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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 15
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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Der künftige Luther des Islams

Es gibt Menschen, die gänzlich verschwinden, auch wenn sie Kristallisierungspunkt geistiger Strömungen sind.

Wer kann sie herausholen aus den wimmelnden Massen Indiens, wer weiß von ihnen, deren Namen wie Scheidemünzen umgehen unter Millionen ihresgleichen?

Der Regent von Batavia, Raden A. A. Djajadiningrat, warf den Namen »Hadji Salim« ins Gespräch. »Wenn Sie sich«, meinte er, »mit allen geistigen Strömungen hier bekannt machen wollen, so darf dieser Mann als Abrundung nicht fehlen.«

Diese kurze Erwähnung verhallte nicht ungehört, der liebenswürdige Sekretär des Regenten schrieb die Adresse auf. Am nächsten Tage morgens nahm ich ein Auto und gab Weg und Adresse, aber nicht den Namen an. Das Auto irrte pflichtschuldigst zwanzig Minuten umher, bis ich endlich den Namen selbst nannte . . . Da geschah etwas Unerwartetes: der braune Chauffeur grinste breit; »Hadji Salim!« sang er, als ob dies magische Wort Würze sei für seine Zunge; ein Ende war's aller Fragen und wie ein Pfeil schoß der Wagen auf sein Ziel los . . .

Das Ziel war ein Haus wie tausend andere, an der Peripherie der Stadt, dem kanaldurchzogenen Goenoeng Sarih gelegen. Es tritt, wie jedes Beamtenhaus, mit einer Einfahrt von der Straße zurück; links hängt ein Schild mit dem Namen des Blattes »Hindia Baroe«, dessen Redaktion es beherbergt.

Ein älterer Indo-Europäer mit dem Aspekt eines würdigen Bureauvorstehers nahm meinen Wunsch, Herrn A. Salim zu sprechen, mit leicht verblüfftem Zögern entgegen. Er wies mich an dessen Sekretär, einen höchstens 24jährigen, intelligent aussehenden Malaien. Auch dieser war etwas »put out« durch das Ansinnen, schlug mir aber vor, meinen Wissensdurst selbst zu befriedigen. Ich lehnte das ab, ließ etwas von der Bemerkung des Raden fallen und versteifte mich auf die Note »dringend«.

»Nun gut«, sagte der würdige Bureauvorstand, »wir werden versuchen, den Hadji zu erreichen . . . Er ist momentan nicht hier . . . er ruft Sie an im Hotel . . .«

Ohne mir viel Illusionen zu machen, fuhr ich ins Hotel zurück. Inzwischen gingen wohl einige Anfragen hin und her; dann, kurz vor Mittag, traf eine sanfte, wie aus weiter Entfernung dringende Stimme an mein Ohr, die in tadellosem Deutsch sprach: »Ich erwarte Sie nach eins im Büro.«

Diesmal warf ich dem Chauffeur lediglich den Namen hin und war in fünfzehn Minuten zur Stelle. Sanft untereinander tuschelnde Boys geleiteten mich in ein etwas kahles Redaktionszimmer und die Tür schloß sich. – Nach einigen Minuten ging sie wieder auf und die Stimme des älteren Herrn informierte mich: »Der Hadji . . .«

Ich gestehe, daß ich im ersten Moment kaum Worte der Begrüßung fand und meine präparierte kleine Einleitung mir fast in der Kehle steckenblieb. Denn was da hereintrat, nacktfüßig, in verschlissenes Khaki gekleidet, staubgrau, lautlos und wie auf Vorschuß lächelnd, war einer der Vielen, ein Staubkorn aus dem schwirrenden Haufen, kaum einer Kopfdrehung wert . . . »Wollen Sie nicht«, sagte dieses Phänomen und schüttelte mir nun die Hand, »Platz nehmen? Womit kann ich Ihnen gefällig sein?« Und als ich mich erschüttert niedergelassen, sah ich auf einmal eine sinnende Intelligenz in diesen braunen, etwas schiefen Malaienaugen aufglimmen, die den winzigen Mann, der mir kaum zur Schulter ging, in einem Augenblick hoch über seinesgleichen hob. Und während er sein dünnes Kinnbärtchen, eine Art Mandarinenfliege, zwischen langen Fingern aufmerksam zwirbelte, erklärte ich ihm mein Anliegen.

