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Gutenberg > Carl Sternheim >

Die Hose

Carl Sternheim: Die Hose - Kapitel 3
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authorCarl Sternheim
booktitleDie Hose. Der Snob. Zwei Stücke
titleDie Hose
publisherFischer Bücherei GmbH
year1970
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

Der gleiche Raum. Theobald kommt aus dem Alkoven. Das Gardinchen wäre angebracht.

Mandelstam am Kaffeetisch Warum befestigen Sie es nicht von Ihrer Seite aus?

Theobald Er soll die Überzeugung haben, man will ihm nicht in seinen Kram sehen.

Mandelstam Hat er die gleiche Absicht, bleibt nichts einzuwenden.

Theobald Seine knappen Antworten mir gegenüber, Zurückhaltung lassen es vermuten.

Mandelstam Der Hochmut höherer gesellschaftlicher Stellung.

Theobald Zog er dann hierher? Er fand bei besser Situierten die stille Stube, die er für die Arbeit wünscht.

Mandelstam Was tut der Mann eigentlich?

Theobald Warum vermeiden Sie die Bezeichnung Herr? Soviel ich aus ihm hören konnte, will er ein Erlebnis, das ihm am Herzen liegt –

Mandelstam Abenteuer!

Theobald Erlebnis, sagte er. Achten Sie auf Ihre Neigung, Bezeichnungen zu verschieben. Ein Erlebnis, das ihm naheging, niederschreiben.

Mandelstam So, so; ein Erlebnis!

Theobald Sprechen Sie es so aus, treffen Sie es wieder nicht.

Mandelstam Sie sind genau.

Theobald Das ist natürlich. Das Ungenaue ist Umweg. Von morgens neun bis nachmittags drei habe ich amtliche Schriftstücke vor mir. Wollte ich da ungenau sein!

Mandelstam Nun ja, man spricht manches so hin. Ich soll meine Kunden unter dem Messer unterhalten, sehen, daß sie einen Schnitt, ein wegrasiertes Bartende nicht bemerken. Da ist kein langes Überlegen, man schleudert Worte. Nur keine Unterbrechung.

Theobald So sind Sie ein Opfer Ihres Berufs! Er lacht

Mandelstam Ein Erlebnis! Wahrscheinlich eine Liebesgeschichte.

Theobald Möglich. Müssen Sie samstags erst um acht im Geschäft: sein?

Mandelstam Muß? Ich richte mir's halt ein. Der Chef kommt auch nicht eher, und das Arbeiterpack wird vom Lehrling geschabt.

Theobald So gehen Sie wenigstens morgens spazieren. Wäre ich meines Leibes unsicher wie Sie, setzte ich alles daran, ihn zu kräftigen.

Mandelstam Weit gehen, strengt mich an.

Theobald Anfangs. Ich möchte Sie, sich über Ihren Zustand volle Klarheit zu verschaffen, veranlassen.

Mandelstam Warum?

Theobald Damit Sie wissen, woran Sie sind.

Mandelstam Gestatten mir meine Mittel keine ausreichende Hilfe – was nützt Wahrheit?

Theobald Potztausend, Mann, was nützt Lüge?

Mandelstam Schließlich ist ringsum alles Lüge.

Theobald Sie sind ein Kauz. Ein Pessimist. Alles Lüge, geradezu Lüge?

Mandelstam Lachen Sie nicht. Ich werde beweisen.

Theobald lachend Wo?

Mandelstam Wo Sie wollen, überall, bei allen.

Theobald lachend Bei Ihnen selbst?

Mandelstam wütend Gewiß.

Theobald Bei Herrn Scarron?

Mandelstam Auch.

Theobald brüllend Meiner Frau?

Mandelstam Gerade.

Theobald Bei mir?

Mandelstam Sicher.

Theobald tosend Sie sind ein Haupthahn, Mirakel, Geld wert! Sind Sie am Ende gar nicht Barbier? Ein verkleideter Baron, Liebhaber meiner Frau, der sich einschlich?

Mandelstam wutschnaubend Herr Maske!

Theobald Ein Kerl mit Bombenkräften, Gekrösen wie Pulversäcke.

Zweiter Auftritt

Luise kommt aus der Schlafkammer

Theobald Luise, laß deiner Bürgerlichkeit Gerüche hinter dir. Mandelstam ist Baron. Dein Liebhaber, und die Welt ist Lüge, basta!

