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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 8
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
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Ein schwerer Kampf

Joan nahm die Leitung des Haushalts mit sicherem Griff in die Hand und kehrte das Unterste zu oberst, bis Scheldon das Haus kaum wiedererkannte. Zum ersten Male war das Bungalow sauber und ordentlich. Die Hausboys lungerten nicht mehr faul herum, und der Koch jammerte, daß von dem gründlichen Kochkursus, den sie ihm erteilte, »Kopf gehören ihm gehen herum zuviel.« Und Scheldon selbst wurde ein Rüffel nicht erspart, weil er nichts als Konserven hatte. Sie schalt ihn nachlässig und schlapp, weil er nicht auf gesunde Kost achtete. Zwanzigmal schickte sie ihr Boot nach Zitronen und Apfelsinen die Küste entlang, wollte durchaus wissen, warum diese Früchte nicht längst auf Berande angepflanzt waren, und machte ihm Vorwürfe, weil er keinen Gemüsegarten angelegt hatte. Mumienäpfel, die er für Unkraut gehalten hatte, erwiesen sich von ihr zubereitet als appetitanregende Frühstücksmarmelade und wurden beim Mittagessen als Puddings aufgetischt, die seine unbegrenzte Bewunderung erregten. Bananen wurden aus dem Busch geholt, und auf dutzenderlei Arten zubereitet, von denen eine immer besser als die andere schmeckte. Sie oder ihre Seeleute fischten täglich mit Dynamit, und die Eingeborenen Balesunas wurden mit Tabak belohnt, wenn sie Austern aus den Mangroven-Sümpfen brachten. Was sie alles aus Kokosnüssen bereiten konnte, war direkt eine Offenbarung für ihn. Sie zeigte dem Koch, wie er aus der Milch Hefe und daraus wieder ein leichtes, lockeres Brot bereiten konnte. Das Herzblatt ergab einen wohlschmeckenden Salat; aus Milch und Fleisch zusammen stellte sie verschiedene süße und saure Saucen her, die je nach ihrer Art zu den verschiedensten Gerichten, von Fisch bis zu Pudding, aufgetragen wurden. Sie machte Scheldon auf die Vorzüge der Kokossahne gegenüber der kondensierten Milch zum Kaffee aufmerksam. Aus dem schwammigen Kern bereits keimender Nüsse machte sie Salat. Das schien überhaupt ihre Stärke zu sein, und einmal überraschte sie ihn mit einem äußerst wohlschmeckenden Salat aus Bambussprossen. Wilde Tomaten, die früher ins Kraut geschossen oder bei der Anlage von Berande rücksichtslos umgehackt worden, wurden ebenfalls für Salate, Suppen und Saucen gesammelt. Den Hühnern, die stets in den Busch gelaufen waren und dort gelegt hatten, wurden Legekästen hingestellt, und Joan selbst schoß wilde Enten und Tauben.

»Nicht etwa, daß ich diese Arbeit besonders liebte,« erklärte sie einmal, »aber ich kann von Vaters Erziehung nicht loskommen.«

Das verpestete Hospital brannte sie nieder, und als Scheldon sie deswegen auszankte, ließ sie aus Ärger von ihren Seeleuten ein neues bauen, das sie ein anständiges Krankenhaus nannte. Sie riß die Musselin-Gardinen von den Fenstern und ersetzte sie durch farbige Baumwollstoffe vom Lager, aus denen sie sich selbst mehrere Kleider verfertigte. Als sie eine Liste der Kleidungsstücke und anderer Gegenstände zusammenstellte, die sie sich mit dem nächsten Dampfer von Sydney schicken lassen wollte, dachte Scheldon, wie lange sie wohl eigentlich bleiben wollte. Sicher hatte er nie zuvor eine solche Frau gekannt oder sich ihre Existenz auch nur träumen lassen. Seiner Auffassung nach war sie überhaupt keine Frau. Sie kannte weder Schwäche noch Zärtlichkeit. Kein weibliches Gefühl kam ihm gegenüber zum Ausdruck. Sie hätten Brüder sein können, so wenig hatte das Geschlecht mit diesem seltsamen Verhältnis zu tun. Jedes höfliche Entgegenkommen von seiner Seite wurde übersehen oder abgelehnt, und er gab es sehr bald auf, ihr die Hand zu bieten, wenn sie ins Boot oder über einen Baumstamm kletterte; er mußte zugeben, daß sie durchaus imstande war, selbst für sich zu sorgen. Trotz seiner Warnung vor Krokodilen und Haien bestand sie darauf, in dem tiefen Wasser vor der Küste zu schwimmen. Er konnte sie auch nicht überreden, beim Dynamitfischen vom Boot aus einen ihrer Leute die Patrone werfen zu lassen; als Grund gab sie an, daß sie zum mindesten etwas intelligenter wäre als die Kanaken, und daß daher ein Unglücksfall weniger zu befürchten sei, wenn sie selbst es täte. Sie war in seinen Augen die männlichste und doch die weiblichste Frau, die er je getroffen hatte.

