Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Sternheim >

Die Hose

Carl Sternheim: Die Hose - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/sternhei/hose/hose.xml
typecommedy
authorCarl Sternheim
booktitleDie Hose. Der Snob. Zwei Stücke
titleDie Hose
publisherFischer Bücherei GmbH
year1970
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121026
projectidf2811b5c
Schließen

Navigation:

Vierter Aufzug

Erster Auftritt

Der gleiche Raum

Theobald ruft ins Schlafzimmer Wie liederlich du den Hosenträger wieder geflickt hast! Davon darf nicht die Rede sein, daß ich über die beiden Kerls vernachlässigt werde.

Luise kommt und schenkt ihm Kaffee ein.

Theobald Keiner von ihnen ist zum Glück da. Auf Scarron ist vor Mittag nicht zu rechnen. Nachdem er bis zwei Uhr nachts wie ein Halluzinierter auf mich eingesprochen, mußte ich den Todmüden auf ausdrückliches Verlangen in seine Wohnung Nummer eins bringen, weil dort das Bett besser sei. Fünf halbe Liter, drei Schnäpse habe ich getrunken, und die Folge war ein veritabler Durchfall.

Luise Er kommt nicht.

Theobald Ich verstehe nicht, wie man so fest schlafen kann wie du, wenn einer fortwährend läuft. Wo ist der Honig?

Luise Keiner mehr da.

Theobald Schauerwirtschaft! Schaff wieder. Dazu liebe ich nicht, Wäschestücke von dir auf meinem Stuhl zu finden. Du läßt mich aus dem Predigen nicht herauskommen.

Luise Ich hatte mit Mandelstam noch einen Auftritt wegen seines Zimmers nach Nordost und sank zu Bett.

Theobald Dieser Mensch ist völlig verrückt! Was fällt ihm bei, Norden und Osten für minderwertige Himmelsgegenden zu halten. Im Osten geht die Sonne auf, jeder Maler will nach Norden wohnen, und ein jämmerlicher Bader beansprucht für fünf Taler womöglich Westen und Süden dazu.

Luise Für seine kranke Brust wäre in der Tat der Süden zuträglicher. Und du sagst, Herr Scarron kommt heute nicht; wie ist das möglich?

Theobald Putz dir gefälligst die Nase, du sprichst verstopft. Was heißt das, wie das möglich ist? Er war angetrunken, ihm wird heute nicht zum besten sein.

Luise Angetrunken?

Theobald Besoffen, rundheraus. Zuletzt war es ein Jammer, ihn zu sehen. Trotz seines Zustandes verließ ihn die Idee nicht, mich bekehren zu müssen. Schließlich schien er von der Tarantel gestochen.

Luise Mein Gott!

Theobald Eine seltsame Zierpflanze in Gottes Garten ist der Mann. Dazu riecht er aus dem Mund.

Luise Theobald! Aber er hatte, hat er nicht bisweilen Heldenhaftes?

Theobald Wie in einem Roman meinst du?

Luise Wie in einem Roman.

Theobald Gott – Luise: ein tüchtiger Mensch ist er nicht. Müßte er für deinen Geschmack nicht um vieles heldenhafter sein – den Mangel auszugleichen?

Luise Doch.

Theobald So unernst ist, was er beginnt. Im Grund, glaube ich, ist er der Marotte, die ihn zur Arbeit hertrieb, auch wieder satt. Mir kann's gleich sein. Er hat schriftlich auf ein Jahr gemietet.

Luise Läßt du mich heute zur Kirche? Ich habe Not.

Theobald Sicher, Taube! Wohl bedacht finde ich's. Die vergangene Woche trug in deiner gefallenen Hose große Gefahr für uns beide in sich. Du tust nur deine Pflicht, dankst du dem Schöpfer. Inzwischen erwäge ich eine folgenschwere Absicht in meinem Hirn völlig zu Ende.

Luise Sag sie!

Theobald Da bist du neugierig. Mit Recht. Kommst du zurück, Luise; laß mir noch ein Stündchen darüber. Du wirst staunen!

Luise Ja? Sie geht in den Alkoven

Theobald Was schaffst du?

