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Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau

Alois Theodor Sonnleitner: Die Höhlenkinder ? Im Pfahlbau - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorA. Th. Sonnleitner
titleDie Höhlenkinder ? Im Pfahlbau
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
seriesDie Höhlenkinder
volumeBand 2
isbn3423701412
illustratorFritz Jaeger, Ludwig Huldribusch
year1992
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorrainer@stahlerftstadt.eu
senderwww.gaga.net
created20091220
modified20150114
projectidb1e903ae
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Salzkammer

Der Winter kehrte sich nicht daran, daß die Sonne schon ihre Frühlingsreise angetreten hatte. Fröste und Schneestürme hatten den Heimlichen Grund in ihrer Gewalt.

Den Höhlensiedlern war der Tag immer zu kurz. Eva, die nicht nur das Essen kochte, sondern auch die Vorräte pflegen mußte, nützte die hellsten Stunden zum Nähen und Flicken der Kleider und Schuhe. Peter hatte, um der hereindringenden Kälte zu wehren, die Licht- und Luftlöcher in der unteren Höhle verkleinert, und so war Eva gezwungen, den Arbeitsplatz in ihrer Kammer vor der nahezu vermauerten Lichtluke einzurichten. Sie hatte aus Waldreben einen Rahmen geflochten, eine Tierblase darübergespannt, das Ganze in die Luke geklemmt und die Ritzen ringsherum mit Moos abgedichtet. Nur gedämpft drang das Tageslicht in das Höhleninnere. Eva, die für ihre Arbeit Licht brauchte, setzte sich damit dicht unter die Luke. Es half nicht viel – am Fußboden war und blieb es dämmerig. Während sie dasaß und sann, wie dem abzuhelfen wäre, fiel ihr ein Gitter ein, das sie vor einiger Zeit aus Weidenruten geflochten und als Dörrplatte für Beeren benutzt hatte. Das kramte sie hervor, verkeilte die eine Längsseite unter der Luke in den Mauerspalten, stützte die andere mit zwei in den Boden eingelassenen Stäben und hatte nun einen erhöhten, gut beleuchteten Arbeitstisch. Ein Baumstrunk davor diente als Sitz. Rechts davon, zwischen Lichtluke und Hausaltar, stand ihr Webrahmen.

Auch Peter hatte seinen Sitzstrunk nahe vor seine Lichtluke geschoben und den höheren Werkstrunk davorgestellt. Um sein mit unsagbarer Mühe durchlochtes Steinbeil beim Schärfen nicht zu gefährden, hatte er in eine Grube des Höhlenbodens einen flachen, harten, feinkörnigen Quarzsandstein fest eingelassen. Mit leichtem Druck führte er den Beilstein unermüdlich über den Schleifstein hin und her, her und hin. Und siehe da: er wurde schärfer und schärfer! Angefeuert vom Erfolg schliff Peter aus Stein- und Knochensplittern Dolche, Grabmesser, Pfriemen, grobe Nadeln und Vorstecher. In abgesägte Zinken des Hirschgeweihes schäftete er Steinmesser, Meißel und Bohrer.

Die Behaglichkeit und Lebensfreude der Höhlensiedler wurde zeitweise durch ein unheimliches Glucksen gestört, das aus dem Berginnern kam. Jetzt, wo die Höhlenstuben gegen die Geräusche der Außenwelt abgeschirmt waren, fielen diese seltsamen Geräusche besonders nachts auf.

Peter war fest entschlossen, der Ursache auf die Spur zu kommen. Er nahm sich vor, ins Berginnere einzudringen. Er flocht aus Reisig zwei Fackeln, die er gut pichte. Dann brach er die Vermauerung des oberen Höhlenganges heraus, die Evas Stube nach dem Berginnern hin abschloß, schlug die vorspringenden Felskanten ab und erweiterte so den Spalt. Klopfenden Herzens drang er ein. Die Luft im Berginnern war feucht und kalt. Ein scharfer Zugwind trieb ihm den Rauch des rußenden Leuchtbrandes ins Gesicht. Über seinem Kopf hingen in den Nischen unzählige Fledermäuse, die hier ihren Winterschlaf hielten.

