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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 17
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Unverbesserliche

Christian Young brachte, wie gewöhnlich, Neuigkeiten mit, vom Trinken in Guvutu, wo die Männer sich brüsteten, daß sie zwischen je zwei Gläsern ein drittes trinken, von Gewehren, die auf Ysabel im Umlauf sein sollten, von den letzten Morden auf Malaita, von Tom Butlers Krankheit auf Santa Anna; und schließlich als wichtigstes, daß die Matambo in den Shortlands auf ein Riff gelaufen war und zur Reparatur aufgelegt werden mußte.

»Das heißt, daß Sie Ihre Reise nach Sydney um fünf Wochen aufschieben müssen«, sagte Scheldon zu Joan. »Und daß wir kostbare Zeit verlieren«, fügte sie traurig hinzu.

»Wenn Sie nach Sydney wollen – die Upolu fährt morgen nachmittag von Tulagi ab«, sagte Young.

»Aber ich denke, sie bringt den Deutschen in Samoa Arbeiter«, wandte sie ein. »Ich könnte sie jedenfalls bis Samoa benutzen und von Apia aus auf einem Frachtdampfer der Weir-Linie weiterfahren. Es ist zwar ein großer Umweg, aber ich würde dennoch Zeit sparen.«

»Diesmal fährt die Upolu direkt nach Sydney«, erklärte Young. »Sie geht ins Dock, und Sie können sie bis morgen nachmittag um fünf Uhr erreichen. Das sagte mir wenigstens der erste Offizier.«

»Aber ich muß erst nach Guvutu.« Joan blickte die Männer mit einem eifrigen Ausdruck an. »Ich habe einige Einkäufe dort zu machen. Ich kann doch nicht in diesem Berandefähnchen nach Sydney reisen. Ich muß mir Stoff in Guvutu kaufen und mir unterwegs ein Kleid nähen. Ich fahre gleich – in einer Stunde. Lalaperu, du bringen mir ein fella Adamu-Adam. Sagen ihn, daß fella Ornfiri machen Kaikai, nehmen mit Walboot.«

Sie erhob sich und blickte Scheldon an. »Und Sie lassen bitte das Boot zu Wasser bringen – mein Boot, nicht wahr? Ich fahre in einer Stunde.«

Scheldon und Tudor sahen beide auf ihre Uhren.

»Die Fahrt dauert die ganze Nacht«, sagte Scheldon. »Sie sollten lieber bis morgen früh warten.«

»Und meine Einkäufe fahren lassen? Nein, danke. Außerdem ist die Upolu kein regelrechter Passagierdampfer und kann ebensogut früher wie zur angegebenen Zeit abfahren. Und nach allem, was ich von diesen Sybariten in Guvutu gehört habe, läßt sieh morgens am besten einkaufen. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß packen.«

»Ich fahre mit hinüber«, verkündete Scheldon.

»Ich werde Sie auf der Minerva hinbringen«, sagte Young.

Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

»Ich fahre in meinem Boot. Sie sind so besorgt, als ob ich noch nie vom Hause fortgewesen wäre. Ihnen, Herr Scheldon, kann ich als meinem Teilhaber nicht erlauben, Berande und Ihre Arbeit aus falsch verstandener Höflichkeit zu verlassen. Wenn Sie mir nicht erlauben, Kapitän zu sein, erlaube ich Ihnen nicht, sich als Beschützer junger Damen, die keinen Schutz nötig haben, auf See herumzutreiben. Und Sie, Kapitän Young, wissen selbst, daß Sie Guvutu erst heute morgen verlassen haben, daß Sie nach Marau wollen und, wie Sie selbst gesagt haben, in zwei Stunden wieder in See gehen müssen.«

»Aber darf ich Sie nicht begleiten?« fragte Tudor mit einem bittenden Ton in seiner Stimme, der Scheldon auf die Nerven fiel.

