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Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau

Alois Theodor Sonnleitner: Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorA. Th. Sonnleitner
titleDie Höhlenkinder ? Im Pfahlbau
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
seriesDie Höhlenkinder
volumeBand 2
isbn3423701412
illustratorFritz Jaeger, Ludwig Huldribusch
year1992
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorrainer@stahlerftstadt.eu
senderwww.gaga.net
created20091220
modified20150114
projectidb1e903ae
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Ampel und Wirtel

Eva hatte, wenn sie den Talg der erlegten Rehe ausließ, bisher ein starkes Schilfrohr zum Umrühren verwendet und gemerkt, daß sich der abgekühlte und hartgewordene Fettpfropf wie ein Markstäbchen aus der Höhlung stoßen ließ, während das fettgetränkte Rohr selbst mit leuchtender Flamme brannte. Zwei Erfahrungen, die sie zur Erfindung einer neuen Beleuchtung führten, weit bequemer und besser als die Harzfackeln und mit einem ruhigeren Licht als der schon in der Höhlenzeit verwendete Kienspan! Die ersten Kerzen, nichts anderes als in Wachs getauchte Nesselstengel, brannten aber zu rasch ab. Länger hielten Nesselschnüre, die durch wiederholtes Eintauchen in flüssiges Wachs zu Dochten in dicken Kerzen geworden waren. Eva ging aber bald zum Gießen von Kerzen über, indem sie starke Holunderstengel spaltete, aushöhlte und durch Umschnüren wieder vereinigte. Die Dochtschnur zog sie durch einen Bodenpfropf nach oben, goß die Form mit Wachs oder Talg aus und nahm sie, sobald der Guß erstarrt war, auseinander. Jede dieser fingerdicken Kerzen leuchtete länger als einen Abend.

Mit dem Fett vom Wassergeflügel, das auch in der Kälte nicht fest wurde, füllte Eva eine höchst einfache Ampel; sie war nichts anderes als ein Töpfchen, durch dessen Deckel ein Docht aus Leinfasern ragte. In diesem Docht stieg das Fett empor, angesogen von der Flamme. Auf einem umgestülpten Napf stehend, beleuchteten Ampel oder Kerzen den mit einer Bastmatte gedeckten Tisch und den Webstuhl daneben. Und als die Topfampel eines Tages hinunterfiel und zerbrach, knetete Eva eine andere, bei der sie die Bodenschale mit dem durchlochten Deckel vereinigte. Dieser bekam am Rand einen Dochthals. Das Loch in der Mitte des Deckels zum Nachfüllen formte sie wie einen Trichter: oben weit, unten schmal. Und diese zweite Ampel bekam ein Muster von Tupfen und Zierstrichen, das die strahlende Sonne darstellen sollte. Während die neue Lampe auf dem Herdrand vortrocknete, entstand unter Evas geschickten Fingern eine dritte, die seitlich Ösen bekam; sie sollte, an Schnüren von der Decke herabhängend, die Stube erhellen. Die Erfahrung, daß in Wasser geschüttete Holzaschenlauge fette Hände gut reinigte, besonders wenn man mit Sand nachhalf, führte zur Erfindung der Sandseife. Sie kochte Aschenlauge mit Fett und feinem Sand so lange, bis ein dicker Brei entstanden war. So wurden Seifentopf und Waschschüssel in Evas und Peters Haushalt unentbehrlich.

Die Entdeckung der zähen Brennesselfaser reizte Eva zu Versuchen, ein dichteres, schmiegsameres Gewebe herzustellen, als es die Bast- und Binsenmatten waren.

