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Die ins Leben lachen

Henny Koch: Die ins Leben lachen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorHenny Koch
titleDie ins Leben lachen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
illustratorE. Rosenstand
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150612
projectidfa101d05
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Warum aus Liese-Lotte plötzlich zweie wurden.

1.

Der Eisenbahnzug strebte mit beflügelter Eile einer langgestreckten Bergkette zu. Die weichen Linien der Berge hoben sich dunkel vom durchsichtig blauen Herbsthimmel ab. Im Näherkommen unterschied man schon deutlich, daß der Wald, der die Höhen überzog, in goldbrauner Spätoktoberfärbung prangte. Hochragendes graues Gemäuer erhob sich von vereinzelten Kuppen, da und dort auch ein ausgebauter Burgturm, über dem allem lachte die Sonne ganz jugendlich warm, sie hatte offenbar ihre Lust an dem hübschen Bilde.

Noch jemand anders hatte seine helle Lust daran, freilich eine Lust, die dem besagten Jemand Träne um Träne in die strahlenden jungen Blauaugen trieb.

Ungeduldig wurden die Tränen mit dem flachen Handrücken weggewischt. »So albern,« lachten die roten Lippen dazu und zuckten doch ganz verräterisch.

Ein Blondkopf beugte sich aus dem Fenster, so weit er nur konnte, und der Oktoberwind zauste und zerrte gewalttätig neckisch an dem dunkelblauen Filzhütchen, das auf den dicken Flechten saß. Zwei feste, kleine handschuhlose Hände wußten sich kaum Rat zwischen dem sausenden Wind und den immer wieder wegzuwischenden Tränentröpfchen.

Da hielt der Zug mit einem Ruck.

»Wa–alsbach!« schrie der Schaffner und dehnte das a, als ob er extra dafür bezahlt würde.

»Nur noch eine Station!« seufzten die roten Lippen erleichtert auf.

Und die Besitzerin dieser roten Lippen, der tränenfeuchten Blauaugen, des Blondkopfs mit den darumgeschlungenen dicken Flechten, der festen kleinen Hände, denen der Oktoberwind durchaus das blaue Filzhütchen entreißen wollte – ließ sich ausatmend in den Polstersitz zurücksinken.

Energisch wischte sie sich noch einmal die Augen aus und rückte das mißhandelte Hütchen zurecht.

Eben zur Zeit. Die Tür klappte. Ein junger Mann stieg ein.

Forschend schaute er sich um und lüftete sehr verbindlich, als ob er bekannt sei, den Hut. Seine Augen hatten dabei aufgeleuchtet.

»Gnädiges Fräulein erlauben?«

Der Blondkopf mit den dicken Flechten neigte sich etwas förmlich.

»Gnädiges Fräulein sind verreist gewesen?«

Ein befremdeter Blick aus den Blauaugen. Wieder dasselbe förmliche Neigen des Blondkopfs.

»Haben sich gnädiges Fräulein neulich abend im Kasino noch gut amüsiert? Mein gewöhnliches Pech, wenn ein junger Arzt, wo es sich um Patienten handelt, so sagen darf, hat mich leider gleich zu Anfang dort fortgetrieben. Ich hoffe sehr, später das Versäumte nachholen zu dürfen.«

In den Blauaugen blitzte der Schelm auf. Die roten Lippen hatten Mühe, das Lachen zurückzuhalten. Eine kleine Hand preßte sich fest dagegen. »Ob ich mich amüsiert habe? Ha – ha –!« Das Lachen erstickte im Keim. Wie gewaltige Anstrengung das kostete, sah man daran, daß sich das ganze junge Gesicht mit purpurner Glut überzog.

»Ich – ich –« vergebliches Ringen nach erklärenden Worten. Immer wieder wollte das hindernde Lachen vorbrechen.

Kopfschüttelnd sah er sie an. Es war ihm doch neulich abend gar nichts Absonderliches an der jungen Dame aufgefallen. Freilich hatte er sich im Kasino nur sehr kurz mit ihr unterhalten, ein Viertelstündchen vielleicht, dann hatte ihn »sein Pech« fortgetrieben. Er hatte sich nämlich seit einem Monat und etwas darüber im Städtchen Dingernheim als Jünger Äskulaps niedergelassen. Da war es, als ob die Patienten alle eigens auf ihn, Rolf Werther, gewartet hätten. Was wenig junge Ärzte von sich sagen können, er hatte es gleich mit dem Ort seiner Ansiedlung getroffen. Und recht angenehm schien der gesellige Verkehr des kleinen Städtchens zu sein. Freilich, wenn sich alle jungen Damen bei näherer Besichtigung als solche Gickgacks entpuppten –

Ein etwas zweifelhafter Blick traf sein Gegenüber.

Das hatte mittlerweile den Lachanfall siegreich niedergerungen und saß nun sehr gesittet da. Eben wollte Doktor Werther noch einen Versuch zur Anrede machen, da pfiff die Lokomotive.

»Dingernheim!« entrang es sich mit einem Jauchzen den roten Lippen. Wie elektrisiert war die junge Dame aufgefahren.

Sie griff nach ihrem Köfferchen im Netz oben, sie achtete gar nicht darauf, daß er ihr helfen wollte. Den Blondkopf hielt sie immerfort dem geöffneten Fenster zugedreht.

»Liese!« klang's jetzt von draußen, jauchzend, klingend, silbern.

»Lotte!« antwortete es von innen, genau in demselben jauchzenden, klingenden, silbernen Tonfall.

Und die, die »Lotte« gerufen hatte, drängte sich an Doktor Werther vorbei. Sie hätte ihn zur Seite geschoben, wenn er nicht von selbst zurückgetreten wäre. Sie hatte nur Augen für die Tür. Sie rüttelte daran, heftig, ungeduldig, und da war sie auch schon draußen. Und »Liese!« – »Lotte!« klang's noch einmal genau so silbern, so klingend, so jauchzend wie zuvor.

Sie hielten sich umfaßt, die zwei jungen Menschenkinder, als wollten sie sich nie wieder loslassen. Sie lachten, sie weinten, sie streichelten sich gegenseitig, sie sahen sich in die Augen, sie stammelten unzusammenhängende Worte, kurz sie benahmen sich ebenso haltlos und verdreht, wie sich auch oft ältere Menschen bei derlei Anlässen benehmen.

Doktor Werther, der mittlerweile auch aus dem Wagen geklettert war und einen Damenschirm in Händen hielt, stand daneben, starr vor Staunen.

Er griff sich an den Kopf und rückte den Hut zurecht – da war alles in Ordnung. Er nahm den Kneifer von der Nase und besah ihn – der war nicht angelaufen. Was er sah, mußte also seine Richtigkeit haben.

Was ihn starr vor Staunen machte, war nicht das Benehmen der jungen Damen da vor ihm. Derlei hatte er schon oft bei jungen und bei alten gesehen. Nein, aber die sich da umschlungen hielten und weinten und lachten und sich streichelten und nur unzusammenhängende Worte finden konnten, die waren so genau eine das Abbild der anderen, daß es komisch hätte sein müssen, wenn es nicht so wunderbar gewesen wäre.

Illustration: E. Rosenstand

Zug für Zug genau dasselbe lachende, frische junge Gesicht, die blitzenden Blauaugen, die Blondköpfe mit den dicken Flechten drum, die schlanke, biegsame, kräftige Gestalt.

Zug für Zug genau dasselbe dunkelblaue Tuchkostüm mit karierter Überjacke und dem kleinen runden Hut aus demselben Stoff.

Solch ein Naturspiel! Doktor Werther hätte beinahe aufgelacht.

Das Köfferchen, das die eine in Händen hielt, war der einzige Unterschied.

Welche aber hielt es in Händen? Die gekommen war, oder die die Kommende erwartet hatte?

Er wollte eben vortreten und den Schirm auf gut Glück ausliefern, da ging's noch einmal los: »Liese!« – »Lotte!«

Rücksichtsvoll trat er abseits, konnte den Blick aber nicht von den beiden wenden.

Der Schaffner hatte seine Überraschung gesehen und seine helle Freude dran gehabt. Auf der kleinen Strecke, die die Sekundärbahn durchlief, kannte er alle die Schäflein seiner Herde, die sich seiner Führung abwechselnd anvertrauten. Er fühlte sich zu ihnen in einem fast väterlichen Verhältnis. So zupfte er denn auch den »neuen Herrn Doktor« am Rock und wies grinsend mit bedeutsamem Augenblinkern nach den beiden Blondköpfen hin: »Dem Herrn Forstmeister sei' Zwilling! Ähnlich, he? Mir sage als, wie zwei Borsdorfer Äppelcher! Ha, ha, ha!«

Der Vergleich war treffend. Doktor Werther mußte vor sich hin lächeln. Und dann trat er zu den jungen Damen hin.

Da war indes etwas Veränderung, besser zu sagen, Bewegung in die Szene gekommen. Statt sich gegenseitig umschlungen zu halten, hatte jede der beiden einen kleinen Dachs vom Boden gehoben, die aufs Haar, wie die Herrinnen, einer dem anderen glichen.

Das Dächslein wurde nun geliebkost und gestreichelt, aber dabei hieß es gerade wie vorher: »Liese!« – »Lotte!« Und dann wurden die Tierchen ausgewechselt, und das Streicheln und Liebkosen ging von neuem an.

Die Sache schien endlos. Mit raschem Entschluß trat Doktor Werther vor. Er hielt den Schirm gleichsam als Ausweis, als Parlamentärflagge in die Höhe und wendete sich auf gut Glück an die Nächststehende: »Gnädiges Fräulein verzeihen die nochmalige Störung. Der Schirm war stehen geblieben!« Damit reichte er ihn hin.

Die, die er angeredet hatte, wurde feuerrot. »Ich – ich – die Liese –« sie war in großer Verwirrung, zumeist weil sie das gewaltsam vorbrechende Lachen unterdrücken wollte. Da ging aber urplötzlich ein Höllenspektakel los.

Die beiden Dächslein waren niedergesetzt worden und fuhren nun kläffend, heulend und zeternd an dem fremden Mann in die Höhe, als gelte es, mindestens das Leben ihrer Herrinnen zu verteidigen.

Diese bemühten sich, sie zu haschen und: »Liese! Lotte! Liese! Lotte!« klang es dazwischen in allen Tonlagen.

Das war für die Nerven Doktor Werthers denn doch zu viel. Weshalb die Mädels zu dem Höllenlärm, den die Hunde machten, sich auch noch immer gegenseitig anrufen mußten, das begriff er nicht, und es machte ihn knurrig. »Donnerwetter!« sagte er – innerlich wohlverstanden – und lehnte den Schirm an das zur Erde gesetzte Köfferchen, lüftete ziemlich knapp und unwirsch den Hut und verschwand um die Ecke des Bahnhofgebäudes.

Einer der beiden kleinen Racker setzte ihm nach und fuhr ihm noch einmal gegen die Beine.

»Liese!« klang der Ruf hinterher.

Da kam auch schon der zweite angejagt. »Wa! wa! wa! wa!« kläffte er im schrillsten Fistelton. Er konnte kaum mehr jappen.

»Lotte!« rief's hinter ihm drein.

Da mußte Doktor Werther laut auflachen. Also Hunde wie Herrinnen! Gleiches Aussehen – gleiche Namen.

Liese – Lotte! In dem Hause, wo die heimisch waren, mochte es ja zugehen, wie in der Komödie der Irrungen.

Ob man sich da je herausfand? Solch ein Naturspiel! Den eigenen Eltern dürfte es schwer halten, die Töchter zu unterscheiden. Diese Ähnlichkeit! Er, Doktor Werther, hatte so etwas noch nie gesehen.

Ein Glück, daß die beiden so niedlich waren. Denn sie waren wirklich niedlich – »sehr niedlich!«

Hatte Doktor Werther das laut gesagt? Er sah sich scheu um und mußte dann vor sich hin lachen.

Daß er nicht früher schon von diesem Naturspiel gehört hatte!

Freilich, während der kurzen Zeit seines Hierseins war er durch seinen Beruf sehr in Anspruch genommen gewesen. Besuche hatte er noch kaum machen können. Neulich im Kasino hatte er sich zwar den Herrschaften vorstellen lassen, aber dann hatte er wieder schnell fortgehen müssen. Am Stammtisch des Hotels war er auch noch nicht heimisch. Er war noch selten Abends dort gewesen. Und da war zufällig immer der Forstmeister – wie hieß er doch gleich?

Doktor Werther lachte plötzlich laut hinaus. Den Mann mußte er näher kennen lernen! Das mußte ein ganz schnurriger Herr sein, hieß: von der Pfalz! Und nannte seine Zwillingstöchter: Liese – Lotte!

Liese – Lotte von der Pfalz! Wie historisch das anmutete!

Doktor Werther schmunzelte noch immer vor sich hin, als er schon daheim in der Sofaecke bei der qualmenden Pfeife hinter dem Bierglas und der Zeitung saß.

Doktor Werther liebte das Wirtshausleben gar nicht. Darum suchte er sich's in seinen Zimmern daheim so behaglich als möglich zu machen. »So behaglich es eben ein armer Junggeselle fertig bringt,« pflegte er seufzend zu sagen. –

Die Liese-Lottens in Doppelausgabe – Hündlein sowohl als Herrinnen – waren unterdes heimwärts getrippelt. Lotte trug das Köfferchen, Liese den Schirm. Sie hatten sich mit den freien Armen eingehakt und die Zünglein liefen, als sollten sie in der ersten Viertelstunde des Wiedersehens einholen, was sie in all den Wochen der Trennung notgedrungen verschweigen mußten.

Liese und Lotte, die Hündlein, liefen kläffend voraus und kamen dann wieder zurückgestürzt, um gegen die jungen Herrinnen anzuspringen. Dabei überkugelten sie sich, rafften sich auf, schüttelten sich und jagten kläffend weiter. Liese und Lotte, die Hündlein, waren sehr glücklich, die Herrinnen wieder vollzählig beisammen zu haben.

»Wa! wa! wa!« kläffte Liese. Und das hieß: schön! schön! schön! – Und: »Wa! wa! wa!« kläffte Lotte, was genau dasselbe bedeuten sollte.

»Wie schön, wieder bei dir zu sein!« jauchzte da auch Liese, die große Reisende. – »Wie schön, dich wieder zu haben,« echote Lotte, die Daheimgebliebene.

Beides: Reisende und Daheimgebliebene wider Willen.

Es war die erste Trennung der beiden gewesen, und warum Mütterchen es durchaus so gewollt hatte, war ihnen ein Rätsel.

Gott sei Dank, nun war ja die Trennung vorüber und nun würden sie nie, nie wieder voneinander gehen.

»Im Leben nicht!« sagte Liese und quetschte den Arm der Schwester, daß die hätte schreien können.

»Im Leben nicht,« wiederholte Lotte und quetschte noch stärker zurück.

»Au!« rief Liese, »du tust mir weh.«

»Du, das hab' ich auch sagen wollen, au!« lachte Lotte.

Und sie lachten und küßten sich wieder.

Da kam das Forsthaus in Sicht. Ein langgestreckter, spitzgiebeliger Bau. Nicht hübsch, aber geräumig und behaglich.

Um dem Malerischen Genüge zu tun, das der Architekt offenbar zu berücksichtigen vergessen hatte, überspann eine Glycine bis hoch an das Dach und darüber hin die ganze Giebelseite. Wenn die in Blüte stand, wenn die blauen Blütentrauben in dichten Büscheln vom Grund bis zum First nickten und winkten und sich im Frühjahrswind schaukelten, da gab's nichts Schöneres auf Meilen in der Runde.

Jetzt wehten die schon herbstlich kahlen Ranken den heimkehrenden Kindern des Hauses einen Willkomm entgegen.

Und noch jemand tat's: ein stattlicher Herr, ein Fünfziger etwa, mit leicht übergrautem Haar und Vollbart. Er stand am offenen Fenster des niedrigen Erdgeschosses. Er hatte geraucht. Die Pfeife schwenkte er in der einen, das niedliche Hauskäppchen in der anderen Hand.

»Mädels, Mädels, hallo! Wieder vollzählig beisammen?«

Da setzte sich das Viergespann, das eben um die Ecke bog, in Trab. Liese und Lotte, die Dächslein, kläfften; Liese und Lotte aber, die Töchterlein, jauchzten: »Väterchen!«

Im Nu war das kleine Vorgärtchen, das das Haus von der Straße trennte, durchquert, und ehe Väterchen wußte, wie ihm geschah, saß Liese rechts und Lotte links von ihm – oder war's umgekehrt? – auf dem Fensterbrett. Vier Arme umschlangen ihn und zwei Blondköpfe schmiegten sich an sein Gesicht.

»Väterchen!« – »Herzensväterchen!«

»Willkommen daheim, Liese! Und nun laß dich mal anschauen, Mädel!« Er faßte nach einem Blondkopf und faßte die Lotte, der er liebevoll ins Schelmenauge sah. Die zuckte nicht.

»Noch grad so frisch und noch grad so rund, Gott sei Dank,« sagte Väterchen und küßte die vermeintliche Liese mitten ins runde Schelmengesicht.

Da brach Lotte in helles Lachen aus, Liese aber griff mit beiden Händen in Väterchens Bart, zog sein Gesicht zu sich heran und küßte ihn stürmisch auf den Mund.

Väterchen zeigte eine ganz hilflose Miene. Kopfschüttelnd blickte er von einer zur anderen. »Da soll doch gleich! Jetzt hätte ich geschworen, daß – Wißt ihr's auch gewiß, Kinder?«

Das war zuviel für die Mädchen.

»Väterchen!«– »Väterchen!« – »Nein, du bist himmlisch!« – »Nein, du bist köstlich!«

Er stand inmitten der lachenden beiden und schaute immer noch bedenklich von einer zur anderen. Dann mußte er herzlich mitlachen. Er legte die Arme um beide und küßte die Lotte und küßte die Liese, und küßte die Liese und küßte die Lotte ohne Unterschied und Wahl.

Und dazwischen lachten sie immer wieder hell auf, die drei.

»Dacht' ich's doch!« Eine Frauenstimme sagte es von der Tiefe des Zimmers her. »Steh' ich da schon eine Ewigkeit an der Haustür und warte und warte. Inzwischen sitzen die Mamsells hier und schäkern. Und wieder von außen auf das Fenster gesprungen! Kinder, werdet ihr denn nie klug werden? Ein Glück, daß es schon so dämmerig ist, sonst hätte die Frau Apotheker – Kinder, wo ist denn das Köfferchen und der Schirm – Liese – Lotte« – die Stimme klang immer kläglicher.

»Mütterchen, gleich, gleich!« So hatten die beiden mitten in Mutters Predigt hineingerufen und waren verschwunden.

»Und du bist noch schlimmer, als die beiden zusammengenommen, Karl, daß du's nur weißt,« mit diesem letzten ihrem Gatten zugeschleuderten Vorwurf verschwand die Mutter.

Der Forstmeister stand und sah ihr nach, etwas verdutzt, etwas betreten. Dann wandte er sich und schloß bedächtig das Fenster.

Draußen im Flur traten der Mutter nun zwei sehr gesetzte junge Damen entgegen, samt Köfferchen und Schirm und den wedelnden Hündchen.

»Mütterchen!« Liese flog auf die Mutter zu. Hier war eine Verwechslung ausgeschlossen, Mutter irrte sich nur ganz, ganz selten einmal.

»Liese, Kind, willkommen daheim!«

Als die Mutter ihr Kind umarmte, war es, als ob eine dritte, etwas verjährtere Auflage des Zwillingspaars auftauchte. Der Mutter, einer blonden runden Vierzigerin, glichen die Töchter aufs Haar.

Liese schmiegte sich an die Mutter.

»Und einen Gruß soll ich sagen von der Tante, und ich sei brav und gut gewesen, ich dürfe mal wieder kommen,« erzählte sie. »Und, Mütterchen, es war ja ganz nett da, aber daheim, daheim, Mütterchen, da geht nichts drüber! Und der Vater und du und die Lotte, ihr seid die allernettsten Menschen, mich mit eingerechnet, natürlich. Und ich geh' nie wieder fort. Die Lotte und ich, wir sind eins, wir gehören zueinander. Wir trennen uns nie wieder, nie! Hab' ich Heimweh gehabt zuerst, gräßlich! Dann hab' ich nur ans Wiedersehen gedacht, und da ist die Zeit hingegangen. Und jetzt bin ich wieder daheim, hurra, und –«

»Liese!« – »Lotte!«

Da hatten sich die beiden wieder in den Armen und wirbelten wie toll auf dem Flur herum. Liese und Lotte Nummer zwei kläfften hinterher.

In der Küchentür erschienen grinsend Kathrine und Johann, die dienenden Geister des Hauses. Väterchen stand schon längst da. Nun legte er den Arm um Mütterchen und sah ihr tief in die Augen; die glänzten feucht und Mütterchens Mund fand keine Schelte mehr.

2.

Forstmeister von der Pfalz lebte nun schon seit sechs Jahren in dem kleinen Städtchen am Fuß der Berge. Hauptsächlich der Kinder wegen hatte er sich hierher versetzen lassen. Ihm selber war sein Wirkungskreis da hinten in den einsamen Bergen, weit ab vom Getümmel der Welt, lieber gewesen.

Vom »Getümmel der Welt« hatte dies kleine Städtchen – andere hätten es weltverloren genannt – gerade auch nicht zu leiden. Aber die Bahn führte dahin, die es mit der Welt verband, und ein Gericht war da, also Menschen, mit denen sich umgehen ließ, und ein Institut zur Erziehung der Kinder. Und das war der Hauptpunkt gewesen, der den Forstmeister und seine in allem mit ihm dasselbe fühlende Frau bestimmte, sich um die freigewordene Stelle zu bewerben.

Als Forstmeister von der Pfalz die kleinen Mädels nach ihrer Geburt zum ersten Male auf den Armen hielt, eines rechts, eines links, da sagte er zu seiner Frau: »Weißt du, was wir tun, Schatz? Ich hab' mich schon immer darüber geärgert, daß mein Vater so wenig Sinn für Geschichte hatte. Wenn einer von der Pfalz heißt, muß er historisch dazu passende Namen aussuchen. Mich hätt' er Karl Ludwig nennen müssen, so hab' ich nur den Karl abgekriegt. Ich mache nun den Fehler gut. Die beiden kleinen Krabauter werden Liese und Lotte genannt. Liese und Lotte von der Pfalz! Ist dir's recht?«

Frau Anna lächelte nur.

Schwiegermutter und Schwägerin wollten Einsprache erheben, man müsse Rücksichten nehmen und dergleichen mehr; aber Forstmeister von der Pfalz blieb dabei: »Meine Mädels sind mein und ich kann sie nennen, wie ich will, wenn's meiner Frau recht ist.«

So wurden die beiden Kleinen Elisabeth und Charlotte getauft und Liese und Lotte gerufen.

Waren Liese und Lotte schon als Tragkindchen nicht zu unterscheiden gewesen, so schien die Ähnlichkeit fast noch größer zu sein, als die beiden später als winzige Dirnchen Hand in Hand dahintrippelten.

Auf den Rat der Großmama hatte man bei der Taufe der kleinen Elisabeth ein blaues, der kleinen Charlotte ein rosa Band ums Ärmchen gebunden. Die waren bei dem jeweiligen Toilettenwechsel immer sorgfältig wieder an Ort und Stelle gekommen.