Ich sei als Selbständiger, auf kein Parteiinteresse vereidigter Beobachter in Indien. Unter den vielen Bewegungen, deren Ziele und Zwecke noch unklar seien, die dem Gebildeten in Europa nicht viel mehr als ein Name bedeuteten, nehme der »Sarikat Islam« eine der ersten Stellen ein. Es fehle noch eine klare, knappe Zusammenfassung des Programms; ob er sie mir nicht anvertrauen wolle?

»Das will ich gern«, sagte er bereitwillig. – Was ich nun, nach seinen in fast fehlerfreiem Deutsch vorgetragenen Ausführungen, folgen lasse, ist meiner Meinung nach etwas so Erstaunliches, daß es nur mit den Umwälzungen der Reformation verglichen werden kann. Und der Aufstieg des bedeutungslosen Malaien und seine Absichten legen keinen anderen Vergleich nahe als den Titel, den ich ihm in der Überschrift dieses Berichtes gab. Seine Worte verrieten wenig von haltloser Schwärmerei oder tobendem Fanatismus: sie klangen bündig und von einer unbeirrbaren Sachlichkeit durchtränkt. Ich selbst ziehe keine kritischen Schlüsse; ich gebe seine Darstellung, den Ausdruck seiner Interessen; der Hadji gab mir zu verstehen, daß er gegen die Publikation seiner Theorien nicht nur nichts einzuwenden habe, sondern daß es im Gegenteil erwünscht sei, mit der westlichen Presse in Fühlung zu treten.

»Ich bin Malaie und stamme aus Menangkabau, an der Westküste Sumatras. Zunächst studierte ich in Batavia. (Unter »studieren« versteht der Hadji offenbar die Volksschule, da die »höhere Bürgerschule«, die unserem Gymnasium entspricht, eher schon von reicheren Chinesen frequentiert wird.) In erster Linie lernte ich Sprachen – ich spreche Arabisch, Hindi und alle indomalaiischen Zungen – und wurde dem holländischen Konsulat in Dschidda und Mekka als Dolmetsch für fünf Jahre zuerteilt. Als ich nach Arabien ging, war ich überzeugter Marxist. Doch dort lernte ich den Koran kennen, verstehen Sie, das »Wort« in reinerer und schlichterer Auslegung, das unverfälschte, durch keine Zweckauslegung geschwächte, durch keinen Animismus oder zersetzten Hinduismus entstellte Wort – und ich sah auf einmal, daß im Koran eine gesellschaftliche Basis lag oder Keimgrund für alle östliche Ordnung und somit auch ethische und politische Orientierung. Der Marxismus – eine Theorie – war auf einmal nackt und grau, wie jede Theorie; und grün . . .« Hier half ich ihm ein: »Ist die Fahne des Propheten!«

Sein Kinnbärtchen, unablässig gestrählt, stellte sich steil auf; er hatte den Kopf amüsiert in den Nacken geworfen. – »So kann man sagen; gewiß . . . eine passende Version! – Als ich dann wieder drei Jahre in der Heimat weilte, wuchs die Überzeugung in mir, daß eine östliche Freiheitsrevolution im wahren Sinne nie möglich sein wird unter der Kontrolle einer westlichen Kolonialmacht. So haben, trotz aller Kompromisse und ins Auge springenden Bildungs- und Verkehrsinstitutionen, die Europäer sich kein Verdienst um die breite Masse hier erworben. Die Praktiken sind andere, gewiß. Es gibt viele wohlmeinende Leute, auch in der Regierung. Aber kratzen Sie diese wohlschmeckende Außenschicht ab, es kommt ein rauhes, stachliges Gehäuse, die Nuß, die nie zu knacken ist, der Fremdkörper, . . . das ist der Geist vom Geiste der Ostindischen Compagnie. Denn solange Holland Indiens bedarf – und es steht und fällt mit ihm – solange andere Westmächte Indiens bedürfen als eines billigen Freigrundes für Kapitalinvestierung, solange wird das Home-Rule für diese Länder, wenigstens auf ökonomisch-politischem Gebiet, für undenkbare Zeit eine Schimäre bleiben.

