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Gutenberg > Carl Sternheim >

Die Hose

Carl Sternheim: Die Hose - Kapitel 4
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authorCarl Sternheim
booktitleDie Hose. Der Snob. Zwei Stücke
titleDie Hose
publisherFischer Bücherei GmbH
year1970
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
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Dritter Aufzug

Erster Auftritt

Der gleiche Raum. Alle sitzen um den mit Resten des Abendbrots bedeckten Tisch.

Theobald zu Mandelstam Es kam dem Meister hart an, die Arbeit nachmittags ohne Sie zu bewältigen. Sie hätten Ihr Unwohlsein auf einen andern Tag als Samstag legen dürfen, meinte er.

Mandelstam Der erste Nachmittag, den ich seit drei Jahren aussetzte.

Theobald Er hofft, Sie sind bis übermorgen wieder wohl. Liegt doch der ganze Sonntag dazwischen.

Mandelstam Jeder Hund will Ruh, ist ihm nicht koscher.

Theobald Koscher? Hm. Doch wie Sie wollen. Im übrigen hatte ich eine gründliche Unterhaltung mit einem Kollegen, der über ähnliche Zustände wie Sie klagt. Er kennt das Innere seines strapazierten Körpers wie das Gehaltsreglement, operiert mit lateinischen Namen. Er ist aufgestanden, geht in den Hintergrund

Mandelstam folgt ihm eifrig Aber, wie zum Teufel können Sie meinen Fall vergleichen?

Scarron leise zu Luise Ich verbiete dir, den Lümmel anzustarren!

Luise Er tut mir wirklich leid.

Scarron Ist ein abgefeimter Halunke, Schnapphahn, der uns durch seine Anwesenheit mit Absicht den Nachmittag verdarb, und du –

Theobald In allererster Linie handelt es sich um die Nerven, sind die übrigen Organe, das eine mehr, das andere weniger, auch infiziert. Verstand ich ihn recht, muß man sich jeden Nerv als feinen Schlauch, den schützend ein zweiter Schlauch umgibt, vorstellen. Bei entkräfteten Personen ist dieser andere hüllende Schlauch wie Rinde an Bäumen abgebaut – verhält es sich so, Herr Scarron?

Scarron Ungefähr, soviel ich weiß.

Theobald Und es ist über Erwarten schwer, den gefressenen Schaden wieder gutzumachen.

Mandelstam Wie in aller Welt kommen Sie darauf, meine Nerven wären – Unerhört, ohne mich genau angesehen zu haben –

Theobald Bleiben Sie doch still; ich will Sie nicht aufregen. Nur meine ich, es muß Sie manch einer auf den Zustand Ihrer Nerven gedeutet haben.

Mandelstam Niemand.

Theobald So frage ich den unbefangenen Beobachter. Wie erscheint Ihnen, Herr Scarron, unser Freund?

Scarron Typischer Neurastheniker.

Mandelstam Ha!

Theobald Es kommt, wie gesagt, natürlich anderes dazu. Bei dem Betreffenden ist es der Magen, der infolge langjähriger Mißhandlung durch unzureichende Ernährung ruiniert ist, während ich bei Ihnen auf die Lungen raten möchte.

Luise Du mußt Herrn Mandelstam nicht ängstlich machen, Theobald.

Theobald Im Gegenteil suche ich, ihn einer Katastrophe gegenüber zu wappnen.

Luise Aber er stellt bedenkliches Kranksein in Abrede.

Mandelstam Unbedingt.

Theobald Um so besser. Ich erachte es einfach für meine Pflicht.

Mandelstam Und ich halte es für wenig überlegt, diffizilen Menschen solche Dinge mitzuteilen. Es ist natürlich, man beschäftigt sich weiter damit.

Theobald Gehen Sie einen nichts an.

Mandelstam Steht ein Fenster auf?

Theobald Ein Spalt.

