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Die ins Leben lachen

Henny Koch: Die ins Leben lachen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHenny Koch
titleDie ins Leben lachen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
yearo.J.
illustratorE. Rosenstand
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150612
projectidfa101d05
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Das Glückspilzchen.

»Wo nur die Lore steckt? Es wird immer kälter hier, das Feuer flackert nur noch ein bißchen. So unnütze Hände, die zu nichts gut sind als zum Bildermalen! Und auch das nur in der eigenen Meinung; andere denken ja anders darüber!«

Er lachte bitter vor sich hin, hüstelte, schauerte zusammen und zog den alten, zerschlissenen, fellgefütterten Schlafrock enger um sich. Auf der Staffelei vor ihm stand ein angefangenes Bild, eine weite weiße Winterlandschaft. Glutrot tauchte eben der Sonnenball unter; ein endloser Feldweg schien darauf hinzuführen. Ein kahler Nußbaum stand zur Seite; durch sein feingeädertes Geäst lohte der sinkende Sonnenglast. Raben saßen in des Baumes Zweigen. Ein einsamer, gebeugter Mann trottete den Weg entlang, der Sonne zu; sonst kein Leben in der Szene. Bedrückende Trostlosigkeit lag darin.

Der Maler starrte darauf hin, fröstelte wieder und zog den alten Rock noch dichter zusammen.

»Recht stimmungsvoll,« sagte er spöttisch. »Bei der Bärenkälte recht stimmungsvoll, wirklich! Der Bursch da bin ich selber. Wollte auch der Sonne zu und bin nie aus dem Frost und Schnee herausgekommen. Puh!«

Er blies sich in die halberstarrten Hände.

»Hätt' lieber 'ne Wüstenlandschaft malen sollen. So etwas, das einen im Anschauen braten macht und dem Himmel für das bissel gesunden Frost danken läßt. Wo nur die Lore steckt?«

Er sah um sich. Auch da gab's wenig Erfreuliches, fast nur Armut. Der langgestreckte Dachraum war spärlich ausgestattet, nur mit dem, was man zum Leben notwendig brauchte: ein Tisch und Stühle drum in der Mitte, am Ofen, der sichtlich als Kochstelle diente, ein anderer Tisch mit allerhand Küchengeräten, am einen Fenster ein Arbeitstischchen, das auf eine weibliche Eigentümerin schließen ließ, vor dem anderen Fenster dann jene Staffelei mit dem Bilde. Unter den einen schrägen Dachwinkel war ein Bett geschoben, das ein Wandschirm barg. Im anderen – das war der einzige Luxus sozusagen – stand ein altes, vielfach geflicktes Sofa und ein kleines Tischchen daneben.

Wären am Fenster neben dem Arbeitstischchen nicht die paar blühenden Pflanzen gewesen, ein kleines Vogelbauer darüber mit dem zierlichen gelben Sänger, das Auge hätte in dem Raume nichts gefunden, was einigermaßen erfreut haben würde. Unwillkürlich mußte man sich aber dorthin eine schlanke Mädchengestalt, ein liebes, frohes, junges Gesicht denken und – der Raum war hell.

Das mußte auch dem Mann vor der Staffelei durch den Sinn gehen. Zum dritten Male sagte er: »Wo nur die Lore steckt?«

Jetzt klang Ungeduld durch und er sah mißbilligend nach der Tür.

Es war der Maler Nikolaus Trübner, der hier mit seinem einzigen Kind, der Lore, hauste. Dieser Raum und ein kleines Schlafkämmerchen für Lore nebenan, das war der beiden ganzes Reich.

Wer aber von der Armseligkeit der Umgebung auf Nikolaus Trübners Können hätte schließen wollen, der hätte sich doch getäuscht. Er war ein echter Künstler, einer der Auserwählten von Gottes Gnaden. Aber – er war ein Starrkopf dazu. Er ging seine Wege, die nicht der Menge Wege waren, und so blieb er allein.

Ein kleines Häuflein Kenner schätzte seine Arbeiten; aber Kenner sind leider nicht immer Käufer. Hie und da einmal verkaufte er wohl ein Bild; zehn unverkaufte lehnten sicher dafür im Dachwinkel, voll Überdruß der Wand zugekehrt. Er erlaubte nie, daß Lore irgend eines aufhing.

Für die tägliche Notdurft und Nahrung sorgte er durch Stundengeben; freilich nur kümmerlich. Wäre da die Lore nicht gewesen –

Aber wo steckte nur die Lore?

Die war gegangen, in dem Geschäft, für das sie arbeitete, fertige Stickereien abzuliefern. Sie hatte so flinke, geschickte Finger, die Lore, solchen Kunst- und Farbensinn! Sie entwarf die Muster zu ihren Arbeiten selbst, und die waren sehr geschätzt, wenn auch nicht im selben Maße bezahlt.

Da hieß es denn von früh bis spät hinterher sein, bis die Finger lahm waren und die Augen brannten, sollte herauskommen, was man zum Leben brauchte. Es war alles gar zu teuer geworden. Wäre die Lore nicht eben die Lore gewesen, sie hätte manch liebes Mal den Kopf hängen, seufzen und mißmutig werden können.

Statt dessen hielt sie ihn erst recht hoch, hatte stets ein Lachen in den Augen und ein frohes Wort bereit. Sie nahm alles von der lichten Seite, hieß sich selber ein Glückspilzchen und war fest überzeugt, eines zu sein. Und das alles, trotzdem sie gar nicht stark und kräftig war, sondern im Gegenteil – – –

Doch was war das? Nikolaus Trübner horchte auf und sah nach der Tür.

Irgend ein ungewöhnliches Geräusch im Hause, ein Eilen auf den Treppen, ein Durcheinanderreden. Aber dann schien alles wieder still und Nikolaus Trübner starrte wieder durchs Fenster in den grauen Novemberhimmel.

Es war mittlerweile dämmerig, fast dunkel geworden.

Eben wollte er nun wirklich sehr ungeduldig werden, da öffnete sich ein Türspalt und der Schein eines Petroleumlämpchens fiel in den Raum. Eine grämliche Stimme sagte: »Da hawe mer's ja widder. Ich sag's ja. Unsereins is bloß zum Unglick auf der Welt. Muß des Kind auch noch auf der Trepp ausritsche un sich am Fuß weh dun. Als ob des arm Wurm nit schon genug –«

Eine helle Stimme, die allerdings noch ein bißchen zitterig war, unterbrach sie: »Bange machen gilt nicht, Väterchen! 's ist kaum der Rede wert!«

Und die grämliche Stimme wieder: »No ja, so is es ja alleweil. Wann uns was fehlt, is es nix. Wann awer annere Leit –«

Ein anzüglicher Blick traf Nikolaus Trübner, der noch immer regungslos am Fenster stand.

»Sie kennte mer als e bißche helfe! Des Kind muß aufs Sofa. Es kann ja nit auftrete.«

Nun kam Leben in den stillen Mann am Fenster. Er flog zu den beiden dort an der Tür und faßte kräftig zu. Er hob die leichte Mädchengestalt wie ein Federchen und bettete sie zärtlich aufs Sofa.

»Auch das noch,« sagte er bekümmert und bitter, »auch das noch! Tut's sehr weh, Lore?« Nun kam doch ein warmer Ton durch.

»Beileibe, Väterchen,« sagte die frisch, aber ihr blasses Gesicht war doch recht verzogen. »Beileibe! Kaum der Rede wert! Morgen ist alles wieder gut.«

»Na also,« sagte er befriedigt und beruhigt und wandte sich dem Ofen zu, wo die Frau, die Lore gebracht hatte, etwas geräuschvoll hantierte, um Feuer anzuzünden. »Muß das sein?«

Er meinte damit den Lärm, den die Frau machte.

Die wandte sich herausfordernd.

»Meine Se vielleicht, so e eiserner Ofe wär mit Watt' ausgepolstert? Ei, wann so feine Herrn nix here kenne, so misse se sich ewe Baumwoll in die Ohre stoppe. Odder Sie kenne sich ja auch e Schendalheizung anlege lasse, Herr Trübner!«

Die Frau – sie meinte offenbar Zentralheizung – grinste den Erregten spöttisch an; zwischen ihm und ihr bestand ein steter Kleinkrieg. Sie behauptete, er nutze die Lore über Gebühr aus, und fühlte sich zur Verteidigung der Unschuld berufen. Sie hatte die Lore so gern!

Diese trat stets als Vermittlerin auf; so auch jetzt.

»Aber Walterchen, ich könnte ja doch auch selbst –« Sie probierte, den verletzten Fuß zu heben, sank aber mit einem leisen Wehelaut zurück.

Erschreckt trat der Vater an ihr Lager. Sie lächelte aber schon wieder und schüttelte leise den Kopf.

»Nichts, nichts! Aber ist's nicht ein Glück, Väterchen, daß wir eine so gute Nachbarin haben, wie Frau Walter? Was fingen wir sonst bloß an? Jetzt kann ich hier liegen wie 'ne Prinzeß, ich Glückspilz, und –«

»Netter Glückspilz,« sagte der Vater, und es klang sehr bitter. Auch vom Ofen her kam etwas wie ein Brummen.

»Was anders?« sagte die Lore fröhlich. »Was anders, Väterchen? Denk doch bloß, wenn ich jetzt herumhumpeln und Feuer anzünden sollte. Oder du gar! Das wär' was, nicht? Ich seh' dich schon dabei – –!« Und die Lore kicherte, aber so hell wie sonst klang's doch nicht.

Frau Walter war am Ofen fertig und trat zum Sofa.

