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Die Himmel der Farbigen

Willy Seidel: Die Himmel der Farbigen - Kapitel 10
Quellenangabe
typesketch
booktitleDie Himmel der Farbigen
authorWilly Seidel
firstpub1930
year1930
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleDie Himmel der Farbigen
created20050416
sendergerd.bouillon
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Das gelbe Kuckucks-Ei

Es gibt eine Kriechpflanze mythischer Art. Den Norden hat sie übersponnen und ausgesogen; dahin wendet sie sich nicht. Ihre Tentakeln tasten nach Süden; dort wittert sie nahrhafte Erde. Von Malakka aus, wo sie ihre Wurzeln fest einsenkte, schickt sie eine Kette von Ablegern, in denen der Saft des Mutterstammes pulst, hinüber in den Sunda-Archipel. Tausendfach verästelt, immer bohrend, immer tastend, – und auf einmal, unvermerkt, in triumphalem Besitz weiten Gebietesū–: Das ist China.

Ganz durchsetzt hat es hier in Java und in Süd-Sumatra den Boden. In den fruchtbaren Schoß des Inselvolkes hat es seinen Samen gesenkt; in den Masken der Freundschaft erscheint es. Mit leisen schlanken Händen streichelt es das zerfurchte Antlitz des Ackerbauern. Es streckt Geld und Waren vor; mit unauffälligem Wucher plündert es den kindlichen, ungeschickten Malaien. Die Chinesen können sparen und halten zusammen, bis in die sechsfache Verwandtschaft hinein. Der kleinste Kuli hat keine Schwierigkeit, einen Kramladen zu etablieren, sofern er imstande ist, eine sagenhafte Beziehung, angeheirateterweise, zu einem zweifelhaften Schwipp-Schwager des erlauchten Quick-Bok-Aij nachzuweisen; sofort eröffnet sich ihm ein kleines Kreditkonto. –

Und ihre Stärke? – Das wissen die Geister ihrer Ahnen, die unerbittlich mitwandern und streng wachen. In jedes Falschspiel hinein streckt ein erboster Urgroßvater seinen moralischen Pferdefuß; einen Opiumrausch verballhornt er und mahnt zur Pflicht und Selbstvervollkommnung. Und ist die Heimat des Javanen ein Zuckerrohrdach, ein Feld, ein Mundvoll Sirih . . . die des Chinesen ist der Ahnenschrein und das unablässige, klirrende Hamstern von Silber . . . So kommt es recht häufig vor, daß einzelne Mongolen recht rund und mächtig werden, und diese ziehen dem wutschnaubenden Mijnheer Jahr für Jahr ein gewaltiges Kapital unter der Nase fort. Und ich wage die Prophezeiung, daß dermaleinst nicht dieser, der Holländer, die Inseln erben wird, sondern ein Indo von mongolischem Typ.

Den letzteren sieht man zuweilen – den akklimatisierten braunen Chinesen mit einem kräftigen Spritzer Malaienblut; doch das ist unterste Kaste, Plebs, Füllsel; die Rikscha-Kulis in Britisch-Hinterindien rekrutieren sich daraus. Einstweilen bleibt also dies Mischlingsprodukt noch im Hintergrund.

Viel häufiger sind die quittengelben, kleinen, geschäftigen Krämer, die zuweilen durch ebenso emsig betriebene Laster das gespensterhafte Aussehen an Drähten bewegter Leichen gewinnen. Verfeinert und ausgemergelt, hantieren sie in ihren lautlosen Schacherhöhlen. Ihre Gesichter sind ausdruckslos wie Eierschalen; nur beim Mah-Yong oder sonstigem Glücksspiel verändern sich die Mienen und sie kreischen im Diskant; Silben schleudernd wie Vögel. Wenn sie handeln, lassen sie einen großen Strom lallenden Pidgins los. Ihre Frauen, die in jeder Altersstufe schwarze Hosen tragen und Kattunjacken, erscheinen zuweilen in den Haustüren. Sind sie älteren Jahrgangs, so fällt es auf, welche Würde sie erübrigen trotz der Hosen und der sirih-schwarzen Stockzähne, mit denen sie dich hinter dämmriger Ladentheke hervor anlächeln. Sind sie jung, dann sind sie schlankhüftig, haben etwas prinzlich Knabenhaftes, etwas Unverwöhntes . . . Die Leiber, wie aus Elfenbein gedrechselt, verraten zurückzuckende Keuschheit in jeder unbewußten Bewegung. Doch unter der kühlen Schale glimmt der Zunder verstohlener Begierde wie ein Brand im Kohlenflöz.

