trugen, indem dergleichen schlechte Sachen von ihnen ungemein hoch geschätzt, und mit erstaunlicher Freude angenommen wurden. Gegen Abend kam ihr König, welcher Madan genennet wurde, zu uns, dieser trug einen Schurz von bunten Federn um den Leib, wie auch dergleichen Krone auf dem Haupte, führete einen starken Bogen in der rechte Hand, in der linken aber einen hölzernen Wurfspieß, wie auch einen Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken. Ich hatte das Glück, ihm ein höchst angenehmes Geschenk zu überreichen, welches in einem ziemlich großen Taschenmesser, einem Feuerstahl und zweien Flintensteinen bestund, und habe niemals bei einer lebendigen Kreatur größere Verwunderung gespüret, als sich bei diesem Menschen zeigte, sobald er nur den Nutzen und Kraft dieses Werkzeugs erfuhr. Er bekam über dieses noch ein Handbeil von mir, dessen vortreffliche Tugenden ihn vollends dahin bewegten, daß uns alles, was wir nur anzeigen konnten, gereicht und verwilliget wurde. Demnach baueten meine Gefährten ohnfern vom Meerufer etliche Hütten auf, worinnen vier, fünf oder sechs Personen bequemlich beisammen ruhen, und den häufig herzugebrachten Speisevorrat verzehren konnten. Von unsern Schießgewehr wußten sich diese Leute nicht den geringsten Begriff zu machen, ohngeacht unsere Indianer ihnen bedeuteten, daß diese Werkzeuge Donner, Blitz und Feuer hervorbringen, auch sogleich tödliche Wunden machen könnten, da aber einige Tage hernach sich eine ziemliche Menge mittelmäßiger Vögel auf einem Baume sehen ließen, von welchen der König Madan in größester Geschwindigkeit zwei mit einem Pfeile herunterschoß, ergriff ich ihn bei der Hand, nahm meine Flinte, und führete ihn bis auf etliche dreißig Schritt, gegen einen andern Baum, auf welchen sich diese Vögel abermals niedergelassen hatten, und schoß, vermittelst eingeladenen Schrots, auf einmal sechs von diesen Vögeln herunter. Kaum war der Schuß getan, als dieser König nebst allen seinen anwesenden Untertanen plötzlich zu Boden fiel, da sie denn vor Schrecken sich fast in einer halben Stunde nicht wieder erholen konnten. Auf unser freundliches und liebreiches Zureden kamen sie zwar endlich wiederum zu sich selbst, bezeugeten aber nach der Zeit eine mit etwas Furcht vermischte Hochachtung vor uns, zumalen da wir ihnen bei fernerer Bekanntschaft zeigten, wie wir unsere Schwerter gegen böse Leute und Feinde zu entblößen und zu gebrauchen pflegten.

Immittelst hatten wir Gelegenheit, etliche Pfund Gold, das auf eine wunderliche Art zu Hals- und Armbändern, Ringen und Angehenken verarbeitet war, gegen allerhand elende und nichtswürdige Dinge einzutauschen, auch einen starken Vorrat von gedörrten Fleisch, Fischen, Wurzeln und andern nahrhaften Früchten einzusammlen. Nachdem wir aber drei von den allerdicksten Bäumen umgehauen, und in wenig Wochen soviel Schiffe daraus gezimmert, die da weit stärker als die vorigen, auch mit Segeltüchern von geflochtenen Matten und zusammengedreheten Baststricken versehen waren, suchten wir mit guter Gelegenheit von diesen unsern Wohltätern Abschied zu nehmen, und nach dem Furt St. Michael zurückzukehren, allein, da meine Gefährten von den Einwohnern dieser Insul vernahmen, daß weiter in See hinein viel größere bewohnte Insuln anzutreffen wären, worinnen Gold, Edelsteine, und sonderlich die Perlen in größter Menge befindlich, gerieten sie auf die Verwegenheit, dieselben aufzusuchen. Ich setzte mich zwar soviel, als möglich, darwider, indem ich ihnen die größte Gefahr, worein wir uns begäben, sattsam vorstellete, allein, es half nichts, ja es trat alsobald einer auf, welcher mit größter Dreustigkeit sagte: »Don Valaro, bedenket doch, daß Valboa nebst unsern andern Kameraden im Meere begraben worden, also dürfen wir uns auf unsere geringen Kräfte so wenig, als auf die ehemaligen Bündnisse und Freundschaft der indianischen Könige verlassen, welche ohne Zweifel des Valboa Unglück zeitig genung erfahren haben, diesem nach uns Elenden auch bald abschlachten werden. Lasset uns also viel lieber neue Insuln und Menschen aufsuchen, welche von der Grausamkeit und dem Geize unserer Landsleute noch keine Wissenschaft haben, und seid versichert, daß, soferne wir christlich, ja nur menschlich mit ihnen umgehen werden, ein weit größeres Glück und Reichtum vor uns aufgehoben sein kann, als wir in den bisherigen Landschaften empfunden haben. Kommen wir aber ja im Sturme um, oder werden ein Schlachtopfer vieler Menschen, was ist's mehr? Denn wir müssen eben dergleichen Unglücks auf der Rückfahrt nach St. Michael und in den Ländern der falschgesinneten Könige gewärtig sein.«

Ich wußte wider diese ziemlich vernünftige und sehr tapfermütige Rede nicht das geringste einzuwenden, weswegen ich dieses Mal meinen Gefährten nachgab, und alles zur baldigen Abfahrt veranstalten ließ.

Der Abschied von dem König Madan und seinen von Natur recht redlichen Untertanen ging mir wahrhaftig ungemein nahe, zumalen da dieselben auf die letzte fast mehr Speisevorrat herzubrachten, als wir in unsern kleinen Schiffe einladen konnten, einer aber von ihnen, der vom ersten Tage an beständig um mich gewesen war, fing bitterlich zu weinen an, und bat, sonderlich da er vernahm, wie ich auf dem Rückwege allhier wiederum ansprechen wollte, ich möchte ihm vergönnen, daß er mit uns reisen dürfte, welches ich ihm denn auch mit größten Vergnügen erlaubte. Er war ein Mensch von etwa vierundzwanzig Jahren, wohl gewachsen und eines recht feinen Ansehens, zumalen, da er erstlich etliche Kleidungsstück auf den Leib bekam, sein Name hieß Chascal, welchen ich aber nachhero, da er den christlichen Glauben annahm, und von mir die heilige Taufe empfing, verändert habe.

Solchergestalt fuhren wir mit diesem neuen Wegweiser, der aber wenigen oder gar keinen Verstand von der Schiffahrt hatte, auf und davon, bekamen zwar in etlichen Wochen nichts als Himmel und Wasser zu sehen, hatten aber doch wegen des ungemein stillen Wetters eine recht ruhige Fahrt. Endlich gelangeten wir an etliche kleine Insuln, welche zwar sehr schlecht bevölkert, auch nicht allzusehr fruchtbar waren, jedoch hatten wir die Freude, unsere kleinen Schiffe daselbst aufs neue auszubessern, und mit frischen Lebensmitteln anzufüllen, bis wir endlich etliche, nahe aneinander gelegene große Insuln erreichten, und das Herz fasseten, auf einer der größten an Land zu steigen.

