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Die Insel Felsenburg

Johann Gottfried Schnabel: Die Insel Felsenburg - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Insel Felsenburg
authorJohann Gottfried Schnabel
year1988
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32653-7
titleDie Insel Felsenburg
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1731
modified20161220
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Vorrede

Geneigter Leser!

Es wird dir in folgenden Blättern eine Geschichtsbeschreibung vorgelegt, die, wo du anders kein geschworner Feind von dergleichen Sachen bist, oder dein Gehirne bei Erblickung des Titulblattes nicht schon mit widerwärtigen Praejudiciis angefüllet hast, ohnfehlbar zuweilen etwas, obgleich nicht alles, zu besonderer Gemütsergötzung überlassen, und also die geringe Mühe, so du dir mit Lesen und Durchblättern gemacht, gewissermaßen rekompensieren kann.

Mein Vorsatz ist zwar nicht, einem oder dem andern dieses Werk als einen vortrefflich begeisterten und in meinen hochteutschen Stylum eingekleideten Staatskörper anzuraisonieren; sondern ich will das Urteil von dessen Werte, dem es beliebt, überlassen, und da selbiges vor meine Partie nicht allzu vorteilhaftig klappen sollte, weiter nichts sagen, als: Haud curat Hippoclides. Auf teutsch:

Sprecht, was ihr wollt, von mir und Julio dem Sachsen,
Ich lasse mir darum kein graues Härlein wachsen.

Allein, ich höre leider! schon manchen, der nur einen Blick darauf schießen lassen, also raisonieren und fragen: Wie hält's, Landsmann! kann man sich auch darauf verlassen, daß deine Geschichte keine bloßen Gedichte, Lucianische Spaßstreiche, zusammengeraspelte Robinsonadenspäne und dergleichen sind? Denn es werfen sich immer mehr und mehr Skribenten auf, die einem neubegierigen Leser an diejenige Nase, so er doch schon selbst am Kopfe hat, noch viele kleine, mittelmäßige und große Nasen drehen wollen.

Was gehöret nicht vor ein baumstarker Glaube darzu, wenn man des Herrn von Lydio trenchierte Insul als eine Wahrheit in den Backofen seines physikalischen Gewissens schieben will? Wer muß sich nicht viel mehr über den Herrn Geschichtschreiber P. L. als über den armen Einsiedler Philipp Quarll selbst verwundern, da sich der erstere ganz besondere Mühe gibt, sein, nur den Mondsüchtigen glänzendes Märlein, unter dem Hute des Hrn. Dorrington, mit demütigst-ergebensten Flatterien, als eine brennende historische Wahrheitsfackel aufzustecken? Die Geschicht von Joris oder Georg Pines hat seit ao. 1667 einen ziemlichen Geburts- und Beglaubigungsbrief erhalten, nachdem aber ein Anonymus dieselbe aus dem Englischen übersetzt haben will, und im Teutschen, als ein Gerichte Sauerkraut mit Stachelbeeren vermischt, aufgewärmet hat, ist ein solche Ollebutterie daraus worden, daß man kaum die ganz zu Matsche gekochten Brocken der Wahrheit, noch auf dem Grunde der langen Titsche finden kann. Woher denn kommt, daß ein jeder, der diese Geschicht nicht schon sonsten in andern Büchern gelesen, selbige vor eine lautere Fiktion hält, mithin das Kind samt dem Badewasser ausschüttet. Gedenket man ferner an die fast unzählige Zahl derer Robinsons von fast allen Nationen, sowohl als andere Lebensbeschreibungen, welche meistenteils die Beiwörter: Wahrhaftig, erstaunlich, erschrecklich, noch niemals entdeckt, unvergleichlich, unerhört, unerdenklich, wunderbar, bewundernswürdig, seltsam und dergleichen, führen, so möchte man nicht selten Herr Ulrichen, als den Vertreiber ekelhafter Sachen, rufen, zumalen wenn sich in solchen Schriften lahme Satiren, elender Wind, zerkauete Moralia, überzuckerte Laster-Morsellen, und öfters nicht sechs rechtschaffene oder wahre historische Streiche antreffen lassen. Denn - - -