»Liese blau, Lotte rosa,« sagte der Vater wohl zwanzigmal des Tags vor sich hin. Und stolz, als habe er eine Heldentat vollbracht, sah er seine Frau an, wenn er den blaubebänderten Pack ohne Zögern mit »Liese« und den rosabebänderten todsicher mit »Lotte« anredete. Eine Verwechslung seinerseits war nämlich gar nicht ausgeschlossen!

Frau Anna lachte dann ihr helles, klingendes Schelmenlachen. »Wie kann man nur so unbeholfen sein, so blind!«

»Wieso?« begehrte er auf.

»Ich könnte die beiden im Dunkeln unterscheiden,« rühmte sie sich.

Sofort aber lenkte sie ein: »Jedenfalls ohne Bänder!«

Er zuckte die Schultern: »Kann jeder sagen!«

»Probier's doch!«

Da machte er die Probe und verhüllte die beiden unterscheidenden Schleifen sorgfältig mit einem Tuch.

»Na wer ist das?«

»Liese!«

Richtig, die Schleife war blau. Er schüttelte den Kopf. »So was!«

Sie mußte nochmals probieren. »Das da?«

»Lotte!«

»Lotte rosa,« rekapitulierte er innerlich, hob das Tuch und rief: »Wahrhaftig, Lotte!«

Frau Anna lachte hellauf. Dann trat ein weicher Zug in ihr frisches junges Gesicht. »Wie sollte eine Mutter ihr Kind nicht kennen?«

»Papperlapapp, wenn's zwei so gleiche sind!« Er war etwas unwirsch. Der Herr und Gebieter in ihm rebellierte. Das machte ihn fast unhöflich. »Unsinn,« sagte er. »Zufall!« Und dabei blieb er.

Da kam etwas, was ihn rettungslos verwirrte.

Klein-Liese und Klein-Lotte, die mittlerweile schon vielleicht ein halbes Jahr lang, unbekümmert um alle die Verwirrung, die sie anstifteten, seelenruhig und seelenvergnügt aus glänzenden Blauäuglein in die Welt hineingelacht hatten, Klein-Liese und Klein-Lotte saßen einander im Wagen gegenüber. Beide waren mit eingestopften weißen Kißchen gestützt, beide schwangen in kühnen Fäustchen silberne Klappern, die sie gelegentlich aneinanderschlugen. Sie krähten dazu, sie zwitscherten und plapperten in einer Sprache, die keines verstand. Klein-Liese und Klein-Lotte aber mußten sich gegenseitig verstehen, es war nicht anders möglich. Plötzlich ließen sie wie auf Kommando die Klappern fallen und fuchtelten zwecklos mit den kleinen Patschhändchen in der Luft herum!

Jetzt kriegten sie sich gegenseitig zu fassen. Sie zwitscherten und plapperten noch emsiger. Und jetzt – ja jetzt hatten sie sich verständigt – hatten sie die Schleifen erwischt. Klein-Liese die rosa, Klein-Lotte die blaue.

Was die Schelme nur vorhatten?

Sie krähten laut und anhaltend. War das eine Lust! So jetzt wollten sie den Großen einmal zeigen, daß sie auch schon wüßten, was Schabernack sei!

Ritsch! – ratsch!

Klein-Liese hielt das rosa, Klein-Lotte das blaue Band im fetten Fäustchen gepackt, und Fäustchen und Band wanderten alsbald dem Mäulchen zu. Das brauchte man gar so nötig zum Untersuchen.

Just in dem Augenblick trat der Vater zur Tür herein.

Er war schreckensstarr. Das war eine Bescherung!

Liese und Lotte rettungslos untergegangen, die eine in der anderen, denn wer sollte sie jetzt je wieder auseinanderkennen?

»Anna! Anna!« gellte sein Schreckensruf durchs Haus. Und der Ton war ein solcher, als ob sich Klein-Liese und Klein-Lotte mindestens gegenseitig erwürgt hätten.

Er fuhr denn auch der armen Mutter, die nur eben einmal in der Küche hatte zum Rechten sehen wollen, so in die Glieder, daß sie kaum wußte, wie sie sich an den Ort des Unheils schleppen sollte.

Ganz entgeistert stand sie auf der Schwelle.

Stumm wies der Gatte nach den kleinen Missetäterinnen. Er konnte nicht Worte finden, die Sprache fehlte ihm.

Die Mutter begriff erst nicht recht. Dann aber, als sie begriffen hatte, lachte sie, lachte, lachte, bis ihr fast so schwach wurde wie vorhin, als ihr Vaters Schreckensruf in die Glieder gefahren war.

Sie mußte sich setzen.

»Und du kannst noch lachen?« Dumpf klang seine Stimme, und die Augen bohrten sich vorwurfsvoll ins Innerste ihrer schwarzen Seele.

»Karl!« lachte sie, schluchzte sie – sie war schon in dem Stadium, wo Lachen beinahe zum Schluchzen wird – »Karl – Karl!«

Er sah sie erst unwillig an. Dann faßte auch ihn der Humor des Ereignisses. Er sank an ihre Seite, ein Lachsturm packte auch ihn. »Nun ist die Lotte futsch und die Liese ist futsch! Keiner weiß mehr, wer wer ist. Bleibt nur die Liese-Lotte. Ha, ha, ha!«

Kein Protest Frau Annas, daß sie ja die beiden genau zu unterscheiden wisse, verfing bei ihm.

»Das hast du jetzt gut sagen. Wer widerlegt dich, da die Bänder fehlen? Nee, die beiden sind nun einmal rettungslos verwechselt. Das ist nicht wieder gutzumachen!« Und dabei blieb er.

Die Kleinen wuchsen heran. Niedliche, dralle, schelmische Dirnlein, blond und blauäugig wie die Mutter. Einander ähnlich bis auf die Art, das Köpfchen zu heben, zu blicken, zu lachen, zu sprechen. Dieselbe Größe, dieselben Bewegungen, derselbe Gang.

Keiner kannte eine von der anderen bis auf die Mutter, und bei der war's Zufall, das ließ sich der Vater nicht nehmen.

»Aber du siehst doch, daß sie auf mich hören, und daß die Liese das Köpfchen hebt, wenn ich Liese, die Lotte, wenn ich Lotte rufe!«

»Jetzt natürlich! Aber wer steht denn dafür, daß du nicht zu Anfang die Liese ›Lotte‹ und die Lotte ›Liese‹ gerufen hast?« triumphierte er.

Die Mutter zuckte nur schweigend die Achseln und lachte.

Damit war nicht zu rechten.

Wenn die beiden, jede an einer Hand – und das war das größte Fest für die Kleinen – neben dem Vater hertrippelten, und irgend ein Begegnender herzutrat und fragte, wie sie hießen, da pflegte der Forstmeister von der Pfalz die Achseln zu zucken und zu sagen: »Weiß ich's?«

Und wenn dann Klein-Liese und Klein-Lotte, wie ihnen gelehrt war, ihr Knickschen machten und »Liese!« und »Lotte!« lispelten, da fuhr er sie an: »Wer's glaubt!«

Und die beiden kleinen Schelme lachten wie die Kobolde mit dem Vater um die Wette. Zuweilen machten sie dann nochmals ein Knickschen und die zuvor »Liese« gelispelt hatte, lispelte jetzt »Lotte« und umgekehrt. Sie hatten den Humor des Vaters geerbt, die Schelme, und den besonderen Humor ihrer Verwechselbarkeit schon früh erfaßt.

In der Schule kamen dann ebenfalls die lustigsten Irrungen vor. Und statt daß sich mit der Zeit vielleicht gewisse Eigentümlichkeiten der einen oder anderen ausgeprägt hätten, statt dessen lauschte einer der kleinen Kobolde dem anderen jede etwaige Eigenheit ab und machte sie genau zu der seinen.

So wuchsen sie, je älter sie wurden, desto mehr und mehr zusammen.

Der Vater, ihr Abgott, hatte seinen Riesenspaß daran, und die Mutter ließ es geschehen, denn sie unterschied die beiden nach wie vor mit untrüglichem Instinkt.

Selten, wunderselten einmal, daß sie geschwankt hätte, und Liese und Lotte wagten es niemals, sie durch einen ihrer Schelmenstreiche auf die Probe zu stellen, wie sie es beim Vater hundertmal taten.

»Einer muß Respektsperson bleiben, Karl,« sagte die Mutter wohl vorwurfsvoll zum Vater. »Wenn du dir die Mädels so über den Kopf wachsen läßt –« sie vollendete nicht, und er brummte etwas in den Bart, was man nicht verstand.

Liese und Lotte waren die einzigen Kinder ihrer Eltern geblieben.

Bis zu ihrem zwölften Jahre waren sie in die Dorfschule gegangen. Mutter und Vater, auch der Lehrer mit Privatunterricht hatten das Nötigste nachgeholfen. Nun trat aber die Erziehungsfrage ernstlich an die Eltern heran, und da zur selben Zeit die Stelle in Dingernheim frei wurde, meldete sich Forstmeister von der Pfalz und erhielt sie.

In der neuen Heimat besuchten dann die Mädchen das Institut noch vier Jahre lang. Sie hatten doch viel nachzuholen.

Liese und Lotte mit ihrem frischen, ursprünglichen Wesen machten sich viele Freundinnen, und die Mutter begünstigte das sehr. Sie hoffte, die Kinder dadurch ein klein wenig voneinander abzuziehen, sie gleichsam etwas zu individualisieren. Sie waren doch nun einmal zwei verschiedene Wesen, sie sollten auch als zwei fühlen lernen, mußte doch solch ein vollständiges Aufgehen der einen in der anderen, wie alles zu weit Getriebene, späterhin irgendwie seine nicht wünschenswerten Folgen haben. »Jedes Zuviel rächt sich,« pflegte sie zu sagen, und diesem Grundsatz war auch Lieses Reise zuzuschreiben.

Seit die Mädchen aus dem Institut waren, halfen sie getreulich daheim in der Wirtschaft, und die Mutter fühlte ihre Hilfe als große Erleichterung.

»Wenn du sie einmal entbehren kannst, die beiden – denn zu trennen sind sie ja wohl nicht –« so hatte die Tante geschrieben, »dann schicke sie mir. Ich möchte sie so gerne als erwachsene junge Damen kennen lernen.«

Das hatte der Mutter den Gedanken eingegeben, die Mädchen einmal zu trennen: Liese sollte reisen – Lotte bleiben. »Eine brauch' ich daheim,« hatte die Mutter gesagt, und das hatte jedem einleuchten müssen. So war Liese denn auf unbestimmte Zeit zur Tante gereist.

Erst hatte es viele Tränen gekostet von beiden Seiten. Dann hatte der frische Sinn der Mädchen ihnen darüber hinausgeholfen, und sie hatten fröhlich und guten Muts dem Wiedersehen entgegengelebt.

Und das war denn auch nach acht Wochen gekommen, wie alles in der Welt kommt, wenn man's erwarten kann und nicht vorher stirbt.

3.

Also die Liese war wieder daheim.

Wenn die Mutter erwartet hatte, durch die Reise irgend auch nur das kleinste Loslösen der einen von der anderen zu erzielen, so hatte sie sich sehr geirrt. Im Gegenteil, durch die erzwungene Trennung waren die beiden jetzt nur noch inniger verbunden. Eine lief hinter der anderen her wie ein Hündchen, und die Liese-Lottchens Nummer zwei mußten desgleichen stets dabei sein.

Also, wo Liese war, war Lotte, und wenn Lotte lachte, lachte Liese. Sie lasen, sie sangen, sie arbeiteten, sie tollten, alles gemeinsam. Ja plötzlich wollten sie sich das Reden zu gleicher Zeit angewöhnen.

Das wurde aber der Mutter zu bunt. »Hört mal, Kinder,« sagte sie, »das verbitte ich mir. Das verstößt gegen die allerersten Anfangsregeln des Anstandes. Nächstens putzt ihr noch die Nasen zusammen. So kann das nicht weitergehen.«

»Mütterchen, wir –« kam's von der Liese.

»Mütterchen, wir –« klang's von der Lotte nach.

Da brauste die Mutter auf: »Hab' ich's nicht eben verboten?«

»Wollen's nicht wieder tun,« vollendeten die beiden. Und Liese schlang den Arm von rechts, Lotte von links um die Mutter, und den vier blitzblauen Schelmenaugen, die so warm in die ihren sahen, konnte sie nicht widerstehen.

»Ich sag's ja doch nur zu eurem eigenen Besten, Kinder, glaubt mir's doch. Euer Leben lang kann das doch nicht so weitergehen. Besser, man macht sich das beizeiten klar und gewöhnt sich dran, solange man noch jung ist.«

Was Mütterchen dabei meinte, es könne ihr Leben lang nicht so weitergehen, das war den beiden nicht so recht klar. Weshalb nur? Sie würden doch immer beisammen bleiben. Nichts sollte sie trennen, nichts.

»Wir leben und sterben zusammen, Lotte, nicht?« Liese sprach pathetisch wie eine Tragödin ersten Ranges.

»Sterben zusammen!« wiederholte Lotte mit feierlich tiefer Stimme statt jeder Antwort.

Und dann umschlangen sie sich und drehten sich im Kreise auf dem weiten Flur, auf dem sie standen, von den Hunden umkläfft und umsprungen. Es war ein Höllenlärm. Väterchen trat unter die Tür seines Zimmers. »Mädels, seid ihr toll? Die Mutter!« Mit schlauem Blinzeln legte er den Finger an die Lippen.

»Haben unser Teil schon abgekriegt,« kam's sorglos und schelmisch von beider Mund zugleich. Und sie fegten weiter wie toll, immer ringsum, immer ringsum. Dann standen sie stocksteif vor dem Vater und hoben die Schelmengesichter: »Wo ist jetzt die Liese?«

Der Vater zögerte und wies dann unsicher mit dem Mundstück der Pfeife auf die rechts. Die knickste: »Lotte!«

Dann faßten sie sich und wirbelten wieder ringsum. Dann standen sie wieder wie die Grenadiere vor ihm: »Nun die Lotte!«

Hastig wies er auf die Nächstbeste. Die knickste: »Liese!«

Da war er's müde: »Unsinn! Wißt's ja selber nicht.« Und schallend flog die Tür hinter ihm ins Schloß. Sie aber lachten voll hellem Vergnügen. –

Nach einiger Zeit trat die Mutter ins Zimmer der Mädchen. Sie hatten ihr eigenes kleines Reich oben im zweiten Stock. Dort hatten sie sich zusammengeschleppt, was im Haushalt ausrangiert worden war. Alles war zusammengestoppelt, vom alten steiflehnigen, hochbeinigen Sofa mit dem ovalen Tisch davor bis zu dem kleinen Arbeitstisch am Fenster, der sein Dasein als Küchentisch begonnen hatte und durch eine alte rote Decke seiner jetzigen Bestimmung würdig gemacht worden war. Einzig die zwei kleinen, schmalen, eisernen Bettstellen paßten zueinander. Sonst zeigte jeder Stuhl einen anderen Stil oder vielmehr Nicht-Stil. Bilder aber – der Vater liebte gute Bilder und hatte gelegentlich einen oder den anderen schönen Stich gestiftet – Bilder und niedlicher kleiner Krimskrams, ein wohlbesetztes Büchergestell, Pflanzen überall und am meisten die niedlichen, frischen, jungen Bewohnerinnen des kleinen Reiches selbst, machten dieses zu einer Ideal-Mädchenstube.

Liese und Lotte hatten sich auf dem erhöhten Fenstertritt, worauf der besagte Arbeitstisch mit der verhüllenden roten Decke stand, dicht nebeneinander gekauert. Ein Buch lag aufgeschlagen auf ihren Knieen und beide beugten sich mit roten, heißen Gesichtern darüber.

Liese und Lotte Nummer zwei kauerten dicht daneben und blinzelten zuweilen aus verschlafenen Äuglein die Herrinnen an.

Die Mädchen lasen mit lauter Stimme, zuweilen eine, zuweilen beide zusammen, je nachdem die Stelle gar so packend wurde, und die Worte in ihrer Klangfülle wie Musik ins Ohr fielen. Sie lasen Wallenstein und waren eben an der großen Szene, in der Max den Wallenstein anfleht, den Plan aufzugeben, sich mit den Schweden gegen den Kaiser zu verbünden.

Liese las:

» ... zum Verräter nicht!
Das ist kein überschritt'nes Maß, kein Fehler,
Wohin der Mut verirrt in seiner Kraft.
O, das ist ganz was anders – das ist schwarz,
Schwarz, wie die Hölle!«

Und dann setzten beide ein, pathetisch, wie sich berauschend am Klang der Silben:

»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck
Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.
Gleich heißt ihr ...«

Die Mutter hatte schon lange unter der geöffneten Tür gestanden und lächelnd zugehört.

»Wundervoll!« seufzte jetzt Liese. »Wundervoll!« seufzte auch Lotte.

»Kinder!«

Sie fuhren auf wie ertappte Verbrecher. – »Mütterchen, die Socken!«

Die zerknirschten Mienen waren fast komisch.

»Laßt nur, laßt,« sagte die Mutter, die ein Lachen nur mühsam unterdrückte. »Ihr wißt, daß Vater und ich gerne sehen, wenn ihr ein gutes Buch lest. Die Socken brauche ich erst übermorgen. Da könnt ihr euch ja die Zeit danach einteilen.«

»Gewiß!« – »Sicher.« Es klang sehr erleichtert.

»Vater und ich gehen zur Bahn, die Tante abzuholen. Vergeßt nicht, nach dem Kaffeetisch zu sehen und unten uns zu empfangen.«

Sie stand so frisch und so jugendlich unter der Tür, die Mutter. Es fiel selbst den Mädchen auf. Für gewöhnlich dachten sie gar nicht daran.

»Wie nett du aussiehst, Mütterchen! Ordentlich jung!«

»Wir könnten für Drillinge gelten, was?«

Sie hielten sie schelmisch gepackt. Lachend riß sie sich los und war schnell die Treppe hinunter.

Liese und Lotte lasen erst noch die Szene fertig, dann eilten sie der Mutter nach.

Die Tante, die erwartet wurde, war nicht der Mutter Schwester, bei der Liese eben zu Besuch gewesen war. Es war eine alte Tante vom Vater, eine unverheiratete Dame, Patin der Mädchen.

Merkwürdigerweise hatte sie ihre Patenkinder seit deren Taufe nicht wiedergesehen. Sie war etwas menschenscheu und hatte sich auch jetzt nur auf eifrigstes Zureden entschlossen, die Verwandten für ein paar Tage aufzusuchen. –

Der Kaffeetisch sah verlockend aus. Am liebsten hätten Liese und Lotte gleich zugegriffen. Da bellten aber die Liese-Lottchens Nummer zwei und die Mädchen traten hinaus auf den Flur.

Sie kamen just vor die Tante zu stehen, die eben unter vielen Bescheidenheitsumständen fast hinterrücks zur Tür hereinkam. Sie kicherten.

Die Tante drehte sich um: »Alle guten Geister!« Sie mußte sich am Türpfosten halten, sonst hätte sie das Staunen überwältigt.

»Da sind die Kinder, Tante,« sagte der Forstmeister schmunzelnd, »Liese und Lotte!«

»Ja aber –« Die Tante konnte kaum Worte finden. »Welche ist welche?«

Da saß Väterchen auf dem Leim.

Die Kobolde kicherten und stießen sich an.

»Weiß der Kuckuck,« hätte Väterchen beinahe gesagt. Er sah fast hilflos nach der Mutter hin. Die packte blindlings zu. Liese hatte noch eben dicht neben ihr gestanden. Wie es zuging, weiß der Himmel, ob die Mutter im Eifer daneben griff, ob Lotte, der Schelm, nachhalf; kurz die Mutter zog Lotte zur Tante hin: »Hier ist die Liese!«

Das war noch nie dagewesen. Die Mädchen waren erst ganz benommen davon, dann aber brachen sie los: »Die Mutter!« – »Die Mutter!« – »Nein, die Mutter hat uns verwechselt.«

Die Mutter wollte es erst gar nicht glauben. Rot und heiß war sie geworden und besah sich das, was sie gepackt hielt, nun erst genauer: »Richtig, die Lotte!« Ganz ärgerlich gab sie ihr einen Klaps. »Das kommt von dem ewigen Unsinn! Steh' ich wahrhaftig da, als ob ich mein eigenes Kind nicht kennte. So was! Vorwärts Liese!«

Mütterchen war richtig böse. Da galt keine Schelmerei mehr, und Liese und Lotte beeilten sich nun, die Tante sittsam zu begrüßen.

»Ich bin die Liese!« – »Und ich die Lotte!«

Die Tante wandte mißtrauisch den Kopf von der einen zur anderen. »Wer's glaubt!« stand deutlich in ihrem Gesicht zu lesen.

Der Vater lachte. Er verstand sie ohne Worte, da er verwandte Gefühle hegte. Dann bot er ihr den Arm und sagte: »Laß gut sein, Tantchen. Das gibt sich alles, man gewöhnt sich dran. Ich hab's nun bald sechzehn Jahre durchgemacht, nicht zu wissen, wer wer ist, und –«

»Achtzehn, Väterchen,« unterbrachen ihn zwei helle Stimmen, »bitte, bald achtzehn!« Und Liese und Lotte standen vor ihm, zupften ihn am Bart und strahlten ihn an mit den Schelmenaugen.

»Na, denn meinethalben! Aus dem Weg jetzt, Gesindel!« –

Der Kaffee schmeckte köstlich!

»Liese rechts!« – »Lotte links!« – Damit hatten sich die Schelme zu beiden Seiten der Tante postiert und ihr dadurch eigentlich den sonst recht ansehnlichen Appetit verdorben. Nun hatte sie immer damit zu tun, daß sie innerlich wiederholte: »Liese rechts, Lotte links,« und das beschäftigte sie so, daß sie für nichts anderes Sinn hatte. Sie machte es wie seinerzeit der Vater, der immer sein »Liese blau, Lotte rosa« vor sich hingesagt hatte.

Es gelang ihr denn auch wundervoll, die beiden, solange man am Kaffeetisch saß, auseinanderzuhalten. Und sie war nicht wenig stolz darauf. Danach freilich, als man aufgestanden war, war auch sie zwischen der Liese und der Lotte rettungslos verloren.

Es sollte noch schlimmer kommen.

Liese Nummer zwei, die kleine vier- und krummbeinige Liese, lief ihr in den Weg. Liese Nummer zwei war gar so tolpatschig.

Derb trat ihr die Tante auf eins der kleinen krummen Beine.

Liese quietschte auf, als sei sie mindestens gespießt worden, und Lotte Nummer zwei quietschte zur Gesellschaft mit. Liese und Lotte Nummer eins lagen alsbald bei den quietschenden Tierchen auf den Knieen.

»Liese!« – »Lotte!« – »Arme kleine Liese!«

Die Tante war vor Schreck auf den nächsten Stuhl gesunken. »Ja aber – da ist doch die Liese, der hab' ich doch nichts getan!« Sie wies auf Lotte.

Die hob das Schelmengesicht. »Verzeih, ich bin die Lotte, das da ist die Liese. Und die Liese heult, weil du sie getreten hast, und die Lotte heult zur Gesellschaft mit, siehst du. Also, paß mal auf: das ist die Lotte, die die Liese hat, und hier die Liese halt ich, und ich bin die Lotte!«

Die Tante hielt sich die Ohren zu. »Kinder, dies Ge-Liese-Lotte ist ja gräßlich! Da könnte einer ja verrückt drüber werden. Das ist schlimmer als der babylonische Turm. Wenn mein alter Kopf das nur aushält!« Die Tante war ganz grämlich.