Luise Die Gardine gehört in unser Zimmer aufgemacht. So kann uns ja jeder hinübersehen.

Theobald Fall mir nicht vom Fensterbrett. Er folgt ihr. Man hört ihn drinnen Was das Weibchen für stramme Waden hat!

Zweiter Auftritt

Mandelstam tritt ein, setzt sich hastig zum Kaffeetisch, schickt sich gierig zu essen an. Tritt, die Tür zu schließen, an den Alkoven. Wie?! Als er Theobald erkennt Verzeihung!

Theobald verlegen Ich hörte Sie nicht kommen. Wir schaffen die Gardine in unser Zimmer hinüber.

Mandelstam Gefrühstückt? Er setzt sich

Theobald Doch.

Luise geht über die Szene ins Schlafzimmer.

Mandelstam Guten Morgen, Frau Maske.

Theobald Sie scheinen gut ausgeschlafen.

Mandelstam Die Erregung, in die Sie mich versetzten, überwältigte mich derart mit Schlummer – wirklich ausgezeichnet geschlafen.

Theobald lacht Trotz Nordosts?

Mandelstam Wirklich. Obwohl –

Theobald Ein Obwohl?

Mandelstam Das Bett ist gut.

Theobald Besser als der weichste Bauch.

Mandelstam Obwohl –

Theobald Hören Sie die Straße?

Mandelstam Keinen Laut, obwohl –

Theobald Die Morgensonne stört?

Mandelstam Nichts liebe ich so – freilich –

Theobald Ist bei so vielen Vorzügen der Preis von fünf Talern zu billig. Sie verdanken ihn meiner Frau.

Mandelstam Nicht aber, daß Sie mich bei Gelegenheit steigern.

Theobald Fürs erste nicht. '

Mandelstam Das ist unklar ausgedrückt, da weiß man sich an nichts zu halten. Es ist gerecht, einen Termin festzulegen.

Theobald Warum wollen Sie sich binden?

Dritter Auftritt

Luise kommt.

Mandelstam Bekomme ich heute keinen Honig?

Luise Nirgends in der Welt erhält man Honig ohne ein Extra.

Mandelstam Meinte, er sei einbeschlossen.

Luise Dann irrten Sie. Der Zucker ist ohnedies seither im Handumdrehen zu Ende. Zu Theobald Auf Wiedersehen.

Theobald Und recht überlegt!

Luise

exit.

Theobald Warum wollen Sie sich binden? Stellt wirklich der Arzt Ernsteres fest, findet Nordost für Sie nicht unbedenklich, sind Sie in Verlegenheit. Das Bett ist freilich gut. Die Matratze ein Roßhaar, wie Sie's heute am Vollblut nicht mehr finden.

Mandelstam Unbestreitbar.

Theobald Morgensonne und tiefste Ruh. – Wie's so geht, kurz vor Ihrem Kommen hatten wir beschlossen, das Bett durch ein anderes zu ersetzen. Fräulein Deuter, eine Hausgenossin, hatte uns sechzig Taler dafür in die Hand geboten.

Mandelstam Das dürfen Sie nie und nimmer tun!

Theobald ist in Mandelstams Zimmer getreten. So ein Daunenzudeck! Und hat die Frau nicht gegen mein ausdrückliches Verbot ein zweites Kopfkissen hineingetan!

Mandelstam Es kurz zu machen: auf ein Jahr. Wir verstehen uns, Herr Maske.

Theobald Ihr leidender Zustand –

Mandelstam Ich fühle mich wie ein Riese.

Theobald Von Tag zu Tag steigen die Preise in dieser Gegend. Nach drei Monaten ist das Zimmer acht Taler statt fünf wert.

Mandelstam Sie werden mich so erregen, daß der Vorteil der Nacht in Frage steht.

Theobald Ein Äußerstes zu tun. Sechs Taler.

Mandelstam Ich kann nicht.

Theobald Besser so.

Mandelstam Also gut, ein Ende zu machen, gut. Bismarck und Luther hatten Sie im Maul, ich hätte so was nicht gedacht.

Theobald Abgemacht!

