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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 7
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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II.
Der »Zehnte Nagel der Welt«

»Regierende« Fürsten gibt es auf Java noch vier: In Djokjakarta den Sultan und den Fürsten Pakualam, in Soerakarta den »Susuhunan« von Solo und den Nebenfürsten Mangkoenegoro. Die praktische Ausübung ihrer Titel und Würden geht zwar nicht über den jeweiligen Palast hinaus, den man Kraton nennt; immerhin ist alles, was im Volk an Tradition lebendig ist, um diese vier Personen gewoben. An Wichtigkeit schreitet der Sultan von Solo voran; er ist auch der Beleibteste.

Wie erklärlich, buhlen sie alle um Konzessionen bei der holländischen Regierung, die ihren Ansprüchen und Stimmungen nur ein träges Ohr leiht. Ja, ich habe mir sagen lassen, daß sie im Grunde für Mijnheer keine größere Bedeutung haben als Wajang-Kulit-Menschen: Schattenfiguren. Der Holländer sperrt sie in ein Netz, in dem sie sich längst abgestrampelt haben wie schöne Perlmutterfische, denen einige Stunden Kiemenpumpen und Farbenschillern noch gegönnt sind . . . Es geht mit ihnen zu Ende, das ist sicher. Einige Jahrzehnte lang dürfen sie noch farbige Blitze werfen. Dann ist es aus, mein Wort darauf; dann zieht der brutale Kaufmann das Netz ganz in die Sonne, und nichts bleibt von ihnen übrig als ein uraltes Rüchlein. Immerhin – in ihren vier Bienenkörben, hinter einem Labyrinth von Mauern, geht es einstweilen noch zu wie im 18. Jahrhundert. Kennt man jene Chinoiserien, auf denen phantastische Männchen vor kleinen Porzellanpotentaten Kniefälle üben? Man kommt in den Kraton, und die Zeit schläft ein . . .

Ja, die Ansprüche dieser vier Herren, die einst so mächtig waren und das Leben ihrer bäuerlichen Untertanen mit einem Augenzwinkern vernichten konnten, sind langsam, aber sicher unter die Walze einer sparsamen und phantasielosen Bureaukratie geraten. Zwar gibt man dem Susuhunan eine fürstliche Apanage, 800 000 Gulden; will er aber sein Fürstentum in einer der verstaubt feiernden, rotgoldenen Kutschen befahren, so sagt es der Secretaris dem Assistent-Residenten, dieser gibt's dem Residenten, und dieser letzte bittet um eine genaue Detaillierung des Wohin und Wozu, die ihm sodann aus einer der mittelalterlichen Schreibstuben in zierlicher, javanischer Schrift verabfolgt wird.

Das ist aber noch nicht alles, denn will der gute Dicke einen schönen Diamanten oder einen europäischen Plüschsessel oder ein Grammophon erstehen (und er muß diese Dinge doch kraft seiner Sultanseigenschaft unbedingt in beliebigen Mengen haben dürfen!), so muß er den kleinen Wunsch durch die Kanzleien jagen, bis er in eingetrockneter schwarzer Tinte wohlverbucht vor die Nase des Residenten geschoben wird.

Dieser üppige Herr sitzt, von Schweiß ermattet, verärgert, in seinem Schaukelstuhl; vielleicht ist ihm eine Spekulation mißlungen, vielleicht hat er ein Gerstenkorn im Auge, kurz: der Susuhunan bekommt seinen Diamanten nicht. Denn über die vielen Gulden, die auf seiner Zivilliste stehen, muß der Sultan Rechenschaft ablegen bis zum Quartjes genau, und man kann sich vorstellen, wie sein östliches Naturell sich dagegen empört.

Wie oft ist er wohl, zitternd vor Wut, in einem Winkel seines Kratons gesessen und hat die fetten Fäuste geballt; die großen Kinderfäuste, die so prunkvoll geschmückt und doch so machtlos auf den gespreizten Knien ruhen! Wie? Er, der »zehnte Nagel der Welt«, sollte etwas nicht haben dürfen? – »Nein«, sagt der Resident im Schaukelstuhl, und schiebt die kaufmännische Unterlippe vor. Damit ist es erledigt, und das Herz unter den dreißig funkelnden Orden, das östliche Souveränen-Herz, schlägt schwer. Was an Selbstbeherrschung dort hinter den Mauern und bei Empfängen geleistet wird, übersteigt vielleicht unser Verständnis.

