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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 11
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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Inselwälder

I.
»Tui-Ma-Tui«
oder Der Mythos von der Sina

Tafitofau und Ogafau, ein Ehepaar in Samoa, hatten zehn Söhne namens Tui und eine Tochter, die Sina hieß. Sie saßen eines Tages beisammen und eine Möwe kam zu ihnen geflogen. Das Mädchen sah den Vogel zuerst. Sofort wollte sie ihn haben. Die Möwe, so hatte sie geträumt, sei ein verwunschener Häuptlingssohn, der für sie bestimmt sei. Sie forderte ihre Brüder auf, die Möwe zu fangen. Hierauf machten sich die zehn Brüder auf die Suche.

Sina saß im Hause, als ihre Brüder fort waren, fühlte sich einsam, da jene so lange wegblieben und rief nach ihnen in den Wald hinein: »Tui, Tui, Tui!«

Daraufhin stellte sich ein fremder Mensch ein und sprach: »Auch ich heiße Tui.« Er hieß aber Tui-le-tafoe und war ein Waldgeist. Er vergewaltigte die Sina.

Als es Abend wurde, kamen die zehn Brüder wieder. Der Älteste kam zuerst und sah einen fremden Menschen im Schoß der Schwester ruhen. Hierauf sang er ein Klagelied: »Komm Mädchen, Sina komm, komm Mädchen Sina, komm, es schreit Dein Gatte nach Dir! Wir sind gesprungen, wir sind geklettert; hier nimm den Vogel und hüte ihn gut! Denn flieht er wieder, so droht uns Mühe, und droht von neuem der Suche Qual!«

Die Antwort der Sina lautete: »Ach Bruder Tui, komm schnell ins Haus; ruf alle Brüder, spring' mir zu Hilfe! Denn ach, ein falscher verwegener Tui hat mich umgarnt und in Leid gestürzt!«

Darauf kamen die neun Brüder aus dem Busch und jeder einzelne sang die Frage; jedem erwiderte sie das gleiche Klagelied. Der jüngste Bruder sah, daß der Geist im tiefsten Schlafe lag; da wagte er sich ins Haus und band dessen lange Haare am Mittelpfosten fest. Dann führte er die Schwester heraus. Und sie gingen alle in den Wald.

Da erwachte der Geist. Er versuchte sich loszumachen in seiner Wut, da er die Jungfrau nicht fand; aber es half ihm nichts. Er stieß so lange mit dem Kopf an den Pfosten bis er starb.

Die Möwe aber war zum schönen Häuptlingssohn geworden und Sina heiratete ihn im Haus der Brüder.

Mitten aus den Wäldern hervor, aus einem schwer betretbaren Innental, blinkt ein eirunder Kraterring zum wechselvollen Himmel empor; ein Becher, darinnen die Tränenfülle schneller Gewitter schäumt; ein smaragdenes Auge, weit geöffnet, dessen Wimpernkranz aus Palmenfiedern die Sonne köstlich filtert: – der Träumsee Lo-otanu-u . . . An einer kleinen Lichtung, die von den Tellerblättern großer Schlingpflanzen völlig übersponnen ist, raste ich und mein Blick verliert sich in das Liebesspiel sammetschwarzer Schwalbenschwänze. – Auf einmal höre ich einen merkwürdigen, einsamen Ton; es klingt wie »tui, tui«, vielleicht siebenmal, dann bricht es seltsam wehmütig ab . . . Und die Sage von Sina fällt mir ein.

