Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willy Seidel >

Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 19
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

III.
Die Stiefelputzer

Brehm hat sie noch nicht katalogisiert; sie sind eine Gattung von Geschöpfen, die sein helles Forscherauge in ihrem geheimen Treiben noch nicht durchschaut hat.

Man sitzt zum Beispiel vor einem Café und fühlt sich am Fußknöchel gekratzt. Man denkt es ist ein Hund (an Ichneumons oder gelbe Katzen denkt man zunächst nicht). Reagiert man also mit einem Fußtritt, so verliert sich das Kratzen.

Es geschieht aber auch, daß man mit einem harten Gegenstand am Knie beklopft wird. Das ist kein Hund, denkt man, und guckt hinunter. Es war dann der Rücken einer Bürste, und man erschrickt fast, denn zwei enorm große, schwarze, flüssige Augen blicken unendlich erwartungsvoll empor. Diese Augen befinden sich genau in vertikaler Richtung. Es gibt nichts Intensiveres als die Frage, die in ihnen bebt.

Man kann auch jetzt noch mit dem Fuß abwinken, dann verschwindet der prachtvolle Blick und taucht zwischen den Knien deines Nachbarn auf. Du bist aber gewöhnlich geneigt, dir deine gelben Halbschuhe putzen zu lassen; du grunzest also beistimmend und entfesselst dadurch eine wütende Geschäftigkeit unter der Tischplatte.

Gewöhnlich sind sie zwischen acht und zehn Jahren alt, diese Geschöpfe. Sie tragen ein gestreiftes Hemd aus einem Stück, das sogar noch ihre staubigen Füße bedeckt. Damit sie beim Laufen nicht hineintreten und sich samt ihren Schuhputzerinstrumenten nicht zahllose Male überkugeln, raffen sie es bis an die Hüften hinauf und rennen wie die Windhunde. Das passiert besonders dann, wenn ein »Ingliz« am Horizont auftaucht; dann wimmeln sie aus ganz unvorhergesehenen Lauerecken und Verstecken hervor, hordenweise, mit erbostem, weichem Kleinkinderzetern.

Sie zerren sich gegenseitig an ihren Hemden; die Eifersucht in den kleinen leidenden Gesichtern ist allein schon ein Trinkgeld wert. Zuweilen kleben sie zu zweit oder zu dritt an deinen Füßen und bürsten sich gegenseitig vom Platz. Aber der Unverschämteste, meistens der Älteste, trägt die Palme davon.

Sie wissen schwer Bescheid um ihre Heimatstadt. Sie leben auf der Grenzscheide zwischen Europa und dem Orient, das heißt in der Nähe des Eskebije-Parkes, zwischen Shepheards Hotel und der »Wasr«. Sind sie fünfzehn Jahre alt, so hat ihre Intelligenz den Höhepunkt erreicht; dann sind sie die geborenen Fremdenführer. Ein paar Jahre später hat ihre Liebenswürdigkeit vollends ein Ende. Dann sind sie aufdringliche, heiser schreiende Gesellen geworden, mit Spatzenhirnen und voll abgründiger Unverschämtheit, die dir weismachen wollen, ein Bettvorleger aus Chemnitz sei ein eingeborener Gebetsteppich. Sie begreifen dann nicht, daß ihre Beschwörungen fehlgehen. Nichts gleicht dann der Komik, mit der sie ihre Enttäuschung zeigen. Fassungslos stehen sie mitten auf der Straße, ganz mit Chemnitzer Bettvorlegern behängt, und ihr Weltbild stürzt zusammen.

Und ich weiß genau, daß die kleine hübsche, so anmutig kindliche Wanze, die sich an meine Fersen heftet, in drei Jahren vielleicht schon den Glauben an Gott verlieren wird, weil ich dann so unverständlich zurückhaltend sein werde!

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.