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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 6
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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Die Himmel der Farbigen

I.
Sonnentage in den Vorstenlanden

Solo . . .

Die Natur ist von mütterlichster Verschwenderlaune . . . Übermäßig verwöhnt wird man, das ist die lautere Wahrheit! – Wir streifen überall umher; wir stehen auf der Brücke und spähen den schlammgrünen Fluß hinab; wir durchforschen die Chinesen- und Malaienstadt mit ihren unendlichen bunten »Tokos«. Am häufigsten flanieren wir auf dem Aloen-Aloen, dem breiten Wiesenplatz vor den Palasteingängen, wo farbigst berockte und behoste Menschenmassen allabendlich durcheinanderwogen.

Unter den Luftwurzeln gestutzter Waringinbäume, die wie eine Kette hingelagerter Elefanten vor kalkweiß flammenden Mauern den Horizont säumen, brutzelt der Reis; fahrende Garküchen schicken steile hellblaue Rauchsäulen empor. Ein Fußballwettspiel lockt Tausende an. Hofbeamte mit schwarzen Kegelmützen mischen sich unter das Stadtvolk. Gestikulierende Gruppen lassen die Hände sinken und verstummen: wir wandeln hindurch, von träumenden Blicken betastet. Bettler schicken gurgelnde Segenswünsche herüber. Wir wechseln ein paar Worte; wir streuen Kupfermünzen . . . und dann läßt der letzte frühe Scheidegruß der Sonne noch einmal die Initiale des erlauchten Herrschers, auf dem Wachtturm des Haupttores, aufblitzen wie brennendes Gold . . .

Im Stadtpark wohnt John, der Orang-Utan. Neunjährig, zieht er an seinem Stab umher wie ein bejahrter Agrarier. Er empfindet recht jugendlich; seine braunen Augen sind voll Schelmerei. Wir nehmen ihn zwischen uns und wandeln Hand in Hand. Wir behandeln ihn wie unseren Erbonkel. Die enormen Finger, die uns zerquetschen könnten, schließen sich mit seltsam sanftem Druck um die unseren. Wenn er unterwegs etwas bemerkt, was ihn interessiert, so zerrt er uns unnachgiebig zu der Stelle hin mit einer Kraft, die ihm beim Tauziehen mit Matrosen eine Prämie einbringen würde. Manchmal läßt er sich auch gleiten und schaukelt, von uns gestützt. – John ist unvergeßlich.

Und was sieht man noch! Rotäugige Paradieselstern, die einen endlosen One-Step tanzen; weiße Tukane, die unter der Last ihrer phantastischen Hornschnäbel ständig nach vorne purzeln . . . Zwischen ihnen stolzieren andere Tropenvögel: unsere Hähne, die dies Land ihre Heimat nennen und entsprechend selbständiges Gebaren zur Schau tragen. Sie raufen, sie sind keck und fahren auf dich los: sie ziehn ihre halbmeterlangen Schillerschweife zuckend hinter sich her . . .

Auf den labyrinthischen Basarstraßen brütet das steile Mittagslicht. Aus den zahllosen dämmrigen Holzverschlägen werden wir von Blicken beschossen. Allerorten, hinter den Waren, rührt sich das sanfte Spiel von Schultern, Brüsten und nackten Armen. Gruppen junger Weiber wühlen einander in gelösten blauschwarzen Flechten, batiken bedachtsam, nähen zierlich, schwatzen oder säugen. Zuweilen sind die ganz in dunkelblaues Tuch eingespannt, und im Hocksitz entblößen die Sarongs leuchtend helles Fleisch. Sie sind sich der eigenen beweglichen Körper bewußt wie Katzen. Ihre Gedanken, vom grellen Tageslicht ins Intime zurückgescheucht, wandern schlicht den Kreislauf zwischen Kopf und Schoß. So bekritteln und bewundern sie sich, seien sie nun unerschlossen oder früh-mütterlich . . . Gepeitscht von Scherzworten, sind sie unschwer bereit zur Hingabe, um dann, als sei nichts geschehen, die kreischenden Vorwürfe erboster, eifersüchtiger Matronen gurrend zu entgiften . . . Zwischen ihren drallen Knien turnt und spielt eine sorglose Jugend, deren Dasein den Zirkel endlich enger zieht und sie in abgrenzbare Familien spaltet . . . Dies ist das »Volk«. – Denn in besseren Kasten ist man sehr korrekt.

