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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111219
projectid16b30c22
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Romane werden Wirklichkeit

Mehrere Wochen verstrichen in Ruhe. Nach dem ungewöhnlich starken Besuch von Schiffen vereinsamte Berande wieder. Scheldon setzte seine täglichen Rundgänge fort, rodete Busch, pflanzte Kokosnüsse, trocknete Kopra, baute Brücken und ritt dabei die Pferde, die Joan gekauft hatte. Nachricht bekam er nicht von ihr. Werbeschiffe mieden die Punga-Punga-Küste ängstlich; die Clansman, ein Werbeschiff aus Samoa; das eines Abends um einer Partie Billard und eines Plauderstündchens willen vor Anker ging, erzählte, daß unter den Sioleuten das Gerücht ginge, es sei auf Punga-Punga zu Kämpfen gekommen. Da diese Nachrichten sich aber nicht über die ganze Insel verbreitet hatten, konnte man ihnen nicht viel Glauben schenken.

Der Sydneyer Dampfer, die Kammambo, unterbrach die Stille auf Berande eine Stunde lang, um Post, Vorräte, sowie die Bäume und Samen, die Joan bestellt hatte, auszuschiffen. Die Minerva brachte auf der Fahrt nach Kap Marsh die beiden Kühe aus Nogi. Die Apostel, die schnell nach Tulagi zurück wollte, um den Sydneyer Dampfer zu erreichen, schickte ein Boot mit den Orangen- und Zitronenbäumen aus Ulava an Land. In diesen wenigen Wochen war das Wetter herrlich. Es gab Tage, an denen auf der atemlosen See ununterbrochene Stille herrschte. Und Tage, an denen nur wenige Stunden lang ein schwacher Wind aus irgendeiner Richtung wehte. Nur die nächtliche Landbrise wehte regelmäßig, und deshalb fuhren die Kutter und anderen Segelschiffe, die gelegentlich hierher kamen, nachts vorbei, um lieber die leichte Brise auszunutzen, als für eine Stunde zu ankern.

Dann kam der langerwartete Nordwest. Acht Tage lang tobte er, schlief für ein Weilchen ein, drehte dann ein oder zwei Strich, und raste mit erneuter Heftigkeit. Scheldon achtete sorgsam auf die Gebäude; die Fluten des Balesuna machten so heftige Angriffe auf das hohe Ufer, von dem Joan geschrieben hatte, daß er alle Leute anstellen mußte, um den Kampf mit dem Strom aufzunehmen.

Als dann wieder gutes Wetter folgte, ließ er eines Morgens die Schwarzen allein bei der Arbeit und ritt mit einem Gewehr über dem Sattel auf die Taubenjagd. Zwei Stunden später brachte einer der Hausboys, atemlos und von Dornen zerkratzt, die Nachricht, daß die Martha, die Flibberty-Gibbet und die Emily den Ankerplatz ansteuerten.

Er erreichte das Grundstück, konnte aber nichts sehen, bis er um die Ecke des Bungalow geritten war.

Dann sah er alles zugleich: auf See, wohin sein Blick zuerst fiel, ragte die Martha hoch auf neben dem Kutter und der Jacht, die sie abgebracht hatten, und dann sah er auf dem Platz vor der Verandatreppe eine große Anzahl frischgeworbener Kannibalen. Alle trugen neue, schneeweiße Lendentücher, und Scheldon schloß daraus, daß es Rekruten waren. Einer kam gerade die Treppe herunter, während ein anderer, dessen Name aufgerufen war, hinaufschritt. Es war Joans Stimme, die gerufen hatte, und Scheldon zügelte sein Pferd und beobachtete. Sie saß zwischen Munster und seinem weißen Steuermann auf der Veranda. Sie hatten lange Listen vor sich liegen, und Joan stellte Fragen und trug die Antworten in das große, rot gebundene Arbeiterjournal von Berande ein.

»Was Name?« fragte sie den Schwarzen auf der Treppe.

»Tagari«, lautete die von Grinsen und neugierigem Verdrehen der Augen begleitete Antwort; es war das erste Haus eines Weißen, das der Schwarze je gesehen hatte.