»Wasser hab' ich aufgestellt. Bis ich widder komm, kocht's. Jetzt geh' ich zum Dokter.«

»Zum Doktor?« riefen Vater und Tochter zugleich, der Vater verwundert, Lore sehr erschreckt.

»Ich brauche doch wahrhaftig keinen Doktor, Walterchen,« erklärte sie eifrig. »Bedenken Sie doch, was das kostet! Ich –«

Frau Walter hörte gar nicht auf sie; mit eingestemmten Ellenbogen stellte sie sich vor Herrn Trübner.

»No ja, da hawe mer's ja! Wann mer selwer en Schnuppe hat, dann muß gleich der Dokter ebei. Des Kind awer – no ja, un noch derzu bei dem Kerperche!«

Ein mitleidiger Blick streifte das Sofa. Frau Walter hatte das kleine Petroleumlämpchen auf das Tischchen daneben gestellt. Da sah man, was sie meinte.

Lore war zart und schmächtig, ihr Körper fast der eines Kindes. Und sie zählte doch schon fast siebzehn Jahre. Der Kopf steckte etwas zwischen den Schultern, der Rücken war leicht gekrümmt, kein ausgesprochener Höcker, aber im ganzen doch ein armes, verwachsenes Körperchen. Das Gesichtchen freilich zeigte keinen Leidenszug. Es war das eines gesunden, frohen, jungen Menschenkindes. Die Augen lachten in die Welt, als ob sie dem blühendsten Körper zugehörten. Und ein Sonnenschein war im Herzen, als ob die lachenden Augen, seit sie sich zum Leben aufschlugen, nur Frohes geschaut hätten. Und war doch so viel Trübes gewesen!

Auch des Vaters Blick hatte bei Frau Walters Worten das Kind gesucht, schmerzlich und mitleidig.

Lore nickte ihm fröhlich zu.

»Na, dann laß sie gehen, Väterchen! Sie tyrannisiert uns beide ja doch schmählich, nicht?«

Ebenso fröhlich winkte sie Frau Walter.

»Na, dann schnell, Walterchen, den Medikus herbeigeholt! Wehren hilft ja doch nichts.«

Frau Walter brummte bloß etwas vor sich hin, wobei sie sich umständlich in eine Folge von Kopf- und anderen Tüchern hüllte. Während der so langwierigen Toilette flüsterte Lore dem Vater zu: »Bin ich nicht ein Glückspilz? Keine Mutter haben, und doch solch treues Sorgen!«

Frau Walter hörte es und war nahe daran, etwas nicht eben Schmeichelhaftes für den Vater zu sagen. Doch besann sie sich, räusperte sich bloß nachdrucksvoll und verschwand dann.

Draußen wischte sie sich die Augen.

»Des Kind! Hat die ganz Sorg fir de Haushalt un de Vatter auf dem arme Buckelche un lacht un dut, als ob's nix wär. E Glickspilz? E sauwer Glickspilzche!«

Als der Arzt kam, fand er eine Verrenkung und stellte Lore eine gezwungene Schonzeit von mindestens vierzehn Tagen in Aussicht.

Die wollte sich wehren; da wurde er sehr ernst.

»Bei solch zartem Körper, der ohnedies nicht normal ist, scherzt man nicht mit dergleichen! Vollständige Ruhe, wie ich sage; sonst stehe ich für nichts.«

»Aber meine Handarbeit darf ich doch machen?«

Es lag solch unverhülltes Entsetzen in den großen, klaren Augen, daß er einen Augenblick zögerte. Dann sah er den kahlen, ärmlichen Raum und verstand, was die Frage bedeute.

Er nickte langsam, widerstrebend.

»Mit Maß,« sagte er bedeutsam.

Da war die Sonne wieder in den Kinderaugen, und Lore streckte ihm die schmale Hand hin.

»Vielen Dank, Herr Doktor, und ich will auch sehr vernünftig sein.«

Dann ging er. Die Waltern aber strich der Lore über den Kopf.

»Ich duh die Arweit, Lorche.«

»Gute,« flüsterte Lore und streichelte die rauhe, schwielige Hand. »So 'n Glückspilz wie ich!«

Bald stand der Tee und die schmale Abendkost auf dem kleinen Tischchen neben Lores Sofa. Der Vater saß dabei, das Feuer im Öfchen brummte. Es war wirklich gemütlich.

»Ob wir's nicht gut haben, Väterchen?« rief Lore vergnügt und streichelte über sein Knie.

Er seufzte bloß.

»Wie ist das denn eigentlich gekommen, Lore!« fragte er und sah auf ihren Fuß.

»Ja sieh, Väterchen, denk doch bloß das Glück, daß ich mit dem großen Pack noch bis hierher gekommen bin. Ich hätte ja auch auf der Straße fallen können. So war's unten auf der Treppe, wo ich stolperte, und dann war gleich die Waltern da, die mir herauf half. Viel Arbeit hab' ich wieder mitgebracht, Väterchen, das Glück! Alles haben sie genommen. Aber schnell liefern muß ich. Und – Väterchen, bin ich nicht ein Glückspilz? Denk doch, wenn ich den Arm verrenkt hätte statt des Fußes! Nee, ich bin so glücklich. Das soll gemütlich werden! Du malst, ich arbeite und die gute Waltern sorgt für uns. Kannst du dir's schöner denken?«

Er konnte sich manches schöner denken; aber er lächelte seinem Kinde zu. Vor dessen frohen, klaren Augen hielt kein Griesgram, auch kein Gram stand.

Just solche hatte Lores Mutter gehabt, wie sie noch jung war. Die hatten aber dann viel Tränen weinen müssen, um den Gatten und sein vergebliches Ringen, um Kinder, die litten und starben. Lore war die jüngste und einzig überlebende von fünf Geschwistern. Da waren die Mutteraugen trübe geworden.

Ob Lores Augen auch einmal trübe würden?

Jetzt leuchteten und strahlten sie noch. Er sah hinein und ihm war wirklich, als ob auch ihm die Sonne schiene.

Beinahe vier Wochen mußte nun die Lore auf dem alten Sofa liegen, statt der angedrohten vierzehn Tage. Und auch als sie das Aufstehen probierte, humpelte sie noch sehr stark.

Frau Walter hatte sich in all der Zeit des Haushalts treulich angenommen. Sie wohnte im selben Dachstock, nur hinten hinaus. Die kleine Witwenpension – ihr Mann war Postbediensteter gewesen – reichte für ihre Bedürfnisse. Kinder hatte sie keine, so sorgte sie für Lore.

Die war nicht müßig unterdes. Schon zweimal hatte die Waltern große Päcke mit fertiggestellten Sachen nach dem Geschäft getragen und neue Arbeit gebracht.

Die Lore lachte sich ins Fäustchen.

»Sie tun die Arbeit und ich streiche das Geld ein, ich Glückspilz. Ist eigentlich ganz gegen alle Ordnung, nicht, Walterchen?«

»Un die arme Fingercher, un die Auge? Is des nix? Ganz rot sin se schon,« brummte die.

Die Lore strich sich über die Augen, die ja wohl ein wenig brannten, aber so froh wie je dreinschauten.

»Ist's nicht ein Glück, daß ich überhaupt sehen kann? Denken Sie doch bloß an den armen Hannes, Walterchen.«

Das war ein alter, blinder Mann, der auch in irgend einem Winkel der Mietskaserne wohnte.

Da stemmte die Waltern die Arme ein.

»No, des deht awer auch grad noch fehle, Kindche. Zu dem Buckelche auch noch blind sein. Ich –«

Sie brach jäh ab, aufs tiefste erschrocken. Noch nie hatte sie mit Worten an Lores Gebrechen gerührt; jetzt sah sie scheu nach dem Mädchen hin.

Dieses aber verzog keine Miene.

»Drum eben, Walterchen,« sagte sie fröhlich wie immer. »Kann ich da nicht von Glück reden? Und mein Rücken? Neulich sah ich einen armen kleinen Krüppel, den der Höcker so drückte, daß ihm der Kopf ganz auf die Brust hing. Da hab' ich erst recht gesehen, was ich für ein Glückspilz bin!«

Die Waltern wischte sich hastig über die Augen und dann strich die rauhe Hand über Lores Gesicht.

»Freilein Lorche, Sie sin – Sie sin e Engelche.«

Die Lore sah erstaunt auf und dann lachte sie hell hinaus. Es steckte an; die Waltern lachte mit und die Rührung war verflogen.

Als der heilige Abend kam, humpelte die Lore wohl im Zimmer herum, konnte aber noch nicht ausgehen. Deshalb hatte sie furchtbar viel mit der Waltern zu tuscheln gehabt; aber die hatte ihr schließlich doch alles zu Dank heimgebracht.

Der Vater war in diesen Wochen trübseliger als je gewesen. Wenn er nicht wegen des Unterrichtgebens aus war, so saß er vor seinem Bild. Er besserte und pinselte endlos dran herum und seufzte dazu. Die frohsten Sonnenaugen Lores konnten ihn nicht aus seinem Schatten locken.

Vor einer Woche war's gewesen, am Abend, schon im Dunkeln. Lore wollte eben Licht machen. Da flog des Vater Pinsel klatsch zu Boden, die Palette hinterher.

»Erbärmliches Geklexe! Da pinselt man und strichelt und gibt sein Bestes, und keiner will's haben!«

Die Lore warf eiligst das Feuerzeug beiseite und legte die Arme um des Vaters Hals.

»Lieb Väterchen,« schmeichelte sie, »bist doch ein großer Künstler. Bedenk doch das Glück!«

»'n großer Künstler!« sagte er bitter.

»Doch, Herr Metten sagt's immer. Erst neulich wieder, Väterchen, als ich ihm die paar Skizzen brachte.«

Das war der erste Kunsthändler der Stadt, eben einer jener Kenner, die Nikolaus Trübners Arbeiten zu schätzen wußten. Seiner Verwendung war auch der jeweilige Verkauf eines Bildes zu danken.

