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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
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Sturm

Es war das erste Mal, daß Scheldon in nähere Berührung mit einer jungen Amerikanerin kam, und er wäre wohl neugierig gewesen, ob alle amerikanischen Mädchen wie Joan Lackland seien, hätte er nicht Verstand genug besessen, um sich klar zu machen, daß sie keineswegs einen Typ darstellte. Ihre schnelle Auffassungsgabe und ihre wechselnden Launen verwirrten ihn, und ihre Anschauungen waren so verschieden von dem, was er sich unter den Anschauungen einer Frau vorgestellt hatte, daß er oft ganz ratlos war. Er wußte nie, was sie im nächsten Augenblick sagen oder tun würde. Nur eines wußte er: daß, was sie auch sagte oder tat, etwas Unvorhergesehenes, Unerwartetes war. Ihr Wesen mutete ihn fast hysterisch an. Ihr Temperament war rasch und stürmisch, sie baute zuviel auf sich und zuwenig auf ihn, was er als Benehmen einer Frau, namentlich in Gegenwart eines Mannes, keineswegs besonders schätzte. Sie verlangte Gleichberechtigung, und das beunruhigte ihn, und zuweilen verletzte ihn halb unbewußt ihre Dreistigkeit und ihr Selbstbewußtsein, mit denen sie, nachdem sie soeben erst Erikson ihren Revolver unter die Nase gehalten, im Schutz einer Bande riesiger polynesischer Seeleute in einem heulenden Nordwest über die See gekommen und sich wie ein schiffbrüchiger Seemann in Berande eingenistet hatte. Aber es paßte zu ihrem Cowboyhut und ihrem langen Colts. Und dabei sah sie gar nicht so aus. Und gerade das konnte er ihr nicht verzeihen. Hätte sie kurze Haare und derbe Backenknochen gehabt, wäre sie verwittert und reizlos gewesen, dann würde es noch gegangen sein. Statt dessen war sie von einer berückenden lieblichen Weiblichkeit. Ihr Haar peinigte ihn – es war so wunderschön. Und sie war eine schlanke, hübsche Frau – ein Mädchen vielmehr –, daß es ihm wie ein Messer durch die Seele schnitt, wenn er sie vor sich sah, wie sie mit ihren schnellen durchdringenden Augen, ihrer scharfen befehlenden Stimme das Boot durch die Brandung dirigierte. Im Geiste konnte er sich vorstellen, wie sie ein Pferd mit dem Lasso fing, und das verursachte ihm stets einen Schauder. Auch war sie zu vielseitig. Es überraschte ihn, wieviel sie von Literatur und Kunst wußte, und er hatte das Gefühl, daß ein Mädchen, das solche Dinge kannte, nicht wissen dürfte, wie man Taljen aufbrachte, Anker hievte und mit einem Schoner in der Südsee kreuzte. Solche Dinge in ihrem Kopf waren wie ebensoviele Flüche auf ihren Lippen. Und daß sie darauf bestand, nach Malaita gehen zu wollen, war eine direkte Selbstentweihung.

Aber immer wieder beunruhigte ihn ihre Weiblichkeit. Sie spielte viel besser und mit viel feinerem Verständnis Klavier als seine Schwestern daheim – das Klavier, das der arme Hughie so tapfer bearbeitet hatte, um es in gutem Zustand zu erhalten. Und wenn sie Guitarre spielte und sanfte, weiche hawaiische Hulas sang, war er entzückt. Dann war sie ganz Weib, und der Zauber ihrer Weiblichkeit ließ ihn den großen Revolver, den Cowboyhut und alles andere vergessen. Aber, und das war sein nächster Gedanke, wie darf ein solches Mädchen wie ein Mann prahlen und frohlocken, daß die Abenteuer noch nicht ausgestorben sind? Frauen, die auf Abenteuer ausgehen, sind Abenteuerinnen, und das ist kein schöner Name. Zudem schätzte er Abenteuer nicht. Seit seiner Kindheit hatten sie ihn nicht mehr gelockt – wenn es ihm auch schwer geworden wäre zu erklären, was ihn von England nach den Salomons geführt hatte, wenn nicht Abenteuerlust.

Scheldon war durchaus nicht zufrieden. Die ungewohnte Situation war zuviel für seine konservative Veranlagung und Erziehung. Das von einem einsamen Weißen bewohnte Berande war kein Aufenthalt für Joan Lackland. Er zermarterte sich das Hirn nach einem Ausweg und sprach sogar mit ihr darüber. Aber der Dampfer aus Australien war erst in drei Wochen fällig.