Auf einen Wink der Mutter trugen die Mädchen die beiden noch immer wimmernden Hündchen hinaus.

Danach kamen Liese und Lotte wieder herein, sehr zahm und sehr gesetzt, und halfen der Tante freundlich über jede sich etwa ergebende Namensschwierigkeit hinweg.

Am Abend sagte die Tante zu der Mutter: »Hör, Anna, du mußt da Abhilfe schaffen. Die Mädels sind ja so nett und so frisch, und drollig ist diese Ähnlichkeit. Aber nun sag mal, wenn sie älter werden und es kommt einmal ein Freier und sie sollen heiraten und –«

»O, du kluge Else,« brummte der Forstmeister hinter seiner Zeitung.

Frau Anna hatte es gehört. »Ja, Karl, und nun sag du mal gar nichts. Die Tante hat ganz recht. Das hab' ich selbst schon oft gedacht.«

Die Tante schüttelte ganz bedenklich ihr graues Haupt. Die Stimme klang ordentlich elegisch, als sie dann sagte: »Ja und wenn einer kommt und verliebt sich in eine, wie soll er dann immer gleich wissen, wer es ist? Angenommen, er hat die Liese gern, und sagt's aus Versehen der Lotte und –«

»Na, dann nimmt er eben die Lotte und die Liese kriegt 'nen andern!«

»Karl!«

Es klang so strafend und verweisend, so tadelnd und mißbilligend.

Forstmeister von der Pfalz wußte, daß er nicht im Rechte sei, aber eben deshalb wurde er ärgerlich. »Ach, laßt mich in Frieden! Um ungelegte Eier kümmere ich mich nicht. Vorderhand hab' ich meine Freude an den beiden. Das andre mag sich finden. Meinethalben brauchen die zwei wahrhaftig nicht zu heiraten.«

»Karl!«

Es klang womöglich noch mahnender und mißbilligender als zuvor.

»Paff!« Er zog einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, paffte den Rauch von sich und vergrub sich hinter seine Zeitung. Tante und Mutter aber sprachen noch lange weiter und steckten die Köpfe zusammen. – –

Anderen Morgens erschienen die beiden Mädchen mit sehr wenig sonnigen Mienen am Frühstücktisch.

Sie hatten recht einsilbig guten Morgen gewünscht.

»Na nu!« sagte Väterchen, der schon wieder hinter der Zeitung saß. Er war die morgendliche Begrüßung der beiden Wildfänge anders gewöhnt.

»Na nu!« wiederholte er, als die beiden nur trübselig vor sich hinstarrten.

Er besah sie sich genauer. Was war's nur?

Da lachte er plötzlich hell auf.

Liese hatte eine blaue, Lotte eine rosa Krawatte vorgebunden.

»Na, nu kann er ja kommen!« sagte er trocken und warf seiner Frau einen herausfordernden Blick zu.

»Wer kann kommen, Väterchen?« fragte die allzeit flinke Liese.

Auch Lotte hob den trübselig gesenkten Kopf und spitzte die Ohren.

»Der Winter!« sagte der Vater, »heute früh sind die ersten Flocken gefallen.«

Als er danach aufstand und hinausging, hing sich Liese rechts, Lotte links in seinen Arm.

»Nur solange die Tante da ist,« tuschelte Liese.

»Mutter hat's fest versprochen!« bekräftigte Lotte. »Du hilfst uns Väterchen. Nicht?«

Er sagte nicht ja, nicht nein, er half sich mit diplomatischem Achselzucken aus der Klemme. Dann blinzelte er den beiden neckisch zu: »Liese blau, Lotte rosa! Wie in den Babytagen.«

»Nimmt ein Ende wie die,« meinte Liese lakonisch, und Lotte bestätigte es mit einem kräftigen »Jawohl!«

Einstweilen aber behielten sie die trennenden Schleifen umgebunden.

4.

Heute sollte Kränzchen sein.

Die »Schleifentante«, wie die Mädchen sie nannten, wollte abreisen und mußte zur Bahn begleitet werden. Liese und Lotte sollten es mit dem Vater tun, ehe sie zum Kränzchen gingen. Die Mutter hatte etwas Katarrh.

»Vorwärts, Liese – Lotte,« rief der Vater von unten, »es ist höchste Zeit!«

Die Tante stand schon seit einer halben Stunde fertig in Hut und Mantel da und trippelte ungeduldig vom Flur ins Zimmer und vom Zimmer auf den Flur.

Wie ein Sturmwind fegte es die Treppe herunter. Vier flinke Mädchenfüße nahmen immer zwei Stufen auf einmal, und acht kleine krumme Dachsbeine stolperten hinterher.

»Die wilde Jagd!« lachte der Vater. Mutter und Tante aber seufzten und wechselten einen verständnisinnigen Blick.

»Und nun leb wohl, Anna,« sagte die Tante. »Laß dir's gut gehen. Nimm Dank für deine Gastfreundschaft, und denk an alles, was ich dir gesagt habe. Die Mädchen –« Das weitere flüsterte sie so leise, daß die Mädel es nicht verstehen konnten.

Denen lag auch weiter nichts daran. Sie waren eigentlich mit ihren Gedanken schon im Kränzchen. Der Gang zur Bahn war ein lästiges Übergangsstadium.

»He, Liese, nimm du mal der Tante die Tasche ab.«

Väterchen sagte es und sah dabei so herausfordernd direkt die Liese an, daß der ganz schwül wurde.

Einzig und allein die Schleifen waren daran schuld! Seit die Mädchen sie in den letzten paar Tagen trugen, war kaum eine Verwechslung vorgekommen. Sollte einem denn jede Freude verdorben werden? Wenn das so fortging, gewann Väterchen noch Geschmack daran, und dann, adieu Unsinn. Wenn Väterchen erst mit Mutter zusammenstand, dann war es eine nicht zu überwältigende Macht. Dem mußte vorgebeugt werden!

Bedeutsam und verständnisvoll sahen sich die beiden an.

»Liese!« – »Lotte!« – »Was tun wir?« – »Je, ja!«

Sie ließen die Köpfe hängen.

»Ich hab's!« – »Ich auch!«

Mit stillschweigender Übereinstimmung griffen beide nach den Krawattenschleifen. Ein Ruck, die Schleifen lösten sich. Dann hielt erst Liese Schirm und Tasche, und Lotte band Lieses Krawatte vor, dann nahm Lotte der Tante ihr Gepäck, und Liese schmückte sich mit Lottes Schleife. Im Nu war die Umwandlung in Szene gesetzt, Vater und Tante wandelten ahnungslos voraus.

»Liese,« redete der Vater, im Bahnhof angelangt, die blaue Schleife an, »Liese, hol du der Tante die Karte, ich sehe derweil nach dem Koffer.«

Die blaue Schleife, hinter der Lotte steckte, tat, wie ihr befohlen war. Nur einstweilen nichts merken lassen!

Und dann kam die kleine Sekundärbahn vom nächsten Dorf her angebimmelt.

Die Tante stieg ein mit vielen Ermahnungen und Segenswünschen.

»Und Karl,« das war noch das letzte, was sie sagte, »Karl, du mußt's der Anna mit den Mädels nicht schwer machen, hörst du. Du mußt doch selber sagen, wie viel angenehmer es ist, wenn man sie gleich an den Schleifen kennt und –« da pfiff die Lokomotive, und der Zug tat einen Ruck.

Na, das war höchste Zeit gewesen! Liese und Lotte atmeten auf.

»Lebt wohl, Kinder, lebt wohl! Tausend Dank für alles, Karl!« Die Stimme der Tante verklang in der Ferne.

Der Vater stand und sah erst hinter der Tante her und dann etwas verlegen und unsicher auf die Mädchen.

Die sahen ihn an, lauernd, herausfordernd, die verkörperte Schelmerei.

Da trat ein Herr an den Vater heran, Doktor Werther.

Er lüftete sehr artig den Hut: »Dürfte ich bitten, mich mit ihrer zweiten Fräulein Tochter bekannt zu machen, Herr Forstmeister? Mit Fräulein Lotte habe ich bereits die Ehre – wenn ich nicht irre.«

Forstmeister von der Pfalz starrte ihn ganz verblüfft an: »Mann, woher wissen Sie das? Sie –«

»Ich fuhr neulich mit Ihrer Fräulein Tochter, als sie von der Reise zurückkam, und sie wurde mit ›Liese‹ begrüßt. Die Begrüßende muß also folgerichtig –«

»Lotte gewesen sein. Stimmt,« unterbrach ihn der Forstmeister gutgelaunt. »Also Hexerei ist nicht im Spiel. Das heißt,« – ein zweifelhafter Blick auf seine Töchter – »Hexen sind sie alle beide. Na, Liese, dann erlaub mal, daß ich dir Herrn Doktor Werther vorstelle. Meine Tochter Liese.«

Mit verblüffender Sicherheit wandte er sich an die blaue Schleife – ein Glück, daß sie da war, dachte er bei sich.

»Verzeih, Väterchen, aber ich bin die Lotte!«

»Wieso? Ich bin doch nicht farbenblind. Die Schleife ist doch blau – Liese blau, Lotte rosa – so war's doch immer, oder etwa nicht?« Ein fast drohender Blick streifte die nicht Liese sein wollende Lotte.

Da erst faßte er sie genauer ins Auge, nahm auch die andere aufs Korn und sah, daß sie vor unterdrücktem Lachen beide fast krebsrot waren, daß ihnen der Schelm sozusagen aus den Augen heraussprang. Was hatten sie wieder ausgeheckt? Eine Erinnerung aus früherer Zeit dämmerte ihm und erleuchtete ihn mit plötzlicher Klarheit! »Aha! changement de décorations!« sagte er und drohte mit dem Finger. »Unverbesserliche, tolle Dinger,« setzte er mit einem Anlauf zur Wahrung der Vaterwürde hinzu. Dann sah er Doktor Werthers verblüfftes Gesicht, und die Komik der Sache übermannte ihn. Er lachte.

Jetzt war gewonnenes Spiel.

»Adieu, Väterchen, adieu! – Wir müssen ins Kränzchen.«

Damit enteilten Liese und Lotte leichtfüßig, nachdem sie sich zuvor noch schelmisch vor dem Doktor verneigt hatten.

Noch lange, bis sie um die Straßenbiegung verschwanden, hörten sie Vaters Lachen, mit dem sich ein anderes, ebenso herzliches mischte.

Väterchen erzählte dem Herrn Doktor gewiß von ihren Heldentaten.

Lotte wurde es schwül.

»Liese!« – »Lotte?« – »Waren wir nicht gräßlich kindisch?« –

»Was liegt daran?« – »Was wird er aber denken?« – »Wer – er?« – »Der Herr Doktor?« – »Schnuppe!« – »Nee, du, aber –« – »He?« – »Denk mal, wir sind doch eigentlich erwachsen und –« – »Kindskopf!« – »Selber!« – »Verbitt' ich mir!« – »Ditto!« –

Ein Glück, daß eben das Gerichtsgebäude in Sicht kam, nicht weil die streitenden Parteien da zur Ruhe gewiesen wurden, sondern weil dort Landrichters ihre Dienstwohnung hatten, und bei Landrichters Tilde das Kränzchen sein sollte.

Tilde stand schon am Fenster oben, und ihr über die Schulter sahen noch zwei junge, frische Gesichter: Pfarrers Klärchen und Apothekers Mariechen. Diese drei mit Liese und Lotte zusammen bildeten das Kränzchen. Dazu gehörte noch die junge englische Lehrerin des Instituts, die das Englisch-Sprechen und -Lesen der Mädchen überwachen sollte.

Denn das Kränzchen war kein so alltägliches, gewöhnliches mit Kaffee und Kuchen, es war ein englisches Kränzchen.

Man saß am Kaffeetisch und ließ es sich sehr schmecken. Tilde hatte einen wundervollen Kuchen gebacken und erntete viel Lob dafür.

Bei Tisch durfte noch Deutsch gesprochen werden, das war stillschweigende Übereinkunft.

»Na, ihr Liese-Lottchens, nun erzählt mal, wie ihr zu diesen trennenden Abzeichen kommt? Man ist das an euch gar nicht gewöhnt.« Tilde rief's lustig und neckend. Tilde war immer lustig und neckte immer.

Die »Liese-Lottchens«, wie die Freundinnen sie als bequemen Sammelbegriff nannten, ließen sich nicht lange bitten.

Liese gab den Bericht, und Lotte schloß ihn mit: »Na, Väterchen hat wenigstens gesehen, daß die Schleifen nichts nutzen. Nun werden wir die dummen Dinger wohl los werden.«

»Laßt euch doch im Gesicht blau und rot tätowieren,« schlug Mariechen von Apothekers vor! »Unser Provisor kann's besorgen, der versteht, mit so was umzugehen.«

»Der Giftmischer!« sagte Liese indigniert.

»Du, Lotte, das verbitt' ich mir!« Mariechen fühlte sich in der Standesehre angegriffen.

»Ich bin die Liese, bitte!«

»Ach was, einerlei! Da kennt sich keiner aus. Wenn ihr mal heiratet –«

»Heiraten?« Liese und Lotte wollten sich ausschütten vor Lachen.

»Das hab' ich auch schon gedacht,« sagte da Pfarrers Klärchen sehr bedächtig – Klärchen war ausnehmend bedächtig – »das hab' ich auch schon gedacht, wie soll das nur gehen?«

Klärchens junges Gesicht legte sich in ordentlich sorgenschwere Falten. Die anderen schlugen ein Gelächter auf, Tilde aber rief: »Na, laßt mal die Liese-Lottchens in Frieden. Einstweilen ist's ja noch einerlei, wer Liese und wer Lotte ist. Es geht alles an dieselbe Adresse! Wenn's mal durchaus auf einen Unterschied ankommt, kann sich ja auch eine den Kopf scheren!«

»Die Liese!«

»Nee, die Lotte!«

»Prost Mahlzeit,« sagten die Liese-Lottchens in Seelenruhe, und verzehrten ihren Kuchen. Das wievielte Stück hat Klio nicht aufgezeichnet.

Die Miß, die bis dahin geschwiegen hatte, legte sich nun ins Mittel.

» Let us speak english now. Eating and drinking is over.«

»Nee, Miß – nee, Mißchen, ich habe noch gräßlichen Hunger!«

Tilde führte den Reigen an, und die anderen sekundierten: »Wir auch!« – »Wir auch!« – »Gräßlichen Hunger!« – »Schauderhaft!«

»Sein sauderhaft so viele zu essen!« sagte die Miß und bröselte an ihrem Kuchen herum; für sie war's nicht guter Ton, sich satt zu essen.

»Ja, Mißchen, wir sind deutsche Mädels und haben kerngesunden Appetit!« lachte Tilde.

Es war übrigens merkwürdig, wie sich der Appetit am dringendsten immer just dann einstellte, wenn »Mißchen«, wie der Kosename lautete, den die Mädchen ihrer jungen Lehrerin gaben, zum Englischreden mahnte.

Klärchen hatte schon eine Weile tiefsinnig in ihre Tasse gestarrt.

»Wie gefällt euch denn der neue Doktor?« fragte sie jetzt sehr wichtig.

»Hab' ich noch nicht drüber nachgedacht,« gab Liese prompt zurück.

Lotte ließ die Schwester allein reden, ganz gegen ihre Gewohnheit, und begnügte sich damit, ein ganz klein wenig rot zu werden.

»Passabel!« sagte Tilde.

»Sehr nett!« meinte Mariechen.

»Sag' ich auch,« pflichtete Klärchen bedächtig bei. »Meinen Beifall hat er!«

»Wird ihm das aber lieb sein!« sagte Tilde schelmisch-ironisch.

Klärchen stippte seelenruhig ihren Kuchen in den Kaffee. In Eifer zu geraten, gestattete ihr Phlegma nicht.

Nun besann sich aber »Mißchen« energisch auf ihre Bestimmung.

» Let us begin!«

» Well!«

Tilde erhob sich und schellte dem Mädchen, mit dessen Hilfe der Tisch im Handumdrehen abgeleert war. Die Handarbeiten wurden vorgekramt, und die Mädchen saßen im Kreise.

»Du, mir wird schon ganz englisch zu Mute,« Liese stieß Lotte an.

»Wie ist denn das?« lachte diese.

»So – so – na, verdreht eben!«

Die Mädchen kicherten.

» English please!«

» Oh yes, instantly!«

» Miss Tilde has to relate a story to-day!«

»Mißchen« hatte eingeführt, daß jedesmal eins der Mädchen eine kleine Geschichte erzählen mußte. Diesmal war also die Reihe an Tilde.

Es läßt sich aber denken, wie lang sich ihre Geschichte hinzog, die durch Bemerkungen der Lehrerin, durch Zwischenreden und Neckereien der Freundinnen immer und immer wieder unterbrochen wurde.

Da war es eine Erlösung, als Liese zuletzt rief: »Und jetzt ist's sechs Uhr, Mißchen, und wir haben so treulich Englisch gesprochen und – Mißchen, liebes Mißchen, ich muß Sie umarmen.«

Alle waren aufgesprungen, lachten, sprachen durcheinander, umfaßten Mißchen, und es wurde solch ein Spektakel, daß Mama Landrichter plötzlich den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Was ist denn hier los, bitte? Ich denke, es soll Englisch gesprochen werden, aber mir klingt, was ich höre, verdächtig deutsch.«

Da umdrängten sie alle mit lachenden Schelmengesichtern, und alle redeten, schrien und lachten zugleich.

Mama Landrichter hielt sich die Ohren zu. »Kinder, schreit nicht so, sondern redet einmal vernünftig!«

Aber es kam heute bei dem aufgeregten jungen Volk zu keiner Ruhe, keiner Sammlung mehr, und unter Lachen und Scherzen trennte man sich bald darauf.

5.

»Frauchen, der Assessor kommt heute.«

»Fehlte grade noch! Die Wäsche muß eingelegt werden.«

»Ja, da schreibt er eben, ich kann doch nicht abtelegraphieren.«

»Verlang' ich auch nicht, nur – Liese, Lotte, Kinder fix! Wo steckt ihr nur? Es ist längst Frühstückzeit.«

Das rief die Mutter schallend in den Flur hinaus, und von oben antworteten zwei helle Stimmen: »Gleich, Mütterchen, gleich!«

Dann flog's die Treppe herunter und stürmte ins Zimmer.

»Guten Morgen!« – »Guten Morgen!«

»Kinder, es gibt gräßlich viel zu tun!«

»Noch vor dem Frühstück?«

Liese hielt die Mutter von vorn, Lotte sie von hinten gepackt.

»Eulenspiegel! Tummelt euch!«

»Guten Morgen, Väterchen!«

»Guten Morgen, Mädels! Habt ihr schon gehört?«

»Was?« – »Väterchen, was?«

»Der Assessor kommt heute!«

»Wieder mal?«

»Weiter nichts?«

Der jeweilige Forstassessor gehörte sozusagen zum Inventar des Hauses.

Solange die Mädchen wußten, war immer einer da gewesen. Seine Ankunft erregte sie also nicht weiter. Sie ließen sich ihr Frühstück mit fast unnatürlichem Appetit munden. So kam's wenigstens der wie auf Kohlen sitzenden Mutter vor. »Liese, drei?« fragte sie fast vorwurfsvoll, als diese nach dem dritten Brötchen griff.

»Soll ich verhungern, Mutter?« Liese war ganz tragisch.

»Väterchen, Mutter will uns aushungern, bloß weil der Assessor kommt,« klagte Lotte.

Mutter sagte gar nichts, aber sie ging schweigend hinaus. Sie hielt es nicht länger aus, angesichts alles dessen, was draußen im Haushalt ihrer wartete.

»Na, Kinder, dann tummelt euch, Mutter kriegt's sonst mit der Ungeduld!«

Da ging's dann flink vorwärts. Im Handumdrehen waren die Mädchen fertig.

Väterchen ging auf sein Bureau.

»Erst die Liese küssen!« Damit hielt ihm Lotte das rosige Gesicht entgegen.

Er küßte darauf los, er war tief in Gedanken. Erst als Lotte kicherte, merkte er, daß irgend eine Schelmerei im Werk sei. »Hexe,« sagte er, und schob energisch die Liese beiseite, die sich auch an ihn drängte.

»Teilt euch darein, Gesindel!« Damit meinte er den bereits verabfolgten Kuß, und ehe Liese protestieren konnte, war er verschwunden.

Bei der Arbeit danach hatte Mütterchen nicht über Mangel an Hilfe zu klagen. Flinke Füße rannten treppauf, treppab. Frohe junge Stimmen füllten das Haus, als ob nicht nur zwei, sondern eine ganze Schar junger Menschenkinder drin herumhantiere.

Die alte Kathrine an ihrem Waschzuber hob lauschend den Kopf, und ein verklärendes Lächeln flog über ihre Runzeln. Ein fast zärtlicher Blick streifte die Wäsche unter ihren Händen. »So Kinner, nein so Kinner,« sagte sie leise vor sich hin, »ei mer wird selwer wieder jung, wammer se nur hert.« Und wie sich ein Blondkopf zur Tür hereinstreckte: »Tag, Kathrinchen, immer hübsch fleißig?« da war's, als ob die Sonne selber hereinschaue, und ein verklärender Schein flog über die welken Züge und blieb dort haften. Und die fleißigen Hände schafften noch einmal so fleißig Und plötzlich teilten sich die Lippen und ließen Töne hören, die zwischen Meckern und Krähen just die Mitte hielten. Kathrine nannte es: singen.

Gut, daß Liese und Lotte es nicht hören konnten, die eben draußen in der Küche goldklar und rein zweistimmig einsetzten:

»Der Frühling naht mit Brausen,
Er rüstet sich zur Tat« ...etc.

Was lag daran, daß draußen Schnee und Eis war? Für Liese und Lotte war's immer Frühling.

Und auch über Väterchens Gesicht in seiner Amtstube drinnen huschte ein Schmunzeln und ein lichter Schein.

Und Mütterchen, die eifrig in des Assessors Zimmern oben kramte und ordnete, selbst Mütterchen hob den Kopf, lauschte, ließ die fleißigen Hände ruhen, faltete sie, und wie ein Gebet kam der Seufzer: »Gott erhalte den Kindern den frohen Sinn!« – – –

Am Nachmittag strahlte die Sonne. Sie lag auf der blitzblanken Eisfläche und ließ sie aufleuchten, als ob's geschliffener Stahl wäre.

Der Winter hatte dieses Jahr sehr früh eingesetzt, und Anfang Dezember war das Eis schon tragfähig. Die ernsten und die armen Leute klagten über die Not, die vorauszusehen war, aber die jungen und sorglosen freuten sich der zu erwartenden Winterlust auf Schnee- und Eisbahn. Zu diesen gehörten Liese und Lotte. Sie hatten sich nach dem fleißigen Morgen den Nachmittag von Mütterchen frei gebettelt, standen jetzt am Rande der Eisbahn und ließen mit energischem Druck die Feder am glänzenden Stahlschuh einschnappen.

Der saß! Und nun ging's vorwärts mit leichtem, freiem Schwung.