Mandelstam Auf ein Jahr. Und setzen wir ein Wort darüber auf. Ich schreibe: Herr Maske vermietet Herrn Mandelstam bis zum 15. Mai ... ein Zimmer einschließlich Morgenkaffees.

Theobald Ohne Honig.

Mandelstam Um sechs Taler. Das im Zimmer befindliche Bett darf nicht durch ein anderes ersetzt werden. Unterschreiben Sie.

Theobald Wenn's meiner Frau nicht recht wäre. Sie findet Sie abscheulich.

Mandelstam Mein Gott, wir haben nichts miteinander zu tun.

Theobald Da Sie ihr als Hausgenosse unsympathisch sind. Sie fühlt sich behindert.

Mandelstam Nicht durch mich. Mit tausend Eiden will ich's ihr bekräftigen. Sie schiert mich nichts, soll tun und lassen was sie mag. Jagen Sie mich doch nicht auf die Straße! Ich gebe ja zu, das Bett ist gut. Bei meinem elenden Zustand – seien Sie barmherzig!

Theobald Also–da Sie mich nicht loslassen. Ein Unmensch bin ich nicht. Er schreibt Da steht's: Theobald Maske.

Mandelstam Fände sich noch ein Lehnstuhl überflüssig?

Theobald Ich zerreiße es lieber – meine Frau –

Mandelstam reißt das Blatt an sich Hol der Teufel Ihre Frau!

Theobald Gute Hausgenossenschaft dann!

Mandelstam An mir wird's nicht fehlen. Er sieht in sein Zimmer hinein Da hätten Sie das Bett in meinem bisherigen Unterkommen sehen müssen. Ein Marterkasten. Und von allen Seiten unaufhörlicher Lärm. Dazu eine Menagerie, ja – Flöhe, Wänzchen, Lieber; in die Tapete hatte ich mit ihnen aus Stecknadeln Richard Wagners Namenszug als Muster gesteckt.

Er lacht

Gestern abend ließ ich mich ein wenig gegen Sie hinreißen. Es war nicht schlimm gemeint.

Theobald Damit war ich sehr zufrieden. Übereinstimmung mit Herrn Scarron vor allen Dingen. Er zahlt gut, wir sind ihm Rücksichten schuldig.

Mandelstam den Hut auf dem Kopf An mir wird's nicht fehlen.

Theobald Wohin wollen Sie heute?

Mandelstam Ins Parkhaus hinaus.

Theobald Benutzen Sie den freien Tag nicht besser, einen tüchtigen Arzt zu befragen?

Mandelstam Nicht, solange es mir wie heute geht.

Theobald Wie heißt sie denn?

Mandelstam Noch gar nicht. Die letzte Frieda. Jetzt hat sie einen Techniker.

Theobald War sie stramm?

Mandelstam Mächtig. Darauf sehe ich. Heute beim Feuerwerk findet sich schon wieder anderes.

Exit

Theobald Es fiel mir nur beiläufig ein, ihn zu überfordern. Ein ausgemacht schwaches Hirn, dummer Kerl. Achtzehn Taler zusammen, 18 mal 12 ist 180 – – ist 216 Taler auf ein Jahr. Die Wohnung kostet 115. Bleiben hundertundzehn. Siebenhundert verdiene ich, macht's achthundertundzehn, achthundertelf Taler, und wir wohnen umsonst. Es geht, geht, wird sich machen lassen. Das ist schön, vortrefflich. Wer ist das?

Vierter Auftritt

Deuter steht vor der Tür.

Theobald ihr öffnend Nur hereinspaziert, Fräulein. Gerade sprach man von Ihnen.

Deuter Wer?

Theobald Ein Balbier und ich.

Deuter Der üble Kerl.

Theobald Schien stark für Sie interessiert, Fräulein.

Deuter Lassen Sie den Witz.

Theobald Hatte sanften Augenaufschlag und sagte Trude.

Deuter Woher weiß er meinen Rufnamen?

Theobald Wer, der das Glück hat, mit Ihnen unter einem Dach zu sein, weiß ihn nicht!

Deuter Sie wollen mich aufziehen.

Theobald Sei Gott vor.

