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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein zeitgemäßes Duell

Kaum hatte Scheldon den Balsuna erreicht, als er den schwachen Knall eines Gewehres in der Ferne hörte. Es war, wie er wußte, das Signal Tudors, daß er den Berande erreicht hatte, umgekehrt war und ihm jetzt entgegenkam. Zur Antwort feuerte Scheldon ebenfalls sein Gewehr in die Luft ab und begann vorzugehen. Er bewegte sich wie im Traum und hielt sich geistesabwesend am freien Strande. Die Geschichte war so albern, daß er sich zwingen mußte, sie für Wirklichkeit zu halten. Er dachte über die Unterredung mit Tudor nach und bemühte sich, das, was er jetzt tat, mit seinem gesunden Menschenverstand in Einklang zu bringen. Er wollte Tudor nicht töten. Daß dieser Mann bei seiner Kurmacherei einen Fehler begangen hatte, war kein Grund, daß er, Scheldon, ihm das Leben nehmen sollte. Denn um was handelte es sich überhaupt? Es war richtig: der Mensch hatte Joan durch seine letzte Bemerkung beleidigt und war dafür zu Boden geschlagen worden. Aber das war doch kein Grund, sich gegenseitig zu töten.

Während er so sann, legte er ein Viertel der Entfernung zwischen den beiden Flüssen zurück, bis ihm klar wurde, daß Tudor gar nicht am Strande war. Natürlich nicht. Er ging, den vereinbarten Bedingungen gemäß, im Schutze der Palmen vor. Scheldon schwenkte schnell nach links ab, um eine nahe Deckung zu suchen, als der schwache Knall eines Gewehrs an sein Ohr schlug, und fast unmittelbar darauf eine Kugel hundert Fuß vor ihm auf den harten Sand schlug, abprallte, weiter sauste und ihn davon überzeugte, daß dies alles, so lächerlich und unnatürlich es an sich auch sein mochte, doch nüchterne Wirklichkeit war. Das war auf ihn gemünzt. Und doch war es kaum glaubhaft. Er blickte über die ihm vertraute Landschaft nach dem Meere, das sich in der leichten, gleichmäßigen Brise kräuselte. In der Richtung von Tulagi konnte er die weißen Segel eines Schoners erkennen, der, einen Schlag entfernt, auf Berande zulag. Am Strande graste ein Pferd, und er fragte sich sinnlos, wo wohl die andern sein mochten. Sein Blick fiel auf den Rauch der Kopra-Darre, schweifte weiter über die Baracken, die Geräteschuppen, die Bootshäuser und das Bungalow und blieb schließlich auf Joans kleinem Grashause in der Ecke des Grundstücks haften.

Im Schutze der Palmen ging er jetzt eine weitere Viertelmeile vor. Würde Tudor sich mit derselben Schnelligkeit bewegt haben, so hätten sie jetzt an diesem Punkte zusammentreffen müssen, und Scheldon schloß daher, daß der andere im Kreise ging. Die Schwierigkeit war, ihn zu finden. Die Palmen, die sich im rechten Winkel trafen, ermöglichten es ihm nur, eine einzige schmale Palmenreihe entlang zu sehen. Sein Feind konnte die nächste Reihe entlang, die übernächste, rechts oder links kommen. Er konnte fünfzig Schritt oder eine halbe Meile entfernt sein. Scheldon schritt weiter, überzeugt, daß das hergebrachte Duell bei weitem einfacher und leichter war als dies Versteckspielen. Er ging ebenfalls im Kreise, in der Hoffnung, den Kreis des anderen zu schneiden, kam aber schließlich, ohne etwas von ihm gesehen zu haben, zu einer neuen Pflanzung, wo die jungen, nur bis zur Hüfte reichenden Palmen wenig Schutz und noch weniger Versteck boten. Gerade, als er die Lichtung betrat, krachte rechts von ihm ein Schuß, und wenn er auch nicht das Pfeifen der Kugel hörte, so vernahm er doch den dumpfen Schlag, mit dem sie in geringer Entfernung in den Palmenstamm schlug. Er sprang in den Schutz der größeren Palmen zurück. Zweimal hatte er sich bloßgestellt, und zweimal war auf ihn geschossen worden, während es ihm bisher nicht einmal gelungen war, seinen Gegner auch nur zu Gesicht zu bekommen. Allmählich packte ihn die Wut. Es war verdammt unangenehm, wenn so auf einen losgeballert wurde, und so sinnlos es auch an und für sich war, so war es nichtsdestoweniger tödlicher Ernst. Hier gab es kein Ausweichen, kein In-die-Luft-feuern, die Sache zu erledigen, wie beim hergebrachten Duell. Diese gegenseitige Menschenjagd mußte fortgesetzt werden, bis einer den andern erledigt hatte, und wenn der eine eine Möglichkeit, den andern zu erledigen, verpaßte, so erhöhte sich die Möglichkeit für den andern. Es gab keinen Ausweg. Tudor war ein listiger Teufel, als er diese Art von Duell vorschlug, schloß Scheldon seine Betrachtungen und begann dann, vorsichtig in der Richtung des letzten Schusses vorzudringen.

