Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Schnitzler >

Die Hirtenflöte

Arthur Schnitzler: Die Hirtenflöte - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/schnitzl/hirtenfl/hirtenfl.xml
typenovelette
authorArthur Schnitzler
titleDie Hirtenflöte
publisherFischer Verlag A.-G.
year
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090000
projectidbd671c4f
Schließen

Navigation:

VI.

Der Herbst stürmte dahin, der Winter glitt vorbei. Dionysia wußte, daß seit jener Nacht vor dem letzten Kampf in ihrem Schoß ein neues Wesen keimte; und so fühlte sie sich dem hingeschiedenen Geliebten wie dem Leben selbst neu und hoffnungsreich verbunden. Im Frühling brachte sie einen Knaben zur Welt, und da er zum erstenmal an ihrer Brust trank, zog auch das erste Lächeln über Dionysias Antlitz. Reiche Geschenke von des Grafen Mutter, von anderen Anverwandten, ja vom Fürsten selbst, wurden dem Söhnlein des Helden in die Wiege gelegt. Als Dionysia das Bett verließ, war ihr, als müßte sie sich zum erstenmal wieder in Weiß kleiden; und in hellen, leicht bewegten Falten, wie das duftige Gewand, fühlte sie auch den lauen, blütenschweren Tag um sich fließen. Über ihrem jungen Haupt, das schon so viel Erinnertes und so viel Vergessenes barg, hing von Zukunft schwer ein neuer lebensblauer Frühling. Noch warf sie sich nicht selbst in den Strom des Daseins, doch ließ sie es zu, daß er bis an ihre Füße heranrauschte. Ein Fest, das das Volk des Landes feierte, zog sich in ihre Nähe. Mit Anteil betrachtete sie einen Reigentanz, der auf der Waldwiese statthatte. Der Heldenwitwe, die selbst eine Heldin war, hielt man sich anfangs in Ehrfurcht fern. Bald aber nahm sie Huldigungen entgegen, die ihr von der begeisterten Jugend des Landes dargebracht wurden, und selbst das geheimnisvoll Unaufgeklärte ihrer Herkunft lag wie ein goldener Glanz über ihrer gepriesenen Stirn.

Zu Beginn des Winters bezog sie das Schloß des verstorbenen Grafen, das als ihr natürliches Eigentum angesehen wurde. Dort waltete sie, anfangs nur mütterlichen Pflichten hingegeben, zurückgezogen und still. Endlich aber öffneten sich die Türen, zuerst nur für die gräfliche Verwandtschaft, später auch für den Anhang der Familie und für entferntere Freunde, und bald war von den durch Geburt oder Verdienst Ausgezeichneten niemand im Lande, der es unterlassen hätte, der unbegreiflichen und hohen Erscheinung Bewunderung und Liebe auszudrücken. Daß auch der Fürst in eigener Person sich einstellte, war keinem verwunderlich. Von Dionysias rätselhafter Anmut bewegt, kam er wieder, der Schimmer seiner Macht drang aus seinen jungen Blicken in ihre erwachten Sinne; das traumhaft stolze Bewußtsein eines unerhörten Geschicks überströmte aus ihrem Wesen in sein Blut. Und keine Bedenken, denen Geringere unterworfen sein mochten, setzten beider Wünschen sich entgegen, als der Fürst, seines angetrauten Weibes vergessend, Dionysia das glühende Geschenk seiner Liebe bot. –