»Nein, nein und nochmals nein«, rief sie. »Sie haben alle Ihre Arbeit und ich auch. Ich bin in die Salomons gekommen, um zu arbeiten und nicht, um wie ein Püppchen herumgeführt zu werden. Im übrigen steht hier meine Eskorte, und ich habe noch sieben ebensolche.«

Adamu-Adam stand neben ihr und überragte sie und auch die drei Männer. Das enganliegende Hemd konnte seine mächtigen Muskeln nicht verbergen.

»Sehen Sie seine Faust«, sagte Tudor. »Ich möchte keinen Schlag damit bekommen.«

»Das glaube ich«, lachte Joan. »Ich habe gesehen, wie er dem Kapitän einer schwedischen Jacht am Strande von Levuka auf den Fidschi-Inseln eins versetzte. Der Kapitän hatte angefangen. Ich sah alles, es war prachtvoll. Adamu schlug nur einmal zu und brach dem Manne den Arm. Weißt du noch, Adamu?«

Der große Tahitianer nickte lächelnd. Seine sanften schwarzen Rehaugen schienen einer so kriegerischen Natur zu widersprechen.

»In einer Stunde brechen wir mit dem Boot nach Guvutu auf«, sagte Joan zu ihm. »Sag deinen Brüdern allen, daß sie sich fertig machen. Wir fahren mit der Upolu nach Sydney. Ihr kommt alle mit und segelt dann mit dem neuen Schoner nach den Salomons zurück. Nehmt eure Extrahemden mit, es ist kalt dort unten. Nun lauf und sag ihnen, daß sie sich beeilen. Laßt die Gewehre hier, gebt sie Herrn Scheldon, wir brauchen sie nicht.«

»Wenn Sie wirklich entschlossen sind zu fahren –«, begann Scheldon.

»Das ist längst entschieden«, erwiderte sie kurz. »Ich gehe jetzt packen. Aber ich will Ihnen sagen, was Sie für mich tun können – geben Sie meinen Leuten etwas Tabak, und was sie sonst wollen.«

Eine Stunde später hatten die drei Männer Joan am Strande die Hand gedrückt. Sie gab das Zeichen, und das Boot setzte ab, sechs Mann an den Riemen, der siebente vorn, und Adamu-Adam am Steuerruder. Joan stand aufrecht im Stern des Bootes und winkte – eine schlanke Frauengestalt in der enganliegenden Jacke, die sie getragen hatte, als sie nach dem Schiffbruch gelandet war – den langläufigen Revolver im Gürtel über ihrer Hüfte hängend, und das scharfgeschnittene Knabengesicht unter dem Cowboyhut, der die schwere Masse ihres langen Haares nicht verbergen konnte.

»Gehen Sie lieber unter Dach«, rief sie ihnen zu. »Dort kommt eine schwere Bö. Ich hoffe, Sie haben genügend Kette aus, Kapitän Young. Auf Wiedersehen!« Die letzten Worte drangen aus der Dunkelheit, die sich dicht um das Boot legte. Trotzdem starrten sie weiter in die Finsternis, dorthin, wo das Boot verschwunden war, und horchten auf den gleichmäßigen Schlag der Riemen in den Dollen, bis er schwächer wurde und schließlich erstarb.

»Sie ist nur ein Mädchen,« sagte Christian Young fast feierlich, »sie ist nur ein Mädchen«, wiederholte er noch feierlicher.

»Und ein verteufelt hübsches dazu«, lachte Tudor. »Sie hat Mut, was, Scheldon?«

»Ja, sie ist tapfer«, lautete die zögernde Antwort; Scheldon hatte keine Lust, sich über sie auszusprechen. »Das ist das Amerikanische an ihr«, fuhr Tudor fort. – »Energie und Unabhängigkeit, was meinen Sie, Kapitän?«

»Ich meine, daß sie jung ist, sehr jung, ein Kind noch«, erwiderte der Kapitän der Minerva, indem er weiter in die Dunkelheit starrte, die sie verbarg.