*

An einem Mittag des Monats Oktober speisen wir beim »Hofbaumeister« Mijnheer Rademaker. Es sind hohe Gaste gekommen: der Regent von Nafi bei Madioen mit Frau und drei Töchtern. Es wird sehr viel gelächelt, weil man sich nur halb versteht, aber der braune Herr mit dem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe und den fröhlichen schwarzen Augen ermöglicht es durch mehr als weltmännische Intelligenz, ein fließendes Gespräch aufrechtzuerhalten. Es ist ein lustiges Durcheinander von Holländisch, Englisch und Deutsch. Ich halte mich an die Dame, sie spricht Englisch. Ihr feingeschnittenes Profil, ihre wachszarte hellbraune Haut, ihre riesigen prächtigen Augen, ihre feinmodellierte Nase – und auf der anderen Seite die 12–16jährigen Töchter mit blauschwarzen, üppigen, brillantgeschmückten Haarknoten sind Wunderwerke an Körpergestaltung – und neben dem Sekt, den der Gastgeber sprudeln läßt, eine Quelle tiefer Erbauung.

Zwischendurch flitzen die kleinen nacktfüßigen Dienerinnen hin und her, tragen ab mit scheuzitternden Fingern oder servieren. Der Regent steckt seinen Koran gutmütig in die Tasche, während er teilnimmt, und trinkt sich einen kleinen Schwips an. Sein melodisches Lachen dröhnt lauter. Auf einmal kommt ein blaugekleideter Hofbeamter und bringt ein Bastkörbchen mit Päckchen aus Bananenblättern. Man öffnet sie andächtig und ißt den Inhalt; dieses Opfer bringt man dem überfüllten Magen, weil der gegorene Reis darin, schwach nach Arrak duftend, ein Gruß Seiner Hoheit ist. Danach wird die Tafel aufgehoben und Musik bringt die Glieder in Tätigkeit.

Auf einem Piedestal steht ein vorsintflutlicher Phonograph mit einem riesigen Schalltrichter. Man holt 20jährige Platten hervor und spielt »Donauwellen« oder »Dollarprinzessin«. Die Platten sind vom Klima verbogen, und so dringt aus dem staubigen Trichterschlund ein aparter Lärm hervor. Der Regent von Nafi spitzt das Ohr und wiegt sich im Takt. Seine rehscheuen Töchter werden von meiner Frau herumgeschwenkt. Sie tanzen nacktfüßig und sind bei dem unbekannten Walzer um ihre winzigen Zehen besorgt. Es ist ein reizendes Bild, wie der Sarong um die schlanken Beine schlägt. Der Papa mit seinem kleinen Schwips gibt sich auf Zureden einen Ruck und tanzt mit. Ich glaube nicht, daß es oft vor mir einem Touristen gelungen ist, einen ehrenwerten javanischen Familienvater von hoher Geburt im Walzertakt sich wiegen zu sehen . . . In Sandalen, Kopftuch und mit dem etwas stieren Lächeln, das über die schweißtreibende Mühe hinwegtäuschen soll . . .

Sie empfehlen sich, die Leutchen aus altem Geblüt; man berührt feingegliederte Hände, lächelt im Wettbewerb, verbeugt sich und sagt sich atemlos-flüsternde Komplimente; dann schreiten sie schon den Gang hinab in den Vorgarten. Im Moment, wo sie uns verlassen, springt die Würde wieder hervor. Schön gemessenes Hüftenspiel, aufrecht getragene Oberkörper . . . bis sie als schwarze Silhouetten in der Sonnenfülle und im Blättergrün draußen verschwinden.

*

Ich habe um eine Audienz eingegeben: beim Lehnsfürsten Mangkoenegoro, dem einzigen Herrscher, der sich außer dem dicken Susuhunan noch in Soerakarta einer Scheinfreiheit erfreuen darf . . . Der Fürst, das weiß ich, hat diesen Brief schon vor Wochen erhalten.