Mandelstam Darf ich schließen? Er tut's

Luise Nehmen Sie Ihr Tuch um den Hals!

Mandelstam Herzlichen Dank.

Scarron zu Theobald Was Ihren kranken Kollegen angeht – ich finde unvergleichliche Wohltat in dem Gedanken: das Schwache, Lebensunfähige, muß dem Starken, Gesunden weichen.

Luise Aufgabe des Kräftigen soll es sein, die Hinfälligen zu stützen. Das lehrt auch Religion.

Scarron Die anderer Jahrhunderte; nicht unsere.

Theobald reicht Mandelstam eine Zeitung Lesen Sie!

Scarron Wir sind darüber hinaus. In die dumpfe stockige Mitleidsatmosphäre vergangener Jahrhunderte führten wir einen Windzug.

Mandelstam Wo? Mir flimmert's vor den Augen.

Theobald zeigt Da! Die Seeschlange soll in den indischen Gewässern wieder aufgetaucht sein.

Mandelstam wütend Was schiert mich das!

Theobald Vielleicht lenkt es Sie ab.

Scarron zu Theobald Ist Ihnen der Name Nietzsche zu Ohren gekommen?

Theobald Wieso?

Scarron Er lehrt das Evangelium der Zeit. Durch das mit Energien begnadete Individuum kommt Ziel in die unübersehbare Masse der Menschen. Kraft ist höchstes Glück.

Theobald Kraft ist freilich Glück. Das wußte ich auf der Schule, hatten die andern unter mir zu leiden.

Scarron Natürlich meine ich nicht brutale Körperkräfte. Vor allem geistige Energien.

Theobald Ja, ja.

Mandelstam Erst heute morgen merkte ich: mein Zimmer liegt nach Nordost.

Theobald Einen Augenblick. Ja, Sie haben recht.

Mandelstam Das ist natürlich außerordentlich ungünstig auch für den Stärksten.

Scarron zu Luise Herrenmoral soll dem schlappen Hund gezeigt werden. Heute nacht setze ich alles daran, zu dir zu gelangen.

Luise Um Gottes willen!

Scarron Für wen hältst du mich? Glaubst du, meinem fertigen Willen ist der Gotteseibeiuns gewachsen?

Luise Warten Sie noch!

Scarron Nein! Das Schicksal ist reif.

Theobald hat Mandelstams Tür geöffnet Stellen Sie das Bett an die dem Fenster entgegengesetzte Wand, schlafen Sie nach Südwest. Blendende Gegend!

Mandelstam In die Kissen spüre ich den Zug.

Scarron zu Luise Heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein!

Theobald zu Mandelstam Jetzt übertreiben Sie.

Mandelstam tritt in sein Zimmer. Man sieht, wie er sich dort zu schaffen macht.

Scarron zu Theobald Hörten Sie von diesen Theorien nie sprechen? Lesen Sie so wenig?

Theobald Gar nicht. Sieben Stunden tue ich Dienst. Dann ist man müde.

Scarron Das ist bedauerlich. Woran haben Sie das Maß für Ihr Denken?

Theobald Unsereiner macht sich weniger Gedanken als Sie vermuten.

Scarron Immerhin leben Sie nach bestimmtem Schema.

Theobald Schema F, wenn Sie wollen.

Scarron Das heißt, essen, schlafen, schreiben Akten ab? Und wohin soll das führen?

Theobald In die Pension, so Gott will.

Scarron Schauerlich. Für Politik kein Interesse?

Theobald Ich war, was Bismarck tat, gespannt.

Scarron Der ist lange tot!

Theobald Nachher passierte nicht mehr viel.

Scarron Wissenschaft?

Theobald Für unsereinen kommt nicht viel dabei heraus.

Scarron Wissen Sie, daß Shakespeare lebte, kennen Sie Goethe?

Theobald Goethe beiläufig.

Scarron Um Gottes willen!

Theobald Sie nehmen das zu tragisch.

