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Die Höhlenkinder ? Im Heimlichen Grund

Alois Theodor Sonnleitner: Die Höhlenkinder ? Im Heimlichen Grund - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorA. Th. Sonnleitner
titleDie Höhlenkinder ? Im Heimlichen Grund
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
seriesDie Höhlenkinder
volume6. Auflage
printrun6. Auflage
isbn3423701072
illustratorFritz Jaeger, Ludwig Huldribusch
year1992
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorrainer@stahlerftstadt.eu
senderwww.gaga.net
created20091220
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Eva hütet das Feuer

Die Höhlenwand, an der Peter lag, war längst im grellen Sonnenschein, aber er wachte nicht auf.

Eva war schon eine geraume Weile auf den Beinen, hatte sich am Bach gewaschen und sah mit blanken Augen und klarem Kopf in die Welt.

Ihre erste Arbeit war, drei Tauben zum Frühmahl herzurichten. Von der Feuerstelle stieg ein dünner Rauchfaden auf.

Das Feuer war schon längst ausgegangen; doch der stark angekohlte Strunk glomm auf der Unterseite. Auch unter der Asche fand sich noch Glut.

Eva legte trockenes Moos und Wacholderzweige darauf, dann blies sie die Kohlen mit vollen Backen an. Das harzige Reisig fing Feuer, die grünen Nadeln knisterten und pufften, die Wacholderbeeren blähten sich und zersprangen. Eva legte Holz zu, rupfte die Tauben, nahm sie aus, tat Salz und Gewürz daran, spießte sie auf einen grünen, hakenförmig gebogenen Zweig, dem sie einen gegabelten Ast als Stütze gab, und drehte sie rasch über dem Feuer. Sie freute sich, dem hungrigen Peter einen so leckeren Frühstücksbraten vorsetzen zu können. Vorüber waren die Tage, da sie das Fleisch roh essen mußten. Nie mehr durfte es ausgehen, das wärmende, lichtspendende, das freundlich-gefährliche Feuer ... Eifrig drehte die Hand den Spieß.

Der Duft von qualmendem Wacholder und angebrannten Flaumfedern zog durch die Höhle und kitzelte den Schläfer in der Nase, so daß er laut niesend erwachte.

Noch wußte er nicht, was die Düfte zu bedeuten hatten und rieb sich die Augen. Er brauchte lange, bis er sich zurechtfand. Sein Kopf war wie benebelt, und die geröteten Augen schmerzten. Peter hatte Hunger und Durst, quälenden Durst. Ein Blick auf das Feuer brachte auch ihm die neue Sachlage zum Bewußtsein. Er stieg zum Bach hinab, kauerte sich ins strömende Wasser und tauchte den Kopf ganz hinein. Das tat wohl.

Als er zu Eva zurückkehrte, streifte er ein halbgares Täubchen vom Bratspieß, packte mit jeder Hand ein Bein und riß den Braten auseinander. Eva sah ihm vergnügt zu und mußte lachen, weil er sich beinahe die Lippen verbrannt hätte. Bald aber folgte sie seinem Beispiel. Sie bliesen die heißen Stücke an, schlenkerten sie in der Luft und schmausten mit einer Lust, die ihnen aus den Augen leuchtete.

So ungern die Höhlenkinder früher Wurzeln und rohes Fleisch hinuntergewürgt hatten, weil der Hunger sie dazu zwang, so genußvoll aßen sie jetzt vom Gebratenen und Gewürzten. Das sah anders aus, duftete und schmeckte anders als rohes, nach Blut riechendes Fleisch.

Sie aßen und aßen, bis von den drei Tauben nichts mehr übrig war als die Knochen. Die dünnen Röhrenknochen der Beine und Flügel kamen ins Allerlei.

Übersatt und faul legte sich Peter wieder ins Laub. Aber Eva ließ ihn nicht lange ruhen.

Das Feuer war niedergebrannt, Holz mußte beschafft werden. So ging er denn, seine Trägheit überwindend, in den Wald. Da lagen abgestorbene Bäume genug. Er hieb sich einen Astschlitten zurecht, belud ihn und schleppte zur Höhle, was er fortbringen konnte: dürre Äste, Zweige und Stammstücke.