Er ist auf Katzenpfoten durch die Kanzleien geschlichen; ich habe in meinem Gedächtnis alle Vokabeln der Burtonschen »Arabian Nights« aufgestöbert und mit dem Orientalen anzuknüpfen versucht auf eine Weise, die zwar orientalisch, aber offenbar weitaus zu höflich ist, um gerade ihm verständlich zu sein. Denn Mangkoenegoro ist von Europäern, die er zu sehen bekommt, also fast ausschließlich Holländern, an andere Behandlung gewöhnt.

Was er von europäischen Sitten kennt, ist vielleicht nur die etwas saloppe Bonhommie dieser Leute, die mit ihm umspringen wie fröhliche Krankenpfleger mit einem gutzahlenden Patienten. Ich habe ihm in korrektester Reihenfolge seine Titel zu kosten gegeben; habe einige nette gedrechselte Sätze gewunden, von denen ich annehmen kann, sie würden ihm behagen. Doch die Wirkung des Sendschreibens erlitt dadurch eine kleine Verzögerung, daß es auf englisch abgefaßt war. Ich kann kein Hollandsch und er kein Duitsch. So habe ich die neutrale Weltsprache benützt; doch das ist ein Fehler gewesen. Denn er kann auch kein Englisch und muß sich den auserlesenen Schrieb erst von seinem »Translateur« verdolmetschen lassen, dessen englische Kenntnisse sich vermutlich im höchstgezüchteten Pidgin bewegen.

Doch nach Überwindung dieser Schwierigkeiten geht nichts über die sonnige Hilfsbereitschaft, mit der der Secretaris der Residentie auf meine Wünsche eingeht. Wir werden im Auto von ihm zum Kraton des Mangkoenegoro befördert. Wir passieren eine Akazienallee, die in den Mauernkomplex einschneidet, mehrere Tore, in denen farbige Palastwache lungert, und gelangen in einen großen Hof. Er ist im Quadrat von flachen Bungalows umgeben, die in ihrer passiven Einförmigkeit Kasernenstil verraten. In der Mitte steht ein Gebäude, bis nach hinten offen, die übliche Empfangshalle. Es geht ein paar Stufen hinauf. Von nackten Kindern und scheuem Volk belagert – (wie überall, auch hier eine Galerie verträumt-glotzender Menschheit) – sitzen im Winkel des Saales zwölf Musikanten an ihren Instrumenten – die Künstler des Gamelang-Orchesters.

Durch die Halle hindurch, ein paar weitere Stufen hinauf, treten wir auf eine Estrade, die an einen Salon gemahnt. Vergoldete Barocksessel auf einem Teppich umringen einen Mahagonitisch. Hier läßt sich der Secretaris mit uns nieder, bis in unserem Rücken kurzes vornehmes Türenquietschen und ein geisterleises Rauschen entsteht. Der Mangkoenegoro geht auf lautlosen Sandalen; so ist er, als wir herumschnellen und uns erheben, schon fast unter uns. Er ist mittelgroß. Seine Haut ist bleich bernsteinfarben. Er trägt einen hervorragend schönen Sarong, in blassem Ockerbraun und in Bleu malade gehalten, jener vertrackten Farbe müder Kultur; beides spielt ineinander in raffinierter, unauffälliger Ornamentik. Sein Kopftuch ist ebenfalls in dieser Art gebatikt. Die hochgeschlossene rohseidene Jacke mit übergeknöpften Reverszipfeln sowie sein kurzer Hals geben der Gestalt etwas Fröstelndes. Er muß sich einem Besuch widmen, ach ja; ein Wunsch der Residentie ist hineingewoben in diese Angelegenheit; er muß so vieles und manchmal Schwerverständliches tun; das Privatleben eines Fürsten von Hollands Gnaden ist kein Spaß.