»Was Ort gehören du?«

»Bangoora.«

Niemand bemerkte Scheldon, und er blieb auf dem Pferde sitzen und beobachtete weiter. Bevor die Antwort eingetragen war, entstand eine Meinungsverschiedenheit, die Munster schließlich beendete.

»Bangoora?« sagte er. »Das ist das Stückchen Strand am Ende der Bucht von Latta. Er ist als Lattamann eingetragen – sehen Sie hier: Tagari, Latta.«

»Was Platz holen dich weißer Herr?« fragte Joan.

»Bangoora«, erwiderte der Mann, und Joan trug es ein. »Ogu!« rief Joan.

Der Schwarze ging hinunter, und ein anderer trat vor. Ehe Tagari aber das Ende der Treppe erreicht hatte, erblickte er Scheldon. Es war das erste Pferd, das der Schwarze in seinem Leben sah, und er stieß einen Schreckensruf aus und rannte wie toll wieder hinauf. Gleichzeitig floh die Masse der Schwarzen zusammengedrängt in panischem Schrecken aus Scheldons Nähe. Die grinsenden Hausboys ermutigten sie, und die wilde Flucht kam ins Stocken, wobei die neugeworbenen Kopfjäger dicht zusammengedrängt und unsicher auf die schreckliche Erscheinung starrten.

»Hallo!« rief Joan. »Weshalb erschrecken Sie meine Leute? Kommen Sie herauf.«

»Wie finden Sie sie,« fragte sie, nachdem sie sich begrüßt hatten. »Und was meinen Sie dazu?« fuhr sie fort, indem sie auf die Martha wies. »Ich dachte schon, Sie hätten die Plantage verlassen, und ich müßte die Leute selbst in die Baracken bringen. Und da heißt es, daß Punga-Punga-Leute sich nicht anwerben lassen. Sehen Sie sie an und wünschen Sie mir Glück. Es sind keine Kinder und halbwüchsige Burschen darunter. Jeder von ihnen ist ein Mann! Ich habe so viel zu erzählen, daß ich gar nicht weiß, wo anfangen, aber ich fange lieber gar nicht erst an, bis wir hier fertig sind, und bis Sie mir gesagt haben, daß Sie mir nicht böse sind.«

»Ogu! Was Ort gehören du?« fuhr sie in ihren Fragen fort.

Aber Ogu war ein Buschmann, der das fast allgemein verbreitete Trepang-Englisch nicht verstand, und ein halbes Dutzend seiner Genossen versuchten ihm klarzumachen, um was es sich handelte.

»Es sind nur noch zwei oder drei, und dann sind wir fertig. Aber Sie haben noch nicht gesagt, daß Sie mir nicht böse sind.«

Scheldon blickte ihr in die klaren Augen, die ihn jetzt gerade und ruhig ansahen, und er wußte, daß ihr Blick im nächsten Augenblick unangenehm und herausfordernd werden konnte. Und dabei kam ihm zum Bewußtsein, daß er nie geahnt hatte, welche Freude ihre Rückkehr ihm bereiten würde.

»Ich war böse«, sagte er bedächtig. »Ich bin noch böse, sehr böse.« – Er bemerkte einen Schimmer von Trotz in ihren Augen und erbebte. »Aber ich habe Ihnen verziehen, und jetzt verzeihe ich Ihnen alles noch einmal. Ich bestehe jedoch darauf –«

»Daß ich einen Vormund bekomme«, unterbrach sie ihn. »Das wird nie geschehen. Ich bin Gott sei Dank mündig und imstande, selbständig Geschäfte zu machen. – Da wir gerade von Geschäften sprechen: Was halten Sie von meinen amerikanischen Kraftmethoden?«

»Herr Raff schätzt sie jedenfalls gar nicht, wie ich höre«, sagte er zögernd. »Sie haben für lange Zeit dem Klatsch reiche Nahrung gegeben. Aber ich möchte wissen, ob andere Amerikanerinnen in Geschäftssachen ebenso erfolgreich sind?«

»Es war Glück, fast nichts als Glück«, sagte sie bescheiden, obgleich ihre Augen in plötzlicher Freude aufblitzten, und er wußte, daß sein mäßiges Lob ihrem Knabenstolz geschmeichelt hatte.