Andauernde Meinungsverschiedenheiten bestanden zwischen ihnen über die Behandlung der Schwarzen. Sie behandelte sie stets mit freundlichem Ernst, lobte selten, strafte nie, und er mußte zugeben, daß ihre eigenen Leute sie vergötterten, und daß seine Hausboys ihr sklavisch ergeben waren und jetzt dreimal soviel leisteten, als er je aus ihnen herausgeholt hatte. Sie erkannte schnell die Unruhe unter den Kontraktarbeitern und war nicht blind gegen die Gefahr, die ihr und Scheldon stets drohte. Weder sie noch er gingen je ohne Revolver aus, und die Seeleute, die nachts bei Joans Grashaus wachten, waren mit Gewehren bewaffnet. Aber Joan betonte, daß diese Vorsichtsmaßregeln nur durch die Gewaltherrschaft bedingt worden seien, die der Weiße ausgeübt hatte. Sie war unter ruhigen Hawaianern aufgewachsen, die keine schlechte oder rohe Behandlung kannten, und daraus schloß sie, daß auch die Salomon-Insulaner bei freundlicher Behandlung sanftmütig werden müßten.

Eines Abends erhob sich in den Baracken ein furchtbarer Lärm, und Scheldon gelang es, mit Hilfe von Joans Seeleuten zwei Weiber zu befreien, die von den Schwarzen zu Tode geprügelt werden sollten. Um sie vor der Rache ihrer Landsleute zu schützen, wurden sie diese Nacht im Küchenhaus bewacht. Es waren die Frauen, die für die Arbeiter kochten, und ihr Vergehen bestand darin, daß die eine von ihnen in dem großen Kessel, in dem die Kartoffeln gekocht wurden, ein Bad genommen hatte. Die Schwarzen waren nicht etwa aus Reinlichkeit wütend – sie badeten oft selbst in den Kesseln – der Grund war, daß die Badende ein verachtetes Weib war, denn bei den Salomon-Insulanern gilt jedes weibliche Wesen als niedrig und verächtlich. Am nächsten Morgen wurden Joan und Scheldon beim Frühstück durch ein immer lauter werdendes aufgeregtes Gemurmel aufgeschreckt. Das oberste Gesetz von Berande war gebrochen. Das Grundstück war ohne Erlaubnis oder Befehl betreten worden, und alle zweihundert Arbeiter mit Ausnahme der Aufseher hatten sich dieses Vergehens schuldig gemacht. Sie drängten sich drohend und schreiend um die vordere Veranda. Scheldon lehnte sich über das Geländer, während Joan hinter ihm stehen blieb. Der Lärm legte sich etwas, und zwei Brüder, große, muskulöse Männer mit Gesichtern, die selbst für Salomon-Insulaner ungewöhnlich wild waren, traten vor. Der eine war Carin-Jama, oder der Stille, der andere Bellin-Jama, der Prahlhans. Beide hatten vor Jahren auf Plantagen in Queensland gearbeitet und waren unter allen Weißen als üble Gesellen bekannt.

»Wir fella Jungen, wir wollen die zwei schwarzen fella Marys«, sagte Bellin-Jama.

»Was du wollen mit fella Marys?« fragte Scheldon.

»Sie totschlagen«, sagte Bellin-Jama.

»Was Name du fella Junge reden mit mir?« fragte Scheldon in steigendem Zorn. »Große Glocke sie läuten. Du nicht bleiben hier. Du bleiben auf Feld. Nachher, groß fella Glocke sie läuten, du aufhören und kai-kai, du kommen und reden mit mir über zwei fella Marys. Jetzt alle ihr Jungen machen fort von hier.«

Die Bande wartete, was Bellin-Jama tun würde. Bellin-Jama blieb stehen.

»Mich nicht gehen«, sagte er.