Hier schienen die Einwohner nicht so guter Art als die vorigen zu sein, allein, unsere drei indianischen Gefährten leisteten uns bei ihnen recht vortreffliche Dienste, so, daß wir in wenig Tagen mit ihnen allen recht gewünschten Umgang pflegen konnten. Wir erfuhren, daß diese Leute vor wenig Jahren große Mühe gehabt, sich einer Art Menschen, die ebenfalls bekleidet gewesen, zu erwehren, indem ihnen selbige die Lebensmittel, Gold, Perlen und edlen Steine mit Gewalt abnehmen und hinwegführen wollen, jedoch, nachdem sie unsere Freund- und Höflichkeit zur Gnüge verspüret, wurde uns nicht allein mit gleichmäßiger Freundlichkeit begegnet, sondern wir hatten Gelegenheit, auf dieser Insul erstaunliche Schätze und Kostbarkeiten einzusammlen, wie wir denn auch die andern nahegelegenen besuchten, und solchergestalt fast mehr zusammenbrachten, als unsere Schiffe zu ertragen vermögend waren. Es ist fast zu vermuten, daß der Autor solchergestalt auf die jetzige Zeit so genannten Insulas Salomonis gekommen, jedoch in Erwägung anderer Umstände können auch wohl nur die Peru und Chili gegenübergelegenen Insuln gemeinet sein. Meine Leute nahmen sich demnach vor, ein großes Schiff zu bauen, in welchem wir sämtlich beieinanderbleiben, und unsere Güter desto besser fortbringen könnten, ich selbst sahe dieses vor gut an, zumalen wir nicht allein alle Bedürfnisse darzu vor uns sahen, sondern uns auch der Einwohner redlicher Beihülfe getrösten konnten. Demnach wurden alle Hände an das Werk gelegt, welches in kürzerer Zeit, als ich selbst vermeinte, zum Stande gebracht wurde. Die Einwohner selbiger Insuln fuhren zwar selbsten auch in einer Art von Schiffen, die mit Segeln und Rudern versehen waren, doch verwunderten sie sich ungemein, da das unsere ihnen, auf so sonderbare Art zugerichtet, in die Augen fiel. Wir schenkten ihnen zwei von unsern mit dahin gebrachten Schiffen, nahmen aber das dritte anstatt eines Boots mit uns, wie wir denn auch zwei kleine Nachen verfertigten, um selbige auf der Reise nützlich zu gebrauchen.

Nachdem wir uns also mit allen Notdürftigkeiten wohl beraten hatten, segelten wir endlich von dannen, und kamen nach einer langweiligen und beschwerlichen Fahrt an ein festes Land, allwo wir ausstiegen, und uns abermals mit frischen Wasser nebst andern Bedürfnissen versorgen wollten, wurden aber sehr übel empfangen, indem uns gleich andern Tages mehr als dreihundert wilde Leute ohnversehens überfielen, gleich anfänglich drei der Unsern mit Pfeilen erschossen, und noch fünf andere gefährlich verwundeten. Ob nun schon im Gegenteil etliche zwanzig von unsern Feinden auf dem Platze bleiben mußten, so sahen wir uns doch genötiget, aufs eiligste nach unsern Schiffe zurückzukehren, mit welchen wir etliche Meilen an der Küste hinunterfuhren, und endlich abermals auf einer kleinen Insul anländeten, die zwar nicht mit Menschen, aber doch mit vielerlei Arten von Tieren besetzt war, anbei einen starken Vorrat an nützlichen Früchten, Wurzeln und Kräutern zeigte. Allhier hatten wir gute Gelegenheit auszuruhen, bis unsere Verwundeten ziemlich geheilet waren, fuhren hernachmals immer südwärts von einer Insul zur andern, sahen die Küsten des festen Landes linkerseits beständig mit sehnlichen Augen an, wollten uns aber dennoch nicht unterstehen, daselbst anzuländen, weiln an dem Leben eines einzigen Mannes nur allzu viel gelegen war, endlich, nachdem wir viele hundert Meilen an der Landseite hinuntergesegelt, ließ sich die äußerste Spitze desselben beobachten, um welche wir herumfuhren, und nebst einer kalten und verdrüßlichen Witterung vieles Ungemach auszustehen hatten. Es war leichtlich zu mutmaßen, daß allhier ein würkliches Ende des festen Landes der neuen Welt gefunden sei, derowegen machten wir die Rechnung, im Fall uns das Glück bei der Hinauffahrt der andern Seite nicht ungünstiger, als bishero, sein würde, entweder den rechten Weg nach Darien, oder wohl gar nach Europa zu finden, oder doch wenigstens unterwegs Portugiesen anzutreffen, zu welchen wir uns gesellen, und ihres Glücks teilhaftig machen könnten, denn es lehrete uns die Vernunft, daß die von den Portugiesen entdeckten Landschaften ohnfehlbar auf selbiger Seite liegen müßten.

Immittelst war die höchste Not vorhanden, unser Schiff aufs neue auszubessern, und frische Lebensmittel anzuschaffen, derowegen wurde eine Landung gewagt, welche nach überstandener größter Gefahr ein gutes Glücke versprach, daferne wir nicht Ursach gehabt hätten, uns vor feindseligen Menschen und wilden Tieren zu fürchten. Jedoch die allgewaltige Macht des Höchsten, welche aller Menschen Herzen nach Willen regieren kann, war uns dermalen sonderlich geneigt, indem sie uns zu solchen Menschen führete, die, ohngeacht ihrer angebornen Wildigkeit, solche Hochachtung gegen uns hegten, und dermaßen freundlich aufnahmen, daß wir uns nicht genung darüber verwundern konnten, und binnen wenig Tagen alles Mißtrauen gegen dieselben verschwinden ließen. Es war uns allen wenig mehr um Reichtum zu tun, da wir allbereit einen fast unschätzbarn Schatz an lautern Golde, Perlen und Edelgesteinen besaßen, bemüheten uns derowegen nur um solche Dinge, die uns auf der vorhabenden langweiligen Reise nützlich sein könnten; welches wir denn alles in kurzer Zeit gewünscht erlangten.

Die bei uns befindlichen drei redlichen Indianer machten sich das allergrößte Vergnügen, einige wunderbare Meertiere listigerweise einzufangen, deren Fleisch, Fett und sonderlich die Häute, vortrefflich nutzbar waren, denn aus den letztern konnten wir schönes Riemenwerk, wie auch lederne Koller, Schuhe, Mützen und allerlei ander Zeug verfertigen.