Die Lore hatte den rechten Ton angeschlagen; der Vater hob den Kopf.

»Der Metten, das ist noch einer, der was versteht.«

»Drum eben, Väterchen,« sagte die Lore eifrig. »Drum eben! Was liegt an den anderen?«

»Plebs,« grollte der Vater, »Herdenvieh!«

Die Lore strich dem Vater übers Gesicht, als wolle sie alle Sorgen und auch die häßlichen Worte fortwischen.

»Paß mal auf, Väterchen, dein neues Bild gefällt gewiß. Es ist so schön, es muß gefallen,« sagte Lore.

Sie sah mit leuchtenden Augen darauf hin, obgleich in dem Dämmerlicht nur noch die Umrisse zu erkennen waren.

Er seufzte; und dann grollte er wieder: »Ja, wenn ich ihm einen rechten Prunkrahmen geben könnte! Das zieht. Unter einem halben Meter breit Gold ringsum tun sie's heutzutage nicht. Die Leinwand ist Nebensache.«

Sie verstand nicht, was er weiter murmelte. Eine leuchtende Idee war ihr gekommen.

Danach begann das Tuscheln mit der Waltern bis der Heiligabend kam. Die Lore hatte den Tag in fieberischer Erregung verbracht. Sie hatte den Vater beschworen, auszugehen und nicht vor Einbruch der Dunkelheit wiederzukommen.

Nur ungern hatte der sich gefügt. Er war so zerfallen in sich. Was sollte ihm da das Fest? Bloß die Augen der Lore hatte er nicht trüben mögen. So war er gegangen.

Die Lore und die Waltern hantierten zusammen. Letztere freilich unter Protest; die ganze Veranstaltung schien nicht ihren Beifall zu haben.

»Des Sindegeld,« brummte sie, »es is en Spedakel, so viel da dran zu henke, wann mer selwer in so Fähncher erum laufe muß. Sie hätte wohl emal e nei Kleidche verdient, Freilein Lorche.«

Die Lore lachte.

»Gefall' ich Ihnen in dem da nicht, Walterchen?«

Die Lore steckte schon im Festputz. Wenn das alte, vielfach überarbeitete Gewand die Bezeichnung überhaupt verdiente.

Aber das satte Rot des Stoffs sah so hübsch zu ihrem zarten, blassen Gesichtchen, zu ihren dunklen Haaren und strahlenden Augen aus, daß die Waltern wohlgefällig nicken mußte. Zärtlich strich sie der Lore über die Schulter.

»Sie sin immer hibsch, Freilein Lorche.«

Wie die Lore lachte!

»Danke, Walterchen, das dürfte sonst niemand behaupten.«

Die Waltern erboste sich.

»Ei warum dann nit, wenn ich frage dirft? Wege dem bißche da hinne? Des sieht noch keiner, wann mer's ihm nit extra sagt, odder wann er in die Auge guckt. Da lacht eim ja des Herz im Leib, Freilein Lorche.«

So zärtlich sah sie drein, die Waltern, und Lore war Evastochter genug, sich des Gehörten zu freuen. Solches Lob war ihrer kleinen Person noch kaum gezollt worden. Sie wurde sehr rot und sehr verlegen.

»Ei, ei, Walterchen, Sie machen mich noch eitel! Ich sag's ja immer, ich bin ein Glückspilz!«

Die Waltern brummte etwas Unverständliches; zugleich hörte man Schritte auf der Treppe.

»Väterchen, da ist Väterchen! Flink, Walterchen, und nun angezündet! Ich fange ihn ab.«

Tief in Gedanken stieg Nikolaus Trübner die Treppen zu seiner Wohnung hinauf.

Wie es ihm schwer fiel! So hoch war's; er mußte keuchend auf jedem Treppenabsatz stehen bleiben. Er wurde doch recht alt. Endlich war er oben und stand schweratmend still. Da legten sich ihm zwei Arme um den Hals: weich schmiegte es sich an ihn und jubelte: »Frohe Weihnacht, mein Väterchen! Und nun warte ein bißchen. Christkindchen ist noch bei der Arbeit.«

Eigentlich war ihm das alles sehr unbequem. Was sollte das Fest in ihrem armseligen Leben? Am besten, man trottete im Trab weiter, dann spürte man weniger, daß man ein Arbeitstier sei; solcher Ausspann taugte nicht. Aber das Kind, das war noch jung. Das wollte seinen Teil Sonnenschein, so kärglich er auch war.

Und wie es den zu finden wußte; aus schwärzester Nacht, aus dem tiefsten Schatten heraus!

»Väterchen,« flüsterte die Lore jetzt wieder glückselig, »freust du dich denn ein bißchen?«

»Ich bin zu alt dazu, Kind,« sagte er trübe.

»Zur Freude ist man nie zu alt, Väterchen,« belehrte sie ihn wichtig. »Es gibt doch immerzu etwas, worüber man sich freuen kann.«

»Gibt es das?« Sehr überzeugt war er nicht.

»Doch und wie! Daß wir beide zusammen sein dürfen zum Beispiel, Väterchen, du und ich! Ist das nicht schon ein Glück? Und – o Väterchen, sieh, sieh – Christkind ist da!«

Sie eilte der Tür zu, die Frau Walter eben weit auftat. Die zarte Gestalt bewegte sich noch recht mühsam mit dem schleppenden Fuß. Im Gesicht aber stand hellster Weihnachtsjubel.

»Väterchen, und nun sieh, was Christkind gebracht hat!«

Sie gab die Schwelle frei, daß er hereinkonnte. Und da sah und staunte er denn allerdings. Die Staffelei war mitten in den Raum gerückt. Das Bild stand darauf; aber es prangte in einem prunkvollen Rahmen. Es sah sehr prächtig und stattlich aus. Ringsum waren Tannenzweige gesteckt; die Staffelei krönte ein winzig kleines Bäumchen mit dünnen Kerzen dran.

Illustration: E. Rosenstand

Lore stand und hielt den Atem an. Was wohl Väterchen sagte?

Vorläufig war er noch stumm. Er schaute und schaute, und dann nickte er.

»Ja, so könnte es der Menge imponieren! Die braucht solchen Firlefanz!«

Etwas flog der Lore übers Gesicht, das es umdüstern wollte. Aber dafür hatte sie keinen Raum. Sie lachte den Vater schelmisch an.

»Und weiter sagst du nichts, Väterchen? Und ich möchte doch meinen Dank.«

Da wandte er ihr das Gesicht zu. Was sie darin las, konnte sie zufriedenstellen.

»Nimmt sich's nicht stattlich aus?« jubelte sie.

»Prächtig,« meinte er, fügte aber gleich darauf ironisch hinzu: »Dem Rahmen nach zu urteilen, könnte was von Böcklin darin stecken.«

»Und ist doch von Nikolaus Trübner, Väterchen. Und mir so viel lieber.«

Er sagte nichts, strich bloß seinem Kind über den Scheitel. Beide waren im Anschauen des Bildes versunken.

Da sagte die Waltern auf einmal hinter ihnen: »Hier, Freilein Lorche, da is auch was fir Sie.«

Sie betonte jedes Wort und sah Herrn Trübner dazu bedeutsam an. Der achtete nicht auf sie. Er sah bloß sein Bild. Lore aber wandte sich.

»Für mich? Da bin ich aber begierig.«

Sie wickelte den ziemlich umfangreichen Inhalt aus dem umhüllenden Papier. Stoff kam zum Vorschein, wolliger, weicher, warmer Kleiderstoff!

»Für mich?« fragte die Lore noch einmal und machte große Augen.

Die Waltern wurde ein bißchen verlegen. Sie betastete ihrerseits den Stoff und schob ihn Lore so gewaltsam zu, daß die fast das Gleichgewicht verloren hätte.

»No ja! Ich hab mer ewe gedenkt, wann alles an so Alfanzereie gehenkt werde muß, dann bleibt nix für eim selwer iwrig, wann mer's auch noch so nedig hätt. No und da – awer gell, es is e schen Farb, Freilein Lorche?«

»Wunderschön, Walterchen; Grün hab' ich so gern! Und ich soll's wirklich haben? Sie schenken das mir?«

Die Lore war wirklich aufgeregt. Die Alte sah sie zärtlich an und dann mißbilligend zu Nikolaus Trübner hinüber.

»Ja, wann kei annerer dran denkt, daß Kinner gern was an Weihnachte hawe, dann –« Sie hatte die Stimme immer lauter, immer anzüglicher gehoben – »einer muß doch auch an Sie denke, Freilein Lorche.«

Es weckte den Versunkenen dort trotzdem nicht. Die Waltern schüttelte den grauen Kopf.

»Un des will Vatter sein! Gott behüt eim. So e arm, unglicklich Wirmche,« murrte sie leise, womit sie das Kind, nicht den Vater meinte.

Die Lore streichelte noch an dem weichen Stoff herum.

»Wie für eine Prinzessin! Ich Glückspilz! Walterchen, jetzt passen Sie auf. Für wen ist das?«

Sie hob ein warmes gehäkeltes Tuch empor; die alte Frau war gerührt.

»Un alles selwer gemacht mit dene fleißige Fingerche,« rief sie. »Da kennte sich annere e –«

Ein Beispiel nehmen, wollte sie sagen, verschluckte es aber noch rechtzeitig.

Wozu? Es änderte doch nichts. Und das Kind fühlte es ja nicht, es war glücklich.

* * *

Das letzte dünne Lichtchen auf dem kleinen Baum war erloschen. Vater und Tochter saßen beim Abendbrot. Die Lore hatte tief in die Wirtschaftskasse gegriffen, um es festlich zu machen.

