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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
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Eine Nachricht aus dem Busch

Noch nie waren Ausreißer aus Berande so eifrig verfolgt worden wie diesmal. Die Taten Gogoomys und seiner Genossen waren ein schlimmes Beispiel für die hundertundfünfzig Neugeworbenen. Es waren Mordtaten geplant gewesen, ein Aufseher getötet worden, und die Mörder hatten durch ihre Flucht in den Busch ihren Kontrakt gebrochen. Scheldon wußte, wie wichtig es war, den frisch eingebrachten Kannibalen zu zeigen, daß es gefährlich sei, den schlechten Beispielen zu folgen, und er drängte Seelee Tag und Nacht, durchstreifte mit den Tahitianern unaufhörlich den Busch und überließ Joan die Leitung der Plantage. Im Norden paßte Boucher auf und trieb die Flüchtlinge bei ihrem Versuch, die Küste zu gewinnen, zweimal zurück.

Einer nach dem anderen wurde gefangen. Auf der ersten Streife durch den Mangrovensumpf fing Seelee zwei. Ein dritter wurde bei einem Durchbruchsversuch im Norden von Boucher an der Lende verwundet. Er schleppte sich auf der Flucht hinter den andern her und wurde dann von Seelees Leuten gefangen. Diese drei wurden täglich, schwer gefesselt, als Warnung auf dem Grundstück ausgestellt, alles zur Belehrung der einhundertundfünfzig halbwilden Punga-Punga-Leute. Dann wurde der Minerva, die auf der Fahrt nach Tulagi vorbeisegelte, signalisiert, ein Boot zu schicken und die drei Gefangenen mitzunehmen, damit sie im Gefängnis ihre Verurteilung abwarteten. Fünf befanden sich noch in Freiheit, aber ein Entkommen war unmöglich. Sie konnten nicht an die Küste gelangen, und zu weit ins Innere wagten sie sich aus Furcht vor den wilden Buschleuten auch nicht. Da stellte sich einer der fünf freiwillig, und Scheldon erfuhr durch ihn, daß nur noch Gogoomy und zwei andere in Freiheit waren. Es hätte noch ein vierter sein müssen, aber der war nach Angabe des Zurückgekehrten getötet und gefressen worden. Die Furcht vor einem ähnlichen Schicksal hatte ihn wieder hergetrieben.

Er war ein Malu-Mann, vom nordwestlichen Teil Malaitas, woher auch der andere, der aufgefressen worden war, stammte. Die beiden anderen Gefährten Gogoomys waren aus Port Adam. Der Schwarze erklärte, daß er es lieber sähe, durch die Regierung bestraft, als von seinen Genossen im Busch aufgefressen zu werden.

»Dicht bei Gogoomy kai-kai mich,« sagte er, »mein Wort, mich nicht mögen, Jungen kai-kai mich.«

Drei Tage später fing Scheldon einen der Leute, der hilflos vom Sumpffieber und unfähig war, zu kämpfen oder wegzulaufen. Am selben Tage fing Seelee einen zweiten in ähnlicher Verfassung. Jetzt war nur noch Gogoomy frei, und als die Verfolger ihm nahe kamen, überwand er seine Furcht vor den Buschleuten und floh geradeswegs in die Berge. Scheldon und vier Tahitianer sowie Seelee mit dreißig seiner Leute verfolgten Gogoomys Fährte ein Dutzend Meilen weit in das offene Grasland. Dann verloren Seelee und seine Leute den Mut. Er gestand, daß weder er noch sonst einer von seinem Stamme je so weit ins Innere vorgedrungen sei, und erzählte, um Scheldon zu warnen, die schrecklichsten Geschichten von den furchtbaren Buschleuten. In früheren Zeiten, sagte er, hätten sie das Grasland überquert und die Salzwasserleute angegriffen; seit jedoch die Weißen an die Küste gekommen wären, hielten sie sich in ihren Festungen im Innern, und kein Salzwassermann hätte sie je wieder gesehen.