Der Lehmboden fiel ab. In scharfem Winkel bog der Gang nach rechts. Die ruhiger brennende Fackel erleuchtete weithin den Raum. Von der Decke hingen weiß- und gelblichschimmernde Zapfen herab, die mit anderen, vom Boden aufstrebenden, vielfach zu Säulen vereinigt waren. An einer Stelle war ein Stück Wand und Decke, vom Wasser unterwaschen, niedergegangen; dort lagen Spitzkegel und flache Stücke wirr durcheinander, von reinweißem Sinter überkrustet. Mitten darunter stand aufrecht ein verhutzelter Zwerg mit Zipfelmütze, Vollbart und Hängebauch. War's ein zu Stein gewordenes Wichtelmännchen? Und noch andere vieldeutige Gestalten waren da: geballte Klumpen, wie runde Bären oder brütende Riesenvögel mit absonderlichen Köpfen – eine erstarrte Märchenwelt. Bei jedem Flackern der Flamme bewegten sich die Schatten der Gestalten, deren Aussehen sich wundersam veränderte. Zaghaft betastete Peter ein zweigdünnes Zapfenende. Als es klirrend zerbrach, nahm er ein Stück davon mit für Eva.

Der von Säulenstummeln und Sinter bedeckte, naßglänzende, von Rissen durchfurchte Boden war für Peter ein schwer überwindbares Hindernis. Er blieb stehen und machte sich für den Rückweg Merkzeichen. Wieder vernahm er das Glucksen, das ihn und Eva so oft geängstigt hatte; es klang, als fiele aus großer Höhe ein Tropfen in ein tiefes Wasser.

Dem Klange folgend, der sich in regelmäßigen Zeitabständen wiederholte, stand Peter bald am Spiegel des unterirdischen Sees. Lauschend und schauend stand er da. Unverwandt starrte er auf die dunkle Glätte des tiefgrünen Wassers, das kaum merklich nach rechts zog; von dorther war die Flut matt durchleuchtet. Da sah er, wie ein Wassertropfen aufschlug, sah die Kreise, die er zog, und fast unmittelbar darauf hörte er das wohlbekannte Glucksen, das der Widerhall von fernen Wänden dumpf verstärkte. Peter blickte nach oben, zur Höhe der Seegrotte. Und er staunte über die Länge der Riesenzapfen, die weiß und gelb an der Decke schimmerten. An einem, der flach wie ein Vorhang wenige Mannslängen vor ihm hing, glänzte ein Tropfen im Fackellicht wie ein durchsichtiger, rundgeschliffener Stein. Klingend fiel auch er nieder und gleich nach ihm ein zweiter. Das also waren die Geisterstimmen!

Peter zündete am Stumpf der ersten die zweite Fackel an und wandte sich zum Rückweg. Im Licht der knisternden, rußenden Flamme fand er die Spuren, die seine beschmutzten Schuhe auf dem blendendweißen Kalksinter des Bodens hinterlassen hatten. Stolpernd vor Ungeduld kehrte er zu Eva zurück und zeigte ihr den mitgebrachten Tropfstein.

Schon am nächsten Tage begleitete sie ihn zur Höhle, sie trug ein Bündel Brennholz und drei Ersatzfackeln. Ihre Erwartungen wurden weit übertroffen, als am Ufer des Quellsees ein hohes Feuer brannte und seinen gelbroten Schein auf die säulenbehangene Decke warf.

Weiter ging es bergeinwärts, auf wunderlichen Pfaden, bald schmal, bald breit, um Abgründe herum, in deren Tiefe geheimnisvolle Wasser raunten. Kletternd und einander stützend drangen die Wanderer weiter nach links aufwärts. In der höchsten, entlegensten Felsenkammer war der Boden so glitschig, daß sie wiederholt stürzten. Eva hatte sich den Fingerknöchel blutig gequetscht und führte ihn zum Munde, um den brennenden Schmerz zu lindern. Doch wie seltsam – das schmeckte ja salzig!

Und in der Tat: die weißen, feuchtschimmernden Zapfen in dieser Grotte bestanden nicht aus Kalkstein, sondern aus Salz. Peters Axt räumte unter den Zapfen auf. Dann trugen die beiden Höhlenforscher eine Ausbeute des kostbaren Gewürzes heim, in einer Reinheit, die sie entzückte.

Der Verbindungsgang zu den Grotten wurde nicht mehr vermauert, nur eine gut abgedichtete Gittertür wurde sorgsam eingefügt. Und Peter nahm sich vor, den Weg zur Salzkammer im Berge durch Gangsteine und Stege bequemer zu machen. Das gab Arbeit für die nächsten Wochen.

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