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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 9
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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IV.
Negertheater

Was ich mir vorstelle, als ich auf der anderen Seite des Felsmassivs der Columbia-Universität nach der Ostseite niedersteige, ist ungefähr folgendes: »Ich werde also in einer Loge ersten Ranges Platz nehmen. Selbstverständlich wird man mich ungeheuer aufmerksam bedienen; ich werde Mittel- und Brennpunkt des schwarzen Interesses sein. Man wird mir meine Gebärden ablauschen und sie kopieren . . . Schmolle ich über das Dargebotene, so wird man reihenweise geknickt sein und ebenfalls mit Beifall kargen. Jauchze ich auf, so wird man mitjauchzen. Ich werde sozusagen Erfolg oder Mißerfolg in der Tasche haben, je nachdem ich mich benehme.« So denke ich in meiner Harmlosigkeit, doch es soll anders kommen.

Ich trete in ein Theater ein, das sich in nichts, aber auch in gar nichts von einem anderen Theater in New York unterscheidet. Ein betreßter, in überreiche Livree eingekleideter Afrikaner, der durch jede Bewegung unangebrachten Kraftüberschuß verrät, nimmt mir das Billett ab mit einem Lächeln, das einen weiten Horizont elfenbeinerner Zähne erschließt, und öffnet mir das Türchen zur Loge. Liebenswürdige Bereitwilligkeit, mild gemischt mit Erpichtheit auf ein Trinkgeld, spricht aus seinem Gehaben. Er gleicht durchaus einem weißen Bruder in Livree. Ich nehme auf einem Samtsesselchen Platz innerhalb rokokohafter Ornamentik, bei der man mit farbigem Glasmosaik und zahllosen Spiegelchen ein erschütterndes Übriges getan.

Das ist mein prunkvolles Gehäuse. Ich kann das Theaterchen bequem überschauen. Das Rokoko wird zuweilen, so an den Stützsäulen der Ränge, wild, schier bedrohlich ausladend; selten noch habe ich so viel Vergoldung auf einem Haufen gesehen. Überall blühen diese Weinbergschnecken und zerfließenden Austern in Stuck. –

Die ersten Parkettreihen sind aus eitel Samt. An der Decke befinden sich Putten von weißer Hautfarbe; sie prunken dort mit vielen rosigen Rundungen und purzeln durch einen hellblauen Himmel. Abraham Lincoln oder Augustus Washington also, so oft sie ihre Köpfe zurücklegen, müssen die zartesten Träume, die verwegensten Appetite ihrer dunklen Seelen erfüllt sehen, und das Wasser muß ihnen im Mund zusammenlaufen.

Noch ist das Parkett leer, aber allmählich füllt es sich. Ausschließlich nur Neger tröpfeln herein, in allen Schattierungen, vom nächtlichsten Schwarz bis zur hellsten Schokoladenfarbe. In Familien kommen sie oder einzeln. Diese Einzelgänger sind meistens Herren, und dann besonders elegant. Die Damen kommen nie allein. Entweder sie kommen zu dritt, als entschlossene Phalanx vorgewölbter Fischbeinpanzer, wehrhaft und etwas verdrossen – oder sie kommen in Begleitung eines Familienvaters, der sich enormer Kinnbacken erfreut, und unter dessen mächtigen Handtellern ein trautes Familienleben wohl gedeihen mag. Kinder sind auch dabei, langschädelige Dinger mit ausladenden Hinterköpfen, von denen – im weiblichen Fall – zwei starre Zöpfchen nach Art von Rattenschwänzen, an den Enden mit farbigen Schleifen geschmückt, hinwegwimpeln . . . Zuweilen ist die Frisur der kleinen Mädchen noch kunstvoller, ganz durchflochten von Bändern. Handelt es sich um kubanische oder sonstwie westindische Typen, so ist es kein durchsichtiger Astrachanpelz mehr, sondern ein prächtig und seidig-schwarzes Haardach, das die scheuen Gesichter wie eine dunkle Folie umrahmt und bei jeder zuckenden Vogelbewegung der dünnen Hälse wellenartig schwankt.