»Gogoomy, er fertig werden durch die fella Buschleute«, versicherte er Scheldon. »Mein Wort, er fertig werden sehr bald, kai-kai ganz und gar.«

So kehrte die Expedition denn um. Nichts konnte die Küstenbewohner bewegen, weiter zu gehen, und Scheldon wußte, daß es Wahnsinn gewesen wäre, mit seinen vier Tahitianern allein weiter vorzudringen. Das Gras reichte ihm bis an die Hüfte, und er blickte mit Bedauern über die Steppe und die sanft ansteigenden Hügel bis zum Löwenkopf, einem hohen Felsmassiv, das mitten auf Guadalcanar gen Himmel ragte, ein Wahrzeichen, das jeder die Küste entlangfahrende Seemann zur Peilung benutzte, ein Gebirge, das noch keines Weißen Fuß je betreten hatte.

Als Scheldon und Joan an diesem Abend nach dem Essen Billard spielten, bellte Satan draußen. Laraperu wurde geschickt, um nachzusehen, und brachte einen ermüdeten und wegbeschmutzten Eingeborenen, der den weißen Herrn zu sprechen wünschte. Nur durch seine Beharrlichkeit erhielt der Mann zu dieser Stunde Zutritt. Scheldon trat auf die Veranda und erkannte auf den ersten Blick an den ausgemergelten Zügen und dem verkommenen Körper des Mannes, daß er einen wichtigen Auftrag haben müsse. Trotzdem fragte er barsch:

»Was Name, du kommen Haus gehören mir, Sonne er gehen unter?«

»Mich Charley,« murmelte der Mann müde und ängstlich, »mich kommen von Binu.«

»Ah, Binu-Charley, he? Schön, was Name du sprechen zu mir? Was Ort groß fella weißer Herr er bleiben?«

Joan und Scheldon hörten zusammen den Bericht an, den Binu-Charley brachte. Er beschrieb die Expedition Tudors den Balesuna hinauf, durch das Grasland, erzählte, wie die Weißen unzählige Male den Kies auf der Suche nach Gold ausgewaschen hätten, wie sie auf der ersten Hügelkette auf Menschenfallen, mit Speeren gefüllte Löcher, gestoßen, wie sie im Dickicht zum erstenmal mit den Buschleuten zusammengetroffen waren, die noch nie Tabak gesehen hatten und die Wirkung des Rauchens nicht kannten, wie die Expedition, die freundlich empfangen worden, immer tiefer um den Löwenkopf herum in das Innere eingedrungen war, trotz der Wunden, die das Dornengestrüpp im Busch ihnen beigebracht hatte, und trotz der Fieberanfälle der Weißen. Wahnsinn, meinte er, sei es gewesen, den Buschleuten zu trauen.

»Alle Zeit ich reden mit weiß fella Herr«, sagte er. »Mich sagen, das fella Buschmann er sehen mit Auge gehören ihm. Er savvee zu viel. Glauben, Muskete er sehen bei dir, das fella Buschmann er zuviel gut Freund mit dir. Allzeit er sehen scharf Augen gehören ihm. Muskete er nicht bleiben bei dir, mein Wort, das fella Buschmann schlagen Köpfe ab gehören euch. Ihr kai-kai alle zusammen.«

Aber die Geduld der Buschleute hatte die der Weißen überdauert. Wochen waren vergangen, ohne daß eine Feindseligkeit vorgekommen war. Die Buschleute kamen in immer größerer Zahl ins Lager und brachten stets Geschenke, Jams und Taro, Schweine und Geflügel, wilde Früchte und Gemüse. Wenn die Goldsucher ihr Lager verlegten, trugen die Buschleute freiwillig das Gepäck. Und die Weißen wurden immer sorgloser. Sie wurden es bald müde, sich bei der Untersuchung des Bodens mit ihren Gewehren und den schweren Patronengürteln abzuschleppen, und schließlich pflegten sie ihre Waffen im Lager zurückzulassen. »Ich sagen viel fella weiß Herr sollen sehen scharf Augen gehören ihm. Und viel fella weiß Herr machen groß Lachen über mich, sagen, Charley, ganz wie pickaninny – mein Wort, sie sprechen zu mir ganz wie pickaninny.« pickaninny = kleines Kind.