1915 traf ich in Buitenzorg einen Herrn Kuyl, der im Verdacht stand, als Spion der deutschen Regierung mit Arabern und Javanen zusammen auf revolutionärem Wege gewisse Reformen von der holländischen Regierung erpressen zu wollen. Auch mein jetziger Freund Tjokro-Aminoto sollte bestochen worden sein, diesem Aufruhr mit Hilfe der Organisation des Sarikat Islam den Weg zu ebnen. Zwar bin ich Anhänger der Freiheitsbewegung, aber war von jeher Feind jeder sprunghaften, gewaltsamen Änderung. Schon der bloße Versuch hätte uns in viel tiefere Abhängigkeit verstrickt.

Als darum die Polizei an mich das Ansuchen stellte, als sprachenkundiger Detektiv diese Sache zu untersuchen, nahm ich den Auftrag an. Ich konnte feststellen, daß nichts Positives hinter den Gerüchten steckte. Bei dieser Gelegenheit jedoch lernte ich den Sarikat Islam kennen und machte mir ein Bild seiner Organisation und seiner Absichten. Die Folge davon war, daß ich diesem Bunde beitrat.

Ihre erste Bitte, mein Herr, war die um eine klare Darlegung dieser Bewegung. Diese Darlegung kann noch nicht klar sein, da sie selbst für mich in ihrer jetzigen Entwicklung schwer überblickbar ist. Immerhin läßt sich folgendes feststellen:

Die Bevölkerung Niederländisch-Indiens können wir uns in drei Hauptschichten getrennt denken: die Intellektuellen, die Mittelklasse und das analphabetische Volk. Dazwischen gibt es natürlich Übergänge. Unter Mittelklasse verstehe ich die Leute, die heimischen, aber keinen westlichen Unterricht genossen haben. Der Sarikat Islam durchläuft diese drei Schichten, hat jedoch noch am wenigsten seine Vertreter unter den Intellektuellen. Seine Position läßt sich vergleichen mit dem Anfangsstadium der Sozialdemokratie in Europa; seine Exponenten mit jenen wenigen, die sie klug vertraten; seine Gefolgschaft mit der damaligen Ratlosigkeit dumpf brodelnder Bedürfnisse, die noch keine schlagkräftige Formulierung kannten.

Die Bewegung konnte sich seit 1913, ihrem Geburtsjahr, nicht selbständig entwickeln. Die Regierung weigerte sich, sie als Großpartei anzuerkennen. Sie gestattete lediglich städtische Organisation und zersplitterte sie dadurch. 1918 betrug die Mitgliederzahl zirka zwei Millionen. Wegen der Erschwerung durch die Kontrolle haben wir jetzt (1925) keine genauen Zahlen. Inländische und weiße Obrigkeit, Regentenbund, Residentschaften behindern naturgemäß nach Kräften ihre lokalen Äußerungen.

Der Wunsch der Moslems, ihr ökonomisches Leben zu ordnen und auf gesunde Basis zu stellen, ist eine Forderung der Religion. Deshalb hatte auch der Kampf, aus dem die ganze Bewegung entsprang, in seinen Uranfängen religiösen Hintergrund: es war der Kampf gegen ökonomische Versklavung durch das chinesische Kleinkapital – die nächstliegende und darum erkennbarste Fessel. Damit schlug sich das dumpfe Volk herum. Die höheren Eingeborenenschichten sahen über diesen Stacheldrahtzaun hinweg und erkannten die weitaus gefährlicheren Mauern, die unübersteiglichen, mit denen das europäische Großkapital sie umringt. Über diesen Ring hinüber nun galt es für sie, mit den außerindischen mohammedanischen Völkern in Berührung zu kommen. Dies ist den Intellektuellen auch gelungen.