Sobald wir demnach nur mit der Ausbesserung und Versorgung des Schiffs fertig, dasselbe auch, wo nur Raum übrig, mit lauter nützlichen Sachen angefüllet hatten, traten wir die Reise auf der andern Landseite an, vermerkten aber gleich anfänglich, daß Wind und Meer allhier nicht so gütig, als bei der vorigen Seite, war. Zwei Wochen aneinander ging es noch ziemlich erträglich, allein, nachhero erhub sich ein sehr heftiger Sturm, der über neun Tage währete, und bei uns allen die größte Verwunderung erweckte, daß wir ihm endlich so glücklich entkamen, ohngeacht unser Schiff sehr beschädiget an eine sehr elende Küste getrieben war, allwo sich auf viele Meilwegs herum, außer etlichen unfruchtbaren Bäumen, nicht das geringste von nützlichen Sachen antreffen ließ.

Etliche von meinen Gefährten streiften dem ohngeacht überall herum, und kamen eines Abends höchst erfreut zurück, weil sie, ihrer Sage nach, ein vortrefflich ausgerüstetes europäisches Schiff, in einer kleinen Bucht liegend, jedoch keinen einzigen lebendigen Menschen darinnen gefunden hätten. Ich ließ mich bereden, unser sehr beschädigtes Schiff dahin zu führen, und fand mit größter Verwunderung daß es die lautere Wahrheit sei. Wir bestiegen dasselbe, und wurden ziemlichen starken Vorrat von Wein, Zwieback, geräucherten Fleische und andern Lebensmitteln darinnen gewahr, ohne was in den andern Ballen und Fässern verwahret war, die noch zur Zeit niemand eröffnen durfte. Tiefer ins Land hinein wollte sich keiner wagen, indem man von den höchsten Felsenspitzen weit und breit sonsten nichts als lauter Wüstenei erblickte, derowegen wurde beschlossen, unser Schiff, so gut als möglich, auszubessern, damit, wenn die Europäer zurückkämen, und uns allenfalls nicht in das ihrige aufnehmen wollten oder könnten, wir dennoch in ihrer Gesellschaft weiter mitsegeln möchten.

Allein, nachdem wir mit allem fertig waren, und einen ganzen Monat lang auf die Zurückkunft der Europäer vergeblich gewartet hatten, machten meine Gefährten die Auslegung, daß dieselben ohnfehlbar sich zu tief ins Land hinein gewagt, und nach und nach ihren Untergang erreicht hätten, weswegen sie vors allerklügste hielten, wenn wir uns das köstliche Schiff nebst seiner ganzen Ladung zueigneten, und mit selbigen davonführen. Ich setzte mich stark wider diesen seeräuberischen Streich, konnte aber nichts ausrichten, indem alle einen Sinn hatten, und alle unsere Sachen in möglichster Eil in das große Schiff einbrachten, wollte ich also nicht alleine an einem wüsten Orte zurückbleiben, so mußte mir gefallen lassen, das gestohlene Schiff zu besteigen, und mit ihnen von dannen zu segeln, konnte auch kaum soviel erbitten, daß sie unser bisheriges Fahrzeug nicht versenkten, sondern selbiges an dessen Stelle stehenließen.

Kaum hatten wir die hohe See erreicht, als sich die Meinigen ihres Diebstahls wegen außer aller Gefahr zu sein schätzten, derowegen alles, was im Schiffe befindlich war, eröffnet, besichtiget, und ein großer Schatz an Golde nebst andern vortrefflichen Kostbarkeiten gefunden wurde. Allein, wir erfuhren leider! allerseits gar bald, daß der Himmel keinen Gefallen an dergleichen Bosheit habe, sondern dieselbe ernstlich zu bestrafen gesinnet sei. Denn bald hernach erhub sich ein abermaliger dermaßen entsetzlicher Sturm, dergleichen wohl leichtlich kein Seefahrer heftiger ausgestanden haben mag. Wir wurden von unserer erwählten Straße ganz seitwärts immer nach Süden zu getrieben, welches an dem erlangten Kompasse, sooft es nur ein klein wenig stille, deutlich zu ersehen war, es half hier weder Arbeit noch Mühe, sondern wir mußten uns gefallen lassen, dem aufgesperreten Rachen der gräßlichen und tödlichen Fluten entgegenzueilen, viele wünschten, durch einen plötzlichen Untergang ihrer Marter bald abzukommen, indem sie weder Tag noch Nacht ruhen konnten, und die letzte klägliche Stunde des Lebens in beständiger Unruhe unter dem schrecklichsten Hinundwiderkollern erwarten mußten. Es währete dieser erste Ansatz des Sturms sechzehn Tage und Nacht hintereinander, ehe wir nur zwei bis drei Stunden ein wenig verschnauben, und das Sonnenlicht auf wenige Minuten betrachten konnten, bald darauf aber meldete sich ein neuer, der nicht weniger grimmig, ja fast noch heftiger als der vorige war, Mast und Segel wurden den erzürnten Wellen zum Opfer überliefert, worbei zugleich zwei von meinen Gefährten über Bord geworfen, und nicht erhalten werden konnten, wie denn auch drei Gequetschte und zwei andere Kranke folgenden Tages ihren Geist aufgaben. Endlich wurde es zwar wiederum vollkommen stille und ruhig auf der See, allein, wir bekamen in etlichen Wochen weder Land noch Sand zu sehen, so, daß unser süßes Wasser nebst dem Proviante, welchen das eingedrungene Seewasser ohnedem schon mehr als über die Hälfte verdorben hatte, völlig zum Ende ging, und wir uns Hungers wegen gezwungen sahen, recht widernatürliche Speisen zu suchen, und das bittersalzige Seewasser zu trinken. Bei so beschaffenen Umständen riß der Hunger, nebst einer schmerzhaften Seuche, in wenig Tagen einen nach dem andern hinweg, so lange, bis ich, die drei Indianer und fünf spanische Kriegsleute noch ziemlich gesund übrigblieben.

Es erhub sich immittelst der dritte Sturm, welchen wir neun Personen, als eine Endschaft unserer Qual, recht mit Freuden ansetzen höreten. Ich kann nicht sagen, ob er so heftig als die vorigen zwei Stürme gewesen, weil ich auf nichts mehr gedachte, als mich nebst meinen Gefährten zum seligen Sterben zuzuschicken, allein eben dieser Sturm mußte ein Mittel unserer damaligen Lebenserhaltung und künftiger herzlicher Buße sein, denn ehe wir uns dessen versahen, wurde unser jämmerlich zugerichtetes Schiff auf eine von denenjenigen Sandbänken geworfen, welche ohnfern von dieser mit Felsen umgebenen Insul zu sehen sind. Wir ließen bei bald darauf erfolgter Windstille unsern Nachen in See, das Schiff aber auf der Sandbank in Ruhe liegen, und fuhren mit größter Lebensgefahr durch die Mündung des westlichen Flusses, welche zur selbigen Zeit durch die herabgestürzten Felsenstücken noch nicht verschüttet war, in diese schöne Insul herein, welche ein jeder vernünftiger Mensch, solange er allhier in Gesellschaft anderer Menschen lebt, und nicht mit andern Vorurteilen behaftet ist, ohnstreitig vor ein irdisches Paradies erkennen wird.

