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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 2
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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Gruß an Dauthendey

Ich hätte Dich kennen müssen . . . Warst Du nicht nach Java unterwegs, damals im Frühling des Jahres vierzehn, als ich mich an Dir vorbei nach Australien bewegte? Die Schäume unserer Schraubenwellen haben sich vielleicht irgendwo im Indischen Ozean in letzter Ausstrahlung durchzittert, nicht faßbar mehr; – und von den braunweißen Möwen, die meinen Bug umschwebten, ist vielleicht eine oder die andere von Colombo ab Deiner Spur gefolgt . . .

Was ich damals von Deiner Person wußte, war nicht viel. – Stanislav Przybyszewsky, mit weizenfarbenem, schütterem Bauernbart, die Slawenäuglein ekstatisch geschlossen, hatte mir ein Bild von Dir entworfen mit seinem heiseren Organ, zwischen energischen Zügen aus seiner »Hüftpulle« und ein paar unvergeßlichen Beschwörungen Chopins . . . Schilderungen, die er mit modellierendem Schwung seiner Pranken unterstrich. – Demnach seiest Du ein mittelgroßer, schweigsamer und zarter Mann gewesen, mit dunklen Augen und einer brünetten Scheiteltolle. Du habest aus Lyrik bestanden: jederzeit bereit, solche Perlen vor begeisterte Polen und Nichtpolen hinzuwerfen. – Und man sei versucht gewesen, vor lauter Sympathie mit Dir eine Art »Maximin«-Kult zu betreiben . . .

Solches war das Bild, das ich von Dir nach Australien trug; – zu billig und zu niedlich, sieht man; – wie die Erinnerung an eine Aufnahme im Perlmutterrahmen! – Gar nicht vereinigen wollte sich solche Vorstellung mit dem Eindruck, den mir Deine indischen und japanischen Visionen machten. Die lyrischen Girlanden, die Du vor Stanislav und seiner Satanistengefolgschaft wandest, wollten sich gar nicht in die strenge und kolossalische Architektur Deiner Epik fügen, und so stellte ich denn diesen subjektiven Eindruck in den Hintergrund und hielt mich an Dich selbst; – den kräftigen seelenkundigen Menschenschöpfer, der hinter den »Raubmenschen« steht. – Wie konnte das möglich sein, dachte ich, daß das Bild stimmen sollte? Ein Titan, der seine Bilder auf eine horizontlose Weltenleinwand mit ehernem Pinsel malt: dieser soll ein kleiner brünetter Herr sein, mit einer Mimosenseele und feuchtdunklem Augenaufschlag? Mit zarten Fingern und kleinen Füßen, – ein lautloser, weicher, träumerischer Kamerad? . . . Und doch war es, wie ich dann 1925 auf Java von einigen Deiner Freunde erfuhr, so mit Dir bestellt . . . Deine Seele war groß und empfindlich. Sie war an einen zu zarten Körper geheftet wie ein Ballast. Hast Du doch – (wie aus Deinem Tagebuch sich deutlich erweist) – jeden Eindruck als Ballast empfunden, unter dem Du stöhntest, bis Du ihn mit Hilfe Deiner Kunst erleichtertest, verklärtest und abwarfst. – Du warst eine der ganz echten, typischen Künstlernaturen, deren Blick von selbst hinter die Dinge dringt und sie von innen aus betrachtet, ihren äußeren Anschein nur symbolhaft deutend: Du glaubtest die Menschheit von ursprünglichem Altruismus erfüllt und von angeborener Güte sozialen Instinktes. Aus dieser innerlichen Prämisse wuchs für Dein Schaffen folgerichtig das greifbar-körperliche Drama – das Einzelschicksal. – Diesem warst Du dichterisch gewachsen; in immer neuen Situationen, immer neu herangeholten Individuen »aus allen vier Winden« bewiesest Du den ewig gleichen Ablauf menschlicher Leidenschaft, in Hemmung und Irrsal, in Suche und Erfüllung . . . Und damit hattest Du recht; Du wandeltest das Thema ab in reizvoll farbigem, exotischem Facettenspiel . . . Als aber der Krieg kam, das Massendrama, die groteske Großfront verneinender und asozialer Instinkte, da versagtest Du, zarter Bildner. – Da wurde der Ballast zu groß. – Irr tasteten Deine Künstlerhände nach Erleichterung; – vergebens, denn die Kulisse der Dinge war zu schauderhaft aufdringlich und zu schwer geworden, um sich rücken zu lassen, um sie in Einzelgeschicke aufzulösen. – Sie erdrückte Dich, den Angewiderten, Passiven, Vergifteten. Und die Rufe der Freunde aus Soerabaja, in Deine Einsamkeit nach Tosari hinauf, drangen nicht mehr an Dein freiwillig verstopftes Ohr.