Mandelstam Herr Maske, ich muß mir ernstlich verbitten– –

Theobald Nein, lieber Freund. So sicher Sie den Leuten den Bart abnehmen, nicht ganz sattelfest sind, so bestimmt ich an nichts denke, als daß meine Kolumnen stimmen, Herr Scarron Liebesgeschichten dichtet, meine Frau zu mir gehört, so sicher ist, was meine Augen sehen, und so bestimmt ist Lüge nur, was Sie träumen. Und das kommt aus der Leber, der Lunge oder dem Magen. Ich ruhe nicht, bis Sie Gewißheit darüber haben. Kommen Sie mit?

Mandelstam Danke. In zehn Minuten.

Theobald Ärgern Sie sich nicht über mich. Vielleicht schlägt Ihre Stunde noch, und Sie überzeugen mich. Nie, Bester; aber darum keine Feindschaft zwischen uns. Also, ich laufe. Sie wollen nicht?

Mandelstam Danke!

Theobald Gut. Auf Wiedersehen.

Exit

Mandelstam Der macht es einem wirklich leicht.

Luise mißt ihn Der? – – Einem?

Mandelstam Das ist ja lächerlichste Gutgläubigkeit.

Luise Er vertraut, wo er darf.

Mandelstam Ihm werden die Augen, daß es eine Art hat, aufgehen.

Luise Über Menschen, die er zu sich ins Haus nimmt.

Mandelstam Ganz meine Meinung.

Luise Die sich durchsichtigen Vorwandes bedienen.

Mandelstam Den ein Kind durchschaute! Eine Liebesgeschichte, fern vom Lärm der Straße, niederschreiben!

Luise Beleidigen Sie mich, rufe ich meinen Mann zurück.

Mandelstam Rufen Sie; er ist noch auf der Treppe. Reizen Sie mich, noch bin ich nicht außer mir. Warum lacht er fortgesetzt so dämlich über mich, warum das spöttische Mitleid im Ton? Was haben Sie für Veranlassung, mich zu verachten? Ich – das sage ich frei – habe ein Gefühl für Sie, das aber weit davon entfernt ist, Ihnen anders als achtungsvoll nah zu treten.

Luise Daran wird Sie niemand hindern.

Mandelstam Sie selbst! Glauben Sie, ich sehe ruhig mit an, wie Sie ein anderer für sich erobert, ertrüge, was sich vorbereitet, litte es als Mitwisser? An diesem Tisch schwöre ich: mit allen Mitteln will ich es verhindern!

Luise Wann müssen Sie samstags zur Arbeit?

Mandelstam Sie unterschätzen mich, Frau Maske. Hier legte einer einen Schwur ab. So wahr Gott helfe, Sie kommen nicht ans Ziel!

Luise langsam Sie sind ein Kind.

Mandelstam Ein exaltierter Mensch. Das weiß der Himmel.

Luise Ein rechtes Kind. Erregen sich über nichts und gar nichts.

Mandelstam Verachtung lasse ich mir nicht zeigen.

Luise Kommen ganz außer Atem. Nehmen Sie noch ein Täßchen Kaffee. Eine Honigsemmel will ich Ihnen streichen.

Mandelstam Hat man niemand in der Welt.

Luise Nur ordentlich Zucker!

Mandelstam Man hat eben niemand in der Welt.

Luise Das ist Honig von meinem Vater. Zwei Meilen von hier hat er ein Häuschen im Grünen.

Mandelstam Hat man seine Eltern kaum gekannt.

Luise Ich bin sonst geizig mit ihm.

Mandelstam Man ist so blödsinnig allein. Keine Wurzeln in der Erde, nichts, an das man lehnt, das einen hält.

Luise Ein bißchen pflegen muß man Sie. Es ist vieles nervös. Nur sind Sie so wild.

Mandelstam Nein. Sanft.

Luise Heftige Naturen muß ich verachten. Das Gehorsame, Schmiegsame liebe ich. Die guten Kinder.

Mandelstam Wer keine Mutter hatte, dessen einziger Wunsch ist es doch.

Luise Ja – dessen einziger Wunsch! Man kennt das.

Mandelstam Frau Maske, das behaupte ich bei dem Andenken an meine tote Mutter, die auf uns schaut in diesen Augenblicken: nie werde ich eine Grenze, die Sie mir setzen, überschreiten.