Es gibt einen Vogel, der hoch in den Kronen der Banjanbäume sitzt, wenn die sinkende Sonne die Wand des Urwaldes vergoldet; nie ist dieser Vogel sichtbar; kaum weiß man von ihm die Federfarbe oder Gestalt . . . Man kennt nur seinen langgezogenen Pfiff, der tief beginnt und anderthalb Oktaven hinaufklettert, um in einem Ton zu enden, der in Hoffnungslosigkeit verschwebt . . . Dieser selbe Pfiff wiederholt sich noch, wenn die Dämmerung in Nacht übergeht; und je dunkler es wird, je wilder, zackiger, grundloser die Welt am Fuße des Baumes, desto trostloser spinnt sich diese zehnfache Folge von fragenden Pfiffen fort, um zu schwarzer Stunde in umgekehrter Tonfolge melodisch zu ersterben. Jedem der langgezogenen Pfiffe folgt noch ein »Zuk, zuk, zuk«, wie Herzschläge des unsichtbaren Vogels.

Ist es überhaupt ein Vogel? Ist es nicht der Geist der überquellenden Schöpfung selbst? Ist sein Pfiff nicht ein Laut der Qual über das sinnlose Aufeinanderstapeln tastender Kletterstränge, zitternder Blätter, sprossender Stengel, aufgähnender Kronen? Oder ist es der Laut schwermütiger Gier dieser Mauern von glatten Stämmen nach Lust und Licht? Ist es der Seufzer der Überbürdeten unter dem Übermaß, unter dem funkelnden, triefenden Allzuviel? – –

Am Rande der Insel, in der Nähe der geräuschvollen menschlichen Niederlassungen, ist der einsame Pfiff kaum zu hören; aber Meilen drinnen im Inland, wo rohgezimmerte, längst verlassene Regenhütten an verwilderten Pflanzungen liegen, erwacht er an verlassener Stätte, geboren von dieser ungeheuren Pflanzenverwesung. Und die sieben braunen Brüder, mit dem Namen Tui, die murmelnd um ein Bastfeuer sitzen, fühlen die ungeheure Stille, die ungesellig um sie heranschwillt; fühlen die Nähe der Hügelkämme, die noch keines Menschen Fuß betrat. Seit die Schatten fielen, spüren sie eine dunstig brauende Geschäftigkeit, und sie blasen ins Feuer, daß es nicht erlischt.

Der Pfiff, dem sie lauschen, lähmt ihre Lider. Wie verzaubert sind sie. Sie sehnen sich nach der Schwester; irgendwoher tönt es »Tui, Tui!« Das ist der Ruf der Sina. Es ist ein Hilferuf. Ein verworrenes Geschehnis vollzieht sich; ein mystisches Verbrechen wird begangen am reinen Stamm; und hilflos sehen sie sich an, in Irrsal verstrickt und beschämt. Denn sie sind abgesperrt von der klagenden Schwester.

In diesem Augenblick sitzt Sina jenseits all der Klüfte und Schluchten, hinter nebelnassen Kulissen, unerreichbar. Die Brüder wissen, wie gefährlich der Weg zu ihr ist. Denn diese Schluchten sind übersponnen von herzförmigen Blättertellern, und jedes Blatt ist tückisch und lügt. Es zeigt breite Form und lädt den Fuß: »Tritt getrost auf mich!« Doch unter ihm lauern tückische Spalten; schwärt grundloser Moder.

Das Häßliche lauert darunter. Das Zweideutige, Lebensfeindliche lüftet die grüne Decke und lugt hervor. Denn der Spuk der Dämmerung geht um und der Waldgeist, der falsche Tui, hat sich losgekettet und geht um. – »Schweige, Sina!« rufen die zehn echten Tui in ihrer Angst, »schweige, du Einsame in der Hütte, denn sonst lockst du den Bösen auf deine Fährte! Schweige und harre aus! Sobald wir können, sind wir bei dir und bringen dir die Möwe! Wir sind Schluchten hinauf- und Schluchten hinabgeklettert; wir haben sie für dich gefangen! Bald sind wir bei dir!«

