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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 4
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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». . . Und das Wort ward Stein . . .«

(Borobudur)

Auf der obersten Rundterrasse des Borobudur sitzt ein Buddha und doziert. Während die 71 anderen Abbilder des Erhabenen ringförmig geordnet unter gegitterten Steinglocken hocken, ist er der einzige der im Freien sitzt, ohne daß schändende Moslemhand ihn köpfte. Seine Glocke ist geborsten; vom Schoß ab ist er frei. Sichtend und erklärend berühren sich die Fingerspitzen. Er grübelt nicht; nein, er entledigt sich mit dieser Geste in die Landschaft hinein einer ungeheuren Erkenntnis. Wenn er das Schlußwort zu Ende gesprochen hat, löst er die Geste aus. Mittlerweile wartet er noch, daß man ihn begreift; er hat schon geraume Zeit gewartet und es kommt ihm nicht darauf an, die Minute noch hinzuzulegen, die es dauert, bis die Menoreh-Berge drüben zu Kalkstaub zerbröckelt sind.

Seit jeher hat sein Auge, durch das Steingitter hindurch, ein Wandelpanorama von Geschehnissen erhascht. Was focht ihn dies an! – Da waren vorbeiknisternde Farben und ein Gemurmel von Gongs. Dann sah er anschleichendes Grün; schlangenhaft krochen Wurzeln herzu und verschoben Quadern und Fliesen, als seien es Schachfiguren. Zuweilen murrten Erdstöße. Dann kamen Stillen voll smaragdener Schmetterlinge. Dann stieß die Hand des Propheten von draußen sein Gitter in Trümmer. Er bot den Hämmern lächelnd das Stirnmal; sie schonten ihn. Regen plätscherte in seinen Schoß. Wimmelnde Menschen in wechselnden Trachten begafften ihn. Was focht ihn dies an! – Dozierend atmet er das Schlußwort. Vor 1200 Jahren hat man eine Frage an ihn gestellt; ihn in Meditation gestürzt. So gewichtig war diese Frage, daß die Antwort darüber in Stein geronnen ist.

Heute spiegelt sich noch gerade im Gesichtswinkel seiner Steinaugen die Ankunft eines einzelnen Menschen. Er schickt sein fernes Lächeln hinab. Der Mensch kommt den Hügel hinangeschritten, und aus dem moosfleckigen Trachytleib des Bildes löst sich ein großes Wesen, steigt unhörbar die fünf Treppen hinab und umhüllt den Kömmling mit einem Mantel von Stille. Urplötzlich, klanglos, versinkt all das falscheuropäische Getriebe. Die Hupenschreie versickern, das Rasseln, Pfeifen, Droschkenklingeln, Ponytrappeln und Händlerbrüllen . . . Und aus dem erstickten Lärm des Heute gebiert sich süße Stille und das Zirpen zahlloser Schwalben.

Ich schreite den von silbrigem Wurzelwerk durchflochtenen Weg hinan. Ein wenig melancholisch klimpert ein Gambang im Palmenhain. Ich bin auf dem Plateau der Hügelkuppe angelangt, und vor mir dehnt sich, kaum mit einem Blick umspannbar, der Ziergarten aus greisenhaftem Gestein: – die altergraue Masse des Borobudur. Ich blicke ins Land. Der Bezirk Kedoe in den Vorstenlanden träumt unter steiler Sonne. Es ist mittags; die Reisfelder liegen unter sanften Brisen schillernd, und über ihnen schweben die violetten Schattenkegel des Merapi und Merbaboe . . . .

Eine steile Treppe, die fünf Terrassen der pyramidalen Basis überschneidend, eröffnet einen schmalen Zugang. Nach Überschreiten der mächtigen Sockelbasis stehe ich vor dem ersten Spitztor, von dem ein Dämonenkopf auf mich herabglotzt. Und dann bin ich hineingeworfen mitten in ein tumultuarisches Geschehen; in eine mannigfache Gebärdenwelt von Gott, Mensch und Fabeltier. Traumbefangen lenke ich die Schritte in dieses Unmaß von Schöpfertum, das nur eines Anhauchs bedarf, um sich vielgestaltig zu regen.

Bild reiht sich an Bild. Die Existenzen Buddhas spindeln sich ab. Stets erneuern sich drängende Figurenmassen, erschreckt, vernichtet, beherrscht, erklärt von der Wandlung seiner unsterblichen Geste. Aus den Wandflächen strebt es ins Reich der Form: zierhafter Elefantenrüssel, entrolltes Pfauenrad, springendes Jagdgetier, gewölbte Knie und Hüften, stumm klaffende Münder, im Schatten lauernde Augengruben –; und immer wieder dazwischen der Erleuchtete, in Bettlergestalt oder im Perlengependel der Mitra: Segnend, ruhend oder meditierend . . . Jeder Blick scheucht neues Leben auf an Simsen, Friesen und Paneelen; – hier bläht sich ein Monstrum, dort häufen sich Lotosranken mit strotzenden Knospen . . . In kleineren oder größeren Altarnischen seh' ich ihn, und stets nur ihn: lächelnd in weißer Marmornacktheit, mit glatter Brust, mit geringelten Locken, kappengleich auf rundem Haupt, mit herabgezerrten Ohrlappen . . . So tritt er hervor, gespensthaft schimmernd, vierhundertmal . . . Er ist unheimlich lebendig; er bewegt sich im Dämmer seiner Nischen . . . . Er ist voll verschluckter Emotion; sie belebt dies alles. So deutlich und intensiv hat er diesen Traum seines Tempels geträumt, bis er Form gewann. War nicht dies alles plötzlich da, über Nacht? Erstarrter Spuk? – Der nackte Steinmensch hat sich selbst besiegt. Er hat seinen Körper geistig abgeschlachtet. Doch es ist ihm zu Kopf gestiegen; er kennt keine Demut. Er hat dies öde, dünnlippige Grinsen; er schwelgt in einer vertrackten Heiterkeit. Es ist, als sei dieser Figurenschwall unter dieser gefährlichen Sonne pilzartig aufgeschossen. Menschen konnten dies nicht schaffen. Es ist ein Traumdickicht voller Fallen; alle Leidenschaften purzeln durcheinander, und über dem Delirium thront der nackte Büßergott und lächelt sein gletscherkaltes Lächeln.