Luise Nicht, daß ich etwas gegen Sie hätte.

Mandelstam War doch nicht meine Schuld, was ich gestern sah.

Luise Davon dürfen Sie nie wieder sprechen! Keine Silbe. Mich erschreckte, wie Sie auftraten, ich sah unangenehme Auseinandersetzungen mit meinem Mann voraus.

Mandelstam Als ob ich nicht bis zum letzten Atemzug zu Ihnen stünde.

Luise Gut – so werden wir im Lauf der Zeit noch Freunde.

Mandelstam Und Herr Scarron?

Luise Was kümmert mich der Geck!

Mandelstam Wohl Geck. Doch könnten Sie mich täuschen. Ich habe mit Frauen nicht genügend Erfahrung, wenn ich auch kein Neuling bin. Wahrhaftig nicht.

Luise Es ist nicht unmöglich, er verfolgt geheime Absichten. Doch Sie vergessen mich, setzen ein Einverständnis voraus, das mich empört. Halten Sie mich für so blind, ich sähe nicht, diesem verwöhnten Don Juan würde ich nur eine leichte Beute sein, die er ebenso schnell wie hastig es ihm in den Sinn kam, sie zu besitzen, ließe? Opferte Ruf, alle Vorteile meiner Stellung für eines andern Begierden?

Mandelstam Seine Blicke auf Sie ließen vermuten –

Luise Eure Blicke sind ohne Erlaubnis anmaßend.

Mandelstam Ich will gewiß nie anmaßend, genügsam, mit dem Geringsten, einem Hauch zufrieden sein.

Luise Überlassen wir alles der Zeit.

Mandelstam Doch hoffen Sie nicht, mich zu täuschen.

Luise Wie leicht Sie angezogen sind. Das sollten Sie nicht. Nehmen Sie etwas um, es regnet in Strömen.

Mandelstam Wenn Sie das sagen! Das macht mich im Nu gesund und stark. Da merke ich kein Wetter. Das Halstuch nehme ich noch herunter.

Luise Aber nein! Besser Vorsicht als Nachsicht.

Mandelstam Wie Sie das sagen!

Luise Wollen Sie ein Butterbrot mit ins Geschäft nehmen?

Mandelstam Daß Sie daran denken!

Luise Ich sage mir, es müßte Ihnen gut tun.

Mandelstam Ich brauche nicht zu essen, habe meine himmlischen Träume. Was schiert mich irdischer Jammer. Wäre es Ihnen recht, wir lesen abends den Fliegenden Holländer miteinander?

Luise Ist's eine Liebesgeschichte?

Mandelstam Die himmlischste. Hören Sie, was der Holländer von Senta sagt:

Wird Sie mein Engel sein?
Wenn aus der Qualen Schreckgewalten
Die Sehnsucht nach dem Heil mich treibt.
Der Qualen, die mein Haupt umnachten,
Ersehntes Ziel hätt' ich erreicht.

Luise Schön. Jetzt gehen Sie, sonst versäumen Sie sich.

Mandelstam Noch den Schluß:

Ach, ohne Hoffnung, wie ich bin,
Geb ich mich doch der Hoffnung hin.

Und nun erst gesungen! Das geht einem durch Mark und Bein.

Luise Bis zum Mittag.

Mandelstam mit Kußhänden Bald! bald! bald!

Exit

Dritter Auftritt

Deuter tritt unmittelbar darauf auf Wer ist der windige Mensch?

Luise Ein aufdringlicher, gefährlicher Bursche. Sah gestern auch, was niemand sehen sollte, hat sich unter gleichem Vorwand wie unser Freund eingeschlichen. Sie teilen sich in die Zimmer.

Deuter Hört!

Luise Das schlimmste: er haßt Herrn Scarron und mutmaßt. Eben schwor er hier, er litte nie – was sagen Sie?

Deuter Alberne Geschichte!

Luise Ich halte ihn fähig, Theobald die ganze Geschichte, bevor das geringste geschah, anzutragen. Außer mir bin ich. Als ich vorhin hereinkam, rief mir mein Mann entgegen: Mandelstam – so heißt der Badergesell – ist dein Geliebter. Es war im Lachen gesagt, doch muß der andere ernsthaft von Möglichkeiten solcher Art gesprochen, mindestens seine Reden in dem Fahrwasser geführt haben.

