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Die Innerste

Wilhelm Raabe: Die Innerste - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDie Innerste
publisherFreiburg und Braunschweig, Klemm
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 9
year1955
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130802
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Neuntes Kapitel

Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der wilde Harz. Er ist seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die Innerste reguliert worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die Natur – Wald und Wasser betrifft, nur von der Mitte des 18. Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so haben die sich weniger verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter geworden sind und anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.

Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und Laudenthal führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt, wie der Leser schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers Mühle an der Innerste, vordem, als die Räder sich noch drehten, eine Sägemühle mit gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren still, und der vom Fels hinter der Mühle ab sich stürzende Bach findet allhier keine Arbeit mehr. Der Buschmüller hat dieses Geschäft längst aufgegeben und sich ein ander Brod gesucht.

Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des Tales gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in ihrer ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis aufsuchen. Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken von Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts, es wird nicht reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem Hause des Meisters Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten, trümmerhaften Rade.

Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und zischt durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das alte Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er doch nicht. Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in der Winternacht, im wilden Walde – vor der Bluttat und nach derselbigen –, ein Lied von Blut und Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus dem Busch, ein Lied von Galgen und Rad – seltsam zu hören aus einem Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine Männerstimme den Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz zurück.

's ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste oberhalb Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den Wald kommt. Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs Ohr gedrückt, er trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug; aber Hut und Rock sind um ein beträchtliches schäbiger geworden; – sie scheinen in der Bergstadt Grund sich nicht viel aus dem tapferen Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der Menage muß es auch nicht weit her gewesen sein. Wohlgefüttert sieht der Korporal nicht aus, und die schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel sind die munterste Farbe an ihm.

Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu den alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die Jacke nur noch einen der Messingknöpfe mit dem F. R. – Fridericus Rex – aufzuweisen hat –, der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten Ärmel auf der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.

Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waides hervor und stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich sah. Drei mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und stürzten sich durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber erkannten, begrüßten sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der Herr des Hauses, der jetzt in seine Tür getreten war und unzweifelhaft einer etwas genaueren Beschreibung würdig ist.

Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht einst als die Schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war und den entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn's sich so verhielt, so war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte es zu einer Höhe von fast fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte war ein ganz menschenähnliches Individuum aus der Mandragora geworden. Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit dem grauen, zotteligen Köpfchen des Alten geboren worden war, konnte niemand wissen; aber niemand erinnerte sich auch, ihn je bei Sommer und Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe erblickt zu haben. Seitwärts geneigt trug er das Köpfchen auf der einen Schulter und als Gegengewicht ein Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör war so scharf wie seine Augen, obgleich manche Leute seltsamerweise meinten, das eine sei so schwach wie die anderen; wenn sie dann des Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden, wunderten sie sich gar noch.

Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine im Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine Tonpfeife aus dem zahnlosen Munde und kicherte:

»He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch immer nicht lassen; – da ist Er ja wieder! – Es ist ein Prachtmädchen! Sie tut es ihnen allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie können nicht davon lassen. Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem guten Kinde gesegnet, und es ist immer noch, wie's in dem Buche steht: ›Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt‹.«

Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, daß jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen Schreckenssprung hätte tun müssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie das folgende Gespräch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann auch nach der Richtung.

»Guten Tag, Vater Radebrecker«, sagte der Einami, militärisch grüßend.

»Guten Tag, mein Söhnchen«, entgegnete der alte Meister. »Der Herr segne deinen Eingang und – Ausgang.«

»Hm«, meinte der Soldat, »kann Er's denn gar nicht lassen, Er alter Sünder? Weiß Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem großen Ofen, der immer noch geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn je. Will Er denn absolut Pastor in der Hölle werden und von einer glühenden Kanzel den armen verlorenen Seelen Geduld predigen, Radebrecker?«

»Hm, – jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem Menschen zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.«

»Man sollt's doch nicht für möglich halten!« brummte der Invalide mit einem Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit einem gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das Gespräch auf etwas anderes.

Er sagte mit einigem Zögern:

»Da Er's doch schon weiß und darüber Sein Pläsier hat, so mach ich's kurz: der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wär's auch nur, um mich von ihr malträtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Sünder vom Profosen. Wie geht's der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?'

»Hört Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche Stimme. Es ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den Wald hineinsingen zu hören.«

Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zähnen; der greise Alraun aber legte die Hand hinters Ohr.

»Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzenssöhnchen? Es wird immer schlimmer mit meinem Gehör von Tag zu Tage.«

»Ich sage auch, daß die Innerste – die Doris eine feine Stimme hat und sie weit hinausschickt!« schrie der Korporal Jochen Brand. »Ich bin nicht der erste, der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat und den sie hergesungen hat nach dieser verdammten, gottverfluchten Räuberhöhle. Und an Boten für ihre Wege fehlt's ihr auch nicht; wenn nur der Botenlohn danach wäre!«

»Ei, ei, mein Söhnchen, was sagt Er da. Besinne Er sich doch, Korporal, daß Er zu dem Buschmüller spricht, der ein Dach und einen Platz am Tische hat für jedermann, von dem man zu Hause – nichts wissen will, und wenn er noch so glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist das köstlichste Ding auf Erden, und ein gut Gewissen –«

»Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich weiß alles und verlange auch von Ihm keine Brühe an den Braten. Also die Innerste sitzt in der Stube?«

»Wie's Täubchen im Neste; – und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn gleich in Grund über die Schulter ansieht. Geh Er nur hinein; ich habe noch hier draußen zu schaffen und komme nach.«

»Der Zwergenkönig vom Hübichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister Radebrecker!« seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und stiefelte mit gehobenen Knieen wie ein Storch über die Hausschwelle. Der Alte schlich sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte vergnüglich in sich hinein.

