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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
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Das verlorene Spielzeug

Ach«, seufzte Joan, »jetzt habe ich Ihnen amerikanische Methoden gezeigt, mit denen man etwas erreichen kann, und da fangen Sie schon wieder an, mir Schwierigkeiten zu machen.«

Fünf Tage waren vergangen, und sie und Scheldon standen auf der Veranda und beobachteten die Martha, die dicht am Winde einen Schlag vor der Küste lag. In diesen fünf Tagen hatte Joan nie etwas von ihrem Herzenswunsch geäußert, wenn Scheldon, der in dieser Beziehung in ihr wie in einem aufgeschlagenen Buche lesen konnte, auch bemerkt hatte, daß sie immer wieder das Gespräch darauf lenkte, in der Hoffnung, daß er selbst darauf kommen würde, ihr den Befehl über die Martha zu übertragen. Sie wollte, daß er davon anfangen sollte. Es war schwer gewesen, einen Schiffer für sie zu finden. In ihrer Eifersucht war ihr keiner, den er vorgeschlagen, recht gewesen.

»Olson?« Hatte sie gefragt. »Der ist gut für die Flibberty, die ich mit meinen Leuten überholen kann, wenn sie infolge seiner Schlappheit auseinanderzufallen droht. Aber als Schiffer der Martha unmöglich. »Munster? Ja, er ist der einzige von allen, die ich in den Salomons kenne, der es könnte. Aber – er hat die Umbawa verloren – einhundertundvierzig Leute ertranken. Er war erster Offizier auf der Brücke. Ungehorsam gegen die Instruktion! Kein Wunder, daß er weggejagt wurde.

»Christian Young hat keine Erfahrung mit größeren Schiffen. Außerdem können wir ihm nicht soviel bezahlen, wie er auf der Minerva verdient. Sparrowhawk ist ganz gut – als Untergebener. Er hat keinen Unternehmungsgeist. Er ist ein tüchtiger Seemann, kann aber nicht befehlen. Ich sage Ihnen, ich war die ganze Zeit nervös, als er die Flibberty vor Punga-Punga kommandierte, während ich auf der Martha bleiben mußte.«

Und so ging es weiter. Kein Name, der vorgeschlagen wurde, befriedigte sie, und dabei mußte Scheldon zugeben, daß ihr Urteil richtig war. Oft stand er beinahe auf dem Punkt, zuzugeben, daß sie von allen Seeleuten in den Salomons der einzige Mensch war, der die Martha führen konnte. Aber er beherrschte sich immer wieder, und ihr selbst verbot ihr Stolz, es vorzuschlagen.

»Gute Bootsleute sind noch lange keine guten Schonerkapitäne«, erwiderte sie auf einen seiner Vorschläge. »Außerdem muß der Kapitän eines Fahrzeuges wie die Martha gesunden Menschenverstand und gute Urteilskraft besitzen; er muß eine schnelle Auffassungsgabe und Unternehmungsgeist haben.«

»Aber mit Ihren Tahitianern an Bord –« Scheldon glaubte eine gute Idee gehabt zu haben.

»Es gibt keine Tahitianer an Bord«, erwiderte sie schlagfertig. »Meine Leute bleiben bei mir. Ich kann nicht wissen, wann ich sie brauche. Wenn ich fahre, fahren sie auch. Wenn ich an Land bleibe, bleiben sie auch. Ich werde hier auf der Plantage genügend Arbeit für sie finden. Sie haben ja gesehen, wie sie rodeten. Jeder von ihnen wiegt ein halbes Dutzend Ihrer Kannibalen auf.«

So kam es, daß Joan jetzt neben Scheldon stand und seufzend die Martha beobachtete, die seewärts kreuzte, mit dem alten Kinroß, der von Savo herübergekommen war, als Kapitän.