Nach Begrüßung des Secretaris reicht er uns seine wohlgeformte kühle Hand, an der ein großer Siegelring in Gesellschaft eines prachtvollen rosa Diamanten sitzt. Die Hand ist schlaff. Ich sehe mir seine Augen an. Sie sind groß und traurig. Und nun erkläre ich mir, warum er mir mit seinem diskreten Schritt, mit seinem Bleu malade und seiner wächsernen Blässe von so fragiler Liebenswürdigkeit erscheint –: Trotz runden Gesichtes und trotz gurrenden Lachens ist dies ein kranker Mann. Er ist nur der Schatten des robusten Lebenskonsumenten, der er sein könnte. Mir fällt allerhand ein, was ich vorher über ihn gehört: Er hat Zucker und leidet. Sein Humor bellt nicht; sein Gelächter perlt nicht wie das des Regenten von Nafi. Sein Witz geht auf Taubenfüßen, und seine Augen, blinkend schwarz, bleiben derweil reglos im Kranz bleigrauer Fältchen.

Mein guter Mangkoenegoro, ich verstehe dich, du hältst dich so wacker, reizender Wirt, den du spielst. Du versäumst keine Geste, du drehst dein flaches rundes Gesicht mit so reger Aufmerksamkeit von einem zum anderen, mit so beherrschter Anmut trotz kurzen Halses; du gestikulierst und gurrst . . . Unvergeßlich bist du mir.

Nachdem er ungefähr die Gesprächsrichtung ertastet, wird er ruhiger; die steife Haltung lockert sich, besonders auch, weil sein »politischer Krankenwärter«, der Secretaris, einen vertraulichen Ton mit ihm anschlägt, der ihm die Sicherheit stärkt. Er plaudert zwanglos.

Auch findet sich jetzt ein Jüngling ein, ein blondes aufgewecktes Gegenstück zu unserem brünetten Secretaris; wie ich bald merke, ist dieser bestellt, den Dolmetsch zu spielen für den Fall, daß Seine Hoheit und ich dauernd aneinander vorbeischerzen sollten, ohne uns ganz zu verstehen. Er braucht jedoch nicht einzuspringen und nichts zu vertuschen, denn ich vermeide jede politische Note im Gespräch wie heißes Eisen, obschon der Fürst offenbar danach schmachtet, einiges zu erfahren, was seine eigenste Person angeht. Außerdem erfolgt auf mein langsames und deutliches Deutsch eine ebenso gebremste holländische Replik, so daß wir uns selten mißverstehen. Er kraust die Stirn vor ehrlichem Verständigungstrieb.

Wir sprechen über javanische Kultur und Tradition, die mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten seine philanthropisch-fürstliche Hauptsorge ist; wir erwähnen jenen Aristokratenbund, den Boedi-Oetomo, der die praktische Politik zähneknirschend auf sich beruhen läßt. Zur Illustrierung seiner Interessen wirft er auf altjavanisch ein paar Worte über die Schulter: dies hat zur Folge, daß zwei indigoblau uniformierte Diener mit stillen Gesichtern ihre Handflächen wie betend zusammenlegen und verschwinden; nach einer Weile kommen sie mit mächtigen Papierrollen zurück, die sie entfalten. Es sind schön ausgeführte Restaurierungsentwürfe der Prambanan-Tempel und der Ruinenfelder des Dieng-Plateaus.

Plötzlich zaubert man drunten in der Halle eine Stuhlreihe hervor und wir begeben uns hinunter. Die blauen Diener servieren Konfekt, Whisky-Soda in Deckelgläsern und Zigaretten in Silberkästchen, auf denen, en miniature, der heilige Nandi-Bulle hockt. In entsprechender Sitzordnung läßt man sich nieder, der kleine Aufpasser kommt ans Ende und wir rahmen Seine Hoheit ein. Der Secretaris hat seiner Pflicht genügt und geht. Und uns blüht eine Matinée . . . ein Tanz dreier Serimpi-Tänzerinnen.

*

Der Fürst erklärt uns die dramatische Pointe der Sprechpantomime. Die 16–18jährigen Mädchen treten in Männerrollen auf. Der Inhalt der Darstellung ähnelt der Siegfried-Sage. Zuerst unterliegt »Hagen«. Dann salviert er wortreich seinen Kopf, schmeichelt sich aus seiner Niederlage heraus, und wird dann durch den verräterischen Knappen »Siegfrieds« von der Verwundbarkeit des Gegners unterrichtet. Mit gewöhnlichen Waffen sei dem nicht beizukommen. Infolge solcher Einflüsterungen nimmt »Hagen«, mit dem vom Diener kriechend eingeschmuggelten gefeiten Dolch, den Kampf wieder auf, siegt und häuft eine gute Dosis leiernd gesungenen und getanzten Hohns auf den Sterbenden. – Dies alles ist eine Leistung unerhörtester Tanzkunst und strengsten rituellen Stils.