Die Wonne, nein die Wonne!

Die Liese-Lottchens Nummer zwei setzten auf ihren kleinen, krummen Beinen jappend und kläffend am Ufer nebenher. Die langen Ohren flogen, und die Schwänzchen hoben sich herausfordernd.

Liese und Lotte aber hielten sich übers Kreuz gefaßt, wiegten sich, schwenkten sich, neigten sich rechts, links, herüber, hinüber, und glitten dahin, als schwebten sie auf Wolken.

Liese und Lotte waren Meisterinnen im Lauf auf der schmalen Stahlschiene, Meisterinnen voll Anmut und Leichtigkeit.

Der See, oder der kleine Teich vielmehr, auf dem sie ihre Kunst ausübten, lag nicht sehr weit von der Forstmeisterei mitten im waldigen Tal. Ringsum standen ernste, hohe Tannen im Rauhreif glitzernd, wo die Sonne sie eben streifte.

Diese stand gerade so, daß sie das Tälchen durchflutete, und es war ein Funkeln und Glitzern und Leuchten, ein Flimmern und Strahlen und Blitzen, daß es die Augen fast blendete.

Ein breiter Weg führte neben dem Teich her das Waldtal aufwärts, die Verbindungsstraße nach den Bergen dahinter.

Auf ihr schritt ein Wanderer daher. Er bog ab, wo der Pfad zwischen den Tannen schmal gewunden zum See führte. Die hellen jungen Stimmen von unten her lockten ihn offenbar.

Da ihm die Tannen dort, von wo er sich näherte, die Aussicht auf den See versperrten, so mußte er sie durchschreiten. Er tat's nicht gerade leise und wurde doch nicht gehört, selbst von den Liese-Lottchens Nummer zwei nicht. Sie standen dicht zusammengedrängt mit den Herrinnen auf einem Knäuel am anderen Ende des Sees.

»Liese,« hatte eben Lotte gesagt, »laß uns mal probieren, ob wir rückwärts bis ans andere Ende laufen können, und wer zuerst dort ankommt.«

Liese hatte genickt.

»Eins, zwei, drei!« zählte Lotte. »Los!«

Da schoben sie sich denn rückwärts, nicht eben voll Grazie, mit kurzen ruckartigen Bewegungen, die Ellbogen als Steuerruder oder des Gleichgewichts wegen im Winkel von sich gestreckt.

Der Wanderer stand am Ufer und sah lächelnden Blicks diesem umgekehrten Wettlauf zu. Die Liese-Lottchens Nummer zwei hatten mit Kläffen und Springen so viel zu tun, daß sie den Eindringling gar nicht bemerken konnten. Liese und Lotte aber, die Herrinnen, hatten nur Auge und Sinn für sich, für ihr Vorwärts-, will sagen Rückwärtskommen.

»Liese, Liese, ich kann nicht mehr!« – »Lotte, wirst sehen, ich falle!« – »Wenn nun das Ufer kommt – –« »Halt, umschauen gilt nicht!« – »Wenn ich aber falle?« – »Tut absolut nichts!«

So ging's hin und her unter Lachen und kleinen, hellen Aufschreien, je nachdem sich ein Hindernis vorschob.

»Na, nun müßte aber doch das Ufer –« wollte Liese eben sagen, da fuhr sie mit kräftigem Ruck auf und wäre unfehlbar gefallen, wenn nicht ein stützender Arm sie mit festem Griff umklammert hätte.

Sie konnte vor Überraschung nur laut aufschreien, und Lotte schrie im selben Augenblick auch laut auf, denn ihr war genau dasselbe passiert, wie Liese.

»Verzeihung, meine Damen,« sagte da eine lustige, fast ein bißchen spöttische Stimme, »mir scheint, ich kam da just als Retter in der Not.«

Liese und Lotte wandten blitzschnell die Köpfchen, der übrige Körper hatte, noch immer von dem fest zugreifenden Arm gestützt, das Gleichgewicht noch nicht wieder erlangt.

Zwischen ihnen stand ein Mann. Mit jedem Arm hielt er eine von ihnen gefaßt, und ein übermütiges junges Gesicht, in dem tausend Neckteufelchen saßen, wandte sich erst der einen, dann der anderen zu. Da aber waren plötzlich die Neckteufelchen wie weggewischt, und ungemessenes Staunen, fast ein ungläubiger Schreck war an ihre Stelle getreten. Äfften ihn seine Sinne? Zweie hielt er gepackt, und die waren doch nur eine. War so was möglich?

Die Neckteufelchen waren offenbar in Lieses und Lottes jung-rosige Gesichter ausgewandert und trieben jetzt dort ihr Unwesen.

Liese und Lotte waren inzwischen fest auf den Füßen, das heißt auf den Stahlschienen. Sie hielten sich bei den Händen gefaßt, und so standen sie vor ihrem Helfer und lachten ihn an mit dem siegessicheren Gefühl, daß die Verblüffung nun auf seiner, das Lachen aber auf ihrer Seite war.

Und wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Sie knicksten: »Wir danken sehr!« Dann verhaltenes Kichern. Sie hoben die Füßchen, sie schwenkten rechts und – fort flogen sie.

Er hatte an den Hut gegriffen, es war alles, was seine Geistesgegenwart oder vielmehr Nichtgegenwart ihm erlaubte. Wie zur Salzsäule erstarrt, offenen Mundes stand er da und sah den beiden nach, und so stand er noch, als sie nach vollendeter Runde nochmals an ihm vorüberschwebten.

»Liese!« – »Lotte?« – »Da steht er noch!« – »Wahrhaftig!« – »Dummer Peter!« – »Er schien mir sehr nett!« – »So? Wirklich?« – »Ach geh, du bist einfältig.«

Liese war sehr rot geworden. Lotte lachte unbändig.

Da klang ein Jauchzen das Tal herauf. »Ju – hu – hu!« hallte es in langgezogenen Tönen.

»Ju – hu – hu!« antworteten die Schlittschuhläuferinnen vom Teich her.

Der Fremde war sofort vergessen.

»Tilde! Mariechen! Klärchen!« tönte es jubelnd von unten.

»Liese! Lotte!« klang's jauchzend zurück. Drei schlanke weibliche Gestalten erschienen oben an der Straße, zwei männliche folgten.

»Wen bringen die denn da mit?« rief Liese, und es klang fast wie Enttäuschung durch den Ton.

»Ach, du kennst ihn doch,« sagte Lotte ein klein bißchen verwirrt, »es ist ja der neue Doktor!«

»Ach der!« machte Liese.

»Und der Provisor,« sagte Lotte.

»Meinethalben!« Liese flog davon, sie war plötzlich übel gelaunt. Lotte dagegen begrüßte die Ankommenden liebenswürdig. Das Kichern, Lachen und Schwatzen wollte kein Ende nehmen.

»Liese,« rief Lotte schallend über den See, »so komm doch!«

»Gleich,« tönte es zurück. Aber das »gleich« dauerte ziemlich lange.

Inzwischen waren alle Schlittschuhe befestigt. Die ganze Gesellschaft stand fröhlich plaudernd beisammen.

»Also Fräulein Lotte?« hatte Doktor Werther lächelnd gefragt und sich vor Lotte verneigt.

Die hatte schelmisch genickt. »Wenn doch die Liese dort drüben einsiedelt, muß ich's wohl sein!« Und dann waren die zwei dahingeflogen.

»Wie können sich zwei nur so ähnlich sein?« hatte der Doktor nach einer Weile dann wieder gesagt, und seine forschenden Augen hatten nicht von dem jungen rosigen Gesicht an seiner Seite abgelassen. Er wollte wohl durchaus eine Verschiedenheit finden.

»Zwei? Wir sind eben eins!« hatte Lotte schlicht erwidert. Dabei hatte sie aufgesehen, war den forschenden Augen begegnet, und das rosige Gesichtchen war noch rosiger geworden. Und dann flogen sie dahin auf beschwingten Sohlen. Gab's was Herrlicheres als das Schlittschuhlaufen?

Liese war inzwischen zu den anderen gestoßen. Zu gleicher Zeit war der Fremde langsam am See her gegangen, hatte leicht den Hut gelüftet, und war oben auf der Straße nach dem Städtchen zu verschwunden.

Tilde, Mariechen und Klärchen umdrängten Liese: »Du, wer war das?«

»Ein Fremder!«

»Wer kann's gewesen sein?«

»Weiß ich's?« sagte Liese kühl und zuckte die Achseln.

Die drei konnten sich noch immer nicht beruhigen. – »Wer mag's nur sein?« – »Wie kommt er hierher?« – »Nein, so was!«

Der Verkehr im Städtchen war eben so merkwürdig klein, daß jeder Fremde wie ein Wundertier bestaunt wurde.

Lotte flog mit Doktor Werther vorüber und fragte: »Lauft ihr denn heute gar nicht?«

»Nee, du Lotte, hör mal, da war ein Fremder!«

»Fremder? Ach, wohl unser Retter?« lachte Lotte.

»Retter?« Einstimmig kam's. Und nun war kein Halten mehr. Wie ein aufgeregter Bienenschwarm umkreisten sie Lotte.

»Erzählen, bitte erzählen!« – »Ja, hat denn nicht Liese –?« – »Nee!« – »Kein Wort!« – »Keinen Deut!« »Liese! Liese!«

Aber Liese war schon wieder am anderen Ende und hörte nichts und sah nichts. Und Lotte erzählte ... » – und wie er sich besah, was er gefaßt hielt, da, ja da hättet ihr seine Augen sehen sollen! So groß!« Sie beschrieb mit beiden Armen einen Kreis.

»Begreif ich,« sagte Doktor Werther trocken.

Lotte lachte ihn an. »Ja, auf dem Bahnhof damals –«

Und fort waren die zwei.

Die anderen bildeten nun eine Kette, den Provisor in der Mitte. Sie fingen sich Liese ein, die sich nur unter Sträuben fügte.

»Allein laufen ist viel hübscher,« meinte sie.

Liese war wirklich etwas verstimmt heute, allein, die andern beachteten es nicht. Wer hat auch im goldenen Sonnenschein auf blinkender Eisbahn Zeit, an Launen zu denken?

Auch Liese selbst blieb bald keine Zeit mehr dazu. Die fünf Mädchen faßten sich an den Händen, die beiden Herren deckten die Flanken. Sie sangen einen Marsch und sausten im Takt über die Fläche hin.

Sobald das Ufer kam, und das kam nur zu oft, ließen sie sich los, jeder drehte sich um die eigene Achse. Dann wieder gefaßt und wieder ausgegriffen und wieder dahingeflogen! Und wieder das Ufer und wieder kehrt gemacht!

Himmlisch, wundervoll!

Aber dann machte die Sonne ein Ende. Sie war die Klügste, sie war ja auch die Älteste von allen. Sie versank in grauen Nebeln in der Ebene draußen weit drüben über dem Fluß. Und dann kamen die Schatten und füllten das kleine Waldtal dichter und dichter. Und endlich vertrieben sie die jungen Menschenkinder.

»Lotte, es wird kühl. Mutter schilt, wir müssen heim!«

Lotte hatte den Wechsel noch kaum gefühlt. »Wie die Liese heute so vernünftig ist,« fuhr es ihr durch den Sinn.

Aber die Liese hatte recht. Zwar von Kühle spürte Lotte nichts, aber Zeit zum Heimgehen war's jedenfalls. Und so trat man, den versunkenen Sonnenschein im Herzen, den Heimweg an.

6.

Liese und Lotte trafen Mütterchen daheim in großer Erregung.

»Kinder, wo bleibt ihr nur? Es ist schon fast dunkel. Der Assessor ist da. Vater hat ihn zum Tee gebeten. Der Tisch muß gedeckt werden, und in der Küche gibt's eine Unmasse zu tun.«

»Gleich, Mütterchen, gleich!« – »Geschieht alles!«

Im Nu waren die Mädchen oben in ihrem Reich, und ebenso schnell erschienen sie wieder mit großen weißen Wirtschaftsschürzen vorgebunden. Und jetzt ging's an ein fröhliches Tummeln wie draußen auf dem Eise.

Zur gehörigen Zeit stand der Tisch zierlich und appetitlich gedeckt.

»Nur an Blumen fehlt's im Revier,
Man nimmt jetzt grüne Zweige dafür,«

zitierte Liese etwas frei nach Goethe, holte zartes Koniferengrün aus dem Garten, füllte kleine Vasen damit und streute einzelne Zweiglein über das Tischtuch.

Liese war immer fürs Verschönern. Die mehr aufs Praktische gerichtete Lotte häckelte Eier, Gurken und rote Rüben und verzierte damit Mutters Heringssalat.

Dies war wohl der einzig merkbare Unterschied zwischen den Schwestern, aber um den herauszufinden, mußte man sie doch schon recht genau kennen.

Die beiden standen eben vor ihrem kleinen Spiegel und machten sich zurecht. Liese brauchte am meisten Platz – Liese hatte es heute merkwürdigerweise etwas wichtiger als sonst. Der Flechtenknoten wollte und wollte ihr nicht parieren.

Liese und Lotte trugen ihr dickes Blondhaar, entgegen der herrschenden Mode, in Flechten, die sie um den Kopf schlangen, oben verknoteten und die Enden wieder nach unten steckten.

Es sah hübsch, originell und sehr kleidsam aus, und außerdem war das außergewöhnlich dicke Haar dadurch dauernd gebändigt.

Also, Liese war heute sehr peinlich. Lotte lachte ihr über die Schultern ins Glas. »Liese, laß sehen, du machst dich ja wundervoll.«

»Nee, nur glatt,« sagte Liese lakonisch, wurde aber ein bißchen rot.

Lotte lachte noch immer ihr beiderseitiges Spiegelbild an.

»Du, was der Assessor für Augen machen wird, wenn er uns sieht. Ich mag so gräßlich gern die erstaunten Gesichter, die sie alle dann machen. Du Liese, es ist doch zu schön, daß wir so gleich sind. Wir sind eben eins und bleiben eins, nicht, Liese? Du, wart mal, dein Knoten sitzt etwas weiter zurück als meiner! So! Nun kennt uns keiner auseinander, seit wir die ekligen Schleifen glücklich wieder los geworden sind, 's hat schwer gehalten! Ein Glück, daß Väterchen auf unserer Seite war. Der Tausch auf dem Bahnhof damals war klug ersonnen von dir.«

Liese lachte nur leise vor sich hin.

»Du,« sagte Lotte wieder, »der Fremde auf dem Eis machte auch so kuriose Augen. Es war zu komisch!«

Nun lachte Lotte. Liese stimmte nicht ein. Sie sann vor sich hin. »Du,« sagte sie, »wenn nun der Fremde der – «

»Kinder,« rief da die Mutter von unten.

Was Liese von dem Fremden hatte sagen wollen, erfuhr Lotte nicht. Die beiden eilten schleunigst hinunter.

Im Wohnzimmer saß die Mutter auf dem Sofa, Väterchen und ein fremder Herr standen vor ihr. Als er die Mädels kommen hörte, drehte sich Väterchen um und winkte ihnen. Die Mädels verstanden ihn und stellten sich in Positur, dicht nebeneinander, so wie sie's in den Kindertagen hatten machen müssen. Väterchen liebte es, sein Zwillingspaar so, möglichst überraschend wirken zu lassen, und die Schelme waren ihm darin die eifrigsten Helfer. Wenn aber Mütterchen dahinter kam, gab's immer Schelte. Sie liebte dies geflissentliche Betonen der an sich auffallenden Tatsache gar nicht.

»Darf ich Sie mit meinen Töchtern bekannt machen, Herr Assessor?« sagte nun der Vater. »Hier die beiden, Liese und Lotte, Herr Assessor Lassen.«

Der Assessor fuhr herum und stand den Mädchen gegenüber – es war der Fremde, der »Retter« vom See.

Er neigte sich tief. »Habe bereits das Vergnügen gehabt!«

Liese wurde rot, Lotte kicherte. Sie neigten sich beide aber sehr sittig und sehr zahm.

Wenn der Vater den anderen hatte überraschen und verblüffen wollen, so hatte sich der Stiel jetzt umgedreht. Jetzt war er der Verblüffte und der Enttäuschte dazu, denn er hatte sich eine andere Wirkung auf den Assessor versprochen.

Die Mutter, die den Vater durch und durch kannte, machte ein ganz spöttisches Gesicht und sah ihn lächelnd an. Das reizte ihn.

Da stand der Assessor und tat, als ob er die Mädels seit Erschaffung der Welt kenne, und als ob ihm solch ein Naturspiel, wie die beiden waren, mindestens einmal des Tags zu begegnen pflege.

Vater nahm das ernstlich übel. Er trat zu der Gruppe hin und sagte: »Sagen Sie mal, wieso denn? Wo haben Sie denn die Mädels schon gesehen, Assessor?«

»Auf dem Eise, Väterchen,« lachte Lotte, ehe der Gefragte antworten konnte, »gesehen und gepackt, das heißt, eigentlich umgekehrt, erst gepackt – wir liefen nämlich rückwärts und ihm grad in die Arme – und dann betrachtet. Die Augen hättest du sehen sollen, Väterchen!« Lotte lachte noch in der Erinnerung so herzlich, daß alle mitlachen mußten, alle bis auf die Mutter.

Die schalt: »Habt ihr's wieder so toll getrieben? Wann wollt ihr endlich einmal vernünftig werden?«

»Sofort, Mutterherz,« sagte Lotte. »Ich sehe nach dem Essen!« Und fort war sie.

Der Assessor beschrieb nun mit großem Humor die kleine Szene auf dem Eise. Er schilderte drastisch seine Überraschung, als er merkte, daß er rechts genau dasselbe gefaßt hielt wie links. »Erst dachte ich, es sei eine Halluzination, dann – na, dann war ich dem Schicksal sehr dankbar für das allerliebste doppelköpfige Abenteuer.« Er neigte sich tief gegen Liese, die sehr errötete.

Väterchen war nun doch noch halbwegs zu seinem Recht gekommen. Hatte er die Überraschung auch nicht miterlebt, so bekam er sie doch wenigstens geschildert. Selbst Mutter mußte mitlachen.

Liese schien noch immer ein bißchen rot und verlegen, aber Lotte brachte frischen Zug in die Sache. Sie war eben wieder erschienen, als der Assessor das von dem »allerliebsten doppelköpfigen Abenteuer« sagte, und sah eben noch seine Verbeugung gegen Liese hin. »Ha, ha,« lachte sie, »danke sehr. Zur Hälfte quittiert! Mütterchen: madame est servie!«

Der Schalk neigte sich tief vor der Mutter und bot ihr den Arm. Mütterchen lachte, erhob sich und bat die anderen, mit hineinzukommen. Um den Teetisch drinnen saß dann eine ausgelassene fröhliche Runde.

»Wie kamen Sie eigentlich zu Fuß hinten in die Berge, Assessor?« fragte Forstmeister von der Pfalz.

Der Assessor lachte: »Ja, das ist so eine Marotte von mir. Wenn ich in eine neue Gegend komme, durchstreife ich sie immer gleich gern zu Fuß. Ich verließ schon in D. die Bahn, die Wanderung war köstlich. Diesmal lockte mich auch noch der Schnee. Ich bin ein leidenschaftliches Schneehuhn. Bahn treten in der weichen, reinen Masse, die noch kein Fuß betreten hat, womöglich bis ans Knie versinken –«

»Sich nasse Füße holen und Schnupfen kriegen,« schob Mütterchen lakonisch dazwischen.

Die Mädchen kicherten.

»Verzeihung, auch das schreckt mich nicht, ich habe doch den Genuß gehabt. Die Welt im Schneekleid – mir geht nichts drüber. Unwillkürlich denkt man an paradiesische Reinheit und Unschuld.«

»Ein bissel wärmer denke ich mir das Paradies schon,« meinte Lotte trocken. »Ich friere nicht gern.«

»Ja, aber Schnee ist doch wirklich wundervoll,« sagte Liese zögernd.

»Namentlich, wenn man ihn in Ballen hinters Ohr kriegt, was?« schmunzelte Väterchen und sah Liese blinzelnd an. »Wer war denn gestern so empört über Apothekers Eduard? He, Mamsell – Liese –«

Lotte sah ihn schelmisch erwartungsvoll an –

»Lotte!« verbesserte er sich zögernd und ungewiß.

Da prustete Lotte los und auch Liese stimmte, wenn auch etwas befangen, mit ein.

Liese war merkwürdig befangen heute. Lotte mußte sie manchmal von der Seite ansehen. Was sie nur hatte?

»Ist Ihnen je ein Vater vorgekommen, Herr Assessor, der seine Kinder nach beinahe achtzehn Jahren noch nicht auseinanderkennt?« fragte jetzt Lotte und warf dem Vater dabei einen neckenden Blick zu.

»Weiß denn überhaupt irgend jemand die jungen Damen zu unterscheiden?«

»O doch! Drei Menschen,« sagte Lotte sehr ernst.

»Dürfte ich fragen, wer?«

»Die Mutter, Liese und ich selber natürlich!«

»Die Mutter rät bloß,« sagte der Vater trocken.

»Bitt' ich mir aus!« versetzte Mütterchen ganz entrüstet.

»Ja, aber wie ist eine Unterscheidung überhaupt möglich, gnädige Frau? Es ist doch so absolut dasselbe.« Prüfend ließ der Assessor die Blicke von einer zur anderen gleiten. – Lotte blitzte ihn an.

»Eben, wir sind ja dasselbe. Wir sind ja eins! Was, Liese?«

Und da man gerade vom Tisch aufstand, umfaßte sie Liese und schwenkte sie kräftig herum.

Diese sträubte sich ein wenig.

»Lotte,« mahnte die Mutter, »du bist auch gar zu toll!«

»Singt was, Mädels,« sagte der Vater im Nebenzimmer und deutete auf das Klavier.

Liese und Lotte waren sofort bereit, sie sträubten sich niemals. Sie wußten, daß sie gut und ausdrucksvoll sangen, und sie sangen gern. Falsche Bescheidenheit lag ihrer offenen Natürlichkeit fern.

Mutter begleitete.

Sie sangen »Die Schwestern« von Brahms. Sie sangen's schelmisch, neckisch. Der etwas tragisch angehauchte Schluß allein kam nicht recht zur Geltung. Man fühlte, dergleichen lag den beiden zu ferne.

Es war ein allerliebstes Bild, die beiden Blondköpfe rechts und links von der blonden Mutter. Forstmeister von der Pfalz wunderte sich keinen Augenblick, daß es auch dem Assessor zu gefallen schien.

»Nun Mendelssohn, bitte, meine Damen! Es ist freilich eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Mir bleibt Mendelssohn immer gleich frisch, gleich lieblich, gleich melodiös.«

»Singen Sie selbst, Herr Assessor?« Liese fragte es.

»Ein wenig!«

»Dann, bitte, dann müssen wir was hören!«

»Erst Mendelssohn!«

Und sie sangen Mendelssohn, die alten, ewig jungen Duette, die jeder kennt und jeder gehört hat, wie – die Kindermärchen etwa, und die jedem gleich lieb sind.

Die jungen, frischen, weichen Stimmen klangen zusammen, als seien sie eins; sie hoben sich, sie schwollen, sie senkten sich und verklangen wie in eins verschmolzen.