Sie hatte auch Frau Walter eingeladen, teilzunehmen. Die hatte aber abgelehnt. Sie war voll Gift und Galle. Immer wartete sie darauf, daß der Vater sein Kind beschenken solle; aber es kam nichts. So war sie stumm gegangen.

»Ei, mir deht ja jeder Bisse im Hals stecke bleiwe! Des Seelche von eme Kind stichelt sich ab und schafft sich ab, bloß daß es dem – dem« sie suchte nach einer ihren Gefühlen entsprechenden Bezeichnung, aber sie fand keine, so fuhr sie fort: »Bloß daß es dem alles zustoppe kann, un es selwer kann sich de Mund wische. Ich sag's ja, die Männer!«

Die Waltern schien nicht viel von den Männern im allgemeinen zu halten. Aber dem Mann, an den sie besonders dabei dachte, tat sie doch unrecht. Der stand eben drüben hastig von seinem Stuhle auf und kramte in der Tasche seines Überziehers.

»Wo hab' ich denn nur –? Daß ich das vergessen konnte! Hier, Lore, Kind, da ist auch was für dich.«

Er reichte ihr ein Buch hin. Walter Cranes entzückende Blumenillustrationen: Flora und ihre Kinder.

»Ich dachte, das würde dir gefallen.«

Die Lore griff eilig danach und wollte den Papierumschlag lösen. Da fiel ein Brief heraus.

»Was ist das da, Väterchen?

»Ja, den hat mir vorhin der Briefträger gegeben, Kind. Mein alter Kopf hat kein Gedächtnis mehr.«

Sie las die Aufschrift: »Fräulein Eleonore Trübner. Lautet großartig, was, Väterchen?« Sie lachte ihn an und öffnete den Brief. »Von wem der wohl sein kann?«

Als sie ihn gelesen hatte, war sie blaß, und sah den Vater erschreckt und hilflos an.

»Ich – ich habe geerbt, wie's scheint.«

Noch ebenso hilflos und benommen reichte sie dem Vater den Brief hin. Der las hastig und erregt, dann sah er auf, in Lores Augen.

»Kind, wenn dies das Glück wäre!«

Ängstlich, unsicher schaute sie ihn an.

»Wir sind doch so glücklich, Väterchen, ich fürchte mich fast!«

Der Brief war von einem bekannten Rechtsanwalt der Stadt. Er teilte Lore mit, daß ihre Patin, eine verwitwete alleinstehende Frau Doktor Ellmenreich gestorben sei und sie, die Lore, in ihrem Testament bedacht habe. Lore solle sich in acht Tagen bei ihm einfinden, wo das Testament verlesen werde.

Die alte Frau, Lores Patin, eine Tante der Mutter, hatte sich in ihrem Alter von aller Welt abgeschlossen. Lore hatte sie nie gesehen. Man fabelte von ihrem Reichtum Wunderdinge. Infolgedessen war sie auch sehr reich an Patenkindern jeglichen Standes und Geschlechts.

Was für Pläne in diesen acht Tagen gemacht wurden zwischen Vater und Kind! Die Lore dachte sich das Wundervollste für den Vater aus: Reisen, ein richtiges Atelier, eine Kur für seinen Husten, der nicht weichen wollte. Und er – nun, er schmiedete eifrig mit an diesen Plänen.

»Du sollst sehen, Lore, dann werde ich in zwölfter Stunde noch ein anderer! Ich ersticke in diesem Elend hier. Aber dann will ich zeigen, was ich kann!«

Gläubig glückselig sah ihn die Lore an.

»Dies Glück, Väterchen! Hab' ich's nicht immer gesagt, daß ich ein Glückspilzchen bin?«

Zärtlich sah er ihr in die Augen und strich ihr über das glühende Gesicht. Nun regte sich doch in ihm der Vater.

»Und du, Lore? Für dich haben wir uns noch gar nichts ausgedacht!«

»Ach ich,« rief die Lore eifrig, »ich bin ja so schon zufrieden und glücklich. Und wenn ich dich froh weiß –« Ein strahlender Blick vollendete den Satz.

Gerührt beharrte er auf seinen Worten: »Denk nach, Lore! Was könnten wir für dich herausfinden?«

Da sagte sie leise, fast scheu: »Etwas wüßte ich freilich, Väterchen; daran habe ich schon oft gedacht. Dies Arbeiten fürs Geschäft ist ja recht gut. Aber sieh, zuweilen denk' ich doch, immer könnte ich es nicht durchsetzen. Du hast ja so 'n albernes, schwächliches Ding zur Tochter, armer Vater: da dachte ich – wenn ich mich zur Industrielehrerin ausbildete und angestellt werden könnte. Ich habe Kinder so gern, Väterchen. Heiraten werde ich doch nie –«

Sie hielt ein und sah ihn an, in strahlender Erwartung.

Er mißverstand sie, glaubte, der Verzicht, den ihr armer, zarter Körper ihr auferlegte, schmerze sie, er wollte sie trösten.

»Kind, wer weiß –«

Da lachte sie ihn an und aus zugleich.

»Väterchen, dummes, als ob ich nicht glücklich wäre bei dir. Und wenn ich dann meinen Beruf habe – Väterchen, kannst du dir was Schöneres denken?«

Das konnte er, aber er nickte doch.

»Armes Tierchen,« sagte er tief gerührt, »armes Tierchen.«

Er sagte es nur für sich; wenn sie es gehört hätte, sie würde eifrig protestiert haben. Ein armes Tierchen, sie, die Lore, das Glückspilzchen!

Endlich war der wichtige Tag der Testamentsverlesung da. So aufgeregt war Lore in ihrem jungen Leben noch nie gewesen. Eine Stunde vor der bestimmten Zeit stand sie schon fix und fertig. Es war ihr zu Mut genau wie einer ihrer schlanken, frohen Mitschwestern, die zu ihrem ersten Ball soll. Dies Glück! Die Lore glühte. Sie hatte ja immer gesagt, daß sie ein Glückspilzchen sei. Jetzt war's endlich Zeit zum Gehen.

Sie trippelte an des Vaters Seite die Straßen hin. Manch mitleidiger Blick traf sie. Wenn die Lore das geahnt hätte, wie erstaunt sie gewesen wäre!

Da war das Haus: Bärenstraße 7.

»Die Glücksnummer, Väterchen,« meinte die Lore fröhlich. »Kein Wunder!«

Dann trippelte sie allein zur Haustür und warf dem Vater noch einen leuchtenden Blick zu, ehe sie eingelassen wurde.

Nikolaus Trübner ging indes vor dem Hause auf und ab und wartete auf sein Kind, das sich das Glück holen ging.

Noch viele betraten nach Lore die Stufen zur Haustür. Junge Mädchen, gesetztere Frauen, Knaben, junge Männer, auch ältere, und Kinder. Wenn sie alle dasselbe Ziel hatten, wie Lore, dann mußte das hinterlassene Vermögen schon ein recht bedeutendes sein, sollte was Nennenswertes auf jeden fallen.

Nikolaus Trübner runzelte die Stirn. Aber seine Frau hatte ja stets von dem Reichtum der Tante gesprochen. Die mußte doch Bescheid wissen!

So schlenderte er vor dem Hause auf und ab, eine Schildwache des Glücks, das dort drinnen seinen Sitz aufgeschlagen hatte.

Eine lange Zeit verging, gewiß eine Stunde. Dann kamen einzelne aus der Haustür, dann drängten sie sich, paarweise und in Gruppen. Aus ihren Mienen war nichts zu ersehen. Keine Enttäuschung, auch kein besonderes Freuen.

Erst hatte Nikolaus Trübner an ihnen sein und seines Kindes Schicksal herauslesen wollen. Jetzt wandte er sich bloß der Tür zu und harrte auf sein Kind.

Die Lore kam als eine der letzten. Von ferne schon lachte sie ihn an. Als sie aber sein gespanntes, erwartungsvolles Gesicht sah, flog ein kleiner Schatten über ihres.

Er wollte fragen, brachte aber kein Wort hervor. Da sagte sie mit ihrer hellen, weichen Stimme, während sie den Arm durch den seinen schob und ihn mit sich fortzog: Väterchen, ein Glück, daß wir beide nicht unbedingt von der Erbschaft abhängen, denn sieh« – jetzt war auch die helle, weiche Stimme voll Erbarmen – »bar Geld hab' ich nicht bekommen.«

Sie blinzelte scheu zu ihm auf. Er sagte gar nichts, sah sie nur immerzu an. Da sprudelte sie weiter, als könne sie ihn dadurch ablenken und beruhigen.

»Es waren so viele, Väterchen, die alle vor mir dran kamen. Jedem waren ein paar hundert Mark vermacht. Da ist für mich natürlich nichts übrig geblieben. Mehr als sie hatte, konnte die arme alte Frau doch nicht geben, nicht, Väterchen? Aber sie hat doch an mich gedacht, die Gute. Einen Schreibtisch hab' ich bekommen, denk doch. Ich einen Schreibtisch! Den sollst du haben, Väterchen. Du hast so vielerlei Skizzen und Papiere, die du drin unterbringen kannst. Paß auf, wie das nett und gemütlich wird, nicht?«

Sie sah ihn noch immer scheu an. Er hatte ihren Arm losgelassen, hatte fortstürmen wollen. Aber dann dachte er doch an ihr Erschrecken und ihre Hilflosigkeit, und bezwang sich. Aber er lachte so zornig, so bitter, so voll Hohn und Schärfe. »Natürlich! Wie hatte ich auch anderes erwarten können!«

Da tastete die Lore wieder nach seinem Arm und schmiegte sich an ihn.