Halt inne, mein Freund! Was gehet mich dein gerechter oder ungerechter Eifer an? Meinest du, daß ich dieserwegen eine Vorrede halte! Nein, keinesweges. Laß dir aber dienen! Ohnfehlbar mußt du das von einem weitberühmten Manne herstammende Sprichwort: Viel Köpfe, viel Sinne, gehöret oder gelesen haben. Der liebe Niemand allein, kann es allen Leuten recht machen. was dir nicht gefällt, charmiert vielleicht zehn, ja hundert und wohl noch mehr andere Menschen. Alle diejenigen, so du anitzo getadelt hast, haben wohl eine ganz besondere gute Absicht gehabt, die du und ich erstlich erraten müssen. Ich wollte zwar ein vieles zu ihrer Defension anführen, allein, wer weiß, ob mit meiner Treuherzigkeit Dank zu verdienen sei? Über dieses, da solche Autores vielleicht klüger und geschickter sind als du und ich, so werden sie sich, daferne es die Mühe belohnt, schon bei Gelegenheit selbst verantworten.

Aber mit Gunst und Permission zu fragen: Warum soll man denn dieser oder jener, eigensinniger Köpfe wegen, die sonst nichts als lauter Wahrheiten lesen mögen, nur eben lauter solche Geschichte schreiben, die auf das kleineste Jota mit einem körperlichen Eide zu bestärken wären? Warum soll denn eine geschickte Fiktion, als ein Lusus Ingenii, so gar verächtlich und verwerflich sein? Wo mir recht ist, halten ja die Herren Theologi selbst davor, daß auch in der heil. Bibel dergleichen Exempel, ja ganze Bücher, anzutreffen sind. Sapienti sat. Ich halte davor, es sei am besten getan, man lasse solchergestalt die Politikos ungehudelt, sie mögen schreiben und lesen was sie wollen, sollte es auch gleich dem gemeinen Wesen nicht eben zu ganz besondern Vorteil gereichen, genug, wenn es demselben nur keinen Nachteil und Schaden verursachet.

Allein, wo gerate ich hin? Ich sollte dir, geneigter Leser, fast die Gedanken beibringen, als ob gegenwärtige Geschichte auch nichts anders als pur lautere Fiktiones wären? Nein! dieses ist meine Meinung durchaus nicht, jedoch soll mich auch durchaus niemand dahin zwingen, einen Eid über die pur lautere Wahrheit derselben abzulegen. Vergönne, daß ich deine Gedult noch in etwas mißbrauche, so wirst du erfahren, wie diese Fata verschiedener Seefahrenden mir fato zur Beschreibung in die Hände gekommen sind:

Als ich im Anfange dieses nun fast verlaufenen Jahres in meinen eigenen Verrichtungen eine ziemlich weite Reise auf der Landkutsche zu tun genötiget war, geriet ich bei solcher Gelegenheit mit einen Literato in Kundschaft, der eine ganz besonders artige Conduite besaß. Er ließ den ganzen Tag über auf den Wagen vortrefflich mit sich reden und umgehen, sobald wir aber des Abends gespeiset, mußte man ihm gemeiniglich ein Licht alleine geben, womit er sich von der übrigen Gesellschaft ab- und an einen andern Tisch setzte, solchergestalt beständig diejenigen geschriebenen Sachen las, welche er in einem zusammengebundenen Paket selten von Abhänden kommen ließ. Sein Beutel war vortrefflich gespickt, und meine Person, deren damaliger Zustand eine genaue Wirtschaft erforderte, profitierte ungemein von dessen Generosité, welche er bei mir, als einem Feinde des Schmarotzens, sehr artig anzubringen wußte. Dannenhero geriet ich auf die Gedanken, dieser Mensch müsse entweder ein starker Kapitaliste oder gar ein Adeptus sein, indem er so viele güldene Spezies bei sich führete, auch seine besondere Liebe zur Alchimie öfters in Gesprächen verriet.

Eines Tages war dieser gute Mensch der erste, der den blasenden Postillon zu Gefallen hurtig auf den Wagen steigen wollte, da mittlerweile ich nebst zweien Frauenzimmern und soviel Kaufmannsdienern in der Tür des Gasthofs noch ein Glas Wein ausleereten. Allein, er war so unglücklich, herunterzustürzen, und da die frischen Pferde hierdurch schüchtern gemacht wurden, gingen ihm zwei Räder dermaßen schnell über den Leib und Brust, daß er sogleich halb tot zurück in das Gasthaus getragen werden mußte.