»Bravo, bravo! Wirklich wunderschön, meine Damen!«

Liese und Lotte lachten ihn an. Sie waren's gewöhnt, daß man ihren Gesang lobte und sie zierten sich gar nicht. »Die Stimmen haben wir ja nicht selber gemacht,« pflegte Liese zu sagen.

Väterchen dampfte auf seinem Sessel in der Ecke und sagte: »Jetzt kommt der Herr Assessor dran!«

Der zierte sich schon eher ein bißchen, sprach von weitem Weg, Ermüdung und Nicht-bei-Stimme-sein.

Die Mädchen sahen ihn mit großen Augen an, dann lachten sie gerade heraus. »Wie 'ne Primadonna, nicht, Liese?« lachte Lotte.

Liese nickte, lachte aber doch ein wenig zögernder.

»Na, nur immer losgeschossen,« sagte Väterchen aus seiner Ecke her. »Wir denken's uns nochmal so schön, und da wird's ja wohl stimmen mit dem, was Sie sonst leisten.«

Da mußte der Assessor hell auflachen, und er sang ohne weiteres Zögern. Er sang sehr gut mit hübschem, angenehmem Bariton. Schumann und Schubert schienen seine Lieblinge.

»Alle Wetter! Brillanter Zuwachs,« brummte anerkennend der Forstmeister.

Als der Assessor fertig war, und man ihm gedankt hatte, rief der Vater: »Und nun Volkslieder, Mädels! – Mein Leibgericht,« wandte er sich an den Assessor.

Der nickte: »Begreif' ich.«

Liese und Lotte ließen sich's nicht zweimal sagen. Wenn ein Lied verklungen war, wurde sofort das andere eingesetzt. Väterchen war der allerfleißigste darin, und er brummte mit von Anfang bis zu Ende.

»Kinder, nun müssen wir aufhören,« mahnte die Mutter, »es muß nächstens Polizeistunde sein.«

»Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein,« stimmte Väterchen statt aller Antwort mit seinem Brummbaß an und hob den steinernen Bierhumpen, der vor ihm stand.

Mutter schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln. Erst als das letzte »Juvivallera« verklungen war, nahm auch Väterchen Vernunft an.

»Und nun zu Bett! Weit haben Sie ja nicht, Assessor. Hoffe, daß Ihnen die Sache so paßt mit den Zimmern im Hause. Scheint nun mal Brauch von alters her.«

»Ich schätze mich ganz besonders glücklich,« begann Assessor Lassen.

»Und so weiter,« unterbrach ihn lachend der Forstmeister. »Gut' Nacht, gut' Nacht, schlafen Sie gut, und träumen Sie was Schönes!«

»Ja, was man zum erstenmal am neuen Ort träumt, wird wahr,« sagte Liese wichtig.

»Ganz unfehlbar, richten Sie sich danach,« lachte Lotte.

Er verabschiedete sich.

»Na, Mädels?« fragte der Vater erwartungsvoll.

Lotte fuhr ihm in den Bart. »Steifer Peter!« sagte sie.

»Wer kann da schon urteilen?« sagte Liese sehr weise.

Väterchen machte ein ganz verblüfftes Gesicht.

Mütterchen lachte. »Da hast du's,« sagte sie, als die flinken Füßchen der Mädchen auf der Treppe verklangen.

Väterchen schüttelte nur den Kopf. »Jugend von heute!« brummte er in den Bart, klopfte die Pfeife aus und löschte das Licht. – –

Dem frohen Nachmittag auf dem Eise und dem hübschen Abend voll Sang und Klang folgten noch viele andere.

Der Assessor nahm seinen Mittags- und Abendtisch im Hotel, machte dort viele Bekanntschaften, erledigte schnell die nötigen Besuche bei den verschiedenen Familien und war schon bald so heimisch im Städtchen, als sei er mindestens da geboren.

Die Kälte dauerte an und mit ihr die Eisbahn draußen auf dem See, wo immer eine größere oder kleinere frohe Gesellschaft versammelt war.

Liese und Lotte schmeichelten Mütterchen, die gern ein Auge zudrückte, manchen freien Nachmittag ab. Die Kinder waren jung und Schlittschuhlaufen war so gesund.

Und dann kam Weihnachten mit seinem Tannenbaum und Kerzenschein, seinem Liebesmühen und seiner Festesfreude.

Liese und Lotte hatten »unsinnig« viel zu tun, wie sie erklärten. Sie steckten voller Geheimnisse. Eisbahn und Schlittschuhe traten etwas in den Hintergrund und wurden dann in den Feiertagen mit um so größerer Hingebung wieder aufgenommen.

Es war fast zur Regel geworden, daß sich die fünf Freundinnen mindestens zweimal die Woche im Forsthause versammelten.

Tilde hatte auch ein hübsches musikalisches Talent, spielte gut Klavier, und da fleißig studiert wurde, konnten sehr gediegene kleine Konzerte mit regelrechtem Programm aufgeführt werden.

Klärchen und Mariechen bildeten das Publikum, das doch auch zu jedem Konzert gehört, und Doktor Werther und der Provisor waren auch ein für allemal geladen.

Der Assessor und Doktor Werther hatten sich sehr befreundet, sie hatten so viel Gemeinsames.

Der Forstmeister war an diesen frohen Abenden in seinem Element. In seiner lebenslustigen Weise war er unter den Jungen stets der Jüngsten einer. Der Mutter schien zwar das Treiben manchmal zu bunt; sie konnte es aber nicht übers Herz bringen, die Lust zu stören.

So flogen die Tage in dem weltfernen Städtchen in der verschneiten Winteröde dahin. Langeweile kannte man da nicht.

7.

Landrichters Tilde stürzte ganz aufgeregt in Liese-Lottens Zimmer.

Die Zwillinge hatten sich ein Feuer gemacht, weil es draußen so bitter kalt war, und das kleine runde Kanonenöfchen sprühte nur so. Draußen wollte eben Dämmerung hereinbrechen, es war ganz besonders traut und behaglich in dem Raum.

Über die Dielen hin tanzte der Flammenschein. Längelang ausgestreckt auf dem Teppich lagen Liese und Lotte. Sie hatten die Ellbogen auf untergeschobene Kissen gestützt und mitten zwischen ihnen am Boden, vom Flammenschein bestrahlt, lag ein aufgeschlagenes Buch, Goethes Hermann und Dorothea.

Die roten Lichter tanzten über den Boden hin, erleuchteten die weißen Blätter des Buchs und hüpften dann neckisch über die rosigen jungen Gesichter, blieben in den strahlenden Blauaugen hängen und machten die goldenen Haare noch goldener aufsprühen.

Jetzt eben starrten die vier Blauaugen sinnend, träumend in den Flammenschein.

»Liese!« – »Lotte?«

»Wie mag das nur sein, wenn – wenn –«

»Was denn?«

»Wenn man jemand so ganz unmenschlich lieb hat, so wie – wie –«

»Wie wir Väterchen und Mütterchen lieb haben, Lotte?«

»Nee, Liese, noch viel, viel lieber, so wie – wie –«

»Wie wir beide uns haben, so lieb, Lotte?«

»Noch lieber, Liese, noch lieber!«

Es kam nur wie ein Hauch. Liese hielt den Atem an.

»Noch lieber, Lotte, glaubst du, daß das möglich ist?«

Lotte nickte nur.

»Wie die Dorothea den Hermann,« sagte sie dann. Liese hatte Not es zu verstehen, so gepreßt klang es.

Die beiden sahen sich in die Augen lange, ganz beklommen, ganz verwirrt. Keine sagte ein Wort. Auf einmal umfaßten sie sich fest, so fest, als wollten sie sich nie wieder loslassen. Und da war's, als Tilde ins Zimmer stürmte.

»Mädels, Mädels, wißt ihr's denn schon?«

»Was, Tilde?« – »Tilde, was denn?«

»Na, ihr habt's gemütlich hier, das muß ich sagen. Liegt da, wie die richtigen Sybariten, streckt euch, laßt's euch wohl sein, lest was, und ich stürze derweil in Nacht und Nebel, Kälte und Graus herum und sorge für euer Vergnügen. Da rede mir noch einer von gerechter Verteilung der Lose. Nein, so was!«

Tilde hatte sich während dieses Gefühlsausbruchs ihrer Hüllen entledigt, und ehe sich Liese und Lotte hatten aufrichten können, lag sie schon neben ihnen am Boden und hatte die Liese-Lottchens Nummer zwei erwischt, die als kleine dunkle Knäuel regungslos neben den Herrinnen im Feuerschein gelegen hatten.

In jedem Arm hielt Tilde einen der überraschten und sehr unliebsam gestörten kleinen Gesellen gepackt, die wie toll quiekten und kläfften. Urplötzlich war der vorher so traulich stille Raum mit einem wahren Höllenlärm erfüllt.

»Wa, wa, wa, wa!« kläffte Liese schrillend, und »wa, wa, wa, wa!« kläffte Lotte noch eine Terze höher. Dabei sträubten sie sich und bäumten sich und zappelten und strampelten, und ihr »wa, wa, wa, wa« klang immer schriller.

Tilde mußte sie loslassen, sie war ganz außer Atem vor Anstrengung. Lachend ließ sie sie entwischen: »Der Klügste gibt nach!«

Liese und Lotte Nummer eins hatten sich die Ohren zugehalten. Der Übergang von ihrem Traumzustand in diese gellende, kläffende Wirklichkeit war zu grell.

Die Liese-Lottchens Nummer zwei zogen sich grollend hinter den Ofen zurück und ein schrilles »wa, wa« und dann noch eins klangen nur noch als vereinzelte Nachzügler von dort hervor.

Endlich trat Ruhe ein.

Tilde reckte und dehnte und streckte sich behaglich.

»Sag doch, Tilde, was gibt's?« – »Was gibt's denn eigentlich, Tilde?« Liese und Lotte waren erwacht, waren wieder sie selbst und folgerichtig sehr neugierig.

Tilde gähnte. »Hier ist gut sein, Kinder, laßt mir mal 'n bissel meine Ruhe, bitte!« Da hatte sie aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Liese und Lotte rückten ihr zu Leib. Liese puffte sie freundschaftlich. Lotte knuffte erst mit, dann fing sie zu kitzeln an: »Wirst du beichten?«

Tilde quietschte erst einmal: »Gnade, ihr sollt ja alles hören.« Dann legte sie los: »Also, paßt mal auf. Theater wird gespielt. Und ihr müßt mittun. Mariechen hat auch zugesagt, ich selbstverständlich. Klärchen will nicht, ist zu faul. Dann noch die drei Herren, der Doktor, der Provisor und euer Assessor. Heute abend ist Auswahl der Stücke und Leseprobe bei uns. Bitte um acht Uhr antreten.«

»Ja aber, Mütterchen –«

»Erlaubt's! Ist schon alles besorgt.«

»Wirklich? Na, das ist ja herrlich!«

»Aber Theater spielen! Das ist nicht so ohne! Puh, mir ist bange!« meinte Liese.

»Pah!« gab Tilde zurück und erzählte noch, daß die Frau Apotheker den Plan ausgedacht habe, und daß die Vorstellung zum Besten irgend einer armen Familie sein solle, die sie kenne. »Sie ist übrigens eben unten bei eurer Mutter und da wird alles beredet,« schloß Tilde.

Zugleich hörte man Mütterchens Stimme von unten: »Liese, Lotte, Kinder, kommt doch mal schnell!«

»Gleich, Mütterchen!«

Sie stürmten hinunter. Die wilde Jagd ging an des Assessors Zimmern vorüber. Der saß da mit seinem Freunde, dem Doktor Werther. Die beiden waren immer zusammen, wenn es sich irgend tun ließ.

Auch sie saßen in der Dämmerung ohne Licht. Auch bei ihnen sprühte der Flammenschein als einzige Beleuchtung über die Dielen hin.

Sie hatten sich bequeme Sessel rechts und links an den behaglichen Kachelofen gerückt, und da saßen sie, die Zigarren im Munde, und füllten das ganze Zimmer mit blauem Qualm.

Sie verstanden sich gut, die beiden, fast in jedem Punkte. Nur in der Politik nicht. Doktor Werther war ein fanatischer Anhänger der großen, alten Zeit, deren erhebende Begeisterung wohl in seiner frühesten Kindheit noch in mächtigen Akkorden angeklungen hatte, da sie ihr nicht allzuferne lag.

Der »alte« Kaiser, Bismarck und Moltke waren die Heroen seiner Knabenzeit gewesen. Er war konservativ und hielt mit Zähigkeit daran fest.

Assessor Lassen, ein paar Jahre jünger als der Freund, war mit Leib und Seele ein Kind seiner, der neuen Zeit. Und wenn Doktor Werther in elegischem Ton Gewesenes, Vergangenes beklagte, dann rühmte der Assessor frisch und froh Bestehendes und Werdendes.

»Ein Bismarck kommt uns eben nicht wieder,« hatte soeben Doktor Werther mit Kassandraton gesagt.

»Na, unser Kanzler –« nahm der Assessor kampfbereit auf –

Da klang es draußen silberhell durchs Haus: »Gleich, Mütterchen!« Und es flog auf leichten flinken Sohlen die Treppe herunter, den Korridor hin und noch eine Treppe tiefer. Es raschelte und raunte und kicherte und wisperte, fast hörte sich's an, als ob der Frühlingswind daherfege.

Und Frühling war's ja auch, der da draußen vorüberstob – frischer, knospender, blühender Menschenfrühling.

Ein Hauch davon mußte sich an der Tür zu des Assessors Zimmern verfangen haben und durch Ritzen und Schlüsselloch gedrungen sein. Er umfächelte die beiden lauschenden Männer da drinnen und drang ihnen einschmeichelnd und kosend tief in Brust und Sinn. Ein weiches träumerisches Lächeln lag auf den Gesichtern und ein ganz eigener Schein trat urplötzlich in die Augen. Sie starrten in die Dämmerung draußen, und die Hände mit den Zigarren hingen achtlos über die Sessellehne nieder.

Unten im Hause verklang der letzte kichernde Ton, eine Tür wurde geschlossen.

Assessor Lassen kehrte zuerst in die Wirklichkeit zurück. Ein beobachtender Blick flog zu dem noch immer in Träumen versunkenen Freund hin. Er wartete eine Weile. »Rolf,« sagte er dann leise und zaghaft, »welche?«

Rolf Werther fuhr auf. Den Augen, die er auf den Freund heftete, sah man an, daß ihr Blick aus fernen Weiten kam. Er strich sich über die Stirn. In die träumenden Augen trat ein Ausdruck fast von Scheu, von Unsicherheit, Befangenheit. Dann, plötzlich glomm ganz sachte etwas wie Humor auf, der auch um die Mundwinkel zuckte.

» Nomen est omen!« Name und zugleich Vorbedeutung. sagte er leise. »Ich heiße Werther, folglich –« Der Satz blieb unvollendet, ein befreiendes Aufatmen hatte sichtlich des Assessors Brust geweitet.

»Rolf,« sagte er herzlich, und es lag ein unterdrückter Jubel in der Stimme, »Rolf!« Er streckte dem Freunde die Hand hin. Der legte schweigend die seine hinein, und sie faßten sich in festem Druck. Dann sahen die beiden Männer wieder stumm und träumend in die sinkende Winternacht.

– – Bei Landrichters war Leseprobe.

Es ging dabei sehr feierlich und korrekt zu, denn der zum Ordnen der Festlichkeit erwählte Ausschuß von älteren Damen war anwesend.

Die Frau Apotheker, die Urheberin, der treibende Geist des Ganzen, führte den Vorsitz. Sie saß oben quer an der langen Tafel und hatte zum Zeichen ihrer Würde zwei brennende Lichter rechts und links und eine Schelle mitten vor sich. Ihr zu beiden Seiten saßen die übrigen Mütter, nach unten reihte sich die Jugend an.

Außer den fünf Kränzchenfreundinnen waren noch zwei oder drei junge Mädchen anwesend, lauter Schulkameradinnen, ebenso noch einige junge Herren außer dem Doktor, dem Assessor und dem Provisor.

Zwei Lustspiele waren bereits gewählt. Im ersten, dem Benedixschen »Eigensinn«, sollte der vertrautere kleine Kreis seine theatralische Begabung erproben. Im zweiten, das »Hohe Gäste« betitelt war, waren die Rollen an die übrige Gesellschaft verteilt worden.

»Also sind wir alle einig,« sagte eben die Frau Apotheker. »Seid ihr alle zufrieden mit euren Rollen?«

Das galt speziell dem kleinen Kreis ihres Töchterchens und deren Freundinnen.

Ein Kichern erhob sich, dann wurde eine sehr klägliche Stimme laut: »Ich fürchte, ich kann nicht, mir ist todbange!«

Eine Lachsalve folgte.

Liese, denn die war der Banghase, saß ganz geknickt da. »Nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht,« sagte sie noch einmal sehr kläglich.

»Die Lotte streikt!« – »Nee, die Liese!« – »Nee, die Lotte!« – »Wahrhaftig die Lotte?«

»Aber, Fräulein Lotte, ich –« begann Doktor Werther ganz vorwurfsvoll. Er saß den Schwestern gegenüber, die den Assessor in ihrer Mitte hatten. Trotz der angestrengtesten Beobachtung hatte er heute abend noch kein Anhaltszeichen entdecken können, wer die eine und wer die andre sei.

Sonst half Lotte immer sehr freundlich ein bißchen nach, heute abend aber war sie mit Lesen und dergleichen bis jetzt noch zu beschäftigt gewesen.

Auf Doktor Werthers Anruf an Liese hob sie nun ärgerlich blitzschnell den Kopf: »Ich bin die Lotte, bitte, und ich spiele mit.«

Was sie augenblicklich ärgerte, hätte sie kaum zu sagen gewußt.

Inzwischen ging die Debatte weiter.

»Ja, wer ist's denn nun eigentlich, die streikt, die Liese oder die Lotte?« fragte die Präsidentin jetzt ganz ungeduldig.

Da nahm Mütterchen, die auch zu den Vorstandsdamen gehörte, das Wort: »Die Liese ist's, Frau Apotheker. Und ich möchte bitten, geben Sie meinen beiden Mädels nur eine Rolle. Es taugt doch nicht, daß im selben Stück zwei so absolut gleiche Menschenkinder auftreten. Und das zweite Stück ist so passend besetzt, daran darf nun nicht mehr geändert werden.«

Liese, die's plötzlich gräßlich mit der Furcht hatte, unterstützte Mütterchens Bitte, und so blieb man dabei: Liese und Lotte bekamen eine Rolle zusammen. Mochten sie sich drein teilen. – –

»Mütterchen, Mütterchen, heute ist Probe bei uns!« rief Lotte und trat atemlos ins Zimmer, Liese hinterher.

Die beiden kamen vom See, wo sie Schlittschuh gelaufen hatten. Sie sahen so rosig und frisch aus, und die dunkeln Pelzkäppchen standen ihnen so niedlich, daß Mütterchen plötzlich jede beim Schopf faßte und ihr einen herzhaften Kuß gab.

Die Mädchen waren etwas zaghaft gewesen ob der Aufnahme, die ihre Mitteilung finden würde. Sie hatten etwas eigenmächtig gehandelt mit der Verlegung der Probe zu sich, und sie waren sich dessen bewußt. Nun jubelten sie: »Also ist dir's recht, Mütterchen? Ja? Sind wir aber froh!«

Die Mutter drohte mit dem Finger. »Eigentlich paßt's ja gar nicht, und das wißt ihr auch. Jeder andere Tag wäre mir lieber gewesen. Nun ist's aber nicht zu ändern!«

Am Abend, nach dem Abendessen, nahten sich dunkel vermummte Gestalten dem Hause. Wie eine Bande Verschwörer waren sie anzusehen, nur daß ein harmloses Kichern und Schwatzen unter den zum Fürchten dicken Vermummungen hervorklang.

Denn die Kälte stieg und stieg noch immer, obwohl es nun schon Ende Januar war. Wer sich Abends hinauswagte, der mußte sich einhüllen bis dicht an die Grenze der Unmöglichkeit.

Landrichters Tilde war darin besonders groß. Als sie in den behaglich durchwärmten Flur des Forsthauses trat, wo eben auch die andern ablegten, entstand ein allgemeines Hallo.

»Himmel, was ist das?« – »Ein wandelndes Faß!« – »Wer steckt denn da drin?« – »Gib Stimmchen von dir!«

Tilde piepte, ganz fein, ganz zart.

»Männlein oder Weiblein?«

»Merkwürdig dürftiges Organ für diese Fülle!« sagte Doktor Werther lachend.

»Ablegen! Ablegen!« schallte es im Chorus und Tilde hob das schwarze Wolltuch, das Kopf und Schultern umhüllte. Darunter steckte ihr Kopf in Vaters altem Fußsack, worin ihr zartes, schmales Gesicht fast verschwand.

Erneutes Hallo, als nun Tildes lustige Äuglein verschmitzt von einem zum anderen blinzelten.

»Tilde, Tilde!« – »Die Tilde ist's!« – »Nein, Tilde, du bist gottvoll!«

Tilde sagte nichts, sie entblätterte sich schweigend weiter. Unter dem Fußsack war der Kopf wieder in ein Tuch gehüllt. Jetzt war er frei. Vaters Pelzrock bildete die äußerste Körperhülle, er reichte Tilde bis auf die Füße. Darunterher kamen in endloser Reihenfolge, wie's schien, noch Tücher und Jacken und wieder ein Tuch und noch eine Jacke.

»Nummer zwölf,« zählte der Assessor, der todernst daneben stand und Hülle um Hülle in Empfang nahm.

Die letzte war gefallen, Tilde stand in ihrer ganzen schlanken Magerkeit da.

»Das also war des Pudels Kern,« zitierte Doktor Werther lachend.

»Netter Pudel,« rief Lotte, »ich hätte es eher Mammut genannt!«

»Anfangen, meine Herrschaften,« mahnte Liese, »bitte, anfangen.«

»Du hast gut treiben, du,« raunte ihr Lotte zu, »wenn du spielen müßtest, wär's anders, gelt?«

Liese lachte schadenfroh: »Drum eben!« Aber man fing doch an.

Im Eßzimmer standen spanische Wände zur Markierung der Kulissen. Die Frau Apotheker thronte auf einem Sessel als Publikum, Regisseur und Kritiker in einer Person. Liese sollte soufflieren. Die Schauspieler hatten sich hinter den Kulissen gruppiert, und unterdrücktes Kichern und Schwatzen klang von daraus hervor.

Was hätte Liese darum gegeben, wenn sie hätte dabei sein können.

»Erst der Eigensinn!« rief die Frau Apotheker und schwang die Glocke. – Tiefe Stille dahinten.

»Lisbeth tritt auf!« – Die gleiche Stille.

»Wer ist die Lisbeth?« – »Ich!« tönte eine klägliche Stimme.

Die Frau Apotheker erkannte die Stimme trotz dem kläglichen Piepsen. »Vorwärts, Mariechen!«

Ein Scharren und Schieben hinten.

Mariechen erschien mit der Rückseite voran in der die Tür markierenden Öffnung. Drängende Hände halfen offenbar nach.

»Mariechen!«

Mit dem Ton der Mutter war offenbar nicht zu spaßen. Mariechen kannte das. Mit einem energischen Ruck riß sie sich los und machte ein paar Schritte rückwärts bis zur Mitte der Bühne, worauf sie sich drehte.

»Sehr schön!« sagte die Frau Apotheker ironisch; »bitte, den Auftritt noch einmal!«

Mariechen verschwand, blutrot und sehr verlegen.

