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Die Hirtenflöte

Arthur Schnitzler: Die Hirtenflöte - Kapitel 5
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authorArthur Schnitzler
titleDie Hirtenflöte
publisherFischer Verlag A.-G.
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firstpub1922
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V.

In einem weißen geräumigen Zimmer erwachte sie. Eine Wartefrau saß ihr zu Häupten, von ihr erfuhr sie, daß sie aus dem Gefängnis hierher gebracht worden und viele Tage ohne Bewußtsein gelegen sei. Zugleich hörte sie, daß der Aufruhr im Lande niedergeworfen war, daß viele der Schuldigen im Kerker schmachteten und einige hingerichtet worden waren. Und endlich erzählte ihr die Wärterin, daß ein junger gräflicher Offizier für sie die Haftung übernommen hätte, da es ihm nach ihrem ganzen Aussehen zweifellos erschienen, daß sie unverschuldet und nur durch eine sonderbare Fügung unter die Aufständischen und Gefangenen geraten war; und mit bedeutungsvollem Lächeln fügte die Wärterin hinzu, daß der Graf täglich käme, sich nach ihr zu erkundigen, oft lange Zeit an ihrem Bett verweilt und sie bewegt betrachtet hätte. Ein alter Arzt trat ins Krankenzimmer, zeigte sich nicht sonderlich erstaunt, Dionysia bei Bewußtsein zu finden, da er diesen Umschwung für den heutigen Tag erwartet hätte, nahm eine Untersuchung der Leidenden vor, vermied mit deutlicher Absicht jede Frage nach Dionysias Herkunft und Schicksal und stellte baldige vollkommene Genesung in Aussicht. Dann erhob er sich, verabschiedete sich mit auffallender Höflichkeit und traf am Ausgang mit einem jungen Mann in glänzender Uniform zusammen, dem er freundlich, aber bestimmt, den Eintritt zu verweigern schien, worauf sich hinter beiden die Türe schloß. Doch hatte Dionysia Zeit genug gehabt, einen lebhaften Blick aus hellen Mannesaugen aufzufangen, und sie erinnerte sich wie aus einem Traum, daß diese selben Augen auf ihr geruht hatten, als sie fiebernd und sinnverlassen zwischen ragenden Lanzen durch hallende Straßen in das Gefängnis geführt worden war.

Von Tag zu Tag fühlte sie sich kräftiger werden; allmählich stellte sich auch wieder die Klarheit des Denkens ein, und noch immer sah sie niemanden, außer der Wärterin und dem Arzt, der in einer gewissen vertraulichen Weise auf geheime Freunde anspielte, die an dem Geschick der Kranken wärmsten Anteil nähmen, denen aber gerade in diesen Tagen der fortschreitenden Genesung der Zutritt strenge verwehrt sein müßte. Dionysia hörte all dies mit Gleichgültigkeit an. Sie war entschlossen, sobald sie sich völlig gesund fühlte, die so schlimm unterbrochene Reise nach ihrer Heimat fortzusetzen, vor ihren Gatten hinzutreten, ihm ihre Schicksale zu berichten und ihn zu fragen, ob er sie, seines Wortes eingedenk, trotz allem, was ihr widerfahren, in seinem Hause wieder aufnehmen wollte. Doch fühlte sie auf dem Grunde dieses Vorsatzes mehr Neugier als Sehnsucht, und ein Wiedersehen mit Erasmus lockte sie wie ein neues Abenteuer, nicht als der Abschluß ihres wechselvollen Wanderlebens.

Am Morgen, da sie sich zum erstenmal aus dem Bett erhoben hatte, von dem Balkon ihres Krankenzimmers in ein Gärtchen hinuntersah, und ihre Blicke weiter hinaus über die zerstampften und erstickten Felder schweifen ließ, trat der junge Graf bei ihr ein und entschuldigte sich vor allem wegen der Verfügungen, die er wohl in bester Absicht, doch ohne jede Ermächtigung zu treffen sich erlaubt hätte. Dionysia dankte ihm lebhaft, doch ohne Verwunderung und erklärte nur so vieler Freundlichkeit gegenüber sich zur Mitteilung verpflichtet zu fühlen, wem man sie erwiesen. Aber einer plötzlichen Eingebung folgend, nannte sie einen Namen als den ihren, den sie nie geführt, als Wohnort eine kleine Stadt, in der sie nie geweilt, und teilte ihrem Gatten einen Beruf zu, den jener niemals ausgeübt hatte. Mit einer ihr selbst erstaunlichen und neuen Freude am Lügen, die sie im Anhören ihrer eigenen Worte wachsen fühlte, erzählte sie, wie sie auf dem Gut von Freunden zu Gast gewesen und auf der Rückreise von einer aufrührerischen Horde aus dem Wagen gerissen und beraubt, ihr Leben nur hätte retten können, indem sie sich als geheime Anhängerin der Aufständischen bekannte; wie sie nun tagelang mit jenen fürchterlichen Menschen in der Irre umhergezogen wäre und endlich unschuldig und gezwungen deren Schicksal hätte teilen müssen. Nun aber war es an der Zeit heimzukehren, und so müßte ihr Dank zu gleicher Zeit ihren Abschied bedeuten.