Wir wandeln das enge Schattenband einer Basarstraße entlang. In eine offene Haustür von vergoldetem Schnitzwerk schiebt sich ein junges Weib. Ihre kurzen Lippen öffnen sich, als sie meiner Frau ansichtig wird; verblüfft starren die weich-geschlitzten purpurbraunen Augen . . . So steht die junge schmalhüftige Person geblendet von unklarer Andacht; die Knie beben in den schwarzseidenen Hosen; unter dem straff zusammengekämmten Haar zittern die Ohrdiamanten, und die Knospenbrüste werden von beklommenem Atem geschwellt. Wir fühlen die intensive Betrachtung und wenden uns ihr lächelnd zu. Vergebens! – Sie lächelt nicht zurück! – Kein noch so schwaches Grübchen zeigt sich auf ihren Wangen, auf denen, wie auf einem Osterei, ein hochroter Klecks von Schminke blüht! – Wie ein Geist so schnell taucht sie ins Dunkel; kaum hört man das Klappen der Pantöffelchen . . .

Überall haben sie sich eingeschmuggelt und eingenistet. Und was ist der Grund, der es ihnen gestattet, sich so lautlos durchzusetzen und diese enorme, stetig wachsende Konkurrenzmauer gegen Europa zu errichten? – Es ist die Kontrolle des Hirns über die Triebe.

Sie zerlegen die Weißglut ihrer Sinnlichkeit ins Spektrum; sie treten neben sich selbst. Sie übersetzen den Trieb ins Produktive: – in Kunst, Rhythmus, Lebensführung, Geschäft. Gerade zum letzten gehört Phantasie. Und der Endzweck ist nicht das Nabelbeschauen, dem ihr Glücksgott fröhnt, sondern eine künstliche, eine selbstgeschaffene Welt. Er ist ein Protest gegen die wirkliche Welt, deren Rauheiten wir amerikanisierten Europäer in unserer egozentrischen Eingeklemmtheit so jämmerlich unterliegen, weil wir vergessen haben, wie man Dinge beseelt. Der Chinese kann das noch.

Der träumt seine Gedanken in Wasserfarben aufs Papier; in raffinierten Schmelzen auf die Vase. Der ironisiert die eigene Lebensangst mit einem Popanz und malt ihn höllisch an. Was wir mit dem billigen Ausdruck: »menschliche Schwächen« abtun, die Dämonenhorde der eigenen Brust, wird so entgiftet; und für den Akkord endlichen Gleichmaßes hat er seine Madonna: die mondene Kwannon.

Ich habe Appetit, die Bekanntschaft mit einem javanischen Chinesen zu machen. Mein guter Freund, der Raden M. P. Sosro Kartono, äußert hierauf die Absicht, uns einen besonders feisten Hecht im malaiischen Karpfenteich vorzuführen, einen Zuckerchinesen, einen schillernden Nabob, schläfrig, schlau und schwer zu überrumpeln. Die Absicht mißlingt leider, weil Seine Wohlhabenheit Quick-Bok-Aij sich soeben nach Soerabaja begeben haben, zu einer Revision von Dero prosperierenden Spekulationen. Immerhin lernen wir sein Milieu kennen und den vorhandenen männlichen Teil seiner ehrenwerten Familie. –

Von unserem vornehmen javanischen Freund eskortiert, betreten wir einen Palast aus weißem Marmor. Unwillkürlich macht man sich dabei etwas dünn zwischen den Zerberussen in Treppenhöhe, Kreuzungen, wenn man so will, zwischen Drachen und einer Sorte satanischer Pudel, und ganz aus Bronze. In der Vorhalle, auf einem Obsidiansockel, steht ein mannshohes bronzenes Räuchergefäß, um welches sich zwei geifernde Reptilien heraldisch schlängeln. Ihre Augen sind aus Gold; der Hausherr hat es dazu. – Im Innern des großen Marmorkastens hört man das Schnalzen der Tschitschaks (Hauseidechsen) und Klappern von Billardbällen. Irgendwie gemahnt das ganze an »Nervenheilanstalt« mit all dem Marmor, der Lautlosigkeit und der Zeit, die sich wie ein dicker Filz auf die Seele legt . . .