»Kraton« heißt der Stadtteil der Residenzstadt Solo auf Java, der ausschließlich für den Hof des Susuhunan (Sultan) reserviert ist. Vom Eingangstor zu den eigentlichen fürstlichen Wohngebäuden leuchtet die stolze Initiale: P. B. X., was soviel bedeutet als Pakoe Boewono X. oder »Der zehnte Nagel der Welt«. Es wäre immerhin ungünstig für die Welt, wollte man sie an diesen Nagel hängen. Der Nagel selbst fühlt sich der Sache entschieden gewachsen; das sieht man an seinem Gesichtsausdruck.

Darf man der farbigen Photographie seines »Hofporträtisten«, eines kernigen Bayern mit dem schönen Namen Tassilo Adam, glauben, so handelt es sich um mindestens zwei Zentner wabbligen Specks, durch relativ zierliches Knochengerüst gestützt und äußerlich ansehnlich, ja erfreulich gestaltet durch eine holländische Generalleutnants-Uniform (weiß-gold) oder Galatracht (violette Sammetjacke mit höfischem Sarong). Ich sah ihn nur verschwommen durch Glasscheiben hindurch – da war er Generalleutnant. Aber Uniform und Rang vermögen nicht (trotz meiner wohlpräparierten Vorkriegsphantasie), auch im entferntesten an Festlich-Militärisches zu gemahnen.

Im Gegenteil: diese steife Maskerade bekommt nur Sinn durch die inbrünstige Selbsteinschätzung Seiner Hoheit.

Wenn jemals schiere, nackte Dummheit sich verdichtet hat, so ist es in diesem dreifachen Kinn, das sich wie Kiemenspalten eines glotzäugigen Korallenfisches über den Schultertressen erhebt, – so ist es in diesem glatten Gesicht, darin das, was das Fett noch von Physiognomie übrigläßt, eingeritzt erscheint wie auf einer Mahagonikugel. Die Brauenbögen sitzen sehr hoch; Faltenwülste steigen darüber in das chinesisch geschnittene Stutzhaar; der Mund hat die bekannte dümmlich-despotische Hufeisenform, von dünnem Bärtchen geziert, und die Nase ist, trotz einer langen Vorfahrenkette, platt und plebejisch. Seine Finger sind von Ringen bedeckt.

Er ist eine Seltenheit, ein Bilderbuchkönig, eine Andersenfigur, ein runder lebendiger Anachronismus. Und da ich dies bedachte, hatte ich sofort den lebhaften Wunsch, mich in ihn und sein Milieu zu vertiefen. Lange Audienzen beim Sekretär, beim »Translateur« und vermutlich auch die Vermittlung unseres charmanten Freundes Raden M. P. Sosro Kartono, des javanischen Aristokraten, waren von Erfolg begleitet. So wurden wir an einem nicht offiziellen Tag (Freitag ist der offizielle »Cook-Betrieb«) in den Kraton gebeten. Wir wurden von keinem gelangweilten, kauenden Yankeejüngling geleitet, o nein: wir wurden – jawohl! – von einer Deputation von Prinzen zärtlich empfangen und eingeweiht . . .

Deputation ist ein starker Ausdruck. Immerhin waren es drei; Sprößlinge der kürzlich außerordentlich plötzlich abgeschiedenen Hauptfrau. Für diese ist Ersatz da: eine Schwester des Nebenfürsten Mangkoenegoro. Sie ist rassiges Edelblut und hat die schönsten Augen der Welt.

– Also diese drei Prinzen standen unter der Halle am Eingang und hielten die farbigen Palastsoldaten davon ab, uns lästig zu fallen. Ihr Sprecher, der älteste Bruder, heißt Pangéran Soemoproto. Er kam uns entgegen und blickte lächelnd, mit schiefem Kopf, zu uns auf, wobei er sich in ganz bemerkenswert gutem Deutsch auszudrücken verstand. Er blickte nicht auf uns herab, und das hatte zwei Gründe: erstens seine turteltaubenhafte Gemütsbeschaffenheit, die ihn zu ununterbrochenem, freundlichem Gurren trieb, und zweitens sein Format. Ich habe noch nie einen so winzigen, knabenhaften Dreißiger gesehen . . .