Die Finsternis schien plötzlich an Dichte zuzunehmen, und sie stolperten den Strand hinauf, um die Pforte zu erreichen.

»Hüten Sie sich vor fallenden Nüssen«, warnte Scheldon, als der erste Stoß der Bö durch die Palmen fuhr. Sie faßten sich an den Händen und tasteten sich vorwärts, während die reifen Kokosnüsse in einem heftigen Regenschauer um sie niederprasselten. Sie erreichten die Veranda, setzten sich schweigend zu ihrem Whisky und blickten starr nach der See, wo in den Pausen des strömenden Regens das wild schwankende Ankerlicht der Minerva zu sehen war.

Irgendwo dort draußen, dachte Scheldon, fährt Joan Lackland, das Mädchen, das noch nicht erwachsen ist, das schöne Weib mit den Sinnen und Wünschen eines Knaben, das Berande fast ebenso verlassen hat, wie sie gekommen ist: im Stern ihres Bootes, Adamu-Adam am Steuer und ihre wilde Besatzung über die Riemen gekrümmt. Und sie hat ihren Cowboyhut, ihren Patronengürtel und den langläufigen Revolver mitgenommen – er entdeckte plötzlich eine große Vorliebe für diese Dinge, über die er, als er sie das erstemal gesehen, heimlich gelacht hatte. Er fühlte, daß er sich in sentimentale Phantasien verlor und spürte fast Lust zu lachen. Aber er lachte nicht. Im nächsten Augenblick dachte er wieder an den Hut, den Gürtel und den Revolver. Zweifellos ist das Liebe, dachte er und empfand einen gewissen Stolz darüber, daß die Salomons noch nicht alle Gefühle in ihm getötet hatten.

Eine Stunde später stand Christian Young auf, klopfte seine Pfeife aus und machte sich bereit, an Bord zu gehen.

»Sie ist all right«, sagte er, obgleich keiner ein Wort gesagt hatte, aber dennoch drückte er den Gedanken aller aus. »Sie hat eine gute Bootsbesatzung und versteht die Sache. Gute Nacht, Herr Scheldon; kann ich in Maxau etwas für Sie tun?« Er wandte sich um und zeigte auf ein sichtbar werdendes Stück Sternenhimmel. »Es ist doch noch eine schöne Nacht geworden. Bei dieser günstigen Brise kann sie sicher schon Segel setzen und wird Guvutu bei Tagesanbruch erreichen. Gute Nacht!«

»Ich denke, ich gehe auch schlafen«, sagte Tudor, indem er aufstand und sein Glas auf den Tisch stellte. »Ich breche morgen ganz früh auf, es ist eine Schande, wie lange ich hier herumgelungert habe. Gute Nacht.« Scheldon blieb allein sitzen und grübelte, ob der andere sich wohl auch entschlossen hätte, am nächsten Morgen abzufahren, wenn Joan nicht fortgesegelt wäre. Nun, einen schwachen Trost hatte er: Joan hatte sich auf Berande um keinen Mann gekümmert, nicht einmal um Tudor. »Ich fahre in einer Stunde.« Diese ihre Worte klangen noch in seinen Ohren, und mit geschlossenen Augen konnte er sie sehen, wie sie aufgestanden war, als sie gesprochen hatte. Er lächelte. In demselben Augenblick, als sie die Nachricht gehört hatte, war sie auch schon zur Reise entschlossen gewesen. Es war zwar nicht sehr schmeichelhaft für die Männer, Aber was galt ihr ein Mann, wenn es möglich war, nach Sydney zu fahren und einen Schoner zu kaufen?