Ich ließ die Post fahren, und blieb bei diesen im größten Schmerzen liegenden Patienten, welcher, nachdem er sich um Mitternachtszeit ein wenig ermuntert hatte, alsofort nach seinem Paket Schriften fragte, und sobald man ihm dieselben gereicht, sprach er zu mir: »Mein Herr! nehmet und behaltet dieses Paket in Eurer Verwahrung, vielleicht füget Euch der Himmel hierdurch ein Glücke zu, welches ich nicht habe erleben sollen.« Hierauf begehrete er, daß man den anwesenden Geistlichen bei ihm allein lassen sollte, mit welchen er denn seine Seele wohl beraten, und gegen Morgen das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hatte.

Meinen Gedanken nach hatte ich nun von diesem andern Jason das güldene Fell ererbet, und vermeinte, ein Besitzer der allersichersten alchimistischen Prozesse zu sein. Aber weit gefehlt! Denn kurz zu sagen, es fand sich sonst nichts darinnen, als Albert Julii Geschichtsbeschreibung, und was Mons. Eberhard Julius, zur Erläuterung derselben, diesem unglücklichen Passagier sonsten beigelegt und zugeschickt hatte.

Ohngeacht aber meine Hoffnung, in kurzer Zeit ein glücklicher Alchimiste und reicher Mann zu werden, sich gewaltig betrogen sahe, so fielen mir doch beim Durchlesen dieser Sachen, verschiedene Passagen in die Augen, woran mein Gemüt eine ziemliche Belustigung fand, und da ich vollends des verunglückten Literati besonderen Briefwechsel, den er teils mit Mons. Eberhard Julio selbst, teils mit Herrn G. v. B. in Amsterdam, teils auch mit Herrn H. W. W. in Hamburg dieses Werks wegen eine Zeit her geführet, dabei antraf, entbrannte sogleich eine Begierde in mir, diese Geschichte selbst vor die Hand zu nehmen, in möglichste Ordnung zu bringen, und hernach dem Drucke zu überlassen, es möchte gleich einem oder den andern viel, wenig oder gar nichts daran gelegen sein, denn mein Gewissen riet mir, diese Sachen nicht liederlicherweise zu vertuschen.

Etliche Wochen hierauf, da mich das Glück unverhofft nach Hamburg führete, geriet ich gar bald mit dem Herrn W. in Bekanntschaft, eröffnete demselben also die ganze Begebenheit des verunglückten Passagiers, wie nicht weniger, daß mir derselbe vor seinem Ende die und die Schriften anvertrauet hätte, wurde auch alsobald von diesem ehrlichen Manne durch allerhand Vorstellungen und Persuasoria in meinem Vorhaben gestärkt, anbei der Richtigkeit dieser Geschichte, vermittelst vieler Beweistümer, vollkommen versichert, und belehret, wie ich mich bei Edierung derselben zu verhalten hätte.

Also siehest du, mein Leser, daß ich zu dieser Arbeit gekommen bin, wie jener zur Maulschelle, und merkest wohl, daß mein Gewissen von keiner Spinnewebe gewürkt ist, indem ich eine Sache, die man mir mit vielen Gründen als wahr und unfabelhaft erwiesen, dennoch niemanden anders, als solchergestalt vorlegen will, daß er darvon glauben kann, wieviel ihm beliebt. Demnach wird hoffentlich jeder mit meiner Generosité zufrieden sein können.

Von dem übrigen, was sonsten in Vorreden pflegt angeführet zu werden, noch etwas weniges zu melden, so kann nicht leugnen, daß dieses meine erste Arbeit von solcher Art ist, welche ich in meiner herzallerliebsten deutschen Frau Muttersprache der Presse unterwerfe. Nimm also einem jungen Anfänger nicht übel, wenn er sein erstes Händewerk so frei zur Schaue darstellet, selbiges aber dennoch vor kein untadelhaftes Meisterstücke ausgibt.