»Kinroß ist ein Fossil«, sagte sie mit einem Anklang von Bitterkeit in der Stimme. »O, er wird sie nie durch Übereilung zum Scheitern bringen. Aber er ist ängstlich wie ein Kind, und ängstliche Kapitäne verlieren ebensogut Schiffe wie Draufgänger. Eines Tages wird Kinroß die Martha verlieren, weil er nur eine Möglichkeit hatte und zu ängstlich war, sie auszunutzen; ich kenne diese Sorte. Aus Furcht, einen günstigen Wind auszunutzen, der sie in zwanzig Stunden in den Hafen bringen würde, bleibt er lieber in der folgenden Flaute liegen und braucht eine ganze Woche, bis er ankommt. Verdienen wird die Martha mit ihm, das ist sicher; aber nicht annähernd so viel wie unter einem tüchtigen Kapitän.« Sie schwieg und blickte mit gerötetem Gesicht und blitzenden Augen nach dem Schoner.

»O, sie ist ein herrlicher Segler! Sehen Sie nur, wie sie durchs Wasser schießt, und dabei ist der Wind kaum der Rede wert. Sie hat aber auch keinen gewöhnlichen Metallbelag, es ist alles Kriegsschiffkupfer. Ich habe es mit Kokusnußschalen polieren lassen, als der Schoner in Punga-Punga auf der Seite lag. Bevor diese Goldexpedition ihn erwarb, ist die Martha als Robbenfänger gefahren.

»Und Robbenfänger müssen segeln können. Sie ist mehr als einmal bei Sibirien russischen Kreuzern davongelaufen.

»Offengestanden, wenn ich geahnt hätte, daß in Guvutu die Gelegenheit auf mich wartete, einen Schoner für weniger als dreihundert Dollar zu kaufen, so würde ich nie Ihr Teilhaber geworden sein, und dann würde ich jetzt selber fahren.«

Die Richtigkeit ihrer Behauptung kam Scheldon jetzt plötzlich zum Bewußtsein. Was sie getan hatte, würde sie genau so getan haben, wenn sie nicht sein Teilhaber gewesen wäre. Und an der Bergung der Martha hatte er keinen Anteil. Ganz allein, ohne Ratgeber und dem Gelächter von ganz Guvutu und der Konkurrenz von Morgan & Raff zum Trotz, hatte sie das Abenteuer unternommen und zum erfolgreichen Abschluß geführt.

»Mir ist zumute wie einem großen Manne, der einem kleinen Kinde sein Spielzeug genommen hat«, sagte er plötzlich zerknirscht.

»Und nun weint das kleine Kind.« Sie sah ihn an, und er bemerkte, daß ihre Lippen leicht zitterten und ihre Augen feucht waren. Jetzt ist sie wieder ganz Knabe, dachte er; der Knabe, der wegen des Bootes, mit dem er spielen wollte, weint. Und doch ist sie auch Weib. Was für ein Labyrinth von Widersprüchen! Und er fragte sich, ob er sie ebenso lieben würde, wenn sie nur Weib gewesen wäre, ohne das Knabenhafte. Und ihm kam zum Bewußtsein, daß er sie so liebte, wie sie war, wegen ihrer Knabenhaftigkeit und wegen ihres ganzen Wesens.

»Aber nun wird das kleine Kind nicht länger weinen,« sagte sie. »Ich weiß, daß Sie den Schoner eines Tages, falls der alte Kinroß ihn nicht vorher verliert, Ihrem Teilhaber übergeben werden. Ich will nicht länger mit Ihnen darüber streiten. Aber ich hoffe, Sie können mir nachfühlen, wie mir zumute ist. Es ist nicht so, als wenn ich die Martha gekauft oder auch gebaut hätte. Ich habe sie gerettet, sie vom Riff abgebracht. Ich habe sie vor ihrem Grabe im Meere bewahrt, als niemand für sie mehr als fünfundfünfzig Pfund geben wollte. Sie gehört mir, ist mein besonderes Eigentum. Ohne mich würde sie nicht mehr existieren. Der schwere Nordwest hätte sie in den ersten drei Stunden erledigt. Und dazu habe ich sie auch selbst geführt. Sie ist ein wundervoller Segler. Denken Sie: beim Winde läßt sie sich nur mit einer halben Spake Drehung nach jeder Seite steuern. Und das Wenden! Man braucht weder mit dem Vorsegel, noch durch Steifsetzen des Großsegels oder mit dem Ruder nachzuhelfen. Nur mit dem Ruder bringt man sie herum wie ein Fohlen mit dem Gebiß im Maule. Und sie können mit ihr rückwärts gehen wie mit einem Dampfer. Ich habe es in Langa-Langa zwischen der Untiefe und dem Küstenriff gemacht. Es war herrlich!