Zuerst wurde auch diese Wendung in der nächsten Umgebung und rings im Land ohne Widerspruch und üble Nachrede, ja von manchen und nicht nur von Schmeichlern und Höflingen, wie etwas Natürliches und Erlaubtes hingenommen. Die erste, die sich abwandte, betroffen, aber stumm, war die Mutter des Grafen. Einige Verwandte folgten ihrem Beispiel und mieden fortan Dionysias Nähe. Dann erst war es der engere Kreis der Fürstin, der anfing, sich verletzt zu zeigen, zu einer Zeit, da die Fürstin selbst noch fern davon war, ihres Gatten Beziehungen zu der fremden Frau für andere als freundschaftliche anzusehen. Doch als jener die Wahrheit kund ward, schloß sie sich ohne ein Wort der Aussprache, im Innersten getroffen, von ihrem Gatten ab, der von nun ab wie mit Absicht und Stolz seine Liebe zu Dionysia vor allem Volk zur Schau zu tragen begann. Er ließ es nicht länger zu, daß sie in ihrem von dem Grafen ererbten Schlosse wohnte, und räumte ihr eine der fürstlichen Besitzungen nahe der Stadt als Wohnsitz ein. Nicht nur die Stunden der Muße weihte er von nun ab der Geliebten; in ihren Gemächern empfing er Minister und Abgesandte; Beratungen über Staat und Volk wurden in Dionysias Beisein abgehalten, und bald sprach ihre Stimme in jeder Entscheidung mit. Da nun alle, die dem Throne nahestanden, sich vor ihr neigten und ohne weiteres, was der Fürst ihr als Einfluß zugestanden, anzuerkennen bereit waren, so hätte sie wohl vor sich selbst als die wahre Fürstin des Landes gelten dürfen, – wenn sie nicht manchmal bei Ausfahrten und öfter von Tag zu Tag bemerkt hätte, daß Begegnende sie nicht zu beachten, ja sich mit Absicht wegzuwenden schienen. Zuerst nahm sie es leicht, lächelte darüber als über Neid und Torheit geringer Seelen, allmählich aber regte sich Ärger in ihr, wuchs weiter an, und eines Tages, da sie an einem jungen Adeligen vorbeiritt, der als Parteigänger der verlassenen Fürstin wohlbekannt, zu ihr, der fürstlichen Geliebten, mit einem höhnischen Zucken der Lippen aufsah, schlug sie ihm mit der Peitsche übers Gesicht. Als er dann in Wut ihr ein ungeheueres Schimpfwort ins Antlitz schrie, ließ sie ihn verhaften, und ihre Fürbitte erst bestimmte den empörten Fürsten, dem unbedachten Beleidiger die Todesstrafe nachzusehen. Doch war seit diesem Zwischenfall der Haß der beiden Parteien, der bisher im stillen gelauert, zu offener und lauter Feindseligkeit gewandelt. Es wurde Dionysia zugetragen, was man im Volk, im Adel und insbesondere in der nächsten Umgebung der Fürstin über sie zu reden wagte. Die noch vor kurzem eine Fremde rätselhafter, doch vielleicht göttlicher Sendung erschienen war, galt heute vielen für nichts besseres als eine Abenteurerin und Dirne. Noch drohte ihr keine ernste Gefahr, denn der Fürst hielt fester zu ihr als je. Ja zum Trotz gegen den wachsenden Widerstand erweiterte er ungebeten Dionysias Machtvollkommenheiten nach allen Seiten, umgab sie mit einer niemals erhörten Pracht, verlieh ihrem fünfjährigen Sohn den Titel eines Prinzen und heftete auf die Kinderbrust einen Orden, der bisher nur Mitgliedern des Fürstenhauses vorbehalten war. Jedes unvorsichtige Wort, jede zweifelhafte Gebärde, die sich gegen Dionysia zu richten schien, wurde mit der furchtbarsten Strenge geahndet. Dionysia selbst war längst nicht mehr geneigt, bei