In den nächsten Tagen fühlte sich Scheldon auf Berande sehr einsam. Am Morgen nach Joans Abreise hatte er die Expedition Tudors den Balesuna hinauffahren sehen; spät am Nachmittag hatte er durch das Glas den Rauch der Upolu gesehen, die Joan nach Sydney brachte, und am Abend saß er einsam bei Tische. Aber statt zu essen, verwandte er seine Zeit darauf, auf ihren leeren Stuhl zu starren. Er trat nie auf die Veranda hinaus, ohne zuerst einen Blick nach ihrem Grashause in der Ecke des Grundstücks zu werfen, und als er eines Abends ziellos die Bälle auf dem Billard herumstieß, überraschte er sich dabei, wie er auf den Nagel starrte, an den sie vom ersten Tage an ihren Cowboyhut und ihren Gürtel gehängt hatte.

Was geht sie mich an? fragte er sich ärgerlich. Sie war sicher die letzte Frau auf der Welt, die er sich erwählt haben würde. Nie hatte er jemand getroffen, der ihn so geärgert, seine Gefühle so verletzt, so alles Herkömmliche über den Haufen geworfen und alles, was ihm das Ideal einer Frau ausmachte, für sich abgelehnt hatte. War er schon zu lange von der Außenwelt abgeschlossen? Hatte er vergessen, wie das weibliche Geschlecht war? War es vielleicht nur ein Fall von Seelenverwandtschaft? – Und sie war doch gar keine richtige Frau. Sie war eine Komödiantin. Trotz ihres weiblichen Aussehens war sie ein Knabe, der knabenhafte Streiche machte, zwischen den Haien nach Fischen tauchte, einen Revolver handhabte, sich nach Abenteuern sehnte, und, was noch mehr war, in ihrem Boot mit ihren wilden Insulanern und ihrem Sack voll Goldstücken auf Abenteuer ausging. Aber er liebte sie, das war der Kernpunkt des Ganzen; und er versuchte gar nicht, sich etwas vorzumachen. Er bedauerte es auch nicht. Er liebte sie eben – das war die überwältigende, erstaunliche Tatsache.

Von neuem entdeckte er seine große Begeisterung für Berande. Alle Illusionen, die er sich über das Leben eines Tropenpflanzers gemacht hatte, waren durch die ernsten Verhältnisse auf den Salomons zunichte geworden. Nach Hughies Tod hatte er beschlossen, sich irgendwie mit der Plantage durchzuringen; aber dieser Entschluß hatte nur auf seiner angeborenen Hartnäckigkeit und seiner Abneigung dagegen beruht, eine begonnene Arbeit aufzugeben. Jetzt aber war es anders. Berande bedeutete ihm alles. Er mußte Erfolg haben – nicht allein, weil Joan seine Teilhaberin geworden, sondern weil er diese Teilhaberschaft zu einer dauernden gestalten wollte. Noch drei Jahre, und die Plantage stellte eine glänzende Kapitalsanlage dar. Dann konnten sie alljährlich oder noch öfter nach Sydney fahren, gelegentlich eine Reise nach England – oder nach Hawai – machen. Er verbrachte seine Abende damit, daß er über Berechnungen brütete oder endlose Kalkulationen über billigere Koprafrachten und etwaige Maximal- und Minimalpreise für diesen Handelsartikel aufstellte. Tagsüber war er draußen auf der Plantage. Er begann, mehr Busch zu roden, und das Roden und Pflanzen ging unter seiner persönlichen Aufsicht schneller als je. Er versuchte es mit Prämien für Extraarbeiten. Er sah, daß er mehr Schwarze brauchte. Aber er konnte sie erst bekommen, wenn Joan mit dem Schoner zurückkehrte. Denn die gewerbsmäßigen Werber hatten sämtlich langjährige Kontrakte mit Gebrüder Fulerum, Morgan & Raff und Fires, Philp & Co., während die Flibberty-Gibbet genug zu tun hatte mit ihren Fahrten zwischen seinen weit verstreuten Stationen, die sich von der Küste von Neu-Georgia einerseits bis Sikiani anderseits erstreckten. Schwarze brauchte er auf jeden Fall. Aber selbst, wenn Joan Glück hatte und einen Schoner fand, vergingen mindestens drei Monate, ehe die ersten nach Berande gebracht werden konnten.