Den Rest des Tages und einen Großteil der Nacht verbrachten beide damit, die Rehe auszuweiden und abzuhäuten. Dann zerlegten sie das Fleisch in handliche Stücke, salzten es und hängten es nahe über dem Feuer an die Randhölzer des Trockenbodens, so daß der aufsteigende Rauch es bestreichen konnte.

Alles Bangen vor der grimmigen Winterkälte war vorbei, alle Angst vor den Bären geschwunden. Im Bereiche des Feuers war Eva vor ihnen sicher. Sorglos konnte Peter der Jagd und der Waldarbeit nachgehen, während Eva als Hausfrau das Feuer hütete und das kostbare Rauchfleisch betreute, indem sie ab und zu durch Wacholder und dürres Laub die Glut nährte, so daß sie ruhig glimmend duftenden Rauch erzeugte.

Auch das Reinigen und Spannen des Gedärms der drei Rehe besorgte sie, holte sich den am Bachufer unter Steinen eingewässerten Bergflachs herauf, trocknete ihn am Feuer, klopfte ihn mit einem Holzschlegel, um die brüchig gewordene Rinde loszulösen, und war glücklich über das – wenn auch karge – Ergebnis an Flachs, den sie zwischen den Handflächen zu Fäden zwirbelte.

Ein Übelstand aber vergällte ihr den Aufenthalt in der unteren Höhle. Die drei Rehdecken im schrägen Gang verbreiteten, obwohl sie eingesalzen waren, einen unerträglichen Gestank.

Peter kam auf den Gedanken, auch die Felle durch Räuchern vor dem Verderben zu schützen. Zwei davon sollten bald zu Kleidern verarbeitet werden; er holte sie herein, reinigte sie mit einem Schabstein vom anhaftenden Fett, rieb sie mit Lehmstaub trocken, spannte sie über gekreuzte Stäbe und hängte sie, Fleischseite nach unten, an ein Gerüst aus Eschenstämmchen hoch über das Feuer. Dann legte er Gras auf die Glut und sah mit Befriedigung, wie der aufsteigende Qualm die feuchten Hautflächen bestrich. Was schadete es, wenn sie verrußten, er wollte sie schon wieder sauber bekommen.

Die dritte Haut, das Fell des stärkeren Bocks, sollte einstweilen auf die Bearbeitung warten, ohne die Luft der Wohnhöhlen mit ihrem Geruch zu verpesten. Er trug sie hinunter in den wasserleeren Waldgraben, der sich vom Fuchsenbühel zum Klammbach zog und mit zusammengeschwemmtem Laub gefüllt war. Dort vergrub er sie und legte Steinbrocken darauf.

Peters Vermutung war richtig gewesen: Das Räuchern nahm den Fellen den üblen Geruch.

Eva schliff an einem flachen Granitbrocken, den sie in den Lehmboden ihrer Höhle eingelassen hatte, neue Nadeln zurecht, denn sie wollte aus den Fellen anliegende Winterkleider anfertigen.

Das Nähen selbst war eine langwierige, unbehagliche Arbeit. Für jeden Stich mußte zuerst mit dem Hartsteinbohrer ein Loch gemacht werden, die handgezwirbelten Fäden waren knotig, die nicht gewalkten Felle widerspenstig.

Diese Schwierigkeiten störten Eva nicht, aber etwas anderes. Ein brennender Durst, an dem der zu stark gesalzene Braten schuld war, zwang sie, die Arbeit immer wieder im Stich zu lassen und zum Bach hinunter zu eilen. Wenn sie nur ein Gefäß gehabt hätte, um sich einen Trinkwasservorrat in die Höhle zu schaffen! Peter wußte Rat: Aus dem größeren Rehbockschädel wollte er ihr ein Gefäß machen. – »Pfui!« Eva spuckte vor Ekel aus, denn der Schädel stank abscheulich! In der Wärme waren Reste vom Gehirn, Fleischfasern und die Beinhaut an den Knochen in Fäulnis übergegangen. Da grub Peter eine handtiefe Grube in den Lehmboden des schiefen Ganges und füllte sie mit einem wässerigen Brei aus Asche und Lehm. Dahinein legte er den Schädel, dessen Hirnkapsel er mit demselben Brei gefüllt hatte. Als er ihn nach einigen Tagen herausnahm und im Bache mit frischgebrochenen Fichtenzweigen von innen und außen gebürstet hatte, war der üble Geruch verschwunden.

