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Die Hirtenflöte

Arthur Schnitzler: Die Hirtenflöte - Kapitel 7
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authorArthur Schnitzler
titleDie Hirtenflöte
publisherFischer Verlag A.-G.
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firstpub1922
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VII.

Sie wanderte die Nächte durch und schlief bei Tage auf Wiesen und Wäldern, wusch Leib und Gewand in Flüssen und Teichen und lebte von den Früchten, die ihr der Zufall bot. Nicht um sich zu verbergen und um ein Leben zu fristen, das ihr gleichgültig war, nur um Menschenstimmen nicht zu hören, Menschengesichter nicht zu sehen, hielt sie sich abseits vom gewohnten Zug der Straßen. Nach einer Reihe von Tagen, die sie nicht gezählt, zu einer sternenstillen Mitternachtsstunde stand sie an der Pforte des vor so langer Zeit verlassenen Hauses, die offen stand wie für eine Erwartete. Ohne die Wohnung zu betreten, schritt Dionysia die Wendeltreppe hinauf zum Turm, wo sie sicher war, ihren Gatten zu finden. Sie erblickte ihn, aufrecht stehend, das Auge am Fernrohr, das zum Himmel gerichtet war. Als er Schritte hörte, wandte er sich um, und da er Dionysia erkannte, zeigte sein Blick keinerlei Erstaunen, nur ein mildes Lächeln von der Art, wie es liebe Gäste zu begrüßen pflegt.

»Ich bin es«, sagte Dionysia.

Der Gatte nickte. »Ich habe dich erwartet. In dieser Nacht, nicht früher und nicht später mußtest du kommen.«

»So kennst du mein Schicksal?«

»Ob du's auch unter fremdem Namen erlebtest, ich kenne es. Es war keines von der Art, daß es geheim bleiben konnte; und von allen Frauen, die leben, konnte es keiner beschieden sein, als dir. Sei willkommen, Dionysia.«

»Willkommen nennst du mich? Dich schaudert nicht vor mir?«

»Du hast dein Leben gelebt, Dionysia. Reiner stehst du vor mir als all jene andern, die im trüben Dunst ihrer Wünsche atmen. Du weißt, wer du bist. Wie sollte mich vor dir schaudern?«

»Ich weiß, wer ich bin? So wenig weiß ich's, als da du mich entließest. In der Beschränkung, die du mir zuerst bereitet und wo alles Pflicht wurde, war mir versagt, mich zu finden. Im Grenzenlosen, wohin du mich sandtest, und wo alles Lockung war, mußte ich mich verlieren. Ich weiß nicht, wer ich bin.«

»Was kommt dich an, Dionysia? Willst du, Undankbare, mir zum Vorwurf machen, daß ich tat, was kein Weiser unter den Liebenden je gewagt, was kein Liebender unter den Weisen je sich abgewonnen?«

»Du ein Weiser? Und hast nicht erkannt, daß jedem menschlichen Dasein nur ein schmaler Strich gegönnt ist, sein Wesen zu verstehen und zu erfüllen? Dort, wo das einzige, mit ihm einmal geborene und niemals wiederkehrende Rätsel seines Wesens im gleichen Bett mit den hohen Gesetzen göttlicher und menschlicher Ordnung läuft? Ein Liebender du? Und bist nicht selbst an jenem fernen Morgen ins Tal hinabgestiegen, eine Flöte zerbrechen, deren Töne der Geliebten Verführung drohten? Dein Herz war müd, Erasmus, darum ließest du mich scheiden, ohne einen Kampf aufzunehmen, der damals noch nicht verloren war; und dein Geist war erwürgt im kalten Krallengriff von Worten, darum vermeintest du des Lebens ungeheure Fülle, das Hin- und Widerspiel von Millionen Kräften im hohlen Spiegel einer Formel einzufangen.« Und sie wandte sich zu gehen.

»Dionysia«, rief der Gatte ihr nach. »Komm doch zu dir! Dein buntes Schicksal hat dir den Sinn verwirrt. Hier wirst du Ruhe und Klarheit wiederfinden. Hast du denn vergessen? Gemach, Bett und Gewand warten deiner, und keine Frage, kein Vorwurf wird jemals dich quälen. Hier bist du in Sicherheit, draußen lauern Gefahr und Tod.«

Noch einmal, an der Türe schon, wandte Dionysia sich um: »Was kümmert mich, was draußen meiner harrt? Ich fürchte das Draußen nicht mehr. Bange macht mir deine Nähe allein!«

»Meine Nähe, Dionysia? – Denkst du etwa, ich könnte meines Wortes je vergessen? Sei ohne Sorge, Dionysia! Hier ist der Friede, denn hier ist das Verstehn!«

»So sagst du selbst mir, warum ich dich fliehe –? Ja wärst du erschaudert vor dem Hauch der tausend Schicksale, der um meine Stirne fließt, so hätt' ich bleiben dürfen, und unsere Seelen wären vielleicht ineinandergeschmolzen in der Glut namenloser Schmerzen. So aber, tiefer als vor allen Masken und Wundern der Welt, graut mich vor der steinernen Fratze deiner Weisheit.«

Damit schritt sie die Wendeltreppe wieder hinab, ohne nur einen Blick zurückzuwerfen. Eilig verließ sie das Haus und verschwand alsbald im weiten Schatten der Ebene.

Erasmus, nach anfänglicher Starrheit, eilte ihr nach und folgte ihrer Spur stundenlang. Doch sie selbst erreichte er nicht mehr, und er mußte sich endlich entschließen zurückzukehren. Auch alle weiteren Nachforschungen nach Dionysia blieben vergeblich. Sie blieb verschwunden; und kein Mensch weiß, ob sie noch längere Zeit, vielleicht unter fremdem Namen, irgendwo in der Welt weitergelebt oder bald unerkannt ein zufälliges oder selbstgewähltes Ende gefunden hat. –

Erasmus aber entdeckte bald darauf einen rätselhaft glitzernden Stern, der nach neuen, noch nicht erkundeten Gesetzen im weiten Raum umherirrte. Und in seinen Aufzeichnungen fand man, daß er diesem Stern, in Erinnerung an seine Gattin, deren harte Abschiedsworte er ihr nicht weiter nachtrug, den Namen Dionysia zu geben gedachte. Andere Forscher prüften nach, suchten den Himmel nach allen Fernen, zu allen Jahreszeiten und zu allen Stunden ab; doch keinem gelang es, jenen Stern wiederzufinden, der von der Unendlichkeit für immer verschlungen schien.

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