Eine Woche nach der Abfahrt der Upolu ankerte die Malakula vor Berande. Der Kapitän kam an Land, um eine Partie Billard zu spielen und zu plaudern, bis die Landbrise aufkam. Außerdem mußte er, wie er seinem Supercargo sagte, an Land, um ein großes Paket mit Samen nebst genauer Gebrauchsanweisung von Joan abzugeben, und um Scheldon mit den Neuigkeiten, die er brachte, eine kleine Überraschung zu bereiten.

Kapitän Aukland spielte zunächst seine Partie Billard und erst, als er bequem, sein zweites Glas Whisky in der Hand, in einem Korbsessel saß, ließ er die Bombe platzen.

»Ein Hauptkerl, dies Fräulein Lackland«, erklärte er. »Behauptet, sie sei an Berande beteiligt! Sagt, sie sei Ihr Teilhaber! Stimmt das?«

Scheldon nickte kühl.

»Tatsächlich? Das ist eine Überraschung! Nun, in Guvutu und Tulagi hat man ihr nicht geglaubt. Man ist dort wahrhaftig allerhand gewöhnt, aber – haha! –« Er hielt inne, um zu lachen und sich den kahlen Kopf mit einem Kanakentaschentuch abzuwischen. »Aber diese Teilhabergeschichte war den Leuten doch zuviel, wenn sie ihnen auch einen Grund gab, ein bißchen mehr zu trinken.«

»Es ist durchaus nichts Merkwürdiges daran, es ist eine ganz einfache geschäftliche Angelegenheit.« Scheldon bemühte sich, es so darzustellen, als ob derartige Geschäfte etwas ganz Alltägliches auf den Plantagen der Salomoninseln seien. »Sie hat etwa fünfzehnhundert Pfund in Berande angelegt.«

»Ja, das sagte sie.«

»Sie ist in Geschäften für die Plantage nach Sydney gefahren.«

»Nein, das ist sie nicht.«

»Wie bitte?«

»Ich sagte, daß sie das nicht ist! Weiter nichts!«

»Ist denn die Upolu nicht abgefahren? Ich möchte schwören, daß ich Dienstag nachmittags ihren Rauch gesehen habe, als sie Savo passierte.«

»Die Upolu ist abgefahren« – Kapitän Aukland schlürfte seinen Whisky mit herausfordernder Langsamkeit, »aber Fräulein Lackland war nicht an Bord.«

»Wo ist sie denn?«

»In Guvutu. Wenigstens habe ich sie dort zuletzt gesehen. Sie wollte doch nach Sydney, um einen Schoner zu kaufen?«

»Ja, ja.«

»Das sagte sie. Nun, sie hat einen gekauft, aber ich möchte keine zehn Schilling dafür geben, wenn ein Nordwest aufkommt; es ist Zeit, daß wir einen kriegen. Das gute Wetter hat zu lange gedauert, als daß es noch weiter anhalten könnte.«

»Wenn Sie hergekommen sind, um mich neugierig zu machen,« sagte Scheldon, »dann haben Sie Ihren Zweck erreicht. Nun legen Sie schon los, was ist geschehen? Was ist das für ein Schoner? Wo ist er? Wie kam sie dazu, ihn zu kaufen?«

»Erstens: es ist die Martha«, antwortete der Kapitän, indem er seine Antworten an den Fingern herzählte. »Zweitens: die Martha sitzt auf dem Außenriff von Punga-Punga, hat alles verloren, was nicht niet- und nagelfest war, und steht im Begriff, bei der ersten unruhigen See auseinanderzubrechen. Und drittens: Fräulein Lackland hat sie auf der Auktion gekauft. Sie bekam den Zuschlag für fünfundfünfzig Pfund. Ich weiß es genau, da ich selbst für Morgan & Raff fünfzig geboten hatte. Die wurden mächtig wütend! Ich sagte ihnen, sie sollten sich zum Teufel scheren, und es sei ihr eigener Fehler, daß sie mich bei einem Höchstgebot von fünfzig Pfund festgelegt hätten, wenn sie dachten, daß die Martha mehr wert sei. Sie hatten eben nicht mit einer Konkurrenz gerechnet. Fulerum hatte keinen Vertreter geschickt, ebensowenig Fires, Philp & Co., und der einzige, den sie zu fürchten hatten, war Nielsens Agent, Squires, und den hatten sie so betrunken gemacht, daß er in Guvutu fest schlief.