Doch weiter tönt der schwermütige Ruf . . . Ist er fern? Ist er nah? Angst ergreift die Verirrten vor dem großen Rätsel. Lauter, lauter tönt der Ruf; er zerrt an ihren zehn ratlosen Herzen und schließlich dröhnt er darin wie die hölzerne Alarmtrommel, wenn man sie jäh in der Schlafstille rührt. Sie betrachten die perlmutterglänzende Möwe, die gefesselt in ihrer Mitte liegt und in deren beerenschwarzen Augen sich ihre dunklen Gesichter spiegeln: vom Gesicht des schlankschultrigen Jüngsten an, der noch keine Tätowierung trägt, bis zu dem Ältesten, dem rostrotes Haar die Wange umrahmt. Plötzlich geschieht ein Windstoß, und alles ist schwarz. Halbverkohltes Reisig glüht, und die Möwe bebt.

Sie denken: »O Möwe, Du schöner Häuptlingssohn! – Noch Tagereisen haben wir zu wandern. Schritt nach Schritt haben wir zu klettern, und die Sohlen werden uns zu Horn auf der spitzen Lava! Pflanzenunmut wird unsere Schultern gerben! Verhungere uns nicht, du schöner Seevogel; willst du dich noch kurze Zeit begnügen mit Waldtaubenspeise? Silberbrüstige Sehnsucht der Sina unserer Schwester, halte aus, bis wir dich zu ihr gebracht!« Der Vogel zuckt und krächzt leise.

Doch sie ahnen noch nicht, daß zur selben Stunde der falsche Tui, der Waldgeist, schon in der Hütte der Schwester weilt, mit Beerenketten behangen und in bunte Maulbeermatten gehüllt, die verführerisch rascheln; daß er lacht und gurrt; daß er zu ihr spricht: »Auch ich heiße Tui . . .« Er hat die zehn in sich zusammengezogen und strahlt ihre einfachen Seelen aus. Er trägt Puablüten hinter dem Ohr und blaue Ringe an den Handgelenken. Er spricht die Sprache der Brüder, und Sina ist verzaubert. Sie weist ihn nicht seines Weges. Da haucht Tui-le-tafoe sie fremdartig an und betastet sie. Zu spät klingt ihr Hilfeschrei . . . – – – Ein Mond wechselt, und endlich kommen die Brüder aus dem Busch zurück. Der Jüngste knebelt den Schlafenden: häßlich wird dessen Farbe, wie die toten Gesteins. Und mit der zerrütteten Stirn hämmert er an den Pfosten bis er stirbt . . . Die Möwe aber flattert silbern in Sinas Schoß; das Blut wird geläutert und die Mühsal des Verlangens kommt zu ihrem Recht . . .

Dies ist das Ende jenes verschollenen Geschehens. Doch wenn man den Ruf des unsichtbaren Vogels hört, so scheint es noch ein Hilfeschrei, scheint noch unvollendet; und im Laufe der Zeiten steht die Angst der Sina unablässig wieder auf in zahllosen Geschlechtern, deren Muttergrund ihr Schoß war. Das Echo ihres Rufes lebt weiter in dem einsamen kummervollen Pfiff, denn so uralt ist die Angst vor der Einsamkeit, die all diese Inselbewohner in sich tragen, daß sie jetzt noch, wenn sie den Vogelpfiff hören, das Haupt verstecken und das Feuer nicht verlöschen lassen .

Ich merke plötzlich, daß die Dämmerung angebrochen und daß es höchste Zeit ist, mich auf den Rückweg zu machen. Tastend schreite ich vorwärts. Ich komme an Tanumalēto vorbei, hinter Vailima . . .

Da plötzlich beginnt der Regen. – Schon am Strand, als ich aufbrach, hatte es ein kurzes Pladdern gegeben, ein schnelles Herabzischen weißer Tropfen. Flugs hatte sie die Sonne aufgeküßt. Denn dort unten ist sie mächtig.