»Du passen auf, Bellin-Jama,« sagte Scheldon scharf, »oder ich schicken dich Tulagi für ein dick fella Prügel. Mein Wort, du bekommen tüchtig.«

Bellin-Jama starrte ihn kriegerisch an.

»Du wollen Kampf«, sagte er wie ein echter Queensländer.

In den Salomons, wo wenige Weiße und viele Schwarze leben und die Weißen herrschen, ist eine solche Herausforderung zum Kampf die tötlichste Beleidigung. Die Schwarzen dürfen nie so weit gehen, einem Weißen den Kampf anzubieten. Das wenigste, was sie dafür bekommen, ist eine Tracht Hiebe.

Ein beifälliges Gemurmel erhob sich bei Bellin-Jamas tapferen Worten in den Reihen der zuhörenden Schwarzen. Aber die Worte waren noch nicht verklungen, und das Gemurmel hatte eben erst begonnen, als Scheldon schon mit einem Satz über das Geländer sprang. Es war ein Sprung von fünfzehn Fuß, und Bellin-Jama stand gerade unter dem Geländer.

Scheldon traf ihn mit der ganzen Wucht seines Körpers und schmetterte ihn zu Boden. Ein Schlag war nicht mehr nötig. Der Schwarze war hilflos zusammengebrochen. Joan, die durch den unerwarteten Sprung völlig überrascht war, sah jetzt, wie Carin-Jama, der Stille, sich auf Scheldon stürzte, der gerade wieder auf die Füße kam, und ihn an der Gurgel packte, während sich die zweihundert Schwarzen mordlustig vordrängten. Ihr Revolver fuhr heraus und Carin-Jama taumelte mit einer Kugel in der Schulter zurück. Sie hatte ihn in den Arm schießen wollen, was bei der geringen Entfernung ein leichtes gewesen wäre, aber die Woge der vordringenden Wilden hatte den Schuß abgelenkt. Es war ein Augenblick, in dem alles auf dem Spiel stand. Sobald Scheldon seine Kehle frei fühlte, holte er mit der Faust aus, und Carin-Jama lag neben seinem Bruder auf dem Boden. Die Meuterei war unterdrückt, und fünf Minuten später wurden die Brüder zum Hospital geschafft und die Meuterer von den Aufsehern an die Arbeit geführt.

Als Scheldon wieder auf die Veranda kam, fand er Joan in Tränen aufgelöst auf dem Liegestuhl zusammengebrochen. Dieser Anblick regte ihn mehr auf, als der ganze Auftritt es getan. Eine Frau in Tränen war etwas Schreckliches für ihn; und daß diese Frau Joan Lackland war, von der er alles andere eher als Tränen erwartet hätte, machte ihn geradezu ängstlich. Er blickte hilflos auf sie nieder und befeuchtete sich die Lippen.

»Ich möchte Ihnen danken,« begann er, »Sie haben mir zweifellos das Leben gerettet, und ich muß sagen –.« Sie nahm plötzlich die Hände vom Gesicht und zeigte ihm ein zorniges, tränenüberströmtes Gesicht.

»Sie gräßlicher Mensch, Sie Feigling«, rief sie. »Sie haben mich gezwungen, einen Menschen zu erschießen, zum erstenmal in meinem Leben.«

»Es ist nur eine Fleischwunde, und er wird nicht daran sterben«, versuchte Scheldon einzuwerfen.

»Was heißt das. Geschossen habe ich doch. Es war durchaus nicht nötig, daß Sie auf ihn hinuntersprangen; das war roh und feige.«

»Darf ich –« begann er besänftigend.

»Gehen Sie weg! Fühlen Sie nicht, daß ich Sie hasse, hasse! Wollen Sie nicht gehen?«

Scheldon wurde blaß vor Zorn.

»Warum haben Sie denn geschossen?« fragte er.

»Weil Sie ein Weißer sind,« schluchzte sie, »und Vater hätte nie einen Weißen im Stich gelassen. Aber es war Ihre Schuld. Sie hatten kein Recht, sich in diese Lage zu bringen, und zudem war es gar nicht nötig.«

»Ich bedaure, aber ich verstehe Sie nicht«, sagte er kurz und wandte sich ab. »Wir wollen später darüber reden.«

»Sie sehen doch, wie ich mit den Leuten fertig werde«, sagte sie, während er mit erzwungener Höflichkeit an der Tür stehen blieb. »Denken Sie zum Beispiel an die beiden Kranken, die ich pflege. Wenn sie wieder gesund sind, werden sie alles für mich tun, ohne daß ich sie immer um ihr Leben fürchten lassen muß. Diese Roheiten und Grausamkeiten sind gar nicht nötig, sage ich Ihnen. Was heißt das, daß sie Kannibalen sind? Es sind Menschen, genau wie Sie und ich, und Vernunftgründen zugänglich. Gerade das ist es ja, was uns alle von den niedrigen Lebewesen unterscheidet.« Er nickte und ging.