Zwei der Umgänge habe ich durchwandert. Doch auch noch von den höheren Terrassen dringt mystischer Schreck auf mich ein; das Phantom des auf Java vom Islam gemordeten Kultes bleibt selbst in der Kopflosigkeit lebendig und tränkt alles mit wimmelndem Leben. Ich eile höher. Drei fratzenhafte Tore durchklimme ich noch; dann – überraschend – öffnet sich ein Wunder.

Die wirre Stufenpyramide weicht zurück. Drei runde Terrassen münden in die Spitze aus: in ein Gebilde von klarer Stupaform. Der steinerne Spuk, der tolle Strom von Mensch, Dämon und Fabeltier versinkt in der Tiefe; die kellrigen Umgänge werden licht; der Wind weht erlösend über reine Fliesenflächen. Es ist Pilgerfahrt durch die Leidenschaften mit dem Endziel abgerundeter Läuterung. Welch ein Einfall, welch ein Instinkt gestaltender Phantasie! – Plötzlich befreit, springt das Auge ins Ungemess'ne . . . .

Das weiße Wölkchen, das wie eine Flocke aus Schafwolle an der Spitze des Merapi hing, als ich kam, hat die Silhouette des Berges inzwischen überdacht und fast verschlungen. Der ganze Horizont ist bewölkt. Noch liegen die Reisfelder, wie geleerte Bienenwaben, in summender Sonnenruhe, die Wolken hängen scharf begrenzt als brütende Linie im Süden. Der Schatten eines Raubvogels streift langsam die gleißenden Fliesen. Klar erkennbar am Fuße des Hügels rühren sich Menschen und Büffel; bunte Farbflecke, die zwischen trägen, grauen umherschießen. Piepsende Schreie weht der sanfte Wind von diesem Spielzeug herauf, und dazwischen klimpern die verlorenen Töne des Gambang.

Ich zünde eine Zigarette an. Der Rauch hängt pinienartig in der Luft. Das allwissende Lächeln des Buddha, der mich dozierend von hier oben herab zuerst begrüßt, reizt mich zu einer spielerischen Blasphemie: – ich stecke ihm die Zigarette zwischen die Lippen. Es gibt einen verruchten Effekt. – Doch im Augenblick dieses profanen Tuns geschieht etwas Beklemmendes.

Die Sonne ist wie weggeblasen. Die Wolkenvorhut des Zweiuhrgewitters hat sie mit vorquellender Spitze erreicht wie eine Faust, die eine leuchtende Frucht zerquetscht. Stechendes Halblicht macht sich breit. – Um Vergebung murmelnd mache ich meine Blasphemie wieder gut.

Das Wolkenwesen hat, unheimlich schnell, fast schon drei Viertel des Himmels überschwemmt. Weiter schiebt es die funkelnden Säume und frißt sich in das vertiefte Blau der anderen Hälfte. Die Mendoreh-Berge heben sich, in diesem verdunkelten Blau, spukhaft weiß empor, zerklüftet und gezackt, als stehe dort ein zweiter, gigantischer Borobudur, von verscheuchten Göttern belebt.

*

Und während ich den von silbrigem Wurzelwerk durchflochtenen Weg wieder hinabschreite, spricht eine Stimme in mir: »Und das Wort ward Stein.« – – Denn noch gibt es einen, der reckt einen ungepflegten Bart, zur Höhe hinaufrufend brennenden Auges; um dessen zermürbten Kopf hängt wirr, von Wettern verfilzt, wie ein Krähennest das Haar. Und sein Hauch spaltet, nach fast zwei Jahrtausenden noch, die Katakombenschwüle dieser steinernen Mythologie. Es ist der, dessen Stimme einst in der Wüste schrie: es ist Jochanaan.

Der war kein Vorläufer dessen, der die Welt mit ihren Trieben unter einem Mangobaum verdaut und nichts dafür bietet als die Pose des Alles-Wissers. Denn dies schlitzäugige, behaglich-kontemplative Idol kann nie lebendig werden für Dich oder mich. Nie kann man diesem Ding im Schrein sagen: »Meister, tummle Dich, wir darben«. – Es ist die große Gemütsfessel, die Askese als Wollust geübt, auf dem sterilen Lotterbett der Selbstentäußerung durch Flucht vor der Welt. Es hat ein lähmendes Phlegma wie eine Seuche um sich verbreitet; ein geistiges Phlegma von solchem Ausmaß, daß diese Menschen hier das Müdigkeitsgift seiner Doktrinen im Blute schleppen; daß dieses aus Millionen nun ausdunstet wie aus faulenden Zisternen, von wütender Sonne bebrütet. Und jene ungeheure Tatkraft, die einst an einem Kreuz verzuckte, wirft keine Wellen bis zu den Bezirken dieser feisten Maske, die »Taten« belächelt und ewig belächeln wird. –

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