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Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau

Alois Theodor Sonnleitner: Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorA. Th. Sonnleitner
titleDie Höhlenkinder ? Im Pfahlbau
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
seriesDie Höhlenkinder
volumeBand 2
isbn3423701412
illustratorFritz Jaeger, Ludwig Huldribusch
year1992
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorrainer@stahlerftstadt.eu
senderwww.gaga.net
created20091220
modified20150114
projectidb1e903ae
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Der Bastgürtel

Eva streifte oft, nach Wurzeln, Kräutern und Erdbeeren suchend, allein im Heimlichen Grund umher. Auf ihren Wanderungen, auf denen ihr immer wieder äsende Rehe neugierig, aber ohne Furcht, und auch Bären nachäugten, gelangte sie bis zum Moor. Hier fand sie zwischen blühenden Dotterblumen junges Riedgras in Menge. Mit ihren schwieligen Händen zog sie die scharfkantigen Halme aus dem lockeren Boden und aß die unteren bleichen Enden; sie schmeckten süßlich. Auch die saftigen Stengel von Bocksbart und Sauerampfer verschmähte sie nicht. Aber ordentlich satt wurde sie erst, wenn sie sich daheim aus Wildgemüse, zerquetschten Kastanien und zerschnittenem Speck Mus bereitet und es warm genossen hatte.

Inzwischen waren Narzissen und Rasenlande des Moores erblüht, und der Wind trug ihren süßberauschenden Duft herbei. Auch die blauen Glockenblüten der wilden Akelei begannen sich zu erschließen. Von ihren Gängen brachte Eva immer auch Blüten in ihr einsames Heim; vor den Ahnenbildern gingen die Blumenopfer nicht aus.

Eva war selbständig geworden; sie ging auch dann nicht zu Peter, wenn der Rauch seines Lagerfeuers verriet, daß er sich vom frisch erlegten Wild eine Mahlzeit bereitete. Ihr war es ein Greuel, daß er Muttertiere tötete und aß. Er konnte nicht begreifen, warum Eva plötzlich so fremd und abweisend war. Um sie zu versöhnen, brachte er ihr das Beste, was er besaß: frisches Fleisch. Als sie ihn aber immer wieder schroff zurückwies, ging er seiner Wege; ja, er legte sich unter einem überhangenden Glimmerschieferblock der Moorleiten eine zweite Schlaf- und Feuerstelle an. Zur Höhle kam er jetzt wochenlang nicht. Und hätte nicht Eva die Striche im Steinkalender gemacht, sie hätte nicht einmal gewußt, wann Sonntag war.

Sooft sie Peter begegnete, wurde sie von seiner zunehmenden Unsauberkeit angewidert. Das angetrocknete Blut an seinen Händen, an den Steinwaffen, an seinem Lendengürtel ließ sie, ob sie wollte oder nicht, an getötete Tiermütter denken; es war ja Frühlingszeit, Rehe und Wildhühner hatten Junge!

Der große Bastvorrat reizte Eva, sich an ihre Flechtarbeiten zu machen. Gelbe Bastbündel fluteten, von einem Stein festgehalten, im Bach unter dem Gesträuch am Sonnstein. Hier schlug sie ihre Werkstatt auf. Bald merkte sie, wie schwer es war, aus freier Hand ein größeres Gewebe zu flechten. Sie sah sich suchend um und fand – ohne zu ahnen, welch großen Fortschritt sie damit machte – in dem waagerecht von einem Stämmchen abstehenden Zweig ein geeignetes Werkzeug, das ihr die hängenden Fäden festhalten sollte, damit sie die Hände zum Einflechten der Querfäden freibekam. Den Lendenschurz wollte sie zuerst machen, bis zu den Knien sollte er reichen.

Es ging langsam. Die nicht gespannten Fäden verwirrten sich immer wieder, und das Entwirren hielt auf. Als Eva abends ihr Lager aufsuchte, wurde auch sie, wie sonst Peter, vom Denkfieber des Erfinders gepackt. Sie mußte noch dahinterkommen, wie sie die Fäden am Verwirren hindern konnte! Endlich schlief sie ein und beschäftigte sich auch im Traum mit dieser Schwierigkeit. Beim Erwachen am frühen Morgen war es ihr, als sei ihr im Schlaf eine Lösung eingefallen.

Im Licht der aufgehenden Sonne stand Eva vor ihrem einfachen Gerät und band, wie sie es im Traum getan hatte, längliche Steine als Gewichte an die Enden der Fäden. Es war nicht leicht, sie so aufzuhängen, daß sie sich nicht aneinander und an den Fäden rieben; aber schließlich hingen alle Fäden senkrecht. Mit der Linken hob sie jeden zweiten Faden und führte mit den Fingern der Rechten den Querfaden abwechselnd darunter und darüber. Anfangs schob sie die Querfäden mit den Fingern dichter zusammen, bald aber fand sie in einer dreifach geteilten Zweiggabel ein besseres Werkzeug. Sooft sie einen Querfaden aufgebraucht hatte, knüpfte sie den nächsten daran. So ging das eine Weile, aber auch wieder viel zu langsam, wie Eva fand. Freilich wäre die Matte recht dicht geworden, aber die Flechterin wurde so ungeduldig, daß sie die Längsfäden abknüpfte, als sie einen kaum drei Finger breiten Gürtel geflochten hatte. Ihr war ein neuer Gedanke gekommen: Sie knotete die Fäden kreuzweise, das ging schneller und ergab eine Art Netz. Dichtmachen wollte sie sie später durch eingezogene Bastbänder. Jetzt ging die Arbeit ungehemmt vonstatten, schnell und schneller knüpften und flochten die Finger.

Eva war glücklich, daß ihr das Werk so gut von der Hand ging. »Gidlio – gidlio«, flötete ein Pirol. Ein Kuckuck rief, ein anderer gab Antwort. Rotschwänzchen und Drosseln, Amseln und Wasserschmätzer sangen und pfiffen um die Wette. Inmitten dieses Maienjubels saß Eva an ihrem ersten Webstuhl und sah ihr Werk wachsen. Sie war so glücklich wie schon lange nicht mehr.

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