»Aber Sie lieben das Segeln nicht wie ich, und ich weiß, daß Sie finden, ich hätte mich lächerlich gemacht. Aber eines Tages werde ich die Martha doch wieder führen. Das weiß ich. Das weiß ich!«

Als Antwort streckte er ganz impulsiv seine Hand nach der ihrigen aus, die auf dem Geländer lag, und ergriff sie. Aber er wußte, ohne den leisesten Zweifel, daß es nur der Knabe in ihr war, der seinen Druck erwiderte, der Knabe, der sich über das verlorene Spielzeug grämte. Dieser Gedanke entmutigte ihn. Noch nie war er ihr so nahe gewesen und doch noch nie so fern. Sie war sich sicher gar nicht bewußt, daß seine Hand die ihre berührte. In ihrem Kummer über die Abfahrt der Martha war es für sie irgendeine Hand – jedenfalls die eines Freundes.

Er zog seine Hand zurück und wandte sich verwirrt ab.

»Warum hat er nicht das große Stagsegel gesetzt?« fragte sie gereizt. »Damit würde der Schoner bei diesem Winde direkt davonlaufen. Ich kenne die Sorte vom alten Kinroß. Das ist ein Schiffer, der drei Tage unter doppelt gerafften Segeln liegt und auf einen Sturm wartet, der nicht kommt! Vorsichtig? O ja, vorsichtig ist er. Gefährlich vorsichtig.«

Scheldon blieb stehen.

»Also schön«, sagte er. »Sie können auf der Martha fahren, wenn Sie wollen. Auch auf Malaita werben, meinetwegen.«

Es war ein großes Zugeständnis, das er ihr machte, und er fühlte, daß er es gegen seine Überzeugung tat. Aber die Art, wie sie es aufnahm, war eine neue Überraschung für ihn.

»Mit dem alten Kinroß als Schiffer?« fragte sie. »Nein, dafür danke ich. Er würde mich zum Selbstmord bringen. Ich könnte nicht mit ansehen, wie er das Schiff führte. Es würde mich nervös machen. Wenn ich je wieder an Bord der Martha gehe, dann nur, um sie selbst zu übernehmen. Ich bin ein Seemann wie Vater war, und er konnte es auch nicht ertragen, zu sehen, daß ein Schiff schlecht geführt wurde. Haben Sie gesehen, wie Kinroß in See ging? Es war eine Schande! Welchen Lärm er dabei machte! Der alte Noah hat es mit seiner Arche sicher besser gemacht.«

»Aber schließlich kommt er doch irgendwohin.«

»Das tat Noah auch.«

»Nun, das ist doch die Hauptsache.«

»Für einen vorsintflutlichen Menschen.«

Sie warf noch einen zögernden Blick auf die Martha und wandte sich zu Scheldon:

»Die Schiffer hier sind eine ganz gleichgültige Gesellschaft – die meisten jedenfalls. Christian Young mag noch angehen; Munster hat ein gewisses Können, und der alte Nielsen soll ein tüchtiger Seemann gewesen sein. Aber mit den andern, die ich gesehen habe, ist nicht viel los. Es ist kein Schwung darin, keine Bewegung, kein Geschick, kein richtiger Seemannsstolz. Alles ist verschlafen und langweilig, und sie sind zufrieden, wenn sie nur einmal ankommen, wann, das mag der Himmel wissen! Aber eines Tages werde ich ihnen schon zeigen, wie die Martha geführt werden muß. Ich werde losfahren, daß ihnen der Schädel brummt, und ich werde sie an den Pier von Guvutu bringen, ohne zu ankern oder eine Leine auszubringen.«

Sie hielt atemlos inne und brach dann in Lachen aus. »Jetzt setzt der alte Kinroß das Stagsegel«, bemerkte er ruhig.