Deuter Ist Ihre Frau hier?

Theobald Zur Kirche.

Deuter Herr Scarron ist abwesend?

Theobald Er fand ein geblümtes Kleid an Ihnen gestern abend diskutierbar, wußte vor der Tür ein hübsches Wort für Sie.

Deuter Das hieß?

Theobald Popottig.

Deuter Was ist das?

Theobald Genau kann ich's nicht deuten. Aber es hat etwas. Was halten Sie so krampfhaft im Arm?

Deuter Nichts für Sie. Herrn Scarrons Bezeichnung für mich finde ich albern. Ich kann nichts Angenehmes heraushören.

Theobald Mir gefällt sie und scheint passend.

Deuter Daß Sie nicht wissen, was sie will – Sie setzt sich aufs Sofa

Theobald Am Klang –

Deuter Klang–!

Theobald Ein Bild gibt es. Man denkt ein Paar runde Arme, allerhand.

Deuter Albern. Von einer Frau heißt es häßlich oder hübsch.

Theobald Oder spinös oder popottig.

Deuter Spinös – – ach Gott, ich bin eine alte Jungfer.

Theobald der ihr das Paket genommen und geöffnet hat Das ist eine Hose! Und was für eine! Rosa Schleifchen von Seide und Spinnweb ein Stoff. Wer so etwas tragen will, spricht das alte Jungfer hin, eine Schmeichelei herauszuzaubern.

Deuter Glauben Sie?

Theobald Bejahrte Schaluppen ziehen nicht Segel von Seide auf.

Deuter Um noch begehrt zu sein.

Theobald Im Märchen. Im Leben sparen sie die unnütze Ausgabe.

Er hält die Hose ausgebreitet in die Luft Schmiß hat das Ding, und sitzt's der Besitzerin angegossen, gelingen die hübschesten Vorstellungen mit ihm.

Deuter Herr Maske! So kenne ich Sie nicht.

Theobald Überhaupt mich nicht. Gewissermaßen war ich Ihnen bis heute sogar unsympathisch, ließ es, weil's mir in den Kram ging. Aber da kommen Sie gestern mit dem verteufelten Kleid, heut in der verschmitzten Hose –

Deuter Ich trage sie züchtig auf Armen, sie Ihrer Frau zu zeigen.

Theobald Wenn alles gut und richtig geht, gehören weiße Strümpfchen dazu.

Deuter Daß Sie über so etwas denken!

Theobald Gutes Mädchen, wissen Sie genau, ob meine Gedanken nicht schon mit Ihnen beschäftigt waren? Mir ist ganz so. Wie Sie mich jetzt ins Gespräch über diese delikaten Dingerchen bringen, bin ich Ihren Vorzügen, die Sie bei Gott deutlich sichtbar haben, nicht so fremd, wie es bis eben scheinen mochte.

Deuter Wüßte Ihre Frau darum.

Theobald Sie weiß nichts. So etwas würde ich ihr nicht erzählen, weil es ihr Kummer machte. Das treibe ich im geheimen. Nicht oft, doch mit Vergnügen.

Deuter Jeder Mensch ist schließlich nur ein Mensch.

Theobald Gar nicht schließlich. Ich vom vierzehnten Jahr ab.

Deuter Zweiunddreißig bin ich. Ein Mädchen hat es nicht so leicht.

Theobald Nicht gerade schwerer.

Deuter Meine Eltern waren unbeschreiblich streng. Vater schlug mich wegen einer versäumten Minute, starb nicht, bis ich neunundzwanzig war.

Theobald Das ist hart.

Deuter Dann zog ich hierher; doch unter den Augen der vielen alten Weiber im Haus –

Theobald Ist Ihre Wohnung verschlossen?

Deuter Ich machte zu, als ich heraufging. Jeder spioniert in diesem Haus.

Theobald Zehn Uhr zwanzig – Nun weiß ich's. Eines Abends sah ich zufällig aus den Fenstern unseres Zimmers hinunter zu Ihnen, als Sie –

Deuter Ich gehe wieder. Ihre Frau wird zurückkommen.

Theobald Nicht vor einer Stunde.