Sie bewegen sich so gemessen, daß die straffen Brüste kaum zittern; der linke, steifgeknickte Arm (wie man ihn auch, stilisiert, bei allen Wajang-Kulit-Figurinen entdeckt) schwingt mit zurückgebogenen, spinnengliedrig tastenden Fingern das schleierähnliche Brusttuch, dessen Ende über die Fliesen zuckt. Es ist so befestigt, daß es bei jedem Schritt das feingedrechselte federnde Bein entblößt – einen langen, schöngewölbten Schenkel von mattblinkendem Goldbraun, sanftes Muskelspiel von Schulterblättern. Sie tragen knappe Schoßhößchen, die zum Vorschein kommen, wenn das breite Sarongtuch bis über die Hüfte emporwallt, und all dieses hat die Farbe Solos, Indigoblau . . . Zuweilen, wenn sie bei ihrem Hohn- oder Demutstanz eine kurz wirbelnde Drehung vollführen, fliegt die Umhüllung radartig auseinander und zeigt das nackte Spiel angespannter Muskeln an Körpern, deren trainierte Vollkommenheit ans Märchenhafte grenzt.

Der rechte Arm mit bedeutsam vorgedrehtem Handteller unterstreicht den Gesang oder schwingt einen geflammten Kris (Dolch) in rund ausladenden Linien. Rhythmisch sinken sie nieder; rhythmisch erheben sie sich; in keiner Pose, sei es auch in der melancholischen am Boden sich windender Scham, vergißt der Körper seine Kunst. Und die Musik, mit feinster Einfühlung, folgt jedem Wort, jedem Trotzschrei, jedem Jammer und jedem Jauchzen.

So zieht der schauervolle süße Reiz und die phantastische Bildhaftigkeit eines einzigartigen Szenenmärchens vorbei; nie werden Worte es erschöpfen. Dazu dröhnt, schollert, klimpert das Gamelang-Orchester; anschwellende und verhauchende Quintenfolgen; rasende Läufe auf dem Gambang (dem Metallplatten-Cembalo), vom dumpfen Takt murmelnder oder brutal gepaukter Gongs begleitet zu diesem stetigen, aufreizenden Rinnsal hoher Stimmen . . .

Das Gamelang hat eine Sprache für sich. Es sind Melodien, die sehnsüchtig danach stimmen, sie ganz zu verstehen. Etwas Halbgeborenes klagt darin, keimend Drängendes, als münde das Rätsel in den vorgeworfenen, weichbewegten Schoß jener gläsern leiernden, auf ihren Platz mit bebendem Körper wie gebannten Jungfrauen . . .

Draußen blendet weiße Sonne. Hier im Dämmer vollzieht sich das Drama, dessen Wurzeln tief im Indogermanischen ruhen und das nun hier eine seltsame Blüte treibt und entfaltet.

Nach etwa zwei Stunden, die der Fürst uns noch dadurch würzt, daß er uns seine Familien-Batikmuster (ähnlich den Kiltmustern schottischer Clans) in Mappen zeigt, auch die von seiner unbeschreiblich schönen Hauptfrau Ratu Timor verfertigten Wachsoriginale dazu, – beschließt das Drama und die drei Mädchen ziehen sich in wiegendem Tanzschritt, mit zusammengezogenen Schultern und rhythmisch bebenden Hüften zurück.

Der Takt fordert nun den Abschied.

Nach umfangreichen Liebenswürdigkeiten geht man auseinander. – Noch heute steht es mir vor Augen, wie der Mangkoenegoro sich von uns entfernt. Denn kurz bevor er in seine Gemächer verschwindet, dreht er sich noch einmal um; er fühlt sich erlöst . . .

Aber sein Lächeln ist wie weggeblasen. Sekundenlang erhasche ich seinen Ausdruck: – den eines kranken Mannes mit schlehenschwarzen, wie erblindeten Augen.

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