Die Masse hat aber noch nicht einmal das klare Bewußtsein, zu einer großen Völkergruppe zu gehören. Die eigene eingeborene Verwaltung ist in ihren Interessen aufklärungsfeindlich gestimmt. Die größere Bewegungsfreiheit, die ökonomischen Erleichterungen, nach denen das Unterbewußtsein dieser dreißig Millionen schmachtet, ohne daß sie in die Lage versetzt werden, diese eigenen Wünsche zu formulieren – dieses Ziel, sage ich, wird ihnen klug unterbunden, und zwar folgendermaßen:

Man schuf den »Volksraad« und ließ darin die Volksvertretung zu Wort kommen. Mein Herr, der »Volksraad« ist eine Schwatzbude, in der mindestens ebensoviel Idealisten wie Opportunisten sitzen. Sie halten sich ungefähr die Waage. Was darin gesprochen wird, nimmt man zur Notiz oder läßt es verpuffen, je nach Bedarf. Im Grunde genommen ist er – indirekt – auch nur ein Kontrollorgan der Regierung. Dann haben wir die Religion; und diese wäre eine wunderbare Brücke von den Massen zur Obrigkeit; die Mullahs wären die gegebenen Mittelspersonen. Wie Sie wissen, kennt der Islam keine Priester. Aber hier wurde durch die Regierung künstlich eine Kaste geschaffen, die befugt ist, alle mit dem Urrecht zusammenhängenden Funktionen auszuüben, wie Heiraten, Erbschaftsfälle und ähnliches. Diese Kaste ist natürlich die einzige zur religiösen Unterweisung befugte, und sie ist insofern ein Instrument der Regierung, als sie den Koran in einem der Obrigkeit zweckdienlichen Sinn auslegt. Ganz konsequent ist es auch, daß zur Gottesdienstlehre überhaupt die Abstempelung der Regierung notwendig ist; in Britisch-Indien ist dies nicht der Fall. – Deshalb haben die Moscheenämter hier eine Lehre verbreitet, die dem Islam fremd ist. Die Kanzel ist zur Waffe der Obrigkeit degradiert. Der Sarikat Islam will der Masse das reine Koranwort bringen. Sie finden in ihm viele Übereinstimmungen mit der sozialdemokratischen Idee. Die beiden obersten Schichten sehen im Islam eine gesellschaftlich-politische Organisation, im Gegensatz zu der antigesellschaftlichen Auffassung von Marx oder Engels. Deshalb, und das möchte ich stark betonen, kennt der Sarikat Islam keine proletarische Diktatur und lehnt Moskau ab.

Er läßt sich gut vergleichen mit der Manär-Partei in Ägypten. Der Gedanke des Stifters, Mohammed Abu, war eine Lostrennung der religiösen Praxis von der Besatzungskontrolle. Zurzeit ist ihr geistiges Haupt Mohammed Reschid-Risar. – Was nun die geistigen Führer, die Oberschicht des Sarikat Islam betrifft, so ist ihr Programm zu allererst geistige Selbständigkeit. Diese involviert natürlich die panislamische Idee. Sie sehen also, mit der Mittelschicht, im Islam hauptsächlich eine neue gesellschaftlich-politische Struktur, einen Gedanken von solcher durchdringend-einigenden Macht, daß er jeder militaristischen Unterströmung entbehren kann. Die Türkei hat dem Islam seit ihrer Revolution schlecht gedient. War früher der Scheich ul Islam ein bloßer Sündenbock des Kalifen, zuletzt Abdul Hamids, ohne politische Bedeutung, und war früher die religiöse der Kalifatsidee untergeordnet, so verschwand sie vollends unter der Militärdiktatur Angoras. Kemal Pascha ließ ein Zerrbild zu, die Religionskommission, die lediglich strammzustehen und auf seine Politik den Segen Allahs herabzuflehen hatte. Ja, die moderne Türkei steht dem Kalifatskongreß direkt widerstrebend gegenüber.

Die Mittelschicht des Sarikat Islam, meistens Händler mit eingeborener Schulbildung, wünscht jetzt zunächst Niederländisch-Indien zu islamisieren und Kenntnisse zu verbreiten. Es besteht natürlich ein offener unüberbrückbarer Gegensatz zur privilegierten christlichen Mission und zur »Sendung«.

Kommunismus? – Nein, damit hat der Sarikat Islam nichts zu tun. 1921 stieß er, mit Hilfe Tjokro-Aminotos, die roten Mitglieder aus. Daraus wurde der Sarikat Raiat, die »Volkspartei«, deren Leiter Darsono sich zum Moskauer Programm bekennt. Das heißt, er will Unruhe, und er bekommt sie. Wir lehnen Moskau ab. Wie die Manär-Partei, wenden wir uns in erster Linie gegen die Verpolitisierung des Islams. Der Koran ist keine Schlagwortangelegenheit für die Gosse.

