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Die Hirtenflöte

Arthur Schnitzler: Die Hirtenflöte - Kapitel 4
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authorArthur Schnitzler
titleDie Hirtenflöte
publisherFischer Verlag A.-G.
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firstpub1922
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IV.

Die Bewegung, die an dem Orte, dem Dionysia den Rücken wandte, niedergeworfen schien, war nach anderen, näheren und ferneren, um so entschiedener weitergerückt, ergriff immer neue Kreise, verbreitete sich durch das ganze Land, so daß bald nicht nur die Arbeiter gegen die Fabrikherren, sondern auch die Armen gegen die Begüterten, die Abhängigen gegen die Freien, die Bürger gegen den Adel in Aufruhr standen. So geschah es, daß Dionysia schon am dritten Tag ihrer Wanderung in eine Art von Feldlager geriet, unter eine Rotte von Männern, Frauen, Halberwachsenen, Kindern, die zum Teil mit den sonderbarsten Waffen versehen waren. Man hielt die wohlgekleidete Reisende an; sie erklärte, daß sie auf dem Weg nach ihrer Heimat begriffen sei, und, wie sie leicht beweisen konnte, nicht mehr Geldes bei sich trug, als für die notwendigsten Bedürfnisse eben ausreichte. Ein älterer Mann, der sich ihrer gleich gegen die unziemlichen Späße der Jüngeren angenommen, gab ihr zu bedenken, daß die Straßen unsicher wären, und sie am Ende froh sein müßte, gerade hier angehalten worden zu sein, wo trotz aller erlittenen Unbill die Sehnsucht nach Rache noch nicht in blindwütige Zerstörungs- und Mordlust ausgeartet wäre. Er riet ihr, vorläufig hier Rast zu halten, wo man sie bis auf weiteres jeden Schutzes versichern wollte, statt eine Reise fortzusetzen, auf der ihr, als einer allein wandernden schönen jungen Frau nicht allein die Gefahr des Todes drohen mochte. Dionysia gehorchte dem Rat um so williger, als sie unschwer vorhersehen konnte, wie übel man einen Widerstand aufnehmen würde, und merkte bald, daß sie sich wohl unter entschlossenen, doch nicht unbesonnenen Menschen befand. Es waren Bergleute, die ihr Leben bis vor wenigen Tagen in der Düsternis und dem Todesatem ungeheurer Gruben verbracht hatten, und die ganze nachtgewohnte Schar, als hätte das Licht des Himmels ihr Blut und Sinne berauscht, war der kühnsten Hoffnungen voll. Sie rechneten alle auf die Niederlage der Mächtigen, denen sie bisher Frondienst geleistet, auf die Einsicht und Bundesbrüderschaft der Vernünftigen und auf das Erstehen eines Reichs der Gleichheit und Gerechtigkeit. Dionysia aber, als fühlte sie sich durch höhere Fügung an den ihr angemessenen Ort gestellt, gab sich als Gleichgesinnte zu erkennen und erklärte sich bereit, mit ihren neuen Gefährten zu tragen, was diesen bestimmt sein mochte, Sieg oder Untergang.

Die erste Nacht schlief sie unbehelligt in dem abgeschiedenen Lager der Frauen und Kinder. Am nächsten Tag hielten die Männer Beratung ab; und bald schwirrte es rings von Widerspruch und Streit. Die einen hielten es für das klügste, mit den zaggewordenen Behörden in Unterhandlungen einzutreten, andere, ungeduldig, schlugen vor, ohne weiteren Aufschub in die nächste Stadt nach Feindesart einzubrechen. Am Ende wurde beschlossen, Leute nach benachbarten aufständischen Gruppen auszusenden, um vorerst zu erfahren, wie da und dort die Dinge stünden. Die Boten gingen, keiner von ihnen kam abends wieder, keiner am nächsten Morgen. Die Zurückgebliebenen ahnten Schlimmes. Zu Mittag setzte sich der ganze Haufe in Bewegung, Männer, Frauen und Kinder. Am Horizont erschienen Rauchsäulen und roter Feuerschein. Man durchwanderte eine weite, kahle Ebene, wo es an Wasser und Nahrung mangelte. Man zog durch armselige, beinahe menschenleere Dörfer, brach in Keller und Gehöfte ein, wo Weine und Eßwaren, freilich nicht in ausreichendem Maße, erbeutet wurden. Durstige fielen über Berauschte, Hungrige über Gesättigte her. Die Ordnung war aufgelöst, Frauen und Männer lagerten in der Nacht durcheinander. Ein junger, hagerer Mensch, der sich Dionysia schon auf der Wanderung angeschlossen hatte, näherte sich ihr, zog sie mit sich, und im Gebüsch umschlang er sie mit gierigen Armen. Sie gehörte ihm diese eine Nacht, am Morgen darauf kannte er sie nicht mehr, und auch er verschwand für sie als ein Gleichgültiger in der Menge. Die Wanderung ging weiter, an rauchigen Gehöften und niedergebrannten Dörfern vorbei, durch ausgestorbenes und verwüstetes Land. Endlich machte die Schar Halt vor den dunklen schweigenden Mauern einer Stadt mit verschlossenen Toren. Niemand wußte, was der morgige Tag bringen konnte; Himmel und Erde hüllten sich in Geheimnis; keine Fackel wurde entzündet, Schweigen lastete über der dunklen Menge. Plötzlich aus der Finsternis tönte ein schrilles Lachen, als gälte es, das Furchtbare zu durchbrechen, das nicht länger zu ertragen war. Dem Lachen folgte ein wütender Schrei, dem Schrei ersticktes Stöhnen, wehes Heulen und wieder Gelächter. Männer und Frauen hatten sich durcheinander, aneinander gedrängt, jeder nahm, die ihm am nächsten war, keine leistete Widerstand; denn alle wußten mit einem Mal, daß morgen alles zu Ende war. Dionysia wurde von einer ungeheuren Angst erfaßt. Es gelang ihr, zwischen gierig greifenden Händen, heißtrockenen Atemzügen immer weiter hindurchzufliehen und endlich zu entkommen. Die ganze Nacht kauerte sie, in ihren zerrissenen Mantel gehüllt, im Schatten eines Mauervorsprungs, wo das Stöhnen und Schreien und Lachen nur heiser und verhallend zu ihr drang. Plötzlich, im ersten Morgengrauen, sprangen die Tore der Stadt auf. Bewaffnete stürmten hervor, fielen über die Ermatteten, Verwüsteten, Schlaftrunkenen, über Männer und Weiber her, hieben sie zusammen und jagten, was je nach Laune ihr Mordstahl verschonte, in die Stadt hinein. Dionysia war unter diesen; und schon bei Sonnenaufgang lag sie mit Hunderten anderer Frauen in einem Festungshof hinter zugeschmettertem Tor. Das Fieber schüttelte sie, sie verfiel in wüste, unfaßbare Träume, endlich verließen sie die Sinne.

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