Als er die Stelle erreichte, war Tudor verschwunden, und nur seine Fußspur zeigte die Richtung an, in der er tiefer in die Plantage hineingeschritten war. Zehn Minuten später erblickte Scheldon plötzlich Tudor flüchtig, hundert Schritt entfernt, als er dieselbe Reihe wie er, jedoch in entgegengesetzter Richtung, kreuzte. Er hatte das Gewehr noch nicht halb an der Schulter, als der andere schon wieder verschwunden war. Mehr einer Laune folgend, als sich einen Erfolg versprechend, hob Scheldon seine automatische Pistole und feuerte in zwei Sekunden acht Schüsse durch die Bäume in der Richtung, in der Tudor verschwunden war. Scheldon bedauerte, daß er keine Schrotflinte hatte. Er setzte sich hinter einen Baum auf den Boden, schob einen neuen Ladestreifen in den Hohlgriff der Pistole, ließ eine Patrone in den Lauf gleiten und füllte den leeren Streifen wieder. Kurz darauf versuchte Tudor denselben Trick bei ihm, wobei die Kugeln wie ein bösartiger Regen um ihn spritzten, in die Palmenstämme einschlugen oder pfeifend abprallten. Die letzte Kugel schlug, nachdem sie zweimal von verschiedenen Stämmen abgeprallt war und alle Kraft verloren hatte, gegen Scheldons Stirn und fiel zu seinen Füßen nieder. Einen Augenblick war er halb betäubt, als er aber nachfühlte, stellte er keinen größeren Schaden fest, als eine arge Beule, die bald zur Größe eines Taubeneis anschwoll.

Die Jagd nahm ihren Fortgang. Als er einmal in die Nähe des Bungalow, an den Rand der Pflanzung kam, sah er die Hausboys und den Koch auf der hinteren Veranda stehen und neugierig zwischen den Palmen hindurchlugen, während sie mit ihren sonderbaren Fistelstimmen schwatzten und lachten. Ein andermal stieß er auf eine Gruppe von unkrautjätenden Arbeitern. Sie beachteten ihn kaum, obgleich sie genau wußten, was vorging. Es war nicht ihre Sache, wenn die rätselhaften Weißen versuchten, sich gegenseitig zu töten; und wie sehr sie sich auch für den Vorgang interessierten, so ließen sie sich vor Scheldon doch nichts merken. Er befahl ihnen, an einer anderen Stelle zu jäten, und setzte die Verfolgung Tudors fort.

Des andauernden Kreisganges überdrüssig, versuchte Scheldon noch einmal, direkt auf seinen Feind loszugehen. Aber der war zu schlau, benutzte nur den Vorteil, den Scheldons Kühnheit gewährte, um ein paar Schüsse auf ihn abzufeuern, und entschlüpfte in anderer, stets wechselnder Richtung. Eine Stunde lang wichen sie sich aus und wandten sich hierhin und dorthin, gingen im Kreise und jagten einander zwischen den schnurgeraden Palmenreihen. Dann wieder sahen sie sich flüchtig und beschossen sich erfolglos. An einer durch Gras geschützten Stelle, hinter einem Baum, stieß Scheldon auf einen Fleck, wo Tudor geruht und eine Zigarette geraucht hatte. Das zerdrückte Gras zeigte an, wo er gesessen hatte. Neben dem Zigarettenstummel und dem abgebrannten Streichholz lagen glänzende Metallspäne. Scheldon erkannte ihre Bedeutung. Tudor kerbte seine Stahlgeschosse ein oder stumpfte sie ab, so daß sie beim Aufschlag zerreißen mußten – mit anderen Worten, er stellte die niederträchtigen, in der modernen Kriegsführung verbotenen Dum-Dum-Geschosse her. Scheldon wußte jetzt, was ihm bevorstand, wenn er getroffen wurde. Der Einschuß würde ein winziges Loch sein, der Ausschuß jedoch die Größe einer Untertasse haben. Er beschloß, die Verfolgung aufzugeben und sich, von beiden Seiten durch die Palmenreihe geschützt, ins Gras zu legen. Von hier aus konnte er beobachten. Auf diese Weise mußte Tudor zu ihm kommen, oder es kam nie zu einem Ende. Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht und band sich sein Taschentuch um den Hals, um die im Grase lauernden Stechmücken abzuhalten. Noch nie hatte er einen so großen Widerwillen gegen das empfunden, was man »Abenteuer« nannte. Joan war schon schlimm genug gewesen mit ihrem Cowboyhut und ihrem langläufigen Colts, und nun war noch dieser Mann gekommen, der Abenteuer suchte und sie auf keine andere Weise finden konnte, als daß er einen friedlichen Pflanzer in ein unsinniges, lächerliches Duell verwickelte. Wenn je ein Mensch die Abenteuer verflucht hatte, dann war es Scheldon, wie er jetzt in dem windstillen Grase schwitzte, gegen die Mücken kämpfte und dabei die Palmenreihe scharf beobachtete.