»Was, Glück!« platzte Sparrowhawk, der lange Steuermann, heraus, und sein Gesicht strahlte vor Bewunderung. »Schwere Arbeit war es. Ja, wirklich. Wir haben uns unser Geld redlich verdient. Sie ließ uns arbeiten, bis wir umfielen. Die halbe Zeit lagen wir noch dazu am Fieber darnieder. Sie hatte es übrigens auch, nur daß sie sich nicht hinlegte und es uns auch nicht erlauben wollte. Wahrhaftig, sie ist der reine Sklaventreiber – ›Nur noch einmal hieven, Herr Sparrowhawk, und dann können Sie sich eine Woche lang ins Bett legen‹, sagte sie zu mir. Ich taumelte umher wie ein Toter, während gallengrüne Lichter in meinem Kopfe sprühten, daß er beinahe platzte. Ich war ganz fertig, aber ich hievte – und dann hieß es: ›Noch einmal hieven, Herr Sparrowhawk, nur noch einmal.‹ Und wie sie dem alten Kina-Kina um den Bart ging!«

Er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, und sein Gelächter erstickte in einem verhaltenen Kichern.

»Er war älter als Telepasse und noch schmutziger«, erklärte sie Scheldon. »Und ich bin überzeugt, viel bösartiger. Aber das nenne ich nicht arbeiten, lassen Sie uns machen, daß wir mit den Listen fertig werden.« Sie wandte sich an den wartenden Schwarzen auf der Treppe.

»Ogu, du hören auf groß Herr gehören weißer Mann, du gehen Not-Not. – Hier du, Tagari, du sagen dies fella Ogu. Er fertig er gehen Not-Not. Haben Sie's, Herr Munster?«

»Aber Sie haben die Anwerbebestimmungen übertreten«, sagte Scheldon, als die neuen Leute nach den Baracken abmarschierten. »Die Flibberty-Gibbet und die Emily haben keine Lizenz für hundertfünfzig Mann. Was sagte Burnett denn dazu?«

»Er ließ sie alle durch«, antwortete sie. »Kapitän Munster wird Ihnen erzählen, was er gesagt hat. Jetzt muß ich mich erst einmal waschen. Sind die bestellten Sachen aus Sydney gekommen?«

»Es ist alles in Ihrem Zimmer«, sagte Scheldon. »Beeilen Sie sich, das Frühstück wartet. Geben Sie mir Ihren Hut und Gürtel, bitte, tun Sie es. Es gibt nur einen Haken dafür, und den kenne ich.«

Sie sah ihn mit einem forschenden, fast frauenhaften Blick an. Dann seufzte sie erleichtert auf, während sie den schweren Gürtel abschnallte und ihm reichte.

»Ich glaube nicht, daß ich je wieder einen Revolver sehen möchte, der hat mich ganz krank gemacht. Ich hatte mir nie träumen lassen, daß ich seiner so überdrüssig werden könnte.«

Scheldon sah ihr nach, bis sie die Treppe hinuntergegangen war. Da drehte sie sich noch einmal um und rief:

»Ach, ich kann gar nicht sagen, wie schön es ist, wieder zu Hause zu sein.«

Und als sein Blick ihr folgte, wie sie über das Grundstück zu ihrem kleinen Grashause schritt, kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß Berande und das kleine Grashaus der einzige Ort auf der ganzen Welt war, den sie ihr Zuhause nennen konnte.

»Also Burnett sagte: ›Verflucht noch mal! – Entschuldigen Sie, Fräulein Lackland, aber Sie haben mutwillig die Anwerbebestimmungen übertreten, und das wissen Sie‹«, berichtete Kapitän Munster, als sie beim Whisky saßen und auf Joans Rückkehr warteten. »Da sagte sie zu ihm: ›Herr Burnett, können Sie mir eine Bestimmung zeigen, die verbietet, die Passagiere von einem Schiff zu übernehmen, das auf einem Riff festsitzt?‹. ›Darum handelt es sich ja hier nicht.‹ ›Doch, eben darum handelt es sich hier‹, sagte sie. ›Halten Sie sich das bitte vor Augen und lassen Sie meine Leute durch. Sie können mich, wenn Sie wollen, beim Regierungspräsidenten anzeigen, aber ich habe drei Schiffe hier liegen, die auf Ihre Erlaubnis zum Weiterfahren warten, und wenn das noch lange dauert, dann geht noch ein anderer Bericht an den Regierungspräsidenten ab.‹