»Ich glaube, ich bin unverzeihlich albern gewesen«, begrüßte sie ihn, als er mehrere Stunden später von einem Rundgang zurückkehrte. »Ich war im Hospital, und es geht dem Manne ganz gut. Es ist keine ernste Verletzung.«

Scheldon fühlte sich seltsam zufrieden und glücklich über ihre veränderte Stimmung.

»Sehen Sie, Sie können die Lage nicht richtig beurteilen,« begann er, »diese Schwarzen müssen mit Strenge behandelt werden. Freundlichkeit ist gut und schön, aber Sie können sie nicht allein damit regieren. Ich erkenne alles an, was Sie über Hawaianer und Tahitianer sagen. Ich glaube Ihnen gern, daß die so behandelt werden können. Ich habe keine Erfahrung mit ihnen; aber Sie haben keine Erfahrung mit den Schwarzen hier, und ich bitte Sie, mir zu glauben: die sind anders als Ihre Eingeborenen. Sie haben mit Polynesiern zu tun gehabt, die Leute hier sind Melanesier. Sie sind schwarz, Neger – sehen Sie ihr krauses Haar. Sie stehen bedeutend tiefer als die afrikanischen Neger. Es ist wirklich ein gewaltiger Unterschied.

»Die Leute kennen keine Dankbarkeit, keine Sympathie, keine Freundlichkeit. Wenn Sie freundlich zu ihnen sind, halten sie Sie für dumm. Wenn Sie milde mit ihnen sind, glauben sie, Sie hätten Angst. Und wenn die Kerle erst glauben, daß Sie Angst haben, dann müssen Sie sich hüten, denn dann werden Sie doch schließlich von ihnen gefaßt. Nur um Ihnen das zu beweisen, möchte ich Ihnen beschreiben, was unbedingt im Kopfe eines Schwarzen vorgeht, wenn er auf seinem Grund und Boden einem Fremden begegnet. Sein erster Gedanke ist Furcht: ›Wird der Fremde mich töten?‹ Wenn er sieht, daß er nicht getötet wird, so ist sein nächster Gedanke: ›Kann ich den Fremden töten?‹ Zwölf Meilen die Küste abwärts lebte ein Händler namens Packard. Er rühmte sich, mit Güte zu regieren und nie zu schlagen. Das Ergebnis war, daß er überhaupt nicht regierte. Er pflegte in seinem Boot heraufzukommen, um Hughie und mich zu besuchen. Wenn seine Bootsmannschaft beschloß, heimzufahren, mußte er seinen Besuch abbrechen, um überhaupt mitgenommen zu werden. Ich erinnere mich, wie Packard eines Sonntags unsere Einladung zum Essen angenommen hatte. Die Suppe war gerade aufgetragen, als Hughie einen Nigger durch die Tür gucken sah. Er ging hinaus, denn es war dies eine Verletzung der Gebräuche auf Berande. Jeder Nigger hatte, wenn er etwas wollte, durch den Hausboy Bescheid zu schicken und vor dem Grundstück zu bleiben. Der Mann, der zu Packards Bootsmannschaft gehörte, stand auf der Veranda, obgleich er wußte, daß er es nicht durfte. ›Was Name?‹ fragte Hughie. ›Du sagen dies weißer Mann aufbrechen, wir fella Bootsmannschaft gehen weg. Er nicht kommen jetzt, wir fella Jungen nicht warten. Wir gehen.‹ Im selben Augenblick versetzte Hughie ihm eine solche Ohrfeige, daß er glatt die Verandatreppe hinunterflog.«

»Aber das war eine unnötige Grausamkeit,« warf Joan ein, »einen Weißen würden Sie doch nicht so behandeln.«

»Das ist eben der Haken. Er war kein Weißer. Er war ein gewöhnlicher schwarzer Nigger, und er beleidigte bewußt nicht nur den eigenen weißen Herrn, sondern alle Weißen in den Salomons überhaupt, er beleidigte mich, er beleidigte Hughie, er beleidigte Berande.«

