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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Kopfjäger

Die Unternehmungen dieses Morgens waren am Abend zuvor festgesetzt worden. Tudor sollte im Schutz des Banyabaumes zurückbleiben und Kräfte sammeln, während die Expedition weiter marschierte. In der allerdings nur geringen Hoffnung, vielleicht noch einige Überlebende von Tudors Gesellschaft retten zu können, war Joan fest entschlossen, weiter vorzudringen, und weder Scheldon noch Tudor konnten sie überreden, ruhig bei dem Banyabaum zu bleiben, während Scheldon weiter suchte. Adamu-Adam und Arahu sollten bei Tudor bleiben, der zweite Tahitianer wegen eines schlimmen Fußes, der Folge davon, daß er auf einen von den Buschleuten verborgenen Dorn getreten war. Es war offenbar ein langsam wirkendes und nicht sehr kräftiges Gift, das die Buschleute benutzten, denn der verwundete Punga-Punga-Mann lebte noch, und wenn die Schulter auch noch furchtbar angeschwollen war, so ging die Entzündung doch bereits zurück. Er blieb ebenfalls bei Tudor zurück. Binu-Charley führte an, wenn auch nur indirekt, denn er trieb den gefangenen Buschmann mit Hilfe des vergifteten Speeres vor sich her. Der Pfad führte immer noch durch die feuchte dumpfe Dschungel, und sie wußten, daß sie keine Dörfer antrafen, bis sie die Hügelkette erreicht hatten. Keuchend und schwitzend in der dumpfen stickigen Luft mühten sie sich weiter ab. Sie waren in ein Meer üppiger Vegetation versunken. Überall wurden ihre Schritte durch riesige Baumwurzeln gehemmt, während verschlungene und knotige Kletterpflanzen von der Dicke eines Mannesarms sich von einem luftigen Ast zum anderen wanden oder in wirren Massen wie gewaltige Schlingen herabhingen. Üppige Pflanzen mit Blättern, die größer waren als der Körper eines Mannes, schwitzten an der Oberfläche eine klebrige Flüssigkeit aus. Hier und dort drängten Banyabäume wie Felseninseln die Flut der Vegetation beiseite, und zwischen den dicht beieinanderstehenden Säulen zeigten sich Portale und Durchgänge, in denen jedes Tageslicht fehlte und mitternächtliches Dunkel herrschte. Baumfarne, Moose und Myriaden anderer Schmarotzerpflanzen kämpften mit grellbunten, schwammigen Gewächsen um Raum zum Leben, und luftige, märchenhafte Schlingpflanzen, leicht und zierlich wie Edelsteinstaub, erfüllten zitternd die Luft mit winzigen Blüten. Mattgoldene und zinnoberrote Orchideen prunkten mit ihren krankhaften Blüten in dem golden funkelnden Sonnenschein, der durch das Blätterdach sickerte. Es war der geheimnisvolle, böse Wald, ein Totenhaus des Schweigens, in dem nichts sich regte als seltsame zierliche Vögel – deren Seltsamkeit die geheimnisvolle Stimmung noch erhöhte, denn sie flatterten auf lautlosen Schwingen, ließen weder Singen noch Zirpen hören – sie schillerten ganz ähnlich wie die Orchideen, die Blüten der Krankheit und Verwesung, in krankhaften Farben.