Was seine Brüder betraf, so hatte der eine ein vergoldetes Gebiß, das infolge verkürzter Oberlippe hervorstand, wie das eines Nagers und schmales Gesicht mit Augendeckeln auf Halbmast. Er trug, wie Soemoproto, eine in schiefem Winkel geknöpfte, feingestreifte Seidenjacke mit breitem Revers, daran eine goldene Uhrkette baumelte, und Sarong. Der Jüngste aber, ein richtiger Durchgänger und 16jähriger Tausendsassa, Pangéran Djattikusumo, trug korrekte javanische Hoftracht, vielleicht, weil er im Laufe des Tages eine Audienz bei seinem Vater zu gewärtigen hatte; sein Oberkörper war nackt, ebenso seine Füße; sein im Gesäß gleich einem Cul-de-Paris in Falten aufgebauschter Sarong, braun und kobaltblau gebatikt, gab seinem Gang etwas Balzendes. Dieser Sarong wurde durch einen breiten Ledergürtel gehalten, aus dem ein diamantbesetzter Dolchgriff anheimelnd hervorguckte; an der Seite, an einem Kettchen, trug der Knabe noch ein kurzes Stoßschwert in massiv goldener Scheide. Er verstand, ungleich seinen Brüdern, keine europäische Sprache; aber uns zu begleiten ließ er sich nicht nehmen; bald war er vor, bald hinter uns, und zeigte seine prächtigen Zähne in unaufhörlicher Munterkeit. Er war so glücklich, vom »Dienst« erlöst zu sein, oder daß der »Dienst« heute die angenehme Form hatte, uns herumzuführen. Auch die anderen zwei gaben sich behäbig plaudernd dieser Ausgabe hin, ohne jede Übereilung, Gott bewahre.

Zunächst ging's an der Audienzhalle vorbei, die wir uns für zuletzt aufhoben, zum Waffenarsenal der Palasttruppe, die 500 Mann beträgt. Wieviel Leute es hier gibt, um die deutschen Mausermodelle von 76, die Pistolen, die Ehrensäbel, die Kavalleriepanzer und Offiziers-Galahelme vor Rost zu schützen, konnte ich nicht abschätzen; die Pflege ist rührend, überall putzt, scheuert und ölt man, und die drei Prinzlein vergessen, während Stolz sie bläht, einige Augenblicke lang auch ihr stereotypes Lächeln, als sie die Angebinde europäischer Herrscher zärtlich und demonstrativ befingern. Der gute Potentat weiß es nicht – woher sollte er auch? – daß all dies saubere, obsolete Zeug mit einem einzigen Maschinengewehr in Schach zu halten wäre; zwischendurch gibt es Ehrensalven und Kavalleriespiele, Lanzenreiter-Tattoos auf dem Aloen-Aloen und phantastisch bunte Infanterieparaden, von seinen 500 Mann zu seiner Verdauungsförderung und zum jauchzenden Beifall seiner Völker bestritten . . .

Hieraus gerieten wir, Vorzugsbesuch, der wir nun einmal waren, in den Frauenteil des Kratons. Soemoproto betrat das Haus seiner Stiefmutter, der jetzigen rassigen Ratu, um die Erlaubnis zu erwirken, uns hineinzuführen. Hastiges Stimmengewirr erhob sich drinnen, dann Stille. Wir gelangten in einen Innenhof, in dem etwa zehn spärlich blaugewandete bildhübsche Jungfrauen in Gesellschaft höfisch lächelnder Matronen auf den farbigen Marmorfliesen Handarbeiten fertigten. Ich habe noch nie eine solche Breitseite schwarzer Augen erlebt . . . Man komplimentiert, man füllt die Luft mit blumenreichen Wendungen, hinsterbend eleganter Selbstauslöschung; und zwischendurch blickt man sich um. Der Innenhof ist mit einem Glasdach gedeckt, von dessen Mitte, in Mosaik, ein Sonnensymbol, umgeben von Wajang-Orang-Figurinen, herniederleuchtet. Die Säulen und Wände sind mit eingelegtem Holz geschmückt, schönem Rankenwerk. – Man verabschiedet sich; die Matronen lächeln wieder ihr allwissendes Lächeln; dies Lächeln geht die Reihe entlang, als würden ewig gebrauchsfertige Festkerzen nacheinander entzündet. – Ein ganz junges Ding mit Knospenbrust platzt tölpelhaft heraus; sie wird mit einem gemeinsamen Zischlaut der Sechzigjährigen in ihre Schranken gewiesen.

Weiter geht's durch ein Zickzack von Gäßchen, in denen nackte Kinder jeden Alters gruppenweise fliehen, die kleinsten durcheinanderpurzelnd, um uns aus Winkeln hervor mit ungeheuren Augen zu bespähen. Endlose offene Küchen mit murmelnden Frauen. Sie kochen auf kleinen Eisenöfen, zahllosen Feuerchen; sie batiken ernst. Unser jüngster Lausbub-Prinz hockt sich zuweilen blitzschnell hin, um ein Rendezvous zu beflüstern . . . Großes Kichern entsteht . . . Soemoproto lächelt duldsam . . .

