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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
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Joan Lackland

Am zweiten Tage des Nordweststurmes brach Scheldon unter dem Fieber zusammen. Er hatte sich in seiner Schwäche zu viel zugemutet, und wenn es auch nur ein gewöhnlicher Malariaanfall war, so hatte er ihn doch nach achtundzwanzig Stunden soweit heruntergebracht, wie sonst, wenn er in Form gewesen, zehn Tage Fieber. Aber die Dysenterie hatte Berande verlassen. Einige zwanzig Rekonvaleszenten lungerten noch im Hospital herum, doch ihr Zustand besserte sich stündlich. Nur einer war noch gestorben – der Mann, den sein Bruder bejammert hatte, statt die Fliegen zu vertreiben. Am Morgen seines vierten Fiebertages lag Scheldon auf der Veranda und blickte müde über das wütende Meer. Der Sturm hatte nachgelassen, aber die Wellen donnerten noch gegen den Strand von Berande, der Gischt spritzte bis an den Fuß des Flaggenmastes, und die schäumenden Ausläufer brandeten gegen die Türpfosten. Er hatte eine starke Dosis Chinin genommen, und das Medikament summte wie ein Wespennest in seinen Ohren, ließ seine Hände und Knie zittern und verursachte einen widerwärtigen Aufruhr in seinem Magen. Plötzlich sah er, die Augen öffnend, etwas, das er für eine Halluzination hielt. Nicht weit draußen sah er die Spitze eines Bootes, das sich dem Ankerplatz der Jessie näherte, auf dem stäubenden Kamm einer Woge gen Himmel zeigen und in ganz natürlicher Weise wieder verschwinden, wie es die Spitze eines wirklichen Bootes tun kann, wenn es in ein Wellental hinabgleitet. Er wußte, daß kein Boot draußen sein konnte, und er war dazu ganz sicher, daß kein Mensch auf den Salomoninseln so verrückt war, bei diesem Sturm draußen zu sein.

Aber die Halluzination blieb. Als er nach einer Minute wieder die Augen öffnete, sah er das Boot wieder, diesmal in seiner ganzen Länge, da es sich oben auf einer Woge befand. Er sah sechs Riemen pullen und, am Heck, sich scharf von dem überhängenden weißen Wall abhebend, einen aufrechtstehenden riesigen Mann, der mit seinem Gewicht das Steuerruder lenkte. Dazu sah er noch einen achten Mann, der zum Bug kroch und nach dem Lande starrte. Was Scheldon aber am meisten überraschte, war ein weibliches Wesen achtern im Boot zwischen dem Mann am Schlagriemen und dem Rudergast. Daß es ein weibliches Wesen war, erkannte er an einer Haarflechte, die im Winde flatterte, und die sie jetzt einfing und unter ihren Hut steckte, einen Hut, der ganz seinem eigenen Cowboyhut glich.

Das Boot verschwand hinter der Welle und kam auf der nächsten wieder zum Vorschein. Wieder blickte er hin. Der Mann war schwarz und größer als die Salomoninsulaner, die Frau aber, wie er jetzt deutlich sehen konnte, weiß. Wirre Gedanken, wer sie sein mochte und was sie hier zu suchen hatte, schossen ihm durch den Kopf. Er war zu krank, um wirklich neugierig zu sein, und zudem glaubte er immer noch, daß alles nur ein Traum sei. Jetzt sah er, wie die Leute sich auf den Riemen ausruhten, während die Frau und der Rudergast aufmerksam auf die Wogen hinter sich blickten.

»Tüchtige Bootsleute«, entschied Scheldon, als er sah, wie das Boot vor einem gewaltigen Brecher einherschoß, während die Riemen schwirrten, um es vor dem anstürmenden Wasserberg zu halten, der wie toll landeinwärts raste. Halb voll Wasser wurde das Boot auf den Strand geschleudert, die Leute sprangen heraus und zogen das Boot mit der Spitze voran nach dem Türpfosten. Scheldon rief vergebens nach den Hausboys, die jetzt gerade die letzten Kranken im Hospital versorgten. Er wußte, daß er unfähig war, sich zu erheben und den Weg hinabzugehen, um die Besucher zu begrüßen; daher legte er sich in seinem Liegestuhl zurück und wartete eine Ewigkeit, während die Leute mit ihrem Boot beschäftigt waren. Die Frau stand daneben und stützte sich mit dem Arm gegen die Pforte; hin und wieder spülte eine See über ihre Füße, die, wie er sehen konnte, in Gummiseestiefeln steckten. Sie blickte forschend nach dem Hause und sah ihn eine Weile fest an. Schließlich wandte sie sich an zwei der Männer, die sich umdrehten und ihr den Weg zum Hause hinauf folgten.

