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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Konterbande

Scheldon kam nicht wieder auf die Sache zurück und benahm sich wie immer. Es war nichts von einem schmachtenden Liebhaber oder überhaupt von einem Liebhaber an ihm. Und es war auch keine Befangenheit zwischen ihnen zu bemerken. Ihr Verhältnis war so offen und freundschaftlich wie immer. Wenn seine kriegerische Liebeserklärung Joans weibliches Selbstbewußtsein erweckt hatte, so suchte er doch vergeblich nach einem Anzeichen dafür. Sie schien ebenso unverändert wie er selber; während er aber wußte, daß er seine wahren Empfindungen verbarg, war er fast überzeugt, daß sie nichts verbarg. Und doch mußte der Samen, den er gesät, aufgehen, dessen war er sicher, wenn er das Ergebnis auch nicht kannte. Die Entwicklung dieses merkwürdigen Mädchens war nicht vorauszusagen. Sie konnte es sich überlegen, das stimmte; andererseits aber, und mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit, konnte es sein, daß er nicht der rechte Mann für sie war, und daß seine Liebeserklärung sie nur in ihrer Ansicht, das wahre Glück läge im Alleinsein, bestärkt hatte.

Während er sich immer mehr der Plantage widmete, übernahm sie vollkommen den Haushalt mit seinen mannigfachen Forderungen. Und sie nahm ihn fest in ihre Hand und richtete ihn nach ganz neuen Gesichtspunkten ein. Die Arbeitsverhältnisse auf Berande besserten sich. Die Martha hatte fünfzig Schwarze fortgebracht, deren Zeit abgelaufen war, es waren die schlimmsten auf der Plantage gewesen – Arbeiter, die vor fünf Jahren vom Henkerjohny angeworben waren und noch die frühere Schreckensherrschaft unter den ersten, vertriebenen Besitzern von Berande durchgemacht hatten. Die anderen, schon zu Scheldons Zeit angelernten Arbeiter versprachen Besseres.

Joan hatte die neuen Leute im Einverständnis mit Scheldon von vornherein mit fester Hand und dabei mit absoluter Gerechtigkeit behandelt, damit sie nicht durch die älteren, die noch dageblieben waren, verdorben wurden.

»Ich glaube, es wäre gut, alle Leute in der Nähe des Hauses arbeiten zu lassen,« schlug Joan eines Tages beim Frühstück vor, »ich habe das Haus rein gemacht, und jetzt sollten Sie einmal die Baracken säubern lassen. Es wird zuviel gestohlen.«

»Das ist ein guter Gedanke«, stimmte Scheldon bei. »Ich muß ihre Kisten untersuchen. Ich habe gerade ein paar Hemden vermißt, und meine Zahnbürste ist verschwunden.«

»Und zwei von meinen Patronenschachteln«, fügte sie hinzu. »Gar nicht zu reden von den Taschentüchern, Handtüchern, Bettlaken und meinen besten Hausschuhen. Aber was die Leute mit Ihrer Zahnbürste wollen, kann ich mir nicht recht vorstellen. Nächstens stehlen sie noch Billardbälle.«

»Einer ist schon ein paar Wochen vor Ihrer Ankunft verschwunden,« lachte Scheldon, »wir wollen die Kisten heute nachmittag untersuchen.«

Es wurde ein arbeitsreicher Nachmittag. Joan und Scheldon gingen, beide bewaffnet, durch die Baracken, durchsuchten Haus für Haus mit Hilfe der Aufseher, während ein halbes Dutzend Leute eine Kette bildeten, und die Namen derjenigen, die verlangt wurden, weitergaben. Jeder mußte den Schlüssel zu seiner Kiste bringen und durfte zusehen, wie der Inhalt von den Aufsehern untersucht wurde.