Der junge Graf war betrübt, doch schien er in seine zurückhaltende Rolle so eingewöhnt oder von Natur so schüchtern, daß er keinen Widerspruch versuchte und sich nur als letzte Erlaubnis erbat, Dionysia einen guten Wagen für die Reise zu besorgen. Sie wiederum, so sehr sie sich auch sehnte von der dunklen und bebenden Stimme des Grafen zärtlichere Worte zu vernehmen, fand soviel Vergnügen an ihrer ihr selbst neuen Verstellungskunst, daß sie wie in überströmender Dankbarkeit des Grafen Hand ergriff und ihn mit Augen anblickte, die sie, wie sie mit Befriedigung merkte, je nach Willen in feuchtem Glanze aufleuchten oder trüb konnte verlöschen lassen. Gleich nachdem der Graf sich entfernt hatte, traf sie Anstalten zur Abreise. Der Arzt kam, schien über ihr Beginnen unwillig und versicherte, keinerlei Bürgschaft übernehmen zu können, ob sie nicht etwa die Reise gleich würde unterbrechen und dann in irgendeinem schlechten Wirtshaus tage- und nächtelang krank liegen müssen. Dionysia, wohl merkend, daß der Arzt mit dem jungen Grafen im Einverständnis handelte, spielte zuerst die Widerstrebende, dann die Zögernde und versprach am Ende seufzend, sich Anordnungen zu fügen, deren vernünftiger Begründung sie sich nicht verschließen könnte. Am Abend kam der junge Graf wieder und schlug Dionysia vor, da die Abreise nun doch einmal hinausgeschoben wäre, sie möge bis zum Eintritt ihrer vollkommenen Genesung ein bescheidenes ihm gehöriges in frischer Waldluft gelegenes Jagdhäuschen bewohnen. Eine Dame vom besten Ruf werde ihr als Gesellschafterin zur Seite gegeben werden, um jede üble Nachrede von Anbeginn auszuschließen. Dionysia entgegnete, daß sie selbst sich Sicherheit und Bürgschaft bedeute, erklärte aber, die Einladung des Grafen nur dann annehmen zu dürfen, wenn er sich verpflichtete, das Jagdhaus während der Dauer ihres Aufenthaltes überhaupt nicht zu besuchen. Er neigte das Haupt tief wie zum Zeichen völliger Unterwerfung, sie aber hielt sich in diesem Augenblick nur mit Mühe zurück, die Arme nach ihm auszustrecken und ihn an ihre Brust zu ziehen.

Am nächsten Morgen bezog sie das Jagdhaus, das einfach und wohlgehalten zwei Stunden von der Stadt entfernt in laubdunkler Einsamkeit dalag. Ein hübsches Bauernmädchen war zu Dionysias Empfang und weiterer Bedienung anwesend und verhielt sich still und gefällig. Die Speisen waren wohlschmeckend und trefflich bereitet, das Bett köstlich und weich. Auf den gut gehaltenen Wegen unter hohen kühlen Wipfeln erging sich Dionysia ungestört wie in einem abgeschlossenen Park. Oft lag sie stundenlang auf freiem Wiesenplatz, die Arme unter dem Haupt verkreuzt, die halbgeschlossenen Augen im schwindenden Blau des Himmels verloren. Schmetterlinge, vorüberflatternd, berührten ihre Stirn, der kühle Atem des Waldes strich über ihre Lider und Haare hin, und aller Lärm der Welt verklang in fernen Gründen.

Eines Morgens, da Dionysia das Haus verlassen wollte, zogen schwere Wolken auf und blieben dunkel schweigend über den Wipfeln hängen. Dionysia ging in den niedern Zimmern hin und wieder, spazierte vor der Tür auf und ab, und eine wehe Beklommenheit stieg in ihrer Seele auf. Zu Mittag rührte sie die Speisen nicht an, das Mädchen fand sie am gedeckten Tisch in Tränen, erhielt auf seine Fragen keine Antwort; und erschrocken sandte es in die Stadt nach dem Grafen, der ihm die Obhut über die schöne Frau anvertraut hatte. Am späten Abend, während ein schwül hingezögertes Gewitter mit Hagel, Donner und Blitz endlich niederging, trat so unerwartet als ersehnt der junge Graf ins Zimmer, und sein Glück war ohne Maß, als Dionysia, die er als eine Verstörte oder neuerdings Erkrankte zu finden gefürchtet, mit glanzhellen Augen und jauchzender Begrüßung an seine Brust stürzte.

