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Die Insel Berande

Jack London: Die Insel Berande - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleDie Insel Berande
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
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Die Port-Adams-Bande

Und so ging die Geschichte ganz einfach«, sagte Scheldon. Er saß auf der Veranda und trank Kaffee, während das Boot in den Schuppen gebracht wurde. »Boucher war zuerst etwas zaghaft und wollte nicht mit starker Hand eingreifen, als aber einmal der Anfang gemacht war, machte er sich sehr gut. Wir hielten zum Schein eine Gerichtssitzung ab, und Telepasse, der alte Schuft, nahm das Urteil an. Er ist ein Port-Adams-Häuptling, ein schmieriger Halunke. Er mußte den zehnfachen Wert der Schweine erlegen und mit seiner Bande abziehen. Oh, ich sage Ihnen, das ist eine feine Gesellschaft! Mindestens sechzig Mann in fünf Kanus, die Streit suchen. Sie haben sich auch ein Dutzend Gewehre verschafft, die man ihnen wegnehmen müßte.«

»Warum haben Sie es denn nicht getan?« fragte Joan. »Soll ich mich mit dem Kommissar einlassen? Er ist schrecklich empfindlich in bezug auf seine schwarzen ›Mündel‹, wie er sie nennt. Na, also, wir schoben sie ab, aber einige Meilen weiter am Strande landeten sie doch wieder, um abzukochen. Sie müßten eigentlich heute hier vorbeikommen.«

Zwei Stunden später waren die Kanus da. Niemand hatte sie kommen sehen. Die Hausboys waren in der Küche, die Plantagenarbeiter in ihren Baracken; alle aßen. Satan schlief fest, auf dem Rücken liegend, unter dem Billard und schüttelte im Schlaf die lästigen Fliegen ab. Joan kramte im Lager umher, und Scheldon hielt seinen Mittagsschlaf in der Hängematte auf der Veranda. Da wachte er auf. Eine Warnung, daß etwas nicht in Ordnung sei, hatte seinen Schlaf auf geheimnisvolle, unerklärliche Weise unterbrochen. Ohne sich zu regen, sah er hinunter. Der Platz wimmelte von bewaffneten Wilden. Es waren dieselben, mit denen er am Morgen zu tun gehabt, aber er bemerkte, daß sich ihre Zahl vermehrt hatte. Es waren Männer darunter, die er vorher nicht gesehen. Er ließ sich aus der Hängematte gleiten und schlenderte mit absichtlicher Langsamkeit ans Geländer, wo er, verschlafen gähnend, auf sie hinabsah. Er hatte das eigentümliche Gefühl, daß es seine Bestimmung sei, immer auf diesem erhöhten Platz zu stehen und hinabzuschauen auf endlose Horden von aufrührerischen Schwarzen, die Aufsicht, Einschüchterung und Beruhigung brauchten. Während er aber scheinbar sorglos über sie hinblickte, ging er ernsthaft mit sich zu Rate. Die neu Hinzugekommenen waren nämlich mit modernen Gewehren bewaffnet. Aha! Er hatte es sich gedacht. Es waren fünfzehn zweifellos die Ausreißer aus Lunga. Außerdem befand sich ein Dutzend alter Gewehre in den Händen der ihm schon bekannten Leute. Die übrigen waren mit Speeren, Keulen, Bogen und Pfeilen und langstieligen Äxten bewaffnet. Am Strande konnte er die an Land gezogenen großen Kriegskanus mit phantastisch geschnitztem Bug und Heck sehen, die mit Schnörkeln und Schnüren aus weißen Kaurimuscheln verziert waren. Es waren die Leute, die seinen Händler Oskar in Ugi ermordet hatten.

»Was Name ihr gehen auf diesen Platz?« fragte er. Gleichzeitig warf er einen verstohlenen Blick auf das Meer, wo die Flibberty-Gibbet sich auf der spiegelglatten See wiegte. Nicht eine Seele zeigte sich unter ihrem Sonnensegel, und er sah, daß das Boot an ihrer Seite fehlte. Die Tahitianer waren vermutlich den Balesuna hinauf zum Fischfang gefahren. Er stand ganz allein dieser großen Gefahr gegenüber, während seine Welt an diesem windstillen, tropischen Mittag friedlich schlummerte.

