Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willy Seidel >

Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Schöpfungsmorgen und Passion der Kreatur

Ich stehe auf der erstarrten Lava des Matavanu, auf Sawai'i. Der Wind bringt den immerwährenden, den weiten Schrei des erwürgten Lebens: eine sausende Stille. Das schöpferische Pflanzentum verlischt wie mit einem Seufzer; wie in mächtiger Kurve abgehackt unter schwarzem Albdruck.

Und doch: auch diese toten Lavamassen sind vor kurzem lebendig gewesen, von wüsteren und primitiveren Kräften gereizt als den zartstarken, die Zelle an Zelle gliedern. Die Tonnenlasten von Zement sind gewandert, von fernem, feuerfauchendem Abtrieb befördert; knirschend, ätzend, zermalmend schwankten sie, türmten sie sich an Hindernissen; sie gruben sich ein riesiges Bett; und darin quoll das trübe Verderben herab, zäh und unaufhaltsam im Schwefeldunst fürchterlichen Triumphes.

Da stehen Hütten, Palmen: die kochende Lava rückt auf sie zu, langsam, langsam, eine Wand, eine schwarze Woge, die, vom eignen Gewicht gebändigt, statt Schaumes träg platzende Blasen wirft, und die statt vom Tang der Tiefe von glühenden Schlacken schillert . . .

Der Finger des Todes rührt an die Hüttenpfosten. Vierundzwanzig Hartholzsäulen, für die Ewigkeit errichtet (an denen Nägel sich krümmen, die der Feuchte, der Infekten spotten), sie spüren an ihrem Fuß stumme Wut, die einsickert in ihr zähestes Wesen; flammende Säure, der sie sich beugen müssen. Sie wollen nicht weichen; sie recken sich in krachendem Trotz; die Fasern umarmen sich brünstig im Krampf tödlichen Widerstandes. O Seele des Eisenbaumes: Gib nicht nach! Denkst du noch, du behauener Stumpf, der Zeit, da du ganz warst, da Tage um dich schwirrten wie Mücken, und Jahre wie Brisen von der Küste, da deine Krone, steil und hoch, als einzelner Prachtschirm stand, der seinen Schatten wie ein Spielzeug in ein formloses Gewimmel verächtlich niedrigen Busches herabwarf? Zwanzig braune Leiber waren Wochen hindurch geschäftig, dich niederzuhacken und zu vergewaltigen, und weitere Wochen vergingen, bis du in böser ächzender Arbeit, in Straucheln und Stolpern gelüftet und gewälzt den Weg zum Tal gefunden . . . Und dann zerteilten sie dich mühsam. Deine Unzerstörbarkeit sollte ihnen dienen. Und jetzt gibst du nach? Jetzt verleugnest du deine Kraft?

Der Finger des Todes rührt an die Pfosten . . . Sie wollen nicht weichen! Doch der Widerstand, der Wille, der sie spannt, ist so ungeheuer, daß er sie wie mit einem Kanonenschuß zerreißt. Das Organische trennt sich voneinander. Verklammerte, verschweißte Zellen bersten. Zur Unzeit befreit, glüht, raucht, kohlt die Seele des Baumes. Ein Zittern pflanzt sich fort: die Füße der Pfosten werden zu Wachs; sie schmelzen. Die Lava gräbt weiter; sie quillt in alle Spalten; sie macht es sich häuslich. Strohmatten schwinden dahin, auf die sie sich bettet; sie achtet dessen nicht. Leise zischt sie und füllt als böser Gast der Tiefe das ganze Oval der Hütte an. Und ihr Zischen lockt das Dach herunter. Das Dach sehnt sich nach der Erde; ruckweise sinkt es herab; es will selbst zur Erde werden; es liebt dies urvertrauliche Zischen. Aufglimmend taucht es in den Werdezirkel zurück. Und im gierigen Prasseln einer einzigen Lohe, die plötzlich aufschießt und verschwindet, ist es dahin. Der Teertod frißt seine Spur . . .

Den Palmen graut es. Sie neigen sich zueinander und küssen sich mit den Wedeln. Die grünen Fiedern erbleichen vor Entsetzen zu Stroh. Und dann beben sie und fallen reihenweise wie Halme vor einer langsamen tückischen Sense.

Es dauert noch Tage, noch Wochen: plötzlich geschieht etwas an der Küste. Das Meer brüllt auf vor Schmerz: Feuer tastet an die kristallne Kühle. Angegriffen durch das Wesensfremde, durch zwei Meilen siedenden Teers, wird die Kühle trüb und sucht die Luft in rasender Zersetzung. Sie bedeckt sich mit toten Fischen, mit blauem, stinkendem Silber; sie läßt tausend Dampfpfeifen dröhnen durch die Löcher, durch die sie noch atmen kann; eine riesige weiße, unablässig neugenährte Dampfwolke ballt sich auf, unter der ein Kampf von Sein und Nichtsein brodelt.

Und wie ist das heute? Ist der Kampf erloschen? – Es ist still. Heftige Bewegung ist erstarrt. Quillt es noch? Nein – es ruht . . . Es ruht mit der Maske des Kampfes. Dies alles hat das geisterhafte Angesicht von erstarrten Kolonnen, von Klumpen bewegter Scharen, die ein plötzlicher Tod erschütterte und stehenließ in allen ihren wilden Gesten.

Das ist das Drama des Matavanu –; das ist das Schicksal von Toa-pai-pai, das unter der Lava liegt . . . Und dies Schicksal, mit dem süßen Zirpen der Schwalben, geistert noch darüber: fernes Gedächtnis von Mattenpreisungen und von Gesängen in Tarofeldern, die tief verschüttet sind!