Die jungen Mädchen (ich meine die weiblichen Wesen zwischen dreizehn und siebzehn, die noch Spuren von Jungfräulichkeit zeigen) unterscheiden sich von den jungen Frauen höchstens durch einen kleinen Grad anspruchsloser Verdutztheit ihrer rollenden Augen; was Üppigkeit anbelangt, wo man sie vermuten darf, so sind sie durchaus ähnlich ausgestattet.

Jetzt aber zur Hauptsache, zu den Toiletten! Habe ich nicht schon viele Abendgesellschaften mitgemacht, in reichen, schier vornehmen Umgebungen? Dies aber stellt alles in den Schatten. Eine derartig hemmungslos entfesselte Pracht hätte ich nie für möglich gehalten! Nie wäre mir in meinen lüsternsten Träumen die Vorstellung von so reicher Fülle an Seide, Samt, Brokat, Atlas, Spitzen und Crêpe de Chine gekommen! Und nicht bloß die energische Wahl der Stoffe ist's, die diese dunklen Schönheiten so unvergeßlich hebt und ins rechte Licht setzt. Es sind die Farben! Hat je Himmelblau mit Rosa, je Nilgrün mit Orangerot eine so befriedigende und restlose Hochzeit gefeiert? – Auch die Ausstattungen der Herren sind mir zum Teil neu und überraschend. Wenn eine Maus sich unter die Sitzreihen verirren würde, um in Aussichten zu schwelgen, so sähe sie folgendes: angeschmiegt an strotzenden Waden in Florseide oder weißer Wolle sähe sie aus karrierten Hosenbeinen Plattfüße in Lackschuhen hervorsprießen, bekleidet mit weißen oder gelben Gamaschen; sie würde unter Umständen sogar noch grasgrüne Socken ahnen dürfen, sowie deren plötzliches um so eleganteres Ende in der Mitte eines behaarten Schienbeines . . . – Die Brustkasten der Herren werden von seidenen Hemden umschmeichelt. Bei Krawatten muß jeder Schilderungsversuch in einem schwachen Seufzer ersticken. Je näher bei der Bühne, desto häufiger sieht man Frack und Smoking. Solche Harmonie in Schwarz-Weiß wirkt direkt erschütternd, wenn ein strahlender Hemdeinsatz durch eine klaffende Ritze ventiliert wird. Was auf den hintersten Sitzreihen und auf der Galerie sich drängt, ist farbloser, jedoch desto lauter. Du siehst vorn die besitzende Klasse, und im Parterre Dienstboten, Laufburschen, Eisenbahnschaffner, Kellner und Liftboys. Im tiefsten Hintergrund hocken die Bau- und Hafenarbeiter. Aber dort wird es so schwarz, daß sich aus der Finsternis nur noch wenige Konturen hervorheben.

Sehr bald finde ich heraus, daß es sich um sehr gut erzogenes Publikum handelt. Ich sehe zwar eine Menge von flüssigen Augenpaaren unter wulstig emporgeschobener Stirnhaut zu mir hinausspähen, doch ist diese Betrachtung sehr diskret abgleitend und verstohlen. Auf jeden Fall vollkommen kritiklos. Ich bin da; Punktum also. Das schwarze Element hat zwar das Oberwasser, aber das Benehmen jedes einzelnen scheint beherrscht von dem atavistischen Respekt, der dem Individuum lähmend im Blute sitzt. Mit weißen Leuten, wie mit mir, läßt sich immerhin Kirschen essen. Das schwarze Oberwasser trotz seiner drückenden Masse fühlt sich nicht als solches; fühlt sich geduldet. Das ganze Haus fühlt sich von mir geduldet. Es ist wie ein Stall voll treuer Doggen. Ich tue ja auch nichts, ich will ja auch nur meinen kleinen Spaß, genau wie sie alle. Wir haben ein gemeinsames Interesse, das kuppelt uns aneinander für zwei Stunden, und so wird es zwischen uns zu keinen Mißverständnissen kommen. Ich, die »Bürde des schwarzen Mannes«, bin hier flaumleicht für ihn, vielleicht fast eine Pikanterie. Der schwarze Mann lächelt, er fühlt sich schattenhaft geschmeichelt. Alles fühlt sich schattenhaft geschmeichelt, auch das Orchester, dessen Dirigent mir mit dem rechten Augendeckel zublinzelt. Noch schwatzt das Haus; es ist erfüllt vom Gurren babbelnder, aufgeworfener Lippen; von spitzen Aufschreien in die Schenkel gekniffener Schönen; vom Geschwätz dieser von der Erwartung köstlicher Unterhaltung durchbebten kindlichen Menge . . .