Aber hier oben wird ihr die Herrschaft gekündigt. Die krausen Wipfel greifen nach den Wolken und lassen sie nicht los. Die Wolken vergessen es, zu segeln. Sie wälzen erdmatte Schwaden herab, von spitzen Wipfeln durchbohrt, und aus diesen Wolkenwunden quillt graues Blut in stetem, endlosem Rieseln. Nicht wilde und flüchtige Wassermengen schütteln sie aus, in silberner Unbeirrtheit ihres Weges wandernd und Spritzer von Segen schleudernd nach sonnigen Flachgefilden. Nein, hier in die Hügel betten sie sich und rasten in großer Schwermut.

Die Dämmerung vertieft sich. Mir wird unheimlich zumut; ich eile schneller. Denn auf einmal ist mir, als wanderten die Bäume mit. Schnell drehe ich den Kopf, um sie zu ertappen; da erstarrt ihre Bewegung und sie necken mich mit ihrem Stillstand. Aber wenn ich die Augen abwende, so weiß ich genau, sie heben wieder an, hinter mir dreinzuwandern.

Der Wald dröhnt. Er donnert vom Regen. Schier meint man Gießbäche zu hören, so groß ist die Summe der schluchzenden Geräusche aus nah und fern. Auf dem Wege verschlingen sich die Rinnsale rostrot in grauer Wasserdämmerung; Dickichte schlucken den gelben Sturz. Lichter verlieren ihre Bedeutung; nichts ist dunkel- oder hellgrün mehr; alles wird regenfarben.

Mein Freund der Ao-a wiegt in seiner Krone eine kleine Wolke ganz für sich und saugt sie aus; jede Fuge seines gelbgrünen Leibes schwitzt rinnende Perlen. Das eisenharte Holz des Poumuli trinkt; ja, ich höre es deutlich trinken! Es ist, wie wenn man den Mund spitzt und die Luft einzieht: ein feines Sieden. Der Fa-u ist wild erregt; seine herzförmigen Blätter schwanken im Tumult und peitschen die gelben Blüten; seine hastigen Atemstöße schicken Vanilleduft herab. Und der hochstämmige Farn! Er spreizt sich; jede Fieder lechzt an seinem kostbaren Schirm! Er ist von allen der lebendigste; Gatai mit seinen Dornen und A-ute mit purpurnen Kandelaberblüten sind wie totes Holz an ihm gemessen! – Denn der Farn schießt empor, schlank und schnell, bis zu meiner sechsfachen Länge; war er vor einem Mond noch ein Kind am Boden, so steht er auf einmal da mit dem Stammumfang meines Schenkels; und in seine Blätter könnte man mich wickeln! Wechselnd wogen sie auf und nieder, die bräutlichen Fiedern des entfalteten Schirmes; nun stören Brisen ihn auf; nun spreizt er sich höher und eitler! Unerreichbar schwankt die hellgrüne Sternform, während das Seidenhaar der Blütenkeime von zerstäubtem Geschmeide funkelt!

Immer eiliger, immer verwirrter kämpfe ich meinen Weg durch dieses Getümmel. Tausendfache Form raunt um mich. Es wird schwarz; der Kampf nimmt zu. Die Herzen der Bäume beginnen zu sprechen: »Was eilt dort, winzig und tief, unter uns, den Turmhohen, dahin?«

Die Schöpfung späht mir nach. Grüne Blicke treffen mich: phosphorleuchtende Pilze blinken im Unterholz. Schlinggewächse zielen nach meinen Waden, tasten über meinen Leib. Meine Knie zerreißen die schleimigen Verkettungen der Zellen, meine Hüfte spaltet Klumpen von Knospen und bricht sie knirschend auseinander. Tote Äste stechen nach mir und krachen unter meiner Sohle . . .

Endlich sehe ich ein Licht. Der Weg öffnet sich. Die Bäume weichen zurück, denn sie können mir nicht nachschreiten bis hierher. Ihre Körper sind gebunden; riesenhaft gebunden dort im Dunkel . . .

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