Scarron Bequeme Lebenstheorie.

Theobald Ist bequem nicht recht? Mein Leben währet siebenzig Jahre. Auf dem Boden des mir angelernten Bewußtseins kann ich manches in diesem Zeitraum auf meine Weise genießen. Wollte ich mir höhere Meinung, Ihre Regeln, zu eigen machen, hätte ich bei meiner schwierigen Veranlagung in hundert Jahren kaum die Regel inne.

Luise Daß aber kein Mitleid mehr sein soll?

Scarron Ist einfach nicht.

Luise Wenn ich es fühle –

Theobald Misch dich nicht in unsere Gespräche!

Mandelstam tritt wieder ein Eine wollene Decke möchte ich mir von Frau Maske ausbitten. Das Bett stellte ich um.

Theobald Das war vernünftig.

Luise Sie sollen eine Decke haben. Geht in ihr Zimmer

Scarron Ich beurteile den Mann einfach nach dem Grad seiner Mitarbeit an der geistigen Entwicklung des Menschengeschlechts; Heroen sind die großen Denker, Dichter, Maler, Musiker. Der Laie so bedeutend, wie weit er sie kennt.

Mandelstam Und die großen Erfinder!

Scarron Aber nur soweit sie die Menschheit, die Gedanken des Genies schneller auszutauschen, geschickter machen.

Theobald Und wo bleiben Sie mit dem Gemüt?

Scarron Wie?

Theobald Drückte ich mich nicht richtig aus? Wie brauchen Sie das Herz dazu?

Scarron Das Herz ist ein Muskel, Maske. Luise kommt wieder

Theobald Gut. Doch es hat eine Bewandtnis mit ihm. Bei den Weibern vor allem.

Luise zu Mandelstam mit einer Decke Sie ist groß genug, Sie einzuwickeln.

Mandelstam Besten Dank.

Scarron Kommen Sie mir nicht, handelt es sich um letzte Probleme, mit solcher Einfalt. Weiber, Frauen sind bei Gott eine köstliche Sache, ringt aber ein Shakespeare um Hamlets Seele, Goethe um die Einsicht in einen Faust, bleibt das Weib beiseite.

Mandelstam Schwarz hat nicht an seine Frau gedacht, als er das Buchdrucken erfand, und Newton nicht und Edison und Zeppelin auch nicht.

Luise Ist das sicher?

Scarron Meinen Eid darauf.

Mandelstam Da schwöre ich mit.

Theobald Von Goethe zu schweigen, meinetwegen von Schwarz – immerhin – um mich so auszudrücken, die Weiber haben ihr Herz.

Scarron Ein Muskel, Maske!

Theobald Aber sie leben davon, machen die Hälfte der Erdbewohner aus.

Scarron Alles gut und wohl. Sie aber sind kein Weib; müßten von Ihrer Würde als Mann durchdrungen sein. Neben allem Häuslichen, Freundlichen, das Sie mit Ihrer Frau vereint, gibt es Augenblicke, in denen Sie fühlen, es trennt Sie eine Welt; wo das Mannhafte in Ihnen Sie überwältigt und mit tollem Stolz erfüllt.

Mandelstam Toll! Wundervoll gesprochen!

Luise Es sind nicht alle Männer Ihrer Art.

Scarron Tiefinnerst alle, verehrte Frau.

Mandelstam Sicher!

Theobald Ich weiß nicht. Es gibt so etwas, das ist richtig; aber eigentlich habe ich mich immer dagegen gewehrt.

Scarron Da haben wir's! Sich gewehrt gegen – Natur.

Mandelstam Teufel! Toll!

Scarron Was anders macht den Mann zum Riesen, gigantischen Obelisk der Schöpfung, der dem Weib unüberwindlich ist, als transzendentaler Wille zur Erkenntnis, den tiefste erotische Wollust nicht paralysiert?

Mandelstam Paralysiert – himmlisch!

