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Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau

Alois Theodor Sonnleitner: Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorA. Th. Sonnleitner
titleDie Höhlenkinder ? Im Pfahlbau
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
seriesDie Höhlenkinder
volumeBand 2
isbn3423701412
illustratorFritz Jaeger, Ludwig Huldribusch
year1992
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorrainer@stahlerftstadt.eu
senderwww.gaga.net
created20091220
modified20150114
projectidb1e903ae
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Steinkocherei

Noch vor dem nächsten Sonntag waren Peters Bastrock und Schultermantel fertig; Eva hatte sogar noch zwei geräumige Jagdtaschen geflochten, die an breiten Bändern über die Schultern gehängt werden konnten. Bei seinem Bad im Klammbach am Sonntagmorgen sparte Peter weder mit Asche noch Sand, weder Lehm noch Moos, um sich alle Spuren von Fett, Harz und Ruß vom Leibe zu reiben, ehe er das neue Gewand anzog. Sein mit Federn geschmücktes Stirnband über dem schwarzen Haar, der Leibgurt mit Steinbeil, Köcher und Steinmesser und die neue Jagdtasche vervollständigten seine schmucke Erscheinung. »Sauber schaust aus«, sagte Eva und musterte ihn von allen Seiten. Ehe der Tau verging, brachen die jungen Höhlenmenschen auf.

Nach einem Umweg über die halbe Höhe der Grableiten, wo es neben blühenden Heidelbeeren große rote Feuerlilien, blauen Sturmhut und gelben Berg-Lein gab, stiegen sie zum Grab der Ahnl nieder und legten ihr Blumenopfer darauf. Nach kurzer Andacht überquerten sie das Steinfeld, schritten auf den Gangsteinen über den Klammbach und stiegen im wasserarmen Bett des Moorbachs aufwärts. Wie im Vorjahr fanden sie rundliche Granate, einige davon haselnußgroß. »Laß sie liegen«, meinte Peter, »ich weiß dir schönere Steine drüben in der Moorleiten.«

Die Sonne stand schon hoch über der Grableiten, als sie an Peters Lagerplatz bei den Fischreusen rasteten. Während sie aßen, erblickten sie eine graue, von dunklen Fleckenreihen gezeichnete Viper, die sich auf einem Stein sonnte. Einige Schritte davor suchte eine gelbbraune Waldmaus nach Nahrung. Geschäftig trippelte das niedliche Tier im Moose hin und her, als die Viper geräuschlos näherglitt, den Vorderleib aufstellte, daß die fast schwarze Unterseite sichtbar wurde, und mit erhobenem Kopf die Maus beäugte. Langsam ging der Schlangenkopf zurück, stieß blitzschnell vor, und im nächsten Augenblick zuckte die Maus unter dem Biß der Schlange zusammen. Freigelassen rannte sie ein paar Schritte weiter, ein krampfhaftes Zittern überlief ihren Körper, und dann streckte sie die kurzen Beinchen von sich. Züngelnd glitt die Schlange näher an ihr Opfer, da brach unversehens ein Igel aus dem Bodenlaub der nahen Haselsträucher und faßte die Schlange im Nacken. Wohl peitschte ihr Leib die stacheligen Flanken des Angreifers. Der aber verzehrte sie schmatzend an Ort und Stelle. Seine rote Zunge leckte über das Schnäuzchen.

Mit angehaltenem Atem hatten Peter und Eva die Ereignisse verfolgt und zwei Dinge gelernt: Vor dem todbringenden Biß der Schlange mußten auch sie sich hüten; sie durften selbst im Sommer nicht barfuß herumstreifen. Und an den Igeln hatten sie Bundesgenossen gegen die giftigen Kriechtiere.

In gedrückter Stimmung setzten sie ihre Wanderung fort, ängstlich den Boden musternd, ehe sie einen Schritt vorwärts taten. Wo sie zuvor sorglos dahingeschlendert waren, vermuteten sie jetzt lauernde Schlangen. Am sichersten war es noch, im schmäler werdenden Bachbett aufzusteigen. Als sie den kleinen Wasserfall am Ursprung des Baches erreichten, sahen sie eine Bachstelze; sie stand wippend auf einem sonderbaren Stein. Es war ein Felsbrocken, in dessen Mitte ein dünner Seitenarm des Wasserfalls eine tiefe Mulde ausgewaschen hatte. Darin drehte sich unter dem Druck der Strömung ein faustgroßer, rundgeschliffener Kiesel. Gemeinsam zogen sie den Muldenstein samt dem Drehstein aus dem Bachbett. Eva war entzückt: Das war endlich ein Gefäß, in dem sie etwas Gutes zum Essen bereiten konnte: Kastanienbrei und fette Kräutersuppen, wie die Ahnl sie gekocht hatte!

»Was, den Felsbrocken willst du ins Feuer legen?« rief Peter.