Nichts ist melodischer als das gedämpfte Plaudern in Schach gehaltener Nigger. Sie haben so sanfte Stimmen, die Guten. Ihre dicken Zungen reden ein so drolliges Englisch. Und wenn sie einen Witz, nach einer halben Minute vielleicht ganz begreifen, so reißen sie die Kinnladen aus und lachen krachend . . . Lachen mit vielen kleinen hilflosen Schluchztönen, die hinterdrein perlen; aus allen Öffnungen ihrer Gesichter platzt ihnen das Gelächter; sie fahren dabei mit den Armen wie mit Mühlenflügeln durch die Luft; sie schnellen die Knie bis unter das Kinn; sie tanzen voll Begeisterung und bleiben dennoch am Platz . . . Es ist eine herrliche Ursprünglichkeit, von der dies dunkle Fleisch unter all der Maskerade durchtobt wird. Man fühlt mit ihnen; sie möchten sich am liebsten alles vom Leibe reißen, fühlt man, und den ganzen Saal in die Stätte einer Orgie von grölender Begeisterung verwandeln. Doch an diesem Punkte kommen Hemmungen.

Sie sind zivilisiert, sind amerikanische Bürger. Stark beleckt sind sie von der Zunge einer Kultur, die vielleicht ihren Großvätern noch als harte Bürste gegen den Strich ging. Aber die dritte Generation dieser verpflanzten Menschheit hat sich in der Gewalt. Sie belassen es deshalb bei Ansätzen solch unterbewußter Regungen. Ihre Heiterkeit überschreitet deshalb nicht wesentlich die Begeisterung einer weißen Menge, wenn »Charlie« sie zu Lachstürmen peitscht.

Nun verdunkelt sich das Theater, und das Publikum versinkt in die Tiefe. Die Kapelle fängt an, ihren Jazz auf mich loszulassen. Gedämpft beleuchtet sitzen die Musikanten in ihrer Rokokomuschel und schwingen mit Gorillaarmen filzumwickelte Klöppel. Es donnert dumpf und weich. Kalbfell dröhnt. Pikkoloflöten winseln. Blech keucht. Es stachelt auf. Der Rhythmus bleibt immer derselbe; ebenso die Klangfigur, und so wird das Motiv, ein brünstiges Urwaldmotiv, ausgedroschen, bis die Pulse fliegen, und der Schweiß die tadellosen Frackhemden in klatschende Lappen verwandelt. Aber das vollzieht sich nicht sofort, das ist der natürliche Prozeß im Laufe des Abends. Nachdem dieser Jazztumult vorbei ist, geht – ratsch! – der Vorhang in die Höhe (was für ein Vorhang! Die Statue der Freiheit mit ihrer Sternenkrone und ihrer Fackel füllt ihn von oben bis unten!) – und nun sehen wir eine Bühne, die gar nichts Phantastisches an sich hat. –

Es ist doch merkwürdig, daß die Alltagsumgebung für ein Negergehirn als Anregung vollständig genügt. Vielleicht ist das, was sie täglich sehen, immer noch vom Schimmer einer höheren Welt, von einer »Sternenkrone« für sie umwoben.

Denn wir sehen eine New-Yorker Durchschnittsstraße. An einer Ecke steht eine ziegelrote Baptistenkirche, jene dürrste Schöpfung menschlicher Entsagungsinbrunst, von der anderen Ecke grinst uns die weiße Öde eines »Child's« Restaurants entgegen; an der dritten bemerken wir einen »Saloon« und an der vierten einen »Drug-Store«. Dies also ist die Kulisse. Und nun nahen sich von links und von rechts Tänzer und Tänzerin.