Scheldon versuchte aufzustehen, erhob sich halb und sank hilflos zurück. Er war erstaunt über die Größe der Männer, die hinter ihr wie Riesen aussahen. Sie waren wenigstens sechs Fuß hoch und entsprechend kräftig. Noch nie hatte er Insulaner wie diese gesehen. Sie waren nicht schwarz wie die Salomoninsulaner, sondern hellbraun, und ihre Züge waren breiter, regelmäßiger, beinahe schön.

Die Frau – oder eher das junge Mädchen, wie er entschied – hatte jetzt die Veranda erstiegen und trat auf ihn zu. Die beiden Männer warteten gespannt auf der obersten Treppenstufe. Das Mädchen war ärgerlich, das konnte er sehen. Ihre grauen Augen blitzten, und ihre Lippen zuckten. Sie hat Temperament, dachte er. Ihre Augen überraschten ihn. Er sah, daß sie eigentlich gar nicht grau, wenigstens nicht ganz grau waren. Sie standen weit auseinander und blickten ihn groß, unter geraden Brauen an. Ihre Züge waren so rein geschnitten, daß sie kameenartig wirkten. Es war noch mehr Auffallendes an ihr: der Cowboyhut, die schweren Flechten ihres braunen Haares und der langläufige 38-Colts-Revolver, der ihr an der Hüfte hing. »Schöne Gastfreundschaft, das muß ich sagen«, lautete ihr Gruß. »Besucher im Vorgarten versinken und schwimmen zu lassen.«

»Ich – ich bitte um Verzeihung«, stammelte er und kam mit äußerster Anstrengung auf die Beine.

Die Füße schlotterten ihm, und mit einem Gefühl des Erstickens sank er langsam zu Boden. Er fühlte eine schwache Befriedigung, als er ihre besorgten Blicke auf sich gerichtet sah; dann wurde ihm schwarz vor den Augen, und im selben Augenblick dachte er, daß er jetzt zum erstenmal in seinem Leben ohnmächtig würde.

Das Läuten der großen Glocke brachte ihn zu sich. Er öffnete die Augen und sah, daß er auf dem Ruhebett lag. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß es sechs Uhr, und die Richtung der Sonnenstrahlen, die ins Zimmer fielen, daß es Morgen war. Im ersten Augenblick dachte er nach, was ihm Unangenehmes zugestoßen sein mochte. Dann sah er an der Wand einen Cowboyhut und darunter einen gefüllten Patronengürtel und einen langläufigen 38-Colts-Revolver hängen. Da erinnerte er sich des Bootes vom Tage zuvor und der grauen Augen, die ihn unter geraden Brauen angeblitzt hatten. Sie mußte es sein, die soeben die Glocke geläutet hatte. Die Sorge um die Plantage überkam ihn, und er richtete sich halb im Bett auf, indem er nach einem Halt an der Wand tastete. Aber das Moskitonetz umtaumelte ihn schwindelerregend. Mit geschlossenen Augen hielt er sich fest und bemühte sich, das Schwindelgefühl zu überwinden, als er ihre Stimme hörte.

»Sie werden sich sofort wieder hinlegen, mein Herr«, sagte sie.

Es war der scharfe Befehl einer Stimme, die gewohnt ist, zu kommandieren. Gleichzeitig drückte ihn eine Hand in die Kissen zurück, während eine andere ihm den Rücken stützte.

»Sie sind jetzt vierundzwanzig Stunden ohne Besinnung gewesen«, fuhr sie fort. »Ich habe die Pflege übernommen, und Sie werden aufstehen, wenn ich es erlaube. Nun sagen Sie, was für Medizin Sie nehmen? – Chinin? Bitte. So ist es recht. Sie werden ein braver Patient sein.«

»Meine Gnädige«, begann er.

»Sie dürfen nicht sprechen«, unterbrach sie ihn. »Das heißt, widersprechen. Sonst dürfen Sie es.«

»Aber die Plantage –.«

»Ein toter Mann kann einer Plantage nichts nützen. Wollen Sie gar nichts über mich wissen? Sie kränken meine Eitelkeit. Jetzt stehe ich hier, gerade nach meinem ersten Schiffbruch, und da sind Sie nicht im geringsten neugierig und reden von Ihrer Plantage. Können Sie denn nicht sehen, daß ich darauf brenne, endlich jemand von meinem Schiffbruch erzählen zu können?«

Er lächelte zum erstenmal seit Wochen. Und nicht so sehr über das, was sie sagte, wie über ihre Art, es zu sagen – den launischen Ausdruck ihres Gesichts, ihre lachenden Augen und die winzigen Lachfältchen in ihren Augenwinkeln. Er hätte gern gewußt, wie alt sie war. Aber laut sagte er: »Ja, bitte, erzählen Sie.« »Das tue ich nicht – jetzt nicht«, erwiderte sie, indem sie den Kopf zurückwarf. »Ich werde schon jemand finden, dem ich meine Geschichte erzählen kann, ohne daß ich ihn zu bitten brauche. Im übrigen wünsche ich auch einige Auskünfte. Ich habe herausgebracht, wann die große Glocke geläutet werden muß, um die Leute an die Arbeit zu schicken. Das ist aber auch alles. Ich verstehe die lächerliche Sprache Ihrer Leute nicht. Wann hören Sie mit der Arbeit auf?«