Dann kam der Morgen, an dem Binu-Charley bemerkte, daß Weiber und Kinder verschwunden waren. Tudor lag mit schwerem Fieber in einem früheren Lager, während das Hauptlager um fünf Meilen verlegt worden war, um eine zutage liegende Ader, die vermutlich Quarz enthielt, zu untersuchen. Binu-Charley befand sich mitten zwischen den beiden Lagern, als ihm die Abwesenheit der Weiber und Kinder auffiel.

»Mein Wort«, sagte er. »Mich denken furchtbar schnell. Ihr schwarze Mary, ihr Kinder gehen weg, lang Weg klein bißchen. Was Name? Mich savvee, zuviel Lärm dicht bei. Mich Angst wie Hölle. Mich laufen. Mein Wort, mich laufen.«

Binu-Charley hatte Tudor, der bewußtlos war, quer über der Schulter eine Meile den Weg entlang getragen. Dann hatte er ihn, die Fährte hinter sich verwischend, eine Viertelmeile ins tiefste Dickicht geschleppt und ihn in einem großen Banyabaum verborgen. Als er zurückging, um die Gewehre und die übrige Ausrüstung in Sicherheit zu bringen, hatte Binu-Charley eine Horde Buschleute den Weg herankommen sehen und sich im Busch versteckt. Dann hatte er aus der Richtung des Hauptlagers zwei Büchsenschüsse gehört. Das war alles. Er hatte die Weißen nie wieder zu sehen bekommen und hatte sich auch nicht wieder in die Nähe des Lagers gewagt. Er war zu Tudor zurückgekehrt und hatte sich eine Woche lang mit ihm versteckt gehalten. Während dieser Zeit hatten sie von wilden Früchten und ein paar Tauben und Kakadus, die er mit Pfeil und Bogen erlegen konnte, gelebt. Dann war er nach Berande gegangen, um die Nachricht zu überbringen. Tudor war, wie er sagte, sehr krank, lag seit Tagen ohne Bewußtsein und würde, wenn er zu sich kam, zu schwach sein, um sich selbst zu helfen.

»Was Name du nicht töten das groß fella Herr?« fragte Joan. »Er haben gut fella Muskete, viel Kaliko, viel Tabak, viel Messer, und zwei fella pickaninny Musketen schießen schnell, bang-bang-bang – gerade so.«

Der Schwarze lächelte schlau.

»Mich savvee zuviel. Mich töten das groß fella Herr, viel weiße fella Herrn kommen Binu cross wie Hölle. ›Was Name dies Bursche Musket?‹ dies viel fella weiß Herrn reden mit mir. Mein Wort, Binu-Charley fertig ganz und gar. Glauben, mich töten ihn, nicht gut für mich. Viel weiß fella Herrn cross auf mich. Glauben mich nicht töten ihn, vielleicht er geben mir viel Tabak, viel Kaliko, viel alles andere.«

»Es gibt nur eine Möglichkeit«, sagte Scheldon zu Joan.

Sie trommelte erwartungsvoll mit den Fingern, während Binu-Charley sie müde anstarrte.