Erneutes Glockenzeichen.

»Lisbeth tritt auf!«

Wie aus der Pistole geschossen platzte Mariechen diesmal heraus, rannte im Eifer gegen den Tisch an und warf einen Stuhl um.

»Immer schöner! Bitte, noch einmal!«

Mariechen fuhr der Ton bis ins Mark der Knochen. Sie wußte nicht, wie sie zur Tür hinauskam.

Wieder die gräßliche Glocke.

Wieder Mutters Stimme: »Lisbeth tritt auf!«

Jetzt zitterte Mariechen über und über. Sie konnte die Füße kaum vom Boden heben. Als sei sie plötzlich an allen Gliedern gelähmt, mit schlotternden Knieen, hochrot, schob sie sich vorwärts.

»Etwas flinker, wenn ich bitten dürfte! Noch einmal!«

Mariechen saßen die Tränen sehr lose. Sie besann sich aber plötzlich mit einem Blick in des Provisors mitleidiges Gesicht aus ihre siebzehnjährige Mädchenwürde und gab sich einen Ruck.

»Lisbeth tritt auf!«

Diesmal erschien Lisbeth-Mariechen annähernd normal, und die Sache nahm ihren Fortgang.

Heinrich, der Provisor, trat auf.

Die beiden zankten sich um das »Gott sei Dank, der Tisch ist gedeckt«, das Lisbeth sagen soll und voll Eigensinn nicht sagen will.

Etwas steif und hölzern, etwas eingelernt und papageienmäßig klang, was sie sagten, aber das würde schon kommen.

Die Frau Apothekerin tadelte einstweilen nichts weiter, und Mariechen lebte auf.

Nun kamen Tilde und der Assessor, das Elternpaar in der Komödie.

Tilde war die geborene Bühnenmutter und machte ihre Sache famos. Ebenso der Assessor, der sehr gewandt spielte.

Lotte und Doktor Werther traten als junges Paar auf.

Lotte zuerst gräßlich scheu und verlegen. Sie wagte kaum aufzusehen. Dann traf ihr Blick Liese. Die schnitt ein so schadenfrohes hämisches Gesicht. Da raffte sich Lotte auf und von da an ging's besser.

Bei der Umarmungsszene aber hatte die arme Lotte wieder Pech. »Du, das ist das Scheußlichste an der ganzen Sache,« hatte sie schon vorher zu Liese gesagt, »wenn nur das nicht wäre.«

Liese hatte die Achseln gezuckt und sehr von oben herunter gelächelt.

» Tu l'as voulu, George Dandin!« war alles, was sie gesagt hatte.

Lotte hatte dann noch vorher hinter den Kulissen mit Doktor Werther debattiert. »Können wir die Szene nicht ändern?«

»Weshalb?« Doktor Werther tat sehr erstaunt, aber der Schalk blitzte ihm aus den Augen.

Lotte war urplötzlich in tödlichster Verlegenheit. »Ich – ich meine – ich dachte nur –«

Was sie meinte, was sie dachte, erfuhr Doktor Werther nicht. Er stand vor ihr und sah sie an mit einem Spitzbubengesicht wie ein Schuljunge. Die arme Lotte hatte sich töricht in eine Gefahr begeben.

»Lassen Sie mich nur machen, Fräulein Lotte,« sagte er jetzt mutwillig. »Sie sollen sehen, es geht besser, als Sie denken.«

Lotte erglühte immer mehr. Am liebsten wäre sie in den Boden gesunken. Daß sie aber auch den Mund aufgetan hatte! Sie hatte sich in der Nacht so kluge Reden zurechtgelegt gehabt. Und nun? Alles verweht, alles vergessen! Nichts geblieben, als diese gräßliche Verlegenheit, dies rote, heiße Gesicht.

»Wir sind dran, bitte!«

Da half nun kein Zögern, Lotte mußte hinaus. Erst, wie gesagt, war sie schrecklich scheu und verzagt, dann ging's besser. Und nun sollte die Schreckensszene kommen. Lotte wurde heiß und kalt und wieder heiß. Mechanisch sprach sie, was sie zu sprechen hatte. Da kam das Stichwort. Lotte sah ganz deutlich das von Klammern eingefaßte, klein gedruckte »(umarmt sie)« vor sich. Mit feurigen Lettern stand es in ihr Hirn eingebrannt. Jetzt mußte es kommen, jetzt! Da – instinktiv wich sie zurück, weiter – noch weiter!

Ein gräßliches Poltern! Die spanische Wand lag am Boden und hatte im Fallen allerlei dahinter Aufgestapeltes mit umgerissen. Porzellan klirrte, Glas splitterte. Lotte stand wie betäubt.

Und derweil spielte Doktor Werther, ohne aus der Fassung zu geraten, ruhig seine Rolle weiter.

Lotte war umarmt worden und hatte sich umarmen lassen, ohne zu wissen, wie ihr geschah. Das Stückchen war zu Ende. –

»Lotte, diese Umarmung mit Knalleffekt war ja prächtig,« neckte Tilde.

»Wirst du das immer mit solchem Donnergepolter inszenieren?« fragte Liese anzüglich.

Lotte sagte nichts. Sie war froh, die Sache hinter sich zu haben.

Im Verlauf der Proben hatte sie sich dann allmählich daran gewöhnt, und keine Kulisse wurde mehr zu Fall gebracht ob des welterschütternden Ereignisses.

Und Proben hatte sie noch genug.

»Merkwürdig, daß ihr so viele Proben braucht,« sagte Mütterchen und schüttelte das Haupt. Väterchen sagte nichts, lächelte aber verschmitzt. Liese zuckte die Schultern. »Ich begreif's auch nicht. Ich kann's schon beinahe auswendig vom Soufflieren her.«

»Ach, du!« sagte Lotte, und der Ton ließ zweifelhaft, ob es anerkennend oder geringschätzend gemeint war. –

»Wissen Sie, was das Netteste ist an all den Proben?« hatte Doktor Werther Lotte einmal gefragt.

»Nun?«

»Daß ich nun gewiß weiß, daß Sie Fräulein Lotte sind!«

»Wer weiß?« hatte Lotte gesagt und ganz vergnüglich dabei gelacht.

Das war bei der Generalprobe gewesen, und daran mußte Lotte denken, als sie Abends im Bett lag. »Du, Liese!« sagte sie und griff mit der Hand aufs Geratewohl ins Nachbarbett. Sie traf just ein weiches, warmes Gesicht und nicht eben zart.

»Au!« sagte Liese, »au! Ich will schlafen.« – »Liese, so hör doch!«

»Was denn?«

Ein furchtbares Gähnen.

»Liese!« – »Ja doch!«

»Denk dir, Doktor Werther behauptet, er kenne mich nun ganz genau, er wisse jetzt immer gleich, wer die Lotte sei.«

»Das wäre! Wer's glaubt!«

»Ja du, ich fürchte –« es ist so, hatte Lotte sagen wollen, aber Liese schnitt ihr das Wort ab.

»Wird nicht geduldet! Fehlte gerade. Da wäre ja aller Ulk beim Kuckuck. Nee, Lotte, dem helfen wir gründlich ab. Wir sind und bleiben eins, trotz des Herrn Doktors Klugheit. Dem leucht' ich heim. Wetten?«

»Was willst du tun?« Es klang ganz ängstlich.

Herrje, an den Kragen geht's ihm nicht, der Dünkel soll ihm nur gründlich ausgetrieben werden. Wirst du tun, was ich dir sage?«

»Ja doch, aber –« Lotte stockte.

Liese fiel sehr bestimmt ein: »Kein Aber. Ich habe einen wundervollen Plan. Wir –« und dann tuschelte Liese so leise, als ob die Wände Ohren hätten, zu hören, und Zungen, zu verraten.

Ab und zu protestierte Lotte, aber das half ihr nichts, der Protest wurde im Keim erstickt. Liese und ihr Plan triumphierten.

Mütterchen erstaunte anderen Tags sehr über das viele Tuscheln und Kichern der Mädchen, die mehr als je zusammen oben in ihrem Reiche steckten.

»Was habt ihr nur immer da oben zu schaffen, Kinder?« fragte sie ganz verwundert. »Eure Anzüge für den Abend sind doch in schönster Ordnung. Davon habe ich mich selbst überzeugt. Was treibt ihr also?«

Eine Lachsalve der Mädchen. »Wir proben, Mütterchen!«

»Dies ewige Geprobe! Man meint, ihr solltet mindestens den Faust aufführen. Ein Glück, daß es heute abend ein Ende hat!«

Liese und Lotte stoben kichernd die Treppe hinauf. Kopfschüttelnd sah ihnen Mütterchen nach.

8.

Im Hotel zur »Goldenen Krone« war der große Saal hell erleuchtet. Eine schaulustige Menge nahm geräuschvoll auf den Stuhlreihen Platz. Vorn saßen die Honoratioren aus der ganzen Umgegend, nach hinten schlossen sich die Dorfbewohner an. Die kleine Bühne am einen Ende des Saals hielt geheimnisvoll den Vorhang gesenkt. Dahinter klopften und bangten kleine Mädchenherzen, und neugierige, erschreckte Augen blinzelten durch das kleine Guckloch.

»Du mein Himmel, was für eine Menge Menschen!« seufzte Lotte.

»Woher die nur alle kommen?« meinte Liese.

»Nur Mut, es wird schon schief gehen,« spottete Tilde.

Aber selbst Tilde war es nicht so übermütig zu Sinn, wie sie gern glauben machen mochte. Der Augenblick schien gar zu kritisch.

»Wie eine Lawine, die sich über einen herwälzt,« seufzte Mariechen, die jetzt am Guckloch stand. »Wär meiner Mutter Tochter doch erst eine Stunde älter.«

»Kopf oben, meine Damen! Lampenfieber ist eine Kinderkrankheit,« sagte Doktor Werther lachend.

Liese hielt Lotte fest umschlungen, und die beiden sahen in ihren ganz gleichen, schlicht weißen Wollenkleidern sehr niedlich aus.

Das fand auch der Assessor, der sich immer sehr dicht bei ihnen hielt.

»Bitte, sich bereit machen zu wollen!« rief die Frau Apotheker, die sehr aufgeregt und geschäftig hin und her lief.

»Mariechen, Herr Provisor, bitte! Sie treten zuerst auf.«

»Mir zittern die Knie, Mutter,« sagte Mariechen und weinte beinahe.

»Albernes Ding!« Fort war die Mutter.

Das ging Mariechen denn doch über den Spaß. Ob der Provisor den Ehrentitel gehört hatte?

Da tönte auch schon die Klingel, der Vorhang hob sich langsam und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Klärchen hatte zuerst einen Prolog zu sprechen. Dank ihrem Phlegma hatte sie keine Angst. So sprach sie sehr bedächtig, sehr ruhig und sehr klar.

Währenddessen stand Doktor Werther vor Liese und Lotte, die sich noch immer umschlungen hielten. »Jetzt wird's ernst, Fräulein Lotte!« sagte er. Dabei glitt sein Auge etwas unsicher über die beiden hin, blieb aber dann doch, ob zufällig oder instinktiv, an Lotte haften. Diese wurde rot und preßte Liese so, daß dieser fast der Atem ausging.

»Au,« sagte Liese und machte sich energisch los. »Wer ist die Lotte, Herr Doktor?«

Sie blitzte ihn aus übermütigen Schelmenaugen an. Er wurde noch unsicherer. Sein Blick glitt über Lotte hin, dann über Liese und wieder über Lotte. Er schien sich doch für diese entscheiden zu wollen.

»Ich spiele mit,« sagte die Liese kurz und trat zu ihm hin.

Er atmete auf. »Wunderbar,« sagte er, »ich hätte fest geglaubt –« Nochmals streifte sein Blick Lotte. Diese tuschelte eifrig in Liese hinein, die anderer Meinung zu sein schien und den Kopf zurückwarf. Da zuckte Lotte die Achseln und wandte sich ab.

Aber ein sehr trüber Blick streifte den Doktor, der nun Liese den Arm bot, sie an den Aufgang der Bühne zu führen.

Mittlerweile verklangen Klärchens letzte Worte des Prologs:

»Nicht Künstler sind wir ja, wollt das bedenken,
Und dennoch freundlich euren Beifall schenken!«

Bravorufen, Händeklatschen.

Der Vorhang hob sich, senkte sich und hob sich wieder, worauf er sich unter stetem Beifallrufen nochmals senkte.

Als er sich dann aufs neue hob, hörte man Lisbeth-Mariechens zitterndes Sümmchen, das erst allmählich an Festigkeit gewann.

Lotte war in der Souffleurecke verschwunden. Sie war sehr unaufmerksam. Ein paarmal vergaß sie ganz, einzuhelfen, und Mariechen wäre stecken geblieben, wenn ihr ihr Heinrich-Provisor die Worte nicht zugeraunt hätte.

Jetzt kamen Tilde und der Assessor und erregten einen Lachsturm.

Und jetzt – jetzt – ja wahrhaftig kam Liese – Liese mit dem Doktor, und Liese spielte ihre, Lottes, Rolle und er – er ließ sich wahrhaftig anführen. Er glaubte sie – sie – Lotte vor sich zu haben.

Ha, ha, ha, ha, das war doch zu komisch!

Warum nur Lotte nicht lachen konnte? Warum sie nur plötzlich so schrecklich gedrückt und traurig war?

Liese spielte aber sehr flott und übermütig. Sie hatte ihrer Lotte in den Proben alles genau abgelauscht. Lotte mußte es gestehen, und Liese machte es fast noch besser, jedenfalls unbefangener, freier.

Doktor Werther merkte es auch und sah seine Partnerin ein paarmal ganz erstaunt von der Seite an. Merkwürdig, welche Talente sich da oft in der Erregung des Augenblicks erst Bahn brechen!

Auch sein Spiel wurde flotter.

Lotte vergaß ihres Amtes über dem Zuschauen.

»Fräulein Liese,« tuschelte es da an ihr Ohr, »Fräulein Liese!«

Lotte hörte nicht.

»Fräulein Liese, Sie lassen mich ja stecken!« tuschelte es noch dringlicher. Der Assessor stand dicht vor der Kulisse, hinter der sie saß, und wandte ihr ein ganz verdutztes Gesicht zu. »Gleich komme ich dran, und ich weiß ums Leben nicht, was ich zu sagen habe.« Er gestikulierte eifrig weiter, um sein »Beiseite« zu decken. Es sah urdrollig aus.

Lotte mußte lachen. Dadurch aber verlor sie die Stelle im Buch, und ehe sie die erst wiederfand, war der Assessor dran, und nur Tildens gutes Gedächtnis und Geistesgegenwart retteten ihn vor dem Schiffbruch.

Ein vorwurfsvoller Blick streifte Lotte, und die Handlung schritt weiter.

Noch jemand drunten im Saal verfolgte mit angestrengtester Aufmerksamkeit und sehr gemischten Gefühlen Lieses Spiel. Und das war die Mutter.

Als Liese aufgetreten war, so frisch und so keck, da hatte die Mutter Vaters Arm gepackt. »Die Liese!« hatte sie gehaucht, und es hatte geklungen, als gäbe sie eben den Geist auf.

Vater hatte die Mutter ganz erstaunt angesehen. »Na nu,« sagte er, »was ist denn jetzt wieder los?«

»Es sollte doch die Lotte sein!«

Er starrte sie verständnislos an.

»Die Lotte hat doch die Rolle übernommen und hat alle die Zeit geprobt, und nun spielt die Liese da droben.«

»Donnerwetter!« Vater starrte einen Augenblick nach der Bühne hin, dann wandte er sich triumphierend der Mutter zu. »Du irrst dich einfach, Anna, das ist doch die Lotte.«

»Ich irre mich nicht, Karl!«

Es klang so ergeben, so elegisch. Forstmeister von der Pfalz wurde stutzig. Die Mutter schien ihrer Sache gewiß, und achtzehn Jahre lang war sie nun ihrer Sache schon gewiß gewesen, das mußte der Vater, wenn auch widerwillig zugeben, da hatte sie doch Übung drin.

Forstmeister von der Pfalz starrte wieder aufmerksam zur Bühne.

Liese spielte eben besonders frisch und fix. »Donnerwetter!« sagte er noch einmal ganz laut, »Wetterhexe!« Und dann prustete er los: »Ha, ha, ha, ha!«

Da dies nun just mit einem Witz von der Bühne herunter und einem Lachsturm des Publikums zusammentraf, so fiel es weiter nicht auf. Nur Frau Anna kniff den Gatten ziemlich derb in den Arm. »Karl,« sagte sie sehr ärgerlich und sehr energisch, »Karl, ich bitte mir aus, daß das unter uns bleibt. Diese Tollheit kommt mir nicht unter die Leute!«

»Seh' ich gar nicht ein –« wollte er zu protestieren beginnen, da kniff Frau Anna noch einmal.

»Alle Wetter,« sagte er und befreite eiligst seinen Arm, den er brummend rieb.

»Versprich's, Karl,« drängte sie.

»Ja doch,« brummte er und rieb immer noch den Arm. – –

Liese hatte gerade nichts auf der Bühne zu tun und trat zu Lotte hin. »Famos, was?« flüsterte sie strahlend.

»Ja,« sagte Lotte sehr knapp, sehr abweisend.

Liese umfaßte sie. »Bist du böse, Lotte?«

»Nee, aber wir – ich meine – ich glaube – was wird – Mutter sagen?«

Sie hatte zuerst einen andern Namen nennen wollen, besann sich aber eines Besseren.

»Mutter?« fragte Liese gedehnt, ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Gleich darauf war sie wieder eitel Sonnenschein. »Ach was, die merkt's vielleicht gar nicht! Aber ist's nicht ulkig, wie der Doktor reinfällt?«

»Ja,« sagte Lotte wieder sehr knapp und einsilbig.

»Du –« Liese sah ihr schelmisch in die Augen, »du, ich glaube –«

Da trat der Assessor heran. »Fräulein Liese, ich wollte mich sehr bei Ihnen beklagen, wie konnten Sie mich so schmählich im Stiche lassen!«

»Ja, Lotte, das hab' ich auch gedacht!«

Liese war aus der Rolle gefallen. Erstaunt fuhr der Assessor herum und sah kopfschüttelnd von einer zur andern. Beide waren nun krebsrot vor Verlegenheit und unterdrücktem Lachen.

»Ja, aber –« er sah sie hilflos an. »Das da ist doch Fräulein Liese, Fräulein Liese souffliert doch!«

»Ich souffliere, ganz recht!« sagte Lotte, auf die er wies.

»Na also!« Er beugte sich über Lotte, nahm ihr das Buch aus den Händen und hatte allerlei anzustreichen und um allerlei Einhilfe in der kommenden Szene zu bitten.

Liese stand voll brennenden Interesses daneben. Am liebsten hätte sie Lotte das Buch weggerissen. Lotte war auch gar zu gleichgültig. Wie konnte sie den Assessor nur so stecken lassen! Sie, Liese, hätte es ganz anders gemacht.

Dies Wechseln der Rollen war doch eine alberne Idee.

Doktor Werther trat heran. »Fräulein Lotte, wir kommen sofort dran. Darf ich bitten?« Er bot Liese den Arm. Dabei streifte sein Blick Lotte, die vermeintliche soufflierende Liese.

Ein tieftrauriger Blick begegnete dem seinen. Der machte ihn stutzen, er mußte noch einmal hinsehen. »Was hat Fräulein Liese heute Abend?« Er sah seine Partnerin an. Die hatte ihn gar nicht gehört. Ein beinahe so trauriger Blick, wie er ihn eben getroffen hatte, streifte von ihr zu dem verlassenen Paar in der Souffleurecke.

Was war das? Doktor Werther schüttelte den Kopf. »Fräulein Lotte!« rief er seine Partnerin an. Die hörte gar nicht. »Fräulein Lotte, woran denken Sie?« Liese strich sich über die Stirn.

»Die Lotte dort –« sagte sie traumverloren, und ihr Blick hing noch immer an dem verlassenen Paar.

»Ja, aber –« wie der Assessor vorhin, wußte jetzt Doktor Werther nicht, was er sagen sollte.

Da kam Liese zu sich. Und da war auch das Stichwort, und die beiden mußten auftreten. –

Das erste Lustspiel war zu Ende. Jubelnder Beifall lohnte den Spielern. Sie wurden wieder und wieder gerufen.

Die Pause zwischen diesem und dem nächsten Stück, zu dem ein Kulissenwechsel nötig war, füllten zwei junge Damen mit einer vierhändig gespielten Ouvertüre.

Hinter der Bühne standen alle Mitwirkenden aus dem »Eigensinn« beisammen. Die Stimmung war sehr gehoben. Nur Lotte war gedrückt. Sie war nun auch ihrer Pflichten ledig, da im nächsten Stück ein anderer soufflierte.

Liese trat zu ihr hin. »Komm in die Garderobe, Lotte. Ich möchte mich ein bißchen zurecht machen, bitte. Dann wechseln wir wieder die Rollen und können wir selber sein. Der Doktor ist so famos reingefallen und der Assessor auch. Wird das ein Ulk werden, wenn wir's nachher sagen! Lotte, Lotte, es war doch wundervoll!«

Lotte war entschieden andrer Ansicht, und als die beiden danach in die Garderobe kamen, änderte auch Liese ihre Meinung.

Dort stand Mütterchen, die sie offenbar ungeduldig erwartete. Ihr Gesicht prophezeite nichts Gutes. »Was sind das wieder für Streiche?« begann sie sehr streng. »Tolle Jungenstreiche nenne ich's, nicht was man von erwachsenen Mädchen erwarten darf. Ich hätte euch für klüger gehalten, wahrhaftig. Wie könnt ihr wagen, den Leuten so auf der Nase herumzutanzen! Ich bitte mir aus, daß die Sache ganz unter uns bleibt und keiner ein Wort davon erfährt. Zur Strafe führt ihr nun heute Abend die selbstgewählten Rollen durch. Liese bleibt die Lotte und Lotte die Liese! Das sollte mir gerade fehlen, daß ihr euch jetzt auch noch verplappert und die dumme Geschichte bekannt wird. Nein, Strafe muß sein, seht, wie ihr euch damit abfindet!«

Liese und Lotte wagten kein Wort der Entgegnung. Mit blutroten Köpfen, wie gescholtene Kinder, standen sie vor Mütterchen.

»Wir –« – »Wir –«

Mit energischer Handbewegung schnitt Mutter alles weitere ab. »Richtet euch danach!« Damit schritt sie hinaus. Liese und Lotte sahen sich an. Lotte zuckte die Achseln und wandte sich ab. »Das haben wir nun davon!«

Liese, die Anstifterin des Planes, ließ den Kopf hängen. »Ja, ja, das –« hätte ich auch nicht gedacht, wollte sie sagen, da streckte Väterchen sein schmunzelndes Gesicht zur

»Väterchen!« Wie erlöst klang der Ruf, und die beiden flogen auf den Vater zu und hingen sich rechts und links an seine Arme. »Väterchen!«

»Ja, Mädels, ich – die Mutter schickt mich –« begann er unsicher, fast wie verlegen, und dabei zuckte ihm der Schalk um den Mund. »Was sind das aber auch für Sachen, seht mal, ihr könnt doch nicht die ganze Gesellschaft nasführen wollen. So 'ne tolle Geschichte – ha, ha, ha, ha! Liese, Hexe, hast aber deine Sache famos gemacht, muß ich sagen.«

Er lachte, und erleichtert lachten Liese und Lotte mit.