Keiner von uns allen gedachte dran, ob wir allhier Menschenfresser, wilde Tiere oder andere feindselige Dinge antreffen würden, sondern sobald wir den Erdboden betreten, das süße Wasser gekostet und einige fruchttragende Bäume erblickt hatten, fielen sowohl die drei Indianer als wir sechs Christen, auf die Knie nieder und dankten dem allerhöchsten Wesen, daß wir durch desselben Gnaden so wunderbarer, ja fast übernatürlicher Weise erhalten worden. Es war ohngefähr zwei Stunden über Mittag, da wir trostlos gewesenen Menschen zu Lande kamen, hatten derowegen noch Zeit genung unsere hungerigen Magen mit wohlschmeckenden Früchten anzufüllen, und aus den klaren Wasserbächen zu trinken, nach diesen wurden alle fernern Sorgen auf dieses Mal beiseite gesetzt, indem sich ein jeder mit seinem Gewehr am Ufer des Flusses zur Ruhe legte, bis auf meinen getreuen Chascal, welcher die Schildwächterei von freien Stücken über sich nahm, um uns andern vor besorglichen Unglücksfällen zu warnen. Nachdem aber ich etliche Stunden und zwar bis in die späte Nacht hinein geschlafen, wurde der ehrliche Chascal abgelöset, und die Wacht von mir bis zu Aufgang der Sonne gehalten. Hierauf fing ich an, nebst vier der stärksten Leute, einen Teil der Insul durchzustreifen, allein wir fanden nicht die geringsten Spuren von lebendigen Menschen oder reißenden Tieren, an deren Statt aber eine große Menge Wildpret, Ziegen auch Affen von verschiedenen Farben. Dergleichen Fleischwerk nun konnte uns, nebst den überflüssigen herrlichen Kräutern und Wurzeln, die größte Versicherung geben, allhier zum wenigsten nicht Hungers wegen zu verderben, derowegen gingen wir zurück, unsern Gefährten diese fröhliche Botschaft zu hinterbringen, die aber nicht eher als gegen Abend anzutreffen waren, indem sie die nordliche Gegend der Insul ausgekundschaft, und eben dasjenige bekräftigten, was wir ihnen zu sagen wußten. Demnach erlegten wir noch selbigen Abend ein Stück Wild nebst einer Ziege, machten Feuer an und brieten solch schönes Fleisch, da immittelst die drei Indianer die besten Wurzeln ausgruben, und dieselben anstatt des Brots zu rösten und zuzurichten wußten, welches beides wir sodann mit größter Lust verzehreten. In folgenden Tagen bemüheten wir uns sämtlich aufs äußerste, die Sachen aus dem gestrandeten Schiffe herüber auf die Insul zu schaffen, welches nach und nach mit größter Beschwerlichkeit ins Werk gerichtet wurde, indem wir an unser kleines Boot der Länge nach etliche Floßhölzer fügten, welche am Vorderteil etwas spitzig zusammenliefen, hinten und vorne aber mit etlichen darauf befestigten Querbalken versehen waren, und solchergestalt durften wir nicht allein wegen des Umschlagens keine Sorge tragen, sondern konnten auch ohne Gefahr, eine mehr als vierfache Last daraufladen.

Binnen Monatsfrist hatten wir also alle unsere Güter, wie auch das zergliederte untüchtige Schiff auf die Insul gebracht, derowegen fingen wir nunmehro an Hütten zu bauen, und unsere Haushaltung ordentlich einzurichten, worbei der Mangel des rechten Brots uns das einzige Mißvergnügen erweckte, jedoch die Vorsorge des Himmels hatte auch hierinnen Rat geschafft, denn es fanden sich in einer Kiste etliche wohl verwahrte steinerne Flaschen, die mit europäischen Korne, Weizen, Gerste, Reis und Erbsen, auch andern nützlichen Sämereien angefüllet waren, selbige säeten wir halben Teils aus, und ich habe solche edle Früchte von Jahr zu Jahr mit sonderlicher Behutsamkeit fortgepflanzt, so daß sie, wenn Gott will, nicht allein zeit meines Lebens sich vermehren, sondern auch auf dieser Insul nicht gar vergehen werden, nur ist zu befürchten, daß das allzuhäufig anwachsende Wild solche edle Ähren, noch vor ihrer völligen Reife, abfressen, und die selbst eigene Fortpflanzung, welche hiesiges Orts, ganz sonderbar zu bewundern ist, verhindern werde.

Du wirst, mein Leser, dir ohnfehlbar eine wunderliche Vorstellung von meinem Glauben machen, da ich in diesen Paragrapho die Vorsorge des Himmels bewundert, und doch oben beschrieben habe, wie meine Gefährten das Schiff nebst allem dem was drinnen, worunter auch die mit Getreide angefüllten Flaschen gewesen, unredlicherweise an sich gebracht, ja aufrichtig zu reden, gestohlen haben. Wie reimet sich dieses, wirstu sagen, zur Erkenntnis der Vorsorge Gottes? Allein sei zufrieden, wenn ich bei Verlust meiner Seligkeit beteure: daß sowohl ich, als mein getreuer Chascal an diesen Diebsstreiche keinen Gefallen gehabt, vielmehr habe ich mich aus allen Kräften darwider gesetzt, jedoch nichts erlangen können. Ist es Sünde gewesen, daß ich in diesem Schiffe mitten unter den Dieben davongefahren, und mich aus dermaligen augenscheinlichen Verderben gerissen, so weiß ich gewiß, daß mir Gott dieselbe auf meine eifrige Buße und Gebet gnädiglich vergeben hat. Inzwischen muß ich doch vieler Umstände wegen die göttliche Vorsorge hierbei erkennen, die mich nicht allein auf der stürmenden See, sondern auch in der grausamen Hungersnot und schädlichen Seuche erhalten, und auf der Insul mittelbarerweise mit vielem Guten überhäuft. Meine Gefährten sind alle in der Hälfte ihrer Tage gestorben, ausgenommen der einzige Chascal welcher sein Leben ohngefähr bis siebzig Jahr gebracht, ich aber bin allein am längsten überblieben, auf daß ich solches ansagte.

Wir machten uns inzwischen die unverdorbenen Güter, so auf dem gestohlenen Schiffe mitgebracht waren, wohl zunutze, ich selbst bekam meinen guten Teil an Kleiderwerk, Büchern, Papier und andern Gerätschaften davon, tat aber dabei sogleich ein Gelübde, solcher Sachen zehnfachen Wert in ein geistliches Gestifte zu liefern, sobald mich Gott wiederum unter Christenleute führete.

Es fanden sich Weinstöcke in ihrem natürlichen Wachstume, die wir der Kunst nach in weit bessern Stand brachten, und durch dieselben großes Labsal empfingen, auch kamen wir von ohngefähr hinter den künstlichen Vorteil, aus gewissen Bäumen ein vortreffliches Getränke zu zapfen, welches alles ich bei meinen andern Handschriften deutlicher beschrieben habe. Nach einem erleidlichen Winter und angenehmen Frühlinge, wurde im Sommer unser Getreide reif, welches wir wiewohl nur in weniger Menge einernten, jedoch nur die Probe von dem künftig wohlschmeckenden Brote machen konnten, weil das meiste zur neuen Aussaat vor neun Personen nötig war, allein gleich im nächstfolgenden Jahre wurde soviel eingesammlet, daß wir zur Aussaat und dem notdürftigen Lebensunterhalt völlige Genüge hatten.