»Er kommt«, sagt auf einmal Kartono. – Richtig: man hört das Rascheln zurückgeworfener Glasperlenschnüre, und nun erscheint eine blasierte Persönlichkeit mit Hornbrille, die auf den ersten Blick einem amerikanischen Studenten ähnelt und beim zweiten einem Wallstreet-Broker; ich taxiere sein Alter auf fünfundzwanzig bis fünfundfünfzig. Auch das silbenschleifende Englisch gemahnt daran. Er hat keine Spur von Bartanflug, glanzloses schwarzes Stutzhaar und runde Frauenhände. Der weiße gestärkte Tropenanzug umgibt ihn wie ein Panzer. Offenbar ist er soeben ächzend hineingestiegen. An den nackten Füßen trägt er Lacksandalen.

»Man müsse entschuldigen«, sagt er guttural. »Sein Vater werde untröstlich sein.« Dies an Kartonos Adresse und in einem Tonfall, der immerhin Hoffnung schöpfen läßt, sein Vater werde den Schmerz überwinden.

Seine geschwollenen Lider zittern über der Hornbrille, oft entsteht und vergeht jenes asiatische Lächeln, das jede Frage im voraus einölt. Er errät, daß ich Schriftsteller sei; er sagt mir Verbindlichkeiten, als ich es gestehe; auch er habe ehrenwerte Freunde dieses Berufes; sei es nicht ein schöner Beruf? – Er stelle sich gern zur Verfügung für den Fall, daß ich seine jämmerlich mangelhaften Kenntnisse beanspruchen wolle . . . Und so gesteht er mir denn allerlei über die chinesische Kapitalmacht hierzulande, über die Finanzierung der kleinen Kulis, die in sechs Jahren dicke Importeure sind, über die chinesischen Banken und über die ungeheuren Werte, die nicht nach Europa abfließen, sondern im Schoß der 400 Millionen im Mutterlande spurlos versickern; doch als ich die Frage stelle, ob das große gelbe Kuckucksei nicht schon drauf und dran sei, das holländische Kapital aus dem Nest herauszudrücken, und wie es sich mit der ungeheuren Spannung verhalte, die dies ganze verfilzte Interessensystem von Osten und Westen her in diesem Weltwinkel erzeugen müsse, und mit der Möglichkeit einer baldigen allgemeinen Explosion? – da werden die Phrasen, mit denen der vorsichtige Kapitalist mich abspeist, plötzlich bemerkenswert nichtssagend. Vielleicht behindert ihn die Gegenwart des Javanen; vielleicht will er sich nicht beim Wort genommen wissen. Kurz: ich bekomme nicht mehr Information aus ihm heraus, als ich nicht auch in »Het Niews van den Dag« zwischen den Zeilen lesen kann.

Doch ich sehe mir während des Gespräches die beiden Köpfe an: das goldbraune feine Profil Kartonos, und jenes fette fahlweiße Gesicht mit der doppelt-maskierenden Hornbrille, und denke mir im stillen: »Ihr täuscht mich nicht. Zu guter Letzt vertragt ihr euch glänzend, auf unsere, des Westens, Kosten!«