Luise Mein Mann ist anders geartet.

Theobald Luise, bleib mir mit deinem blöden Geschwätz vom Leib! – Aus meiner persönlichen Erfahrung gesprochen: ich konnte mich nicht überzeugen, daß es mir in meiner Ehe Vorteile gebracht hätte, hätte ich das Gefühl dieser Unterschiedlichkeit in mir gestärkt und zum Ausdruck gebracht.

Scarron Persönlichen Vorteil – davon gilt es, abzusehen. Da es unbestreitbar ist, von der Erhaltung des rein Männlichen hängt für die Menschheit jeder Fortschritt ab.

Luise Du lieber Gott!

Mandelstam Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, wir fliegen!

Theobald Vor allem freut es mich, Sie beide einig zu sehen. Wie angenehm, zwei Mieter, die sich nicht in den Haaren liegen.

Mandelstam Da steht Mann zu Mann.

Scarron Den Aufschluß über Ihre wirkliche Meinung sind Sie uns übrigens noch schuldig. Bisher lehnten Sie die unsere ab.

Mandelstam Ist Zeppelin kein Held?

Scarron Können wir Plato und Kant entbehren?

Mandelstam Was wäre die Welt ohne Eisenbahn und Telephon?

Scarron Ohne die Vorgänger ist Goethe Unmöglichkeit. Und, leugnen Sie Pontius und Pilatus, Goethe lassen Sie doch gelten?

Mandelstam Wagner! Das heiligste Gut der Menschheit!

Theobald langsam Dies beiseite, kommt soviel anderes dazu. Kinderkriegen und solche Dinge – –

Mandelstam Weibersachen!

Theobald Stürmen Sie nicht auf mich ein. Bezweifelte ich einen Augenblick die Richtigkeit Ihrer Tatsachen?

Scarron Das könnte kein Gott.

Theobald Doch die beiden, die ich aus meiner Erfahrung anführe, daß Frauen ein Herz haben, Kinder zur Welt kommen, bringen Sie in Harnisch.

Scarron Das sind Binsenweisheiten, die feststehen wie –

Theobald Bitte?

Scarron Mir fällt kein Vergleich ein. Eine Polemik mit Ihnen ist zwecklos.

Theobald Trinken Sie noch ein Glas Münchner. Luise, schenk Herrn Scarron ein.

Scarron Danke.

Theobald Man könnte morgen in den zoologischen Garten gehen. Sie haben sich eine Giraffe zugelegt.

Mandelstam lacht auf Giraffe!!

Theobald Warum lachen Sie?

Mandelstam Ich denke mein Teil.

Theobald Soll ich ehrlich sein: aus mir selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, so ein Tier anzusehen. Ich bin solchen Knalleffekten und Seltsamkeiten der Natur abgeneigt. Da mir aber Herr Scarron so zusetzt, will ich etwas für meine Bildung tun.

Mandelstam bricht in Gelächter aus.

Theobald Nicht so wild, Herr Mandelstam.

Scarron Lieber Freund, Sie täuschen eine Beschränktheit vor –

Mandelstam Brett vor dem Kopf!

Theobald zu Mandelstam Pulvern Sie nicht mit Ihren geringen Kräften herum.

Scarron Müßte ein edles junges Weib neben Ihnen nicht Veranlassung zu höchster Leistung sein? Sich aus Ihrer Sphäre zu erheben?

Theobald Meiner Frau Eltern sind Schneiderseheleute, Generationen vorher waren das gleiche.

Luise Sechs Brüder sind auf dem Felde der Ehre gefallen.

Mandelstam Heutzutage wäre kein Mensch mehr so dumm, sich einfach hinschlachten zu lassen.

Theobald Ist das nicht mehr zeitgemäß? Vaterlandsliebe nicht modern?