An ihrem Webstuhl konnte sie die Zinken der Fadenführungs-Kämme nicht näher zusammenrücken; ihr Bohrzeug war zu unhandlich, um sehr kleine Löcher so dicht nebeneinander zu bohren, daß dünne Fäden sich beinahe berührt hätten. Doch sollte ihr der große Webstuhl, dessen Zinken längst verbogen waren und an dem sich nicht mehr gut arbeiten ließ, wenigstens zum Erfinden einer Vorrichtung verhelfen, die das Vor- und Zurückschieben der Längsfäden ohne Kammzinken ermöglichte. Damit Einser- und Zweierfäden sich leicht unterscheiden ließen, bespannte sie den Webrahmen zunächst mit ungefärbten, gut gezwirbelten Nesselfäden. Das waren die Einserfäden. Zwischen je zweien von ihnen spannte sie einen durch Nußschalenabsud braungefärbten Zweierfaden, so daß graue und braune Fäden miteinander abwechselten. Die unteren Enden aller Fäden band sie an einen frei schwebenden Querstab, beschwerte ihn links und rechts durch angehängte faustgroße Steine, so daß alle Fäden die gleiche Spannung bekamen. Nun galt es, abwechselnd die braunen und die grauen Fäden zu heben und zu senken, damit von ihnen die durchgezogenen Querfäden überkreuzt würden. Nachdenklich betrachtete sie einen der abgelegten Zinkenstäbe, die anfangs so gute Dienste getan hatten. Da kam ihr blitzartig der Gedanke: Wie, wenn ein dicker Rundstab an zwei gegenüberliegenden Seiten kammartig eingekerbt würde, eine Kerbe flach, die nächste tief und so fort, soweit es für die Breite des Gewebes nötig war? Auf der anderen Seite des Stabes müßte jeder tiefen Kerbe hüben eine flache Kerbe drüben gegenüberstehen und umgekehrt. Lag dann der Stab so unter beiden Fadenreihen, daß alle grauen Fäden in den flachen Kerben waren und alle braunen in den tiefen, so mußte oberhalb des Kerbstabes die Webnadel den Querfaden so durchführen, daß alle grauen Längsfäden über ihm, alle braunen unter ihm lagen. Wenn dann der Kerbstab gedreht wurde, gerieten die grauen Fäden in die tiefen und die braunen in die flachen Kerben, und der Querfaden konnte unter ihren Kreuzungen in umgekehrter Richtung durchgeführt werden. Freilich war es nötig, von jeder tiefen Kerbe zu jeder flachen rund um den Stab eine Führungsrinne zu machen, damit jeder Faden seine Richtung behielt. Mit einer Hartsteinsäge begann sie, einen dreifingerdicken Prügel einzukerben. Nach zweitägiger Arbeit hatte sie fünf Paar Kerben fertig und mit Rillen verbunden. Als sie den Kerbstab unter die gespannten Längsfäden auf die Ständer des Webstuhls legte, stellte sie befriedigt fest, daß die von den Gewichten gespannten Fäden den Stab fest an die Ständer drückten, so daß er nicht rutschte. An der rauhen Seite der Kerben aber rieben sich die Fäden so stark, daß sich der Stab kaum drehen ließ. Da wärmte sie Wachs über der Herdflamme an und ließ es in die Kerben tropfen. Wieder versuchte sie, den Stab unter den Fäden zu drehen, und siehe da – die grauen glitten richtig aus den tiefen in die flachen, die braunen aus den flachen in die tiefen Kerben. Da jubelte sie auf: »Es geht! Es geht!«

»Was geht?« fragte eine rauhe Stimme von draußen. Im nächsten Augenblick stand Peter in der Stube.

Aufgeregt erklärte Eva ihre Erfindung.

»Das hast du gut ausgetüftelt«, gab er zu, aber schon kam er mit einem Einwand: »Wenn die Kerben so weit voneinander entfernt sind, geht's ja, aber eine dichtere Weberei bringst du nicht fertig!«

»Ich hab's ja nur probiert. Jetzt wart' nur, jetzt mach' ich erst die richtige Walze, da werden die Fäden nicht viel weiter voneinander entfernt sein, als jeder Faden dick ist.«

Peter tat einen langen Pfiff. »Meinst? Wie denn? Mit Steinbohrern und Steinsägen geht's nicht. Der Kerbstab würde zerbrechen, bevor er fertig war'! Was bleibt noch vom festen Holz übrig, wenn du ihn von allen Seiten so grob zerkerbst?«

Eva machte ein langes Gesicht.

Da tröstete Peter sie: »Laß mich nur machen. Ich nehme Sägen und Bohrnadeln aus Rotzeug oder Braunzeug. Wirst seh'n, genau so wie du dir's ausdenkt hast, mach' ich dir die Kerbwalze.«

»Bald?« fragte Eva.

»Wenn's so weiterregnet, wirst du nicht lange warten müssen.« Damit ging er.

Jetzt machte sich Eva daran, einen Vorrat von Webfäden anzufertigen. Die Büschel glänzender Nesselfasern wären zum Weben brauchbar gewesen, leider waren sie zu kurz. Eva versuchte, durch Zwirbeln der Fasern zwischen den Fingern längere Fäden zu bekommen, aber der Faden war ungleichmäßig, und es ging auch zu langsam. Wohl hatte sie der Ahnl oft zugesehen, wie diese mit der linken Hand den Flachs vom Rocken zog und mit der rechten die Spindel tanzen ließ, hatte aber damals zu wenig auf diese Dinge geachtet. So blieb ihr denn nichts anderes übrig, als erst ein Spielzeug nachzumachen, das ihr einst der Ähnl angefertigt hatte, und es damit zu versuchen. Er hatte durch die Mitte eines alten Hirschhornknopfes ein Stäbchen gesteckt und es durch Drehen zwischen Daumen und Zeigefinger zum Kreiseln gebracht.