›Ich mache Sie verantwortlich, Kapitän Munster‹, sagte er ganz außer sich zu mir. ›Nein, das tun Sie nicht‹, sagte sie. ›Ich habe die Emily gechartert, und Kapitän Munster hat nach meinem Befehl gehandelt.‹ Was sollte Burnett machen. Er ließ alle hundertfünfzig Mann durch, obgleich die Emily nur eine Lizenz für fünfzig, und die Flibberty-Gibbet nur eine für fünfunddreißig hat.«

»Aber ich begreife immer noch nicht«, sagte Scheldon. »Sie machte es so: als die Martha flott war, mußten wir sie sofort auf den Strand setzen, und während die Reparaturen ausgeführt, ein neues Ruder angefertigt, Segel und Geschirr von den Schwarzen zurückgeholt wurden, lieh Fräulein Lackland sich Sparrowhawk, um die Flibberty-Gibbet gemeinsam mit Curtis zu führen, lieh mir Brahms, der Curtis' Stelle einnahm, und schickte beide Fahrzeuge zum Werben. Und wirklich, die Schwarzen kamen ohne weiteres. Es war jungfräulicher Boden. Seit der Scottish Chiefs hatte sich nie wieder ein Werber an die Küste gewagt; und wir hatten schon die Furcht Gottes in die Herzen der Schwarzen gepflanzt, so daß die ganze Küste ruhig wie ein Lamm war. Als wir aufgefüllt hatten, kamen wir zurück und sahen, wie es mit der Martha ging.«

»Und dachten, daß es jetzt mit unsern Leuten nach Hause gehen würde«, warf Sparrowhawk ein. »Weiß Gott, dieses Fräulein Lackland ist nie zufrieden. ›Ich nehme sie auf die Martha über‹, sagte sie. ›Und Sie können zurückfahren und noch eine Ladung holen.‹« »Aber ich sagte ihr, das ginge nicht«, fuhr Munster fort. »Ich sagte ihr, daß die Martha keine Werbegenehmigung hätte.« ›O‹, sagte sie. ›Das geht nicht?‹ Und dachte ein paar Minuten nach.«

»Als sie nachdachte, wußte ich schon Bescheid«, rief Sparrowhawk, »und wußte sofort, daß die Sache so gut wie gemacht war.«

Munster steckte sich eine Zigarette an und fuhr fort: »›Sehen Sie die Landzunge dort‹, sagte sie zu mir, ›mit der schwachen Brandung, der Strom setzt gerade darauf zu. Und sehen Sie die ›Katzenpfötchen‹? Es ist schönes Wetter und Ebbe. Kreuzen Sie hinaus, und dann haben Sie nichts zu tun, als dafür zu sorgen, daß die Strömung Sie beim Halsen hübsch auf den Strand setzt.‹«

»›Das bißchen Strandung wird nicht mehr als ein bis zwei Kupferplatten kosten‹, sagte sie, als Munster auffuhr‹«, berichtete Sparrowhawk. »O, das Mädel hat sich gewaschen!«

»›Und dann rette ich Ihre Leute und fahre weg. – Ganz einfach, nicht wahr,‹ sagte sie«, fuhr Munster fort. »›Sie sitzen eine Ebbe lang fest‹, sagte sie. ›Dann macht die Flut Sie wieder flott, und Sie gehen los und holen weitere Rekruten. Es gibt keine Bestimmung, die Ihnen verbietet, zu werben, wenn Ihr Schiff leer ist.‹ ›Aber es gibt eine, die verbietet, die Leute verhungern zu lassen‹, sagte ich. ›Sie wissen selbst, daß der Proviant, den wir an Bord haben, nicht der Rede wert ist, und auf der Martha ist auch nicht eine Krume.‹«

»Wir hatten nichts als einheimisches Kai-kai«, sagte Sparrowhawk.