Keiner antwortete, und er wiederholte seine Frage, diesmal herrischer und mit wachsendem Zorn. Die Schwarzen drängten sich beim Klange (seiner Stimme unbehaglich hin und her wie eine Viehherde. Aber keiner sprach. Alle Augen starrten ihn abwartend an. Etwas mußte geschehen, und darauf warteten sie, warteten mit schwankendem, doch einmütigen Masseninstinkt auf den unter ihnen, der den ersten Schritt unternähme, um sie alle zu gemeinsamem Vorgehen zu veranlassen. Auch Scheldon sah sich nach ihm um, denn es war der, den er zu fürchten hatte. Gerade unter sich erblickte er die Mündung eines Gewehrs, die sich, zwischen zwei schwarzen Körpern kaum hervorlugend, langsam gegen ihn hob; es wurde von einem Mann in der zweiten Reihe an der Hüfte gehalten.

»Was Name du?« rief Scheldon plötzlich, indem er auf den Mann zeigte, der das Gewehr hielt; der zuckte zusammen und senkte die Mündung.

Noch hielt Scheldon das Heft in der Hand, und er war entschlossen, es zu behalten.

»Fort hier, alle ihr fella Jungens«, befahl er. »Fort hier und gehen zu Salzwasser. Savvee!«

»Mich sprechen«, rief ein dicker, schmutziger Wilder, dessen behaarte Brust von einer jahrealten Schmutzkruste bedeckt war.

»Oh, bist du es, Telepasse?« sagte der Weiße heiter. »Du sagen den Jungens fortgehen, und du bleiben und reden mit mir.«

»Ihr gut fella Jungens«, lautete die Antwort. »Ihr bleiben.«

»Schön, was wünschest du?« fragte Scheldon, der seine Schwäche unter Sorglosigkeit zu verbergen trachtete.

»Das fella Junge gehören mir.« Der alte Häuptling zeigte auf Gogoomy, den Scheldon erkannte. »Weiße Mary gehören dir zuviel nicht gut«, fuhr Telepasse fort. »Schlagen Kopf gehören Gogoomy. Gogoomy wie Häuptling. Wenn mich tot, Gogoomy groß fella Häuptling. Weiße Mary schlagen ihn Kopf. Nicht gut. Du zahlen mir viel Tabak, viel Pulver, viel Kaliko.«

»Du alter Halunke!« sagte Scheldon. Vor einer Stunde hatte er noch über Joans Bericht gelächelt, und jetzt kam Telepasse schon selbst, um die Forderung einzutreiben.

»Gogoomy,« rief Scheldon, »was Name du gehen hier? Du gehen Baracke viel schnell.«

»Mich bleiben«, lautete die herausfordernde Antwort. »Weiße Mary gehören dir, schlagen ihn Kopf,« begann der alte Telepasse wieder, »mein Wort, viel groß fella Ärger, du nicht bezahlen.«

»Du reden mit Jungens«, sagte Scheldon mit wachsender Erregung. »Du sagen ihnen, gehen zu Hölle an Strand, dann ich sprechen mit dir.«

Scheldon spürte eine leichte Erschütterung der Veranda und wußte, daß Joan herausgetreten war und neben ihm stand, aber er wagte nicht, hinzusehen. Es gab zuviele Gewehre dort unten, und diese Gewehre hatten die Eigentümlichkeit, von der Hüfte aus loszugehen.

Wieder erbebte die Veranda unter ihren Schritten, und er wußte, daß Joan ins Haus zurücktrat. Gleich darauf stand sie wieder neben ihm. Er hatte sie nie rauchen sehen, und es berührte ihn eigentümlich, daß sie es gerade jetzt tat. Dann ahnte er den Grund. Ein schneller Blick belehrte ihn, daß sie in der Hand die wohlbekannte, in Papier gewickelte Dynamitpatrone hielt. Dazu bemerkte er noch das Ende der ordnungsgemäß gespaltenen und mit dem Kopf eines Wachsstreichholzes versehenen Zündschnur.

»Telepasse, du alter Schuft, sagen Jungens gehen weg nach Strand. Mein Wort, ich nicht warten mehr.«

»Mich nicht warten«, sagte der Häuptling. »Mich wollen, du bezahlen, weiße Mary schlagen Kopf gehören Gogoomy.«

»Ich kommen runter und schlagen Kopf gehören dir«, erwiderte Scheldon, indem er sich an das Geländer lehnte, als ob er gleich hinüberspringen wollte.