Er steht in der geöffneten Tür des Schlafzimmers. Schauen Sie, wie deutlich sichtbar Ihre Stube vom Platz an meinem Bett ist.

Deuter geht auf ihn zu Wirklich?

Die Tür fällt hinter beiden ins Schloß

Fünfter Auftritt

Scarron tritt nach einem Augenblick durch die Flurtür ein, sieht sich suchend um. Es klopft an der Flurtür; Scarron öffnet

Sechster Auftritt

Der Fremde Man sagt mir unten im Haus, hier sei ein Zimmer zu vermieten.

Scarron Der Vermieter ist nicht anwesend. Vielleicht bemühen Sie sich später noch einmal herauf. Soviel ich weiß, ist im Augenblick ein Zimmer nicht frei.

Der Fremde Die Hausmeisterin behauptet das Gegenteil.

Scarron Bestimmtes kann ich freilich nicht sagen –

Der Fremde Ob viele Kinder im Haus sind, Klavier gespielt wird – vermögen Sie Auskunft zu geben?

Scarron Nein.

Der Fremde Danke. Wann wird der Hausherr zurücksein?

Scarron Auch darüber vermag ich nichts zu sagen.

Der Fremde Guten Tag.

Exit

Scarron geht in sein Zimmer.

Siebenter Auftritt

Theobald sieht aus der Schlafstube. Wer war das?

Geht zu Scarrons Tür, horcht und läuft zur Schlafstube. Komm! Scarron ist zurück.

Deuter kommt Hast du mich lieb? Wann sehe ich dich wieder? Heute noch? Morgen früh, ehe du gehst!

Theobald Wir wollen nichts übertreiben. Ich will mir überlegen, wie wir am besten fahren. Schließlich, denke ich, setzen wir einen bestimmten Tag der Woche fest, für den ich alle Dispositionen treffe.

Deuter Einmal nur soll ich dich in sieben Tagen sehen. Was tu ich die übrigen, da mir von nun an jede Minute ohne dich Ewigkeit bedeutet?

Theobald Nimm dich zusammen. Aus deiner Ungeduld kann dir sonst ein Verhängnis werden. Läßt du's mit wenigen Malen gut sein, wird es uns beiden zur größten Annehmlichkeit gereichen.

Deuter Aber –

Theobald Nichts sonst. Und meine Frau schicke ich dir besser hinunter, willst du sie heute noch sprechen.

Deuter Eigentlich habe ich nichts mit ihr zu schaffen.

Theobald Um so besser. Und keine Grimasse für sie, kein schiefes Wort, das sie treffen möchte.

Achter Auftritt

Scarron kommt. Guten Morgen. Soeben war ein älterer Herr im Vollbart hier, der ein Zimmer von Ihnen zur Miete möchte.

Theobald Hallo. So darf man darauf bauen, das Geschäft ist im Gang.

Deuter Ich gehe wieder.

Theobald Hätte ich Mandelstam besser abgewiesen?

Deuter Wo ließ ich mein Päckchen?

Scarron reicht ihr die in Papier eingeschlagene Hose Voilà.

Deuter Ich danke Ihnen, Herr Scarron. Guten Morgen.

Exit

Theobald Wieder hergestellt?

Scarron Da Sie mich für tot in meinem Hausgang ließen, haben Sie ein Recht auf diese Frage. Doch was geschah, wird Sie verwundern. Daß nämlich aus sinnloser Theorie mich wieder aufzuraffen, ich Notwendigkeit spürte, die stärker als der hinfälligste Körper war. Während Sie nach Hause wankten –

Theobald Leibschmerzen hatte ich, sonst war ich gut beisammen.

Scarron In der Tat hatte mich Ihrer Meinung Bestimmtheit gepackt, ich fühlte trotz der überwachten Kräfte Errungenschaften von Jahren in Frage stehen.

Theobald Ich bitte Sie, eines subalternen Beamten Meinung.

Scarron Sie war mir so Ereignis geworden, daß es auf der Stelle mir die Wahrhaftigkeit meines Evangeliums wiederherzustellen galt.

Theobald Mitten in der Nacht?

