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Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau

Alois Theodor Sonnleitner: Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorA. Th. Sonnleitner
titleDie Höhlenkinder ? Im Pfahlbau
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
seriesDie Höhlenkinder
volumeBand 2
isbn3423701412
illustratorFritz Jaeger, Ludwig Huldribusch
year1992
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorrainer@stahlerftstadt.eu
senderwww.gaga.net
created20091220
modified20150114
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Webstuhl und Quirlbohrer

Eva war im letzten Jahr so in die Höhe geschossen, daß der alte Lendenschurz ihr längst zu kurz geworden war. Schmutzig und unansehnlich hing er an ihr; abgesehen davon gefiel er ihr auch nicht mehr. Sie dachte an ihre Webkünste und machte sich sofort an die Vorbereitungen. Stillvergnügt saß Eva auf einem Reisigbündel vor einem Holzklotz mit Ruten darauf. Mit der Linken drehte sie die Ruten, während die Rechte einen Knüttel schwang. Ihre Augen verfolgten das stille, wechselvolle Leben des Moores. Unterhalb der Hütte, wohin die Strömung die Abfälle des Haushaltes trug, wimmelte es von kleinen Fischen. Ab und zu wurde einer von einer Forelle geschnappt. Die anderen stoben auseinander und suchten sich unter den flutenden Büscheln der grünen Fadenalgen zu verstecken. Die Hartnäckigkeit, mit der die kleinen Allesfresser sich immer wieder zusammenfanden, die Regelmäßigkeit, mit der sich die Überfälle der Forellen wiederholten, brachten Eva auf einen Gedanken: Hier könnte sie sich, wenn sie es richtig anpackte, Fische verschaffen! Man müßte aus dünnen Bastfasern ein langes, sackartiges Netz flechten, Lockfutter hineintun und das Netz in die Strömung hängen... Die kleinen Fische würden sicher hineingehen, und die großen ... die großen würden ebenso sicher folgen.

Ihre Gedanken eilten den flink arbeitenden Händen voraus, die den Bast Streifen für Streifen vom Holz lösten und zu langen Strähnen zusammenbanden. Eva dachte an ein dünnes Unterkleid für die Nacht und an ein derberes für den Tag, an Fischnetze, an einen verbesserten Herd und an vieles andere. Vor einem der Gucklöcher ihrer Hütte spann gerade eine Spinne ihr kunstvolles Netz. Eva stand auf und schaute zu, wie die Weberin die Fäden zog und verband. Was das Tierchen durch Aneinanderkleben der Fäden erreichte, mußte Eva durch Verknüpfen erzielen. Das war ihr klar. Die neuen Kleider können warten, wichtiger ist jetzt ein Fischnetz! dachte sie und machte sich ans Werk. Als sie am Spannstab ihres Flechtgerätes die Längsfäden aufgereiht hatte, ärgerte sie sich, daß sie jedesmal, wenn sie den Knoten schlang, an den Kreuzungsstellen den Querfaden in seiner ganzen Länge durchziehen mußte. Das hielt auf! Da besann sie sich auf ihre Flechtnadel, die allerdings in der Erdstube verbrannt war. Sie nahm ein fingerdickes Schilfstück, schabte es an der einen Seite der Länge nach ab und schnitt beide Enden zu einer Gabel. Und nun wickelte sie den Faden zwischen die Kerben und freute sich, daß ihr wieder etwas gelungen war. Vor neuem machte sie sich an die Arbeit am Netz.

Aber sie fand ihr Werk so schlecht und unregelmäßig, so stümperhaft im Vergleich zu dem Spinnennetz, daß sie das häßliche Geflecht herunterriß und wegwarf. Sie holte Waldreben und band daraus drei Ringe: den ersten eine Armlänge, den zweiten kleiner, den dritten nur eine Handspanne im Durchmesser. An den ersten band sie lange Bastfäden, immer zwei und zwei, und zwischen jedem Paar ließ sie einen Daumenbreit Zwischenraum. Dann begann sie zu knüpfen. Jeden rechten Faden des ersten Paares verknüpfte sie mit dem linken des nächsten Fadenpaares und so weiter rundherum. Beim nächsten Umgang knüpfte sie den rechten Faden mit dem zu ihm gehörigen linken zusammen; das ergab eine Rundreihe von rautenförmigen Maschen, einen »Umgang«. Das Ergebnis war ein langes, trichterförmiges, hinten engmaschigeres Netz. Mit der Netznadel flocht sie noch Querfäden ein, die sie an die Knoten des Grundnetzes festband.