»›Zwanzig‹, bot ich. ›Fünfundzwanzig‹, sagte die Kleine. ›Dreißig‹, sagte ich. ›Vierzig‹, sagte sie. ›Fünfzig› ich. ›Fünfundfünfzig‹ sie. Und da konnte ich nicht mehr mit. ›Warten Sie, bis ich mit meinen Auftraggebern gesprochen habe.‹ ›Nein, das tue ich nicht‹, sagte sie. ›Es ist so üblich‹, sagte ich. ›Nirgends in der Welt‹, sagte sie. ›Aber die Höflichkeit in den Salomons verlangt es‹, sagte ich.

»Und wahrhaftig, ich glaube, Burnett hätte es getan, aber sie flötete süß und schnippisch: ›Herr Auktionator, wollen Sie gefälligst in der üblichen Weise mit der Versteigerung fortfahren? Ich habe noch andere Geschäfte zu erledigen und kann es mir nicht leisten, die ganze Nacht auf Leute zu warten, die nicht wissen, was sie wollen.‹ Und dann lächelte sie Burnett zu, wie, nun, Sie wissen, ein gewinnendes Lächeln, und, hol's der Teufel, Burnett schrie: ›Zum ersten, zum zweiten – letztes Gebot – zum zweiten, zum zweiten für fünfundfünfzig Pfund – zum zweiten – – und – – zum – dritten – für Sie, Fräulein – äh – wie ist Ihr Name bitte?‹

»›Joan Lackland‹, sagte sie und lächelte mir zu. Und so bekam sie die Martha.«

Scheldon durchfuhr eine jähe Freude. Die Martha! Ein besserer Schoner als die Malakula und somit der beste in den Salomons. Das war das richtige Schiff zum Werben, und obendrein hatten sie ihn an Ort und Stelle. Dann aber machte er sich klar, daß die Aussicht auf die Bergung des Schoners nur gering sein konnte, wenn er auf der Auktion für fünfundfünfzig Pfund weggegangen war.

»Wie kam es denn eigentlich?« fragte er. »War es nicht etwas voreilig, die Martha zu verkaufen?«

»Sie mußten. Sie kennen doch das Riff von Punga-Punga. Das Schiff ist keine zwei Groschen wert, wenn auch nur der geringste Seegang aufkommt. Und ein Nordwest kann jeden Augenblick aufspringen. Die Besatzung hatte den Schoner gänzlich aufgegeben. Dachte nicht einmal im Traum an eine Auktion. Morgan & Raff überredeten sie erst dazu. Es ist ein genossenschaftliches Unternehmen, wie Sie wissen, alle Mann, einschließlich Koch, sind beteiligt. Sie hielten eine Versammlung ab und stimmten für den Verkauf.«

»Warum blieben die Leute nicht dort und versuchten das Schiff zu retten?«

»Warum sie nicht dortblieben? Sie kennen doch Malaita, und Sie kennen Punga-Punga. Es ist dort, wo sie die Scottish Chiefs abschnitten und alle Mann ermordeten. Es gab keine andere Möglichkeit, als in die Boote zu gehen. Das Ruder versagte, und nach fünf Minuten saß die Martha auf dem Riff und wurde von den Eingeborenen überfallen. Die trieben die Besatzung einfach in die Boote. Ich sprach mit einigen von den Leuten. Sie schwuren, daß innerhalb einer halben Stunde zweihundert Kriegskanus um sie herumgewesen wären und fünfhundert Buschleute am Strande gewartet hatten, und daß man vor lauter Rauch von den Signalfeuern überhaupt nichts von Malaita hätte sehen können. Sie flohen nach Tulagi.«

»Aber leisteten sie denn gar keinen Widerstand?« fragte Scheldon.