Scarron Und Gott war gnädig. Während ich mit wirrem, aufgeschrecktem Hirn einen Flußrand auf- und niederlaufe, merke ich, ein Schatten folgt mir.

Theobald Ah!

Scarron Und da ich stillstehe, ragt ein Weib vor mir auf.

Theobald Wieso: ragt auf?

Scarron Unterbrechen Sie nicht. Mit leeren Augen stierte sie mich an.

Theobald Verflucht!

Scarron Leibhaftige Sorge um Brot und Gott. Die ersten Minuten waren hinreißende Aussprache nur mit dem Blick der Augen. Mehr als ein Sakrament vertraute sie mir an, Leib und Seele goß sie in mich, machte mich zum Mitwisser ihrer Schanden; und fabelhaft! – Mann – nie vorher im Umgang mit Kindern und der Madonna war Keuschheit mit solcher Inbrunst wie aus dieser Hure mir nah. Und alsbald merke ich: Ihr mit Emphase vorher ausgesagtes Urteil von der Unveränderlichkeit aller Werte – das nämlich ist der platte Sinn Ihrer Lebensauffassung –

Theobald So?

Scarron Ungültig wurde es vor diesem Weib, das mich dafür belohnte, Jahr um Jahr den inneren Glauben an des Menschengeschlechts Entwicklungsmöglichkeit gestärkt, unablässig die höchste Forderung an die Ausbildung meiner psychologischen Aufnahmefähigkeit gestellt zu haben.

Theobald So?

Scarron Ich folgte ihr in ein elendes Heim, und was ich beim Schein einer qualmenden Lampe ihrer verriegelten Brust entriß, war Wort für Wort Geständnis einer so hohen, neuen, nie erklommenen Menschengröße, daß ich vor der Strohmatratze in die Knie sank.

Theobald Lag sie schon in der Falle?

Scarron Gebete tat voll schauerlicher Kraft der Demut. Mein Haupt hätte ich nicht erhoben, hätte sie es mit ihrem dornengesprungenen Fuß getreten.

Theobald So was kommt vor.

Scarron Mein Gott, wie elend seid ihr von solchem Gefühl. Zu jeder Stunde bot sie ihren Leib der Gemeinheit der Männer, und mit jedem Tag hob sie sich kraft ihres Leides näher dem Allwissenden.

Theobald Die Mädchen haben alle ein gutes Herz.

Scarron Als uns die Morgensonne traf, fand sie mich ihrer nicht ebenbürtig.

Theobald Was zahlten Sie?

Scarron Ich verarge Ihnen die Frage nicht. Zwischen uns liegen Meere. Was würden Sie für ein Gelächter anheben, sagte ich Ihnen: ich hätte nicht gewagt, sie zu bitten, mein eheliches Weib zu sein.

Theobald besorgt Geschlafen haben Sie noch nicht? Sehen recht elend aus.

Scarron Schlaf gibt es nicht für mich, bis ich über diese Seele so völlige Klarheit habe, daß ich sie der Menschheit wiedergestalten kann. Wollen Sie mir glauben, gestern hatte ich einen Augenblick die Absicht, Sie, Herr Maske, zum Helden eines Kunstwerks zu machen; heute fühle ich mit ungleich stärkerer Gewalt: über die Tauglichkeit zum künstlerischen Objekt entscheidet nur das psychologische Volumen.

Theobald Ein Kreuz ist's mit den Fremdwörtern. Was ist Psychologie?

Scarron lächelt Ich vergaß, Sie Armer; es wurde Ihnen schwer, mir zu folgen?

Theobald Viel verstand ich nicht. Sie waren diese Nacht mit einem Weib zusammen.

Scarron Mit einem Engel!

Theobald Einem gefallenen.

Scarron Sie Erzspießbürger.

Theobald Und was Psychologie ist, wollen Sie nicht sagen?

Scarronπάντα ρετ Alles ist veränderlich. Und Gott sei Dank auch Gut und Böse.

Theobald Herrgottsakrament, das ist gefährlich!

Scarron Das ist es! Doch so lebe ich, sterbe ich. – Nun sollen Sie mir eins nicht verübeln, sage ich Ihnen, ich gehe wieder von Ihnen.