Unten mit kleinen Steinen beschwert, oben an Schwimmhölzer gebunden, hing das Netz, reichlich mit Lockspeise versehen, vom Rande des Pfahlbaues in das Wasser hinab. Wie ein weiter Rachen, der auf Beute wartete, gähnte sein kreisrunder Eingang. Neugierig umschwammen die kleinen Elritzen das sonderbare Ding; erst wagten sich einige ganz Kecke zum Eingang, dann bis zum zweiten Reifen, und bald tummelte sich der ganze Schwarm um den Köder, und die schlanken Fischlein schwammen durch die Maschen des Netzes aus und ein, ein und aus. Es dauerte lange, bis auch die Forellen der Meinung waren, das neue Ding sei harmlos. Doch kaum war die erste ins Innere des Netzes gedrungen, als ihr zwei andere folgten. Die Elritzen stoben durch die Maschen wieder hinaus. Und Eva, die sich vor Aufregung nicht länger zurückhalten konnte, riß an der vorderen Aufhängeschnur den ersten Reifen empor, an dessen Unterseite die Schnur befestigt war, und brachte ihn so zum Umschnappen. Im nächsten Augenblick hatte sie das Netz hochgezogen, die Forellen eine nach der anderen unter den Kiemendeckeln gefaßt und durch einen Schlag auf den Kopf getötet.

*

Wieder einmal saßen die beiden jungen Siedler einträchtig beisammen und genossen den Feierabend. Die friedliche Stimmung ließ sie jede Andeutung vermeiden, die den Streit um die Goldkörner aufs neue hätte entfachen können.

Peter berichtete von einem neuen Wildwechsel, den er ausfindig gemacht hatte, und versprach, Eva bald mit frischem Fleisch zu versorgen. Sie klagte darüber, daß die Arbeit am Webstuhl in seiner jetzigen Form viel zu zeitraubend sei, solange sie die Längsfäden einzeln abheben müsse. Ja, wenn sie die ersten, dritten, fünften, siebten usw. zugleich und dann die zweiten, vierten, sechsten, achten bewegen könnte und weiter, wenn diese Fäden mit den anderen einmal gleichlaufen und dann wieder sich kreuzen würden – dann, ja dann wäre ihr geholfen.

Peter hatte sofort begriffen: »Aha, du meinst so«, sagte er, legte seine Hände mit dem unteren Teil der Handflächen aneinander, wobei er die Finger voneinander entfernte. »So entsteht das eine Fach, in dem der Querfaden zu liegen kommt.« Dann verschränkte er die Finger der Rechten in die der Linken ... »und jetzt hast du das zweite Fach. Meinst du's so?«

Evas Züge erhellten sich. »Ja, genau so hab' ich mir's ausgedacht.«

»Da mußt du die Fäden in zwei getrennte Rahmen spannen, die sich gegeneinander so verschieben lassen, wie ich's mit meinen Händen gemacht hab'. Weißt, dann kommen die gespannten Fäden nimmer durcheinander. Und schneller geht's auch. Ich mach' dir Tritte an die Rahmen, daß du mit den Füßen schieben kannst, dann hast du die Hände frei und kannst die Webnadel hin- und herziehen.«

Eva strahlte. In ihrer Freude sprang sie auf, faßte ihn an den Schultern, rüttelte ihn. »Ja, so geht's, so muß es gehen!« rief sie und drückte einen herzhaften Kuß auf seine Lippen. Aber Peter, der schon wieder seine Arbeit im Kopf hatte, fuhr hoch: »Herrgott, jetzt ist mir am End' gar mein Feuer auf der Moorleiten ausgegangen!« Und schon eilte er in langen Sätzen davon.

Eva seufzte. Daß man mit ihm nie richtig schwatzen, ihn nie um Rat fragen und ein bißchen Lob ernten konnte! Ihre Stunden waren von früh bis spät mit Arbeit ausgefüllt, und was das Leben schön macht, das Feiern und Überdenken des Tagewerks mit einem Lebensgefährten, das fehlte ihr. Sie war einsam.

Eine Hoffnung aber blieb ihr: Einmal mußte Peter fertig werden mit der Tonbrennerei ... ja, aber würde er dann nicht gleich einer neuen Erfindung auf der Spur sein? Und die Jagd und der Fischfang? Alles was recht ist, dachte sie, gesorgt hat er immer für mich, hat die kalte Höhle bewohnbar gemacht, hat die Sintflut überwunden... Sie konnte bei schlechtem Wetter daheimbleiben, er mußte hinaus. Und sein Jähzorn? Oder sollte sie freundlicher sein, ihn umsorgen, wenn er müde heimkehrte? Ja, das wollte sie.