Ein drohendes Gemurmel erhob sich, und die Schwarzen wurden unruhig. Mehrere Gewehrmündungen hoben sich an den Hüften. Da hielt Joan das brennende Ende der Zigarette an die Zündschnur. Ein Gewehr ging mit dem Krach eines Böllerschusses los, und Scheldon hörte, wie eine Fensterscheibe hinter ihm zertrümmert wurde. Im selben Augenblick schleuderte Joan die Dynamitpatrone in das dichte Gedränge der Schwarzen; die Zündschnur zischte und sprühte. Die Schwarzen drängten sich in zu großer Hast zurück, als daß sie noch einmal hätten schießen können. Satan, durch den Schuß geweckt, knurrte und kratzte drinnen an der Tür, um herausgelassen zu werden. Joan hörte es und öffnete die Tür. Und damit endete die Tragödie, und die Komödie begann.

Gewehre und Speere wurden zu Boden geworfen, und in wilder Flucht ging es in die schützenden Kokospalmen. Satan schien überall gleichzeitig zu sein. Noch nie hatte er Gelegenheit gehabt, sich auf eine solche Menge schwarzen Fleisches zu stürzen, und er biß und schnappte nach den fliehenden schwarzen Beinen, bis das letzte Paar über seinem Kopf verschwunden war. Alle waren in die Palmen geklettert, mit Ausnahme Telepasses, der zu alt und dick war. Er lag regungslos mit dem Gesicht auf der Erde, wo er hingefallen war. Satan, der zu gutmütig war, um einen bewegungslosen Feind anzugreifen, jagte wütend bellend von Baum zu Baum und sprang nach denen, die am niedrigsten hingen.

»Ich glaube, Sie brauchen noch etwas Unterricht, wie man Zündschnüre befestigt«, sagte Scheldon zu Joan.

Joans Augen richteten sich spöttisch auf ihn.

»Es war kein Zündhütchen darauf«, sagte sie. »Und außerdem ist das Zündhütchen noch nicht erfunden, das diese Ladung zur Explosion bringen könnte. Es war eine Medizinflasche.«

Sie steckte die Finger in den Mund, und Scheldon zuckte zusammen, als er sie einen scharfen durchdringenden Pfiff wie ein Junge ausstoßen hörte, einen Pfiff, den sie stets für ihre Seeleute gebrauchte, und der ihn jedesmal zusammenzucken ließ.

»Sie sind zum Balesuna hinaufgegangen, um Fische zu schießen«, erklärte er. »Aber dort kommt Olson mit seiner Bootsbesatzung. Er ist ein alter Raufbold. Sehen Sie nur, wie er auf die Leute einschlägt; sie rudern ihm nicht schnell genug.«

»Und was soll jetzt geschehen?« fragte sie. »Sie haben Ihr Wild auf die Bäume gehetzt, aber Sie können es doch nicht dort oben lassen.«

»Nein, das nicht, aber ich werde ihnen jetzt eine gute Lehre erteilen.«

Scheldon ging zu der großen Glocke hinüber.

»Lassen Sie nur«, erwiderte er auf ihre abwehrende Bewegung. »Meine Leute sind fast alle aus dem Busch, während diese Kerle Salzwasserleute sind. Sie lieben sich nicht. Passen Sie auf, es gibt einen guten Spaß.« Er läutete die Glocke, und nach und nach versammelten sich die zweihundert Arbeiter vor dem Hause. Satan war wieder im Wohnzimmer eingesperrt und jammerte in den höchsten Tönen über die abscheuliche Behandlung. Die Plantagenarbeiter tanzten ihre Kriegstänze unter lauten Beschimpfungen ihrer Erbfeinde um den Fuß jeder Palme. Im lautesten Getöse kam der Kapitän der Flibberty-Gibbet an; das wiederkehrende Fieber ließ ihn schwanken und heftig zittern, sodaß er kaum sein Gewehr festhalten konnte. Sein Gesicht war geisterhaft blau, seine Zähne klapperten, und nicht einmal der starke Sonnenschein, durch den er schritt, konnte ihn erwärmen. »Ich werde mich hinsetzen und auf sie aufpassen«, stammelte er. »Zu dumm, jedesmal, wenn etwas los ist, bekomme ich das Fieber. Was wollen Sie tun?«

»Vor allem zunächst einmal die Gewehre auflesen.«

Auf Scheldons Anweisung sammelten die Hausboys und Vorarbeiter die verstreuten Waffen auf und legten sie in einem Haufen bei der Veranda nieder. Die modernen Gewehre stellte Scheldon beiseite; die alten zerschlug er, und den ganzen Haufen von Speeren, Keulen und Äxten schenkte er Joan.