»Um elf Uhr – und um ein Uhr fangen sie wieder an.«

»Das genügt. Danke. Und jetzt sagen Sie mir, wo Sie den Schlüssel zu den Vorräten verwahren? Ich will meinen Leuten zu essen geben.«

»Ihren Leuten!« Er schnappte nach Luft. »Konserven! Nein, nein. Lassen Sie sie draußen mit meinen Leuten essen.«

Ihre Augen blitzten wie am Tage zuvor, und wieder sah er den gebieterischen Ausdruck in ihrem Gesicht. »Das will ich nicht. Meine Leute sind Menschen. Ich war draußen bei Ihren elenden Baracken und habe die Kerle essen sehen. Pfui! Kartoffeln! Kein Salz! Nichts als Kartoffeln. Ich mag falsch gefragt haben, aber jedenfalls habe ich verstanden, daß das alles sei, was sie zu essen bekämen. Zwei Mahlzeiten täglich, und das alle Tage der Woche?« Er nickte.

»Nun, meine Leute würden dabei nicht einen Tag bleiben, viel weniger eine ganze Woche. Wo ist der Schlüssel?«

»Er hängt am Kleiderhaken dort unter der Uhr.«

Er erhob keinen Widerspruch, als sie aber den Schlüssel herunternahm, hörte sie ihn murmeln: »Nigger und Konserven.«

Diesmal war sie wirklich zornig. Das Blut schoß ihr in die Wangen, und sie wandte sich zu ihm:

»Meine Leute sind keine Nigger. Je schneller Sie das verstehen, desto besser ist es für unsere Bekanntschaft. Und was die Konserven betrifft, so werde ich bezahlen, was sie essen. Bitte, machen Sie sich deshalb keine Sorgen. Sorgen sind nicht gut für Sie, bei Ihrem Zustand. Und ich bleibe nicht länger, als ich muß – gerade so lange, bis ich Sie wieder auf die Beine gebracht habe und weggehen kann mit dem Gefühl, einen Weißen nicht im Stich gelassen zu haben.«

»Sie sind Amerikanerin, nicht wahr?« fragte er ruhig. Die Frage brachte sie für einen Augenblick aus der Fassung. »Ja«, gab sie mit herausforderndem Blick zu. »Warum?«

»Nichts. Ich meinte nur.«

»Sonst etwas?«

Er schüttelte den Kopf. »Wieso?«

»Oh, nichts. Ich dachte nur, Sie wollten mir etwas Angenehmes sagen.«

»Mein Name ist Scheldon, David Scheldon«, sagte er mit Nachdruck und streckte seine abgezehrte Hand aus. Sie streckte unwillkürlich die ihre aus, hielt sie aber zurück.

»Mein Name ist Lackland, Joan Lackland.«

Jetzt umschloß ihre Hand die seine. »Wollen wir Freunde sein?«

»Wie könnte es anders sein –«, begann er stockend.

»Und ich darf meinen Leuten soviel Konserven geben, wie ich will?« forschte sie.

»Bis die Kühe heimkommen«, antwortete er ihr, indem er auf ihren leichten Ton einging.

Sie prüfte ihn mit einem kühlen Blick.

»Soll das ein Witz sein?« fragte sie.

»Ich weiß wirklich nicht – ich – ich hielt es dafür, aber, Sie sehen, daß ich krank bin.«

»Sie sind Engländer, nicht wahr?« lautete ihre nächste Frage.

»Na, das ist aber zuviel, selbst für einen Kranken«, rief er. »Sie wissen ganz genau, daß ich einer bin.«

»Ach,« sagte sie geistesabwesend, »wirklich?«

Er runzelte die Stirn, kniff die Lippen zusammen und brach dann in ein Lachen aus, in das sie einstimmte.

»Ich habe selbst Schuld«, gestand er. »Ich hätte Sie nicht reizen sollen. In Zukunft werde ich vorsichtiger sein.«

»Lachen Sie nur ruhig weiter, ich werde unterdessen nach dem Frühstück sehen. Haben Sie besondere Wünsche?« Er schüttelte den Kopf.

»Es wird Ihnen gut tun, etwas zu essen. Ihr Fieber ist vorbei, und Sie sind nur noch schwach. Warten Sie einen Augenblick.«

Sie eilte hinaus, um sich in die Küche zu begeben, trat in der Tür in ein Paar Sandalen, in denen ihre Füße vollkommen ertranken und verschwand in rosiger Verwirrung.

»Himmel, das sind meine Sandalen!« dachte er. »Sie hat nichts anzuziehen außer dem Zeug, in dem sie landete, und da hatte sie bestimmt Seestiefel an.«

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