Mittlerweile war mein Chascal soweit gekommen, daß er nicht allein sehr gut kastilianisch reden, sondern auch von allen christlichen Glaubensartikuln ziemlich Rede und Antwort geben konnte, derowegen nahm ich mir kein Bedenken an diesem abgelegenen Orte einen Apostel abzugeben, und denselben nach Christi Einsetzung zu taufen, worbei alle meine fünf christlichen Gefährten zu Gevattern stunden, er empfing dabei, wegen seiner besondern Treuherzigkeit, den Namen Christian Treuherz. Seine beiden Gefährten befanden sich hierdurch dermaßen gerühret, daß sie gleichmäßigen Unterricht wegen des Christentums von mir verlangten, welchen ich ihnen mit größten Vergnügen gab, und nach Verfluß eines halben Jahres auch beide taufte, da denn der erstere Petrus Gutmann, der andere aber Paulus Himmelfreund genennet wurde.

In nachfolgenden drei oder vier Jahren, befand sich alles bei uns in dermaßen ordentlichen und guten Stande, daß wir nicht die geringste Ursach hatten über appetitliche Lebensmittel oder andern Mangel an unentbehrlichen Bedürfnissen zu klagen, ich glaube auch, meine Gefährten würden sich nimmermehr aus dieser vergnügenden Landschaft hinweggesehnet haben: wenn sie nur Hoffnung zur Handlung mit andern Menschen, und vor allen andern Dingen, Weibsleute, ihr Geschlechte fortzupflanzen, gehabt hätten. Da aber dieses letztere ermangelte, und zu dem erstern sich ganz und gar keine Gelegenheit zeigen wollte, indem sie nun schon einige Jahre vergeblich auf vorbeifahrende Schiffe gewartet hatten, gaben mir meine fünf Landsleute ziemlich trotzig zu verstehen: daß man Anstalt machen müßte ein neues Schiff zu bauen, um damit wiederum eine Fahrt zu andern Christen zu wagen, weil es Gott unmöglich gefallen könnte, dergleichen kostbare Schätze, als wir besäßen, so nachlässigerweise zu verbergen, und sich ohne einzigen heil. Beruf und Trieb selbst in den uneheligen Stand zu verbannen, darbei aber aller christlichen Sakramenten und Kirchengebräuche beraubt zu leben.

Ohngeacht nun ich sehr deutlich merkte, daß es ihnen nicht sowohl um die Religion als um die Weiberliebe zu tun wäre, so nahm mir doch ein Bedenken ihrem Vorhaben zu widerstreben, zumalen da sie meinen vernünftigen Vorstellungen ganz und gar kein Gehör geben wollten. Meine an sie getane Fragen aber waren ohngefähr folgendes Inhalts: »Meine Freunde bedenkt es wohl«, sprach ich,

»1. Wie wollen wir hiesiges Orts ein tüchtiges Schiff bauen können, das uns etliche hundert, ja vielleicht mehr als tausend Meilen von hier hinwegführen und alles Ungemach der See ertragen kann. Wo ist gnugsames Eisenwerk zu Nägeln, Klammern und dergleichen? wo ist Pech, Werg, Tuch, Strickwerk und anders Dinges mehr, nach Notdurft anzutreffen?

2. Werden wir nicht Gott versuchen, wenn wir uns auf einen übel zugerichteten Schiffe unterstehen einen so fernen Weg anzutreten, und werden wir nicht als Selbstmörder zu achten sein, daferne uns die Gefahr umbringt, worein wir uns mutwillig begeben?

3. Welcher unter uns weiß die Wege, wo wir hin gedenken, und wer kann nur sagen in welchem Teile der Welt wir uns jetzo befinden? auch wieweit die Reise bis nach Europa ist?«

Solche und noch viel mehr dergleichen Fragen die von keinem vernünftig genung beantwortet wurden, dieneten weiter zu nichts, als ihnen Verdruß zu erwecken, und den gefasseten Schluß zu befestigen, derowegen gab ich ihnen in allen Stücken nach, und half den neuen Schiffbau anfangen, welcher langsam und unglücklich genung vonstatten ging, indem der Indianer Paulus von einem umgehauenen Baume plötzlich erschlagen wurde. Dieser war also der erste welcher allhier von mir begraben wurde.

Im dritten Sommer nach angefangener Arbeit war endlich das Schiff soweit fertig, daß wir selbiges in den Fluß, zwischen denen Felsen, allwo es genugsame Tiefe hatte, einlassen konnten. Weiln aber zwei von meinen Landsleuten gefährlich krank darniederzuliegen kamen, wurde die übrige Arbeit, nebst der Einladung der Güter, bis zu ihrer völligen Genesung versparet.

Meine Gefährten bezeugten allerseits die größte Freude über die ihrer Meinung nach wohlgeratene Arbeit, allein ich hatte an dem elenden Werke nur allzuviel auszusetzen, und nahm mir nebst meinem getreuen Christian ein billiges Bedenken uns daraufzuwagen, weil ich bei einer so langwierigen Reise dem Tode entgegenzulaufen, ganz gewisse Rechnung machen konnte.

Indem aber nicht allein große Verdrießlichkeit sondern vielleicht gar Lebensgefahr zu befürchten war, soferne meine Gefährten dergleichen Gedanken merkten, hielt ich darmit an mich, und nahm mir vor auf andere Mittel zu gedenken, wodurch diese unvernünftige Schiffahrt rückgängig gemacht werden könnte. Allein das unerforschliche Verhängnis überhob mich dieser Mühe, denn wenig Tage hierauf, erhub sich ein grausamer Sturm zur See, welchen wir von den hohen Felsenspitzen mit Erstaunen zusahen, jedoch gar bald durch einen ungewöhnlichen heftigen Regen in unsere Hütten getrieben wurden, da aber bei hereinbrechender Nacht ein jeder im Begriff war, sich zur Ruhe zu begeben, wurde die ganze Insul von einem heftigen Erdbeben gewaltig erschüttert, worauf ein dumpfiges Geprassele folgete, welches binnen einer oder zweier Stunden Zeit noch fünf oder sechs Mal zu hören war. Meine Gefährten, ja sogar auch die zwei Kranken kamen gleich bei erster Empfindung desselben eiligst in meine Hütte gelaufen, als ob sie bei mir Schutz suchen wollten, und meineten nicht anders, als müsse das Ende der Welt vorhanden sein, da aber gegen Morgen alles wiederum stille war, und der Sonnen lieblicher Glanz zum Vorscheine kam, verschwand zwar die Furcht vor das Mal, allein unser zusammengesetztes Schrecken war desto größer, da wir die einzige Einfahrt in unsere Insul, nämlich den Auslauf des westlichen Flusses, durch die von beiden Seiten herabgeschossenen Felsen gänzlich verschüttet sahen, so daß das ganze westliche Tal von dem gehemmten Strome unter Wasser gesetzt war.