»Ich werde morgen früh aufbrechen«, sagte Scheldon. »Wir werden aufbrechen«, verbesserte sie. »Ich hole doppelt soviel wie Sie aus meinen Tahitianern heraus, und außerdem sollte ein Weißer unter solchen Umständen nie allein sein.«

Er gab durch Achselzucken zu verstehen, daß er nachgäbe, wenn er auch durchaus nicht einverstanden war; aber er wußte, daß es keinen Zweck hatte, sich in einen Streit über diese Frage mit ihr einzulassen, er tröstete sich mit dem Gedanken, daß ihr Gott weiß was für Abenteuer zustoßen konnten, wenn sie eine Woche lang allein auf Berande blieb. Er klatschte in die Hände, und in der nächsten Viertelstunde hatten die Hausboys alle Hände voll zu tun. Befehle wurden nach den Baracken geschickt, ein Mann mußte in das nahegelegene Dorf Balesuna laufen, um sofort den alten Seelee zu holen. Das Boot wurde geschickt, um Boucher zu holen. An die Tahitianer wurde Munition ausgeteilt und dem Lager für einige Tage Vorräte entnommen. Viaburi erschrak, als er erfuhr, daß er die Expedition begleiten sollte, und zum allgemeinen Erstaunen erbot Lalaperu sich freiwillig, an seiner Statt zu gehen. Seelee traf ein, stolz auf die Auszeichnung, daß der große Herr von Berande ihn nachts zu einer Besprechung gerufen hatte, und unerschütterlich in seinem Entschluß, keinen Zoll weit in das gefürchtete Gebiet der Buschleute einzudringen. Wäre er um seine Meinung gefragt worden, als die Goldsucher aufbrachen, so hätte er ihnen ihr unglückliches Ende vorausgesagt. Für jeden, der in das Gebiet der Buschleute eindrang, gab es nur ein Schicksal: gefressen zu werden. Und wenn Scheldon in den Busch ginge, dann prophezeite er ihm dieses Schicksal auch. Scheldon ließ die Aufseher holen und sagte ihnen, daß sie zehn der größten, besten und stärksten Punga-Punga-Leute bringen sollten.

»Nicht Salzwasserjungen,« schärfte Scheldon ihnen ein, »sondern Buschjungen – Bein gehören ihnen stark fella Bein. Jungen nicht savvee Muskete, nicht gut. Du bringen Jungen können schießen Muskete stark fella.«

Zehn Männer waren es, die beim Schein der Laterne auf der Veranda antraten. Ihre kräftigen muskulösen Beine zeigten, daß sie Buschleute waren. Jeder von ihnen war im Buschkampf erfahren; die meisten hatten zum Beweis Narben von Schüssen oder Speeren aufzuweisen, und alle brannten darauf, die Einförmigkeit der Plantagenarbeit durch eine kriegerische Expedition zu unterbrechen. Ihr natürlicher Beruf war Kampf, nicht Unkrautjäten, und wenn sie sich auch nicht allein in den Busch von Guaclalcanar gewagt hätten, so fühlten sie sich doch sicher mit einem weißen Mann wie Scheldon und einer weißen Frau wie Joan. Außerdem hatte der große Herr ihnen gesagt, daß die acht riesigen Tahitianer mitgingen. Die Punga-Punga-Freiwilligen standen bis auf ihre Lendentücher nackt und barbarisch geschmückt, mit leuchtenden Augen und glühenden Gesichtern da. Jeder trug einen Schildpattring durch die Nase und eine Tonpfeife in dem Ohrläppchen oder in einem Perlenarmband um den Oberarm. Die Brust des einen schmückten zwei prächtige Eberhauer. Auf der Brust des andern hing eine große Scheibe aus polierter Venusmuschelschale.

»Viel stark fella kämpfen«, warnte Scheldon sie zum Schluß.

Sie grinsten und traten vergnügt von einem Fuß auf den andern.

»Möglich, Buschleute kai-kai euch.«

»Kein Furcht«, antwortete ihr Sprecher Kogoo, ein stämmiger Kerl mit Wulstlippen, der wie ein Äthiopier aussah. »Vielleicht Punga-Punga-Jungen kai-kai Buschjungen.«

Scheldon schüttelte lächelnd den Kopf, entließ sie und ging in den Vorratsraum, um ein kleines Schutzzelt für Joan herauszugeben.

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