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Die Hirtenflöte

Arthur Schnitzler: Die Hirtenflöte - Kapitel 2
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authorArthur Schnitzler
titleDie Hirtenflöte
publisherFischer Verlag A.-G.
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firstpub1922
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II.

Der junge Hirte, der unter einem Baum liegend durch die Blätter zum Blau des Himmels emporgeblinzelt hatte, ließ die Flöte von den Lippen sinken, als er ein Rauschen in seiner Nähe vernahm. Er war nicht wenig erstaunt, da er eine junge Frau im weißen, wallenden Nachtgewand mit bloßen Füßen vor sich im Moose stehen sah. »Was willst du?« fragte er. »Warum blickst du mich so böse an? Ist es etwa nicht gestattet, hier zu früher Stunde Flöte zu blasen? Habe ich dich aus deinem Morgenschlummer erweckt? So wisse, ich bin es gewohnt, mit der Sonne aufzustehen und zu blasen, wann es mir beliebt. Und dabei wird es bleiben, das glaube mir.« Mit diesen Worten schüttelte der Hirte das Haupt, so daß die Locken flogen, streckte sich wieder der Länge nach hin, blinzelte in die Höhe und setzte die Flöte an den Mund.

»Wer bist du?« fragte Dionysia bewegt.

Ärgerlich setzte der Jüngling die Flöte ab und erwiderte: »Es dürfte nicht schwer zu merken sein, daß ich ein Hirte bin.« Und er blies weiter.

»Wo ist deine Herde?« fragte Dionysia.

»Siehst du es nicht dort zwischen den Baumstämmen weiß zu uns herschimmern? In jener Lichtung weiden meine Schafe. Aber ich rate dir nicht, nahe hinzugehen, denn sie sind scheu und fliehen nach allen Windrichtungen, wenn sie Fremde in ihrer Nähe spüren.« Und wieder wollte er die Flöte an seine Lippen setzen.

»Wie kommst du in diese Gegend?« fragte Dionysia. »Ich kenne dich nicht.«

Jetzt sprang der Jüngling auf und erwiderte zornig: »Ich ziehe mit meiner Herde durch das ganze Land. Den einen Tag bin ich hier, den zweiten dort, den dritten anderswo, und daher habe ich schon allerlei erlebt. Aber das ist mir wahrlich noch nie vorgekommen, daß in aller Morgenfrühe Damen im Nachtgewand vor mir im Moose stehen und mich um Dinge fragen, die sie nichts kümmern, just wenn ich die Flöte blasen und in die junge Sonne blinzeln will.« Er maß Dionysia verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen, setzte die Flöte an den Mund und spazierte blasend davon der schimmernden Lichtung zu. Da schämte sich Dionysia ihrer bloßen Füße und ihres Nachtgewandes, und sie wandte sich, um nach Hause zu gehen. Während aber die Töne immer ferner klangen, fuhr es ihr durch den Sinn: der freche Knabe! Ich möchte seine Flöte zerbrechen. Und es fiel ihr ein, daß sie nicht das Recht hatte nach Hause zurückzukehren, ehe sie diesem Wunsche nachgegeben, und eilends folgte sie den Flötentönen durch den Wald. Das Geäst schlug über ihrer Stirn zusammen, die Blätter blieben ihr im offenen Haar hängen und Wurzelwerk schlang sich um ihre Füße. Sie aber kehrte sich nicht daran, brach die Zweige, die ihrem Schreiten hinderlich waren, mit ihren feinen Fingern, entwand sich dem Erdgeflecht und schüttelte die Blätter aus ihrem Haar. Als sie aus dem Wald heraustrat, senkte sich die grüne Wiese vor ihr mit blauen, roten und weißen Blumen, und jenseits, wo der Wald wieder anfing, stand der Hirt mitten unter seinem schimmernden Getier, und seine Locken leuchteten im Sonnenglanz. Er sah Dionysia herankommen, runzelte die Brauen und wies die Nahende mit befehlender Gebärde von dannen. Sie aber ließ sich nicht abhalten, schritt gerade auf ihn zu, nahm dem Staunenden die Flöte aus der Hand, brach sie entzwei und schleuderte ihm die Stücke vor die Füße hin. Jetzt erst schien er zur Besinnung zu kommen, packte Dionysia an den Handgelenken und wollte sie zu Boden werfen. Sie wehrte sich, stemmte sich ihm entgegen, seine Augen glühten zornig in die ihren, sein hastender Atem fauchte ihr über die Stirn. Er preßte die Lippen zusammen, sie lachte: plötzlich ließ er ihre Hände frei und umfaßte ihren Leib mit beiden Armen. Heftig wallte es in ihr auf, und sie wollte sich ihm entreißen. Aber da er sie immer mächtiger an sich heranzog, drängte sie selbst sich ihm entgegen, ermattete, sank aufs Gras und mit ungeahnter Wonne gab sie sich seinen grimmigen Küssen hin. –

Manche Tage wandelte sie nun mit dem Hirten und seiner Herde durchs freie Land. In den heißen Mittagsstunden ruhten sie im Schatten der Bäume, nachts schliefen sie auf einsam weiten Auen. Die Herde, sonst gewohnt einem Flötenspiel zu folgen, das nun für immer verstummt schien, verlief sich allmählich, und am Ende hüpfte nur mehr ein kleines Lämmchen neben dem Paare einher.