Mandelstam Machten Sie mich vorhin beinah krank, machen Sie mich jetzt gesund. Trotz mancher Nachteile fühle ich mich doch eine andere Art Mensch, weiß, Bataillone stehen hinter mir. Nein, wir lassen uns mit solchem Geschwätz nicht mehr nahekommen, wissen, was es mit diesem Zeug auf sich hat. Der Höchstgeborene stammt wie ich und Herr Scarron vom Affen, alle Menschheit ist gleich, und jeder kann den höchsten Platz erringen.

Theobald Einverstanden. Wenn er mag. Nun gibt es aber Wesen, für die ist ein Platz wie der andere, und vor allem mögen sie den, an dem sie stehen. Mit dem, was mir Geburt beschieden, bin ich an meinem Platz in günstiger Lage und seiner bis zum Tod gewiß, unterscheide ich mich nicht allzusehr von meinen Kollegen im ganzen Vaterland. Nur besondere Tüchtigkeit oder außerordentliche Schande könnten mich um die Sicherheiten bringen, die er verbürgt.

Scarron Herr, das ist fürchterlich! Sklavenmoral!

Theobald grinsend Meine Freiheit ist mir verloren, achtet die Welt auf mich in besonderer Weise. Meine Unscheinbarkeit ist die Tarnkappe, unter der ich meinen Neigungen, meiner innersten Natur frönen darf.

Scarron Gott verhüte, Ihr Glaube wird von Ihren Berufsgenossen geteilt.

Theobald Wie meine Kollegen denken, kann ich nicht beurteilen. Daß fortschrittliche Auffassungen höheren Orts nicht beliebt sind, verbürge ich. Einer unserer Bürochefs hatte den Umgang seiner Frau mit einem andern geduldet; wie er in seiner Disziplinarschrift darlegte, wollte er der selbstischen Natur der Frau nicht in die Zügel fallen, ein Ausdruck, der früher für Pferde beliebt war. Heute hat er einen Mineralwasserausschank Ecke Widenmacher- und Fischerstraße.

Scarron Ein Märtyrer. Sein Weib sieht zu ihm auf.

Luise Seine Frau verachtet ihn gründlich.

Scarron Sie sind im Irrtum.

Luise Vom Grund ihrer Seele.

Mandelstam Das bezweifle ich auch.

Theobald Überlassen wir das den beiden.

Mandelstam Zufällig habe ich aus der eigenen Vergangenheit einen Beweis. Ich lebte mit der kleinen Frau Frühling, die die Gastwirtschaft in der Ahornstraße haben, und der Mann litt das Verhältnis.

Theobald Daß sie Frühling heißt und in der Ahornstraße wohnt, gibt der Sache kein Gewicht.

Luise steht auf Gute Nacht!

Theobald Du bleibst, bis wir alle gehen.

Mandelstam Sie verehrt den Mann seitdem.

Theobald Darauf muß ich einen Schnaps trinken. Geht jemand noch für eine Viertelstunde mit in den Goldenen Korb?

Scarron Ich bin verwirrter als ich es auszudrücken vermag. Zum erstenmal tritt mir solche Auffassung des Lebens als Überzeugung entgegen.

Theobald Eines kleinen Mannes.

Scarron Eines Mannes immerhin. Sie ließen, fühle ich, unter keiner Bedingung von ihr.

Theobald Unter gar keiner. Weil ich ins Wasser fiele.

Scarron Es wäre eine Aufgabe. Sie muß versucht werden.

Theobald Geben Sie sich keine Mühe.

Mandelstam Ich halte es auch für vergeblich.

Theobald Eventuell ließe ich mir drüben bei einem Gläschen Schnaps die Sache gefallen.

Scarron Vor allem nehmen Sie die Angelegenheit gefälligst so ernst wie ich.

Theobald Nein! Sonst wäre es mit meiner Höflichkeit vorbei, und manches Wort, das ich leiden durfte, fände ein Echo, das nicht nur für den andern bedenklich wäre. Also kommen Sie!