Theobald Aber Sie haben für ein Jahr Kontrakt!

Scarron Den breche ich nicht. Zahle zwölfmal zwölf Taler gleich hundertundfünfzig Taler im voraus

Er zahlt

und habe nichts dawider, geben Sie das freundliche Stübchen noch einmal weiter. Ihre Persönlichkeit, so gediegen sie innerhalb ihrer Sphäre ist, möchte ungünstig auf das, was meine nächste künstlerische Aufgabe ist, wirken. Sie verstehen?

Theobald Es sind sechs Taler zuviel.

Scarron Lassen wir es gut sein.

Theobald Sie sind ein seltsamer Charakter.

Scarron Ein Mann der Tat bin ich, das ist alles! Vermag nicht, ohne letzten Aufschluß zu bleiben, und darum zieht es mich unwiderstehlich zu jenem Weib, intimster Zeuge ihrer Lebensumstände zu sein; Gott hat es mir zur Pflicht gemacht, die letzten Tiefen menschlicher Verhältnisse auszumessen, und wie ich lange erhöht war, muß ich mich in Abgründe erniedrigen. Unerhörte Genüsse können meiner warten.

Theobald Sie sind ein Schlankel.

Scarron Mißverstehen Sie mich nicht! Zu maßlosen Qualen.

Theobald Ich kenne mich aus. Man muß schauen, daß man nicht zu früh kaputt wird. Eine gewisse Regelmäßigkeit vor allem.

Scarron Unregelmäßigkeit, Mann! Sonst hänge ich mich auf.

Theobald Doch auch die mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

Scarron In kürzester Zeit hoffe ich, Ihnen ein Buch zu schicken, über das Sie Augen machen sollen.

Theobald Und haben Sie einen wohlhabenden Bekannten, der ein Zimmer braucht, rekommandieren Sie uns. Zu allererst, auf jeden Fall, würde ich ein paar Stunden schlafen.

Scarron Herr Maske!

Theobald Aufrichtig!

Scarron Weiß Gott – vielleicht kein übler Rat. Jetzt spüre ich die Müdigkeit selbst – leben Sie recht wohl.

Theobald Sie finden schon wieder her.

Scarron Wo bekomme ich in nächster Nähe einen Wagen? Die verdammte Wendeltreppe.

Theobald lacht Haha, die Beine! Schlafen Sie aus.

Scarron trifft im Abgehen im Eingang mit dem Fremden zusammen Das ist der Herr, der das Zimmer möchte.

Exit

Der Fremde Die Hausmeisterin sagte mir, Sie müßten in jedem Fall daheim sein. Sie haben ein Zimmer abzugeben, erfuhr ich?

Theobald Es trifft sich. Zwölf Taler inklusive Frühstück.

Der Fremde Das ist teuer.

Theobald Ein großer Raum. Sehen Sie selbst.

Der Fremde Kein Klavier in der Nähe, kleine Kinder, Nähmaschine, Kanarienvögel?

Theobald Nichts dergleichen.

Der Fremde Halten Sie Hunde, Katzen?

Theobald Nein.

Der Fremde Haben Sie heiratsfähige Töchter?

Theobald Nein.

Der Fremde Sie selbst sind verheiratet. Ist Ihre Frau jung?

Theobald Doch.

Der Fremde Gefallsüchtig?

Theobald Das wäre der Teufel.

Der Fremde Sie sind ständig auf der Hut?

Theobald Unbedingt. Und die Bequemlichkeit auf halber Treppe.

Der Fremde Jeden persönlichen Verkehr verbitte ich. Die Magd hat, ehe sie eintritt, dreimal zu klopfen. Anstatt des Kaffees nehme ich einen Tee, den ich aushändigen werde. Ich leide an Stuhlverstopfung, doch das ist meine Sache.

Theobald Durchaus Ihre.

Der Fremde Unter diesen Umständen will ich's probeweise auf einen Monat versuchen. Am Fünfzehnten kann ich kündigen. Ich heiße Stengelhöh, bin wissenschaftlich tätig.

Theobald Abgemacht.