In der Luft, fünf Meter über dem Boden, in der Astgabel eines viel verzweigten Baumes, wurde er überrascht. Alle sahen ihn, als er sich, nackt wie bei seiner Geburt, schattengleich fallen ließ und den Pfad entlanglief. Sie konnten sich kaum vorstellen, daß es ein Mensch war, er schien eher ein unheimliches Dschungelgespenst, ein Waldkobold zu sein. Nur Binu-Charley zeigte Geistesgegenwart. Er warf seinen vergifteten Speer über den Kopf des Gefangenen hinweg nach der fliehenden Gestalt. Es war ein mächtiger, gut gezielter Wurf, aber der Schatten entging ihm durch einen Sprung, und der Speer fuhr ihm harmlos zwischen den Beinen hindurch. Ehe er jedoch entkommen konnte, war Binu-Charley bei ihm und packte ihn an seinem schneeweißen Haar. Er war ein junger Mann und dazu ein Stutzer; sein Gesicht war mit Holzkohle geschwärzt, sein Haar mit Holzasche weiß gefärbt, während ein frisch abgeschnittener Wildschweinschwanz durch seine durchbohrte Nase und zwei weitere durch seine Ohren gesteckt waren. Sein einziger sonstiger Schmuck bestand in einem Halsband aus menschlichen Fingerknochen. Beim Anblick des anderen Gefangenen schnatterte er mit hoher Fistelstimme, mit gerunzelten Brauen und Augen, die unruhig wie die eines Raubtieres waren. Er wurde in die Mitte genommen und von einem der Punga-Punga-Leute an einer Faserleine geführt.

Der Pfad begann sich aus der Dschungel zu heben, tauchte hin und wieder in Sumpflöcher voll ungesunder Vegetation, stieg aber immer mehr an, über unsichtbar sich hebende Hügelhänge, steile Höhenrücken und steinige Strecken, wo der Wald sich lichtete und der blaue Himmel über ihnen sichtbar wurde. »Dicht bei er bleiben«, warnte Binu-Charley sie flüsternd.

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als hoch über ihnen der weithallende, tiefe Ton einer Signaltrommel erklang. Aber die Schläge waren langsam, sie drückten keinen Schrecken aus. Sie befanden sich direkt unterhalb des Dorfes und konnten das Krähen der Hähne, zwei Frauenstimmen, die sich unterhielten, und einmal das Schreien eines Kindes hören. Der Pfad wurde jetzt zu einem ausgetretenen Wege und stieg so steil an, daß die Gesellschaft mehrmals stehenbleiben mußte, um Atem zu schöpfen. Der Weg war nicht breiter als zuvor, und an manchen Stellen war er durch die Füße von Generationen so ausgetreten und durch den Regen so ausgewaschen, daß er zwanzig Fuß tief in den Boden einschnitt.

»Mit einem Gewehr könnte man den Zugang gegen Tausende halten,« flüsterte Scheldon Joan zu, »und zwanzig Mann könnten ihn mit Speeren und Pfeilen verteidigen.«

Sie erreichten das Dorf, das auf einem kleinen, grasbedeckten und mit einigen Bäumen bestandenen Hochplateau lag. Die Weiber ließen einen wilden Chor warnender Schreie ertönen, eilten nach den Grashütten, flohen wie erschreckte Wachteln nach der entgegengesetzten Seite der Lichtung und lasen im Laufen ihre Kinder auf. Gleichzeitig begannen Speere und Pfeile auf die Eindringlinge herabzuregnen. Auf Scheldons Befehl machten die Tahitianer und Punga-Punga-Leute von ihren Gewehren Gebrauch. Der Regen von Speeren und Pfeilen ließ nach, die letzten Buschleute verschwanden, und der Kampf war vorüber, ehe er recht begonnen hatte. Auf ihrer Seite war kein einziger verwundet, während ein halbes Dutzend Buschleute getötet worden waren. Diese allein blieben zurück, die Verwundeten waren mitgenommen worden.

Die Tahitianer und die Punga-Punga-Leute waren in Eifer geraten und wollten durchaus den fliehenden Buschleuten nachstürmen, aber Scheldon erlaubte es nicht. Joan stimmte ihm bei, und er war angenehm überrascht, denn als sein Blick während des Schießens einmal auf sie gefallen war, hatte er ihr weißes Gesicht gesehen, das in der Spannung des Kampfes mit geweiteten Nüstern und den glänzenden, festen und harten Augen wie ein funkelndes Schwert aussah.

»Arme Geschöpfe«, sagte sie. »Sie handeln nur ihrer Natur gemäß. Ihre Mitmenschen zu fressen und ihnen die Köpfe zu nehmen, gehört für sie zum guten Ton.«

»Aber es muß ihnen beigebracht werden, daß sie die Köpfe von Weißen nicht nehmen dürfen«, wandte Scheldon ein.