»Waren wir beide nicht glücklich bis jetzt, Väterchen? Was ist denn anders geworden?«

Er sah auf sie nieder. Erbarmen und Rührung faßte ihn, ja Neid.

Wie das Kind eine Hoffnung begrub: so leicht, mit Freuden schier! Gesegnete, beneidenswerte Anlage! Ihm ging ein Stück Herz, ein Stück Charakter mit bei einem solchen Verzicht.

Er sagte nichts weiter; still kamen sie heim.

Da stand die Waltern und wollte hören, was Lore bekommen hatte, bereit zum Glückwunsch.

Zum ersten Male war sie auf Herrn Trübners Seite, fühlte dasselbe wie er.

»E Schann is es un e Spedakel von der alte Frau! Alle annere kriege was un bloß des Lorche nix, wo's am nedigste hätt'? Da soll doch e – No ich will nix gesagt hawe.« Sie hatte einen erschrockenen Blick Lores aufgefangen. »Den alte Krempel hätt' ich en auch vor de Fieß geworfe, Lorche.«

»Aber, Walterchen, den Schreibtisch! Denken Sie doch, wie gut Väterchen den brauchen kann und –«

Ein erneuter wegwerfender Ausruf der Alten schnitt ihr das Wort ab.

Die schüttelte den ergrauten Kopf; Empörung und Rührung stritten sich in ihr. Die erstere siegte.

»No ja, da hawe mer's ja widder. Alles for die annern. Un die –«

Ein strafender Blick traf Nikolaus Trübner, der sich auf einen Stuhl am Tisch geworfen hatte und den Kopf mit beiden Händen stützte. Die Lore trat zu ihm, tröstete und schmeichelte. Da ging die Waltern und machte die Tür recht unsanft hinter sich zu.

Das Leben von Vater und Tochter blieb dasselbe wie vor der großen Hoffnung, die nun vernichtet war. Die Augen der Lore hatten sich nicht getrübt, ihr Sinn war hell und froh. Dem Vater aber hatte es die Schultern gebeugt. Oder war's der böse Husten, der ihn wieder so quälte?

Der Schreibtisch, die Erbschaft der Lore, war gekommen. Der Packträger, der ihn brachte, hatte fünfzig Pfennig Trinkgeld verlangt.

»Auch das noch,« sagte der Vater. Und auch die Lore betrachtete bedenklich den mageren Beutel, dem sie das Geldstück entnahm.

»Ist er nicht hübsch, Väterchen?« fragte sie aber dann zagend und strich dazu über die alte, polierte, verkratzte Platte. »Sieh doch bloß, die vielen Schubladen!«

Nun öffnete sie, froh wie ein Kind, jedes Gefach und schaute neugierig hinein. Sie waren alle leer bis auf ein paar vergilbte Zettel, auf denen Unwichtiges stand.

»Ich packe deine Sachen hier hinein, ja, Väterchen?« fragte sie schmeichelnd.

Nun fuhr dieser auf: »Laß mich mit der alten Kiste in Frieden! Ich mag das Gerümpel gar nicht sehen.«

Da rückte die Lore still und erschrocken ihr Erbe in den hintersten Winkel.

Väterchen war von da ab oft so heftig und ungeduldig. Was ihn wohl so erregte?

Herr Metten hatte sich sehr günstig über das neue Bild ausgesprochen und ihm den besten Platz in der alljährlichen Frühjahrsausstellung zugesagt. So konnte Väterchen doch froh sein. Aber freilich, bis zum Frühling war's noch weit.

Einstweilen war's Winter und er war sehr hart. Und Väterchen – ob er sich nicht wohl fühlte? Er klagte freilich nicht, aber –

Die Lore sollte es bald wissen.

Eines Morgens, als sie aus ihrem Kämmerchen kam, lag der Vater noch im Bett.

Neckend trat sie zu ihm.

»So 'n Faulpelz, Väterchen?«

»Hab' 'nen Knax weg, Kind! Die alte Maschine will nicht mehr!«

Er hustete hohl und der Atem kam keuchend. Die Lore lief erschreckt zur Nachbarin.

»Ach, Freilein Lorche,« sagte diese seelenruhig, »so schlimm wird's nit sein. Muß dann der Doktor ebei? Des Geld is so so rar un –«

Als sie aber den Kranken gesehen hatte, ging sie ohne weiteres.

Der Arzt kam. Er stellte einen schweren Bronchialkatarrh fest und eine böse Lungenentzündung in Aussicht.

»Wenn nicht die äußerste Sorgsamkeit angewendet wird, stehe ich für nichts. Es muß wärmer hier sein. Diese kalte Luft einzuatmen, ist Gift für den Kranken.«

»Als ob mer des Geld auf der Gass' finne deht! Wo doch als bloß die Fingercher un die arme Auge von dem Kindche derfor sorge müsse,« brummte die Waltern.

Aber sie schob in das Öfchen, was hineinging. Das glühte und hatte es doch schwer, gegen die Kälte anzukommen, die durch die dünnen Wände und das schadhafte Dach drang.

Und die Kälte stieg.

Die Lore mühte sich von früh bis spät an ihrer Arbeit, und glücklicherweise hatte der Vater nicht viel Pflege nötig. Der lag, hustete und stöhnte, aber im ganzen war er ruhig und die Lore konnte bei ihrer Arbeit bleiben. Das war ein Glück. Denn das Öfchen verschlang unmäßig viel; auch sollte der Vater gut und kräftig essen. Wo hätte das herkommen sollen ohne die fleißigen Finger der Lore?

Die saß und stichelte, früh bei Lampenschein, spät bei Lampenschein und dazwischen im Tageslicht. Sie war noch nie so emsig gewesen und so fröhlich dazu.

Die erwartete oder vielmehr prophezeite Lungenentzündung war ausgeblieben, dies Glück! Und sie konnte Väterchen mit ihrer Hände Arbeit verschaffen, was er brauchte. Dies noch viel, viel größere Glück!

Aber der alte grimme Winter wollte diesmal kein Einsehen haben. Im Februar stieg die Kälte noch einmal fast unerträglich. Lores Beutelchen war leer, und ein kleiner Vorschuß aus dem Geschäft auch schon fort. Die Lore war sehr bleich, als die Waltern an diesem Morgen kam, um zu sehen, wie's stünde.

»Lieber Himmel, Walterchen, nun bin ich doch nicht fertig geworden,« seufzte die Lore.

Daß die Lore seufzte, war noch nicht dagewesen. Daraufhin besah sie die Waltern genauer.

Lore reichte eben dem Vater das Frühstück. Die Hände zitterten so, daß sie die Tasse umstülpten, ehe der Kranke sie fassen konnte.

Er schalt. Der Schaden war rasch gut gemacht mit Frau Walters Hilfe. Die Lore hatte aber kein heiter tröstendes Wort dabei, wie sonst wohl.

Da winkte sich die Waltern das Kind herbei. Als die Lore kam, mußte sie nach dem Tisch greifen, sich zu stützen.

»Was haste, Kindche? Alleh, gebeicht. De zitterst ja wie e alt Weib! Was haste angestellt?«

»Ich – ich habe heut' bloß keinen Schlaf gehabt, Walterchen. Die Decke muß fertig werden. Noch zwei Stunden hab' ich dran zu tun. Und dann, Walterchen, dann gibt's wieder Geld.«

»Du bist wohl die Nacht nit ins Bett gange, he? Da soll doch gleich –«

Die Alte war sehr böse.

»Nicht zanken, Walterchen! Es ging ganz famos. Väterchen schlief fest. Das Öfchen brannte doch. Es war so gemütlich.«

»Daß dich,« brummte die Alte, »kennt mer basse! Daß de mer auch noch krank wirscht!«

Die Lore tröstete: »Unbesorgt, ich hole es nach.«

Und sie stichelte weiter.

In zwei Stunden konnte die Waltern richtig die fertige Decke mitnehmen. Die Lore strahlte und die Waltern sah sehr befriedigt aus.

Nach einer halben Stunde kam letztere wieder, aber sehr niedergeschlagen und zornig dazu.

»Ich hätt' den Mensch krimmel klein haue kenne. Sagt, des eine Eck war nit akkerat, des mißt aufgemacht wern. So kennt er's nit brauche.«

Die Lore sagte wenig, sie wurde nur ein bißchen blaß und trennte geduldig auf.

»Ein Glück, Walterchen, daß der Stoff nicht zu sehr zerstochen ist. Die schlechte Arbeit hab' ich in der Nacht gemacht. Geschieht mir recht. Das ist die Strafe, was, Walterchen?«

Sie wollte die alte Freundin anlachen. Aber sonnig war das Lachen diesmal nicht, eher ein bißchen schmerzlich. Da ging die Alte still weg und wischte sich die Augen.

Die Lore aber besserte geduldig, was die schlimme Nacht verschuldet hatte. Bloß würde sie's heute nicht vollenden können! Bei der Lampe getraute sie sich nicht, daran zu arbeiten. Das würde den Schaden nicht besser machen. Das zweite Übernähen des zerstochenen Stoffes war schwierig.

Der Kranke war heute unruhiger als sonst. Er warf sich viel herum und stöhnte.

»Ich friere,« klagte er, »Lore, ich friere!«

Die Lore eilte zum Öfchen.

»Wart, Väterchen, dem wollen wir gleich abhelfen,« sagte sie frisch. »Wollen dem kleinen schwarzen Herrn ein bißchen zureden.«

Aber was war das? War denn wirklich der ganze Vorrat schon wieder beinahe zu Ende? Die Kohlenkiste, die der Bequemlichkeit halber hinter dem Öfchen als Vorratskeller diente, zeigte nur noch einen spärlichen Bodensatz.