»Eins ist klar: Sie wollen mich nicht hierbehalten«, sagte sie. »Ich mache morgen das Boot klar und fahre nach Tulagi hinüber.«

»Aber ich sagte Ihnen ja schon, daß das unmöglich ist«, rief er aus. »Es ist niemand dort. Der Gouverneur ist nach Australien gereist. Es ist nur ein Weißer da, ein früherer Seemann, ein gewöhnlicher Matrose. Der vertritt die Regierung der Salomoninseln, abgesehen von etwa hundert Schwarzen, – Sträflingen. Dazu ist er ein solcher Narr, daß er Ihnen eine Geldstrafe von fünfhundert Pfund Sterling auferlegen würde, weil Sie Tulagi, den Eingangshafen, nicht zuerst angelaufen haben. Er ist kein angenehmer Mensch, und ich wiederhole Ihnen: es ist unmöglich.«

»Dann käme noch Guvutu in Frage«, schlug sie vor. Er schüttelte den Kopf.

»Dort gibt es nichts als Fieber und fünf Weiße, die sich zu Tode trinken. Das könnte ich nicht erlauben.« »Danke sehr«, sagte sie ruhig. »Ich gedenke heute aufzubrechen –. Viaburi! Du gehen bei Noah-Noah, sagen ihm, kommen zu mir.«

Noah-Noah war ihr Bootsmann von der Miélé.

»Wo wollen Sie hin?« fragte Scheldon überrascht. – »Viaburi! Du bleiben.«

»Nach Guvutu – sofort«, lautete ihre Antwort.

»Aber ich erlaube es nicht.«

»Deshalb gehe ich eben. Sie sagten es schon einmal, und das kann ich mir nicht gefallen lassen.«

»Was?« Ihr plötzlicher Zorn verwirrte ihn. »Wenn ich Sie irgendwie verletzt habe –.«

»Viaburi, du holen ein fella Noah-Noah zu mir!« befahl sie.

Der Schwarze schickte sich an, zu gehorchen.

»Viaburi! Du nicht bleiben, ich dir schlagen den Schädel ein. – Und jetzt, Fräulein Lackland, bestehe ich auf einer Erklärung. Was habe ich gesagt oder getan, daß ich das verdient hätte?«

»Sie haben sich erkühnt – Sie haben gewagt–.«

Sie würgte und schluckte und konnte nicht weiter sprechen. Scheldon sah dies Bild der Verzweiflung. »Ich gestehe, daß ich ganz wirr im Kopfe bin«, sagte er. »Wenn Sie nur deutlich sein wollten.«

»Ebenso deutlich wie Sie, als Sie mir sagten, daß Sie mir nicht erlauben würden, nach Guvutu zu gehen?« »Aber was ist denn dabei?«

»Sie haben kein Recht – kein Mann hat das Recht – mir zu sagen, was er erlauben will oder nicht. Ich bin alt genug, um keinen Vormund mehr zu brauchen, und ich bin auch nicht den weiten Weg nach den Salomons gekommen, um einen zu finden.«

»Für jede Frau ist der Mann der gegebene Vormund.« »Ich bin nicht ›jede Frau‹ – das ist es eben. Wollen Sie mir jetzt erlauben, Ihren Boy zu Noah-Noah zu schicken. Ich wünsche, daß er das Boot zu Wasser bringt. Oder soll ich selbst gehen?«

Beide hatten sich erhoben. Sie mit geröteten Wangen und zornigen Blicken, er verwirrt und erschrocken. Der Schwarze stand wie eine Statue – eine kohlschwarze Statue – daneben und nahm keinen Anteil an den Verhandlungen dieser unverständlichen Weißen, sondern träumte mit ruhigen Blicken von einem Buschdorf hoch in den bewaldeten Hängen von Malaita, wo der blaue Rauch vor dem grauen Hintergrund einer heraufziehenden Wolkenwand von den Grashütten aufsteigt.

»Aber Sie werden doch nicht etwas so Törichtes tun«, begann er.

»Nun fangen Sie schon wieder an!« rief sie.

»Ich meinte es nicht so, und das wissen Sie auch.« Er sprach langsam und ernst. »Und was das ›nicht erlauben‹' betrifft, so ist das doch nur eine Redensart. Gewiß bin ich nicht Ihr Vormund. Sie wissen, daß Sie nach Guvutu fahren können, wenn Sie es wünschen. Aber ich würde es tief bedauern. Und es tut mir sehr leid, wenn ich etwas gesagt habe, das Sie verletzt hat, vergessen Sie nicht, daß ich Engländer bin.«

Joan lächelte und setzte sich wieder.