dem Fürsten Gnade zu erflehen für Hohe oder Niedere, die sich gegen den Glauben an ihre Majestät vergangen hatten. Wenn sie durch die Straßen fuhr, in ihrem von sechs schwarzen Rappen gezogenen goldenen Wagen, dem Reiter voran- und nachsprengten, hörte sie aus dem Jubel, der sie begrüßte, die falschen und erzwungenen Töne und fühlte, daß nicht mehr Ehrfurcht, daß nur mehr dumpfe Scheu, daß Angst und Haß rings um sie webten. Böse Träume von Verschwörungen und Anschlägen störten ihren Schlaf, selbst an der Seite des Fürsten, der doch gewillt schien, sie mit seinem eigenen Leib zu schützen. Ein Gerücht begann durch das Schloß zu irren, daß in der nächsten Umgebung der verstoßenen Fürstin sich Unheilvolles gegen Dionysia vorbereite. Niemand wußte, woher es drang, doch Dionysia hielt die Zeit gekommen, entschiedene Abhilfe von ihrem Geliebten zu fordern, und stellte den Zaudernden vor die Wahl: entweder die angetraute Gattin vom Hof zu verbannen und des Landes zu verweisen, oder sie selbst ziehen zu lassen, wann und wohin es ihr beliebte. Da für das Vorhandensein einer Verschwörung sichere Beweise nicht vorlagen, so glaubten Schranzen sich berechtigt, künstlich solche herzustellen. Ein scheinbar ordentliches Gericht wurde abgehalten, die verdächtige Fürstin in ihrer Abwesenheit schuldig erkannt, und es ward ihr anbefohlen, unter Zurücklassung aller ihrer Briefschaften und ihres Geschmeides Hof und Land zu verlassen. Am nächsten Morgen schon, als wäre sie längst darauf gefaßt gewesen, begab sie sich, von wenigen Getreuen begleitet, auf die Reise nach ihrer königlichen Eltern fernem Reich. Andere aber, die verdächtig schienen, wurden des Landes verwiesen, ja manche, die man für besonders gefährlich hielt, verschwanden in den Gefängnissen des Landes, die unersättlich schienen. Da auch das geringste Zeichen der Unzufriedenheit schonungslos geahndet wurde, kam Ruhe ins Land, und Dionysia war endlich so unumschränkte Herrin, wie sie es kaum mit der Krone auf dem Haupt hätte sein können. Aber je höher ihre Macht anstieg, um so weniger wurde sie ihres Schicksals froh. Die Feste ihr zu Ehren wurden immer lauter, aber entbehrten jeder Heiterkeit. Selbst die Wonnen in des Fürsten Armen wurden schal und trüb, und bald erkannte Dionysia, daß sie im tiefsten wünschte, der Geliebte hätte sich ihren eitlen Wünschen widersetzt, und daß sie ihn zu verachten anfing, weil er ihr in allem zu Willen gewesen war. Um ihn zu erniedern, wie er es ihr zu verdienen schien, gab sie sich in dem fürstlichen Bette den Jünglingen vom Hofe hin, an denen sie ein augenblickliches Gefallen fand. Der Fürst, in Scham und Reue, verschloß zuerst seinen Grimm im Herzen, bald aber, mit erhitzten und verwirrten Sinnen ließ er sich die leicht errungene Gunst anderer Frauen gefallen, für die nun die Tore des Schlosses sich, wie früher für Dionysia, zu öffnen begannen. Doch wie zum Entgelt dafür stiegen die Jünglinge am höchsten bei Hofe, die Dionysias Begehrlichkeit am besten zu schmeicheln wußten. Ohne Zügel, Rücksicht und Scham trieb das Leben im Schlosse weiter, und bald hieß es im Volke, daß die Riesenfackeln der Festsäle in mancher Nacht wie im Grauen vor dem Übermaß der schmachvollen Lüste verlöschten, in denen Fürst und Geliebte, Buhlen und Buhlerinnen sich berauschten.