Dieses Erdbeben geschahe am 18ten Jan. im Jahr Christi 1523 bei eintretender Nacht, und ich hoffe nicht unrecht zu haben, wenn ich solches ein wirkliches Erdbeben oder Erschütterung dieser ganzen Insul nenne, weil ich selbiges selbst empfunden, auch nachhero viele Felsenrisse und herabgeschossene Klumpen angemerkt, die vor der Zeit noch nicht dagewesen sind. Der westliche Fluß fand zwar nach wenigen Wochen seinen geraumlichen Auslauf unter dem Felsen hindurch, nachdem er vielleicht die lockere Erde und Sand ausgewaschen und fortgetrieben hatte, und solchergestalt wurde auch das westliche Tal wiederum von der Wasserflut befreiet, jedoch die Hoffnung unserer baldigen Abfahrt war auf einmal gänzlich zerschmettert, indem das neuerbaute Schiff unter den ungeheuern Felsenstücken begraben lag.

Gott pflegt in der Natur dergleichen Wunder- und Schreckwerke selten umsonst zu zeigen. Dieses erkannte ich mehr als zu wohl, wollte solches auch meinen Gefährten in täglichen Gesprächen beibringen, und sie dahin bereden, daß wir ingesamt als heilige Einsiedler unser Leben in dieser angenehmen und fruchtbaren Gegend um wenigstens solange zubringen wollten, bis uns Gott von ohngefähr Schiffe und Christen zuschickte, die uns von dannen führeten. Allein ich predigte tauben Ohren, denn wenige Zeit hernach, da ihnen abermals die Lust ankam ein neues Schiff zu bauen, welches doch in Ermangelung so vieler Materialien ein lächerliches Vornehmen war, machten sie erstlich einen Anschlag, im Mittel der Insul den nördlichen Fluß abzustechen, mithin selbigen durch einen Kanal in die kleine See zu führen, deren Ausfluß sich gegen Osten zu, in das Meer ergießet.

Dieser letztere Anschlag war mir eben nicht mißfällig, weiln ich allem Ansehen nach, leicht glauben konnte, daß durch das nördliche natürliche Felsengewölbe, nach abgeführten Wasserflusse, ohnfehlbar ein bequemer Ausgang nach der See zu finden sein möchte. Derowegen legte meine Hände selbsten mit ans Werk, welches endlich, nach vielen sauern vergessenen Schweiße, im Sommer des 1525ten Jahres zustande gebracht wurde. Wir funden einen nach Notdurft erhöheten und weiten Gang, mußten aber den Fußboden wegen vieler tiefen Klüfte und steiler Abfälle, sehr mühsam mit Sand und Steinen bequemlich ausfüllen und zurichten, bis wir endlich sehr erfreut das Tageslicht und die offenbare See außerhalb der Insul erblicken konnten.

Nach diesem glücklich ausgeschlagenen Vornehmen, sollten aufs eiligste Anstalten zum abermaligen Schiffbau gemacht, und die zugerichteten Bäume durch den neu erfundenen Weg an den auswendigen Fuß des Felsens hinuntergeschafft werden; aber! ehe noch ein einziger Baum darzu behauen war, legten sich die zwei schwächsten von meinen Landsleuten darnieder und starben, weil sie ohnedem sehr ungesundes Leibes waren, und sich noch darzu bishero bei der ungezwungenen Arbeit allzu heftig angegriffen haben mochten. Solchergestalt blieb der neue Schiffbau unterwegs, zumalen da ich und die mir getreuen zwei Indianer keine Hand mit anlegen wollten.

Allein, indem ich aus ganz vernünftigen Ursachen dieses tollkühne Werk gänzlich zu hintertreiben suchte, und mich auf mein gutes Gewissen zu berufen wußte, daß solches aus keiner andern Absicht geschahe, als den Allerhöchsten wegen einer unmittelbaren Erhaltung nicht zu versuchen, noch seiner Gnade zu mißbrauchen, da ich mich aus dem ruhigsten und gesegnetsten Lande nicht in die allersicherste Lebensgefahr stürzen wollte; so konnte doch einem andern ganz abscheulichen Übel nicht vorbauen, als worüber ich in die alleräußerste Bestürzung geriet, und welches einem jeden Christen einen sonderbaren Schauder erwecken wird.

Es meldete mir nämlich mein getreuer Christian, daß meine drei noch übrigen Landsleute seit etlichen Monaten drei Äffinnen an sich gewöhnet hätten, mit welchen sie sehr öfters, sowohl bei Tage als Nacht eine solche schändliche Wollust zu treiben pflegten, die auch diesen ehemaligen Heiden recht ekelhaft und wider die Natur laufend vorkam. Ich ließ mich keine Mühe verdrießen dieser wichtigen Sache, um welcher willen der Höchste die ganze Insul verderben können, recht gewiß zu werden, war auch endlich so glücklich, oder besser zu sagen, unglücklich, alles selbst in Augenschein zu nehmen, und ein lebendiger Zeuge davon zu sein, worbei ich nichts mehr, als verdammte Wollust bestialischer Menschen, nächst dem, die ungewöhnliche Zuneigung solcher vierfüßigen Tiere, über alles dieses aber die besondere Langmut Gottes zu bewundern wußte. Folgendes Tages nahm ich die drei Sodomiten ernstlich vor, und hielt ihnen, wegen ihres begangenen abscheulichen Lasters eine kräftige Gesetzpredigt, führete ihnen anbei den göttlichen Ausspruch zu Gemüte: Wer bei einem Viehe schläft soll des Todes sterben etc. etc. Zwei von ihnen mochten sich ziemlich gerührt befinden, da aber der dritte, als ein junger freveler Mensch, ihnen zusprach, und sich vernehmen ließ, daß ich bei itzigen Umständen mich um ihr Leben und Wandel gar nichts zu bekümmern, vielweniger ihnen etwas zu befehlen hätte, gingen sie alle drei höchst verdrießlich von mir.

Mittlerzeit aber, da ich diese Strafpredigt gehalten, hatten die zwei frommen Indianer Christianus und Petrus, auf meinen Befehl die drei verfluchten Affenhuren glücklich erwürget, sobald nun die bestialischen Liebhaber dieses Spektakul ersahen, schienen sie ganz rasend zu werden, hätten auch meine Indianer ohnfehlbar erschossen, allein zu allem Glücke hatten sie zwar Gewehr, jedoch weder Pulver noch Blei, weiln der wenige Rest desselben in meiner Hütte verwahret lag. In der ersten Hitze machten sie zwar starke Gebärden, einen Krieg mit mir und den Meinigen anzufangen, da ich aber meinen Leuten geladenes Gewehr und Schwerter gab, zogen die schändlichen Buben zurücke, dahero ich ihnen zurief: sie sollten auf guten Glauben herzukommen, und diejenigen Gerätschaften abholen, welche ich ihnen aus Barmherzigkeit schenkte, nachhero aber sich nicht gelüsten lassen, über den Nordfluß, in unser Revier zu kommen, widrigenfalls wir sie als Hunde darniederschießen wollten, weil geschrieben stünde: Du sollst den Bösen von dir tun.