Die Ausbeute war fabelhaft: ein volles Dutzend Buschmesser – krumme Hacken mit Schneiden wie Rasiermesser, mit denen man einem Menschen mit einem Schlage den Kopf abhauen konnte, Handtücher, Bettlaken, Hemden, Hausschuhe, Zahnbürsten, Besen und Seife, der fehlende Billardball und alle abhanden gekommenen und vergessenen Kleinigkeiten von vielen Monaten kamen zutage. Am allererstaunlichsten aber war die Menge Munition – Patronen für Lee-Metfords, Winchesters und Marlins, für Revolver aller Kaliber, Schrotpatronen, die beiden Schachteln Joans, Patronen riesiger Kaliber für die alten Snidergewehre von Malaita, Flaschen mit Schwarzpulver, Dynamitstangen, meterweise Zündschnur und Schachteln mit Zündhütchen. Der größte Fund aber wurde in dem Hause gemacht, das von Gogoomy und fünf Port-Adams-Leuten bewohnt wurde. Der Umstand, daß in den Kisten nichts gefunden wurde, erregte Scheldons Verdacht, und er gab den Befehl, den Erdboden aufzugraben. In Matten gewickelt, gut geölt, rostfrei und nagelneu, wurden zunächst zwei Winchesterbüchsen ausgegraben. Scheldon wußte nichts von ihnen; sie stammten nicht aus Berande. Ebensowenig die vierzig Flaschen Schwarzpulver, die unter dem Eckpfosten des Hauses gefunden wurden. Auch an den Verlust der acht Schachteln mit Zündhütchen konnte er sich nicht erinnern, wenn er seiner Sache auch nicht ganz sicher war. In einem großen Colts-Revolver erkannte er den von Hughie Drummond wieder, während Joan den Zweiunddreißiger Iver & Johnson erkannte, dessen Verlust Matapuu in der ersten Woche nach der Landung in Berande gemeldet hatte. Da er keine Munition fand, bestand Scheldon darauf, den ganzen Fußboden aufzugraben, und fand eine Blechdose, die früher fünfzig Pfund Mehl enthalten hatte. Mit starren Augen sah Gogoomy zu, wie Scheldon zweihundert Winchester-Patronen und ebenso reichliche Munition für die anderen Waffen aus der Büchse nahm. Die Konterbande und das Diebesgut waren, in Haufen sortiert, auf der hinteren Veranda des Bungalows aufgestapelt. Einige Schritt vor der Treppe stand die Gruppe der Schuldigen, einige vierzig Mann, und dahinter, in dichten Reihen, die gesamte Arbeiterschaft der Plantage.

Oben auf der Veranda saßen Joan und Scheldon, während die Aufseher auf den Treppenstufen standen. Die Schuldigen wurden einer nach dem andern aufgerufen und verhört. Es war nichts Bestimmtes aus ihnen herauszubekommen. Sie logen offenbar, blieben aber verstockt und erklärten jede Lüge, bei der sie ertappt wurden, mit einem Dutzend anderer. Einer verkündete selbstzufrieden, elf Stangen Dynamit am Strande gefunden zu haben. Derselbe Mann erklärte auch, daß Matapuus Revolver, der in der Kiste eines gewissen Kapu gefunden worden war, ihm von Lervumie gegeben worden sei. Lervumie, als Zeuge aufgerufen, sagte, er hätte ihn von Noni erhalten. Noni wollte ihn von Sulefatoi, Sulefatoi von Choka, Choka von Ngava bekommen haben, und Ngava schloß den Kreis, indem er angab, daß Kapu ihm die Waffe gegeben hätte. Kapu, der jetzt doppelt beschuldigt war, blieb ruhig dabei, daß Lervumie ihm die Waffe gegeben habe, und Lervumie erzählte ausführlich, wie er ihn von Noni erhalten hatte, und wieder ging es von Noni zu Sulefatoi im Kreise herum. Verschiedene Gegenstände waren zweifellos von den Hausboys gestohlen worden. Aber jeder beteuerte auf das entschiedenste seine Unschuld und verdächtigte seine Genossen.

Der Mann, bei dem der Billardball gefunden war, sagte, er hätte ihn nie im Leben gesehen, und äußerte die Vermutung, daß er auf geheimnisvolle Weise durch einen bösen Geist in seine Kiste gelegt worden sein müsse. Er habe keine Ahnung, wie der Ball dahingekommen sei, und er müsse wohl vom Himmel heruntergefallen sein.

Der Diebstahl der meisten Sachen wurde den Köchen und Mannschaften aller der Fahrzeuge in die Schuhe geschoben, die in den letzten Jahren vor Berande geankert hatten. In keinem Fall ließ sich die Wahrheit ermitteln, wenn auch die nicht identifizierten Waffen und Patronen zweifellos von den besuchenden Schiffen an Land gekommen waren.

»Also, was sagen Sie nun?« meinte Scheldon zu Joan. »Wir haben auf einem Vulkan geschlafen. Sie müßten alle ausgepeitscht werden.«

»Nicht schlagen mich«, schrie Gogoomy von unten. »Vater gehören mir groß fella Häuptling. Mich schlagen, zuviel Lärm bei dir, sehr bald, mein Wort.« »Was sagen du fella Gogoomy!« rief Scheldon. »Ich läuten sieben Glocken aus dir. Hier du Kwaque legen ihm Eisen an, das fella Gogoomy.«

Kwaque, ein stämmiger Aufseher, griff Gogoomy aus dem Haufen heraus, bog ihm mit Hilfe der anderen Aufseher die Hände auf den Rücken und legte ihm die schweren Handschellen an.