»›Machen Sie sich keine Gedanken wegen des Proviants, Herr Munster‹, sagte sie. ›Wenn ich auf der Martha vierundachtzig Mäuler füttern kann, dann können Sie auf Ihren beiden Schiffen dasselbe. Also los, setzen Sie sich auf den Strand, bevor ein stetiger Wind aufkommt und das Manöver vereitelt. Sobald Sie auflaufen, schicke ich Ihnen meine Boote. Nun leben Sie wohl, meine Herren!‹«

»Und wir taten es«, sagte Sparrowhawk feierlich und kicherte dann. »Wir lagen über Steuerbordhalsen, und ich drückte die Emily gegen die Landzunge. ›Gehen Sie über Stag‹, rief Kapitän Munster mir zu. ›Gehen Sie über Stag, sonst setzen Sie mich auf Grund!‹ Er rief noch andere, viel schlimmere Worte. Aber ich kümmerte mich nicht darum. Das Wenden versagte glänzend, die Flibberty-Gibbet trieb auf ihn zu, fuhr ihn an, und wir strandeten beide in dem schönsten Durcheinander, das man sich denken kann. Fräulein Lackland nahm die Rekruten über, und die Sache war gemacht.«

»Aber wo waren Sie während des Nordwests?« fragte Scheldon.

»In Langa-Langa. Als er einsetzte, fuhr ich hin, lag die ganze Woche dort und handelte Lebensmittel von den Eingeborenen ein. Als wir nach Tulagi kamen, wartete sie dort auf uns und stritt sich mit Burnett herum. Ich sage Ihnen, Herr Scheldon, das Mädel ist ein Wunder!«

Munster füllte sich sein Glas wieder, und während Scheldon sehnsüchtig nach dem Grashaus hinüberblickte, nahm Sparrowhawk den Faden der Erzählung wieder auf.

»Mut hat sie! Sie ist wirklich das mutigste Geschöpf, Mann oder Weib, das je in die Salomons gekommen ist. Sie hätten Punga-Punga an dem Morgen sehen sollen, als wir ankamen – Gewehre knallten am Strande und in den Mangroven, Kriegstrommeln dröhnten im Busch und Signalfeuer flammten überall. ›Der Teufel ist los,‹ sagte Kapitän Munster.«

»Ja, das sagte ich«, bestätigte der Seemann. »Der Teufel war auch los. Das konnte man mit einem halben Auge sehen und mit einem Ohr hören.«

»›Erzählen Sie das Ihrer Großmutter‹, sagte sie zu ihm«, fuhr Sparrowhawk fort. ›Wir sind noch nicht einmal da, geschweige denn haben wir angefangen. Warten Sie wenigstens mit dem Angstkriegen, bis wir geankert haben.‹«

»Ja, das sagte sie zu mir«, gab Munster zu. »Und ich wurde natürlich so wütend, daß mir alles gleichgültig war. Wir versuchten, ein Boot an Land zu schicken, aber es wurde beschossen, und hin und wieder feuerte auch ein Nigger auf große Entfernung aus den Mangroven.«

»Sie waren nur eine Viertelmeile fort«, erklärte Sparrowhawk. »Und es war verflucht ungemütlich. ›Schießen Sie nur, wenn die Kerle versuchen, an Bord zu kommen‹, befahl Fräulein Lackland; aber die schmutzigen Nigger dachten gar nicht daran zu entern. Sie blieben im Busch liegen und feuerten. In der Nacht hielten wir in der Kajüte der Flibberty Kriegsrat. ›Wir müssen eine Geisel haben‹, sagte Fräulein Lackland.«

»›So etwas liest man in Romanen‹, sagte ich und dachte sie durch einen Scherz von dieser Torheit abzubringen«, fiel Munster ein. »›Das stimmt‹, sagte sie, ›aber haben Sie nie erlebt, daß Romane Wirklichkeit werden?‹ Ich schüttelte den Kopf. ›Dann können Sie es lernen, Sie sind noch nicht zu alt dazu.‹ ›Ich will Ihnen nur eines sagen‹, erwiderte ich, ›und das ist, daß ich verdammt sein will, wenn Sie mich an einem Ort wie diesem Nigger stehlen sehen.‹«

»›Es verlangt auch niemand von Ihnen, daß Sie an Land gehen sollen,‹ antwortete sie schnell«, grinste Sparrowhawk. »Und sie sagte weiter: ›Und wenn ich Sie erwische, daß Sie ohne Befehl an Land gehen, dann können Sie etwas erleben – verstehen Sie mich, Kapitän Munster?‹«

»Zum Donnerwetter, wer erzählt denn nun eigentlich?« fragte der Kapitän wütend.