Da erschien Tudor. Scheldon sah gerade in dem Augenblick, als er in Sicht kam, in die Richtung. Der andere blickte, ehe er ins Freie trat, schnell die Palmenreihe entlang. Mittwegs blieb er stehen, als ob er überlegte, welche Richtung er einschlagen sollte. Wie er in zweihundert Schritt Entfernung seinem verborgenen Feind das Gesicht zukehrte, bot er ein vorzügliches Ziel. Scheldon zielte auf die Mitte der Brust, hielt dann jedoch absichtlich auf die rechte Schulter und drückte mit dem Gedanken »das wird ihn kampfunfähig machen« ab. Die Kugel, die genug Kraft gehabt hätte, auf eine Meile den Körper eines Menschen zu durchbohren, traf Tudor mit solcher Wucht, daß sie ihn durch den Anprall herumwirbelte und halb niederwarf. »Hoffentlich habe ich den Kerl nicht getötet«, murmelte Scheldon hörbar, sprang auf und lief auf Tudor zu.

Fünfzig Schritt weiter wurde seine Besorgnis in dieser Beziehung durch Tudor beseitigt, der ihm mit der linken Hand aus seiner automatischen Pistole einen Hagel von Geschossen entgegensandte. Scheldon duckte sich hinter einem Palmenstamm, zählte die Schüsse und eilte, als der achte Schuß abgefeuert war, zu dem Verwundeten. Er schlug ihm die Pistole aus der Hand und setzte sich dann auf ihn, um ihn niederzuhalten.

»Bleiben Sie ruhig. Ich habe Sie erledigt, sich wehren hat also keinen Zweck.«

Tudor versuchte trotzdem, sich zu wehren und ihn abzuschütteln.

»Verhalten Sie sich ruhig, sage ich«, befahl Scheldon. »Mir genügt das Ergebnis. Und Ihnen hat es auch zu genügen. Sie können jetzt ruhig nachgeben und die Angelegenheit als erledigt betrachten.«

Tudor gab zögernd nach.

»Ziemlich komisch, diese modernen Duelle, nicht wahr?« Scheldon blickte lächelnd auf ihn herab, während er aufstand. »Gar nicht würdevoll. Würden Sie sich noch länger gewehrt haben, dann hätte ich Ihr Gesicht gegen die Erde gerieben. Ich hätte große Lust, es jetzt noch zu tun, um Ihnen beizubringen, daß Duelle aus der Mode gekommen sind. Jetzt wollen wir nach Ihrer Wunde sehen.«

»Sie haben mich nur zur Strecke gebracht,« brummte Tudor, »weil Sie im Hinterhalt lagen, wie–«

»Wie ein wilder Indianer, genau so. Sie haben es erfaßt.« Scheldon schwieg und stand auf. »Sie bleiben ruhig hier liegen, bis ich ein paar Leute schicke, um Sie hineinzutragen. Sie sind nicht ernstlich verletzt, und es ist ein Glück für Sie, daß ich Ihrem Beispiel nicht gefolgt bin. Wenn Sie von einer Ihrer eigenen Kugeln getroffen wären, könnte Ihnen ein Wagen mit zwei Pferden durch das Loch hindurchfahren. Jetzt sind Sie glatt durchbohrt. Eine hübsche kleine Durchlöcherung. Sie brauchen nichts als eine antiseptische Waschung und einen Verband, um in einem Monat wieder auf dem Posten zu sein. Jetzt machen Sie sich keine Gedanken mehr. Ich werde Ihnen eine Tragbahre schicken.«

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