Die Kapelle versüßt sich. Sie spielt volkstümliche Weisen von Irving Berlin, dem ostjüdischen Vater des Foxtrotts, dem Klassiker des Grammophons. Die »Bananen« sind noch nicht erfunden, man hat aber dafür ähnlichen Schmalz, gleich zugkräftig. Außer der typischen Tanzmusik gibt es Volkslieder. Nichts ist schöner als ein Heimwehlied, aus einem Negerherzen quellend. Entsetzlich ist so ein Negerheimweh. Es wirkt unwiderstehlich auf die Tränendrüsen. Irgendwo im Süden (so heißt es gewöhnlich in diesen Liedern) sitzt eine alte Mutter, untrennbar verbunden mit der Vorstellung unendlicher Baumwolle und dicker buttertriefender Maiskolben; sie wartet auf ihren Sohn. Der Sohn ist im Osten in den großen Städten und hat es dort schauderhaft schlecht. Alabama und Karolina, die Südstaaten, sind noch irgendwo symbolisch, sind vielleicht nur Ausdrucksform für das verlorene Paradies der Lagos-Küste. Es hat sich seitdem ja so wenig an der Struktur dieser Seelen geändert.

Während ich dies denke, hat auf der Bühne ein Pärchen allmählich seine erstaunlichen Gliederverrenkungen und Schuhsohlenkünste erledigt. Ein ungelenker Joseph, kunstvoll stolpernd, versucht sich aus dem Bannbereich einer farbenprahlenden Potiphar herauszuwinden; es gelingt ihm nicht. Nie hat er den Zylinder eingebüßt, obwohl es zehnmal so aussah; immer hat er ihn wieder erwischt, trotz größter Angst vor ihrem saugenden Blick. Ebenso, trotz wirbelnder Akrobatik sind ihm Handschuhe und Stöckchen stets treu geblieben. Sie verständigt ihn mit gutturalen Versen, die er in melodischem Tenor aufkreischend angstvoll ablehnt, von ihrer restlosen Unterwerfung unter jede seiner Launen; und so führen sie zusammen noch einen raschelnden Step auf, der sich in Schleifen über die ganze Bühne windet und von einer Exaktheit ist, die man sonst nur von feingearbeiteten Maschinen verlangen kann.

Pause. Es wird hell. Großes Trampeln und Geräusch aneinanderpatschender Handteller erhebt sich. Doch dies war noch nichts Besonderes, jeder rechtschaffene afrikanische Jüngling fühlt sich imstande es nachzumachen. Dann poltert die Kapelle wieder los mit Blech und Kalbfell.

Und nun kommt das Drama. Die Akteure stellten, was Natürlichkeit des Spiels und Geschlossenheit der Mimik betrifft, viele weiße Kollegen in den Schatten. Spielen sie doch nicht nur: nein, sie erleben. Es handelt sich um einen alten Mann, der von einem Farmbesitzer seiner Farbe schwer bedrängt und übers Ohr gehauen wird. Wie hilft er sich? Er schließt einen Pakt mit dem Teufel. Der Teufel verspricht, ihm alle Wünsche zu erfüllen und ihn reich zu machen. Zu den ersten und dringendsten Wünschen gehört natürlich das Begehren, jenen schikanösen Farmbesitzer um die Ecke zu bringen. Der Teufel fackelt auch nicht lange. Er ist ganz in prächtiges Rot gekleidet, mit großen Ziegenhörnern. Durchaus unverkennbar. Wäre er weniger erkennbar, so würde die Negerseele sich graulen. Da er aber auf zehn Meilen als Teufel erkennbar ist, so wissen selbst die Kinder im Parkett, mit wem sie es zu tun haben, und daß er nur dank des Entgegenkommens der Theaterdirektion eine Stunde lang seiner Natur folgen darf. Im übrigen hat unser Heiland Jesus Christus, wie sie ganz bestimmt wissen, auf alle Fälle die Oberhand.

Der Alte hat ausgemacht, daß er nur dreimal mit den Fingern zu schnalzen und zu rufen braucht: »Come on, Red«, und sofort funktioniert der Böse unter starker Rauchentwicklung. Die gurgelnden Angstschreie des abgewürgten Farmbesitzers sind erschütternd und befriedigen das Gerechtigkeitsgefühl derartig, daß sich spontaner Beifall erhebt und seine kolossale Leiche vom Publikum aus mit Spott beworfen wird. Ernüchternd erscheinen zwei Polizisten auf dem Plan und verhaften den Alten. Er protestiert eine Viertelstunde lang: er sei es nicht gewesen. In einem Seitenmonolog ins Orchester hinein beruhigt er sich selbst jedoch durch die Möglichkeit des dreimaligen Fingerschnalzens, das ihm aus jeder Bredouille heraushelfen werde, und läßt sich abführen.