Der Hochsommer war da, die Sonne ging am Sommerspitz unter, und die langen Tage waren bis zum Rande mit Arbeit ausgefüllt. Der Bau dieses Webstuhls kostete viel Zeit. Schon das Zurichten der Hölzer mit Feuer, Granitraspel und Säge dauerte eine kleine Ewigkeit. Und erst das Bohren der Löcher ins Grundholz, das als wuchtiger Fuß den Webrahmen tragen sollte! Darin mußten ja zwei Stäbe feststecken, in deren Gabeln oben der Tragstab zu liegen kam. Wie oft riß die Saite des Bogens, der den Drillbohrer antrieb; wie oft sprang der Bohrer aus dem Bohrloch! Es war zum Verzagen. Statt Peter um Hilfe zu bitten, dessen Feuer seit zwei Tagen drüben an der Moorleiten qualmte, suchte Eva in seinem Allerlei nach gegabelten Hölzern, die den Bohrer zwingen sollten, beim Drehen an einer Stelle zu bleiben. Sie fand eine verkrüppelte Staude mit dickem Stamm und aufsteigenden, gegabelten Ästen. Eva sah sofort, daß schon der erste schrägaufsteigende Ast mit seiner Gabelung für die Führung des Bohrers geeignet war; sie brauchte nur die Gabelzweige mit einem Querstäbchen zu einem Dreieck zu verflechten, in dem der mit den Händen gequirlte Bohrstab sich drehen sollte. Schon beim ersten Versuch zeigte sich, daß der Bohrer auch unten eine Führung brauchte; dazu dienten zwei andere Gabeläste, die Eva kreuzweise über dem Stammstück festband. Als sie das überflüssige Zweigwerk absägte, stieg ihr ein angenehmer, herbwürziger Duft in die Nase, der sie an die verräucherte Küche der Ahnl erinnerte. So hatten die Blätter gerochen, mit denen die alte Frau das Wildbret gewürzt hatte: Lorbeer! Wo gab es im Heimlichen Grund Lorbeer? Am Fuße der warmen Mittagswand, auf der Sonnigen Leiten, wo die Sonnenstrahlen den Südhang besser erwärmten als jede andere Stelle des Heimlichen Grunds und wo der Winter milder war?

Da die einzelnen Teile des Bohrergestells nicht wackeln durften, verband Eva sie mit halbtrockenen Darmsaiten. Dann befestigte sie ein Holzstück auf dem Gestellfuß, schabte eine Vertiefung ins Holz, tat Quarzsplitter hinein, senkte den Bohrstab von oben durch die beiden Führungen und begann, ihn mit beiden Händen zu quirlen. Damit sie nicht erst den Bohrstab mit Hand und Druckstein ins Bohrloch drücken mußte, hängte sie unten, zwischen den beiden Führungen, Steine an, die ihn durch ihr Gewicht niederdrücken sollten.

Eine Weile tat das neue Bohrgerät seinen Dienst so gut, daß Eva innerlich jubelte; dann aber lockerte sich die Bindung der unteren Führungsstäbe und mußte erneuert werden. Eva plagte sich redlich, es gelang ihr aber nicht, diesen Übelstand ein für allemal zu beheben. Als sie daran ging, mit dem Gerät für die Stützen ihres Webrahmens Standlöcher in den plumpen Holzblock zu bohren, der den Fuß ihres Webstuhles bilden sollte, erschrak sie: Es war unmöglich, den Block unter die untere Führung des Bohrers zu bringen – das Bohrgerät war unbrauchbar! – Nicht doch: sie brauchte es nur rittlings auf den Block zu setzen, dann ließ die untere Gabelung den Bohrer durch.