Sie nickte zustimmend und sagte:

»Wenn wir einen Kopf finden, wollen wir das Dorf niederbrennen. He, du, Charley! Was fella Ort Kopf er bleiben?«

»Vielleicht er bleiben in Teufel-Teufel-Haus«, lautete die Antwort. »Das groß fella Haus, er Teufel-Teufel.« Es war das größte Haus des Dorfes, reich geschmückt mit phantastisch geflochtenen Matten und Königspfosten, in die monströse und ungeheuerliche halb menschliche und halb tierische Figuren geschnitzt waren. Sie traten ein, stolperten in der Dunkelheit über die Schlafhölzer der jungen Männer des Dorfes und stießen mit dem Kopf gegen geisterhafte Weihopfer, die vertrocknet und runzlig von den Dachbalken herabhingen. Auf jeder Seite standen roh geschnitzte Götzenbilder, einige mit grotesken Schnitzereien, andere nichts weiter als formlose Pfosten, die in verfaulte und unbeschreiblich schmutzige Matten eingewickelt waren. Die Luft war dumpf und voll Verwesung, und ausgespannte Leinen mit Fischschwänzen und halb gereinigten Schädeln von Hunden und Krokodilen verbesserten die Atmosphäre nicht gerade. In der Mitte kauerte vor einem schwelenden Feuer, das in der Asche vieler früherer Feuer brannte, ein alter Mann, der die Eindringlinge apathisch anblinzelte. Er war außerordentlich alt – so alt, daß seine vertrocknete Haut in losen Falten schlotterte und gar nicht mehr wie Haut aussah. Seine Hände waren knochige Klauen, seine ausgemergelten Züge ein richtiger Totenschädel. Seine Aufgabe schien zu sein, das Feuer zu hüten, und während er sie anblinzelte, warf er eine Hand voll trockenen, schimmeligen Holzes hinein. Und im Rauch hängend entdeckten sie den Gegenstand ihrer Nachforschungen. Joan wandte sich ab und wankte, todübel, hinaus, taumelte in den Sonnenschein und griff nach einem Halt in der Luft.

»Sehen Sie nach, ob alle da sind«, rief sie schwach zurück und wankte ziellos ein paar Schritte vorwärts, während sie, schweratmend, versuchte, den Eindruck, den sie soeben gehabt hatte, auszulöschen.

Scheldon fiel die unangenehme Aufgabe zu, die Köpfe zu zählen. Sie waren alle da, neun Köpfe von Weißen, deren Gesichter er aus der Zeit kannte, als ihre Eigentümer in Berande kampiert hatten. Binu-Charley half, stark interessiert, die Köpfe zu ihrer Identifizierung herumzudrehen, und bemerkte die Beilhiebe und die verzerrten Züge. Die Punga-Punga-Leute glotzten wie gewöhnlich, und wie gewöhnlich waren die Tahitianer entrüstet und zornig und fluchten und murmelten leise. Matapuu war so zornig, daß er plötzlich an den Feuerhüter herantrat und ihm einen Stoß in die Rippen versetzte, worauf der alte Wilde in seiner tierischen Angst einen gellenden Schrei wie ein Schwein ausstieß und mit dem Gesicht in die Asche fiel, wo er zitternd, den sofortigen Tod erwartend, liegen blieb.

Andere an der Sonne getrocknete und gedörrte Köpfe wurden in größerer Zahl gefunden, aber es waren mit zwei Ausnahmen Köpfe von Schwarzen. Derart ist also die Jagd, die in dem dunklen, bösen Walde getrieben wird, dachte Scheldon, als er sie betrachtete. Die Luft machte ihn krank, aber er konnte sich doch nicht enthalten, vor einem von Binu Charleys Funden stehen zu bleiben.

