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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 18
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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II.
Der kleine Professor

Es gibt einen kleinen Herrn, dessen Name so ähnlich klingt wie Paidophilides, er ist »Professor«, Grieche und Masseur. Von diesen dreien auf seiner Visitenkarte vermerkten Eigenschaften stimmt wohl nur der »Grieche«. Wenn ich in der St. James Bar saß, so hatte er mich mit Selbstreklame jedesmal derartig mürbe gemacht, daß ich wirklich schließlich auf ihn verfiel. – Er stellt sich also jeden Morgen ein, auf eine würdige, aber bescheidene Weise. Er sitzt draußen im Korbstuhl und wartet. Wenn ich mich verspäte, blickt er mich mit großer Trauer an. Er nimmt ein Pfund Sterling pro Woche.

Er ist ganz in weißes Leinen gekleidet und ein rotseidenes Taschentuch hängt ihm vorn beim Halse heraus. Dieses parfümiert er; ist er doch schwer beschäftigt. Seine Tätigkeit beginnt bereits um fünf Uhr. Ungefähr fünfzehn feiste Effendis zählen zu seiner »Clientèle«, und sich zwischendurch zu duschen erlaubt ihm seine Zeit nicht. Ich bin einer von den Spätesten.

Mit einem weichen gutturalen Englisch bittet er mich wie jeden Tag zum Salon meiner Herbergsmutter hinüber. Und nun kommt ein kleines Kuckucksanschlagspiel zwischen ihm und dem Salon. Er wagt nicht ohne weiteres einzudringen. Öfters nämlich ist das nächtliche Leben in diesem noch nicht erloschen. Gewöhnlich ärgert sich dann eine weibliche französische Stimme, oder ein männlicher arabischer Fluch scheucht meinen Professor auf seinen Beobachtungsposten zurück. Daraufhin dauert es aber nicht lange mehr, bis die Tür sich öffnet und irgendein mächtiger in helles Flanell gekleideter Tarbuschträger, von einer bunten Kokotte gefolgt, das Lokal verläßt.

Mein kleiner Professor eilt hinein. Da die hohen Fenster offen stehen, braucht er nicht zu lüften; immerhin erweckt er den Anschein solcher Tätigkeit, indem er mit dem rotseidenen Taschentuch und mit einem Nasenpusterchen die Atmosphäre durchfuchtelt. Dies genügt meistens, um die Luft von dem Rest des Oppoponax (oder des Moschus) zu reinigen, der von den Ottomanen geistert. Was kümmert mich das! denke ich mir; jetzt lasse ich mich massieren. Schon hat er sich die Ärmel des seidenen Hemdes bis an die Achseln emporgestrichen und zwei eiserne, dick mit schwarzem Flaumhaar bestandene Muskelstränge entblößt, die nun anfangen, meiner Anatomie mit weniger Kunst als ungeheurer Energie zu Leibe zu gehen.

Eine halbe Stunde lang dauerte diese Prozedur. Er arbeitet, hupft umher und murmelt leise Beteuerungen auf griechisch. Wir beide geraten ins Transpirieren; schon sind die drei hohen Fenster voll praller Sonne. Parfüms haben keine Dauer in diesem ägyptischen Alltag. Es ist so träumerisch, herumgeboxt, vergewaltigt und zerknetet zu werden, wenn man dabei den Frühgeräuschen von der Straße lauscht. Unendliches Getrappel, wie wenn Tropfen unablässig in eine Wanne fallen, hat draußen begonnen. Ein Regenfall von trippelnden Eselshufen –: Die Bauern, die nach der Mouski reiten. Fortwährend zerplatzen Schreie in der Luft: das sind die Zeitungsjungen mit ihrer »Bourse«, deren »U« den Lärm beherrscht. Dazwischen grölen die Melonenverkäufer ihr keuchendes: »Shâm-mâm«.

»Now I am through«, spricht der Professor leise und weicht zurück. Er kleidet sich wieder an und verabschiedet sich äußerst höflich, schon halb auf der Treppe. Ich stürze mich unter die Dusche und bedaure nur, daß ich nicht den ganzen Tag darunter verbringen kann. Denn es ist Juli, ägyptischer Juli. Nach einer Stunde schon wird die Sonne nicht mehr mit sich spaßen lassen.

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