Scarron Selbst wenn Sie von einer Theorie unveränderlicher Werte ausgehen –

Theobald Mandelstam, Sie auch. Es gibt ein ausgezeichnetes Münchener.

Mandelstam Ich gehe schlafen.

Theobald Jeder nach seiner Fasson. Er geht mit Scarron

Scarron neben Theobald heftig gestikulierend Selbst wenn Sie mit Kant annehmen – –

Beide exeunt

Mandelstam Nach dem Gespräch muß ich vieles mit anderen Augen ansehen. An der Seite dieses vierschrötigen Schädels zu leben, ist Hölle. Auch sonst habe ich schon Begriffsstutzigkeit getroffen, doch solche Verbohrtheit – das ist ein Viechskerl! Dazu eine plumpe Vertraulichkeit, weil ich beiläufig erwähnte, ich sei der Stärkste nicht. Neben solcher Kreatur wirkt natürlich Herr Scarron wie der liebe Gott, reicht der Vergleich. Es gehört außerdem teuflische Brutalität dazu, einem Menschen ein Nordostzimmer anzuhängen, von dem man annimmt, seine Gesundheit sei völlig zerrüttet.

Luise Sie waren mit Herrn Scarron einer Meinung, man müßte mit niemand Mitleid haben.

Mandelstam Mitleid, wer will das? Anstand, Vornehmheit der Gesinnung verlange ich, wie sie, das muß ich anerkennen, Herr Scarron in höchstem Maß bewies.

Luise Womit?

Mandelstam Mit Worten. Packte er Sie nicht, empfanden Sie nicht, der Mann hat ein großes überströmendes Herz? Ist es nicht rührend, wie er noch am späten Abend versuchen will, Aufklärung in diesen Wasserkopf zu gießen? Freilich wird er nur das Grinsen ernten, das der Hausherr für mich hatte, als ich ihm sein Zimmer vorwarf.

Luise Wir besaßen kein drittes.

Mandelstam So war es, vor diesem zu warnen, Ihre Pflicht.

Luise Sie verlangten es!

Mandelstam Weil ich in Unkenntnis war.

Luise Mir ins Gesicht behaupteten Sie, meiner Person nah zu sein, müßten Sie unter allen Umständen auf dem Zimmer bestehen.

Mandelstam Wenn es aber den sicheren Tod für mich bedeutet!

Luise Sie übertreiben.

Mandelstam lacht auf Übertreiben! Nordost für Brustschwache – da fehlt der Vergleich. Kommt hinzu, mit dem Bewußtsein solcher Tatsache müssen meine Nerven revoltieren. Baumrinde! Abbauen – man sieht förmlich, wie sie abblättert! Sie in Ihrer robusten Gesundheit, Backen, wie Schminke. Er läuft in sein Zimmer Nicht mal Doppelfenster! Ohne wollenes Hemd krepiere ich noch diese Nacht, und meines ist in der Wäsche. Er erscheint wieder Glauben Sie, Jahre sind nötig, einen geschwächten Organismus unter die Erde zu bringen? Verschwindet wieder in sein Zimmer Sagte er doch selbst, sein Kollege müßte in drei Tagen sterben. Dazu funktioniert der Fensterriegel nicht. Erscheint wieder

Wie war die Sache mit dem Schlauch? Um Gottes willen, er sprach von einem Schlauch! Reden Sie ein Wort!

Luise Sie erwähnten schon, es hängt mit den Nerven zusammen.

Mandelstam Ich bin konfus; jetzt ist mir gar, er sprach von zwei Schläuchen, und es sei, sie wieder zusammenzuflicken, unmöglich. Er verschwindet wieder und brüllt Aber so ein Loch ist polizeiwidrig! Da stehen Schutzleute an allen Ecken, handelt es sich aber um einen armen Kerl wie mich, lassen sie ihn wie einen tollen Hund in einem Winkel verrecken! Er erscheint wieder Was hat der Doktor immer mit mir gemacht? Warten Sie. Sehen Sie mir in den Hals! Er reißt den Rachen auf

Luise Aber ich verstehe nichts davon.