Auf der Schwelle der Stubentür nahm der Korporal den Hut ab:

»Bonjour, Mademoiselle!«

»He?« fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.

»Guten Tag, allerschönste Mademoisell, mein ich. Wir haben manchen Franzmann draußen unter uns, und von denen lernt man die Höflichkeit und was den Damens sonst gefällt.«

»Mir gefallen Seine französischen Brocken gar nicht«, sagte die Jungfer Radebrecker. »Wenn Er seine Hündinnen da draußen vor den Bergen damit vom Ofen locken kann, so hab ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad. Bringt Er mir sonst was mit, so komm Er herein, Jochen, sonst aber bleibe Er draußen.«

Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube vor. Die Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und Fels sahen herein. Die rothaarige Jungfer saß faul an die Lehne ihres Holzschemels sich legend und aß mit einem blutigen Messer in der Hand ein Stück Brod. Das Messer hatte sie aus der Küche mitgebracht, und wenn die kurfürstlich hannoverschen Förster nachgesucht hätten, so würden sie auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote Lebenstropfen an der Klinge hingen.

»Sackerment«, murmelte der Invalide, »am besten paßte sie doch zwischen Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der Schulter und einer Blendlaterne in der Hand. Sie würde frisch aufräumen im Notfalle unter den Blessierten. Wenn ich nur wüßte, was sie uns eingibt, daß wir ihr immer von neuem so gutwillig ihre Säcke tragen?«

Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weißen Zähne und wies mit dem Messer auf einen Schemel ihr gegenüber am Fenster.

»Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen? Aber – ganz wie es Ihm beliebt.«

Schwerfällig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz, warf seinen Hut auf den Tisch und sagte mürrisch grollend:

»Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter hätte ich auch wohl kennen mögen.«

»Weshalb?«

»Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammenhätte: den alten Satan und die alte und die junge Hexe. So ist's, Jungfer Radebrecker, nehme Sie es mir nicht vor ungut.«

Das Mädchen lachte wiederum – ganz und gar nicht beleidigt:

»Warte Er nur, Freund, bis ich meines Wegs gegangen bin und Ihn der Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es wird schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen ist. Wer die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt zuletzt in ein Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle, Jochen?«

Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast grimmig ins Gesicht und antwortete:

»Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh ich doch nicht wieder für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust trügest, so ließest auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch einem armen Tropf gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu gekommen ist, wie zu allem andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter Mann davon zu wissen. Doris, wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du deinen Groll büßen, so wild du wolltest, und sein jung Weib müßte seine Schuld mit auf sich nehmen. Aber er ist ein Tropf, ein Schwachherz, und wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist's nicht aus eigenem Herzens Jammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden. Ich bin wieder in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du es verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie wie die Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen – sie haben Vater und Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem Meister Tischler einer Wiege halber gesprochen. Sie haben mich zuoberst an den Tisch gesetzt, und du – sitzest hier obenan wie eine wilde Königin – keine zahme hat's mehr nach ihrem Wunsche.«

»So?!« sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal Brand, mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:

»Ja! so! – Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabeigewesen, als der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in der Buschmühle das Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz weiß ich, was er gefunden hat –«

»So?!«

»Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der Colignon nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten- und letztenmal, Jungfer Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und führe Sie nicht Krieg, wo es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem Kriege und weiß, was es damit ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter als ein groß Kind, und wollte Sie sich eine Haselrute da aus dem Busch an der Innerste holen und ihn über die Bank ziehen, so wollte ich mich Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn ja selber mehr als einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh gelegt. Weil aber sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten Kräften besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das kommt Ihr nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der Bach, die Innerste sich nimmt, wenn's hier in den Bergen sich allerlei hat gefallen lassen müssen und nun hervorbricht und den armen Bauern im Hildesheimschen die Äcker und die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal in einem Freibataillon gewesen und habe manches mitgemacht, was gen Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem Feld liegt mein rechter Arm, und – so spreche ich heute in der Buschmühle. Ich weiß wohl, daß wir nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie auf einer Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert sich heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch Blut und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die Russen und die Österreicher, der Totleben und der Lascy; – wer sich da als ein ehrlicher braver Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet in der Welt, der hat Ehre davon. Ich überlegte es mir doch noch einmal in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.«

Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin und her gegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie dicht an den Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die Schulter und nahm ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.

»Er ist ein guter Kamerad, Jochen«, sagte sie, »und Er hat ein gutes Wort gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht Bodenhagen? Meinen Vater kennst du und meine Mutter hättest du kennen mögen, um das Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast's eben noch selber gesagt. Hier in der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen worden, und jetzt bin ich, wie ich bin, und wenn ich wie das wilde Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin, so kann ich's nicht ändern –«

»Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris«, brummte der Korporal, »du weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns vorhältst. Zum Exempel mit mir kannst du machen, was du willst, aber das Kindervolk da unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel ungeschoren lassen!«

Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz war.

»Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen Bodenhagen spielte, hab ich's. Was weißt du von mir und ihm? – Er hat mehr gekriegt als ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er mich wohl zu einem lieben, guten Weibe machen können! Und jetzo soll er die Rechnung zahlen, der Müller von Sarstedt, und ihr – ihr sollt mich nicht umsonst die Innerste nennen!«

Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen Erstaunen – mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei Gäste des Buschmüllers.

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