»Hat sie das etwa nicht gesagt?« beharrte der Steuermann.

»Ja, das hat sie gesagt, wenn Sie durchaus wollen. Aber dann erzählen Sie gefälligst auch, was sie zu Ihnen sagte, als Sie erklärten, daß Sie nicht für das doppelte Gehalt an der Punga-Punga-Küste rekrutieren würden.«

Sparrowhawks sonnenverbranntes Gesicht rötete sich noch mehr, und er versuchte, sich durch Lachen, Kichern und Gesichterschneiden aus der Verlegenheit zu ziehen.

»Weiter! Weiter!« drängte Scheldon, und Munster nahm den Faden wieder auf.

»›Was wir brauchen‹, sagte sie, ›ist die starke Faust. Das ist die einzige Möglichkeit, mit ihnen fertig zu werden. Und zwar müssen wir gleich von Anfang an fest zupacken. Ich gehe heute nacht an Land, um Kina-Kina selbst an Bord zu holen, und ich werde nicht erst fragen, wer mitgehen will, denn ich habe schon jedem seine Aufgabe zugeteilt; ich nehme meine Tahitianer und einen Weißen mit!‹ ›Der Weiße bin natürlich ich‹, sagte ich. Ich war damals so verrückt, daß ich mit ihr in die Hölle gegangen wäre. ›Nein, der Weiße sind natürlich nicht Sie‹, sagte sie. ›Sie werden das Sicherungsboot führen. Curtis bleibt beim Landungsboot. Fowler begleitet mich. Brahms übernimmt die Flibberty und Sparrowhwak die Emily. Um ein Uhr brechen wir auf.‹

»Weiß Gott, es war eine schwere Aufgabe, in dem Sicherungsboot zu liegen. Ich hätte nie geglaubt, daß Nichtstun so schwer sein könnte. Wir blieben in etwa fünfzig Faden Entfernung liegen und beobachteten das andere Boot, als es hineinfuhr. Es war so dunkel unter den Mangroven, daß wir überhaupt nichts sehen konnten. Kennen Sie den kleinen Nigger auf der Flibberty, der wie ein Affe aussieht, Scheldon? – Den Koch meine ich? Der war vor zwanzig Jahren Kajütsjunge auf der »Scottish Chiefs« und wurde nach dem Überfall auf das Schiff auf Punga-Punga gefangen gehalten. Das hatte Fräulein Lackland herausbekommen und nahm ihn deshalb als Führer mit. Sie gab ihm eine halbe Kiste Tabak dafür –« »– und ängstigte ihn fast zu Tode, ehe sie ihn soweit hatte, daß er mitging«, warf Sparrowhawk ein.

»Ich habe nie etwas so Schwarzes gesehen, wie die Mangroven. Ich starrte hin, bis mir die Augen übergingen. Dann blickte ich nach den Sternen und horchte auf die Brandung am Riff. Da bellte ein Hund. Erinnern Sie sich an den Hund, Sparrowhawk? Mir stand fast das Herz still, als das Biest anfing. Nach einer Weile hörte er wieder auf – hatte wohl überhaupt nicht wegen der Landungsabteilung gebellt; und dann wurde die Stille noch intensiver, die Mangroven erschienen noch schwärzer, und ich mußte sehr an mich halten, daß ich Curtis nicht im Landungsboot anrief, nur um mich zu vergewissern, daß ich nicht der einzige Weiße war, der noch lebte.