Die Lore schob ein, was da war, und ging dann zu Frau Walter. Mit erschreckten Augen sah sie die Alte an.

»Walterchen, die Kohlen!«

»Ja, ja, Kind. Ich hab' bloß nix sage wolle.«

»Väterchen friert!«

Die Alte schien nicht sehr erschreckt.

»Deck em sein Schlafrock iwer!« sagte sie ziemlich trocken.

»Aber die kalte Luft, Walterchen, soll er nicht einatmen! Der Doktor sagt, sie sei Gift für ihn.«

»Fir annere is es auch kein Siedwind. Die spüren's auch in de Knoche, mein' ich als.«

Die Alte wandte sich und machte sich allerlei zu schaffen. Sie war sehr abweisend; das war sie immer, wenn sie etwas bewegte. Die Lore sah ganz hilflos drein.

»Was tu' ich bloß?« seufzte sie leise.

»Ja, Kindche, da is guter Rat deier. Ich hab' selwer nix mehr. Und morge is erst der erste. Ich bin noch nie nit so knapp dran gewese.«

Was der Grund davon war und wohin ihr Geld gegangen war, das sagte die Alte nicht, obwohl es die Lore so nahe anging. Oft hatte diese sich gewundert, wie weit die Waltern mit dem Gelde reichte. Sie führte den Haushalt wieder, seit die Lore mit der Pflege und der Arbeit so in Anspruch genommen war.

»Wenn ich bloß wüßte, wo Geld herbringen,« begann diese von neuem, »ich muß Feuer haben. Väterchen darf nicht frieren, sonst – aber Walterchen, ich habe eine herrliche Idee!« Und fort war sie.

Das war wieder die quicke, frohe alte Lore! Die Waltern atmete ordentlich auf.

Doch was das Kind vorhatte? Man hörte sie drüben in ihrem Zimmer herumkramen. Gleich darauf streckte sie das Gesicht wieder durch den Türspalt, verschmitzt und geheimnisvoll. In den Augen lachten tausend fröhliche Geister.

»Walterchen, flink,« flüsterte sie und legte den Finger an die Lippe. »Väterchen schläft!«

Die Alte schlüpfte in die geöffnete Tür. Die Lore zog sie hinter sich her bis zum geerbten Schreibtisch.

»Anpacken,« befahl sie dort leise.

Die Alte tat's; und sie trugen den Tisch zur Tür hinaus, ins Zimmer der Alten.

Verständnislos sah die drein. Bald aber wußte sie Bescheid.

Die Lore ergriff ein Beil und trat zum Tisch heran.

»Dir ist der Tod geschworen!« rief sie pathetisch und sah tatendurstig, beinahe blutdürstig aus. Wie die arme, kleine, zarte Gestalt das Beil hob! Die Waltern mußte fast lachen. Die Mücke, die gegen den Elefanten losgeht! Sie schob das Kind zur Seite und nahm ihm das Beil aus der Hand.

»Da laß die Alt' mache, Kindche. Des is nix for Ihne Ihr Händcher, Freilein Lorche.« Sie und du als Anrede für Lore mischten sich oft gar wunderlich bei der Alten, »Un e guter Gedanke is es. Des Gerimpel is doch nix mehr wert.«

Die Lore trat lachend zurück.

»Ist's nicht ein Glück, Walterchen, daß wir nun den Tisch haben?«

Die Alte antwortete nicht, sondern hob bloß das Beil. Der erste Hieb fiel schmetternd, ein Spalt klaffte in der Platte. Aber der alte Tisch war zäh, und hielt im übrigen dem Angriff stand. So schnell ergab er sich nicht, auch als auf den ersten Hieb noch ein halbes Dutzend andere folgten. Da sagte die Alte: »Mir misse von hinne dran gehe, Kindche. Die Hinnerwand is nit so dick. Ich hält gar nit gedenkt, daß des Zeig – ha, gelle jetz guckste?«

Das galt dem hartnäckigen Gegner, nicht Lore. Zugleich sauste ein wuchtiger Hieb gegen die Hinterwand. Die barst krachend. Ein helles Klingen, Rollen und Kollern über den Fußboden folgte.

»Daß dich –«

Die Alte stand starr mit hochgehobenem Beil, die Lore mit großen, weitgeöffneten Augen. Und dann lagen die beiden am Boden, scharrten zusammen, rafften auf.

»Walterchen, Walterchen,« jubelte die Lore. »Dies Glück! Dies Glück! Ein richtiger Märchenschatz, Walterchen!«

Denn was da am Boden lag und was da von oben nachkollerte, das waren blitzblanke Goldstücke. Und durch den Spalt, den das unerbittliche Beil gerissen hatte, sah man noch mehr blitzen und blinken.

Der Waltern stand der Mund vor Staunen ob des Unerhörten offen. Wie hätte sie da reden sollen? Sie raffte bloß zusammen und die Lore raffte mit. Sie legten alles auf den Tisch. Die Waltern kroch alle Winkel aus, die fernsten selbst, wohin durchaus nichts gerollt sein konnte.

»Mer kann's nit wisse, Kindche,« sagte sie dabei leise, beinahe ehrfürchtig. »Es wär schad', wann eins dernewer ging'.«

Endlich war der Boden leergesucht, nichts mehr zu entdecken. Ein stattliches Häufchen gleißte auf dem Tisch.

Die Lore stand mit verhaltenem Atem vor dem Spalt des alten Tisches und äugte hinein. Die Waltern tat neben ihr das gleiche.

Dann wollte die Lore den Spalt erweitern, aber ihre Hände zitterten.

»Baß auf, Kindche, des wolle mer gleich hawe,« flüsterte die Alte. Sie holte Hammer und Meißel heran und begann kunstgerecht die Hinterwand zu lösen. Die knirschte, krachte und bog sich, aber wollte nicht weichen. Endlich siegte die Macht des Stärkeren, und von neuem kamen runde, gelbe Goldstücke ins Rollen, wurden gehascht und geborgen.

Nun konnte man sich auch das Wunder besehen. Der Tisch hatte eine doppelte Rückwand. Zwischen der losgelösten und der vorderen war gerade in der Mitte ein schmaler, hohler Raum, das in früheren Zeiten übliche Geheimfach. Ein schmaler Spalt oben machte es von innen zugänglich. Doch nur so weit, als sich Geldstücke da einschieben ließen.

Wie die Hebung des Schatzes gedacht war, ließ sich nicht ersehen. Gewaltmittel, wie die Waltern sie anwandte, waren wohl schwerlich in Aussicht genommen. Irgend etwas anderes Verborgenes mußte da noch mit im Spiel sein, eine geheime Feder oder dergleichen.

Die beiden, die mit großen, runden Augen vor der erschlossenen Wunderwelt standen, gaben sich nicht die Mühe, es herauszufinden. Sie sahen bloß das Wunder. In dem nun freigelegten hohlen Raum blinkten zwischen viel Wattepfropfen noch allerhand Goldvögelein. Die Watte war ohne Zweifel eingeschoben, um das Aufeinanderklingen der Goldstücke zu verhindern. Sie war haften geblieben, als der Eingriff geschah; das schwerere Gold war durchgefallen.

Die Lore zog nun mit zager, scheuer Hand alles zumal aus dem kleinen Raum und durchsuchte vorsichtig die Watte. Die Waltern drehte nach ihr alles noch zehnmal um.

Seit jenem ersten Jubelausbruch hatte die Lore kein Wort mehr gesagt. Sie glühte und zitterte, aber ihre Augen leuchteten.

Nun lag alles Gold beisammen auf dem Tisch. Die zwanzigfach durchsuchte Watte wurde noch zum einundzwanzigsten Male um- und umgedreht. Nichts mehr! Auch der kleine heimliche Raum war leer.

»Zählen!« hauchte jetzt die Lore.

Sie ordneten den Schatz mit zitternden Händen, alles Zehn- und Zwanzigmarkstücke. Fünf Häuflein gab's und noch zwei einzelne Stücke.

»Finf hunnert vierzig Mark, Kindche,« raunte die Alte hinter der vorgehaltenen Hand, und sah dabei scheu nach der Tür.

»Fünf –« Der Lore blieb das andere in der Kehle stecken. Sie starrte bloß die Alte an und aus den Augen kam die reine Springflut. Die Waltern nickte.

»Gelle ja, Kindche. E schen Pestche!«

»Das viele, viele Geld!«

Die Alte schlug der Lore ermunternd auf die Schulter, ihr selber kippte aber vor Rührung die Stimme über.

»Alleh, die Auge gewischt, Lorche! Jetz kenne mer uns auch emal e bißche was Gut's anduhe. Is auch die allerhechst Zeit! An dem arme Gestellche is ja bal kein Fleisch mehr. Es is, weiß Gott, e Glick –«

Da war das Stichwort für die Lore. Sie jauchzte: »Dies Glück, Walterchen, dies Glück! Nun soll's Väterchen gut haben! Wie 'n Prinz, Walterchen! Ich Glückspilzchen! Ich – Walterchen, Walterchen, schnell, bin ich nicht ein ganz unmenschlicher Glückspilz?«

Sie hob sich auf die Zehen, legte die Hände auf die Schultern der Alten und versuchte, sich mit ihr im Kreise zu drehen.

Da meldete sich die schlaflose Nacht. Der Lore schwindelte, sie griff um sich und wäre fast gefallen.

»Hab' ich's nit gesagt,« brummte die Alte erschrocken und faßte zu, »hab' ich's nit gesagt? 's is die allerhöchst Zeit!«

»Da soll einer nicht schwindlig werden bei solchem Glück,« rief aber die Lore schon wieder fröhlich. »Ich Glückspilzchen! Ich Glückspilzchen! Und nun zu Väterchen!«

Fort flog sie, indes die Waltern kopfschüttelnd den Schatz zusammenstrich und folgte.