»Mich savvee schwarz Mary, mich savvee weiß Mary«, meinte Binu-Charley. »Aber mich nicht savvee das fella Mary. Was Name gehören ihr?«

Scheldon sah hin; der Kopf war alt und vertrocknet, geschwärzt vom Rauch vieler Jahre, und doch war es zweifellos ein eingeschrumpftes, mumienhaftes altes chinesisches Gesicht. Wie es hierhergekommen, war ein Geheimnis. Es war ein Frauenkopf, und er hatte nie gehört, daß je eine chinesische Frau nach den Salomons gekommen war. In den Ohren hingen zwei Zoll lange Ohrringe, und als Binu-Charley auf Scheidens Anweisung die Rauch- und Schmutzschicht abrieb, erschien unter seinen Fingern das polierte Grün von Nephrit, der Schimmer von Perlen und das warme Rot orientalischen Goldes. Der andere, ebenso alte Kopf war der eines Weißen, wie der starke blonde Schnurrbart, der wirr und schief auf der eingeschrumpften Oberlippe saß, zur Genüge bewies. Scheldon dachte, welcher längst vergessene Trepangfischer oder Sandelholzhändler diese gräßliche Trophäe geliefert haben mochte. Nachdem Binu-Charley auf Scheldons Befehl die Ohrringe entfernt und die Punga-Punga-Leute den alten Feuerhüter hinausgebracht hatten, wurde das Teufel-Teufel-Haus geräumt und in Brand gesteckt. Bald loderte ein Haus nach dem andern auf, während der alte Feuerhüter aufrecht im Sonnenschein saß und blinzelnd auf die Zerstörung seines Dorfes blickte. Von den Höhen über ihnen, wo sich offenbar weitere Dörfer befanden, erklang das Dröhnen von Trommeln und das wilde Blasen der Kriegsmuscheln. Aber Scheldon hatte alles getan, was er mit seiner kleinen Schar wagen durfte, und zudem war seine Aufgabe erfüllt. Sie hatten für alle Mitglieder der Expedition Tudors Belege gefunden, und es war ein weiter Weg zurück aus dem Lande der Kopfjäger. Sie ließen die beiden Gefangenen laufen, die wie erschrecktes Wild davonsprangen, und stiegen den steilen Pfad hinab in die dampfende Dschungel. Joan schritt, noch erregt durch das Gesehene und bedrückt, schweigend vor Scheldon. Nach einer halben Stunde wandte sie sich mit einem schwachen Lächeln zu ihm um und sagte:

»Ich glaube nicht, daß ich je Lust verspüren werde, noch einmal die Kopfjäger zu besuchen. Es war ein Abenteuer, ich weiß es, aber man kann auch von einer guten Sache zuviel bekommen. In Zukunft wird es mir genügen, über die Plantage zu reiten oder vielleicht auch eine andere Martha zu bergen. Aber die Buschleute von Guadalcanar brauchen nicht zu fürchten, daß ich sie je wieder besuchen werde. Ich weiß, daß ich auf Monate hinaus Alpdrücken haben werde. Oh, diese abscheulichen Bestien!«

Am Abend waren sie wieder im Lager bei Tudor, dessen Zustand sich zwar gebessert hatte, der aber doch noch auf einer Bahre getragen werden mußte. Die Schwellung an der Schulter des Punga-Punga-Mannes ging langsam zurück, aber Arahu humpelte noch auf seinem durch den Dorn vergifteten Fuß.

Zwei Tage später hatten sie die Boote in Carli erreicht, und am Mittag des dritten Tages traf die Expedition, mit der Strömung fahrend und über die Stromschnellen dahinschießend, auf Berande ein. Joan schnallte mit einem Seufzer den Revolvergürtel ab und hing ihn an den Nagel im Wohnzimmer, wobei Scheldon, der sich in der Nähe aufgehalten hatte, nur um sie diese besondere Handlung der Heimkehr ausführen zu sehen, ebenfalls befriedigt seufzte. Und doch war die Heimkehr keine reine Freude für ihn, denn jetzt pflegte Joan Tudor und verbrachte viel Zeit auf der Veranda, auf der er in der Hängematte unter dem Moskitonetz lag.

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