»Ach woher denn! Der wär' mir viel zu schwer zum Hin- und Hertragen, ich mach's mit Wärmsteinen. Ein paar faustgroße Kiesel, im Feuer glühheiß gemacht, leg' ich in die Suppe oder in den Brei. Wirst sehn, das geht.«

»Ja, 's geht«, gab Peter zu, »und schau dir den Drehstein an, wie der sich in die Hand legt ... ein schöner Quetscher!«

Eva stimmte vergnügt zu: »Mit dem kann ich im Muldenstein Kastanien zerdrücken und Nußkerne!«

Die glücklichen Finder schwenkten nach links ab ins Glimmerschiefergelände. Peter zeigte auf einen breitklaffenden Riß, eine kleine Höhle, deren Wände mit Kristallen besetzt waren. Wasserhelle, glatte, scharfkantige Kristallstäbchen mit sechskantigen Spitzen saßen da in ganzen Nestern an den Seitenwänden, von der Sonne durchleuchtet. Es waren Bergkristalle, einzelne kurz und dünn wie Grashalme, andere fingerlang und daumendick! Eva klatschte in die Hände. Noch nie hatte sie so viele Kristalle beisammen gesehen. Peter aber zog jetzt seine neuen Pfeile aus dem Köcher und wies auf die als Spitzen eingefügten Kristallsplitter: »Hartsteine sind's! – Das ist wohl das Beste daran.« Dann setzte er eine Rehkrickelstange, die ihm sonst als Grabwerkzeug diente, an das untere Ende eines Kristalls und schlug mit seinem Steinbeil kräftig auf den Rosenstock des Geweihes. Klingend sprang der abgeprellte Kristall von seinem Muttergestein ab. In Peters Tasche häuften sich bald die Kristalle. Nicht nur wasserhelle Bergkristalle fand er, sondern auch veilchenblaue Amethyste und gelbe Zitrine. Darunter gab es Stücke von der Stärke eines Handgelenks. Was für Werkzeuge ließen sich daraus spalten: Messer, Sägeblätter, Pfeil- und Lanzenspitzen; ja, die stäbchenförmigen Hartsteine waren auch ohne Zurichtung als Bohrer brauchbar!

Peter suchte die Geröllhalde unterhalb des Granits und Glimmerschiefers ab und fand vieles, das zur Verwendung lockte: weiche, grünlichgraue und gelbliche Steine, die wie Talg aussahen und sich mit dem Fingernagel ritzen ließen – es waren Specksteine –, dann wieder grüne, weißgeäderte, harte Serpentine, achtflächige schwarze Kristalle, die im Glimmerschiefer saßen; es waren Magneteisensteine. Im Geröll der Schuttlehne lagen verstreut derbe, halbharte, glanzlose Steine, grün die einen, herrlich blau die anderen. Es waren Kupfererze, Malachit und Kupferlasursteine. Auch die kannte er nicht, nahm sie aber wegen ihres auffallenden Aussehens ebenso mit wie die walnußgroßen, vielkantigen Granate, mit denen er noch nichts anzufangen wußte. Eva, die sammeln half, wünschte, er solle ihr die schönen Steine irgendwie durchlochen, sie wolle sie auffädeln und um den Hals legen. Da mußte er lachen. Er wäre froh gewesen, wenn es ihm endlich gelungen wäre, sein grobes Steinbeil zu durchbohren!

Schweigsam, aber zufrieden mit ihrer Ausbeute, wandten sich die beiden Sammler zum Gehen. Das kühle Rinnsal des Moorbaches, sein klares, trinkbares Wasser, das üppige Grün der Farne an den Uferrändern, die weitüberhängenden Ranken der blaublühenden Alpenrebe, das muntere Treiben der Wasseramseln, all das erquickte sie und machte sie glücklich. Die obersten Zinnen der Salzwände erglühten im Abendrot, als die beiden eine Kristalldruse aufs Grab der Ahnl legten, ein Opfer vom Schönsten, das sie besaßen.

Im Morgengrauen des nächsten Tages schleifte Peter mit Evas Hilfe den Topfstein samt dem Quetscher in einer Rehhaut heim und sammelte unterwegs noch rundliche Bachkiesel dazu. Der dicke Brei, den Eva darin bereitete, war ein gesalzenes Gemengsel von erst gerösteten, dann zerquetschten Kastanien mit Lauch und geräuchertem Speck. So heiß, wie es Peters Hand vertragen konnte, nahm er den Brei aus dem Muldenstein und strich ihn sich mit den Fingern geschickt in den Mund. Was er übrigließ, verdünnte Eva mit Wasser, salzte es und tat allerlei Würzkräuter dazu, legte einen neuen, schieferig geschichteten heißen Kochstein ins kalte Wasser und sah mit Freude, wie es dampfend aufwallte. Der Stein aber zersprang. Jetzt wußte sie, daß sie zu dieser Art Kocherei nur fugenlose Steine verwenden durfte, die nicht so leicht zersprangen. Zum Schöpfen ihrer Kräutersuppe aus dem seichten Topfstein war der Rehschädel ungeeignet. Da kramte sie in Peters Allerlei und fand eine große Walnußschale, aus der sie sich mittels eines quergewickelten Darmfadens und eines Stäbchens den ersten Löffel machte.

Von da an gehörten Brei und Suppe zu den täglichen Gaumenfreuden der Höhlensiedler. Es war oft ein wunderliches, überwürztes Gemengsel, aber es sättigte und wärmte. Mit der Zeit merkte Eva, daß weniger Salz und Würzkräuter dem Gaumen und der Nase wohler taten als zuviel. Als Peter eines Tages einige aufgelesene Schalen der Teichmuschel heimbrachte, erkannte Eva mit einem Blick: Das sind die richtigen Löffel! Sie nahm Schilfhalme, spaltete sie am einen Ende und schob die Muschelschale in den Schlitz. Jetzt waren sie richtig, die Löffel!

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