Sie wählte ein spannenlanges, unterhalb der Mitte verdicktes Holzstäbchen, härtete dessen Spitzen im Feuer und steckte es durch eine plumpe Scheibe aus Speckstein, so groß wie ein Handteller. Und bald gelang es ihr, die Spindel mit dem schweren Wirtel zum Kreiseln zu bringen; aber es wollte ihr nicht gelingen, den Faden so rasch fertig zu zwirbeln, daß die tanzende Spindel ihn aufwickeln konnte. Immer mußte sie die Spitze der Spindel zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drehen, während die linke das Werg vom Rocken zupfte und zwirbelte. Zunehmende Kälte zwang Eva, in der Nähe des Herdes zu arbeiten. Sie befestigte ihren Rockenstab in einem durchbohrten Strunk, so daß er feststand, und nun ging die Arbeit besser von der Hand.

Es kamen stille Wochen behaglicher Arbeit. Evas Fadenvorrat, den sie auf gegabelte Stäbe wickelte, wuchs zusehends, und sie hätte zu gern mit dem Weben angefangen, wenn Peter sein Versprechen gehalten hätte; mahnen wollte sie ihn nicht. Und sooft er sich bei ihr sein Essen holte, tat er sehr eilig, um Evas Fragen zu entgehen. Wieder stieg Zorn in ihr hoch. Sie ahnte ja nicht, daß Peter seit Wochen an der Verbesserung ihrer Erfindung arbeitete. Sie wußte nicht, daß ein mühsam fertiggekerbter Faden-Hebestab zerbrochen war, weil an einer Stelle die Kerben zu tief geraten und im Innern des Stabes zu nahe aneinander gekommen waren. Inzwischen hatte er einen viel dickeren Stab aus hartem Eisbeerholz geglättet und gekerbt. Nun war aber die Spannung der Fäden nicht stark genug, ihn am senkrechten Hinabgleiten zu hindern. Er mußte dem Webgestell durch schräge Stützen eine Neigung nach hinten geben. Daß er die vielen Löcher im oberen Querstab, an dem alle Fäden hängen sollten, nicht bohrte, sondern mit Hilfe glühend gemachter Metallstäbchen ausbrannte, erleichterte zwar die Arbeit, brauchte aber viel Zeit und große Sorgfalt. Noch nie hatte Peter etwas so genau Ausgetüfteltes gemacht wie diese Löcherreihe, die mit den Kerben des Fadenhebestabes und mit der Löcherreihe des unteren Spannstabes haargenau zusammenstimmen mußte. Sein erster Webversuch hatte ihm gezeigt, daß es nicht gut war, die grauen und die braunen Fäden unten alle an ein und demselben Spannstabe zu befestigen. Die Spannung der Fäden in den flachen Kerben war ja größer als die der Fäden in den tiefen. Er mußte jeder Fadenreihe ihren eigenen Spannstab mit je zwei Gewichten geben. Und die Gewichte sollten nicht wieder Steinbrocken sein, die ungleich zogen, sondern vier gleich große, aus Lehm geknetete, durchlochte Kegel. Bis die am Herd vorgetrocknet und durch Beschmauchen im Feuer gehärtet waren, vergingen wieder etliche Tage. Endlich konnte Peter sie an die Spannstäbe hängen. Die gleichmäßige Belastung gab dem Webstuhl Standfestigkeit. Ein heller Wintermorgen – und noch ein Webversuch: »Es geht, es geht!«

Peter rieb sich die Hände und freute sich auf Evas Gesicht, wenn sie sehen würde, daß der Webstuhl schöner und besser ausgeführt war, als sie sich ihn gedacht hatte. Er packte das Gerät an den Ständern, trug es in Evas Hütte und stellte es vor sie hin. Seine Augen hingen gespannt an ihrem Mund. Evas Hand war die Spindel entglitten. Ihre Wangen röteten sich. Tief beschämt stand sie da. Wortlos bestaunte sie Peters Werk. Da ging ihm die Geduld aus. Enttäuscht verließ er die Hütte und warf die Tür hinter sich zu. Trockener Lehmbelag bröckelte vom Wandgeflecht. Eva eilte ihm nach und berührte seinen Arm.

»Peter, ich dank' dir schön!«

»Ach was, du hast's ja ausgetüftelt!«

In seiner Hütte setzte sich Peter auf sein Lager, starrte vor sich hin und knirschte mit den Zähnen.

Plötzlich lachte er, ingrimmig und rauh. Dann stand er mit einem Ruck auf, fuhr mit der Rechten durch die Luft, als wollte er etwas von sich scheuchen. Pfeifend musterte er sein Allerlei. Nur um eine Arbeit zu haben, die ihm über den Ärger hinweghalf, entschloß er sich, Evas Quirlbohrer mit der wackeligen Führung durch einen besseren zu überbieten.

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