Kleine Wege führen zu einer Miniatur-Hügellandschaft, in deren Tälchen Pavillons eingebaut sind. Verrostete Hofbeamte, trübäugig vor Alter, hocken zwischen steinernen Schildkröten und europäischem »Gartenschmuck«. Auf einer Wiese am Hang eines Hügelchens liegen farbige Glühbirnen, schön rot und blau wie Ostereier im Gras, offenbar für »italienische Nächte«. Das Innere dieser Lusthäuschen ist voll schlechter Magazinmöbel; zuweilen aber geschieht es, daß man beim Anblick irgendeiner verlorenen altjavanischen oder chinesischen Kostbarkeit fast erschrickt. So überraschend wirkt es, genau wie die goldenen Bäumchen in Silberkübeln, die im neuen Haus der Ratu stehen . . .

Dieser Neubau besteht aus mehreren wellblechgedeckten Hallen, deren spärliches Gebälk und Stützsäulen gerade mit Rot und Gold bepinselt werden. Sie sind so schön, in Blättermotiven, geschnitzt. Wo das Echte, Bodenständige obwaltet, gibt es eine derartige Fülle ornamentaler Einfälle, daß man mit der Schilderung Bände füllen könnte. Ein tragisch-rührender Moment; der kleine Djattikusumo ruft mich an eine Gruppe phantastisch scheußlicher giftblauer Plüschmöbel mit gepreßtem Bezug und Korkzieherbeinen aus Messing; er streichelt sie mit seiner kleinen braunen Hand und flüstert, das flache Knabengesicht beglückt erhoben, demütig stolz: »Grade von Berlin gekommen; aus Ihrer Heimat . . . Wunderschön, wie?«

Ich streichele ebenfalls den Plüsch und finde viele Worte der Bewunderung. An allen Wänden hängen hier Aufnahmen des »Zehnten Nagels der Welt«; sie zeigen ihn als fetten Knaben, als Kavallerieleutnant der holländisch-indischen Armee, als Prätendenten, schmal und nervös aus Furcht vor unbekömmlichen Ingredienzien in der täglichen Reistafel – –, und endlich als Arrivé, als gerettet, in allem Glanz der Orden und der drei Kinne. Zwischendurch hängen Wilson, Poincaré und Eduard an der Wand. Preußen fehlt; dafür gibt es die »Sultane« von Lippe-Schaumburg und Mecklenburg. Soemoproto weiß genau Bescheid.

Was ließe sich noch alles schildern aus dieser vielfach ummauerten Welt, wo die Zeit stockt! Wir wandeln durch Büros der Hofverwaltung, in der die Apanagenkasse und sonstigen verschollenen Zeremonienämter von Beamten versehen werden. Sie tragen schwarze Kegelmützen, sind halbnackt und hocken im Buddhasitz vor kleinen Pulten. Durch große Hornbrillen sehen sie uns voll schläfriger Neugier an; dann malen sie weiter an ihren winzigen javanischen Schriftzeichen, feine Kreislinien, Fähnchen und Punkte.

Es geht durch die Silber- und Geschirrkammern: Fabrikware, wenn auch imponierend durch die unerschöpfliche Fülle.

Vor dem Tor der Tanzhalle sitzen drei Matronen im Dienst. Sie bewachen das einzige Kind des Susuhunan aus seiner jetzigen Ehe; ein weißbehemdetes Prinzeßchen, das mit einem Weißbrotfladen an die Scheiben haut und kaut. Das vergeistigt-degenerierte Kind zeigt verlegen lächelnd kariöse Zähnchen, gibt Händchen und benimmt sich verwöhnt.

Wir steigen auf den »Wachtturm«, der einen Überblick über den Kraton ermöglicht. Wir sehen ein endloses Labyrinth von Palmen, weißen Mauern, Wellblechdächern, abgestuft geformt, und Pisangstauden. Über den Aloen-Aloen hinweg blicken wir in das asphaltierte Straßennetz Solos, in tropischem Grün ertrunken. Die Luft ist gläsern blau, von Schwalben durchschossen, und über dem Horizont schwebt der violette Schatten des Merapi.

Es gibt beim Abschied endloses Händeschütteln.

Die drei Prinzlein stehen noch am Eingang der Palastwache, während wir im Auto davonbrausen; bunt und pittoresk stehen sie da, und hinter ihnen, aus der Tiefe des Kratons, kommt das dumpfe Schluchzen der Gamelangpauken.

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