Bis die Schädeldecke mit der Hartsteinsäge abgesägt, die Schalenränder zugeschliffen, die Schädelnähte verpicht waren, vergingen mehrere Tage, und das Ergebnis war doch nur eine flache Schale, die freilich durch die zwei Stirnzapfen, die als Füße dienten, standfest war. Je nun, viel war's nicht, aber besser als gar nichts. »Weißt, Everl, die Steinbockshörner, die wären richtig.«

Doch auch das Steinbocksgehörn mußte mit denselben Mitteln gereinigt werden wie der Schädel. Aber ganz geruchlos war es auch dann noch nicht. Peter lehnte die Hörner an die Höhlenwand und wollte die gründlichere Reinigung anders versuchen. Da fiel sein Blick auf die angekohlten Holzstücke, die um die Feuerstelle lagen. Von denen kratzte er mit einem Hartsteinschaber die Holzkohle, füllte damit die Hörner und goß Wasser nach. In einigen Tagen mußte es sich ja zeigen, ob er das richtige Mittel gefunden hatte.

Eva aber war ungeduldig. Sie benützte weiter die Schädelschale und ärgerte sich laut, daß so wenig hineinging. Wie das im Winter werden solle ?

»Ich kann doch das Wasser nicht in einem Korb heraufschleppen!« sagte Peter, als Eva wieder einmal schimpfte. Oder doch? Konnte er nicht die Fugen des Geflechts auch mit Lehm oder Harz verstreichen, wie er es beim Salzkorb getan hatte ? Ohne Zögern ging er daran, alle Fugen eines Tragkorbes von innen und außen dick mit breiigem Lehm zu verstreichen. Peter hielt den Korb gegen das Licht der untergehenden Sonne. Sie schimmerte nicht durch. Da konnte auch das Wasser nicht durchsickern. Wenn sich der Lehm einmal mit Wasser vollgesogen hatte, war er undurchlässig.

Behutsam stieg Peter mit dem neuen Gefäß zum Bach hinunter und brachte es halbgefüllt in die Höhle. Das Wasser war trüb. Eva mußte abwarten, bis es sich klärte. Sie brauchte nicht lange zu warten.

Wieder war ein brauchbares Gerät geschaffen!

Beim Abendessen schwatzten die Höhlenkinder von einer behaglichen Zukunft, bis die Müdigkeit sie auf ihre Lager trieb. Peter schaute noch lange im flimmernden Lichte des knisternden Feuers zur Decke der Höhle empor, wo der Fleischvorrat im langsam ziehenden Rauch hing, und dachte an die Erlebnisse der letzten Tage und Nächte. Kichern mußte er, als ihm einfiel, wie die Bären vor den brennenden Zweigen geflohen waren. Er nahm sich vor, ihnen noch öfter so heimzuleuchten.

Doch dazu sollte er etwas haben, worin er das Feuer mit sich tragen konnte, ein Gefäß, das die Glut bewahrte, ohne selbst zu verbrennen ...

Wie einfach! Ließ sich in einem mit Lehm ausgestrichenen Korb Wasser tragen, warum nicht auch glühende Kohlen? Moderholz darauf, das nur langsam glimmen konnte, und einige harzbestrichene Stäbe, harzbestrichene Pfeile zur Hand, die sollten taugliche Waffen werden gegen die Bären – ja, das mußte möglich sein.

Dann fiel ihm ein, daß er unlängst im Schlaf einen Steinschlag gehört hatte. Ob's ein Traum gewesen war, ob Wirklichkeit, das wollte er morgen erkunden. Das Feuer wollte er mitnehmen, um sich die Bären vom Leib zu halten. Feuerkorb und Brandpfeile!

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