Deuter Wie verhielten Sie sich ihm gegenüber?

Luise Ich schmeichelte, suchte ihn sicher zu machen.

Deuter Recht.

Luise Aber – –

Deuter Es wird ihm scharf von mir auf die Finger geguckt. Sie sehen, wie gut es ist, ich stehe Ihnen zur Seite.

Luise Was halten Sie da?

Deuter Raten Sie.

Luise Antworten Sie.

Deuter Den Batist.

Luise Sie Liebe! Wie zart!

Deuter Gefällt er?

Luise Herrlich! Wohl teuer?

Deuter Das ist vornehmer als Seide.

Luise Wie er auf der Haut liegen muß.

Deuter Anders als Ihr garstiger Köper. Köper auf solchem Körperchen. Ich will das Bundmaß sehen, nehmen Sie das Röckchen auf. 65, sagen wir 66 Zentimeter.

Luise Haben Sie das Band schon?

Deuter Hier.

Luise Himmlisch! Meine beste Freundin sind Sie. Und wollen das alles für mich tun und sind selbst noch jung genug?

Deuter Ich gab aufrichtig alle Hoffnung auf. Sonst hätte ich nicht so viel Zeit für Sie übrig.

Luise Man muß für Sie beten.

Deuter Glauben Sie, es nützt?

Luise Zu so großem Zweck muß alles versucht werden.

Deuter Wie Sie Fortschritte machen!

Luise Bin fest entschlossen. Diese Nacht hat völlig über mich entschieden. Ein süßer Traum schon.

Deuter Reden Sie.

Luise Sie Arme!

Deuter Kein Wort mehr oder ich weine laut heraus.

Luise Es findet sich schon einer für Sie. Wie wäre es mit dem Barbier?

Deuter Pfui! Da nähme ich eher Ihren Mann. Sie lachen ausgelassen

Vierter Auftritt

Scarron öffnet die Tür von außen und tritt auf Welche himmlische Heiterkeit. Vom Regen trete ich mitten in Tropensonne.

Luise leise zur Deuter Bleiben Sie!

Deuter Einen Augenblick, dann muß ich hinunter.

Scarron Mittels meines Flurschlüssels dringe ich unaufgefordert in Ihre lustigen Beziehungen und zerreiße sie. Lachen Sie weiter; wenn ich darf und mich eigne, möchte ich teilnehmen. Worüber war es?

Luise Fräulein Deuter –

Scarron verneigt sich

Luise Und ich sprachen von dem Barbier.

Scarron Von welchem Barbier?

Luise Von Mandelstam natürlich.

Deuter Ihr sei er zu häßlich, meinte Frau Maske, empfahl ihn mir als Liebhaber.

Luise Das Wort kam nicht von meinen Lippen.

Deuter Gott weiß, sie empfahl ihn mir in dem Sinn.

Luise Scherzhaft.

Scarron Ernsthaft ging es nicht an. Er ist nicht, was man einen Mann nennt.

Deuter Immerhin für eine ältere Jungfer gut.

Scarron Wer soll das sein?

Luise Sie will eine Artigkeit.

Deuter Nichts dergleichen, doch Ihr Urteil über diesen Stoff, Herr Doktor. Was ist's?

Scarron Batist wohl. Was soll's damit?

Deuter Hosen gibt's für die junge Frau; Verzeihung: Beinkleider sagt man in Ihren Kreisen.

Luise Fräulein Deuter!

Deuter Sie störten uns im Maßnehmen.

Luise Fräulein Deuter!

Deuter 66 Zentimeter, das nenne ich doch schlanke Hüften, Herr Doktor.

Scarron Ein so süßes Geschäft hätte ich Ihnen nicht aufhalten dürfen.

Luise Herr Scarron!

Deuter Nur noch die Länge brauche ich. Bückt sich und mißt 63 bis über die Knie.

Luise Genug. Was tun Sie!

Scarron Darf ich, da ich in so zarte Begebenheit geriet, einen Rat geben? Die Frauen, die nichts als Putz und Mode wissen, den Ton in allen Fragen des Geschmacks angeben, würden vielleicht nicht ganz so weit wie Sie, mein Fräulein, hinuntergemessen haben, hätten den Punkt etwa zwei bis drei Zentimeter oberhalb des Knies gefunden.