Ich klettere zum Saum der Küste hinunter, entkleide mich und schreite ins Meer.

Während ich vorsichtig ins Tiefere wate, geschieht der Morgen; kaum weiß ich, wie . . . Der Grund ist soeben voll grauen Moders, voll toter Korallenstöcke gewesen; jetzt auf einmal gleicht er einem gründurchblühten Kristallhaus. Farben entwickeln sich auf ihm: weiß, gelb, grün und rostrot, der weiße Sand dazwischen lacht schimmernd herauf. Bizarre Lagunenfische und Schwärme blauer Seestichlinge stieben hinweg . . .

Wo ist heute das Bollwerk, das sich vor Aeonen dort lückenlos erstreckte – die Wälle steinerner Blumen, starr blühend durch die Zeit? Wann war das gewesen, daß jene einzelne Kokosnuß auftauchte, jener Ball, aus Lebenswillen geformt, herschaukelnd aus Tausenden von Meilen? – War das gestern? War das ehegestern? Oder war es, als dieser Küstenstrich noch ein siedender Tumult von Lava war, zu einer Stunde, die diesen Hügelgruppen »gestern« hieß? Wann war es, daß jener grüne Dämon Einzug hielt in seinem nachgiebig-unzerstörbaren Kerker? Daß er Halt verspürte, und nicht mehr, ob sich und unter sich, Grundlosigkeit? Daß er fiebernd seine Keimlöcher durchbrach und dürstend und bohrend aus zerfetztem Bast drei starke Ankerfinger spreizte?

Damals erwuchs die erste Palme: rührend schlank.

Der Wind haßte sie. Er peitschte, peinigte sie. Doch siehe: das gefiederte Leben, mit Neigen und Beugen, gab nach und erklomm Vollendung. Der Wind ward zum Sturm: grollend warf er sich auf das Leben zum letzten Anprall.

Da schleuderte es, schimmernd von Trotz, anderes Leben herab. Dumpf knallten sechs Nüsse auf harten Stein; und das Meer, in kochender Wut, übersprang das Bollwerk. Es begann einen tötlichen Tanz mit den Kindern des Lebens. Es sog den spärlichen Sand unter den Wurzeln der Mutter hinweg: sie wankte; sank; doch schlammbegraben lächelte sie mit letzter schwankender Fieder. – Und die Kinder enteilten. Sie ließen sich nicht ertränken, nicht zerschmettern; elastisch taumelten sie vom Seichten ins Tiefe und aus der Tiefe zurück . . . Und nach einer Zeitspanne, die den Korallen nicht länger dünkte als ein Windstoß oder der Satz einer Woge, lächelten alle Gestade: grüner Triumph von tausenden schwankender Wedel. Keines Fußes Breite, die nicht vom Leben trächtig war; keines Schrittes Spanne, die nicht lächelte!

Ich stehe noch im Wasser: da sehe ich, wie in beträchtlicher Entfernung von der See her ein flaches Samoaboot heranprescht. Zwei leuchtend hellbraune Leiber, in schmiegsamen Windungen, treiben es mit Stößen langer Stangen in das Mangrovendickicht hinein, das dunkel die Ufer säumt.

Eine dritte Gestalt am Heck steht breitbeinig vorgebeugt, lauernd ein Wurfnetz schwingend. Ich höre aufgeregte Rufe herüberquellen und sehe, wie unter spritzendem Schaum eine zappelnde, wild um sich schlagende Masse ins Boot gehißt wird, das fast dabei kentert . . . Das Etwas blitzt tanggrün und bernsteinfarben gesprenkelt. Ich höre Klopftöne, tönend, wie auf einem Gong. Die Rufe ebben ab; die drei nackten Leiber, von gemeinsamem Vorhaben beherrscht, verschwinden zusammengedrängt hinter dem Bootsrand . . .

*

Am folgenden Tage um die Mittagszeit gehe ich über das kurze Gras im Hofe des Tivoli-Hotels in Apia. Ich höre einen seltsamen Zischlaut und stocke. Da liegt eine große Meerschildkröte.

Auf dem Rücken liegt sie da, wie gekreuzigt in ihrer mächtigen Plattheit; ein Opfer für die Schlachtbank. Durch ein hineingebohrtes Loch im Schwanzstück des Panzers schlingt sich ein rohes Bastseil und umschnürt ihre Hinterflossen. Die Sonne wütet auf ihren feuchten Fibern; sie leidet alle Urschmerzen der Kreatur. Senkrecht gestellte Augenlider, wie bläuliche Schiebetürchen, trennen und vereinen sich zu krampfhaftem Zwinkern. Ihr horniger Papageienkiefer, nach hinten gedreht, hackt Mulden in den dürren Sand. Blutige Bläschen zerplatzen auf ihren Naslöchern. Ihr ganzes Wesen, aus grünem Gischt, aus klarem Silber, dampft auf und windet sich in Qual und Feuer.

Und mir ist, als verstände ich plötzlich die Sprache der Vögel; den schallenden Zank der Hautgeflügelten im Mangobaum; das rhythmische Sieden der Zikaden – als sei dies alles mir tiefer verschwistert als je: ist doch dieser Zischlaut das Echo aller Passion und nicht nur das Unmutsschnauben jenes verirrten Geschöpfes, da es unter den Mangroven steckenblieb und merkte, von dörrender Ebbe überrumpelt, daß seine königlichen Paddelruder nur noch Schlamm aufwarfen statt grünen Gischtes, der seine Seele war!

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.