»Tatsächlich«, rief sie ungläubig, blickte schnell hin und lief dann ans Fernrohr. Sie beobachtete das Manöver gespannt durch das Glas, und Scheldon, der ihr Gesicht betrachtete, konnte sehen, daß der Kapitän es ihr nicht recht machte.

Schließlich ließ sie das Glas mit einem Seufzer sinken. »Er hat es nicht klar bekommen und versucht es nun noch einmal. Und ein solcher Mann hat das Kommando über dieses wunderbare Schiff! Nein, ich will es nicht länger sehen, kommen Sie, spielen Sie eine Partie Billard mit mir, und dann sattle ich und schieße Tauben. Kommen Sie mit?«

Als sie eine Stunde später durch die Pforte hinausritten, drehte Joan sich im Sattel um, um einen letzten Blick auf die Martha zu werfen, die sich als ein schwacher Fleck in der Richtung der Floridaküste zeigte.

»Tudor wird schöne Augen machen, wenn er hört, daß die Martha jetzt uns gehört«, lachte sie. »Stellen Sie sich das vor! Er wird sich eine Fahrkarte kaufen müssen, um auf dem Dampfer von den Salomons wegzukommen.«

Noch fröhlich lachend, ritt sie hinaus. Plötzlich aber brach ihr Gelächter ab, und sie zügelte ihr Pferd. Scheldon blickte sie scharf an und sah, wie ihr Gesicht sich verfärbte und grün und gelb wurde.

»Es ist das Fieber,« sagte sie, »ich muß umkehren.«

Als sie wieder vor dem Hause waren, zitterte und bebte sie so, daß er ihr vom Pferde helfen mußte.

»Dumm, was?« sagte sie zähneklappernd. »Wie Seekrankheit – nicht ernst, aber man fühlt sich so gräßlich elend, solange es dauert. Ich gehe gleich zu Bett. Schicken Sie mir Noah-Noah und Viaburi. Sagen Sie Ornfiri, daß er Wasser heiß macht. Ich werde in fünfzehn Minuten besinnungslos sein. Es hat mich tüchtig gepackt. Zu schade, daß wir nicht jagen können. Danke, es geht schon.«

Scheldon befolgte ihre Anweisungen, besorgte ihr die Wärmflaschen und setzte sich dann auf die Veranda, wo er vergebens versuchte, zwei Monate alten Sydneyer Zeitungen Interesse abzugewinnen. Aber immer wieder sah er von der Zeitung auf und blickte über das Grundstück nach dem Grashause hinüber. Ja, dachte er, die Ansicht aller Weißen im Archipel stimmte: die Salomons waren kein Ort für eine Frau. Er klatschte in die Hände, und Lalaperu kam gelaufen.

»Hier du!« befahl er. »Gehen zu Baracken, bringen schwarze fella Marys, schnell zu viel, alle zusammen.« Ein paar Minuten später stand das Dutzend schwarzer Frauen von Berande vor ihm. Er betrachtete sie kritisch und wählte schließlich eine, die jung und nett war, und deren Körper kein Anzeichen einer Hautkrankheit aufwies.

»Was Name du?« fragte er. »Sangui?«

»Mich Mahua«, lautete die Antwort.

»Schön, du fella Mahua. Du hören auf kochen bei Jungens. Du bleiben bei weiße Mary. Alle Zeit du bleiben. Du savvy?«

»Mich savvy,« grunzte sie und begab sich auf seinen Wink sofort in das Grashaus.

»Was Name?« fragte er Viaburi, der aus dem Grashause gekommen war.

»Groß fella krank«, lautete die Antwort. »Weiß fella Mary sprechen zu viel alle Zeit. Alle Zeit sprechen von groß fella Schoner.«

Scheldon nickte. Er wußte Bescheid. Es war die Abfahrt der Martha, die das Fieber verursacht hatte. Es wäre früher oder später zum Ausbruch gekommen, das wußte er. Aber ihre Enttäuschung hatte es beschleunigt. Er zündete sich eine Zigarette an. In dem Rauch erschien ihm das Bild seiner englischen Mutter, und er fragte sich, ob sie es wohl verstehen könnte, daß ihr Sohn eine Frau liebte, die weinte, weil sie nicht Kapitän eines Schoners in den Kannibaleninseln werden durfte.

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