Nach Darreichung kalten Tees in papierdünnen Tassen hält es der chinesische Fatty Arbuckle nunmehr angebracht, meiner Neugier mit harmlos-neutralem Stoff zu begegnen und mit den Worten: »Father's collection of curios« ins Innere zu bitten. In Gulden ist das, was es zu sehen gibt, kaum umzurechnen. Ein Hauch von Raffketum jedoch liegt lediglich auf den Gegenständen, bei deren Erwerb Herrn Quick-Bok-Aijs westliche Orientierung versagt hat; So auf einem saftigen Porzellangrüppchen von Warenhauscharakter, einer galvanischen Unbekömmlichkeit im Stile Berliner »Herrschaftshäuser«, oder auf einem marmornen Tiger, der sich in verschiedenen Ausgaben wiederholt. Jedes Möbel ist ein Märchendschungel von penibelstem Schnitzwerk. Da ist ein kompletter Tempel aus Elfenbein. Eine ausgehöhlte Elfenbeinkugel enthält einen Miniatur-Buddha. Von den Nephrit-Kameen, von den Jade-Ketten, dem ganzen bric-à-brac, den traumhaft ineinanderrieselnden Schmelzfarben der Keramik schweige ich lieber, um dem Neid, der mir noch nachträglich aufsteigt, keine neue Nahrung zu geben.

Nach dem Billardzimmer, wo einige verdutzte Knaben ihre Queues bei unserem Durchmarsch sinken lassen und mächtig hinter uns dreinlächeln, tut sich der letzte Raum der mittleren Zimmerflucht auf. Dies ist das Herz des Hauses, ein ständiges Gastgemach für Dauerpensionäre, hier hausen die Familienahnen. Es ist ein weihevoller Moment.

Das Gemach ist kahl, mit einfach gestrichenen Wänden und hohen Klappfenstern. An der Hinterwand erhebt sich auf gebauchten Beinen ein sehr hoher schwarzlackierter Schrank. Vor ihm steht ein schmales Altärchen mit Puppenstubengeschirr: symbolische Opfergaben. Das Reizendste aber befindet sich rechts und links vom Altar: unter Glasbehältern je eine Musikantengruppe von sorgsamster Naturtreue und hinreißender Schelmerei. Sie scheinen in voller Tätigkeit, jeder mit seinem Instrument beschäftigt und begeistert von dem Schwebetanz brokatener kleiner Damen, deren blauseidene Pluderhöschen sich blähen.

Der blasierte Mann mit der Hornbrille grunzt nur kurz, als er unser Entzücken sieht. Dann öffnet er die Flügeltür des Schreines. Er tut es langsam; trotzdem tasten wir fast nach einer Stütze wie Kinder, die zum erstenmal den brennenden Christbaum sehen.

So nachtschwarz, so unscheinbar er von außen wirkt, zeigt der Schrein innen eine überrumpelnde Pracht. Vor Wänden aus strahlendem Goldlack türmen sich kleinere Schreine, unfaßbar mannigfach geschnitzt voller Vögel, Fledermäuschen und Ranken, und in diesen Kästerchen stehen die rotlackierten, mit goldenen Schriftzeichen dicht bedeckten Ahnentafeln. In der Mitte, im roten Dunkel, unter einem prächtig ausgesparten Baldachin, thront ein Bhodisat in der Geste des Lehrens. Sein goldener Körper scheint zu atmen, und sein ferner Blick, aus dem roten Dunkel der Kontemplation hervor, geht durch uns hindurch wie durch Glas. – Kurz ist unser Blick in diese Wunderwelt der chinesischen Seele, denn abermals leise grunzend schließt der fette Mann die Tür wieder ab, und alles erlischt hinter eifersüchtiger Schwärze.

Jetzt ist der Augenblick des Abschieds da, um seine Höflichkeit nicht zu ermüden. Er begleitet uns hinaus, gibt uns weiche Händedrücke und watschelt darauf in seine Privatgemächer zurück, wahrscheinlich, um mit seinem Erzeuger nach Soerabaja drahtlose Zwiesprache zu halten oder sich auch vielleicht, nach Entledigung des Leinenpanzers, in süßem Rauschqualm zu begraben . . .

Versetze ich mich im Geiste in jenes Ahnengemach, so kommt mir unabweisbar die Vorstellung, daß jene höchst lebendigen Püppchen in ihren Glaskästen leise quäken, winseln und musizieren, in der schläfrigen Stille dieses Hauses, und als öffne sich verstohlen der Ahnenschrein und im rotgoldenen Dunkel rühre sich der lächelnde Bhodisat und strecke langsam und segnend mit fächerhaft gespreizter Hand seinen Arm hervor – so langsam und verstohlen, wie dies nur ein Holzbild kann.

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