Dann kam er zu sich. »Jetzt aber Order pariert, verstanden! Die Mutter hat sich nun mal die Strafe ausgedacht, und dabei bleibt's, oder euch soll –« er preßte die beiden Arme, die sich in die seinen geschoben hatten, fest an sich.

Liese und Lotte lachten ihn an, dann ließen sie aber doch die Köpfe hangen. »Ja, Väterchen –« begannen sie.

»Papperlapapp!« Damit schnitt er alles ab, und da waren sie auch schon im Saal.

Viele wohlgefällige Blicke trafen die drei. Und sie konnten sich sehen lassen, der stattliche dunkle Mann mit den zwei rosigen, blonden Töchtern rechts und links.

Das zweite Lustspiel war schon in vollem Gange. Es wurde frisch gespielt und flott und erntete fast noch mehr Beifall als das erste.

Dann kamen noch einige lebende Bilder, aus den Handwerkerkreisen des Städtchens gestellt, die auch hatten beitragen wollen zu dem guten Werke. Dann war alles zu Ende und das Publikum verlief sich.

Der engere Kreis der Aufführenden blieb beisammen. Man stand in Gruppen im Saal und plauderte.

Die Kellner entfernten die Stühle und schoben gedeckte Tische zum Abendessen herein.

Doktor Werther und der Assessor hatten sich bereits vor Tagen ihrer Tischdamen, Liese und Lotte, versichert; Doktor Werther hatte Lotte, der Assessor Liese gebeten.

Der Rollenwechsel, den Mutter nun befohlen hatte, kam die beiden bitter schwer an. Ja, wäre er freiwillig gewesen wie zuvor und hätte er irgend einen Possenstreich zum Zweck gehabt! So aber!

Die Herren traten heran. Doktor Werther verneigte sich vor Lotte: »Darf ich bitten?« Er bot ihr den Arm.

Stumm trat Lotte zurück und Liese vor.

»Wieder falsch geraten?« fragte er gut gelaunt. »Ein Glück, daß Sie mir so liebenswürdig helfen, Fräulein Lotte.«

Liese hing den Kopf. Ein trauriger Blick flog zu Lotte hin, die eben an des Assessors Seite zu Tisch ging. Und dann saßen sie alle vier unten ums Tischende herum.

Mutter hatte sich mit strengem Blick davon überzeugt, daß ihrem Befehl Folge geleistet worden war. Sie hatte ja gewußt, daß und mit wem die Mädchen zu Tisch engagiert waren.

Sie sah den befohlenen Rollentausch und lächelte ganz heimlich vor sich hin, als sie die etwas niedergedrückten Mienen der Kinder sah.

Hoffentlich trug die Kur für ein andermal Früchte.

Vom Abendessen, das nun folgte, hatten sich Liese und Lotte, auch Doktor Werther und der Assessor mehr versprochen. Nicht in materieller Beziehung. Liese und Lotte wußten kaum, was sie aßen, und die beiden Herren achteten nur vorübergehend darauf. Nein, aber die Unterhaltung wollte heute merkwürdigerweise gar nicht in Fluß kommen.

»Es ging aber wirklich famos, Fräulein Lotte,« sagte Doktor Werther zu seiner Dame, »ich erkannte Ihr Spiel gar nicht wieder von den Proben her. Ja, die Erregung des Augenblicks tut da viel!«

Liese, an die er sich wandte, stotterte ein paar Worte. Sie sah Lottens Blick ganz traurig auf sich ruhen und wußte gar nicht, was sie sagen sollte.

»Fräulein Liese, Sie haben mich aber schmählich im Stich gelassen, das muß ich sagen; bei den Proben ging's viel besser.«

Liese wollte sich eben über den Tisch hinüber verteidigen, besann sich aber noch zur Zeit.

Lotte hatte offenbar gar nicht gehört. Kopfschüttelnd wandte sich der Assessor zu seiner andern Nachbarin, zu Tilde. Diese war seelenvergnügt und rief neckend Liese und Lotte zu: »So langweilig hab' ich euch noch gar nicht gesehen, Mädels. Theaterspielen und Soufflieren bekommt euch nicht!«

Tilde hatte recht. Theaterspielen und Soufflieren war den beiden herzlich schlecht bekommen. Liese und Lotte fühlten es nur zu sehr.

Doktor Werther und der Assessor ließen sich allmählich von der sichtlichen Verstimmung ihrer Tischnachbarinnen anstecken, und der Abend schloß sehr ungemütlich.

Das Essen war zu Ende. Liese und Lotte hatten Kopfweh, und zwar beide.

»Väterchen, laß uns heimgehen!« Sie hingen an seinem Arm.

»Na nu, Mädels, wo fehlt's?« Ganz besorgt sah er von einer zur anderen. Das war ihm in seinen Erfahrungen als Vater »ausgehender Töchter« noch nicht vorgekommen.

»Wir haben –« begann Liese – »Kopfweh,« vollendete Lotte.

»Kopfweh?« Er schüttelte den Kopf. »Hm, hm! Mutter, die Kinder haben Kopfweh und wollen heim!«

Mutter erhob sich alsbald. Wenn sie innerlich erstaunte, so zeigte sie es nicht. Bereitwillig trat sie hinzu. »Dann wollen wir natürlich heim. Kommt, Kinder, verabschiedet euch.«

Und Liese und Lotte verabschiedeten sich und hatten auf alle erstaunten und verwunderten Fragen nur die eine Antwort: »Kopfweh!«

Daheim hatten sie Vater und Mutter still Gutenacht gesagt. Mütterchen hatte jeden ferneren Kommentar unterlassen; Väterchen schüttelte immer noch den Kopf, aber ein sehr ernster Blick der Mutter hielt ihn in Bann.

Er sagte nichts. Erst als die beiden still gegangen waren, sagte er vorwurfsvoll: »Du hast den Kindern die ganze Freude verdorben, Anna. Der Scherz war doch eigentlich sehr harmlos.«

»Mag sein,« erwiderte Frau Anna, »aber gut ist gut, und besser ist besser. Hoffentlich wirkt die Lektion.«

Mit diesem etwas rätselhaften Ausspruch zog auch sie sich zurück; Väterchen aber saß noch lange bei seiner Zeitung und seiner Pfeife.

Droben lagen Liese und Lotte nebeneinander im Dunkeln.

»Liese!« – »Lotte?« – »Schläfst du?« – »Nein!« Pause.

»Lotte!« – »Liese?« – »Ich wollte, wir hätten –« – »Ich auch –«

Wieder Pause; dann zwei tiefe Seufzer.

»Gute Nacht, Liese!« – »Gute Nacht, Lotte!« – »Du!« – »Ja?« – »Nichts!« »Ich –«

Erneute Pause. Lieses Arm schob sich unter Lottes Kopf.

»Lotte!« – »Ja?« – »Nie wieder tun!« – »Nie wieder!«

Das klang wie ein Hauch. Und dann kamen wieder zwei tiefe Seufzer, und dann tiefe und tiefere Atemzüge wie von immer fester und immer gesunder schlafenden Menschenkindern.

9.

Hell schien die Sonne ins Zimmer, und Liese und Lotte schliefen noch. Mütterchen lugte zur Tür herein, hörte die tiefen Atemzüge, lächelte und schloß behutsam die Türe wieder.

Die Sonne rückte höher. Jetzt traf sie die Schläferinnen ins Gesicht. Liese erwachte zuerst, rieb sich die Augen, setzte sich aufrecht und sah sich ganz erstaunt um. »Lotte!« – Die fuhr auf.

»Lotte, es muß schon gräßlich spät sein. Sieh doch die Sonne!«

Lotte blinzelte, sie konnte die Augen nicht aufkriegen, fuhr aber doch mit beiden Füßen aus dem Bette und ganz mechanisch in die Kleider.

Es war bitter kalt, da galt's, sich zu tummeln.

Die beiden waren plötzlich ganz wach. Als gelte es eine Wette, wer zuerst fertig sei, so flink waren sie in den Kleidern und fix und fertig. Dann wurden die Betten ausgelegt und die Fenster geöffnet.

Liese lehnte sich hinaus. Da schlug die Turmuhr; die Mädchen zählten: »Zehn Uhr!« Wortlos sahen sie sich an, und wortlos flogen sie die Treppe hinunter.

Mutter saß am Arbeitstisch. Der Frühstückstisch war noch gedeckt, und da ging auch schon die Küchentür! Kathrine brachte den warmgehaltenen Kaffee.

»Danke, Kathrine, danke. Die Schande, was?«

Kathrine schmunzelte und brummte was vor sich hin.

Liese und Lotte flogen auf die Mutter zu: »Verzeih, Mütterchen, wir sind gräßlich spät dran! – Wir haben verschlafen! Verzeih!«

»Macht nichts, Kinder. Nur flink zum Kaffee jetzt!«

Mütterchen stand auf und setzte sich zu den beiden und war so lieb und so fürsorglich, daß Liese und Lotte, die eigentlich anderes erwartet hatten, vor Rührung kaum ihren Kaffee trinken konnten.

»Mütterchen, ich –« – »Wir –«

»Schon gut, Kinder, ich weiß! Geschehenes ist nicht zu ändern, aber Kommendes kann dafür besser gemacht werden, nicht?«

Liese hatte den Arm von der einen, Lotte von der anderen Seite um Mutters Hals gelegt. Und Mutter küßte erst das eine junge Gesicht und dann das zweite, und dann sagte sie: »Abgemacht, ja?« Und Liese und Lotte nickten, und der Kaffee schmeckte ihnen köstlich danach.

Dann ging's an die Erledigung der häuslichen Pflichten in etwas beschleunigtem Trab heute. Und dann saßen sie mit Mütterchen am Arbeitstisch und sprachen fröhlich über alles mögliche, nur nicht über den gestrigen Abend.

Väterchens Stimme wurde auf dem Flur laut: »Bitte, Herr Assessor, hierher! Sie werden wohl hier sein.« Und da öffnete er auch schon die Tür und ließ den Assessor vortreten. »Hallo, Mädels, Kopfweh vorbei? Ja? Der da kommt mit einem Anliegen, wozu man kein Kopfweh brauchen kann.«

Liese und Lotte waren auf Väterchen zugeeilt und hatten sich an seinen Arm gehängt. Ein bißchen verlegen schienen sie, aber auch ein bißchen neugierig.

Der Assessor hatte unterdessen die Frau Forstmeister begrüßt. Jetzt wandte er sich den beiden Schwestern zu. »Ich komme im Auftrag meines Freundes und habe für ihn und für mich eine große Bitte an Sie beide. Gestern abend wurde noch eine Schlittenpartie für heute verabredet. Es soll um zwei Uhr nach Jägersheim gefahren werden. Dort wird Kaffee getrunken, sollen Spiele gemacht oder getanzt werden, je nachdem. Mein Freund und ich, wir erbitten uns nun das Vergnügen, die beiden jungen Damen fahren zu dürfen. Wenn die Herrschaften es erlauben.«

Das galt Vater und Mutter. Väterchen war sofort Feuer und Flamme. Er freute sich des Vergnügens für die »Kinder«. Es schien ihm ein Ersatz für den verunglückten gestrigen Abend. »Aber selbstverständlich,« beeilte er sich zuzustimmen. »Mutter und ich fahren auch mit, was? Johann hat gestern den Schlitten frisch in stand gesetzt, da können wir ihn wieder benutzen.«

Mütterchen war bereit und gab auch gerne die Erlaubnis, daß Liese und Lotte mit den beiden Herren fahren durften.

Liese und Lotte strahlten.

»Also punkt zwei Uhr, meine Damen!« Damit verabschiedete sich der Assessor. – –

Liese und Lotte standen oben vor dem Toilettentisch.

Mütterchen hatte die blauen Tuchkostüme mit den weißen Wollblusen als passendsten Anzug für die Gelegenheit bestimmt. »Da könnt ihr die Abendmäntel noch drüber nehmen und seid warm genug.«

Liese und Lotte hatten eben die dicken Flechten aufgesteckt und Sorge getragen, daß die beiderseitigen Knoten ja nicht um eine Linie breit in der Lage voneinander abwichen. Dabei hatte man viel in den Spiegel zu sehen, zu vergleichen, zu prüfen.

»So,« sagte Liese endlich befriedigt, »jetzt sitzen sie ganz gleich. Die kennt keiner auseinander.«

Lotte sagte nichts.

Jetzt kamen die weißen Flanellblusen. Kragen, Manschetten, alles mußte bei einer sitzen wie bei der anderen. Ganz mechanisch rückten sie sich's gegenseitig zurecht. So war's immer gewesen, und so mußte es auch heute sein.

Nun die Röcke. Jetzt die Gürtel. Liese rückte und zupfte noch ein bißchen an Lotte herum, Lotte an Liese.

Nun war alles fertig. Sich umschlungen haltend, standen sie vor dem Spiegel und schauten prüfend hinein. Keine sagte ein Wort. Da plötzlich: »Liese!« – »Lotte?«

»Ob wir einen Schlips vorbinden? Es sieht doch freundlicher aus.«

»Wie du meinst.«

Wie's nun kam, ob sie plötzlich farbenblind geworden waren, oder sich nur vergriffen hatten, kurz, sie standen wieder vor dem Spiegel, und Lotte hielt ein rosa, Liese ein blaues Band in Händen. Sie mußten auch den Irrtum gar nicht merken, denn keine sagte ein Wort.

Liese band die blaue Schleife, Lotte die rosa vor. Sie rückten sie sich gegenseitig zurecht, und noch immer blieben sie stumm, ja es war, als ob sich die Blicke gegenseitig ausweichen wollten.

Plötzlich faßte Lotte die Liese beim Schopf und sah ihr tief in die Augen. Und dann küßten sich beide, lang, innig.

»Uff! 's ist warm hier,« sagte die Lotte und warf einen förmlich hilfesuchenden Blick nach dem Öfchen. Das war zwar kalt, aber die Lotte glühte, die Liese desgleichen.

»Furchtbar heiß,« nickte sie bestätigend. Und dann sahen sie sich noch einmal an und küßten sich noch einmal.

»Mütterchen wird sich freuen,« flüsterte Liese mit einem Blick auf die Schleifen.

»Ebendeshalb,« stotterte Lotte. »Und wir bleiben trotzdem eins, Lotte,« hauchte Liese.

Lotte nickte nur und preßte Liese fast krampfhaft an sich.

Da klang fröhliches Schellengebimmel über den Platz.

»Sie kommen!«

Flink waren die Mädchen nun in ihren Tuchjacken und halfen sich gegenseitig die Mäntel umnehmen. Die Mützen aufgestülpt. Fertig!

Wie der Wind stoben sie die Treppen hinunter.

Unten im Flur stand die Mutter, auch schon zur Fahrt gerüstet.

Stürmisch flogen ihr die Mädchen an den Hals.

»Viel Vergnügen, Kinder, und – Kinder, ich verlasse mich auf euch!«

»Keine Furcht, Mütterchen!« – »Mütterchen, das kannst du!«

Damit waren sie auch schon zur Tür hinaus, und Väterchen, der eben im Flur erschien, erhielt nur noch ein flüchtiges Kopfnicken.

Draußen stand der Schlitten. – Ein sehr elegantes Gespann, das schönste des Städtchens.

Die Sitze waren so gestellt, daß alle vier Insassen vorwärts fahren konnten und vorn saß der Kutscher auf erhöhtem Bock.

Die Rappen scharrten im Schnee, warfen die mit Federbusch geschmückten Köpfe zurück, tänzelten und schlugen die Flanken mit den Schweifen. Und bei der kleinsten Bewegung klangen die hellen Schellchen lustig und frisch.

Doktor Werther und Assessor Lassen traten Liese und Lotte entgegen.

Die beiden sahen in ihren fahlblauen Mänteln mit dem hellen Pelzwerk und den dazu passenden Pelzmützchen auf den blonden Krausköpfen besonders niedlich aus. Die jungen rosigen Gesichter lachten, und die blauen Augen strahlten.

Es hätte Doktor Werthers teilnehmender Frage: »Kopfweh verflogen, meine Damen?« nicht bedurft. So sah niemand aus, der mit Kopfweh behaftet war. Liese und Lotte schüttelten denn auch lachend die Köpfe.

»Alles vorbei, Herr Doktor!« – »In alle vier Winde verflogen!«

»Na, dann wollen wir heute aber nachholen, was wir gestern versäumten. Bitte einsteigen, meine Damen! Darf ich bitten, hierher, Fräulein Lotte.«

Gehorsam wie ein Kind trat Lotte heran. Liese folgte dem Assessor. Keiner kam heute die Lust, ihren alten Verwechslungstrick anzuwenden.

Sie stiegen ein. Lotte vorn, Liese hinten, und die beiden Herren zogen die vielen warmen Hüllen dicht um sie herum.

Und nun klingelte es plötzlich von allen Seiten. Schlitten um Schlitten flog heran, zwölf an der Zahl. Jeder wurde mit Peitschenknall und freudigem Zuruf begrüßt. Vor der Forstmeisterei war Sammelplatz.

Und nun sausten sie dahin, einer hinter dem anderen. Die Pferde wieherten, die Federbüsche wehten, die Schellen bimmelten, Fenster wurden aufgerissen, lustige Zurufe ertönten. Kinder jauchzten, Hunde kläfften, Schneeballen flogen – es war so lustig und so bunt, so munter und so toll, wie eben eine richtige, fröhliche Schlittenfahrt sein muß.

Liese und Lotte genossen es unsagbar.

»Wer hat nur die herrliche Idee gehabt, Herr Doktor?«

»Bescheidenheit verbietet mir den Mann zu nennen, Fräulein Lotte!«

»Also Sie!«

»Es ist ein probates Mittel gegen Kopfweh, Fräulein Lotte.«

Der Schalk saß ihm in den Augen.

»Wirklich?« Lotte kicherte.

»Auch gegen – gegen –« er besann sich, »gegen Verstimmungen.«

Lotte erglühte.

»Ich – wir – ach was, Herr Doktor, lassen wir die dumme Geschichte, ja? Bitte!«

Fröhlich nickte er. »Ich bin dabei, die Sonne scheint zu schön heute. Es wäre Sünde, Schatten hervorzuziehen.«

Ja, die Sonne schien extra golden heute.

Auch Liese kam es so vor.

Assessor Lassen beugte sich vor und sah sie an: »Auch innen Sonnenschein, Fräulein Liese, ja?«

Liese wurde rot: »Wieso?« Es klang recht herausfordernd.

»Na, gestern abend –« begann der Assessor.

Da fiel sie ihm resolut ins Wort: »Gestern war gestern, und heute ist heute, Herr Assessor.«

»Eine Wahrheit, die keiner anfechten kann,« erwiderte er lachend. »Aber gestern war alles grau in grau und heute –«

»Rosenfarben in himmelblau, ich weiß,« unterbrach sie ihn. »So ändern sich eben die Zeiten!«

Er schwieg einen Augenblick. »Launen?« fragte er dann sehr leise.

Liese wurde feuerrot, sah ihm aber ehrlich beteuernd, halb lachend, halb drollig verlegen ins Gesicht: »Nee, aber Tollheiten! Jungenstreiche, sagt Mütterchen.«

Er lachte, aber ein erleichtertes Aufatmen hob seine Brust.

Nun war man auf offener Landstraße. Endlos dehnte sich die weite Schneefläche, blitzte und flimmerte im Sonnenschein. Darüber wölbte sich der blaßblaue Winterhimmel.

Wie zartgezeichnete Silhouetten hob sich das sein verzweigte Geäst der riesigen Nußbäume zu beiden Seiten des Weges dagegen ab. Hin und wieder huschende kleine Meischen und Finken brachten etwas Farbe in das Bild, plumpe schwarze Raben lieferten die Schatten.

Dorf um Dorf durchfuhr man. In der fruchtbaren Ebene lagen sie dicht beisammen, überall dieselben lautfröhlichen Begrüßungsszenen von johlenden, jauchzenden Kindern, schnatternden Gänsen, kläffenden Hunden, überall aufgerissene Fenster und vergnügt schmunzelnde oder dumm dreinstarrende Gesichter.

Und jetzt kam der Wald – der ernste, stille, kahle, leblose Winterwald mit seinem geheimnisvollen Rauschen und Raunen, dem Knarren, Splittern und Brechen des Holzes.

Ein eigener Reiz liegt in dem Winterwald, ein Doppelleben gleichsam. Das kahle Geäst zu Häupten erzählt von Gewesenem, aber auch von Kommendem, das welke Laub zu Füßen deckt Erstorbenes und Keimendes.

Der Blick, sonst hier von bergender Laubfülle eingeengt, schweift frei in die Lande oder mißt die ehrfurchtgebietenden Stämme und weidet sich an der wunderbar feinen Zeichnung des kahlen Geästs.

Wo sonst die weichen Blätter eine kosende, liebliche, milde Melodie raunen und lispeln, da donnern und schmettern die starren Zweige die Sturm- und Drangsymphonie des Winters.

Wer den Winterwald so recht kennt, liebt und versteht, dem erzählt er noch mehr, als der Sommerwald es tun kann. Es ist der Unterschied zwischen dem lyrischen Gedicht und der Ode etwa. –

Den frohen Menschenkindern in den Schlitten drin aber kündete er nur, was sie längst herauslasen. Einigen wenigen Begnadeten weitete er die Brust, machte er das Herz höher schlagen, den meisten bedeutete er nur die Nähe des ersehnten Zieles.

Denn mitten in diesem ernsten verschneiten Winterwald lag Jägersheim, eine Försterei mit Wirtschaft.

Da tauchte auch schon das niedere, langgestreckte Gebäude auf. Über der einladend geöffneten Haustür prangte ein riesiges Hirschgeweih, darunter stand der Förster, die dampfende Pfeife im Mund und den kleinen grünen Filzhut unternehmend aufs Ohr gerückt.

Er qualmte für drei. Jetzt riß er die Pfeife aus dem Munde und winkte den lustig heransausenden Schlitten Willkomm zu.

»Aweil sin se da!« rief er ins Haus hinein, und über seiner Schulter tauchte das freundliche Gesicht seiner stattlichen Frau auf.

»Dem Herrn Forstmeister sei vorne dran. Guck nur, Heinrich, guck nur, wie die aussehe!«

»Mädercher zum Anbeiße!« schmunzelte der Alte.

»Und die scheue blaue Mäntel und die vergnügte Gesichter!«

»Soll mich wunnern, wenn die nit bald –« was die Frau Försterin wundern sollte, wenn nicht bald – erfuhr man nicht, denn da hielt der erste Schlitten auch schon und Liese und Lotte waren draußen, ehe die Herren Beistand leisten konnten.

»Frau Förster, guten Tag!«

»Guten Tag, Frau Förster!«

»Kennen Sie uns denn noch?«

»Ei warum dann nit? Mer hot se jo vun Kinn an ufwachse sehe, mecht ich sage. No, wie geht's dann?«

»Herrlich!« – »Prächtig!« – »Ausgezeichnet!«

»No, des sieht mer,« schmunzelte die Försterin. »Awwer jetzt enei in die warm Stubb, das Öfche gliht, und der Kaffee brotzelt auch schon lang!«

Ohne weiteres zog sie die beiden mit sich fort und half ihnen drinnen ablegen. Als die andern hereinkamen, traten ihnen Liese und Lotte entgegen, als ob sie sich schon seit einer Stunde hier heimisch gemacht gehabt hätten. Ein allgemeines Hallo erhob sich bei ihrem Anblick.