»Ja, es ist merkwürdig, daß sie es nicht taten. Aber sie wurden getrennt. Sehen Sie, zwei Drittel waren waffenlos in den Booten, um die Anker auszufahren, und dachten nicht im geringsten an einen Angriff der Eingeborenen. Sie erkannten ihren Irrtum erst zu spät. Die Eingeborenen hatten die Oberhand. Das kommt, weil sie Neulinge sind. Ihnen oder mir oder sonst einem alten Südseemann wäre das nie passiert.«

»Und was gedenkt Fräulein Lackland jetzt zu tun?« Kapitän Aukland grinste.

»Sie wird wohl versuchen, die Martha wieder flott zu machen; warum hätte sie sonst fünfundfünfzig Pfund dafür bezahlt? Und wenn ihr das nicht gelingt, wird sie versuchen, zu ihrem Gelde zu kommen, indem sie die Spieren, das Patent-Ruder-Geschirr und die Winschen birgt. Ich wenigstens würde das tun, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Als ich abfuhr, hatte das Mädel gerade die Emily gechartert. – ›Ich muß zum Werben fahren‹, sagte Munster – der ist jetzt Kapitän und Eigner. – ›Und wieviel verdienen Sie auf der Reise?‹ fragte sie. ›Ach, fünfzig Pfund‹, sagte er, ›Schön‹, sagte sie, ›Sie fahren mit Ihrer Emily für mich und bekommen fünfundsiebzig Pfund.‹ Erinnern Sie sich an den großen Anker und die Kette, die hinter dem Kohlenschuppen liegen? Die kaufte sie gerade, als ich abfuhr. Sie ist ein richtiger kleiner Teufel, Ihr Mädel.«

»Sie ist mein Teilhaber,« verbesserte Scheldon.

»Nun, dann aber jedenfalls ein guter und praktischer! Mein Wort! Eine weiße Frau auf Malaita und noch dazu auf Punga-Punga! Ach, ich vergaß, Ihnen zu erzählen – sie beschwatzte Burnett, ihr acht Gewehre für ihre Leute und drei Kisten Dynamit zu leihen. Sie würden gelacht haben, wenn Sie gesehen hätten, wie sie diese Guvutu-Gesellschaft in Staunen setzte, als man höflich versuchte, ihr gute Ratschläge zu erteilen. Das Mädel ist ein Wunder, etwas Unnatürliches, eine Katastrophe. Wahrhaftig – eine Katastrophe! Sie hat Guvutu und Tulagi wie ein Sturmwind aufgerüttelt; bis zum letzten verkommenen Kerl sind alle in sie verliebt. Mit Ausnahme von Raff. Der ist böse wegen der Auktion und hielt ihr seinen Vertrag mit Munster vor. Sie tat weiter nichts, als daß sie ihm dankte, den Vertrag durchlas und darauf hinwies, daß Munster zwar verpflichtet sei, alle geworbenen Arbeiter an Morgan & Raff abzuliefern, daß das Dokument aber keine Klausel enthielte, die ihm verböte, die Emily zu verchartern.

»›Hier ist Ihr Kontrakt‹, sagte sie, indem sie ihn zurückgab. ›Ein sehr guter Vertrag. Aber wenn Sie wieder einmal einen aufsetzen, dann fügen Sie eine Klausel hinzu, die solche unerwarteten Ereignisse wie dieses vorsieht.‹ Und, bei Gott, da hatte sie auch ihn eingewickelt.

»Aber da ist die Brise, und ich muß weg. Leben Sie wohl, ich hoffe, das Mädel hat Erfolg. Die Martha ist ein Prachtschiff und könnte die Jessie ersetzen.«

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