Deuter Gehen Sie uns zur Hand. Auf solche Kenntnisse rechnete ich. Ob dann unsere Weite von achtzehn dem neuesten Schnitt entspricht?

Scarron Man läßt das Beinkleid unten möglichst weit, legt es nach oben fester an.

Deuter Bliebe die Frage –

Luise fliegt ihr an die Brust Trude, jetzt schweigst du; ich wäre ewig böse!

Scarron zu Deuter Und Sie selbst sind mit dieser wichtigen Angelegenheit betraut? Alles geschieht von Ihren Händen?

Deuter Sie würden mir ein Kompliment nicht vorenthalten, hätten Sie, das Fertiggestellte im Sitz zu bewundern, Gelegenheit.

Scarron Wie verdiene ich Ihre Freundschaft?

Deuter Merken Sie, ich bin zu Ihren Gunsten da!

Scarron Sie scheinen Patin eines Glücks sein zu wollen, das die schützende Hand nötiger als der Vogel hat, der nicht flügge ist.

Deuter Was aber fliegen will –

Luise Und nicht zu fliegen weiß?

Deuter Ich bin sozusagen nur ein halber Vogel, der zur rechten Zeit den Mut nicht hatte, in der Dachrinne sitzen blieb. Von mir darfst du Unterweisungen nicht erwarten.

Scarron Deren bedarf es nicht.

Deuter Übrigens befleißigt sich das Nesthäkchen. Fand ich es gestern schon flatternd in inniger Berührung mit den höheren Regionen.

Scarron Wagen wir den Flug!

Deuter Ein Stößer kreist am Horizont! Nicht der alte fette Uhu, der nur nachts zu fürchten ist. Eine schlanke hungrige Wolke, die blitzschnell in Verstecke fällt.

Scarron Wer?

Deuter Eine Wolke Seifenschaum, ein Schaumschläger.

Scarron Der Barbier!

Luise Stellt mir nach! Passe auf, dulde nichts, rief er mir ins Gesicht. Ich bin unglücklich!

Deuter Da das Wort fiel, gehe ich. Vorsicht!

Scarron Dank!

Deuter Ich will mein möglichstes tun.

Exit

Scarron Luise!

Luise Ich habe Angst.

Scarron Setz dich zum Tisch.

Luise Mir fallen die Füße fort.

Scarron Jeder darf zur Tür herein, denn ich berühre dich nicht. Dir mehr als zwei Ozeane entfernt, bin ich an diese Bergwand gelagert. Vom Leben in zwei blauen Sonnen ausruhend. Sie entsenden Willensströme, versengen das Nächste, entzünden Ferneres mit freudiger Wärme. Deine zusammengerollte Hand hat gegriffen, genießt den hinschmelzenden Gedanken. Der Busen wallt schon auf. Ich sehe den Musselin sich schieben. Und jetzt entblätterst du von der Krone zur Wurzel, Luise, bist vom Schicksal hingeschlagen!

Luise hat, wie eine Schlafende, den Kopf in die Arme auf den Tisch vergraben.

Scarron Das Leben begann mit Vater und Mutter. Geschwister bewegten sich bedeutend auf mich zu, vom Vater kam ein kaum unterbrochener Laut. Wo blieb das plötzlich? Nur noch den bittend geschwungenen Arm der Mutter sah ich, stand in einem Tosen, das den Boden zerriß, Himmel auf mich warf, lief mit einem Ziel ohne Wege. Steh auf, Weib, ich komme in falsche Leidenschaft hinein! Ganz etwas anderes muß ich dir sagen: Herrliche Frauen gibt's auf der Welt, Luise. Blonde, mit blaßroten Malen, wo man sie entblößt, dunkle, die wie junge Adler einen Flaum haben, denen im Rücken eine Welle spielt, reizt man sie. Manche tragen rauschendes Zeug und Steine, die wie ihre Flüssigkeiten schimmern. Andere sind knapp geschürzt, kühl wie ihre Haut. Es gibt Blonde, die einen Flaum haben, dunkle mit blassen Malen. Demütige Brünetten, stolze Flachsige. Der Himmel ist voller Sterne, die Nächte voller Frauen. Sublim schön ist die Welt – aber! Große abgerissene Geste

Luise hat sich erhoben.