Doch noch im Dämmer derselben Nacht, in der sie sich ihm gegeben, versicherte ihm Dionysia, daß diese erste zugleich die letzte bedeuten müsse. Der Graf in der rasch erwachten eifersüchtigen Neugier des Besitzenden drang auf Erklärung. Dionysia darauf in einem unbezwinglichen Drang, den Geliebten zu quälen, gab vor, ihr sei mit einem Male, als hätte sie in jener furchtbaren Nacht vor den Toren der ummauerten Stadt, schon vom dumpfen Fieber befallen, mit Schaudern, aber wehrlos, nicht einem, sondern vielen ihrer wilden Gefährten angehört; ließ aber zugleich die Möglichkeit bestehen, daß all dies nur ein grauenhafter Traum gewesen sein mochte, der nun in der Erinnerung wie eine unerträgliche Wahrheit sie bedrücke. Der junge Graf fiel in Verzweiflung, von der tiefsten Verzweiflung in neue Lust, von der höchsten Lust in tolle Raserei, schwur, die Geliebte auf der Stelle zu töten, und flehte sie am Ende doch an, ihn nur nicht zu verlassen, da ein Dasein ohne ihren Besitz ihm von dieser Stunde an nutzlos und elend dünkte.

Dionysia blieb. Und bald war ihre Seele dem Grafen so völlig hingegeben, daß sie all ihrer Lügen sich zu schämen, ja unter ihnen zu leiden begann und endlich den Wunsch in sich aufsteigen fühlte, dem Geliebten die wahre Geschichte ihres Lebens mitzuteilen, was sie nun aber wieder, in Angst durch dieses späte Geständnis neues Mißtrauen zu erwecken, von einem Tag zum andern hinausschob.

Da erschien an einem regenschweren Herbsttag ein reitender Bote mit der Kunde, daß an der Landesgrenze eine längst erwartete Bewegung des Nachbarheeres immer drohender sich ankündigte, und wies einen Befehl vor, demgemäß der Graf sich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden an die Spitze seines Regiments zu stellen hätte. Sobald der Bote wieder davon gesprengt war, erklärte Dionysia dem Geliebten, daß sie in keinem Fall von seiner Seite weichen werde und unwiderruflich gesonnen sei, in Männerkleidung mit ihm in den Krieg zu ziehen. Der junge Graf, ergriffen und beglückt, versuchte Dionysia zuerst die Unmöglichkeit eines solchen Beginnens vor Augen zu stellen; doch als sie ihm zuschwor, daß sie schlimmstenfalls auch gegen seinen Willen, ja im Troß des Heeres ihm und seinem Schicksal zu folgen entschlossen sei, verließ er noch am gleichen Tage mit ihr das Jagdhaus, begab sich mit ihr in die Stadt, erbat eine Audienz beim Fürsten und trug diesem, ihm seit jeher wohlgewogenen Herrn ehrerbietig den Fall zur Entscheidung vor. Der Fürst, selbst einer jungen und edlen Frau vermählt, seinem Wesen nach so leicht erzürnt als begeistert und von jeder Art von Seltsamkeit rasch gefangen, fand in so unruhigen Zeitläuften gegen die Ausführung eines wohl abenteuerlichen, doch heldenhaften Planes nichts einzuwenden, und so geschah es, daß am nächsten Morgen Dionysia in kriegerischer Gewandung, aber nicht unerkannt, vielmehr mit Hochachtung und Teilnahme angesehen, an ihres Geliebten Seite aus dem Tor der Stadt durch das aufgeregte Land an die Grenze und dort früher als sie geahnt mitten in ein Gefecht sprengte, das, von ihren Sinnen kaum begriffen, wie eine zerrissene rote Wolke um ihre weiße Stirn und ihren leuchtenden Degen trieb.