»Eine wirklich einzigartige Bereicherung Ihrer Sammlung, direkt vom Schlachtfeld aufgelesen,« lächelte er. Am Strande ließ er mit dem Inhalt der Kanus ein Freudenfeuer anzünden, während seine Schwarzen alles, was ihnen in die Finger kam, zerschmetterten, zerbrachen oder plünderten. Die Kanus wurden mit Sand und Korallenblöcken gefüllt, auf zehn Faden Tiefe geschleppt und dort versenkt.

»Zehn Faden werden ihnen genug Arbeit machen«, sagte Scheldon, als sie zum Haus zurückgingen.

Hier war unterdessen ein böser Tanz ausgebrochen. Die Kriegsgesänge und Tänze waren immer zügelloser geworden, und die Schwarzen der Pflanzung waren vom Schimpfen dazu übergegangen, ihre hilflosen Feinde mit Holzpflöcken, Steinen und Korallenblöcken zu bewerfen. Die fünfundsiebzig stämmigen Kannibalen klammerten sich an die Bäume, ließen den Geschoßhagel stoisch über sich ergehen und schworen Rache.

»Das gibt Grund zu vierzigjährigen Feindseligkeiten auf Malaita. Aber ich glaube, der alte Telepasse wird nie wieder versuchen, eine Plantage zu überfallen.« »He, du alter Schuft«, lachte er, indem er sich an den alten Häuptling wandte, der am Fuße der Treppe saß und in ohnmächtiger Wut vor sich hin redete. »Jetzt Kopf gehören dir schlagen ihn. Kommen Sie, Fräulein Lackland. Langen Sie ihm eine herunter. Das setzt dem Schimpf die Krone auf.«

»Hu, der ist mir zu schmutzig! Lieber verabreiche ich ihm ein Bad. Hier, du Adamu-Adam, geben diesem Teufel-Teufel eine Wäsche. Seife und Wasser! Füll den Waschtrog. Ornfiri, lauf und hole den Schrubber.«

Die Tahitianer, die vom Fischen zurückgekehrt waren, und über den Betrieb vor dem Hause lachten, gingen auf den Spaß ein.

»Tambo! Tambo!« Tambo = Tabu. schrieen die Kannibalen aus den Palmen, erschrocken über die furchtbare Entweihung, als sie sahen, wie ihr Häuptling in den Waschtrog gesteckt und der heilige Schmutz von seinem Körper gerieben wurde.

Joan, die in das Bungalow gegangen war, warf ihnen einen Streifen weißen Kalikos hinunter, in den der alte Telepasse unverzüglich eingewickelt wurde, und jetzt stand er vor Sauberkeit glänzend da und spuckte und würgte den Seifenschaum, den Noah-Noah ihm in den Hals gespritzt hatte.

Die Hausboys mußten Handschellen holen, und die Ausreißer aus Lunga wurden einer nach dem andern von den Palmen heruntergeholt und gefesselt. Scheldon fesselte sie paarweise und befestigte die Handschellen an einer stählernen Kette. Gogoomy erhielt für sein aufrührerisches Verhalten eine Lektion und wurde für den Rest des Tages eingesperrt. Dann belohnte Scheldon die Plantagenarbeiter mit einem freien Nachmittag, und als sie sein Grundstück verlassen hatten, erlaubte er den Port-Adams-Leuten, von den Palmen herunter zu klettern. Den ganzen Nachmittag blieben er und Joan auf der kühlen Veranda und beobachteten die Schwarzen, wie sie tauchten und ihre versenkten Kanus entleerten. Der Tag ging bereits zur Neige, als sie sich einschifften und mit ein paar zerbrochenen Paddeln davonruderten. Eine Brise war aufgesprungen, und die Flibberty-Gibbet war schon nach Lunga unterwegs, um die Ausreißer zurückzubringen.

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