Nach zweitägiger Bohrarbeit saßen die Ständer des Webgestelles schon fest in den Löchern des Fußblocks und hielten in ihren Gabeln den Tragstab für die Längsfäden. Während Eva sie anknüpfte, um nach ihnen den beweglichen Rahmen einrichten zu können, kam Peter unvermutet heim, verrußt, aber in guter Laune. Eva weidete sich an seinem Staunen. Sie brauchte ihm nichts zu erklären; mit einem Blick erfaßte er die Güte und Zweckmäßigkeit des neuen Bohrers. Sofort legte er einen scheibenförmigen Kalkstein unter die Führung. Gewohnt, einen Bohrer mit der Bogensaite zu drillen, holte er sich ein Stück, wickelte es um den Bohrstab und spannte ihn mit den Händen. Beim Hin- und Herziehen der Saite tanzte der Bohrer unverrückbar an einer Stelle rechtsherum und linksherum. Die Quarzsplitter griffen kreischend in den Kalkstein, und ehe Peter müde wurde, hatte er eine ansehnliche Vertiefung erbohrt. Jetzt ließ er nicht mehr locker. Vergessen hatte er, warum er heimgekommen war, und nach kurzer Rast arbeitete er weiter, bis die Bohrerspitze durch die dünne Scheibe des weichen Steins gedrungen war; daß er den Bohrstab zweimal mit Wasser hatte anfeuchten müssen, damit er nicht glimme, war eine wichtige Nebenwirkung des verbesserten Geräts: Es war auch ein rasch und zuverlässig arbeitender Feuerbohrer! Die durchlochte Kalksteinscheibe aber bot sich förmlich als Wirtel an, der die beim raschen Drehen lockergewordenen Gewichtsteine am Bohrer ersetzen konnte. Während Peter wieder einmal von Evas Schwadenbrei aß, lobte er das neue Werkzeug.

Am nächsten Tag hängte Eva zwei Langstäbe mit Asthaken links und rechts an den Tragstab ihres stehenden Webrahmens und ließ sie in ein stärkeres Querholz ein, das als Kammstab mit ihnen zusammen den Innenrahmen zum Hin- und Herbewegen der Zweierfäden abgeben sollte. Dann aber kam eine neue Geduldsprobe: Für die Zinken des Schiebekammes, an deren Enden jeder zweite Faden gespannt werden sollte, mußten viele kleine Löcher in diesem Kammstab gebohrt werden. Die Zinken selbst durften anderthalb Finger lang sein. Eva bezeichnete die Länge durch eine tiefe Kerbe, und dort brach sie das Stück, das sie brauchte, ab. Dann hielt sie sein eines Ende vorsichtig in die Flamme und schabte und schliff es so lange auf einer Schieferplatte, bis es genau in das vorgesehene Bohrloch paßte. Endlich war der erste Rahmen für die geraden Fäden fertig und bespannt. Jetzt kam der zweite Rahmen für die ungeraden an die Reihe. Damit ging's schon schneller. Und wieder fiel ihr eine Verbesserung ein. Sie wickelte einen Teil des Fadens um die Stäbchen und konnte so ein längeres Webstück anfertigen. Beide Rahmen versah sie mit nach unten gerichteten Asthaken, so daß sie mit den Füßen bedient werden konnten; auf diese Weise hatte sie die Hände frei für die Führung der Webnadel.

Diese Webnadel bestand aus Schilf und hielt nicht viel aus. Darum bastelte Eva aus einem fingerdicken Holunderstab etwas Dauerhafteres. Die neue Nadel war länger, als das Gewebe breit werden sollte, und vor allem kräftiger. Sie lag auch gut in der Hand. Gehöhlt, abgeschliffen und gewachst ließ sich ein sehr langer, geknüpfter Faden bequem aufwickeln. Von der einen Hand geschoben, von der anderen gezogen, unter und zwischen den gekreuzten Fäden dahin, glich sie einem flinken, langen und schmalen Schiffchen – einem Webschiffchen.

Evas Tag war genau eingeteilt. Frühmorgens untersuchte sie Krebsreuse und Fischnetz, nahm die Beute heraus, bereitete das Essen für den ganzen Tag, und was an Fischen übrig war, salzte sie ein und hängte es in den Rauch des Herdfeuers. Sie lüftete ihr Lager, kehrte die Stube, bestieg ihr längst verbessertes Floß und holte einen Topf voll Trinkwasser aus einem Quellbach, der in den Moorbach mündete. Auf dem Rückweg nahm sie mit, was sie an Beeren und Wildgemüse fand. Hatte sie so ihr Haus bestellt, dann trug sie den Webstuhl und den Sitzschemel, den Peter aus einem kurzen Baumstamm zurechtgehauen hatte, auf die Schattenseite ihres Randbodens und ließ das Webschiffchen durch die Fäden gleiten. In das gleichmäßige, leise Schlagen der Schiebrahmen mischte sich das Summen unzähliger Hummeln und Bienen, von den fernen Bachfällen klang gedämpftes Rauschen herüber.

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