An einem grauen Morgen, den schimmernden Mantel um die nackten Schultern leicht gerafft, mit verhülltem Gesicht einer Schar von Trunkenen entfliehend, fort aus dem Saal, wo der Fürst selbst wie ein plötzlich rasend Gewordener mit gezücktem Messer ohne Ziel hin und her stürmte, eilte Dionysia die Treppe hinab, und einer Lockung folgend, die sie für die letzte hielt, strebte sie einem trüben Weiher zu, der unter Buchen am Ende des Parkes lag, um dort ihren Rausch, ihre Schmach, ihren Ekel mit ihrem abgetanen Leben zugleich und für ewig zu versenken. Doch wie sie in dem schillernden Wasser ihr verzerrtes Bild erblickte, erinnerte sie sich, was ihr zwei Jahre lang kaum mehr begegnet, – daß sie Mutter war. Sie wandte sich, eilte unter den hängenden Ästen nach dem Schloß zurück und mit flügeljungem Schritt in das Schlafgemach des siebenjährigen Prinzen. Mit keinem andern Gedanken war sie an sein Bett getreten, als ihn auf den Arm und mit sich in den Tod zu nehmen. Doch als sie ihn hier so ruhig schlummern sah, da schien ihr seine süße Kinderstirn wie von einer wundersamen, früher nie gesehenen Hoheit leuchtend; ein anderer Einfall zuckte ihr mit einem Male durch den Sinn und war gleich im Entstehen so mächtig, daß sie den schlafenden Prinzen auf die Arme nahm, mit ihren bloßen Füßen in den Festsaal zurückeilte, wo sie den Fürsten nur ganz allein, waffenlos, das Haar wirr in die Stirn hängend, mit einem ungeheuren Ernst an dem zerstörten, mit halbwelken Blumen bedeckten Tische sitzend fand. Sie wußte in diesem Augenblick, daß er von der gleichen Todessehnsucht erfüllt war wie sie selbst. Als er Dionysia mit dem schlaftrunkenen Prinzen vor sich sah, schaute er sie lange an und fragte nach dem Anlaß dieses sonderbaren Auftretens. Sie hielt ihm das Kind entgegen wie ein kostbares Geschenk und verlangte von ihm, daß er es noch am gleichen Tage zum Erben seines Reiches ernennen solle. Und als er betroffen schwieg, schwor sie im belebenden Frühglanz der neuen Sonne, die eben aufstieg, daß das wollüstig grauenvolle Treiben der letzten Zeit nun ein Ende haben solle, daß sie entschlossen sei, sich von nun an Werken des Wohltuns und der Gesetzgebung zu widmen und an des geliebten Fürsten Seite als treue Gefährtin zu walten. Sie traute sich die Kraft zu, die Schmach der vergangenen Jahre durch den Ruhm der kommenden auszulöschen und wollte sich dafür verbürgen, daß im Gedächtnis des Volkes die Erinnerung jener verflossenen Zeit nur wie die einer bösen Krankheit dumpf fortleben und endlich wie eine Sage erlöschen sollte. Die Erbschaftserklärung an ihren Sohn sollte die letzte Tat der Willkür sein und schien ihr so verzeihlich als geboten, da sie in jedem Sinne nur zum Heile des Landes geschähe. Der Fürst, aufleuchtenden Auges, stimmte zu. Unverzüglich wurde der Rat der Edlen zusammenberufen. In durchglühtem Ernst trug der Fürst seinen Willen vor, und kein Widerspruch wurde laut. Die Neuigkeit wurde im Volke bekanntgemacht, und es war Sorge getragen, daß sie mit Jubel begrüßt würde. Des Abends flammten Lichter in allen Fenstern auf, anscheinend freudig erregte Scharen zogen durch die Straßen, und was man von Reden erlauschen konnte, klang nicht anders, als wäre am heutigen Tag einem geliebten Fürsten von einer edlen Gattin der langersehnte Erbe geboren worden. Zum ersten Male wieder seit langer Zeit ließ Dionysia sich täuschen und hielt die bezahlten oder durch Furcht erzwungenen Freudenäußerungen der lärmenden Menge für die neuerwachte Hoffnung einer herzenswarmen, niemals ganz verloren gewesenen und darum leicht wiedergewonnenen Bevölkerung. Innern Jubels voll trat sie mit dem Fürsten auf den Balkon, vor dem die Menge sich staute. Die Leute riefen nach dem Prinzen immer lauter, als wäre es ihr gutes Recht, den Erben des Reichs an dem großen Tag, da sein erhabenes Schicksal sich entschieden, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Neu beglückt eilte Dionysia nach den Gemächern ihres Sohnes. Es fiel ihr kaum auf, daß die Wache fehlte, die sonst an der Türe zu stehen pflegte. Sie eilte weiter. Da sah sie die Erzieherin des Prinzen gleich einer Betrunkenen am Eingang liegen. Von böser Ahnung erfaßt, stürzte Dionysia ans Bett ihres Sohnes und fand ihn mit gebrochenen Augen, verzerrtem Antlitz, eine tiefe Wunde auf der Stirn, tot auf dem rotdurchfeuchteten Linnen. Nur einen Augenblick stand Dionysia starr, dann ergriff sie den Leichnam ihres Kindes, stürzte mit ihm von Zimmer zu Zimmer, durch Gänge, über Treppen, durchs ganze Schloß, das wie ausgestorben schien, endlich, immer die blutige Leiche des Prinzen auf den Armen, fand sie sich wieder auf dem Balkon, wo der Fürst allein stand, zeigte zuerst ihm, dann der Menge unten das ermordete Kind und rief sie mit dunkel beschwörenden Worten zu furchtbarer Rache auf. Der Fürst aber, als hätte er ein Gespenst gesehen, war sofort von dannen geeilt, Dionysia stand allein, – und unten vor dem Schloß war mit einemmal jeder Laut erstorben. Kein Jammerruf antwortete der klagenden Mutter, kein Schrei der Wut grimmte auf; – als zweifelte keiner, daß ein von Gott, nicht von übelgesinnten Menschen verhängtes Schicksal hereingebrochen wäre, gegen das jede Auflehnung vergeblich, ja frevelhaft wäre, schweigend, geduckt, wie Zeugen eines längst erwarteten Gerichts schlichen alle die Tausende davon und verschwanden im Dunkel der Nacht. Die erneuten Entsetzensschreie Dionysias gellten ins Leere und endlich, mit dem blutigen Kinderleichnam im Arm, sank sie auf die Steinfliesen hin.