Der Krieg nahm seinen blutig-wechselvollen Gang. Dionysia zog an ihres Geliebten Seite weiter in die feindlichen Gauen, ruhte auf verwüsteter und verbrannter Erde, wurde von Trompeten in die Schlacht gerufen, sah Getroffene neben sich zu Boden sinken und lag selbst mit einer Schläfenwunde durch manche Tage und Nächte unter Stöhnenden und Sterbenden in einem wankenden Barackenbau. Sie genas; fand den Geliebten, von dem sie ohne jede Nachricht geblieben war, am Vorabend eines entscheidungsvollen Tags, mit kaum verheilten Wunden gleich ihr, doch schon zu neuen Wagnissen gerüstet, an der Spitze seiner zusammengeschmolzenen Truppen wieder, ritt im Morgengrauen an seiner Seite ins feindliche Gewühl, hatte gleichen Anteil mit ihm an Gefahr und Ehre und trug eine mit ihm gemeinsam erbeutete Fahne in das siegreiche Lager heim. In der Nacht, die diesem Tage folgte und die dunkel und schwül war unter der doppelten Finsternis eines sternenlosen Himmels und eines faltenschweren Zelts, schlief Dionysia zum ersten Male wieder seit Beginn des Kriegs an der Seite des jungen Grafen als sein Weib; am Morgen aber traten sie beide als Kampfgefährten ins Freie, begrüßt von den siegesfrohen Stimmen ihrer Kameraden. Beruhigter Sonnenglanz lag über der Ebene, und draußen im Feld, inmitten wehender Helmbusche und funkelnder Degenspitzen, ahnte man des Fürsten leuchtende Nähe. Da mit einem Male statt der erwarteten Friedensbotschaft tönten die wohlbekannten Zeichen nahenden Angriffs. Hinter einem geringen Hügel stiegen Staubwolken auf, rückten näher, Hörner und Pfeifen klangen, und auf schwarzen Rossen stürmte eine Schar toller Reiter heran. Die so unvermutet Angegriffenen waren rasch zu heftiger Verteidigung bereit, doch zeigte sich bald, daß ihnen nur ein kleiner Trupp tollkühner Jünglinge entgegenstand, entschlossen, statt einen schimpflichen Frieden anzunehmen, ein letztes Mal für ungeheuren Gewinn ihr Leben einzusetzen. Doch da ihre Genossen hinter ihnen zögerten, waren sie nach kurzer Frist umzingelt und bis auf den letzten Mann niedergehauen. Aber nicht wohlfeil hatten sie ihr Dasein dahingegeben: unter denjenigen, die ihr verzweifelter Ansturm zu Boden geworfen hatte, lag auch der junge Graf. Dionysia bettete sein wundes Haupt auf ihre Knie; und während sein letztes Blut über ihre regungslosen Finger floß, winkten die weißen Fahnen rings auf den Höhen, Trompetenstöße kündeten die Einstellung der Feindseligkeiten, und als des Geliebten Augen brachen, schallte an Dionysias Ohr die jauchzende Kunde des endlich errungenen Friedens. In ihrer Nähe aber dämpfte auch der lauteste und froheste Jubel sich ab. Immer weiter von ihr wich der Kreis der Frohen und Glücklichen. Selbst der Fürst, der zur Mittagszeit herbeigeritten kam, grüßte nur aus achtungsvoller Entfernung die Regungslose, die in kriegerischer Rüstung dasaß, doch ohne Helm, und mit gelöstem Haar, das über ihres toten Geliebten Antlitz dahinfloß, wie ein blau-schwarzes Leichentuch. Erst als der Abend gekommen war, erhob sie sich, faßte den teuern Leichnam um den Leib, und mit übermenschlicher Kraft band sie ihn in seiner vollen Rüstung auf den Sattel seines Rosses fest. Dann bestieg sie das ihre, spornte es an; das andere, im Sattel seinen toten Herrn, blieb nach alter Gewohnheit ihr zur Seite; und so ritt das seltsame Paar stumm und abseits, von den heimwärtsziehenden Kriegsscharen, denen es vorbeisprengte, mit staunendem Grauen betrachtet, durch das besiegte Feindesland der Heimat zu. Als Dionysia aber der Stadttürme ansichtig ward, nahm sie den wohlbekannten Seitenweg zu dem kleinen Jagdhaus, das mit offener Tür, doch ganz verlassen, ihrer zu warten schien; dort schwang sie sich vom Pferd, löste den toten Gefährten vom Sattel, bereitete ein Grab, bettete den Geliebten darein mit Degen, Panzer und Helm und schaufelte die Erde über dem Leichnam wieder zu. Erst als sie diese Arbeit getan hatte, legte sie ihre Rüstung ab und sank in einen tiefen langen Schlaf von drei Tagen und drei Nächten. Als sie erwachte, stand die Mutter des jungen Grafen ihr zu Häupten, tränenlos, und küßte die Hände, die ihres Sohnes Grab gegraben.

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