Drüben fand sie den Kranken in den Kissen aufrecht sitzend, die Lore hielt ihn umfaßt.

Sie sprudelte und haspelte, der Vater konnte nicht klar daraus werden. Fragend sah er die Alte an.

»Da is des Geld,« sagte die fast barsch und schüttete das Gold vor dem Kranken auf die Decke, »es wird schnell wieder weg sein, mein' ich als.«

Nikolaus Trübner tastete mit zitternden Händen drüber hin, seine Augen glühten. Bedeutsam sagte die Alte: »An des Kind muß auch gedacht wern derbei, Herr Trübner. Des is so bloß noch Haut un Knechelcher.«

Nikolaus Trübner sah flüchtig zu seinem Kinde hin.

»Wenn ich erst wieder gesund bin und arbeiten kann, dann soll's die Lore gut haben.«

»Väterchen,« jauchzte die mit dankbarem Blick, »Väterchen, so gut wie du bist, gibt's gar kein Väterchen mehr auf der weiten Welt. Ich Glückspilz!«

Die Alte aber warf die Tür hinter sich so unsanft zu, daß die beiden zusammenfuhren. Dann griff die Lore nach einem Goldvögelein und rief: »Nun Kohlen herbei, Väterchen, und ein Beefsteak für dich! Ich lese dir auch heute abend vor, jetzt kann ich ja einmal ein paar Stunden mit der Arbeit aussetzen. Es soll ein Herrenleben werden, Väterchen, liebes!«

Er wollte etwas sagen; aber ein böser, böser Husten kam, der schüttelte ihn lange und grausam. Erschöpft und blaß lag er endlich wieder in den Kissen.

»Ich – ich –« er winkte Lore näher; die beugte sich mit entsetzten Augen über ihn.

»Das Geld – Lore – nicht so behalten. Erst – Rechtsanwalt – fragen.«

Die Lore schaute noch entsetzter drein.

»Das Geld? Mein Schatz? Mein Märchenschatz?«

Er nickte.

»Erst fragen, Lore – wir – wir sind ehrliche Menschen und – und wer weiß, wie – wie das in den Tisch gekommen ist.«

Er sprach nur mühsam. Die Lore strich ihm zärtlich über den Kopf, und ihre Augen strahlten schon wieder.

»So 'n Väterchen! Aber selbstverständlich! Wie ich bloß so kindisch sein konnte! Natürlich gehört das Geld nicht uns. Wozu brauchten wir's auch, Väterchen, nicht? Paß mal auf, morgen wird die Decke fertig. Dann haben wir wieder Überfluß. Heute freilich –« Die Lore legte den Finger an die Stirn – »heute – na wart mal, Väterchen, frieren sollst du nicht.«

Sie eilte wieder zur Tür hinaus. Drüben hörte man dann lebhaftes Hin- und Herlaufen, schließlich Beilhiebe, Krachen und Splittern.

Der Kranke strich indes liebkosend über das Gold, das vor ihm lag.

»Zu spät,« murmelte er, »zu spät!« Und wieder rüttelte ihn der Husten.

Da streckte die Lore den Kopf herein. Sie lachte übers ganze Gesicht und schleppte einen Stoß Holz auf beiden Armen; ihr Erbe hatte dennoch dran glauben müssen.

»Das wird flackern, Väterchen! Das Glück! So ist der alte Schreibtisch doch zu etwas gut.«

Die Waltern kam hinterher und schleppte einen zweiten Stoß Holz. Im Nu knisterte und flackerte es im Öfchen. Lores Erbe ging in Rauch und Flammen auf.

Die alte Frau trat ans Krankenbett.

»Muß des sein?« fragte sie und wies nach dem Geld. Der Kranke nickte.

»Ich will als ehrlicher Mann sterben.«

»Awer des Kind – des Lorche –«

»Mein Kind denkt wie ich.«

Da ging die Alte und wieder schmetterte sie die Tür krachend hinter sich zu.

»Wann einer als Narr gelebt hat, dann stirbt er auch als Narr,« brummte sie. Nikolaus Trübner stand nicht sehr hoch in ihrer Wertschätzung. »Bilder male, wo des Kind hungere un schaffe muß! Ei, deht der Wänd' anstreiche, des wär' besser.«

Nikolaus Trübner aber und sein Kind hatten einen frohen Abend zusammen, gerade so, als ob der wie eine Fata Morgana aufgetauchte Schatz ihnen wirklich gehöre. Das Öfchen sandte wohlige Wärme in den Raum. Lore hatte ihr Tischchen dicht an Vaters Bett gerückt und las vor. Sie feierte wirklich.

»Grad als ob ich eine Erbin wäre, Väterchen,« scherzte sie dabei.

Das Geld lag sorgsam verpackt in einem kleinen Kästchen. Am nächsten Morgen wollte es die Lore dem Testamentsvollstrecker hintragen. – – – – – – – – – – –

Und nun stand sie vor diesem, berichtete scheu, aber sehr klar ihr Erlebnis, dann hielt sie ihm das Schächtelchen mit dem Gelde hin.

»Hier, bitte! Väterchen und ich möchten nichts nehmen, was nicht für uns bestimmt war. Ich bitte!«

Freundlich und aufmerksam hatte der Rechtsanwalt gelauscht, jetzt erwiderte er: »Wer sagt Ihnen denn, daß das Geld nicht für Sie bestimmt war, mein Fräulein?«

»Aber –«

»Der Tisch war in dem Testament ausdrücklich Ihnen zugewiesen. Kann die Erblasserin da nicht mit Willen das Geld drin verborgen haben?«

»Aber –«

»Oder, wenn ihr dessen Vorhandensein unbekannt war, wem gehört das Geld?«

»Ich –« die Lore konnte kaum mehr atmen.

»Nähere Erben sind nicht da. Was das Testament bestimmte, ist genau ausgeführt und jeder hat das ihm Zugewiesene erhalten. Also –«

»Dürfte ich –?«

»Dürfen Sie –«

»Das Geld –«

»Behalten, jawohl!«

Die Lore jauchzte. »Ich – ich Glückspilz! Ich hab's ja immer gesagt, daß ich ein Glückspilzchen bin. So was, nein so was! Das viele, viele Geld! Ich Glückspilz, Glückspilz!«

Lächelnd, fast gerührt sah der Rechtsanwalt diesem Freudenausbruch zu. Einen Glückspilz hatte er sich freilich bis jetzt anders gedacht, als so blaß, verkümmert, verwachsen und dürftig. Aber daß es wirklich ein Glücksfall war, der dem armen, kleinen, elenden Geschöpfchen dort das Sümmchen Geldes in die Hand legte, das sah er. So sagte er denn weich, beinahe zärtlich: »Ich freue mich mit Ihnen, kleines Fräulein, und bin überzeugt, daß das Geld in keine besseren Hände kommen konnte.«

»'s ist ja bloß, weil Väterchen krank ist, sehen Sie,« sagte die Lore jetzt und sah ihn mit leuchtenden Augen an. »Sonst – ich selber war immer zufrieden und glücklich.«

Er glaubte es gern und mußte später noch oft an diese frohen Augen in dem blassen Gesichtchen über dem abgezehrten, verwachsenen Körper denken. Einen Glückspilz hatte sich die Kleine genannt und war doch ein armes Krüppelchen!

Das Glückspilzchen, die Lore aber, eilte nun an Vaters Bett zurück und berichtete jubelnd die Entscheidung des Anwalts. Nun war freilich kein Zweifel mehr, der Schatz gehörte ihnen.

»Gehört dir, Kind,« sagte der Vater bedeutsam.

»Mir?« Die Lore lachte hell auf. »Natürlich, weil ich eben solch unerhörter Glückspilz bin! Aber dich soll er gesund machen! Und dann, Väterchen – Väterchen, was sind wir doch glückliche Menschen!«

Die arme Lore! Sie sollte bald wankend werden in dieser Ansicht. Sie mußte all ihren Mut, all ihre Kraft zusammennehmen, um dem standzuhalten, was kam.

Aber daß dieses Geld ein großes, großes Glück für sie war, darin hatte die Lore recht. Denn was hätte sie anfangen sollen ohne das Geld?

Der Vater wurde kränker und kränker. Der rauhe März übte trotz des stets glühenden Öfchens und der sorgsamsten Pflege seine schlimme Wirkung aus. Der Husten klang hohler und hohler, der arme Kranke litt mehr und mehr und der Arzt schüttelte den Kopf.

Und die Lore erst! Sie war bloß noch ein Schatten. Die Sonnenaugen von einst schauten gar trübe drein. Nur am Bett des armen Kranken, da strahlten sie zärtlich und warm, da gaben sie den Sonnenschein wieder, den sie in frohen Tagen aufgesogen hatten.

Nur nicht weinen, nicht klagen! Nur immer ein frohes Gesicht zeigen! Väterchen durfte nicht ahnen, daß sie, die Lore, sich um ihn sorgte. Das hätte ihn kränker machen können. Also nur tapfer sein! Wenn nur erst der Frühling da war, dann –

Die Lore dachte an Reisen, an Klimawechsel, an den Süden, obwohl ihr Schatz unheimlich schnell zusammenschmolz, und war so tapfer!

Als der Frühling kam, brachte er wirklich eine Reise für Nikolaus Trübner, bloß die nicht, die sein Kind sich für ihn ausgedacht hatte, um ihn gesund zu machen. Er ging dahin, wo jeder gesundet, von wo aber niemand wiederkehrt.

Fassungslos stand die Lore an seinem Totenbette.

