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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 20
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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IV.
Die Mauer des Anstoßes

Ich unternehme mit einem orts- und sprachenkundigen Jüngling (es ist der junge Schwager des belgischen Konsuls) meinen ersten nächtlichen Ausflug in Kairo.

Wir kommen von der St. James Bar und sind zu allerhand Scherzen aufgelegt. Wir machen daher mit der Unbefangenheit unserer Jahre einen Vorstoß in jenes Gewirr von Sackgassen, die auch tagsüber im Dämmerlicht überkragender Stockwerke und zerfetzter Sonnensegel liegen – nachts aber pechfinster sind. Hat man Glück, so kann man am schmalen Himmelsband über sich so viele Sterne zählen, als man Finger hat. Bis ein Uhr vielleicht streuen Ölfunzeln in farbigen Glastulpen schwache Arabesken auf den Lehmboden, der glattgetreten ist von tausenden nackter Sohlen oder gelber Schnabelschuhe. Murmelndes Völkergemisch drängt sich schattenhaft vorüber. In sehr großen Abständen erhellt ein Bogenlicht die Gegend.

Dazwischen brodelt das Abenteuer.

Man soll sich diesen Dingen nicht so frisch nähern. Wir aber treten ohne weiteres in den Bezirk der »buhlenden Flöten«, in die Wasr, östlich der Klot-Bey, dort, wo Ibrahim-el-Gharbi, der Mograbiner, eine nette kleine Serie von Lusthäuserchen sein eigen nennt. Er bewirtet uns mit Mokka und schwatzt guttural und blumig. Mein Dolmetsch funktioniert prächtig. Wir bekommen allerhand zu sehen . . .

Nachdem wir in einer Levantinerkneipe noch einen Absinth genommen, verläßt mich mein Schutzengel, mein himmlischer Dragoman, indem der irdische, nämlich mein Führer, mich aus den Augen verliert, oder ich ihn? – Es ist eine besonders finstere Gasse.

Verloren, ortsunkundig, hilflos stehe ich zwischen schwülen Hauswänden. Es stinkt nach Parfüm und Eselurin. Zuweilen streift mich die Wollchelabije eines Arabers. Gedämpftes Schwatzen, leises Aufkreischen, Flötendudeln. Ganz in der Ferne schimmert ein Bogenlicht. Diesem strebe ich zu. Irgendwie, denke ich, finde ich schon zurück. Vorläufig ist mir nicht im geringsten unbehaglich zumute. Eine lange erkerlose Wand, aus Quadern gefügt, wird hell bestrahlt. Versonnen stelle ich mich an diese Wand und unternehme etwas sehr Natürliches. Sie ist einladend, diese Wand. Allah weiß es – ich denke mir nicht das Geringste dabei; bin vielmehr in behaglicher und tolerantester Stimmung.

Und als ich das Unternehmen friedlich zum Abschluß gebracht, wende ich mich weiterzuwandeln. Diese meine Absicht wird aber unliebsam durchkreuzt.

Lautlos wie ein Schwarm von Fledermäusen hat sich hinter meinem Rücken ein Häuflein Eingeborener versammelt, das ständig wächst. Sie bilden einen kompakten Ring um mich. Ich bin eingekreist. Und das Unheimliche ist: sie schweigen, schweigen und starren. Es sind große Kerle darunter.

Ich mache Anstalten weiterzugehen. Der Ring dehnt sich elastisch und der Haufe bleibt derselbe. Ich werde sie höchstens in den Rücken bekommen. Diese Aussicht ist wie ein nasser Handschuh ums Genick. Was will die Bande denn eigentlich?

Inzwischen werden Neuankömmlinge leise begrüßt. Sie schließen sich an und glotzen mit. Mit einer Art von Knurren werden sie informiert; sie zeigen eine schauderhafte Einmütigkeit.

Während der folgenden Minuten werde ich vollkommen nüchtern.

»Lieber Gott«, bete ich, »erleuchte mich. Was habe ich getan? Was will diese verschwiegene Rotte Korah? Was soll ich ihnen zu fressen geben, damit sie sich trollen?« –

Inzwischen verstärkt sich der Haufe. Es bilden sich sozusagen Proszeniumslogen und Parkettreihen. Die Vordersten hocken sich nieder. Die Stehplätze füllen sich. Es liegt eine üble Spannung in der Luft.

Ich schwenke Zigaretten; es hilft nichts!

Keines der bronzenen oder schmutziggelben Gesichter rührt sich. . . . Ich bin fast am Ende meines Lateins.

Da fällt mir endlich ein, was geschehen ist.

Die einladende Mauer ist die Mauer einer – Moschee!!

Teufel ja. Sakrileg! Lynchjustiz! Fanatismus!

An diesem Punkt kommt die Pointe. Das Leben leistet sich manchmal etwas, was einem Romanschreiber als allzubillig unter die Nase gerieben wird.

Hier leistet es sich den Deus ex machina; hier springen sogar mehrere Götter aus der Maschine.

Ich habe noch nie gesehen, daß so viele Menschen so spurlos verduften können, wie es diese Eingeborenen tun. Sie sind wie weggeblasen. Der Straßenteil liegt leer im grellen Licht.

Und aus der Schwärze der Gassen hervor schwillt ein taktfestes Geräusch: Pferdegalopp. Es ist eine Patrouille der englischen Stadtpolizei. Sie sitzen stramm, in kleidsamen Uniformen auf gepflegten Gäulen. Sie tragen kleine Teakholzknüppel an Lederriemen um die Handgelenke, und die verehrungswürdigen Revolvertaschen schwappen rhythmisch an ihren Reiterschenkeln. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sympathisch sie mir sind, diese englischen Knüppelschwinger, diese strammen Kerlchen.

Ich fange mir den letzten ab. »Where's Shepheard's?!« brülle ich.

Und aus dem nachklappernden Echo seines Galopps höre ich die Zauberformel heraus (als sei es in Piccadilly):

»Straight on, Sir, and third to the left!!«

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