»Selbstverständlich, nach Ihrer Ansicht, Ihrer Auffassung vom Recht des Stärkeren.«

»Ja,« unterbrach sie Scheldon, »aber Packard regierte eben nach seiner Auffassung vom Recht des Schwächeren. Und das Ergebnis: ich lebe noch, und Packard ist tot. Er war unentwegt freundlich und sanft zu seinen Leuten, und die warteten nur, bis er eines Tages am Fieber darniederlag. Jetzt ist sein Kopf drüben auf Malaita. Dazu nahmen sie noch zwei Boote mit, die sie bis an den Rand aus dem Lager füllten. – Oder Kapitän Mackenzie von der Jacht Minota. Er glaubte auch an die Macht der Freundlichkeit. Er war überzeugt, Vertrauen erwecken zu können, wenn er keine Waffen trug. Auf seiner zweiten Werbefahrt lief er Bina in der Nähe von Langa-Langa an. Die Büchsen, mit denen die Bootsbesatzung hätte bewaffnet sein sollen, waren in der Kajüte eingeschlossen. Als das Boot an Land ging, spazierte er selbst ohne Revolver an Deck herum. Er wurde mit dem Beil erschlagen. Sein Kopf befindet sich auf Malaita. Es war der reine Selbstmord, und dasselbe kann man von Packards Ende sagen.«

»Ich gebe zu, daß in Ihrer Lage Vorsicht am Platze ist«, sagte Joan. »Aber ich glaube, daß man viel weiter käme, wenn man sie mit Verständnis, Freundlichkeit und Milde behandelte.«

»Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber Sie dürfen eines nicht vergessen. Berande ist, was die Arbeitskräfte betrifft, weitaus die schlechteste Plantage in den ganzen Salomons. Und wie das gekommen ist, beweist die Richtigkeit Ihres Standpunktes. Die früheren Besitzer von Berande waren durchaus nicht freundlich. Es waren ein Paar rohe Kerle, der eine ein heruntergekommener Amerikaner, der andere ein versoffener Deutscher. Es waren richtige Sklaventreiber. Sie bezogen ihre Arbeiter vom ›Henkerjohnny‹, dem berüchtigtsten Werber in den Salomons. Er verbüßt jetzt eine zehnjährige Gefängnisstrafe auf den Fidschiinseln, weil er einen Schwarzen erschlagen hat. Zuletzt hatte er sich so verhaßt gemacht, daß die Eingeborenen von Malaita nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Er konnte nur noch Arbeiter bekommen, wenn er schleunigst dorthin ging, wo gerade ein Mord oder eine Anzahl von Morden begangen war. Die Mörder waren meistens bereit zu unterschreiben, um der Rache zu entgehen. Am Strande erhebt sich Lärm, und ein Nigger läuft, von Speeren und Pfeilen bedroht, ans Wasser hinunter. Natürlich liegt ›Henkerjohnnys‹ Boot bereit, ihn aufzunehmen. Wie gesagt, zuletzt bekam Johnny nur noch derartige Leute. Und die früheren Besitzer von Berande kauften ihm die Arbeiter ab – eine schlimme Bande von Mördern. Sie waren alle auf fünf Jahre verpflichtet. Sie sehen, daß der Werber noch besondere Vorteile erzielt, wenn er solche Leute nimmt. Wenn das Gesetz es erlaubte, würden sie sich auf zehn Jahre anwerben lassen. Nun, und die Leute, die wir jetzt hier haben, sind eben diese Mörderbande. Einige sind zwar gestorben, andere ermordet, und wieder andere verbüßen Strafen in Tulagi. Die ersten Besitzer rodeten sehr wenig und pflanzten noch weniger. Es war ein andauernder Kriegszustand. Ein Verwalter wurde ermordet. Einem der Teilhaber wurde fast die Schulter mit einem großen Buschmesser abgeschlagen. Der andere wurde zweimal durch Speere verwundet. Beides waren Raufbolde, dabei aber doch feige, und schließlich konnten sie nicht weiter. Sie wurden weggejagt – buchstäblich weggejagt – von ihren eigenen Niggern. Und dann kamen der arme Hughie und ich, zwei Neulinge, und mußten diese üble Bande übernehmen. Wir hatten Berande gekauft, ohne die Verhältnisse zu kennen; es blieb uns nichts übrig, als zu bleiben und zu sehen, wie wir durchkamen.