Hierauf kamen sie alle drei, und langeten ohne ein einziges Wort zu sprechen diejenigen Geschirre und andere höchst nötigen Sachen ab, welche ich durch die Indianer entgegensetzen ließ, und verloren sich damit in das östliche Teil der Insul, so daß wir in etlichen Wochen nicht das geringste von ihnen zu sehen bekamen, doch war ich nebst den Meinigen fleißig auf der Hut, damit sie uns nicht etwa bei nächtlicher Zeit überfallen und erschlagen möchten.

Allein hiermit hatte es endlich keine Not, denn ihr böses Gewissen und zaghafte Furchtsamkeit mochte sie zurückhalten, jedoch die Rache folgte ihnen auf dem Fuße nach, denn die Bösewichter mußten kurz hernach einander erschröcklicherweise selbsten aufreiben, und den Lohn ihrer Bosheiten geben, weil sich niemand zum weltlichen Richter über sie aufwerfen wollte.

Eines Tages in aller Frühe, da ich den dritten Teil der Nachtwache hielt, hörete ich etliche Mal nacheinander meinen Namen Don Valaro von ferne laut ausrufen, nahm derowegen mein Gewehr, ging vor die Hütte heraus, und erblickte auf dem gemachten Damme des Nordflusses, einen von den dreien Bösewichten stehen, der mit der rechten Hand ein großes Messer in die Höhe reckte. Sobald er mich ersahe, kam er eilends herzugelaufen, da aber ich mein aufgezogenes Gewehr ihm entgegenhielt, blieb er etwa zwanzig Schritt vor mir stehen und schrie mit lauter Stimme: »Mein Herr! mit diesem Messer habe ich in vergangener Nacht meine Kameraden ermordet, weil sie mit mir um ein junges Affenweib Streit anfingen. Der Weinbeer- und Palmensaft hatte uns rasend voll gemacht, sie sind beide gestorben, ich aber rase noch, sie sind ihrer grausamen Sünden wegen abgestraft, ich aber, der ich noch mehr als sie gesündiget habe, erwarte von Euch einen tödlichen Schuß, damit ich meiner Gewissensangst auf einmal loskomme.«

Ich erstaunete über dergleichen entsetzliche Mordgeschicht, hieß ihm das Messer hinwegwerfen und näherkommen, allein nachdem er gefragt: Ob ich ihn erschießen wolle? und ich ihm zur Antwort gegeben: Daß ich meine Hände nicht mit seinem Blute besudeln, sondern ihn Gottes zeitlichen und ewigen Gerichten überlassen wolle; fassete er das lange Messer in seine beiden Fäuste, und stieß sich selbiges mit solcher Gewalt in die Brust hinein, daß der verzweifelte Körper sogleich zur Erden stürzen und seine schandbare Seele ausblasen mußte. Meine verschiedenen Gemütsbewegungen presseten mir viele Tränen aus den Augen, ohngeacht ich wohl wußte, daß solche lasterhafte Personen derselben nicht wert waren, doch machte ich, mit Hülfe meiner beiden Getreuen, sogleich auf der Stelle ein Loch, und scharrete das Aas hinein. Hierauf durchstreiften wir die östliche Gegend, und fanden endlich nach langem Suchen die Hütte, worinnen die beiden Entleibten beisammen lagen, das teuflische Affenweib saß zwischen beiden inne, und wollte durchaus nicht von dannen weichen, weswegen ich das schändliche Tier gleich auf der Stelle erschoß, und selbiges in eine Steinkluft werfen ließ, die beiden viehisch-menschlichen Körper aber begrub ich vor der Hütte, zerstörete dieselbe, und nahm die nützlichsten Sachen daraus mit zurück in unsere Haushaltung. Dieses geschahe in der Weinlesezeit im Jahre1527.

Von nun an führte ich mit meinen beiden getreuen christlichen Indianern die allerordentlichste Lebensart, denn wie beteten täglich etliche Stunden miteinander, die übrige Zeit aber wurde teils mit nötigen Verrichtungen, teils aber in vergnügter Ruhe zugebracht. Ich merkte an keinen von beiden, daß sie sonderliche Lust hätten, wiedrum zu andern Menschen zu gelangen, und noch viel weniger war eine Begierde zum Frauenvolk an ihnen zu spüren, sondern sie lebten in ihrer guten Einfalt schlecht und gerecht. Ich vor meine Person empfand in meinem Herzen den allergrößten Ekel an der Vermischung mit dem weiblichen Geschlechte, und weil mir außerdem der Appetit zu aller weltlichen Ehre, Würde, und den darmit verknüpften Lustbarkeiten vergangen war, so fassete den gänzlichen Schluß, daß, wenn mich ja der Höchste von dieser Insul hinweg, und etwa an andere christliche Örter führen würde, daselbst zu seinen Ehren, vermittelst meiner kostbaren Schätze, ein Kloster aufzubauen, und darinnen meine Lebenszeit in lauter Gottesfurcht zuzubringen.

Im Jahr Christi 1538 starb auch der ehrliche getaufte Christ, Petrus Gutmann, welchen ich nebst dem Christiano herzlich beweinete, und ihn aufs ordentlichste zur Erde bestattete. Er war ohngefähr etliche sechzig Jahr alt worden, und bishero ganz gesunder Natur gewesen, ich glaube aber, daß ihn ein jählinger Trunk, welchen er etwas stark auf die Erhitzung getan, ums Leben brachte, doch mag er auch sein ihm von Gott bestimmtes, ordentliches Lebensziel erreicht haben.

Nach diesem Todesfalle veränderten wir unsere Wohnung, und bezogen den großen Hügel, welcher zwischen den beiden Flüssen fast mitten auf der Insul lieget, allda baueten wir eine geraumliche Hütte, überzogen dieselbe dermaßen stark mit Laubwerk, daß uns weder Wind noch Regen Verdruß antun konnte, und führeten darinnen ein solches geruhiges Leben, dergleichen sich wohl alle Menschen auf der ganzen Welt wünschen möchten.

Wir haben nach der Zeit sehr viel zerscheiterte Schiffsstücken, große Ballen und Packfässer auf den Sandbänken vor unserer Insul anländen sehen, welches alles ich und mein Christian, vermittelst eines neugemachten Floßes, von dannen herüber auf unsere Insul holeten, und darinnen nicht allein noch mehrere kostbare Schätze an Gold, Silber, Perlen, edlen Steinen und allerlei Hausgeräte, sondern auch Kleiderwerk, Betten und andere vortreffliche Sachen fanden, welche letztern unsern Einsiedlerorden von aller Strengigkeit befreieten, indem wir, vermittelst desselben, die Lebensart aufs allerbequemste einrichten konnten.