Nun zur Masse des Volkes. Für den Sarikat Islam bedeutet, vom Standpunkt des Korans, die Tatsache der Verpachtung der Regierungsländereien an das Volk eine ungerechte Übervorteilung des Volkes. Nach dem Koran kann die Obrigkeit nur ein Zehntel der Ernte fordern. Die hiesige Obrigkeit aber schädigt den Eingeborenen, wenn man alle Steuern zusammenrechnet, um fast 80 v. H. seines Einkommens. Und wie steht es mit einer volkstümlichen schlichten Kommentierung des Korans? – Sie geben sich orthodox, unsere Mullahs; – das taten aber auch die zaristischen Popen . . .

Ich habe das Wort. – Ich bringe ihnen das Wort. – Sie sollen fürder keine Hypotheken mehr verzinsen von Gütern, die im Monde liegen. – Es gibt kein Heil auf Erden, wenn nicht jeder Moslem ernst macht mit dem Islam. Er ist das wahre Heil zwischen den Extremen: Kapital und Marx. Eine feste Ordnungsmöglichkeit ruht nur in der Religion.

Nun zu den drei existierenden Hauptorganisationen. Wir haben: 1. den Sarikat Islam politisch-religiös, 2. den Islam-Kongreß unpolitisch, nur religiös. Er umfaßt auch andere islamitische Bünde. Das gemeinsame Ziel: eine Oberste Theologische Instanz ist noch nicht erreicht, 3. den Kalifatskongreß. Er ist eine Mischung der beiden ersten. Er ist politisch und religiös; sein Ziel ist Niederländisch-Indien an den außerindischen Islam anzuknüpfen, das heißt an: die Kalifatspartei in Britisch-Indien, die Gema'at Khilafat bin Wadi Nil, die Partei des Königs Fuad, die Mekka-Partei des Ibn Saūd, und sonst ganz Nordafrika.

Der hier gegründete Kalifatskongreß findet das nächste Mal im Dezember 1925 in Soerabaja statt. Wie ich Ihnen sagte, behindert die holländische Regierung das Abhalten großer, allgemeiner Kongresse nicht. Aber die kleineren Kongresse in den Dörfern werden erstickt, und zwar von den Fürsten. Hier war die Regierung schlau genug, die ehemaligen Blutsauger am Volk, die Regenten, zu Häuptern der islamitischen Gemeinden und Ehrenvorsitzenden der Affdeelings-Banken zu machen. Es ist der versteckte Autokratismus, gegen den der Koran sich wendet!

Wie erreichen wir dann das Volk? – Der »Hindia Baroe« ist ein kommerzielles Blatt, dessen Spalten einem Parteiführer des Sarikat Islam offenstehen. Er tut es auf eigene Verantwortung. Unser eigentlichstes Propagandaorgan ist der »Bandera Islam«. Zu allen nationalistischen Verbänden, z. B. dem »Boedi Oetomo« stehen wir freundschaftlich, wenn uns auch in deren Programm prinzipielle Gegensätze trennen . . .«

Ich glaubte jetzt, da auch der Hadji schwieg, alles Wissenswerte erfahren zu haben. So verabschiedete ich mich von dem merkwürdigen Mann, der auf Java, offenbar besten Glaubens, eine Tätigkeit entfaltet, deren Ergebnis so lange problematisch bleiben wird als das Wort besteht: »East is East and West is West.«

Denn nicht nur in der Daseinsauffassung, sondern auch in den Methoden klaffen Abgründe, die nicht zu überbrücken sind. Aber eben diese Methoden (zunächst schwer verständlich, weil sie der westlichen Logik entraten) erzwingen sich wie bei Ghandi Erfolg. Wir können sie empfindungsgemäß würdigen, wenn auch unser Selbstbehauptungstrieb ihnen immer in die Speichen fallen wird.

Beim Hadji Salim sehen wir ein Phänomen: Große geistige Bewegungen, Reformation und Sozialismus, die bei uns um 300 Jahre getrennt waren, finden sich hier zeitlich zusammengerückt. Daraus ergibt sich ein Bild, das in Europa nicht hergestellt werden konnte.

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