»Mich fertig bei dir, ihr sterben alle zusammen«, bedrohte Gogoomy die Aufseher mit wutverzerrtem Gesicht.

»Bitte, nicht peitschen«, sagte Joan leise. »Wenn das Auspeitschen nötig ist, so schicken Sie die Leute nach Tulagi, und lassen Sie es von der Regierung vornehmen. Lassen Sie ihnen die Wahl zwischen einer Geldstrafe und einer amtlichen Auspeitschung.«

Scheldon nickte und erhob sich, den Blick auf die Schwarzen geheftet.

»Manonmie!« rief er.

Manonmie trat vor und wartete.

»Du fella Junge schlimm fella zu viel«, warf Scheldon ihm vor. »Du stehlen viel. Du stehlen ein fella Handtuch, ein fella Buschmesser, zwei-zehn Patronen. Mein Wort, viel schlimm fella stehlen du. Mich croß auf dich zuviel. Du wollen, mich nehmen ein fella Pfund von dir in dicken Buch. Du nicht wollen, mich auch nehmen ein Pfund, dann mich schicken dich fella nach Tulagi, ein groß fella Regierung peitschen dich. Viel Neu-Georgia-Jungens, viel Isabel-Jungens bleiben Gefängnis Tulagi. Die fella dort nicht lieben Malaita-Jungens klein bißchen. Mein Wort, sie geben dir stark fella Peitsche. Was du sagen?«

»Du nehmen ein fella Pfund von mir«, lautete die Antwort.

Und Manonmie trat erleichtert zurück, während Scheldon die Strafe in das Plantagenjournal eintrug. Einen nach dem andern rief er die Sünder auf und stellte ihnen die Wahl. Und einer nach dem andern entschied sich, die auferlegte Strafe zu zahlen. Einige Strafen waren niedrig, nur wenige Schilling, während in den schlimmeren Fällen, wie dem Diebstahl von Gewehren und Munition, die Strafen entsprechend schwerer waren.

Gogoomy und seine Stammesgenossen wurden jeder mit drei Pfund bestraft, aber auf Gogoomys gegurgelten Befehl weigerten sie sich, zu zahlen. »Ihr kommen Tulagi,« warnte Scheldon sie, »ihr kriegen stark fella Peitsche, und ihr bleiben Gefängnis drei fella Jahr. Herr Burnett, er sehen Winchester, sehen Patronen, sehen Revolver, sehen Schwarzpulver, sehen Dynamit – mein Wort, er croß zuviel. Er geben euch drei fella Jahre Gefängnis. Ihr nicht wollen zahlen drei fella Pfund, ihr bleiben Gefängnis. Savvee?« Gogoomy schwankte.

»Es ist Tatsache, das würde Burnett ihnen geben«, sagte Scheldon leise zu Joan.

»Du nehmen drei fella Pfund von mir«, murrte Gogoomy und warf gehässige, finstere Blicke auf Scheldon, Joan und Kwaque. »Mich fertig bei dir, du kriegen groß fella Lärm, mein Wort, Vater gehören mir, groß fella Häuptling Port Adams.«

»Jetzt genug«, warnte Scheldon. »Du halten Mund gehören dir.«

»Mich nicht Angst«, erwiderte der Sohn des Häuptlings und erhöhte durch diese Unverschämtheit sein Ansehen in den Augen seiner Genossen. »Sperr ihn ein für heute nacht«, sagte Scheldon zu Kwaque. »Sonne er kommen auf, das fella und fünf fella gehören ihn gehen Grasschneiden. Savvee?« Kwaque grinste.

»Mich savvee«, sagte er. »Grasschneiden, ngari-ngari Ngari-ngari = wörtlich: Kratz-kratz, eine Hautvergiftung, die, wenn auch nicht gefährlich, doch recht unangenehm ist. bleiben im Gras. Mein Wort!«

»Wir werden doch noch Schwierigkeiten mit Gogoomy haben«, sagte Scheldon zu Joan, als die Aufseher ihre Gruppen ordneten, um sie an die Arbeit zu führen. »Behalten Sie ihn im Auge, seien Sie vorsichtig, wenn Sie allein durch die Plantage reiten. Der Verlust der Winchesterbüchsen und der Munition hat ihn härter getroffen als Ihr Schlag. Er kann jederzeit ein Unheil anrichten.«

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