»Ja, was habt ihr denn?« – »Wie seht ihr denn aus?« – »Was fällt euch denn ein?« – »Unerhört!« – »Noch nie dagewesen!« – »Die Welt geht wohl unter?«

Der ganze Aufruhr galt den Schleifen, die Liese und Lotte vorgebunden hatten.

»Liese blau, Lotte rosa!« lachte Väterchen und sang dann mit schmelzender Stimme: »O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!«

Die beiden hielten ihn am Arm gefaßt.

»Väterchen,« flüsterte Lotte.

»Still sein, Väterchen,« tuschelte Liese flehend.

Es mußte ihnen plötzlich sehr heiß sein, sie sahen sehr rot aus.

»Wegen Mütterchen, weißt du –«

»Ja, siehst du, Mütterchen zuliebe –« tuschelten sie weiter.

»Ja, ja, ja, natürlich,« sagte er verständnisinnig, sehr überzeugt und sehr gerührt über dies Zugeständnis der beiden an den Willen der Mutter.

»Was sagst du nun, Anna?« wandte er sich an diese. »Was sagst du nun?«

Mütterchen sagte einstweilen nichts, sie lächelte nur.

Und dies Lächeln schien Liese und Lotte noch heißer zu machen. Sie entdeckten plötzlich, daß sie ihre Taschentücher in der Manteltasche vergessen hatten, mußten dort sehr eifrig erfolglos suchen und fanden dann merkwürdigerweise, daß das Gesuchte doch in der eigenen Tasche steckte.

Und dann kamen die dampfenden Kaffeekannen.

»Fräulein Lotte?« Damit neigte sich Doktor Werther vor der Nächststehenden.

Lotte wandte sich und legte die Hand auf den ihr gebotenen Arm.

»Also, Lotte rosa?« sagte er neckend. Sie nickte nur, sah ihn aber dabei nicht an.

»Und Liese blau,« lachte der Assessor, der dahinter stand mit Liese am Arm.

»Wenigstens heute mal!« erwiderte Liese.

»Das wäre!« sagte der Assessor erschrocken. »Nein, bitte, bleiben Sie bei den Schleifen. Ich finde es so riesig beruhigend, seiner Sache, oder vielmehr seiner Dame ganz sicher zu sein.«

»Sind Sie das sonst nicht?« fragte Liese lachend.

Er sann nach. »Nicht immer, gestern abend zum Beispiel, wenn ich nicht gewiß gewußt hätte, daß Sie soufflierten, hätte ich geschworen –«

»Ich bin furchtbar hungrig und durstig, Herr Assessor,« klagte Liese.

Da führte er sie schleunigst zum Tisch und versorgte sie dermaßen mit Kaffee und Kuchen, als ob sie wochenlang gehungert hätte.

Der Doktor und Lotte saßen ihnen gerade gegenüber. Sie waren merkwürdig ausgelassen, die vier.

Doktor Werther lehnte einen Augenblick sinnend in seinen Stuhl zurück.

Lotte sah ihn blinzelnd von der Seite an.

Liese rief über den Tisch hinüber: »Worüber brüten Sie, Herr Doktor?«

»Er maikäfert,« lachte der Assessor, »er will eine Rede halten.«

»Das wäre!« lachte Liese.

»Will ich auch,« sagte der Doktor, »aber nur für unsern engsten Kreis.«

»I wo,« rief der Assessor ganz erschrocken, »nur jetzt nicht, jetzt wollen wir fröhlich sein und keine Reden halten. Da, da geht's los!«

»Na denn nicht,« meinte der Doktor ergeben.

»Oder später,« schlug Lotte vor.

Im Augenblick wäre es allerdings unmöglich gewesen; denn irgend eine Tante hatte sich ans Klavier gesetzt und schlug ein paar Akkorde an.

Ein allgemeines Stuhlrücken erfolgte. Wie der Wind waren Tische und Stühle beiseite geschoben, und in dem so geschaffenen freien Raum drehten sich die Paare zum Klang des Walzers, der nun vom Klavier her ertönte.

Die Wandlung war mit Blitzesschnelle vor sich gegangen, ehe noch die älteren Herrschaften Zeit gehabt hatten, zuzustimmen oder abzuwehren. Sie saßen dichtgedrängt in einer Ecke und sahen lachend oder etwas gereizt, je nach Gemütsanlage, in das tolle Getümmel.

Eine Weile ging es so weiter, Tanz folgte auf Tanz. Und wie sich dann der erste ungestüme Jugendmut ausgetobt hatte, merkte man erst allmählich, daß der Raum doch sehr enge sei.

Lotte tanzte mit dem Assessor. »Puh,« sagte sie, »man kriegt aber doch gräßlich viel Püffe. Das habe ich vorher gar nicht so gemerkt.«

»Ja,« sagte er, »mir scheint's auch plötzlich so. Ich weiß nicht, im Anfang war's gar nicht so voll.«

»Dort sitzen Liese und Doktor Werther. Die haben auch genug. Wenn wir uns –«

»Auch setzten?« vollendete der Assessor lachend. »Natürlich, selbstverständlich! Tollheit, dies Herumgehopse, was?«

»Kommt drauf an,« lachte Lotte.

Und so saßen die vier wieder beisammen. Es dauerte auch gar nicht lange, bis ihr Beispiel Nachahmung fand. So schnell, wie sie vorher zur Seite geschoben waren, wurden die Tische wieder zurechtgerückt und die fröhlichste Runde umgab sie.

Forstmeister von der Pfalz war hinausgegangen. Jetzt erschien er wieder, hinter ihm die Försterin mit der dampfenden Punschterrine. Ein allgemeines Freudenhallo empfing sie.

»Bravo, bravo!« – »Das hat uns eben gefehlt!« – »Bravo, Herr Forstmeister!« – »Brillante Idee!«

So ging's durcheinander. Und dann hatte jeder ein dampfendes Glas vor sich, und die Lust stieg immer höher.

»Pfänderspiele!« schlug Tilde vor.

»Bravo, bravo!«

Man hätte Bravo gerufen und wenn Tilde »Holzhacken« vorgeschlagen hätte.

»Handschuh zuwerfen!« rief Lotte. Und schon flogen Lieses Handschuhe Doktor Werther gegen die Brust.

»Was bringt die Zeitung, Herr Doktor?«

»Verstimmung!« gab der prompt zurück.

»Zuweilen!« versetzte Liese mit Lachen. Da flogen ihr die Handschuhe wohlgezielt auch schon wieder entgegen.

»Wurst wider Wurst! Was bringt die Zeitung, Fräulein Liese?« lachte Doktor Werther.

»Versöhnung,« lachte Liese dagegen, und die Handschuhe flogen weiter.

»Darauf leeren wir ein Glas,« schlug der Doktor vor. Liese und Lotte und die beiden Herren stießen an. Klatsch flogen dem Doktor die Handschuhe an den Kopf.

»Was bringt die Zeitung?«

»Donnerwetter!« rief er ganz erschrocken.

»Falsch, grundfalsch!« jubelten die anderen. »Das Wort muß auf ›ung‹ endigen.«

»Weiß ich, ja, ich –« suchte sich Doktor Werther zu verteidigen.

»Nichts da, Pfand her!«

Man ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. »Meinethalben!« Er gab seinen Siegelring.

Die Handschuhe flogen schon wieder ihre Bahn weiter. Klatsch trafen sie Lotte, die eben Doktor Werther bedauern wollte.

»Was bringt die Zeitung?«

»Ich – ich – bitte, Herr Doktor, helfen Sie schnell.«

»Verwirr–«, schlug der vor.

»Eins, zwei, drei, Pfand!«

»Lotte, Pfand geben!«

Lotte wehrte sich. »Man muß sich doch ein klein wenig besinnen können!«

Half ihr nichts, Strafe mußte sein! Sie gab ihre Uhr.

Eine Weile ging's so weiter. Und dann kam das Auslösen der Pfänder. Tilde war die Hauptleiterin des Spiels.

»Was soll der tun, dem dieses Pfand gehört?«

Nachdem die üblichen Lösungen wie: Brunnen fallen, Schinken schneiden, Lästerstühlchen und dergleichen, erschöpft waren, war sie groß im Erfinden immer neuer possierlicher Aufgaben.

»Was soll der tun, dem dieses Pfand gehört?«

»Einen Vers machen auf das, was ihm heute am besten gefällt!«

Doktor Werthers Siegelring! Verdutzt sah er darauf hin. »Was geschieht, wenn man sein Pfand nicht auslöst?« fragte er etwas zweifelnd.

»Das Pfand wird verkauft und der Erlös an die Armen verteilt,« sagte Tilde ernsthaft.

»Na, dann rein ins Vergnügen,« entschied er lachend. Einen Augenblick sinnt er nach, dann blitzt ihm der Schalk aus den Augen.

Er sieht Liese und Lotte herausfordernd an. Dann erhebt er sich und klingt an sein Glas:

»Was mir am besten gefällt, soll ich nennen?
So laßt mich denn mannhaft und frei bekennen:
Das Liebste mir, wohin ich schau',
Sind heut zwei Bänder, rot und blau!
Sie machen so schön aller Wirrnis ein Ende,
Die sonst in infinitum weiter bestände,
Drum hoffen wir, daß sie von Bestand,
Das rote und das blaue Band!«

Ein allgemeines Hallo lohnte die gelungene Leistung. Liese und Lotte waren ein bißchen verlegen, aber sie mußten doch mitlachen. Sie blinzelten scheu nach Mütterchen hin. Ob die's nur überhaupt gehört hatte? Sie unterhielt sich eben sehr angelegentlich mit der Frau Apotheker.

Väterchen dagegen schmunzelte. Liese und Lotte sahen es genau.

Andere Pfänder wurden gelöst. Lottes Uhr!

Lotte hatte gar nicht mehr hingehört; so hatte sie auch nicht gehört, wie sie sie lösen solle.

»Na, Lotte, vorwärts!« – »Was denn?« – »Hast du geträumt?«

»Einen Vers sollst du machen,« neckte Liese.

»Kann ich nicht!« Lotte war zum Tod erschrocken.

Liese lachte ihr zu. »Nur Mut, Lotte,« stachelte sie.

»Kann ich wahrhaftig nicht!« erwiderte Lotte ganz kläglich.

»Bange machen gilt nicht, Fräulein Lotte,« sagte der Doktor mitleidig. »Sie sollen ja ein Lied singen!«

»Gerne!« Lotte lebte auf.

Es fand sich jemand zur Begleitung. Und Lotte sang ein Lied, zwei Lieder. Und dann sang Liese, dann die beiden zusammen, und jetzt wurde vierstimmig gesungen, wie sie's an den hübschen Singabenden einstudiert hatten, dann Volkslieder im Chor.

Der stille, ernste Winterwald draußen horchte ganz erstaunt auf die ungewohnten Klänge. Dann aber wollte er zeigen, was er könne. Er neigte seine Wipfel und ließ sein Gezweig gegeneinanderprallen. Er holte tief Atem, und sein gewaltiger Hauch sauste und brauste dahin im Geäst, er rauschte und donnerte und krachte und schmetterte vor sich nieder, was alt und morsch und nicht mehr lebensfähig war.

Er pochte auch mit gewaltiger Hand an das Forsthaus, klapperte aus den Ziegeln des Daches, rasselte an den Läden.

Forstmeister von der Pfalz, der mit dem Wald und dem Wetter von Kindheit an vertraut war, hörte zuerst auf diese Zeichen von außen. »Kinder, mir scheint Sturm im Anzug,« rief er in das frohe Getümmel. »Ich werde anspannen lassen!«

Protest von allen Seiten. Nur die Älteren, Bedächtigeren waren dafür.

Noch ein frohes Durcheinander, noch ein Kreisen der dampfenden Gläser, ein Anstoßen, ein Rundgesang. Dann mußte ein Ende gemacht werden und das Einhüllen begann. Vorsichtig mahnende Mütter zogen die warmen Hüllen dichter um ungeduldige, jugendheiße Töchterlein, und diese schoben und zerrten dran, bis sie loser und loser saßen. Draußen freilich zogen sie sie dann umso fester.

Der dunkle Wald lag so unschuldig, still und friedlich da, als ob nicht er es gewesen sei, der mit seinem Sturmeshauch die kleinen Menschlein da drinnen aufgescheucht hatte. Er schien erhaben über das Ameisentreiben, das ihn durchkribbelte.

Wunderbar groß und klar stand der Mond am Himmel, und nur einige zerrissene Wolkenfetzen ließen ahnen, daß da oben das ewig gleich Scheinende auch dem Wechsel unterworfen ist, daß es auch da Kampf, Sturm und Drang gibt.

»Aber der Mond scheint ja!« – »Wo ist denn der Sturm?« – »Man hat uns angeführt!« – »Wir bleiben noch!« – »Wir streiken!«

So der Protest der jüngeren Gesellschaft.

Der Wald hörte es und schüttelte verwundert ob solcher Torheit seine Wipfel. Das klang wie fernes Dröhnen und Rollen.

Forstmeister von der Pfalz hätte seine Mahnung: »Aber, Kinder, so glaubt mir doch, es ist eben noch Zeit, wir müssen heim!« sparen können – der Wald hatte sein leisestes Mahnwort gesprochen mit dem Sturmhauch seines Mundes, und das klang eindringlicher, als jedes Menschenwort es hätte tun können.

Die Schlitten waren gefüllt. Nach frohem Abschiedswort an die Förstersleute fuhr die Gesellschaft ab. Erst hörte man noch Lachen und Scherzen aus den verschiedenen Schlitten klingen, aber allmählich verstummten alle.

Es war eine wunderbare Fahrt durch die geheimnisvolle stille Winternacht. Im Licht des Mondes erglänzten tausend Kristalle im Schnee, und der flimmerte und leuchtete, als strahle er das aufgesogene Tageslicht zurück.

Ernst standen die kahlen Baumriesen zur Seite des Weges, und nur in ihren Wipfeln raunte und rauschte es leiser, stärker, erstarb dann wieder und schwoll wieder an.

Auch die Schlittenglöckchen, die im Tageslicht so lustig gebimmelt hatten, schienen mit ganz anderem, weicherem Ton zu klingen, wie verzaubert.

Auch Lieses und Lottes Lachen und Scherzen, auch Lieses und Lottes Plaudermund war verstummt. Genau wie ihre Begleiter starrten sie sinnend, träumend in die märchenhafte Wintermondnacht.

»So stumm, Fräulein Lotte?« Doktor Werther hatte sich vorgebeugt und sah Lotte in die glänzenden Augen; in denen sich der Mondschein verfangen zu haben schien.

Lotte nickte nur traumverloren. »Wer könnte da viel reden,« sagte sie leise und starrte weiter in den Mond.

Genau dieselbe Szene, wenn auch mit etwas anderen Worten, wiederholte sich bei dem dahinter sitzenden Paar, bei Liese und dem Assessor.

Und merkwürdig – plötzlich schienen beide Paare trotz Mondnacht und Wunderpracht doch Worte gefunden zu haben und rückten in eifrigstem Raunen und Flüstern näher aneinander.

Vielleicht war's auch die steigende Kälte, die dies Näherrücken veranlaßte. Denn es war bitter, bitter kalt. So sagten wenigstens Vater und Mutter, als sie daheim in den Flur traten.

Liese und Lotte glühten freilich. Liese und Lotte hatten schon geglüht, als sie von ihren Herren vor zehn Minuten etwa – sie waren die ersten daheim gewesen – aus dem Schlitten gehoben worden waren.

»Kinder, wie seht ihr aus?« sagte die Mutter jetzt. »Ihr glüht ja förmlich. Ihr habt euch gewiß erkältet!«

Liese und Lotte waren womöglich noch mehr erglüht. Sie schlangen die Arme um Mütterchens Hals und versuchten, die heißen Gesichter an deren Schulter zu verstecken.

»Es war auch so gräßlich heiß,« stammelte Lotte.

»Ja, furchtbar,« bestätigte Liese.

»Na nu,« sagte Väterchen und riß die Augen auf, »ihr seid wohl toll geworden, Mädels! Zwölf Grad haben wir mindestens.«

Dabei trabte er rat Flur auf und ab und schlug schallend die Hände ineinander. »Uff, bitter kalt!«

Liese und Lotte sagten gar nichts, sie waren merkwürdig wortkarg. Fast scheu boten sie Väterchen die glühenden Gesichter zum Gutenachtkuß.

Er betrachtete sie kopfschüttelnd. »Mutter, mach den Kindern noch einen Grog, wenn sie im Bett sind, das beugt am besten einer Erkältung vor, hörst du?«

Mütterchen nickte nur. –

Oben bei den Mädchen war schon alles dunkel, als die Mutter eintrat, vorsichtig in jeder Hand ein dampfendes Grogglas.

»Schon im Bett, Kinder? Das ging ja flink. Wartet mal, so daß ich nichts verschütte.« Behutsam setzte sie die Gläser auf einen Tisch bei der Tür und trat zu den Betten, Licht zu machen.

Da umfingen sie weiche, warme Arme, weiche, warme Gesichter drängten sich an das ihre; weiche, zuckende Lippen berührten ihr Wangen und Mund.

Schluchzende, stammelnde, kosende, jauchzende Laute!

Flüstern, abgerissene Worte, Tränen, – wer hätte lauschen wollen, wäre nicht klug daraus geworden.

Mütterchen erging es zuerst genau so, allmählich mußte sie aber doch begriffen haben. Sie saß auf dem Bettrand und hielt mit jedem Arm eines ihrer blonden, rosigen Zwillingskinder umfaßt und weinte ein Tränchen erst auf das eine junge Gesicht und dann auf das andere, und küßte das eine so innig zärtlich und küßte das andere und zog die junge Gestalt fester an sich und preßte dann die zweite an ihr Mutterherz. Und alles im Dunkeln! Und fast ohne Worte!

Sie verstanden sich trotzdem, die drei.–Danach trat Mütterchen zu Väterchen ins Zimmer, mit den noch immer vollen Groggläsern in der Hand.

Väterchen saß unter der Hängelampe und las seine Zeitung.

Mütterchen setzte ein volles Glas rechts von ihm, ein volles Glas links von ihm aus den Tisch, sich selbst aber auf einen Stuhl, legte den Kopf auf die überm Tisch verschränkten Arme und begann bitterlich zu weinen.

»Na nu,« sagte Väterchen erstaunt und blickte auf. »Was gibt's, Anna?«

Mütterchen weinte sich erst mal nach Herzenslust aus, wobei Väterchen ihr immer leise über den Kopf strich. Er kannte solche Stürme aus Erfahrung und wußte, daß die immer erst verbrausen mußten.

Und jetzt fand Mütterchen Worte. Leise, stockend, Väterchen hatte Mühe, sie zu verstehen. Und was er verstand, begriff er offenbar nicht. Denn er schob an seinem Käppchen, er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, er brummte, er räusperte sich, er fuhr auf, er schüttelte den Kopf, er hob die Hand – nur sagen konnte er nichts, Mütterchen redete immer weiter.

»Und morgen um elf Uhr wollen sie kommen,« schloß sie eben ihren Bericht.

»Unsinn, solche Kinder, Anna!«

»Achtzehn Jahre, Karl!«

Väterchen brummte was und lief ins Nebenzimmer, das Schlafzimmer; Mütterchen folgte, und was die beiden noch zu verhandeln hatten, konnte man nun nicht mehr hören.

* * *

Jochen, der alte Spatz, fett, rund, gefräßig, frech, neugierig wie immer, sitzt auf der hohen, alten, ernstblickenden Tanne, die dicht vor den Wohnzimmerfenstern der Forstmeisterei steht. Er hält irgend ein festgefrorenes Schmutzklümpchen gepackt, das er auf der Straße aufgelesen hat, und knabbert daran herum, als ob es mindestens ein Kaviarbrötchen sei. Dazu pfeift er gell, schrillend vor sich hin, wie der erste beste oder vielmehr schlimmste Gassenjunge. Und er könnte es doch allmählich besser wissen, der alte Jochen, denn er ist längst kein Junge mehr, sondern der Stammvater unzähliger Spatzengenerationen. Da fesselt plötzlich etwas seine Aufmerksamkeit, etwas, das sich hinter den Wohnzimmerfensterscheiben der Forstmeisterei abspielt. Jochen ist aber jetzt ganz Auge und Ohr und läßt im Eifer des Sehens und Lauschens sogar seinen gefrorenen Schmutzleckerbissen fallen, was ihm eigentlich im Leben noch nie vorgekommen ist. Die Szene drinnen muß immer interessanter werden, denn Jochen sitzt regungslos mit geöffnetem Schnabel. Plötzlich piept er gellend auf und schlägt mit den Flügeln wie toll, als wolle er Beifall klatschen. Er schaut nach allen Seiten um, er muß sich mitteilen können, die Neuigkeit sprengt ihm sonst die Brust. Da fliegt seine Spätzin, sein Eheweib daher, die Vorräte sammeln will für den Haushalt.

»Lotte,« ruft er, »Lotte!« Und dann, da sie nicht hören will: »Lotting, Lotting!« ganz zart, schmelzend. Jochen und seine Lotte stammen aus dem Mecklenburgischen und sind in der harten Winterkälte nur mal ein bißchen nach dem Süden verzogen. Jetzt hebt sie den Kopf. Jochen winkt sie mit allen Zeichen der Erregung zu sich herauf auf die Tanne. Frau Lotte ist aber unten im Wege zu sehr beschäftigt mit der Untersuchung von allerlei Kostbarkeiten. Da kommt Jochen zu ihr geflogen. Es leidet ihn nicht länger auf einsamer Höhe mit solchem Geheimnis in der Brust.

»Lotte,« ruft er atemlos, »Lotte, was ich gesehen hab'!«

»Wird was Rechtes sein!« gibt sie geringschätzig zurück.

»Diesmal doch, Lotting,« sagt er eifrig, »diesmal doch! Denk dir, die zwei hübschen, frischen, lustigen blonden Mädels aus dem Haus da, die wir immer so gerne mochten, die stehen dort hinter den Fenstern ganz still, ganz zahm, und um jede hat ein Mann den Arm geschlungen. Man kann nur die blonden Flechten sehen. Die Gesichter halten sie versteckt und ich hätte doch gern einmal gesehen, ob sie lachen oder weinen. Der Forstmeister und seine Frau stehen daneben, er nickt mit dem Kopfe, scheint aber trotzdem ein bißchen brummig, und sie – sie hat Tränen in den Augen, aber dabei leuchten die doch ganz merkwürdig!«

Jochen ist ganz atemlos, so überstürzt er seinen interessanten Bericht.

»Das wäre!« sagt Lotte, nun ganz Feuer und Flamme.

»Komm nur, komm sehen!« piept Jochen.

Und die beiden fliegen davon, so schnell ihre Flügel sie tragen.

Und dort oben sitzen sie und flattern und piepen und zwitschern und kreischen und verwundern sich, was das Zeug hält. – –

Da sich's die Spatzen schon auf den Dächern erzählen, so wird's wohl nicht lange Geheimnis bleiben, daß aus Liese-Lotte nun plötzlich doch zweie geworden sind, und zwar – zwei glückselige, strahlende Bräutchen!

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