»Vielleicht war ich zu heftig«, gab sie zu. »Sehen Sie, ich kann keinen Zwang vertragen. Wenn Sie wüßten, wie ich mir meine Freiheit habe erkämpfen müssen! Es ist mein wunder Punkt, wenn Ihr selbstgeschaffenen Herren der Schöpfung mir sagen wollt, was ich tun und lassen soll. – Viaburi du bleiben in Küche. Nicht bringen Noah-Noah. – Und jetzt, Mister Scheldon, sagen Sie mir, was ich tun soll? Hier wollen Sie mich nicht behalten, und es scheint keinen andern Ort zu geben, wo ich hingehen könnte.«

»Das ist nicht richtig. Ihre Strandung an meiner Insel bedeutet für mich eine Gottesfügung. Ich war sehr einsam und sehr krank. Ich bin durchaus nicht sicher, ob ich die Krankheit überstanden hätte, wenn Sie nicht gekommen wären. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Mir persönlich würde es sehr leid tun, wenn Sie wieder fortgingen. Aber ich komme nicht in Frage. Ich denke nur an Sie, und für Sie ist es hier kaum der richtige Ort, wie Sie selbst einsehen werden. Wäre ich verheiratet, gäbe es hier irgendeine Frau Ihrer Rasse – aber so –.«

Sie rang die Hände in gespielter Verzweiflung.

»Ich kenne mich nicht mehr aus. In einem Atemzug erzählen Sie mir, daß ich gehen soll, daß es keinen Ort gibt, wohin ich gehen könnte, und daß Sie mir nicht erlauben würden, zu gehen. Was soll ich armes Mädchen denn nur tun?«

»Das ist es ja eben«, sagte er ratlos.

»Und diese Situation ist Ihnen peinlich?«

»Nur Ihretwegen.«

»Dann möchte ich Ihre Bedenken beseitigen, indem ich Ihnen sage, daß sie mir keineswegs peinlich wäre – wenn Sie nur nicht so viel Aufhebens davon machen wollten. Ich lasse mich nie durch Dinge stören, die sich nicht ändern lassen. Es hat keinen Zweck, sich gegen das Unvermeidliche aufzulehnen. Und so steht es hier. Sie sind hier, und ich bin hier. Wie Sie selbst sagen, kann ich nirgends hingehen, und Sie können es sicher auch nicht und mich hier allein lassen mit einer ganzen Plantage und zweihundert krausköpfigen Kannibalen. Und deshalb bleiben Sie, und deshalb bleibe ich, das ist ganz einfach. Außerdem ist es ein Abenteuer. Und Sie brauchen keine Angst zu haben: ich bin nicht für die Ehe geschaffen. Ich kam nach den Salomons, um eine Plantage, und nicht, um einen Mann zu bekommen.«

Scheldon errötete, schwieg jedoch.

»Ich weiß, was Sie denken«, lachte sie heiter. »Wenn ich ein Mann wäre, würden Sie mir jetzt den Hals umdrehen. Und wirklich, ich verdiente es. Es tut mir leid. Ich wollte Ihr Gefühl nicht noch mehr verletzen.« »Ich fürchte fast, daß ich selbst Schuld habe«, sagte er erleichtert, als er merkte, daß der Sturm abflaute. »Jetzt hab' ich's!« erklärte sie. »Geben Sie mir eine Abteilung Ihrer Leute. Ich will mir drüben in der Ecke des Grundstücks ein Grashaus bauen, natürlich auf Pfählen. Ich kann heute Nacht noch einziehen und werde mich dort wohl und sicher fühlen. Die Tahitianer können, ganz wie an Bord, Wache halten. Und dann werden Sie mich lehren, Kokosnüsse zu pflanzen. Dafür werde ich Ihren Haushalt leiten und für ordentliches Essen sorgen. Und nun ein für allemal: alle Ihre Einwände werden an mir abprallen. Ich weiß alles, was Sie sagen wollen. – Sie wollen mir Ihren Bungalow überlassen und sich selbst ein Grashaus bauen, aber das will ich nicht. Die Sache ist erledigt. Wenn Sie aber nicht einverstanden sind, dann gehe ich über den Fluß, baue drüben für mich und meine Leute ein Dorf und lasse Lebensmittel im Boot von Guvutu holen. Und jetzt können Sie mir das Billardspielen beibringen.«

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