Neunzehn ganzer Jahre habe ich nach des Petri Tode mit meinem Christiano in dem allerruhigsten Vergnügen gelebt, da es endlich dem Himmel gefiel, auch diesen einzigen getreuen Freund von meiner Seite, ja von dem Herzen hinwegzureißen. Denn im Frühlinge des 1557ten Jahres fing er nach und nach an, eine ungewöhnliche Mattigkeit in allen Gliedern zu empfinden, worzu ein starker Schwindel des Haupts, nebst dem Ekel vor Speise und Trank gesellete, dahero ihm in wenig Wochen alle Kräfte vergingen, bis er endlich am Tage Allerheiligen, nämlich am 1. Novembr. selbigen Jahres früh bei Aufgang der Sonnen, sanft und selig auf das Verdienst Christi verschied, nachdem er seine Seele in Gottes Hände befohlen hatte.

Die Tränen fallen aus meinen Augen, indem ich dieses schreibe, weil dieser Verlust meines lieben Getreuen mir in meinem ganzen Leben am allerschmerzlichsten gewesen. Voritzo, da ich diesen meinen Lebenslauf zum andern Male aufzuzeichnen im Begriff bin, stehe ich in meinem hundertundfünften Jahre, und wünsche nur dieses:

Meine Seele sterbe des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie meines getreuen Christians Ende.

Den werten Körper meines allerbesten Freundes habe ich am Fuße dieses Hügels, gegen Morgen zu, begraben, und sein Grab mit einem großen Steine, worauf ein Kreuz nebst der Jahreszahl seines Ablebens gehauen, bemerkt. Meine Augen sind nachhero in etlichen Wochen niemals trocken von Tränen worden, jedoch, da ich nachhero den Allerhöchsten zum einzigen Freunde erwählte, so wurde auf ganz besondere Art getröstet, und in den Stand gesetzt, mein Verhängnis mit größter Gedult zu ertragen.

Drei Jahr nach meines liebsten Christians Tode, nämlich im Jahr 1560 habe ich angefangen in den Hügel einzuarbeiten, und mir auf die Winterszeit eine bequeme Wohnung zuzurichten. Du! der du dieses liesest, und meinen Bau betrachtest, wirst genungsame Ursache haben, dich über die Unverdrossenheit eines einzelnen Menschen zu verwundern, allein, bedenke auch die Langeweile, so ich gehabt habe. Was sollte ich sonst Nutzbares vornehmen? Zu meinem Ackerbau brauchte ich wenige Tage Mühe, und bekam jederzeit hundertfachen Segen. Ich habe zwar gehofft, von hier hinweggeführet zu werden, und hoffe es noch, allein, es ist mir wenig daran gelegen, wenn meine Hoffnung, wie bishero, vergeblich ist und bleibt.

Den allergrößten Possen haben mir die Affen auf dieser Insul bewiesen, indem sie mir mein Tagebuch, in welches ich alles, was mir seit dem Jahr 1509 bis auf das Jahr 1580 Merkwürdiges begegnet, richtig aufgezeichnet hatte, schändlicherweise entführet, und in kleine Stücken zerrissen, also habe ich in dieser zweiten Ausfertigung meiner Lebensbeschreibung nicht so ordentlich und gut verfahren können, als ich wohl gewollt, sondern mich einzig und allein auf mein sonst gutes Gedächtnis verlassen müssen, welches doch Alters wegen ziemlich stumpf zu werden beginnet.

Immittelst sind doch meine Augen noch nicht dunkel worden, auch bedünket mich, daß ich an Kräften und übriger Leibesbeschaffenheit noch so stark, frisch und ansehnlich bin, als sonsten ein gesunder, etwa vierzig- bis fünfzigjähriger Mann ist.

In der warmen Sommerszeit habe ich gemeiniglich in der grünen Laubhütte auf dem Hügel gewohnet, zur Regen- und Winterszeit aber, ist mir die ausgehaune Wohnung unter dem Hügel trefflich zustatten gekommen, hieselbst werden auch diejenigen, so vielleicht wohl lange nach meinem Tode etwa auf diese Stelle kommen, ohne besondere Mühe, meine ordentlich verwahrten Schätze und andere nützliche Sachen finden können, wenn ich ihnen offenbare, daß in der kleinsten Kammer gegen Osten, und dann unter meinem steinernen Sessel das Allerkostbarste anzutreffen ist.

Ich beklage nochmals, daß mir die leichtfertigen Affen mein schönes Tagebuch zerrissen, denn wo dieses vorhanden wäre, wollte ich dir, mein zukünftiger Leser, ohnfehlbar noch ein und andere nicht unangenehme Begebenheiten und Nachrichten beschrieben haben. Sei immittelst zufrieden mit diesen wenigen, und wisse, daß ich den Vorsatz habe, solange ich sehen und schreiben kann, nicht müßig zu leben, sondern dich alles dessen, was mir hinfüro noch Sonderbares und Merkwürdiges vorkommen machte, in andern kleinen Büchleins benachrichtigen werde. Voritzo aber will ich diese Beschreibung, welche ich nicht ohne Ursach auch ins Spanische übersetzt habe, beschließen, und dieselbe beizeiten an ihren gehörigen Ort beilegen, allwo sie vor der Verwesung lange Zeit verwahret sein kann, denn ich weiß nicht, wie bald mich der Tod übereilen, und solchergestalt alle meine Bemühung nebst dem guten Vorsatze, meinen Nachkommen einen Gefallen zu erweisen, gänzlich zernichten möchte. Der Gott, dem ich meine übrige Lebenszeit aufs allereifrigste zu dienen mich verpflichte, erhöre doch, wenn es sein gnädiger Wille, und meiner Seelen Seligkeit nicht schädlich ist, auch in diesem Stücke mein Gebet, und lasse mich nicht plötzlich, sondern in dieser meiner Steinhöhle, entweder auf dem Lager, oder auf meinem Sessel geruhig sterben, damit mein Körper den leichtfertigen Affen und andern Tieren nicht zum Spiele und Scheusal werde, sollte auch demselben etwa die zukünftige Ruhe in der Erde nicht zugedacht sein: wohlan! so sei diese Höhle mir anstatt des Grabes, bis zur fröhlichen Auferstehung aller Toten.

 

Soviel ist's, was ich Eberhard Julius von des seligen Don Cyrillo de Valaro Lebensbeschreibung aus dem lateinischen Exemplar zu übersetzen gefunden, kömmt es nicht allzu zierlich heraus, so ist doch dem Werke selbst weder Abbruch noch Zusatz geschehen. Es sind noch außer diesem etliche andere Manuskripta, und zwar mehrenteils in spanischer Sprache vorhanden, allein, ich habe bishero unterlassen, dieselben sowohl als die wenigen lateinischen ins Deutsche zu übersetzen, welches jedoch mit der Zeit annoch geschehen kann, denn sein Arzeneibuch, worinnen er den Nutzen und Gebrauch der auf dieser Insul wachsenden Kräuter, Wurzeln und Früchte abhandelt, auch dabei allerlei Krankheiten und Schäden, die ihm und seinen Gefährten begegnet sind, erzählet, verdienet wohl gelesen zu werden, wie denn auch sein Büchlein vom Acker- und Gartenbau, ingleichen von allerhand nützlichen Regeln wegen der Witterung nicht zu verachten ist.

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.