»Zuerst begingen wir den Fehler, es mit unkluger Güte zu versuchen. Wir bemühten uns, durch friedliches Zureden und gerechte Behandlung zum Ziel zu kommen. Die Nigger schlossen daraus, daß wir Angst hätten. Ich schäme mich, wenn ich daran denke, was für Narren wir in der ersten Zeit waren. Wir wurden betrogen, bedroht und beleidigt, und wir ließen es uns gefallen in der Hoffnung, daß unsere gerechte Behandlung bald Besserung schaffen würde. Statt dessen wurde es immer schlimmer. Dann kam ein Tag, an dem Hughie, als er einen von den Leuten zurechtwies, beinahe von der Bande getötet worden wäre. Was ihn rettete, war einzig und allein der Umstand, daß der ganze Haufen über ihm lag, dadurch wurde es mir möglich, ihm noch rechtzeitig zu Hilfe zu kommen.

Und dann begann die Herrschaft der starken Hand. Das war die einzige Möglichkeit, wenn wir die Geschichte nicht ganz aufgeben wollten. Und da wir unser ganzes Kapital in das Unternehmen gesteckt hatten, konnten wir sie nicht aufgeben. Außerdem stand unser Stolz auf dem Spiel. Wir waren ausgezogen, um etwas zu unternehmen, und was wir einmal angefangen hatten, mußten wir auch durchführen. Es war ein harter Kampf, denn, wie gesagt, Berande hat die schlimmsten Arbeiter in den ganzen Salomons. Wir waren nicht imstande, Weiße zu bekommen. Einem halben Dutzend haben wir den Verwalterposten angeboten. Ich will nicht sagen, daß sie Angst hatten, das war nicht der Fall. Sie hielten die Stellung für ungesund – das gab wenigstens der letzte, der unser Angebot ausschlug, als Grund an. Daher mußten Hughie und ich die Plantage selbst verwalten.«

»Und als er starb, wollten Sie ganz allein weiterarbeiten?« rief Joan mit glänzenden Augen.

»Ich glaubte schon, durchkommen zu können. Und nun, Fräulein Lackland, verargen Sie es mir nicht, wenn ich etwas rauh erscheine, und berücksichtigen Sie, daß ich mich hier in einer einzigartigen Lage befinde. Wir haben nun einmal sehr schlimme Arbeiter und müssen sie zur Arbeit zwingen. Sie haben die Plantage gesehen und sollten das wissen. Ich versichere Ihnen, daß die drei- und vierjährigen Palmen auf keiner Plantage in den Salomons besser sind als hier. Wir haben beständig an der Verbesserung der Plantage gearbeitet. Ganz allmählich haben wir auch neue Arbeitskräfte bekommen. Und deshalb haben wir uns auch die Jessie gekauft. Wir wollten uns unsere Arbeiter selbst aussuchen. Noch ein Jahr, und die Zeit der meisten Arbeiter von früher ist abgelaufen. Sie waren im ersten Jahr des Bestehens von Berande angeworben, und ihre Kontrakte laufen in verschiedenen Monaten ab. Natürlich haben sie die neuen Leute bis zu einem gewissen Grade verdorben, aber das werde ich denen schon austreiben, und dann wird Berande eine gute Pflanzung sein.«

Joan nickte, sagte aber nichts. Sie sah den einsamen Weißen vor sich, wie sie ihn zuerst gesehen hatte: hilflos, im Fieber auf dem Liegestuhl, durch eine Eigentümlichkeit seiner Rasse bis zum letzten Atemzuge verpflichtet, die Herrschaft in der Hand zu behalten. »Es ist traurig,« sagte sie schließlich, »aber ich vermute, daß der Weiße nun einmal herrschen muß.«

»Ich weiß es nicht«, versicherte Scheldon. »Und wenn es mein Leben gälte, könnte ich nicht sagen, wie ich hierher gekommen bin. Aber nun bin ich einmal hier, und weglaufen kann ich auch nicht.«

»Blindes Schicksal unserer Rasse«, sagte sie mit schwachem Lächeln. »Wir Weißen sind seit Urzeiten Land- und Seeräuber gewesen. Ich vermute, daß es uns im Blute liegt, und daß wir nicht davon loskommen können.«

»Darüber habe ich noch nie so genau nachgedacht«, gestand er. »Ich hatte zuviel zu tun, als daß ich mir den Kopf zerbrochen hätte, wieso ich hierhergekommen bin.«

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