»Natürlich entstand ein Tumult. Es war unvermeidlich, und das wußte ich, aber trotzdem erschrack ich. Nie in meinem Leben habe ich ein solches Schreien und Kreischen gehört. Die Schwarzen schienen direkt in den Busch zu fliehen, ohne zu sehen, was los war, und die Tahitianer trieben sie vorwärts, indem sie schrieen und in die Luft schossen. Und dann wurde es plötzlich still – nur ein kleines Kind, das man wohl auf der eiligen Flucht hatte fallen lassen, schrie im Busch nach der Mutter.

»Dann hörte ich sie durch die Mangroven zurückkommen, hörte einen Riemen gegen das Dollbord schlagen, hörte Fräulein Lackland lachen und wußte, daß alles in Ordnung war. Wir ruderten an Bord zurück, ohne daß ein Schuß fiel. Und weiß Gott! Sie hatte den Roman wahr gemacht. Denn der alte Kina-Kina war in höchst eigener Person da und wurde zitternd und klappernd wie ein Affe über die Reling gehißt. Dann ging es sehr einfach. Kina-Kinas Wort war Gesetz, und er hatte eine Todesangst. Wir behielten ihn an Bord und ließen ihn die ganze Zeit, die wir in Punga-Punga blieben, Erlasse ausstellen.

»Dies war noch in anderer Beziehung eine gute Idee. Kina-Kina mußte seinen Leuten befehlen, alles, was sie von der Martha geraubt hatten, wiederzubringen. Und es kam alles, Kompaß, Blöcke und Taljen, Segel, Rollen, Tauwerk, Medizinkisten, Flaggen, Signalflaggen – wirklich alles mit Ausnahme der Handelsware und des Proviants, der bereits verzehrt war. Selbstverständlich gab sie ihnen einige Stück Tabak, um sie bei guter Laune zu erhalten.«

»Ja, das tat sie wirklich«, platzte Sparrowhawk heraus, »sie gab den Schurken fünf Faden Kaliko für das Großsegel, zwei Stück Tabak für den Chronometer und ein Messer im Werte von elfeinhalb Pence für hundert Faden ganz neue, fünfzöllige Manila-Trosse. Sie brachte den alten Kina-Kina mit der starken Faust auf den Trab. Sie – aber da kommt sie.«

Scheldon blickte überrascht auf. Während der ganzen Erzählung hatte er sie sich immer so vorgestellt, wie er sie kannte, in dem derben Kleid und dem Rock aus Gardinenstoff, dem zu kleinen Männerhemd als Bluse, Strohsandalen an den Füßen und dazu den Cowboyhut und den unvermeidlichen Revolver. Die Kleider, die sie sich in Sydney gekauft hatte, verwandelten sie vollkommen. Ein einfacher Rock und eine Bluse verliehen ihrer schlanken Erscheinung eine gewisse Eleganz, die ihm neu war. In braunen Hausschuhen schritt sie über das Grundstück, und er sah die durchbrochenen braunen Strümpfe. Jedenfalls wurde durch diese Kleidung das Weibliche an ihr wesentlich betont. Und die wilden Abenteuer aus Tausendundeiner Nacht, die er soeben gehört hatte, erschienen ihm jetzt noch wundersamer.

Als sie zum Frühstück hineingingen, wurde er gewahr, daß es Munster und Sparrowhawk ähnlich gehen mußte. Ihr kameradschaftliches Wesen hatte einem formellen, respektvollen Benehmen Platz gemacht.

»Ich habe ein neues Gebiet erschlossen«, sagte sie, während sie den Kaffee einschenkte. »Der alte Kina-Kina wird mich nie vergessen, das ist sicher, und ich kann dort werben, so viel ich will. In Guvutu sprach ich Morgan. Er ist bereit, einen Kontrakt für tausend Leute zu vierzig Schilling den Kopf abzuschließen. Habe ich Ihnen erzählt, daß ich eine Werbelizenz für die Martha beschafft habe? Die Martha kann jetzt auf jeder Reise achtzig Leute werben.«

Scheldon lächelte etwas bitter in sich hinein. Die bewunderungswürdige Frau, die in ihren Sydneyer Kleidern über das Grundstück gekommen war, war verschwunden, und der Knabe war wiedergekehrt.

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