Mandelstam Nein so! Er wirft sich in einen Stuhl, schlägt die Beine übereinander. Schlagen Sie gegen das Knie, so, mit der flachen Hand. Und da Luise es tut, und sein Bein hochschnellt, schreit er auf Ich bin verloren! Natürlich, die eine Nacht nach Nordost hat mich völlig entwurzelt!

Luise fassungslos Aber– –

Mandelstam außer sich Und da behaupten Sie Mitleid!

Luise den Tränen nah Sie wollten doch um alles in der Welt in meine Nähe.

Mandelstam brüllt Das ist Grabesnähe, ist ungeheuerlich! Darüber wird man noch reden müssen! Er läuft in sein Zimmer, die Tür ins Schloß werfend, die er von innen verschließt. Luise steht bewegungslos

Zweiter Auftritt

Deuter erscheint vor der Glastür. Luise öffnet ihr

Deuter Beide treffe ich Arm in Arm vor der Haustür?

Luise Woher kommst du so spät?

Deuter Aus der Komödie. Ein prachtvolles Stück von Sternheim. Später erzähle ich. Du hättest ihn sehen müssen, er funkelte förmlich.

Luise Wer?

Deuter Der Riese nicht, obgleich er nicht übel dabei stand. Er, unser Held! Sphäre von Gewalt und Mannheit um ihn!

Luise Ach–!

Deuter Von seiner Erscheinung fiel ein hübscher Abglanz auf Theobald, der bewegter schien als sonst. Den ganzen Tag durftet ihr beieinander sein! Erzähle, was wurde, was geschah? Ich brenne.

Luise Still! Mandelstam ist daheim.

Deuter Laß mich dir in die Augen tief hineinsehen. Bei Händen, beiden Armen laß mich dich fassen.

Luise Warum, Trude, willst du das?

Deuter Deines Glückes Atem trinken. In diesem Diwan saß er, deinem Wesen nah und näher jeden Augenblick. Schließlich gegen die Lehne gepreßt, vermochtest du nicht auszuweichen, mochtest nicht. Rede, was er tat.

Luise Ich erinnere mich nicht.

Deuter Spitzbübin, du bestiehlst mich. Ich will die lückenlose Beichte. Scheu dich nicht, Luise, ich las mehr, als du glaubst, träume dergleichen. Sah ich es nicht, ist es mir gleichwohl bekannt. Wie begann's? Er legte den Arm um dich?

Luise Irgendwo saß er im Zimmer.

Deuter Du?

Luise Am Tisch.

Deuter Dann trat er zu dir.

Luise Blieb, wo er war.

Deuter Und?

Luise Sprach.

Deuter Kannst du es wiederholen? Herrliche Dinge.

Luise Hatte ein Rauschen im Ohr.

Deuter Gewitter lud er in dich. So muß es sein, das habe ich gelesen. Und vor der männlichen Gewalt wird dir der Leib schwach. Füße versagen den Dienst.

Luise Für einen Augenblick war jeder Sinn von mir vergangen.

Deuter Glückselige! Dann?

Luise Kam zu mir er.

Deuter Luise! Und?

Luise Sprach.

Deuter Und?

Luise Sagte.

Deuter Und?

Luise Sprach.

Deuter Weiter? Als er alles gesagt hatte?

Luise Ging er.

Deuter Was?

Luise Ging.

Deuter Was er tat?

Luise Ging.

Deuter Rief: ich liebe dich!

Luise Ja.

Deuter Du?

Luise Auch.

Deuter Bin dein!

Luise Das – –

Deuter Du auch?

Luise Aus meinem Herzen!

Deuter Dann?

Luise Ging er.

Deuter Wohin?

Luise In sein Zimmer.

Deuter Du folgtest?

Luise Nein.

Deuter Unglückselige!