Es tut nicht gut, Dein Tagebuch zu lesen. Weder in eine dicke Haut hinein konntest Du Dich retten, noch Zuflucht nehmen zum Selbstgenügen oder zum anderen Geschlecht. Und doch, statt Dich von fixen Ideen martern zu lassen, wäre dies Deine Rettung geworden: dem Gamelang zu lauschen, das Du So liebtest. Warum tatest Du's nicht? War's Verantwortlichkeitsgefühl einer Frau gegenüber, in die Du Dein zerrissenes Ich gänzlich und hemmungslos ausgossest? – Warum versankst Du nicht, wie so viele, in die Zeitlosigkeit des Orients, der Dir Kissen und Rausch bereithielt täglich, stündlich? Augenweide, süßes Gesumm und Messinggepolter, schlanke Leiber und unvergeßlich durchblutete Regenhimmel?

Hier ist wieder eine typische Tragik des Künstlers: die Hemmungslosigkeit einer krankhaft wuchernden, sich übersteigernden Phantasie. Das Wort »Deutschland« . . . Viele haben dies Wort mit sich herumgetragen wie einen Edelstein, mit dem man zuweilen Zwiesprache hält, wenn man ihn lang genug in der Gürteltasche getragen. Zwanzig und dreißig Tropenjahre lang. Bei Dir – der doch wissen mußte, daß sein Exil irgendwann einmal innerhalb von fünf Jahren ein Ende haben müsse – wuchs es riesenhaft zur beklemmenden Zwangsidee, zum gänzlich jeder Proportion spottenden Alpdruck, zum verdrängenden Komplex auch für Geschlechtserlösung . . . Das Heimweh ist oft nur eine zarte beschwingte Last, die sich leicht schultern läßt und das Herz bereichert. Stellt man aber eine grausame Wand auf, die Unmöglichkeit der Rückkehr, so wächst es; nimmt es noch dazu die Gestalt einer Frau an, die im Hirn des Odysseus der Minuten quälenden Gleichtakt zählt, so wird es zum erbarmungslosen Idol, das unfruchtbare Opfer fordert; aus dem Heim-Weh wird Heim-Sucht.

Und da half es Dir auch nicht mehr, daß Du Dich an das Edelste wandtest, was das Land bot . . . daß Du, in steter Flucht vor dem fetten Kolonialbürger, innig die Landschaft suchtest und tief in die Tradition der Javanen drangst, in die edel absterbende Kultur der feudalen Schicht, die noch dünn im Lande sitzt . . . Wenn Dich auch das Bild so gepflegter Geste, so entrückter Schönheit, das Du an den Höfen sahest, noch zum Fabulieren anregte . . . Der grelle Krieg im Verein mit dem Dämon der Heim-Sucht fuhr mit rohem Daumen über die zarten Saiten und brachte sie zum Platzen.

Die Glocken der Würzburger Kirchen überbrausten das Gamelang und brachten es zum Schweigen.

So verklingt sie ohne Erlösung, diese Künstler-Odyssee unserer Tage . . .

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