Als sie erwachte, war eine große Stille um sie. Sie war allein, und die Leiche des Kindes war fort. Einen Augenblick wollte sie sich einbilden, daß sie aus einem grauenhaften Traum erwacht sei. Der Anblick ihrer blutigen Hände rief sie in die Wirklichkeit zurück. Sie erhob sich, sah um sich und hinab über die Balustrade. Das Morgengrauen schlich trüb über den verlassenen Schloßplatz. Dionysia eilte von Gemach zu Gemach. Kein lebendes Wesen war zu sehen. Keine Wache auf den Gängen, kein Lakai, in den Stallungen kein Pferd und kein Wagen; Dionysia war völlig allein. Wie ein Ort des Fluchs schien das Schloß von allen Atmenden verlassen. Eine Angst ohnegleichen packte Dionysia, und sie wagte nicht, ins Freie zu treten. Da erinnerte sie sich mit einemmal eines unterirdischen Gangs, der von ihrem Schlafgemach aus nach dem fürstlichen Residenzschlosse führte. Durch eine nur ihr bekannte Tür trat Dionysia ins Dunkle, stürmte fort immer geradeaus, mit wändestreifendem Kleid. Allmählich begann mattes Licht um sie her zu spielen, endlos schien der Weg; wie verfolgt jagte sie weiter, bis sie endlich wieder eine Tür erreichte, die sie aufstieß, um plötzlich, wie aus der Wand gespieen, vor dem Fürsten dazustehen, der einsam in dunkler Gewandung vor seinem Schreibtisch saß, auf dem eine Kerze brannte. Er fuhr zusammen, seine Augen flackerten, er versuchte, ein Blatt zu verbergen, das vor ihm lag; sie griff darnach, er ließ die zitternden Hände sinken; – und Dionysia las ihr eigenes Todesurteil, auf dem nichts weiter fehlte als die Unterschrift des Fürsten. Erbärmlicher als sie ihn jemals gesehen, aller Hoheit entkleidet, stand der einst Geliebte vor ihr und stammelte feige, doch verhängnisschwere Worte. Unwiderstehlichen Mächten sei er unterlegen, er war ein Gefangener in seinem eigenen Palast. Schon wäre mit ihren Getreuen die verstoßene Fürstin auf dem Wege hierher, und nur, wenn er seinen Namen unter dieses Urteil setzte, rettete er sich selbst, sein Land, seine Herrschaft und vielleicht sein Leben. Er sei schmerzlich verwundert, Dionysia vor sich zu sehen. Im stillen hätte er gehofft, sie wäre schon auf der Flucht und in Sicherheit. War das Schloß nicht menschenleer gewesen? Hatte sie nicht die Wege frei gefunden nach allen Seiten? Daß sie die Verwirrung der Nacht nicht besser ausgenützt, wäre ihre eigene, unbegreifliche Schuld; und wie mit Absicht hatte sie sich selbst in den sicheren Untergang begeben. Nun aber sollte sie erfahren – und seine Rede klang bestimmter und frecher mit jedem Wort – daß er ein gnädiger Herr sei: er werde nicht, wie sie wohl zu fürchten allen Anlaß hätte, nach der Wache rufen, nein, er stelle es ihr vielmehr frei, sofort wieder durch die gleiche Tür zu verschwinden, aus der sie eben gekommen war, den Tag über sich in dem unterirdischen Gang aufzuhalten und bei Anbruch der Nacht ihn von der anderen Seite wieder zu verlassen. Er werde sie nicht ausliefern, ja sogar dafür Sorge tragen, daß das Lustschloß heute den ganzen Tag verlassen bleibe; nach Ablauf dieser Frist aber möge sie fliehen, so rasch und so weit ihre Füße sie trügen. Und am Ende gab er ihr sein fürstliches Wort, daß sie bis dahin vor jeder Verfolgung werde sicher sein.

Dionysia ließ ihn reden und sah ihm während der ganzen Zeit starr in die Augen, die von ihrem kalten Blick immer wieder abglitten. Dann, ohne ein Wort der Erwiderung, schritt sie an dem jäh Erblassenden vorbei, stieß die Türe zum Vorsaal auf, und zwischen den Wachen, die regungslos standen, über die marmorne Treppe hinab, durch das hohe Schloßtor, dann durch die Straßen der Stadt, an den Menschen vorbei, die sie erkannten, und scheu vor ihr abrückten, wie vor einer Gezeichneten – in blutigem Kleid, mit halbgeschlossenen, gerade vor sich hin gerichteten Augen schritt sie dahin. Bis ans Stadttor waren ihr einige, dann aber immer mehr Leute in furchtsam gemessener Entfernung gefolgt. Hier aber wandte Dionysia sich um; mit einer gebieterischen Bewegung ihrer blutigen Hände verbot sie jenen, ihr weiter zu folgen, und nun, in lauer Frühlingsluft, zwischen gelben Feldern, die im Morgenglanz wogten, nahm sie tief atmend den Weg nach Hause.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.