Luise Da er die Tür schloß, trat ich nach, wagte zu klopfen.

Deuter Klopftest?

Luise Doch öffnete er nicht.

Deuter Wie? Schloß sich ein? – Jetzt hab ich's, Mandelstam war da!

Luise Nein.

Deuter Bist du sicher? Nicht in der Nähe, ohne daß du ihn sahst? Er aber hatte ihn bemerkt?

Luise Ha!

Deuter Denk nach.

Luise Wirklich trat gleich Mandelstam ein.

Deuter Ha!

Luise Mir fällt es überraschend ein.

Deuter Siehst du! Meinen Helden mir verstellen! Zu weit gerissen in seiner Gebärde, bemerkt er den schleichenden Fuchs, vor dem ich ihn gewarnt. Da fällt Rede und Geste in den Alltag, schonend entfernt sich überstürzt der Zartfühlende, des Intriganten gierige Augen sehen die Frau gehörig allein. Wie recht ich hatte, wie wenig du ihn begreifst. Benutzte er nicht die erste sich bietende Gelegenheit, den Liebesschwur zu erneuern?

Luise Doch und zeigte Eifersucht dem Barbier.

Deuter So machte ich mir sein Bild in der Ferne richtiger als du, da du ihn vor dir sahst.

Luise Nachher aber im Gespräch der Männer –

Deuter Wovon handelten sie?

Luise Da war es ganz verloren. Ich ging hinaus und mußte weinen.

Deuter Fälschlich geweint hast du so.

Luise Dann war falsch, was ich Abscheu nannte gegen meinen Mann und Zuneigung zu diesem. Dann war vom ersten Tag des Lebens Täuschung alles in mir, trog das Elend, das mir bei seinen ferneren Reden die Kehle schnürte.

Deuter Du hast ihn in jenen Augenblicken so wenig verstanden wie seine frühere Schonung. Nicht aufgenommen, was er im Schild führte. Höre und trau meiner tiefsten Überzeugung: er bereitet die Tat vor, die dich mit einem überwältigt.

Luise Ich bin in Verzweiflung, für ewig unglücklich.

Deuter Kleingläubige, nicht umsonst zieht er den Gatten nachts von deiner Seite, nicht um Geringes fasziniert er ihn durch Lebensfeuer, verstrickt ihn in Bedenken und Probleme. Wärest du mit mir in der Komödie gewesen, du bautest auf dein bevorstehendes Glück. Da erschien ein Mensch, der Mauern ersteigt, Tore sprengt, Feuer legt, der Geliebten nah zu sein. Da gießt sich in Strömen die Überzeugung von des Mannes Gewalt auf uns arme Brut. Törin, was beginnen wir? Die Zeit, die wir verratschen, stehlen wir dem wartenden Helden. Gute Nacht, Kuß! Ich schwöre bei den Gebeinen aller Heiligen, es geschieht! Still, leg dich, husch, lösch alle Lichter. Er kommt! Sie huscht hinaus

Luise Wär's möglich? Sie sitzt unbeweglich, lauscht. Dann geht sie zum Fenster, schaut hinaus. Setzt sich, steht auf, tritt ins Schlafzimmer, in dem sie Licht zündet. Zurückkommend beginnt sie, das Antlitz an die Flurtür gepreßt, sich langsam zu entkleiden. Da hallen Schritte aus dem Treppenhaus. Sie löscht das Licht auf der Szene, steht bebend. Doch verliert sich der Ton. Sie sagt Nein! Mechanisch knöpfen ihre Finger weiter, fetzt nähert sie sich Mandelstams Tür, deren Klinke sie berührt, geht schleppenden Schritts in die Mitte der Bühne zurück. Dort bleibt sie, von hinten beleuchtet, in Hemd und Hose, sich langsam in ewiger Wiederholung das offene Haar kämmend, während Mandelstams Schnarchen die Luft erschüttert. Vorhang

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