»Väterchen, Väterchen, was fang' ich ohne Väterchen an!« jammerte sie unaufhörlich.

Die alte Waltern, die durch all die schwere Zeit dem Kind geholfen hatte, als ob es ihr eigen Fleisch und Blut sei, meinte freilich bei sich: »Des ist des beste, was hett komme kenne. Vatter is Vatter nadierlich. Awer jetz kann des Lorche doch auch emal an sich denke.« Sie hütete sich aber wohl, solche Gedanken laut werden zu lassen. Lores Kindesschmerz war ihr heilig.

Diese tat alles, was ihr liebendes Herz ihr eingab. Sie brachte den Vater mit allen Ehren zu Grabe, schmückte seine letzte Erdenstätte, wie es seines Künstlernamens und ihres Gefühls würdig war, und so ruhte Nikolaus Trübner aus von seinem Leben, das ihm kein leichtes gewesen war.

Als der Mai dann kam, hatte die Lore ihre Augen ein wenig getrocknet und sah helleren Blicks um sich. Aber das zarte Körperchen, das spürte die schlimme Zeit sehr, die es hatte überdauern müssen. Da hatte die Maiensonne viel gutzumachen.

Die Lore und die Waltern hausten nun im selben Raum; das hatte die Alte so vorgeschlagen.

»Des kost't uns die Hälft', Lorche. Un die Äugelcher misse Ruh' hawe.«

Die Lore war zu müde gewesen, sich zu sträuben. Sie sträubte sich auch dagegen nicht, daß die Alte ihr vollkommene Ruhezeit diktierte. Sie fühlte, daß die ihr nötig war, nötiger als alles andere.

Wie dann die Maiensonne kam, saß die Lore gern am weit offenen Fenster, über den Firsten und Giebeln der Dächer vor ihrem hohen Sitz glänzte die Sonne. Weiter unten in den vereinzelten Baumkronen der spärlichen Gärten sangen die Vöglein; hier oben tummelten sich Tauben und die Spatzen, die überall sind.

Die Lore hielt im Schoß ein Beutelchen. Sie mochte wohl eben hineingeschaut haben, nun blickte sie sinnend ins Himmelsblau.

Die Waltern trat leise herzu und legte die Hand aus Lores Schulter.

»An was denkst de, Kindche?«

»An Väterchen denke ich. Ein Glück, daß er seine Ruhe gefunden hat. Wie hätte er sich gegrämt und gesorgt, wenn er mich so faul gesehen hätte! Und dann hier!« Sie wies auf das Beutelchen, in dem das letzte Goldstück blinkte. »Das hätte ihm auch weh getan!«

»No nadierlich! Awer e Grabstein hat ebeigemißt wie fir en Prinz.«

»Er war auch einer in seiner Art, Walterchen! Ein Künstler von Gottes Gnaden!«

Die Augen der Lore strahlten, die Waltern zuckte bloß die Schultern.

»Um mich ist mir nicht bange, Walterchen,« schmeichelte die Lore weiter. »Wenn ich nur erst wieder an meine Arbeit kann! Ich bin ja ein Glückspilzchen, mir wird's nicht fehlen. Sehn Sie doch jetzt! Wer hat, wie ich, ein Walterchen, das so für ihn sorgt?«

»Is auch was Rechts,« sagte die Alte fast barsch und wandte sich ab. Das Kind brauchte nicht zu sehen, daß sie sich über die Augen fuhr.

Da klopfte es an die Tür. Der Briefträger brachte einen Brief für Lore. Die besah ihn von allen Seiten.

»Was da bloß drin steht, Walterchen?«

»Ich deht en als aufmache, dann wisse mer's gleich,« riet die.

»O, so 'n kluges Walterchen,« antwortete die Lore lachend. Aber sie befolgte den Rat und las den Brief. Dann schluchzte sie herzbrechend.

»So 'n Unglück, Walterchen! O, so 'n schreckliches Unglück!«

»Kindche, Lorche, Herzche, um Himmels wille, ei was is es dann? Was is es dann?«

Aber die Lore schluchzte bloß, ohne aufzuschauen. Da griff die Alte ohne weiteres nach dem Brief, setzte ihre Brille auf und buchstabierte: »Mein gnä – diges Froi – lein. Ich tei – le Ih – nen mit, daß – ich – das Bild – Ihres – Herrn – Vat – ers – für – fünf – hun – dert Mark ver – kauft –«

Bis dahin hatte die Alte äußerst hochdeutsch buchstabiert. Nun mußte sie reden, wie ihr der Schnabel gewachsen war.

»Lorche, Kind, un da heulst de? Jetz sag' ich selwer, du bist e Glückspilz! Da sin ja die fünfhundert Mark widder, wo de geerbt hast. Un jetz kannst de derbei an dich denke! Lorche, ich wer bes, wann de nit still bist.«

Ingrimmig, fast erbost schüttelte die Alte den grauen Kopf, ja sie faßte die Lore an der Schulter und rüttelte sie, wenn auch recht zaghaft.

»Des is e Sind, sag' ich! Wann eim zum ersten Mal des Glick wirklich ins Haus kimmt, dann heult mer nit, als sollt' wer weiß was passiert sein! Des sag' ich, die Waltern!«

Aber die Lore weinte; solche Tränen hatte sie noch nie in ihrem jungen Leben geweint.

»Daß Väterchen das nicht erleben durfte! Wie er sich gefreut hätte! Väterchen, o mein Väterchen! Endlich merken sie, was du geleistet hast! Und nun bist du tot! Väterchen, liebes, armes! O, mein Väterchen!«

Die Lore konnte sich gar nicht trösten. Denn in dem Brief stand noch mehr, was die Waltern nicht gelesen hatte; ihr war die Tatsache des Verkaufs genug.

In dem Brief hatte der Kunsthändler noch weiter angefragt, ob er den übrigen Nachlaß des Gestorbenen ausstellen dürfe. Es schienen sich plötzlich Liebhaber für seine Malweise und Auffassung zu finden.

Nikolaus Trübner schien es gehen zu sollen, wie es so manchem vor ihm ergangen war und manchem nach ihm gehen wird. Er mußte erst sterben, um berühmt und anerkannt zu werden.

Der Lore wollte es das Herz fast abdrücken. Solange sie lebte, fühlte und empfand sie, daß dies das einzig Schwere, das einzige Unglück ihres Lebens gewesen sei. Dieser Verkauf seiner Bilder, diese Anerkennung seines Könnens nach des armen Vaters Tod! Denn es wurde wirklich noch manch eines der Bilder verkauft. Nikolaus Trübner schien in der Tat plötzlich Mode geworden.

Reichtümer sammelte ja die kleine Lore nicht dabei. Aber was sie bekam, drückte sie wie unrechtmäßig erworbenes Gut. Sie konnte dieses Gefühl nie loswerden, bis in ihr spätes Alter nicht.

Die Lore durfte nämlich danach noch auf ein langes Leben zurückschauen. Sie machte ihren Lieblingsplan wahr und bildete sich zur Industrielehrerin aus. Man stellte sie, erst in Erinnerung ihres Vaters und dann um ihrer selbst und ihres Könnens willen, an verschiedenen Schulen der Stadt an. Mit Freuden tat die Lore, was ihres Amtes war.

»So 'n Glückspilz, Walterchen,« sagte sie mit strahlenden Augen, »so 'n Glückspilz wie ich! Daß so viele die kleine, dumme Lore brauchen können! Gibt's was Schöneres, Walterchen?«

Die Alte meinte freilich, manche hätten's schöner und namentlich bequemer, die nicht bei Wind und Wetter, Frost und Hitze von Stunde zu Stunde zu traben brauchten. Die Lore schüttelte vergnügt den Kopf.

»Müßiggang ist aller Laster Anfang, Walterchen! So weiß ich doch, weshalb ich Abends müde bin.«

Die beiden trennten sich auch in dem veränderten Leben nicht, treulich sorgte die Alte für die Lore, bis der Tod sie zwang aufzuhören. Der läßt nicht mit sich rechten und die Alte folgte ihm widerstandslos. Die kleine Lore aber war dennoch nicht allein. Sie hatte ja »ihre« vielen, vielen Kinder. So nannte sie die ihrer Obhut Anvertrauten, deren ungeschickte Fingerlein sie mit den Geheimnissen von Strick-, Häkel- und Nähnadel vertraut machte.

Generation um Generation wuchs um sie heran und verließ sie. Manch frohe Braut brachte den Erwählten, manch junge Mutter den Liebling, daß Tantchen Glückspilz sie kennen lerne; denn diese blieb in Fühlung mit »ihren« Kindern weit über die Schulbank hinaus.

»Tantchen Glückspilz,« so hatte man sie genannt. Denn welch ein Glückspilzchen sie sei, das hatte sie auch den Kleinen nicht verschwiegen.

»Nur einmal im Leben hatte ich mich zu beklagen, Kinder,« so pflegte sie zu erzählen, »ein einziges Mal! Und das war, als Väterchen starb, ohne erlebt zu haben, daß seine Bilder anerkannt wurden. Das war hart, Kinder! Sonst bin ich stets ein richtiges Glückspilzchen gewesen.«

Keiner zweifelte dran. Ging es doch nirgend so froh her, als wo »Tantchen Glückspilz« die Strick- oder Häkelnadel als Zepter schwang. Und als die kleine Lore, die mittlerweile ein recht betagte, ergraute Lore geworden war, die Augen schloß, da tat sie es in der festen Überzeugung, Zeit ihres Lebens ein ungewöhnlich begnadetes, vom lieben Gott besonders bevorzugtes Menschenkind, ein Glückspilzchen im wahrsten Sinne des Wortes gewesen zu sein.

Und war sie nicht eines?

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