Da kam nach hundert Sonnentagen und hundert Sternennächten an einem trüben Morgen ein rauher Wind über die Wiese gesaust, auf der die Liebenden geschlafen hatten, und Dionysia erwachte schaudernd. »Wach auf,« rief sie über den Hirten hin, »erhebe dich, mich friert. Fern im Morgennebel sehe ich Häuser liegen; hier läuft der Weg hinab, gehe rasch, kaufe mir Schuhe, Kleid und Mantel.«

Der Hirte stand auf, trieb das letzte Lämmchen vor sich her, verkaufte es in der Stadt, und für den Erlös brachte er Dionysia, was sie gewünscht hatte. Als Dionysia neu gekleidet war, streckte sie sich wieder auf den Boden hin, kreuzte die Arme über ihrem Haupt und sagte: »Nun möchte ich gerne wieder einmal etwas auf der Flöte spielen hören.«

»Ich habe keine Flöte mehr,« erwiderte der Hirte. »Du hast sie mir zerbrochen.«

»Du hättest sie fester halten sollen,« erwiderte Dionysia. Dann sah sie um sich und fragte: »Wo ist denn unser silberwolliges Gefolge?«

»Es hat sich verlaufen, da es mein Flötenspiel nicht mehr hörte,« antwortete der Jüngling.

»Warum hast du nicht besser achtgegeben?« fragte Dionysia.

»Ich habe mich um nichts gekümmert als dich,« erwiderte der Jüngling.

»Heute Morgen sah ich ja noch ein Lämmchen neben uns ruhn.«

»Das hab ich verkauft, um dir Schuhe, Kleid und Mantel zu bringen.«

»Wärst du mir nicht gehorsam gewesen,« sagte Dionysia ärgerlich, erhob sich und wandte sich ab.

»Wohin willst du denn?« fragte der Hirte schmerzlich erstaunt.

»Nach Hause,« erwiderte Dionysia, und sie fühlte ein leises Sehnen nach Erasmus.

»Das ist ein weiter Weg,« sagte der Hirt, »allein findest du nicht zurück, ich will dich begleiten.«

»Das könnte mir fehlen, daß ich den weiten Weg zu Fuße gehe.«

In diesem Augenblick fuhr unten auf der Landstraße ein Wagen vorüber. Dionysia rief laut und winkte mit der Hand. Aber der Kutscher kümmerte sich nicht darum, hieb auf die Pferde ein und trieb sie vorwärts. Dionysia rief noch lauter. Da neigte sich jemand aus dem Wagenfenster und wandte sich nach der Richtung, aus der die Stimme tönte. Als er der schönen Frau gewahr wurde, befahl er dem Kutscher zu halten, stieg aus dem Wagen und ging Dionysia entgegen, die die Wiese heruntereilte.

»Was willst du?« fragte er. »Warum hast du gewinkt und gerufen?«

»Ich bitte dich,« erwiderte Dionysia, »gönne mir einen Platz in deinem Wagen und führe mich in meine Heimat.« Und sie nannte ihm den Ort, wo das Haus ihres Gatten stand.

»Gern will ich deinen Wunsch erfüllen, wunderschöne Frau,« erwiderte der Fremde, »aber es ist weit in deine Heimat, und da ich eben erst von einer Reise heimkehre, muß ich auf einen Tag nach Hause, um nach meinen Geschäften zu sehen. Doch sollst du mir in meinen Räumen willkommen sein, und ehe du dich auf die Heimreise begibst, dürfte ein Tag und eine Nacht der Ruhe dich wohl erquicken.«

Dionysia war es zufrieden, der Reisende öffnete höflich den Wagenschlag, ließ die junge Frau einsteigen, die sich in die Ecke lehnte, ohne sich noch einmal umzuwenden und nahm an ihrer Seite Platz. Die Kutsche setzte sich in Bewegung. Sie fuhr zuerst auf der Landstraße zwischen grünem Gelände, dann zwischen kleinen wohlbehaltenen Häusern weiter.

»Wo sind wir?« fragte Dionysia.

»Was du hier siehst,« erwiderte der Fremde, »ist alles mein. Ich baue Maschinen für das ganze Land, und in den Dörfern, durch die wir fahren, wohnen die Arbeitsleute, die mir dienen.« Während er diese Worte sprach, betrachtete Dionysia ihn aufmerksamer, und sie sah, daß seine schmalen Lippen von verhaltener Kraft schwollen und seine hellen Augen stolz und wie unerbittlich vor sich hinblickten.

Mit Anbruch der Nacht hielt die Kutsche vor einem schloßartigen Gebäude. Das Tor öffnete sich. Eine marmorweiße Halle strahlte von vielen Lichtern wieder. Auf den Ruf ihres Herrn erschien das Mädchen, geleitete Dionysia in ein behaglich ausgestattetes Gemach, war ihr beim Auskleiden behilflich und wies ihr dann den anstoßenden kristallblauen Raum, wo ein Bad bereitet war, in dessen laue Fluten Dionysia mit Behagen tauchte. Nachher erschien das Mädchen wieder und fragte Dionysia, ob sie allein oder in Gesellschaft des Herrn zu speisen wünsche. Dionysia erklärte, heute für sich bleiben zu wollen, denn schon wußte sie, daß sie lange genug hier verweilen würde, um ihren Gastgeber so nahe kennen zu lernen, als es sie gelüstete. –

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