An vielen Stellen hätte ich den Stylum selbst ziemlich verbessern können und wollen, allein, man forderte mich, die Herausgabe zu beschleunigen. Zur Mundierung des Konzepts ließen mir anderweitige wichtige Verrichtungen keine Zeit übrig, selbiges einem Kopisten hinzugeben, möchte vielleicht noch mehr Händel gemacht haben. Hier und dort aber viel auszustreichen, einzuflicken, Zeichen zu machen, Zettelgen beizulegen und dergleichen, schien mir zu gefährlich, denn wie viele Flüche hätte nicht ein ungeduldiger Setzer hierbei ausstoßen können, die ich mir alle ad animum revocieren müssen.

Ich weiß, was mir Mons. Eberhard Julii kunterbunte Schreiberei quoad formam vor Mühe gemacht, ehe die vielerlei Geschichten in eine ziemliche Ordnung zu bringen gewesen. Hierbei hat mir nun allbereits ein guter Freund vorgeworfen, als hätte ich dieselben fast gar zu sehr durcheinandergeflochten, und etwa das Modell von einigen Romainenschreibern genommen, allein, es dienet zu wissen, daß Mons. Eberhard Julius selbst das Kleid auf solche Fasson zugeschnitten hat, dessen Gutbefinden mich zu widersetzen, und sein Werk ohne Ursach zu hofemeistern, ich ein billiges Bedenken getragen, vielmehr meine Schuldigkeit zu sein erachtet, dieses von ihm herstammende Werk in seiner Person und Namen zu demonstrieren. Über dieses so halte doch darvor, und bleibe darbei, daß die meisten Leser solchergestalt desto besser divertiert werden. Beugen doch die Postkutscher auch zuweilen aus, und dennoch mokiert sich kein Passagier drüber, wenn sie nur nicht gar steckenbleiben, oder umwerfen, sondern zu gehöriger Zeit fein wieder in die Gleisen kommen.

Nun sollte mich zwar bei dieser Gelegenheit auch besinnen, ob ich als ein Rekrute unter den Regimentern der Herrn Geschichtsbeschreiber, dem (s. T. p.) hochgeöhrten und wohlnaseweisen Herrn Momo, wie nicht weniger dessen Duzbruder, Herrn Zoilo, bei bevorstehender Revüe mit einer spanischen zähnfletschenden Grandezze, oder polnischen Subsubmission entgegengehen müsse? Allein, weil ich die Zeit und alles, was man dieser Konfusionarien halber anwendet, vor schändlich verdorben schätze, will ich kein Wort mehr gegen sie reden, sondern die übrigen in mente behalten.

Sollte aber, geneigter Leser! dasjenige, was ich zu diesem Werke an Mühe und Fleiße beigetragen, von dir gütig und wohl aufgenommen werden, so sei versichert, daß in meiner geringen Person ein solches Gemüt anzutreffen, welches nur den geringsten Schein einer Erkenntlichkeit mit immerwährenden Danke zu erwidern bemühet lebt. Was an der Vollständigkeit desselben annoch ermangelt, soll sobald als möglich, hinzugefügt werden, woferne nur der Himmel Leben, Gesundheit, und was sonsten darzu erfordert wird, nicht abkürzet. Ja, ich dürfte mich eher bereden, als meinen Ärmel ausreißen lassen, künftigen Sommer mit einem kurieusen Soldatenromain herauszurutschen, als wozu verschiedene brave Offiziers allbereit Materie an die Hand gegeben, auch damit zu kontinuieren versprochen. Vielleicht trifft mancher darinnen vor sich noch angenehmere Sachen an, als in Gegenwärtigen.

Von den vermutlich mit einschleichenden Druckfehlern wird man mich gütigst absolvieren, weil die Druckerei allzuweit von dem Orte, da ich mich aufhalte, entlegen ist, doch hoffe, der sonst sehr delikate Herr Verleger werde sich dieserhalb um soviel desto mehr Mühe geben, solche zu verhüten. Letztlich bitte noch, die in dieser Vorrede mit untergelaufenen Scherzworte nicht zu Polzen zu drehen, denn ich bin etwas lustigen Humeurs, aber doch nicht immer. Sonsten weiß vor dieses Mal sonderlich nichts zu erinnern, als daß ich nach Beschaffenheit der Person und Sachen jederzeit sei,

Geneigter Leser,

den 2. Dez. 1730

Dein
dienstwilliger
GISANDER

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