Die letzte Szene zeigt den Hinrichtungsraum mit dem elektrischen Stuhl. Alles ist nagelneu und modern. Der Alte wird hereingeschleppt. In seiner Angst klappert sein Gebiß daß man es bis auf die Galerie hinauf hört. Die Beamten bleiben steinern. Bevor sie ihn auf den Stuhl schnallen, bittet er winselnd um die Gefälligkeit, mit den Fingern schnalzen zu dürfen.

Es wird ihm gewährt. Er schnalzt dreimal. Nichts passiert.

Er wechselt die Farbe. Er wird von der bengalischen Beleuchtung mit einem verwesenden Grün überschüttet, das sich scheußlich realistisch ausnimmt. Und immer krampfhafter schnalzend und heiser dabei brüllend: »Come on, Red; come on, Red«, tanzt er umher. Endlich hat man ihn fest. Doch als der Beamte auf den Kontakt drückt, geschieht eine große Explosion. Eine Rauchwolke steigt auf, füllt die ganze Bühne, und als die Rauchwolke sich verzieht, sitzt der alte Nigger wieder wie zu Anfang des Stückes in einem Schaukelstuhl vor seinem Bungalow und hat die ganze Geschichte nur geträumt.

 

Der Beifall rauscht frenetisch. Während der großen Geräuschwelle, die den Schluß der Vorstellung krönt, habe ich eine Minute lang Zeit, mich in das Phänomen dieses zivilisierten Naturvolkes zu versenken.

Wo auf der ganzen Welt gibt es etwas Ähnliches? Wo finden wir die elementaren Triebe einer uns völlig fremden Rasse unter die unseren gemengt, einer Rasse, die neben uns, mit uns, zwischen uns haust, verdient, hochzeitet, begräbt, trinkt und tanzt? Die unsere Gebärden bis zur Vollendung kopiert und sich unserer Gewohnheiten bedient, wie eines schlau eingeschalteten Bettschirms, hinter dem sie sich in ursprünglicher Munterkeit fortzeugt und vermehrt? Und wie herrlich: nach diesem Hineintappenwollen in unsere verzwickte Tradition die bescheiden erschrockene Geste der Umkehr, des Zurücklauschens in die Heimat ihrer Sinne; die alte Natursichtigkeit! – Aus dem tobenden Beifall des unter mir wogenden Publikums höre ich noch ganz andere Klänge heraus: den dumpfen Schall von Signaltrommeln, das Echo von Raubtierschreien und den großen Trotz, der sich den Schatten ländergroßer Forste entgegenstemmt und sie mit der flackernden Beschwörung einsamer Feuer bannt. Ich sauge für einen Moment den seltsamen Negerdunst in die Nüstern. Unzerstörbar kriecht er unter all den stechenden Parfüms hervor wie ein Hauch tierischer Freiheit, die geknebelt ist. Aus diesem vergoldeten Gehäuse, aus diesem schlechten schimmernden Großstadtkäfig klagen gefesselte Triebe. Sie haben es nicht schön, die Guten, trotz der Statue der Freiheit. Es ist Dressur, mit ein wenig Verdutztheit, ein wenig unbewußter Trauer gemischt.

Wie rührend ist die Sucht nach grellen Schmuck! Ja, es ist sogar echter Schmuck; sie dürfen verdienen. Man läßt sie untereinander in Ruhe, man beschenkt sie mit staatsbürgerlichen Gesetzen, aber das eine, was sie wirklich brauchen: den Anteilschein an uns Weißen und die großen Wälder gibt man ihnen nicht. Ihren Horizont verbaut man mit Wolkenkratzern, und die Wälder sägt man ihnen vor der Nase ab!

 

Aber Jesus senkt seine lichten Hände noch auf den trübsten dieser Wollköpfe.

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