Scarron Du bist die Schönste, die mir erschien. Gewitter erwarte ich von dir, Entladung, die meine letzten Erdenreste schmilzt, und in den Wahnsinn enteilend, will ich meinen entselbsteten Balg zu deinen aufgehobenen Füßen liebkosen. Er ist dicht an sie getreten

Bevor du deine Hand in meine senkst, besieh sie flüchtig. Möglich ist es, Gott läßt aus ihr unserm gemarterten Lande Muttersprache in guten neuen Liedern fließen. Wardst du inne: ich liebe dich inbrünstig Luise? Es darf daran kein Zweifel sein.

Luise Ich bin dein!

Scarron Wie antik die Geste! In drei Worte hüllt sich ein Schicksal. Welche Menschlichkeit! Gelänge es, sie im Buch festzuhalten – neben den Größten müßte ich gelten.

Luise neigt sich Laß mich dein sein!

Scarron Tisch, Feder an dein Wesen heran; schlichter Natur angenähert, muß das Kunstwerk gelingen.

Luise Dein!

Scarron So sei es! In einem Maß, das über uns beiden ist. Nie innegewordenes Feuer bläst mich an, Glück kann nicht mehr entlaufen. In Rhythmen schwingend, fühle ich mich selig abgewendet. Dir auf Knien zugewendet, will ich der Menschheit dein Bild festhalten, und es dir aufzeigend, den ganzen Lohn deiner Gnade fordern. Entläuft in sein Zimmer

Luise Warum – ? Was?

Sie tritt an Scarrons Tür, lauscht. Nach einigen Augenblicken nimmt sie sich ein Herz, klopft. Mein Gott! Warum ?

Haucht sie, lauscht, nähert sich, dann dem Tisch, von dem sie, mit Blick auf Scarrons Tür, Mandelstams Halstuch hebt, das sie an ihr Gesicht führt. In diesem Augenblick taucht Mandelstam vor der Flurtür auf. Man sieht, wie er sein Gesicht an dieselbe preßt. Dann öffnet er leise, tritt herein.

Fünfter Auftritt

Mandelstam Himmel, mein Tuch! Tritt dicht zu Luise

Luise Wie bin ich erschrocken! Wo kommen Sie her?

Mandelstam Erschrocken?

Luise Sich so herzuschleichen.

Mandelstam Ist das mein Tuch?

Luise Weiß Gott.

Mandelstam küßt sie Luise!

Luise ohrfeigt ihn Unverschämter!

Mandelstam Verzeihung!

Luise ist an Scarrons Tür getreten und hat laut an dieselbe geklopft.

Scarrons Stimme Noch fünf Minuten!

Luise steht verwirrt.

Mandelstam Ich flehe Sie an! Es riß mich hin. Nie wieder! Ich töte mich!

Luise auf ihr Zimmer zu.

Mandelstam wird ohnmächtig.

Luise Heiland! Läuft zu ihm Wasser! Sie holt Wasser und flößt ihm ein

Mandelstam Wie gut mir ist!

Luise Am Kinn bluten Sie. Was ist das für eine Spitze?

Mandelstam Ein Bohrer!

Luise Wie durften Sie ihn in die Tasche stecken! Tödlich hätte es Sie verwunden können.

Mandelstam Wenn es Sie bewegte!

Luise sich erhebend Ein junger Mensch voll Hoffnungen. Was sind das für tolle Geschichten! Legen Sie sich einen Augenblick ins Sofa.

Mandelstam legt sich Zu allen Zeiten wird er mir verraten, was im Zimmer des Herrn Scarron vorgeht!

Luise Sie wollen –?

Mandelstam Die Wand durchlöchern! Ich bin rasend, tobe, Luise, vor Eifersucht, kenne mich nicht mehr. Was trieb Sie gerade an die Tür dieses Elenden? Verkennen Sie mich nicht! Trotz meiner Schwäche werde ich ihn ermorden!

Luise Welches Recht –!

Mandelstam Ich liebe Sie, Luise!

Sechster Auftritt

Scarron schnell aus seinem Zimmer Ton, Farbe, Valeurs stehen, bis ins kleinste mir nicht mehr zu entreißen, fest. Ich komme, ganz Dankbarkeit und Liebe – – Er bemerkt Mandelstam Pardon!

Siebenter Auftritt

Theobald tritt schnell ein Mahlzeit, meine Herren!

Vorhang

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