Der Fremde Die Magd hat in gesitteter Kleidung, nicht zerfetzt und durchsichtig, das Zimmer zu betreten. Meine Sachen sind in einer Stunde hier. Guten Morgen.

Theobald Guten Morgen, Herr Stengelhöh.

Der Fremde

exit.

Theobald Ich nehme ihm Joseph vor Potiphar heraus, hänge Boa Constriktor im Kampf mit einem Löwen hinein.

Er trägt aus seinem Schlafzimmer ein Bild in das ehemalige Scarronsche Zimmer hinüber.

Neunter Auftritt

Luise kommt

Theobald Trafst du Herrn Stengelhöh, Mann im Vollbart, auf der Treppe?

Luise Ich meine.

Theobald Er ist unser neuer Mieter. Das Geschäft ist unaufhaltsam im Gang. Er trinkt einen Tee, den er noch aushändigen wird, ist wissenschaftlich tätig.

Luise Scarron?

Theobald Recht, Scarron. Den habe ich durchschaut. Er ist uns satt, auf Nimmerwiedersehen nach Vorausbezahlung der Miete für ein Jahr verschwunden. Eine schöne Empfehlung läßt er ausrichten. Noch einiges könnte ich dir von ihm erzählen, doch behüte Gott mein Weib vor so lächerlichen Fanfaronaden. Ein Poltron war er, Buffo, der nach Veilchen roch. Mandelstam hingegen bleibt uns für ein Jahr, und ich richte ihn ab, mich umsonst zu halbieren. Hat dir der Kirchgang wohlgetan?

Luise Unsere große heilige katholische Kirche, Theobald!

Theobald Gewiß kein leerer Wahn.

Luise Wir sind heute ein Jahr verheiratet.

Theobald Wie die Zeit vergeht.

Luise Was muß ich dir kochen?

Theobald Weiß ich doch, du hast einen leckeren Schweinebraten im Hinterhalt.

Luise Den richte ich mit Sauerkraut.

Theobald Und tust vorsichtig eine Zwiebel daran. Nun will ich aber auch mit meinem großen Geheimnis heraus: Die beiden Leute, die uns ins Haus fielen, haben uns in den Stand gesetzt – wozu, Luise?

Luise Ich weiß es nicht.

Theobald Und rätst es nicht? Leise Jetzt kann ich es, dir ein Kind zu machen, verantworten. Was sagst du?

Luise schickt sich schweigend an zu kochen.

Theobald Doch setz ihn mit Butter an! Stengelhöh ist sehr eigen. Persönlichen Umgang mit uns will er gar nicht. Ob du gefallsüchtig seist, fragte er; leidet an Stuhlverstopfung.

Er läuft im Zimmer herum

Die Uhr wie üblich trotz meines ewigen Appells nicht aufgezogen. Die Blumen wollen Wasser haben.

Er begießt sie

Vor einer Stunde war die Deuter hier, wollte dir eine Hose zeigen, die sie sich gefertigt hat. Sieh doch mal zu, wie man heute eine Art Druckknopf an Stelle von Bändern verwendet. Mit diesen Knöpfen hätte die vermaledeite Geschichte auf der Straße, die uns so viel Verdrießlichkeiten brachte, nicht passieren können. Bei deiner notorischen Liederlichkeit bewahrt uns eine Ausgabe von wenigen Groschen vielleicht vor großem Schaden.

Er setzt sich zum Fenster und nimmt eine Zeitung.

Merkwürdige Dinge gibt es hinter den Tapeten des Lebens. Ich habe noch immer Leibschmerzen. Nur nicht solche Extratouren. Druckknöpfe – mitunter macht die Menschheit auch eine wirklich hübsche, sinnfällige Erfindung.

Das habe ich dir wohl schon gelesen: Die Seeschlange soll wieder in den indischen Gewässern aufgetaucht sein.

Luise mechanisch Grundgütiger. Und wovon lebt so ein Tier?

Theobald Da streiten die Gelehrten. Mir ist schon die Nachricht von solchen Seltsamkeiten widerlich. Geradezu widerlich!

Vorhang

 << Kapitel 4 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.